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Full text of "Globus; illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde"

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„18° 


Globus. 


XLII. Band. 


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Globus. 


Iluſtrirte 
Zeitſchrift für Länder- und Völkerkunde 


mit 


besonderer Berücksichtigung der Inthropologie und Ethnologie. 


Begründet von Karl Andree. 


In Verbindung mit Fahmännern 


herausgegeben von 


Dr. Richard Kiepert. 


Zweiundpvierzigfter Band. 


Bbraunſchweig, 


Druck und Berlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 


1882. 


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Inhaltsverzeichniß. 


Das Tätowiren bei Europäern 125. Das 
neugeborene Kind in den Anjhauungen 
des Havifhen Volkes 348.360. Das erfte 


Auftreten des Eijens in Nord : Europa | 
PER 


Dentihland. Rüdgeang des polnischen 
Großgrundbefies in ofen DB Die 
Anthropologenverjammlung in Frant⸗ 
furt a. M. Das oftdeutihe Haus 
249, Förderung der wiſſenſchaftlichen 
Landestunde von Deutſchland 

Neumann’ Geographiſches Lexilon des 

Deutichen Neicdies 254. Orographie des 

Wetterfteingebirges und der Dieminger 

Reite 272, Das Berhältnig der Sons 

feifionen 383, 


Oeſterreich-Ungarn. Phyfilaliſch-ſta⸗ 
tiſtiſcher Allas von Oſterreich Ungarn 
Umlauft’s „Die boſterreichiſch⸗ ungariiche 
Monardie* DE Die Wrbeiten des 
Militär = geogr —— Inftituts 319, 
Der Zeidner: Berg in Siebenbürgen. 
Von Dr. Paul Lehmann IE 


Auffiihes Aſien. Sibirien, Auf: 
hebung bes weitfibiriihen Generalgou⸗ 
vernements 14, 30, Stejneger nad 
Ramtihatla 31, Jahrmarkt von Kur: 
gan 112, Die Anninstiihen Mineral: 
quellen 144. Melville's Heimlehrt 
— mit der Nordluſte 

ibiriens 190, MZ Die Zahne der 
ingeborenen in Word - Sibirien 190, 
Gifenlager bei Witimst 239. F. Mül- 
ler's „Unter Tungufen und Jakuten“ 
254. Statiftit der Arginstiichen Bur— 
jaten 235, Die Rächſtenliebe der Jalu— 
ten 85, Die Kaufleute von Kolymat 
31%. Yürgens’ Lenafahrt 324, Selten: 
it des Bleis 33 Truntkſucht 
ine Reife durch Ramticgatla 365, Wil; 
beim Joeſt's Reife durch Sibirien 366, 
ittelafiatiiche Gebiete. Die pros 
jektirte Gifenbahn von Orenburg jum 

Hraljee 14 Auswanderung aus Kuld- 

iha 48, Der Kreis Yiink-tul Ge— 

droig Über das Amu⸗Darja-Delta 

Die eingewanderten Solonen und Tor: 

gouten 207, New Dargelan 239, Tod 

des Dunganenfürften Bijandu 350. 

Leſſat's Reiten 367, 


8 


FSuropa. 


Riederlande. Der vierte Band der 
Rordlandfahtten 

Belgien. Mecheln & 22, Flarmiſche und 
mwallonijhe Schädel 250, 

Standinavien. Luftipiegelungen 112 
Trombolt’s Nordlicht⸗ Beobachtungen 
Rabot's Erforſchung des Spartijen 159, 
Die älteften Norweger 250. 

Großbritannien. Anzahl der Quäler 
112, Weerefanal nad) Mandeiter ge 
plant 285. Bevölterung und Belud 
der Injel Mau 383, 

Franfreih. Auswanderung 12, Mein- 
ernten 30, Sarbinenfang 112 Fran: 
aafihes Urtheil über deutsche Prähifto: 

ifer 224, Neue Dampferlinte nad) 
Auftralien 352, 

Italien. MBolfszäblung in Rom LA 

—— 175, Prahiſtoriſches aus 


om 
Griehenland. Die Meteora 1, Eiſen— 
bahnbau 30, Die neue Grenze gegen 
die Türkei und Nationalitätsverhältniffe 
in Thefialien 272, 


Kfien. 


KaufajifherMilitärbezirt, Raphia 
im transfajpiichen Gebiete Peito— 
leum auf der Inſel Ticheleten 48, Kor 
marom in Smwanetien 96. Samurjafan 
und Abchaſien. Nah Madame Carla 
SerenalZZ 193. 209, 225, 241, Der 
zafaipiihe Oblaft 190.  SKupferminen 
in Rachetien 239, Ruinen von Nik 239, 
Eiſenbahn nah Balu 285, Verfall des 
Gebietes von KHars 36h, 

Türtiſches Aſien. Die Meteora 17, 
33, Ein Ritt durch Itſch-ili 108, 
Das pontiſche Gebirge 96, Iozefomitich’ 
Reiſe K Der Dianatempel zu Ephe— 
jus 159, Ginwanderung Kuden in 
Paläftina 206 Prof. Hirſchfeld's Reiſe 

im noxdweſtlichen er 239, 319, 


Das heutige Syrien. Nah Lortet 
257, 273, 269, 306, 21 Gumann’s 
Reiie nad Angora 285, uchftein’s 


Reife nah dem Nimrud: Dagh 23. 
Haußlnecht's Routen im Orient 285, 
Urabien. Eine Pilgerfahrt nad) Redſchd. 

Nah Lady Anne Blunt EL 97, 113, 
129. 145, 161, Erweiterung des bris 
tiihen hebietes in Sildarabien 319. 

Die Juden in Südarabien 334 


402264 


Europäifhe Türkei. Meue volls- 
wirthihaftlihe Studien über Konſtanti⸗ 
nopel und Das anliegenbe Gebiet 383, 

Rubland Hebung der finlänbiichen 
Küften 14, 112, ®ertheilung des Grund: 
befines im Gouvernement Ua 14. Salz 
und Fiihproduftion im Gouvernement 
Akradan 30, Steinfohlen-Induftrie in 
— 30, Die Juden in Rußland 

ie Staatäforften Mb.  Telegrapben- 
nes 112, Statiftiiched aus dem Gou— 
vernement Siedle 112. Hydrographi⸗ 
Ihe Aufnahme des Onega:Sees 128, 
Der Saljberg Arzagar 128, YAusgrar 
bungen 143. Das alte Bulgarenland 


143, Schifffahrisfanal von SKronjtadt 
nad St. Petersburg 175. Der Smir- 


Kanal 190. Bewäflerung im Gouverne: 
ment Aftradan 206, Verunftaltung des 
Schäpels 250, Schulen mit finiſcher 
Unterritsipradde 304, SKanalifirung 
des Polesje 333, Kanal zwiſchen dem 
Onega⸗See und dem Weiben Meere 393, 


Iran. Fiſchſang im Perfiihen Meer: 
bujen 176, Angeblihe Fortichritte 222, 
Nacıtigallen 240, Das Scaftu: Thal 
und die Mabjud in Waziriftan 254, 
Gafteiner Chan's Reife nah Perfiich- 
Beludichiften 349, 

Türtiihe Chanate, Bolt in Budhara 
176, Regel's neue Neile nah Darwaz 
207. Leſſar's Reifen 1882 307, 

Britiſch-Indien. Die indiſchen Auf- 
nahmen im’ Nahre 1880 bis 1831 60, 
Die Hindudorfgemeinidaft 250. Erb: 
beben-Beobahtung 319. Schriftftellerei 
in len 319, Aus: und Einfuhr von 
Britiih-Birma 334, Dr. Riebed’s Reis 
jen 334. Colombo als Hafen 350, 

Hinterindien. Garanger nah Ober: 
Birma 14 Septans’ Reife geſcheitert 
3L, MNüdlchr Miklucho-Maclays 
Gautier bei den Mois MT, Brab: 
manenihbum im Buddhismus. Won 
U Bafian 230, Birmaniihe Typen⸗ 
rg in Rangun 40 Deloncde's 

eite nah dem Ithmus von ſtra 

Karl Bod’s Reife in Siam 319, Reis 
nad Godindina 32, 

China mit Bafallenftaaten Tele 


VI 


graphenbau 31. Zauber und Zauber⸗ 
jungen bei den Ehineien. Bon €. Met: 
er 110, 119, Golquhoun’s und Wa— 
b’3 Reife durch das füdliche China 
264. —— Meffungen 
in ſtuldicha e Sosnowati” A 
Reife durch China 397. 558, 369, De 
Handel in iaugutiäel 334. Aufnahme 
von Ruldida 384, 


Korea. Handelövertrag mit den Ber: 
einigten Staaten 175, 


Japan. Japans wirthſchaftliche Ber: 


bältniffe 48, Die Münze in Djafa 120. 


Societä Africana d'Italia 255. Beiträge 


ur afrilanifhen Vollerlunde. Bon 
ohn Baron Müller 317. 330 
Steigen der Elfenbeinpreile SSL 


Marotto. de Amici's rollo 35L 
Bejetung von Santa Cruz de Mar 
Pequena — Spanien 37, Deſour⸗ 
nour’ Reile 367, 

Algerien. Genius 286, 

Zunejien. Ausgrabungen in el-Dihem 
14. Defournour’ Reife 367, 

Türtiſches Nordafrika. Unruhen in 
der m 64, 

inaen in Adamaua S5L 
5 Reich, Die heutige Be: 

Inſel Meroe. Bon 

——— * Aberglaube im Su⸗ 

Berghoff 157, Debes’ 

— von Unter-Aegypten . Die 

franzöſiſche Kolonie — 191, Seller 

über den Garbenfinn der Nubier 207, 

John von Reife 208, Ita: 

lieniihe Faltorei in Harrar 208. Beis 

träge zur afrifaniichen Völterkunde. Bon 

John Baron Müller 317. 30, (Er: 

mordung von Profefjor Palmer und 


Bon der Norbküfte Auftraliens. Bon 
pe Greffraih 12 Berbreitung der 
runfenheit 144. Soblenftation Fir die 


Dampfer nad Großbritannien 144. Teles 
— 144. Schäferlönige 223, 
eue Dampferlinien von Frankreich nad) 
Auftralien 352, 
Südauftralien, Etatiftiiches 31. ones’ 
Reife 64. Zinnlager im Northern Terri: 


Inhaltsverzeihnif. 


Deftentlihe Bibliothelen 320, Wollen: 
bildung am Fujisjama 884, 

Undere Inieln Frranzöfiihe Reijende 
auf Sumatra 14, Zabalfultur auf den 
Philippinen 14, Dajaliſche Sitten und 
religiöje Gebräude. on F. Gra— 
bomwsfi 25, 44. Die Erſteigung des 
Bulfans Upo auf Mindanao durch Br. 
U. Schadenberg und Dr. O. ſtoch. Von 

. Blumentritt 55, Gebebus und 
intren. 
Hafen Telel-Semawe in Atjeh 96, Aufs 
en der Frohndienſte auf Java 96, 
auber und rw ungen bei den Chi: 
neien. Bon ehger 10. 119. 


Afrika. 


Rapitän Gill 335. Der Aufſtand im 
Sudan 351, Echuver am Blauen Ril 367, 
Abeifinien. Vergrößerung des abeffini: 
ichen Reiches 191 Graf Antonelli nad) 
Abeifinien 240, Antinori’s Tod 35L, 
D ftafrifa. Projeltirte engliſche Expedi⸗ 
tion nad den Schneebergen a. 
Der Yrati fein Schneeberg 191 
deutiche Oſtafrilaniſche Eroebition 236 
Zuftände in Uganda 286, Portugiefi 
ſche — in das Innere der * 
bin; ozambique 287, Br. Fiſcher's 
* eprojeft 320, Anbau von Mohn am 


ein rg Aufnahme des Dftufers 
jafiasSees 176, Giraud nach dem 
he 191. Ein ſchielendes 
Bolt 249, Neuer großer Sce im Weiten 
des Albert Njanza 
Inneres, Junler's Reife am elle 14, 
335. Bon der Pogge: Wikmann’ichen 
—. Briefe von Dr. Paul 
Po ogge Der Uelle und Schari 
iben 445— Stanley auf dem Quango 
BL Pogge und Wihmann erreichen 
den Yualaba 368, 


Xufllralien. 


tory 159. Grohe Eijenbahnprojefte 208, 
Prof. Ralph Tate's Reife im Northern 
Territory. Bon 9. Greffrath 237 
Binnlager 256, 


Bictoria. Die Chineſen in Rictoria, 


Bon H. Grejjrath 62 Spuren von 
Qullanismus 24 Statiftiiches 240, 
Städtebevöllerung 256. 


Von €, Metges Ei Der 
t 


Tamwistawi jpaniih 175, Weijebriefe 
aus dem jüdlihen Borneo. Bon 
5. Grabomsti 1M, 214, Die Bagos 
bos. Bon F. Blumentritt 219, 
Deli auf Sumatra. Gin —— jur 
Kultivationsfrage, Bon E. Mehger 
246, 39. 30. Zeitungen in Manila 
255, Karl Bod über bie Deals 296, 
Vorfälle im Sulus Ardi Bon 
5. Blumentritt 28 —* Ers 
mordung auf Borneo 320. Käuberei 
auf Sumatra 3230, Borcellan;Liebhabe: 
rei der Dajaten 354 Salit Latah. 
Bon E. Megger BL 


Süden. Frank Dates’ Reifen 15. Bie 
Matalala und Maſchona 64. Die Ya 
im Matabele» Lande 96, Golbfunde n 
Zransvaal 255, 

Welten. de Brazja’s Rüdfehr 15. 368, 
Stanley’s Arbeiten am untern Congo 15, 
Burton's Reife nach der Goldlüſte 
—— s und Gentral:Afritaniiche 

nie 255. Stanley's NRüdicht 255, 
Zanpferserbinbung mit Portugal 25H, 
Nogoyinsfi’s Erpedition aufgegeben 287. 
Projetirte franzöfiiche Erpevition nad 
—* Djialon 37. Stanley am untern 

. 315, 351. Bayol und Borgnis- 

orbes nad Dem oben Senegal 320, 
Kine Reife nad) Adamaua 335. 351 

utilofer in Liberia 363, fyranzöfiiche 
Fa am Stanley: Vol 368, 
Angriff auf die Stanley’ihe Etation 368, 
Infeln. Die Eapverdiihen Injeln von 
rof. Rihard Greeff 39, 7L Im 
ande der Voilafertra auf Madagastar. 
Bon 4, Audebert 295. 312. 328, 343, 
Die Angolares Neger der Inſel Säo 
home. Bon Prof, Richard Greeff 
62, 376, 


Neufüdmwales. 
Darling 159. 
Dueensland. Kaffeebau 
Weftauftralien. Die Befievelung des 
ſtimberley⸗ Diftrilis 223. Forſchungs⸗ 
reife unter Pentecoft 352, 
Tasmanien, Riejenbäume 225, 


Schiffbarmachung bes 


DInfeln des Stillen Dceans. 


Hoffmann über die Sorallenrifie 
Millucho⸗Maclay s Reiien 304, 


Britiih-RNordamerila. Genius von 
Canada a Die Canadiſche Pacific 
Bahn 256. Zeitungen in Manitoba 37. 
Deutſche meteorologiihe Stationen in 
Labrador 352. Tun von vier 
neuen Provinzen 

Bereinigte — Leadville in 
Kolorado 49, 85. Streifzüge in Sud⸗ 
Galifornien, Bon Th. Kirchhoff AL 


Grevaur’ Glaubwürdigkeit 16. Zur Cha: 
rafteriftit der gefitteten amerilaniſchen 


en 


Europäiidhe Kolonien, Die Sprade 
der Fidſchi⸗ Inſulaner 


Nordamerika 


141. 151. 170. 186. 216, 234. Wüd: 
fchr des Dr. Aurel Krauſe aus Wlasta 
191, Das Wlter der Küchenrefte in 
Alasta Fortſchritte des Mor: 
monenthbums 192, Verbreitung der 
Juden 237, Die amerifanijden Siübs 
— in den Jahren 1870 bis 1880 


Sädamerika. 


Ureingeborenen. Von Kt. La m p 28, fie: 
pert's Generallarte von Südamerila 192, 


Bevölterung der 


| —— Die 
Samoa⸗Infeln . 
Merito, Einführung des Franzöftichen 


| 


Weinbaues 176. Ber Grenzftreit mit 
Guatemala beigelegt 176, 

Gentralamerilanijhe Staaten. fi: 
vingiton Freihafen 176, Kabel zwiſchen 
San Yuan del Sur und Panama 12 
Eijenbahn:Gröffnungen 338, Der Buls 
tan von Ghirigui 238. 


Colombia. Perlenfiiherei in der Bai 
von Panama 64, Eijenbahn im Staate 


Gauca Kohlenſelder im Staate 
Magdalena 238. Erdbeben in Panama 
336. Zöller über den Panama:Stanal 368, 
Venezuela, Unmabung des Präfidenten 
31, Neueintheilung der — Tele⸗ 
graphenbau. Cenſus 
Guayana. Indianiſche Töpferei 
Braſilien. H. Lange's Buch über 


Die ruſſiſche Rowaja-⸗Jemlja-Expedition 
32, 336. Geologiiche Fe in 
Spitzbergen 32, 256, 235, Nadhfor: 
ihungen nad) der „Kira 32, 128 Li 
Fuß aftronomiihe Beobadjtungen auf 
Nomaja Zemlja 96, 336. Die öfters 
eg Expedition nach Jar Mayen 

Der Walfiidiahrer "Gclipien | 


Tieflee-Forihungen des „Teavailleur* im 
Alantiihen Dceane 32, 223, Teles 
graphiren auf hoher Sce 2 Merl: 





Inhalisverzeichniß. 
Saudbraſilijen Landwirthſchaftliche 


Schulen 192, 

Bolivia. Crevaux' Ermordung 32, 236, 
Die Indianer des Gran Ghaco, Von 
WU. AUmerlan 188 201, (rpebitionen 
gegen die Indianer des Gran Chaco 
192, 233 Silberminen 235, Guierre 
nad dem Pilcomayo 336, 


A 


ze: Erpedition auf der 
mp na® 155 Die nieder: 
Tändiiche Erpedition 159, 6. Wette 
Nachrichten von der Jeannette-Dlannz 
ichaft 150 „Die internationalen Kir: 
cumpolarjtationen 100, Rettung der 
Eira⸗Mannſchaft 176, Die ſchwediſche 
Volarerpedition 192 Die Beljakung 


Oceaue. 


wilrdige Fluth bei den Scilly⸗Inſeln 
223, Sarte der Sturmiwege im nörd- 


| 


vo 


Urgentimn. WUlalja: — 32, Neue 
Gelammttarte der Republit 32 Zuder: 
rodultion und Weinbau 1%, Fon: 
ana's Expedition nad dem Pilcomayo 
102, 3693, Bove's Expedition nad dem 
Feuerlande 

Chile. Steinmann und Gußſfeldt nad 
den chilenijchen Anden 


des „Rodgers“ WBove's antarltiſche 
Grpedition 223.354. Die Nordfahrt der 
„Kara“ 256, Kisverhältnifie im Ka— 
riſchen Meere 2A 28 Die Fahrt 
des „Neptune* 23, Deutiche Polar: 
Rationen 336. Die deutihe Sidpolar: 
Erpedition auf Süd:Georgien 265. 


lichen Atlantiihen Trceane 224, 


Richt: 
exiitenz der Injel Bhönir 352, 


Dermifhte NAufſätze und Mittheilungen. 


Untbropologiihes. Die Unthropo: 
logenverfammlung in Frankfurt a. M. 
LI2 Untbropologiihe und ethnogras 
phiſche Miscellen,. Von R. Andree 249, 
Schwanzmeniden 249, Anthropologie 
der Juden 

Ethnologiſches. Das Brot im Bolts- 


8, 104. Tas Tätowiren bei Europäern 
125 Wie nennen ſich Bölter? Bon | 
Rudoljfleinpaul 153, 202, ie 
Holt Lore Society 224. Ueber die Ber: 
jtümmelung der Vorderzähne bei ben 
Naturvöltern. Bon 5. Birgham 2L 
- Das Salz im Bollsglauben. Bon 
6 Haberland 205, 25L 

Bermiichtes. Einfluß topographifcher | 
Bedingungen auf Durchſchnitiswinter— 
temperatuten Ein Porträt des 
Columbus 224, Die neue Katalomben⸗ 
forihung 346, 


Vom Buchertiſche. 


Frant Dates, Matabele Land and | 


the Victoria Falls 15, 
. Lange, Süpdbrafilien 32, 
it’ 3 Geographiſche Bildertafeln, Theil IT, 


Liebiher, Japans landwirthicaftliche 
und allgemeinswirthichaftliche Verhält⸗ 
niſſe 

Nordenſtidld, Die —— Afiens 
und Europas auf der Beg 

Chavanne, Phyſilaliſch⸗ Ratiftilcer Hand: 
atlas von Oefterreih:Uingarn 95, 

von Haardt, Wandtarte der Alpen 9, 

von —— Brüggen, Rußland und die 


Juden 25, 
ſtlei aul’s Jialieniſcher Sprachführer 


Umlauft, Die Oeſterreichijch-ungariſche 


Monarchie 206, 


Europa, 
Griechenland, 


Zriftala 2, 
Die Meteora in Theſſalien 
Auffahrt im Korbe 4, 


1} 








Sllufrafi 


a. 
aberglauben. Bon & Haberland ZU | 


artleben’s Mluftrirte Führer 206, 
bomion, Grpedition nah den Seen 
von Gentral:Hfrita 208, 
Aus Perfien 222, 
5. Müller, Unter Zunguien und Ja— 
futen 254 
Waltenberger, Drographie des 
Wetterfteingebirges 272, 
Europdiſche Wanderbilder 235, 


Kari Bod, Unter den Stannibalen auf 


Borneo Ei 

de Umicis’ Marolfo 351, 

von elimald’ 5 Naturgeidhichte des 
Menſchen 

—— Dirie, Bei den Patagoniern 


D. Filter, Der Panamasftanal 263, 


Biograpbiihes, Perſonalien. 


| Todesfälle: Grevaur 32, Wahab 236, 
F. Witti 320, Palmer, Gill und Char— 
rington 335. Wntinori 351, 


Athifon 351, Antonelli 240. Bayol 
320, Karl Bod 319. Böhm 286. Sir 
9. ©. Booth 123, 26, Bove 223.384. 

€ Brazja 15. 367, Buchner 96, Bur: 
ton 15, Butilofer 367, Clauß 365, 
Colquhoun 254, Grevaur 16, 32, 
Defournour 367, Delonele 335, Fiider 
320, un 335. 351 Wontana 367, 
Dub Garanger 14. Gautier 
207, Gedroig 175. Geny 14, Geſſi 
367, Gieje 336, Bilder 159, Bil 64, 
191, Gühfelot 192, Ouierre 
Guillemard 365, ımand 285, 
* — Dirichfeld 299. 31. 
fnann 16, Hovgaard 159. Humann 
*5* * —— Jür: 
gens 334, unter 14. 335, Iwanowski 
143, SRoijer 336, Seller 207, Seitles 


a mittelö Leitern zum Aloſter 
. Barlaam &. 


nn 


Die Dyle in Mecheln 
Das Standbild — von Oeſter⸗ 


onen. 


weil Wi Kod 252 Komarom 96, 
ſtrauſe Langer M Leſſar 
Lupton T. Mamoli GL Matteucci 
367, Melville Mitllucho⸗Maclay 
3L 304 de Mortillet 224, John von 
Miller 208, 5. Müller 254 DMReill 
191, WBaul Reis 20 Dates 1. 
Behuel:Xöihe 367, Ventecoſt 
Petrow 1L Bopge UZ uchhtein 
25% Nabot 150. Kegel 207. Neicard 
286, MNiebed 334. Nogoyinsti 287 
von Schulz 14. Schuver 367. Seel: 
frang 32 Seemann 36, Secptans 
3L Eibiriefow 1, Eoleillet 191, 
Stanley 15, 255, 315, SL Stebnigfi 
%, Steinmann 192, Stejneger 
James Stewart 176. X. Thomjon 19L 
35L Trombolt 158 de Beline Larue 
14 Wahab 190, 254, Wilmann 367, 
Wocilof 224. Wood 159, Sir Ulen 
Young 32, 123, 

Mitarbeiter, ſo weit fie fi genannt haben. 


Umerlan 189. 20L 
N. Andree 
Uudebert 205. 312, 228, 343, 
U. Baftian 330, 
C. Bergho 136, 157, 
F. Birgham 251 264 
Blumentritt 55. 219, 298, 
©. Grabomwsti 25. 44. 19, 214, 
R. Greeff 39, ZL 362, 376, 
, Grefrath 12. 62 ni 
Haberland Z6, 83, 14, 265. 281, 
x. Kirchhoff 121, Lil 151. 170. 186. 


R. Sleinpaul 153, 203, 

8. Kamp 23 

BP. Lehmann 378, 

E. Metger 110, 119. 246, 269. 250, 381. 
John — Müller 317. 330, 

Paul Pogge 167, 


.. Pau die Tuchhallen in Mes 


Die orngaisttiche und der Große Platz 
in Mecheln 5, 
Alte Häufer in Mecheln 

Inneres der Biebfrauenfirhe Don Mechein 29, 


VIII 


Das Brüfjeler Thor die Overfte 
Boort von Mecheln 


Alien 
ee 


Der In — 
ee — — indiſchen Telegraphen 
ei O 

Scheunen 1 Bagafe) in Saberia 179, 

Eine Wohnung in Samurzafan 130, 

Wohnung des adligen Samurzatanioten 
Junler Laterbey 181, 

Die Schule in Olum 182, 

Der ze... in Ofum 182, 

Gericht tum 19. 

Der Begräbnißplag der Familie Laferbey 
unweit Ofum 11 

Anſicht von Ejchteti 196, 
aus des Starihina in Eſchleti 
tener in Samurjafan 196. 

Die Kirche von Bedia 197, 
reslen in der Kirche von Bedia 108, 
milie des Tihapar im Dorfe Bedia 210. 
uinen ded alten Palaſtes des Ahu in 
Otſchemtſchiri 

Glodenthurm der Kirche von Ylori 212, 

Der Prieſter mit den Schägen der Kirche 
von Ylori 

a des Vrieters von Ylori II 
ne nad Georgien zurüdtchrende arme 
niſche Familie 226, 

— im Hauſe des Wriefters von 


Die Monoftafis in der Kirche von Molwa 


Fräbftüd bei dem Popen von Kvitauli 220. 
Inneres der Kirche von Avitauli mit dem 
Er der fürftin Refiaria Scherwachidze 


SudumzsRale im Jahre 1876 242 
Ufer des Kelaſur bei Sudum: Sole 243, 
Das Haus des Ahu in Yichni 244 
Kirhe von Pigunda 245. 


Stleinajien. 


Klofter bei Aliyntaſch im Murad-Dagh 18, 

Kloſter bei Alſchehr im Sultan: Dagh 19, 

Verjallenes Kloſter im Gebirge Dipoiras 
am See Beiſcheht M 

Ein durch Erdbeben zeritörtes Stlofter bei 
Angora 21, 

| Treppe an einem Felſen bei Ulu— 
urlu 34 

Klojter auf einer Injel in einem See bei 
Artut-Chan 

Verlaſſenes Mlofter im Saljjee 36. 

Eingang des unterirdifchen Weges zu einem 
Hlofter im Kodiha-Dagh 37, 

Klojter bei Hermes 38, 


Mejopotamien. 
Mohammedaniicher Einſiedler in Mejopor 
tamien 
Paläftina, (Lortel's Reife.) 


Das Mofter Mar Saba 358, 
Zizyphus spina Christi 2b 
Caccabis Heyii 200, 
Aduan:Beduinen 2EL 
Ibex Sinsiticus 262 
Wadi es⸗Schutif 


Seite 30, 


Spalte 


Inhaltsverzeichniß. 


Die Wüfte über Ain —* 
Mafada, von Weſten 

> ———————— cauen 270: 

Das nordliche Ende des Todien Meeres 


278, 
Die Terraffen des Yordanthales 279, 
Tell Dihedihäl, das alte Gilgal 290, 
Der Ehurm in er⸗Riha 
Das heutige Jericho 291, 
Die Duelle Yin-Sultän 20, 
Refte der Waflerleitung bei Win» Sultän 

und der Berg Karantel 292, 
Der Apoftelbrunnen 298. 
Bettler in Dicheba 24. 

a und das — 206, 

® Schloß von Zerin 306, 

Kreuzfahrerlicdhe in Sefürlje 307, 
Ziberia® 308, 
Aüdin und Finder von Tiberias 309, 
Der See von Ziberiad von Zell Hüm aus 


alu 
Die Duelle Ain et-⸗Tin mit Papyrusftau- 
den SL 


Nuinen der Britde von e8:Semal 122. 

Die Höhlen von Arbela (Yrbid) 323, 

Einer der Thilrme von Arbela (Irbid) 324 

Magdala 325, 

Sabich und jeine Schweſter Zfaäh, Gha— 
wärneh-Araber 

Dieftelfeld oberhalb Yin et:Zin 327. 


Arabien. 


Mezärib SQ 
Ruinen von Bozra 32, 
Eitadelle von Saldad 83, 
Sandfturm am Wadiser-Radidel 34. 
sen in der Oaſe Kaf 

aft am — 86, 
Schloß Marid —— 
Oaſe von Dſchof &Z. 
Feſies Schloß von Didöf 28, 
Schwertertanz in Dihof 
Meslateh 
Alte Citadelle von Meskaleh 
— Statthalter des Dihnfoiftriftes 


«in Fuldih 103, 
Die Felien Aalem 114. 
ie Berge von Didobba 115, 
Dale Diobba 115. 
DorfIgneh am Fuße des Dichebel Scham: 


mar 
Bid auf Diebel Schammar 116, 
Schloß des Emirs von Hail 117, 
Wohnung der Reiſenden in Hail 118, 
Oeffentliche Gerihtsfigung im Hofe des 
eg von Hail 130, 
Zahme | im Garten des Scloffes 
bon 131, 
Dicherid piel vor den een von Hall 182, 
Ein Abend bei dem 
Wilde Palmen F Pe von Agde — 
Jthelbaum in der Ebene von * 
gu der perfiihen Pilger 147. 
ie Sebdya von Taybetism 149, 
Brunnen der Zobeydeh 150. 
Wadi Roſeh 162, 
Das Lager der perſiſchen hr 163, 
Ein Alabah oder Auiftieg 
— en Nedſchef und an von Meſch⸗ 
D 


(Blunt’s Reife.) 





. 
Beridtigung. 


„ — 274. | Die ri er vor den Mauern von Meſchhed 


— britiſchen Reſidentur in Bag⸗ 


Hinterindien. 
Portal aus Bat Et in Kambodia 
China. (Sosnowsti's Reife.) 


Poftktation und Neifemagen in ber mon: 
goliſchen Steppe 238, 

Fahrt iiber den Pre:&ol 339. 

Der Kutuchta der Mongolen 340. 

Bid auf die hinefüche Mauer durch das 
Thor Guan⸗ gou er 

—— nei in = Being 8, erste — 
ansjan, chineſiſcher — rier 

— 56 — am ri :ho 354. 

Radtaiyl in —* hai 

Hafenthor und —* des qineſiſchen Thei⸗ 
les von Schanghai 

Wu—⸗tſchang⸗ ſu vom Thurme Huanshoslou 
geſehen A 


ren (Huisguan) der Kaufleute aus 
der Provinz Tyienzfi 

Garten des Zyienzfishuis — 359, 

Chineſiſcher Palantın 370, 

— Gerichtshof in Wu⸗tſchang⸗ fu 


— eines Mandarinen 371, 
Chineſiſche Kriegsbarle vor Tan-guan 372, 


| Wlößen des Bamburohres 374 


NRudelbereitung ZZ4 
Goldwaſchereien am Han-tiang 375, 


Borneo. 
—— vom Stamme der Olo Dt oder 


m 200, 
Date Gifeiereigerätpe und Jagbwaffen 


Aftilta. 
Aegyptiſches Reid. 


Mann vom Stamme der Schailie 137. 
Frau vom Stamme der Gaaliin 137, 


Turtiſches Nordafrika, 
Theil der Katalomben zu yrene 
Urtojolium 347, 

Nordbamerita, 
Vereinigte Staaten, 


Denver 50, 
Schlucht im ET GL 
Der South Parl 2, 


Leadoille von Süden geſehen 
Burdichnitte durd die Grube Iron Mine 


67. 
Little Pittsburgh 67, 
Straße in Leadville 
Ein Bergwerl in Zeadville 69, 
Ya Plata 70. 


Karten, Pläne u. f. w. 


Umgebung von Veadville 66. 
Windrofen für die else Injel ©. 
=. in den Jahren 1878 und 1879 


1, Zeile 12 v. u. lies „Larifje® ſtatt „LYaurion und“, 


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Mit beſonderer Berüchfichtigung der Anthropologie und Ethnologie. 
Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fahmännern herausgegeben von 


Dr. Rihard Kiepert. 





’ Fährlih 2 Bände a 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und P Iten 
Braunſchweig zum Preiſe von 12 Mark pro Banb zu beziehen. — 1882. 











Die Meteora. 
(Nah dem Franzöſiſchen des M. de Dré«e.) 


I. 
(Sämmtlihe Abbildungen nad Skizzen des Reiſenden.) 


Weit weniger bekannt als die griechiſchen Klöſter des ſich einige Reſte bygantiniſcher Kunſt, darunter eine bemer— 
Berges Athos iſt eine Reihe anderer, die gleichfalls auf | kenswerthe Gallerie, erhalten. Dröe befam dieſelben zu ſehen, 
Bergeshöhen liegen, arm und faft verlaffen, aber ebenſo als er dem Biſchofe einen Beſuch abftattete, um von ihm 
intereffant, wenigjtens hinfichtlich ihres Urfprungs und ihrer | ein Empfehlungsicreiben an den Igumen der Felſenklöſter 
Geſchichte, deren hauptfächlichite den Namen „Meteora“ | zu erhalten; denn diejenigen, welche er bereits von dem 
führen. Solche finden ſich am obern Salamvrias (Beneios) | Biſchofe von Lariſſa beſaß, waren ihm als nicht genügend 
norbweftlich von der Heinen theſſaliſchen Stadt Trikkala, | bezeichnet worden. 
welcher M. de Droͤe im den fechsziger Jahren — genau Bon einem Dolmeticer, feinem griechiſchen Diener und 
giebt er die Zeit nicht an — einen Beſuch abftattete. Die | zwei führern, die man ihm als Schutz gegen Räuber aufs 
icon bei Homer erwähnte Stadt Triffa, deren Namen erft | gemöthigt hatte, begleitet, brad) der Keifende nad) der Heinen 
bei Anna Kommena im 12. Jahrhundert zu Trilfala erweis | Stabt Kalabaka, dem Aiginion des Alterthums, auf. 
tert erjcheint, fol im vorigen Jahrhundert noch etwa 25 000 | Anfangs führt der Weg gemäclid, im Thale des Peneios 
Einwohner gezählt haben, wurde aber 1770 zur Strafe das | aufwärts und wirb er — — wo die Berge der, 
für, daß fie mit den Ruſſen im Einverſtändniß — Landſchaft Chaſſia von Norden und das Kotſiala-Gebirge 
von den Türken verwüſtet und hat ihre frühere Bedentung | von Süden an den Fluß herantreten. Zum Erſatz dafür 
nicht wieder erlangen können. Ihre Häufer bededen den | ift die Landfchaft um fo jchöner, Nach drei Stunden war 
füdöftlichen Abhang eines Hligels, der ein auf altgriedjifchen | Kalabata am untern Ende der nach der Stadt benannten 
Fundamenten erbautes Kaſtell trägt, und dehnen fi, von | Pereios» Schlucht erreicht. Bor allem zieht den Blid ein 
grünenden Gärten durchſetzt, nad) Siboften bis auf das | wahrer Wald von Felſen bis zu 300m Höhe auf fic, 
rechte, ſüdliche Ufer des Fluſſes Triffalino, des antiten Le- | welche auf die unvegelmäßigite Weife durch einander geworfen 
thatos, aus. Prächtig ift die Ausficht, weldye man von der | find und die verſchiedenſten Formen aufmweifen: manche cas 
Höhe der Burg Über das breite, fruchtbare Thal des Sa | gen als riefige Säulen ſenkrecht in die Yuft auf, andere find 
lamvrias und feiner Zuflüfle bis hinüber zu den Abhängen | gewaltige oben überhangende Felsblöcke, die jeden Augen» 
und Gipfeln der Pindostette genießt. Im archäologiſcher blid umzufallen drohen, wieder andere haben die Geftalt 
Hinficht bietet die Stadt mur fpärliche, unbedeutende Trüms | einer Pyramide oder eines koloſſalen Menhir, und alle wer: 
mer, und ihre griechifchen Kirchen find ebenfo unintereffant | den durch fonderbare Schluchten und Spalten von einander 
“ wie ihre Moſcheen; nur in dem Haufe des Biſchofs haben | getvennt. Auf den Gipfeln derjelben aber haben gricchiſche 
Globus XL. Nr. 1. : 1 


2 Die Meteora. 


Monche ihre öfter erbaut, die heute zum größten Theil 
ſchon vollftändig in Ruinen liegen; es waren Zufluchtsſtät 
ten für folche, die der Welt überdrüſſig waren und ein gott: 
beichauliches Yeben führen wollten, wenn aud) bei vielen 
ihrer Inſaſſen das weltlicere Motiv enticheidend geweſen 
fein mag, daß fie dort oben vor Feinden und Räubern Schub 
fanden, welche jene Gegend ftets unficher gemacht haben und 
die Mönche bis auf den heutigen Tag zu allen erdenklichen 
BVorfichtamaßregeln veranlafien. 

Der Name Meteora kommt vom griechiſchen Eigenfcafts- 
wort uerd@gos, welches „hoch, erhaben“ bedeutet; die einen 
beziehen das einfach auf die natürliche Yage der Klöſter, die 
anderen auf den erhabenen, der Welt abgewandten Sinn 


ihrer Infaffen. Ueber ihren Urſprung berichtet ein Doku: 
ment, welches Yeon Heuzey, der um die Geſchichte Makedo- 
niens und Theffaliens jo verdiente franzöfifche Forſcher, in 
einem der Meteoren aufgefunden und 1864 in der Revue 
archsologique befannt gemadjt hat. Daſſelbe datirt aus 
der erjten Hälfte des 16. Dahrhunderts und fucht den Nadj: 
weis zu führen, dag die „Ihebais* (die Meteoren-$tlöfter) 
urfprünglid dem Biſchofe von Stagi — dies war der by: 
zantinifche Name von Kalabafa, der in der Form Stagus 
bei den Griechen noch heute gebräuchlich ift — untergeben 
geweien ift. Ihm zufolge beftanden die Bewohner der Fel— 
fen von Kalabaka anfangs aus Einfiedlern, welche gruppens 
weife fid) Borfteher festen, die nur den Titel „Vater“ führ- 











Trillala. 


ten. Nilos war es, welcher im Jahre 1367 die erſten vier 
Kapellen erbaute und zuerit Iqumen des damaligen Haupt: 
tloſters Dupiani genannt wird. Allmälig wuchien dann 
die Einficdeleien zu großen Klöftern heran, und der Bor— 
fteher eines jedem derfelben ftrebte nad) dem Titel Igumen, 
wodurch lebhafte Streitigkeiten mit den Biſchöfen in Stagi 
unten entitanden. Das Entftehungsjahr des fpeciell jo ge- 
nannten Klofters Meteoron — man muß ſtets zwifchen die— 
fem und der Geſammtheit der öfter, zwiſchen dem Me- 
teoron und den Meteoren, unterſcheiden — ift uns ziemlic) 
genau befammt. Um 1356 flüchteten zwei Möndje, deren 
Klofter auf dem Athos durch Seeräuber zerjtört worden 
war, nadı Stagi umd wohnten zuerft anf dem Dupiani be 
nachbarten Felſen, welcher den Namen Stylos (die Säule) 
führt. Aber der eine von ihnen, Kyr Gregorios, fand die 


Ausficht zwar ſehr ſchön, aber das Klima zu rauh und zog 
ſich deshalb nach Konftantinopel zurlid, während der uner> 
ſchrodene Kyr Athanajios vom Biſchoſe von Stagi die Er— 
laubniß erbat, den ſogenaunten „großen Felſen“ erſteigen 
zu dürfen, Gr fand oben eine Ebene, die viel größer war 
als diejenige der anderen Felſen, und errichtete eine Heine 
Kirche, aus welcher allmälig das Klofter Meteoron entjtan: 
den iſt. Zu den Schillern diefes Athanafios, deſſen Bild— 
niß auf einem BWandgemälde von 1484 erhalten ift, gehört 
auch cin König, Doajaph mit Namen, ein Neffe des Ste: 
phan Duſchan und Sohn des Symeon Urefi, welcher ſich 
mit einem ferbifcyen Heere in der Burg von Triffala jeit- 
gelegt und Theſſalien zu feinem Reiche gemacht hatte. Spä— 
ter wurde er der Herrichaft überdräffig und zog ſich in das 
Kloſter Meteoron zurüd, wo er ſchon früher eine Kapelle, 


Die Meteora, 


uanollot un va Mg; 


























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— — 





4 Die Meteora. 


die noch heute der großen Kirche dort als Apſis dient, hatte | fein im Kloſter befannter Dolmetſcher konnte deshalb ſofort 


erbanen laſſen. 

Es kamen danı böfe Zeiten filr die Klöſter, deren In- 
ſaſſen unter einander haderten und ſelbſt zu den Waffen 
riffen. Im Kloſter Hypapanti fette fich eim gewiſſer 

ſtichael Muchturus, Vater zweier Kinder, re und lebte 
dort wie in einer Burg an vierzig Jahre; das Kloſter Bans 
tofrator hatte fange Zeit als Bewohner nur den Thodoris 
den Narren, der die Wein: 
berge des verlaflenen Heis 
ligthumes für ſich ans: 
beutete und fogar eine 
frau bei fich hatte, wäh: 
rend doch jener Athanajios 
in feinem Teftamente vers 
ordnet hatte, daß fein Weib 
die beſtimmte Grenze übers 
ſchreiten und daß man kei: 
ner, und wenn fie Dans 
- fterben ſollte, von der 
tahrung der Mönche ges 
ben dürfe. Sa, im Klo— 
fter Kalliſtratos hauften 
eine Zeit lang Zigeuner. 
Ein neuer Aufſchwung 
trat unter der Regierung 
Soliman's des Prächtigen 
ein, als der H. Beſſarion 
den Metropolitanſitz zu 
Lariſſa inne hatte; aber 
auf die Dauer konnte alles 
Eifern der Borgeſetzten 
nichts ausrichten gegen die 
Haupturſache des Berfalles, 
gegen das Sinken des 
Glaubens. 

Von den 24 ober 25 
einftigen Slöftern find 
heute nur noch fieben vors 
handen, worunter nur drei 
einen Beſuch lohnen, näm⸗ 
lich Meteoron, H. Bar: 
faam und 9. Stephanos, 
Sie beherbergen auch noch 
die meiften Mönche, deren 
Geſammtzahl in allen fie 
ben ſich damals (bei Droͤe's 
Anweſenheit) auf ehva hun» 
dert belief, Der Felſen, 
auf welchem Meteoron liegt, 
fteigt ſeukrecht zu einer 
bedeutenden Höhe an (die 
Ebene ſüdlich von Kala— 
bata liegt 410 m hoch, 
die öftlichen Klöſter TOO m, 
die weftlichen 770 m, die 
nörblicdien 754 m). Ge 
wöhnlid meldet man feine Ankunft duch Rufen, Schreien 
oder Wlafen, worauf an einem Zeile ein Mönd 
herabgelaffen wird, nm das Empfehlungsichreiben bes 
Antömmlings zu holen und es feinem Vorgefegten zu 
überbringen. Erft wenn dafjelbe in Ordnung befunden 
worden ift, wird dem Fremden geftattet, die Fahrt im Korbe 
durch bie Yuft anzutreten. Als de Droͤe am Fuße des Fel— 
fens anlangte, fand er dort einen Mönd; und zwei Männer 
beihäftigt, Lebensmittel in den Aufzichtorb zu paden; 


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2. 
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Auffahrt im Korbe, 


mit hinauffahren. Trotzdem verjtric nahezu eine halbe 
Stunde, ehe die Erlaubniß zum Befuche anlangte und der 
Reifende die keineswegs angenehme Ynftfahrt, welche etwa 
4 bis 5 Minuten dauerte, antreten konnte. Mit einem 
großen Haken wurde oben ber Korb an eine Plateforme 
herangezogen, und einer Ohnmacht nahe betrat Dröe wieder 
feften Boden und konnte fich durch ein Gläschen Raki ftär- 
fen, che er zum Igumen, 
einem liebenswirbigen und 
umterrichteten Manne von 
etwa 65 Jahren, geflihrt 
wurde.  Gigarretten und 
Kaffee wurden gereicht und 
danıı die Empfehlungs: 
briefe gelefen, von denen 
derjenige des Konftantino- 
peler Patriarchen befondern 
Eindrud machte; auf das 
Bereitwilligfte erteilte der 
Abt die Erlaubniß, das 
Mofter in allen Einzel: 
heiten zu befichtigen.. Ber _ 
merfenswerth ift eigentlich 
nur das Refeftorium, ein 
gewaltiger Saal ans der 
Mitte des 16. Jahrhun⸗ 
berts, defien Wölbung auf 
— Pfeilern ruht. 
Die Bibliothek ſoll noch 
immer ſehr reich an Bit: 
hen und Mtanuffripten, 
darunter die Werfe der 
Heiligen Bafilios und 
Chryſoſtomos, fein; aber 
ſchwerlich hat fie fllr die 
Inſaſſen des Kloſters große 
Anziehungskraft. Studien 
und Willenfchaft find für 
diefelben unbefannte Dinge, 
In der großen Kirche find 
gut erhaltene Wandmales 
reien amd die ſchon er- 
wähnte 1388 erbaute Ka— 
pelle des Königs Joaſaph 
von Intereſſe. 

Nach dreiftündigem Auf- 
enthalte im Kloſter nahm 
Droͤe freundlichen Abſchied 
vom Igumen, trat die ver⸗ 
haßte Ruckfahrt nad) un⸗ 
ten an und ſuchte ſich in 
Kalabafa ein Nachtlager, 
welches überaus durfti 
ausfiel. Auf den Beſu 
von 9. Varlaam und H. 
Stephanos verzichtete er, da 
er genug liber diefelben in Erfahrung gebracht hatte, um einzus 
fehen, daß ſie an Intereffe hinter Meteoron zurüdſtehen. Um 
erſteres zu erreichen, müſſen fid) Fremde gleichfalls den Auf- 
zug an einem Seile gefallen laffen, während ſich die Mönche 
jelbit, und ausſchließlich nur diefe, eines zwiſchen den Felſen 
verjtedten Pfades bedienen; ftellenweife müffen fie aber zu 
Yeitern ihre Zuflucht nehmen, welche fie kluger Weife hinter 
fid) in die Höhe ziehen. Die Ausfict von oben fol ſehr 
ſchön fein, ift aber genau diefelbe, wie von Meteoron aus, 


er We 77 7 


Die Meteora. Zur mE 


von wo Dree nad) Weiten hin das prachtvolle Panorama 
der Pindostette, nach Oſten zu das reiche Thal des Salam- 
vrias Hatte bewundern können. Refektorium, Bibliothet 
und bie zahlreichen Zellen beweifen, daß H. Varlaanı einft 
viele Bewohner barg; damals zählte es deren kaum noch ein 
Dutzend. 

Um dus einſt berühmte H. Stephanos zu erreichen, muß man 
ebenfalls zu Seil und Korb feine Zuflucht nehmen, und nur die 











Mönche haben es fich auch hier bequemer zu madyen gewußt. 
Denn ftatt auf Felfenpfaden und Veitern den eigenen erfteis 
gen fie auf bequemerm Wege den ihm benachbarten Berg, 
deffen eines Plateau fo dicht neben dem das Kloſter tragen: 
den Gipfel liegt, daß fie vom dort aus auf einer Heinen 
raſch aufguzichenden Brücke leicht ihr Ziel erreichen. Das 
von 12 bis 15 Mönchen bewohnte Kloſter befigt als einzige 
Schenswitrdigkeit eine fehr große Kirche; ausnahmsweije 








Auſſtieg mitteld Leitern zum Klofter H. Barlaam, 


unterfteht es weber dem Patriarchen nod) irgend einem 
Biſchofe, und die Regel ift dort viel weniger ftreng als an- 
derswo. Das ift wahrjcheintic and; der Grund, weshalb 
es ſich einer größern Zahl von Infafjen erfreut. de Droͤe 
benugte den folgenden Tag dazu, eines der vier kleineren 
Klöfter zu befichtigen. Der Weg führte zwiſchen den Fel— 
fen durch ſchauerliche Schluchten Hin, im denen der Schatten 
oft jo dımfel war wie die Nacht, während an einzelnen 
Stellen grell und blendend das volle Tageslicht bis im die 


Tiefe herabreichte. Zuletzt langte man vor einem höchft 
malerischen Felſen an, weldyer ein Klofter des H. Nilolas 
Kophinas trägt. Der Anfftieg zu demfelben ift verhältnip- 
mäßig leicht, wenn auch immer noch umeben genug; denn 
oft unterbrechen den Pfad rohe Stufen, theild von der Na: 
tur gebildet, theils von Menſchenhand etwas zurecht gemacht. 
In einer gewiffen Höhe ließ man dem Reifenden eine 5 
bis 6m fange Yeiter herab, mittel$ deren er ein Plateau 
erflomm. Daun pafjirte er nad) einander einen kurzen 


6 Mecheln. 


Tunnel, einen Ziegenweg, nod) eine Yeiter und zulegt einige | war nur noch eine leidlich im Stande gehaltene Kapelle 
Stufen zuriit und befand fich vor dem Kloſter. Durdy | übrig. Von tiefem Mitleide ergriffen, legte Dree eine 
eine lange hölzerne Gallerie, welche noch einige Nefte von | Spende an der Thür derfelben nieder und entfernte fc. 
Malereien aufzuweiſen hatte, gelangte Dr&e zu dem Igus | Heutigen Tages ift von dem Kloſter vielleicht nur noch ein 
men, welcher von vier Mönchen, feinen gejammten Unter: | Haufen Ruinen übrig Auf dem Rückweg pafjirte man 
gebenen, umringt war. Sie jagen im Schatten eines Fels- | diejenigen eines gänzlich verlafienen Kloſters, verſuchte aber 
blodes auf Matten, tranten Kaffee, rauchten, kurz hielten | vergeblich, zu denfelben emporzuflettern: überall vereitelten 
Kef, was wohl ftets ihre Hauptbeſchäftigung iſt. Der Abt ſenkrechte Felſenwände das Unternehmen. 

ließ dem Gaſte Kaffee und Tſchibuk reichen und dann die Nach Triktala zurückgekehrt, ſetzte Dröe feine Reife fort, 
Reſte feines Kloſters zeigen, wobei er wegen ber Armuth | deren nächſtes Ziel die beiden ſchönen Thäler des Aſpropo— 
und des Verfalles deffelben um Entſchuldigung bat. Und | tamo und Arta waren. 

das Elend war in der That dort groß. Bon der Kirche . 


Medeln. 


(Nah dem Franzöfiichen des C. Lemonnier.) 


E 
(Simmtlihe Abbildungen nad) Photographien.) 


Wenn man auf der Yinie Brliffel-Antwerpen die Heine | mehrere Meilen weit durch eine fachende, anmuthige Yand- 
alte Stadt Bilvorde paſſirt hat, führt die Bahn nod, ſchaft, die mit ihren großen, von langen Baumreihen durd)s 





Die Dyle in Medheln. 


ſchnittenen Wiefenflächen, mit ihren zahlreichen Dörfern, | fcjeinen. Auf dem Bahnhof von Mecheln, wo die Yinien 
mit dem eigenartig feuchten Schmelz ihres Gruns wie Oſtende-Luttich, Britflel-Antwerpen und Medyeln «St, Nico- 
eine Fortfegung des Gartens von Brabant ericeint. Das | las ſich kreuzen, wo großartige Eiſenbahnwerkſtätten fich 
eigentliche Antwerpener Yand und feine wechjelnde folge | befinden, herrſcht ein lebhafter, unaufhörlicer Berfchr, ein 
von ausgedehnten öden Sandftreden und gut fultivirten | reges Treiben; aber nur wenige Schritte in die Stadt hin- 
fruchtbaren Aeckern beginnt erft jenfeits Mecheln ſich zu eim genügen, um uns wie in eine andere Welt zu verfegen. 
zeigen, der an der Diyle beiegenen „geiftlichen Hauptjtadt | Trog ihrer 40 500 Einwohner, trog ber, wenn aud) nicht 
Belgiens“. Schon lange bevor man, ben Löwener Kanal | großartigen, fo doch immerhin blühenden und mannig- 
überichreitend, diefe Stadt erreicht, ficht man ihr gewaltiges | fachen Induftrie der Stadt liegt die Mehrzahl ihrer Stra- 
Wahrzeichen, den Thurm von St. Rommald, fi) gegen den | fen und Pläge wie auägeftorben, wie in einer andauernden 
Himmel abzeichnen, von einer Menge anderer Thürme und | Sonntagsruhe da. Das laute Zufallen einer Hausthiir 
hoch emporragender fpiger Dächer umgeben, die neben fei- | erwedt im gar vielen diefer ſchläfrig ftillen, von feinem 
ner mafjiven, edigen Geſtalt zierlic und unbedeutend er- | Wagenverfehr beiebten Häuferreihen ein lang anhaltendes 


Mecheln. 7 


Echo. Die Dyle, die in zahlreichen, von nicht weniger als 
35 Brüden überfpannten Armen die Stadt durchfließt, 
trägt freilich, fortwährend eine große Anzahl von Fahrzeu⸗ 
gen aller Art; allein aud) dieſe vermögen das Bild der 
allgemeinen Ruhe und Berichlafengeit kaum zu belchen. 
Die Deutlichleit, mit der man die taftmäßigen Ruderſchläge 
der Bootsführer und das Freifchende Geräuſch der an bie 
Duaimanern gejtenmten Uferftangen der größeren Kähne 
vernimmt, ift an und für ſich ſchon charakteriftiih. Ebbe 
und Flut machen fich im dem Heinen Fluſſe ungemein bes 
merfbar; bald find die unzähligen ſchmalen und breiten 
Bafferadern, weiche die Stadt durdigiehen, bis zum Rande 
gefüllt, und in ihrer träge dahinfliegenden Flut erfennt 
man unfchwer das trübe, ſchlammige Sceldewafler; bald 
wieder find die Pfeiler und das Mauer: oder Holzwerf 
faft bis zum Grunde fichtbar, und die breiten, flachen Wel- 
len des niedrigen Waflers fchlagen mit dumpftlatſchendent 
Tone langjam am die mit gelblichem Schlamme bededten 


sur 





Ufer. Nicht mit Unrecht hat man den Hauptgrund filr die 
auf jeden Fremden faft bebriidend wirkende Stille der 
Stadt in dem Vorwiegen des geiftlichen Elementes gefucht. 
Seitdem Papft Paul IV. im Jahre 1559 die Nomualds- 
kirche von Mecheln zur erzbijchöflichen Metropolitanfirche 
erhob, trat die Bedeutung des ehemals mächtigen bürger- 
lichen Elementes mehr und mehr in den Schatten. Mecheln 
theilte darin das Gejchid Yöwens; mit mod; mancher an— 
dern Stadt Belgiens aber theilt es heute das unvermeidlich 
traurige Ausfehen der „Stadt, die einft beffere Tage ges 
fehen hat“. Die Tage des hödhften Glanzes lagen für 
Mecheln aber in der Zeit, wo Margarethe von Defterreich, 
die Tochter Marimilians I. und der Maria von Burgund, 
die nachmalige Erzieherin Karls V., hier als Statthalterin 
Hof hielt und die Stadt zu einem Mittelpunkt der ſchönen 
Künſte und Wiflenfchaften machte. Selber gern als 


Dichterin und Philofophin ſich hervorthuend, verfammelte 
fie Hier eine Schar von berühmten Männern um ſich, unter 








Das Standbild Margarethens von Defterreich und die Tuchhallen in Mechelu. 


denen wir Namen wie Erasmus, Cornelius Agrippa, Jean 
Lemaire und Jean Second, Mabufe, van Deley u. v. a. finden, 
Wahre Wunderdinge von Turnieren, Tanz: und Schäfer: 
fpielen, vor „allerhand zierlich anmuthigem Zeitvertreibe 
des Geiftes und Körpers“ werden aus dem Yeben des das 
maligen Hofhaltes von Mecheln berichtet. Der erfte Erz: 
biſchof der Stadt war der beruchtigte Kardinal Oranvella, 
der nachmalige Minifter Magarethens von Parma. Der für 
ihn erbaute erzbiichöfliche Palaſt liegt, von großen Gärten ums 
geben, unweit ber beiden Hauptlirchen, ber Romualds: und der 
St. Johanniskirche. Den Mittelpunkt dev Stadt bildet der 
maleriſche Große Pla, der, auf drei Seiten vom Ge— 
bäuden umgeben, auf der vierten fid an den Pla der Ro— 
mualdotathedrale anfchließt. Gin im Jahre 1849 errichte: 
tes Standbild der Margaretha von Oeſterreich ziert heute 
den Großen Plag, auf dem fich mit den hier abgehaltenen 
Märkten auch der Hauptverkehr der Stadt fonzentrirt. Die 
in weißem Marmor ausgeführte koloſſale Figur der Statt: 
halterin hebt fich ungemein wirkungsvoll von dem Hinters 
grunde der alten Tudhhallen ab, einem ſtattlichen Ge— 
bäude mit zierlichen Erkerthurmchen und ſchönen Gicbeln, 
mit reichem Portal und tiefen Bogenfenftern, das nur feider 


feine Unvollendung cbenfowenig verbergen fann, wie die in 
dent zuſammengewürfelten Sul zu Tage tretende allmälige 
Entftehung feiner einzelnen Theile. Im Dahre 1340 bes 
gonnen, blieb es lange Zeit unvollendet liegen, wurde dann 
als Fragment nothdärftig zum Gebrauche hergerichtet, und 
erft gegen Ende des 16. Jahrhunderts mit dem Oberbau 
versehen; heute dient es als Hauptwache der Stadt. Unter 
den Häufern, welche den Markt umgeben, verſchwinden lei⸗ 
ber die ſchönen, alten Giebelbauten immer mehr und nicht, 
um nüchternsmodernen Gebäuden Plab zu machen; doch find 
immerhin noch genug davon vorhanden, um uns nad) ihnen 
eine Borftellung vor dem fchönen Bilde machen zu können, 
das die Kathedrale mit ihrer Umgebung im Mittelalter dar: 
geboten haben muß. Da ift vor allen anderen das foge: 
nannte Schepenhuis, das Schöffenhaus, zu nennen, in 
weldyem im Jahre 1473 der Große Rath tagte, und das 
heute die Kunſt⸗ und hiftoriichen Sammlungen ber Stadt beher: 
bergt. Zwiſchen dem Großen Plag und der Kathedrale ers 
hebt ſich das Stadthaus, das, feinerzeit als Prachtbau 
berühmt, durch eine grlndliche Neftauration im vorigen 
Jahrhundert leider viel von feiner Eigenthümlichkeit einge: 
büpt Hat. Was die Romualdskirche ſelber anbetrifft, 


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Die Romualdsfirhe und der Große Play in Mecheln. 





Prof. Richard Greeff: Die Eapverdifcen Infeln. 9 


jo wird fie mit Recht zu den ſchönſten gothifchen Bafilifen 
gezählt, die wir überhaupt befigen. In Pad angelegt, 
wirkt fie durch) ihre großartigen Verhältniſſe kaum minder, 
als durch) die unbeſchreiblich feine Gliederung ihres äußern 
architektoniſchen Schmuckes. Es gehört ein förmliches Stu: 
dium dazu, um fic in dem Gewirr der Erker, Säulen und 
Säulchen, der Baldachine, Spigen und Nifchen zurechtzu⸗ 
finden, welche die hohen Spitzbogenfenſter überragen und 
den Thurm umgeben. Dieſer letztere, der urſprünglich für 
eine Höhe von 140 m beſtimmt war, iſt umvollendet und 
nur 90m hoch; die Größe feiner vergoldeten Zifferblätter, 
die einen Durchmeſſer von über 13 m haben, gehört ebenfo 
zu ben Berühmtheiten Mechelns, wie das in der That herr 
liche SHlodenfpiel. Im 12, Yahrhundert begonnen, wurde 
der Bau der gewaltigen Kirche um die Mitte des 14. been- 
det; ein großer Brand, der fie bald nach ihrer Vollendung 
in Aſche legte, machte einen theilweifen Neubau nöthig. 
Die Koften zu demfelben wurden aus den Gaben der Pilger 
beftritten, die befonders reichlich einfloffen, als Papft Nito- 
(aus V., dem die Förderung des Baues befonders am Her: 
zen lag, für die Wallfahrer zu dem Reliquien des Heiligen 


Nomuald einen großen Ablaß ausſchrieb. Das Imnere der 
Kathedrale birgt eine Menge herrlicher Kunſtſchätze, darunter 
ein berlihmtes Altarblatt von van Dyck, Chriftus am Kreuz; 
jowie 25 der flandrifchen Schule des 14. Jahrhunderts 
entftammende Bilder aus dem Leben des heiligen Rommal- 
dus. Auch die anderen Kirchen der Stadt find in biefer 
Beziehung reich bedacht, fo namentlic, die Liebfrauen- und 
die Johanneskirche; doc; wird, und auch mit Recht, das 
Interefle der meiften Reifenden mehr durch die alten Häuſer 
von Mecheln in Anſpruch genommen werden, als gerade 
durch diefe Kunſtſchätze. Neben zahlreichen Straßen, deren 
ausſchließlich moderne Gebände mit den franzöſiſchen In— 
fchriften und Namen über ihren Yäden ihre Entjtehung un— 
ter dem nenen Regime nicht verleugnen können, neben gar 
vielen anderen, deren kahle nur hin und wieder von Heinen 
vorhanglofen Fenſtern durchbrodene Mauern fie als Hinter 
gebäude der zahlreichen öfter und geiftlichen Schulen Mes 
chelns erfennen laffen, befigt die Stadt aud) eine Menge 
alter Gaſſen, deren herrliche Giebelbanten zu dem Schend 
wertheften auf diefem Gebiete der Architeltur gehören. 


Die Gapverdifdhen Infeln. 
Bon Prof. Richard Greeff. 


Nach einem faft zweimonatlichen, naturwiſſenſchaftlichen 
Unterſuchungen gewidmeten, Aufenthalte an ber portugiefts 
fchen Kiüfte ſchiffte ich mich zur Fortfegung meiner Stu— 
dien am 5. November 1879 im Hafen von Liſſabon anf 
dem der „Empreza lufitana“ gehörigen Poſtdampfer 
„China“ zur Reife nad) der Guinea-⸗Inſel Sio Thome ein. 
Gegen drei Uhr Nachmittags lichtete das große Schiff bie 
Anfer und dampfte langfam zum Hafen und zum Tejo 
hinaus. Noch einmal entfaltete ſich vor meinen Bliden 
die ftolze glänzende Higelftadt mit ben umvergleichlich fchö- 
nen Ufern ihres Stromes. Bald lag Belem mit feiner 
herrlichen Kloſterlirche und der auf der Höhe thronenden 
Ajuda Hinter uns, bewundernd ruht das Auge noch auf 
ber fühn im den Strom vorfpringenden alten prächtigen 
Malteferburg, dem Torre da Belem, und fchweift dann 
hinauf an dem wellenförmig fid) erhebenden Ufer bis zu 
dem blauen, zadigen Gebirgsfamm, von bejien Höhe bie 
Pena de Cintra mit ihren Thirmen und Zinnen ftrahlend 
ins Yand ſchaut. Unwillkürlich wendet ſich bei dem ſchönen 
Schaufpiel der Blick zuriid in jene Zeit, als von den Ufern 
dieſes ftolgen Stromes die halbe Welt beherrfcht wurde, 
als unter hochherzigen Fürften von hier die kühnen See— 
fahrer auszogen und ganz Weſtafrila entdeckten und in Bes 
fig nahmen, als Bartolomeus Dias das Kap der guten 
Hoffnung umſchiffte, Basco da Gama den Seeweg nad) 
Dftindien und Cabral Brafilien auffand, ald Camöes, die 
Thaten feines Volles verherrlichend, feine unfterblichen Lu—⸗ 
finden fang und das ganze geiftige und materielle Leben 
Portugals zur höchſten Blüthe ſich entfaltete. 

Doch bald Liegen auch diefe glänzenden Bilder mit 
ihren [hönen Erinnerungen hinter uns, immer mehr treten 
die ſchimmernden Baläfte, Kirchen und Häufermaffen der 
Tejo-Ufer zurlick und mit rafcheren Schlägen eilt das 
Schiff, nachdem es aus den Feſſeln des beengenden Stro- 

Globus XL, Nr. 1. 


mes befreit ift, der Mundung und dem Meere zu. Links 
erfcheint fchon auf einem fandigen Vorſprung der Hüfte 
der ſchlanke Leuchtihurm Torre do Bugio und zur Rechten 
das den Eingang zum Tejo und zum Hafen von Liſſabon 
bewacende Fort Iuliäo; endlich löfen ſich die legten Ber: 
bindungen mit dem Lande, die Zollbeamten und der Lootſe 
verlaffen das Schiff und jenfeits Cascaes, nachdem bie den 
Tejo gegen das offene Meer abfperrende Barre durdjichnit- 
ten ift, taucht die „China“ tief in die majeſtätiſch anrols 
lenden breiten Wogen des Oceans ein, nun nadı Süden 
ſich wendend und ihrem erften Ziele, der Inſel Madeira, 
zuſteuernd. 
Am frühen Morgen des 8. November fuhren wir in 
bie Madeira-Öruppe ein, zuerft am dem öben Felſen— 
eilande Porto fanto entlang und dann in bie vielgepriefene 
Bucht von Funchal. Ein kurzer Beſuch in der Stadt 
und ihrer mächften Umgebung gab mir Gelegenheit meine 
Erinnerungen an die liebliche Inſel von einem früheren, 
auf einer Reife nad) den Canariſchen Infeln mir hier 
gewährten Aufenthalte zu ermenern. Ueberraſchend war 
mir auch, jest der große Unterfcjied des Klimas und der 
Vegetation felbft gegen die nahe und ſoeben verlafiene portu— 
gieſiſche Kuſte. Während dort in der legten Zeit dev Herbſt 
mit heftigen Regen und ftürmifchen Winden Einzug gehalten 
hatte, empfing mic) hier wiederum feuchtwarme Krühlingetuft 
und Sonnenſchein mit friſchem Grün und neuen Blumen. 
Auch ein für die Beſucher des ſchönen Eilandes ſehr 
erfreulicher Fortſchritt —— ſich mie bei der Ab⸗ und An— 
fahrt bemerflich, nämlich die Herftellung eines befonderen 
Landungsplages. Im früherer Zeit mußte die Yandung auf 
dem mit Bafaltgeröll bededten fehr abſchüſſigen Strande 
vor Funchal bewerkitelligt werden. Ein paar Ochſen wur: 
den vor dad Boot gefpannt und diefes unter Hilfe einer 
bis an bie Bruft im Waſſer watenden Schar halbnadter 


10 Prof. Richard Greeff: Die Capverdijchen Inſeln. 


Fiſcher mit Gefchrei ans Land gezogen. Das Getöje 
erreichte feinen Höhepunkt in dem Augenblide, wenn eine 
breite, dad Boot hebende und treibende Welle ans Yand 
rollte, die bei ſtarlem Seegange dann freilich nicht immer 
nur gegen, fondern zuweilen aud) fprigend über das Boot 
und feine Infaffen ſchlug. Jetzt hat man gegen die Pontinha, 
einen aus der Bucht aufragenden und mit einem Heinen ort 
gefrönten Felſen, einen Molo und Yandungsquai gebaut, an 
den die Boote bei bewegter See mit mäßiger Bequemlichkeit 
anfahren können. 

Bald nad Mittag an demfelben Tage dampfte die „China“ 
wieber zur Rhede von Funchal hinaus, ihrer zweiten Sta— 
tion, den Infeln des grünen Borgebirges, uns 
äuführend. Beider Ausfahrt von Madeira ward uns die fel- 
tene Gunſt des Himmels zu Theil, die herrliche Infel, deren 
hoher Gebirgsrücden meiſt in Wollen gehitllt ift, von ber 
weißſchimmernden und in dem weiten grünen Abhang aufs 
ftrahlenden Stadt bis in die höchſten Gipfel hinauf unver: 
ſchleiert und in fhönfter Beleuchtung vor uns ausgebreitet zu 
fehen, ein Anblick, defien Zauber, fo oft er fi) dem Auge 
bieten mag, ftets empfunden und unvergeßlich jein wird. 

Die Meerfahrt von Madeira nad) den Gapverden ift 
vielleicht eine der ſchönſten der Erde, befonders wenn man 
jenfeits der Canaren im den frifchen, köſtlichen Paſſat einfährt 
und mit ihm nach Südweiten geht. Spielend rauſchen 
die mit dem Himmel im herrlichiten Blau wetteifernden 
Wellen an den Plauken des Schiffes vorliber, und wenn 
man nicht, über die weite Waſſerfläche hinblickend, durd) 
die tief wallenden Athemzüge des Deeans an den Gewal: 
tigen erinnert wirde, fönnte man glauben auf einem großen 
blauen Binnenfee zu fahren. Auch an mancherlei inter: 
eflanten und unterhaltenden Erſcheinungen fehlt es dem 
aufmerffamen Auge nicht. Bald tauchen Delphine aus den 
Fluthen und treiben ihr feltfames Spiel an der Oberfläche, 
oft den Schiffen fo nahe, daß man fie harpuniren könnte, 
bald fpringt ein Schwarm fliegender Fiſche auf und ftreicht 
mit den ausgefpreizten Bruſtfloſſen und ſchillernd im Son; 
nenglanze eine Strede über die Wellen und, merkwürdiger— 
weile, fait immer gegen den Wind. Hier und dort fliegen 
Seevögel in ſicherm, langjament Fluge über die Fläche hin, 
tauchen plöglic, ein um Beute zu erhajchen oder wiegen ſich 
eine Zeit lang ſchwimmend über die auf: und niedergehen- 
den Wogen hin. Aud) Yandvögel, auf der Wanderung 
begriffen, vieleicht vom Wege abgelenkt und verſchlagen, 
fommen aufs Schiff, um eine Weile Gaftredjt zu genießen. 
Yange beobachtete ich an einem Tage einen foldyen einfamen 
Luftjegler, eine Heine Mauerſchwalbe, die mehrere Stunden 
unjerm Schiffe folgte und ſich zeitweife auf demfelben nie: 
derließ, um auszuruhen. Später war fie wieder ver- 
ſchwunden. 

Dem aufmerkſamen Beobachter und Kenner entgehen 
auch die kleineren an der Oberfläche ſchwimmenden Meer— 
thiere nicht, jene zarten pelagiſchen Gebilde, die unter dem 
Namen der Siphonophoren oder Schwimmpolypen belannt 
find. Namentlich ſah ich einigemale große Seeblaſen (Phy- 
salien), die gerade in dieſem Theile des Atlantiſchen Oceans 
befonders häufig vorzufommen feinen, mit dem nad) 
oben gerichteten alizarinblauen Kamm ganz nahe am Schiffe 
vorbeiſchwimmen. 

Am 13. November waren wir, als ich früh Morgens an 
Ded des Schiffes kam, bereits im Ardipel der Gap- 
verden und liefen an der Eid: Oftfeite der am meijten 
nach Nordweiten gelegenen Inſel Santo Antäo (S. 
Antonio) entlang. Bor mir lag ein hoher zadiger Gebirge: 
rüden, in feiner äußern Form eine auffallende Aehnlichteit 
mit Madeira zur Schau tragend, an deffen teilen feljigen 


Abftirzen ind Meer die Brandung weiß aufihäumte und 
der biö in die höchſten Gipfel hinauf faſt überall mit einem 
niedrigen Grun befleidet war, Baumwuchs war wenig 
zu erbliden, bloß an einigen Thaleinſchnitten ſchien die 
Vegetation reicher zu fein. An einem diefer nad) dem 
Meere zu ſich öffnenden und hier im eine Heine lichte 
Strandfläche ausgehenden Thäler lagen einige weiße Häufer. 
Bon diefem Orte, dem Porto dos Garvoeiros, erhebt ſich 
ein fchmaler Pfad, der — ein merlwürdiger Anblid — 
über den ganzen Gebirgsriiten an den fteilen oft ſenkrech— 
ten Welswänden entlang ſich fortwindet und auf dem grau- 
grünen Grunde weithin verfolgt werden kann. Er ftellt 
den einzigen Berbindungsweg von diefer Seite der Juſel 
zu den anderen bar. 

Die Infel S. Antäo beftcht in der That faft nur aus 
dem vor und aus dem Meere auftauchenden, mächtigen 
vulfanischen, aus Bafalt und baſaltiſcher Yava gebildeten, 
Sebirgsriden, deſſen gipfelreicher bis über 2000 m 
aufjteigender Kamm von Weiten nad, Often gerichtet ift. 
Nah Süden, wie wir nun bei der Weiterfahrt fehen, 
fentt ſich derfelbe allmälig zu einem wellenförmigen fah- 
len Borlande, aus dem einige niedrige graubraune Kegel 
aufragen, 

©. Untäo ift nad) ©. Thiago (S. Jago) die größte 
Inſel des Archipels und trog der ſchroffen und anſcheinend 
fteilen Südoftlüfte eine der fruchtbarſten. Doch liegen die 
mit Kulturen und zum Theil mit reicher Tropenvegetation 
erfüllten Thäler hauptſächlich anf der Oſt-, Nord: und Weit: 
feite, vornehmlich bei Kibeira grande, der Hauptſtadt der 
Infel, und Ribeira do Paul an der Oftfeite, fowie Nibeira 
da Garga, da Altomira und da Cruz an der Nordfeite, dem 
Thale von Tarrafal an der Südweſt- und Nibeira das 
Patas an der Süpdfeite. 

Die Haupterzeugniffe in bdiefen von Gebirgsbächen 
burchftrömten und zum Theil auch mit fünftlichen Bewäſſe— 
rungsanlagen verfehenen Diftritten find Kaffee, Zuder, 
Mais, Tabak, Gemüfe, Bananen, Apfelfinen u. ſ. w. Dod 
hat der Kaffee, der ſich durch eine vorzügliche Qualität, 
namentlid) ein ſehr feines Aroma auszeidynet, faſt allein 
für den Erport eine größere und jährlich wachſende Beben: 
tung. Im Jahre 1879/80 betrug nad) dem amtlichen Bes 
richte des Gouverneurs der Gapverden an die portugie- 
fiiche Regierung der Saffeeerport der Infel ©. Antao 
177 251 kg, einen Gefammtwerth von ungefähr 45 000 Mil: 
reis (1 Mile — ca 4 M. 50 BP.) darftellend, gegen 
128 624 kgim Jahre 1872, Andererſeits ſcheint die Zuder⸗ 
rohrkultur abgenommen zu haben, fo daß. im Jahre 
1379/80 der Audererport fh auf nur 15371 kg 
belief, wobei freilich zu berlickſichtigen ift, daß die Produltion 
und Ausfuhr von Branntewein, der aus dem Zuckerrohr 
dort gewonnen wird, beträchtlid) zugenommen hat umd im 
Jahre 1879/80: 89936 Yiter in einem Geſammtwerthe 
von 6253 Milr. betrug. 

In früherer Zeit brachte der Infel und mandjen anderen 
des capverdifchen Archipels fowie ferner aud) den Ganaren xc. 
ein eigenthitmliches Produkt reichen Ertrag, das nun aber 
durch die fortſchreitende enropäijche Induſtrie längſt fiber: 
flügelt und faſt werthlos geworden ift, nämlich die „Ur— 
zella*, Drjeille (Rocella tinctoria), eine an Felſen, vor: 
nehmlich an den Strandfelfen, wachſende Farbflechte, die 
zur Darftellung eines jchönen blauen und röthlid) = blauen 
Farbſtoffes diente und von den Eingeborenen in ansgebehn- 
tem Maße, oft unter Mühen und Gefahren, an den fteilen 
Telswänden eingefammelt wurde. Im Jahre 1841 repräs 
fentirte die „Urzella“, die damals Monopol der portugiefi- 
fchen Regierung war und in jenem Jahre den Höhepunkt 


Prof. Richard Greeff: Die Capperdiſchen Injeln. 11 


ihrer kommerziellen Bedentung erlangte, jährlich für den 
Archipel einen Geſammtwerth von 90 000 Milreis, wäh— 
rend derſelbe heute auf circa 2500 Mile. geſunken ift, 
und im Befondern fiir S. Antäo auf circa 127 Milr. 
Auch die Indigo-Kultur wurde eine Zeit lang, von 
Engländern eingeführt, auf S. Antũo umd einigen anderen 
Inſeln verfucht, aber, zum Theil wohl wegen der Läſſigleit, 
mit der diefer neue Kulturzweig betrieben wurde, ohne er— 
heblichen Erfolg und ift nun völlig aufgegeben. Einen nicht 
umvichtigen Zweig für den Wohlftand der Inſel bildet nod) 
die in den waſſerreichen Diftriften von Nibeira grande und 
do Paul mit Sorgfalt betriebene Biehzucht. Im Yahre 
1880 betrug der Geſammt-Marktwerth des Beftandes an 
Rindern, Pferden, Eſeln und Mauleſeln in den genannten 
Diftrikten 46 000 Milr. 

Bon Antereffe mag noch fein zu erwähnen, daß der 
Geſammtwerth der im Jahre 1879/80 aut S. Antũo aus: 
geführten Produkte bei einem Flächeninhalte der Infel von 
circa 600 gkm und circa 18000 Einwohnern fich anf 
52840 Milreis belief, wovon, wie oben erwähnt, allein 
45 000 Milr. auf den Kaffee-Erport kommen. Ein 
befonderer Bortheil in Ruckſicht anf die Verwerthung ihrer 
Produkte erwächſt der Inſel S. Antäo noch aus der 
unmittelbaren Nachbarfchaft der fterilen, aber ſtark fonfumi- 
renden Inſel S. Vincente, mit der ein lebhafter Verkehr 
unterhalten wird. 

Inzwiſchen ift bei der Weiterfahrt eine neue, von ©. Uns 
täo nach Siüdoften gelegene, hohe Felſeninſel, die ſchon frü— 
ber in Sicht gefommen war, im ihrer vollen Ausdehnung 
hervorgetreten, die Anfel ©. Bincente, auf deren Hafen, 
den Borto grande, wir mın, von ©. Antio uns abwen- 
dend, zuftenern. Gerade vor feinem Eingang taucht ein 
hoher, fpiger fFelstegel, der Ilheo dos Paſſaros (Bogel- 
infel), von Scevögeln umſchwärmt und am feinem Fuße mit 
dichter Algenvegetation bedet, einſam aus den Fluthen. 
Nachdem diefer umſchifft ift, empfängt uns eine ſchöne blaue 
Meeresbucht, belebt von großen und Heinen Schiffen. Im 
Grunde derjelben Liegt dicht zufammengebrängt ein Städt: 
chen mit frifchweißen Hänfern und einigen größeren Ge— 
bäuden, die Cidade do Mindello, und links von diefer 
auf einem ins Meer vorfpringenden Hligel ein Stadt und 
Hafen beherrfchendes Heines Fort, von defien Zinnen auf 
hoher Stange die portugiefische Tlagge weht. Der Kleine 
linke Flügel der Bucht zeigt ein zerklüftetes felfiges Ufer, 
während der weite rechte Bogen von einem breiten, blinlen⸗ 
den Sandftrande umfakt ift. 

Hinter der Stadt dehnt ſich eine weite ſandig s fteinige 
Thalmulde aus. Dann aber fteigt plöglicy rundum cin ho— 
hes und maleriſch ſchönes Felfengebirge gen Himmel, deffen 
kühne, phantaftiiche Formen, fcharfe Graten und Spigen das 
ftaunende Auge gefangen halten. Wohin man fic) fuchend wen- 
det an diefem merkwürdigen Geftade, in den tiefen Spalten 
und Schluchten und an den Höhen ſcheint Alles fahler, öder 
Fels und Steingeröll zu fein, von dem nur hier und dort 
— Flecken hervorſchimmern. 

Hegen 9 Uhr Morgens ertönt der bei der Anfahrt un— 
feres Dampfers übliche Kanonenſchuß und hallt rollend an 
den zerflitfteten Felswänden des Eilandes wieder, der Anker 
fällt raffelnd in den Grund und wir find im Borto grande 
de Suo Bincente, dem berühmten Hafen der Gapver- 
difchen Infeln, dem beiten des Archipels und einem ber be 
ften an der ganzen Weftküfte Afrifas, der in den legten 
Decennien als atlantifche Kohlen- und nun auch Telegra- 
phenftation eine große und ſtets wachiende Bedeutung erlangt 
hat. 

Wie uns eine Umſchau aldbald erfennen läßt, verbanft der 


Hafen von ©. Bincente, diefes Kleinod der Capverben, feine 
geichligte Tage hauptſächlich jenem hohen Felſenmantel, der 
ihn nad) innen von Nord itber Oft und Sub nad) Weit 
umschließt und fomit auch dem Nordoſtpaſſat entgegenfteht, 
und andererjeits der Infel S. Antäo, gegen die er fich nad) 
Nord: Nordweften öffnet und die ſich wie eine Rieſenmauer 
vor ihn und ganz Vincente hinzicht. Während an der dem 
Paflat ausgeſetzten Norbnordoft- und Dftfeite der Infel 
die Brandung haushoch gegen die Felſen anftiirmt, liegt das 
Waſſer in der blauen Bucht des Porto grande ruhig ober 
ift nur von leichten, Fräufelnden Wellen bewegt. 

Mit großem Interefie benubte ich dem mir gebotenen 
kurzen Aufenthalt zu einem Beſuche des in mancher Bezies 
hung merkwürdigen Eilandes, mußte aber bei der Anfahrt 
ans Pand die Erfahrung machen, daß, fo ficher der Hafen 
für größere Schiffe ift, er doch nicht diefelbe Ruckſicht Mei- 
neren Booten gewährt. Durch die tiefen Spalten und tiber 
die niedrigeren Felskümme des wildzerrifienen Felſenmantels 
blies nämlich der Paſſat, Strand, Stadt und inneren Theil 
des Hafens Überbritdend, fo heftig in die Bucht und fiber 
ihre fläche nad außen hin, daß ich, vorm im Boote ſitzend, 
von den ſcharf anfgeworfenen lurzen Wellen mehrmals übers 
ſpritzt und völlig durchnäßt wurde. 

Dei der Yandung tritt uns alsbald als eine der auffal- 
lendſten Erfcheinungen, die vorwiegend ſchwarze Bevölkerung, 
entgegen, die ung zu gleicher Zeit daran erinnert, daß wir 
und anf einem bem großen dunfeln Erdtheil benachbarten 
und von ihm beherrſchten Gebiete befinden. Die Neger 
von ©. Bincente ftellen im Allgemeinen einen kräftigen, 
hochgewachlenen und mustulöfen Menſchenſchlag dar, jelten, 
wie auch auf den übrigen Infeln, ganz ſchwarz, meift von 
hellbranner oder kaffeebrauner Hautfarbe in verfchiedenen 
Niüancen, offenbar das Refultat langjähriger Vermifchungen 
mit Europäern. Auch die Frauen, bie ich fah, waren mei⸗— 
ftens groß und ſchlank und doch von fräftigen formen. 

Auf dem Strande fortichreitend kommen wir zuerft an 
mächtige Kohlenmagazine, die mit allen modernen Appara- 
ten zum Transport, zur Hebung, Ein- und Ausladung u. ſ. w. 
verfchen find und von denen aus ein ununterbrochener leb⸗ 
hafter Verkehr, durch große und Meine Boote, ſelbſt Dampf- 
barkafjen mit den draußen im Hafen liegenden Schiffen bes 
hufs BVerladungen von Kohlen und Waaren unterhalten 
wird. Ganz in der Nähe diefer Magazine zur Linfen liegt 
die große Alfandega (Zollhaus) und einige der Konfulate- 
gebäude und Hinter ihnen und nad) rechts die kleine Stabt, 
die zum allergrößten Theil aus ganz neuen, friſchweißen 
und einftöcdigen Hänfern befteht. Aber auch größere Ge— 
bäude finden ſich unter ihnen und meiftend an hervorragen- 
den Plägen, wie der „Palaft* des Gouverneurs, das anfehns 
liche Municipal⸗Gebaude, die Kaferne, die Heine Kirche 
und andere. Selbſt ein Heiner öffentlicher Markt ift vor— 
handen mit gededten Hallen zum Verkauf von Fleisch, Fiſch 
und Gemikfen und mit einer hübſchen Wailercifterne in der 
Mitte. Alles macht den Eindrud einer neuen und im fri— 
ichen Fortſchritt begriffenen Kolonie. Hinter dem Stübt- 
en, deſſen Außenfeiten von der in ärmlichen Hltten wohs 
nenden Neger: und Arbeiterbevölferung eingenommen wird, 
dehnt fich eine breite fandigefteinige Mulde aus, die landein— 
wärts zu dem weiten Kranz des wilden Felſengebirges auf- 
fteigt, der die Infel durchzieht und dem Hafen, wie wir oben 
jahen, Schub gegen Nord und Oſt verleiht. Ich war über— 
raſcht auf meinen Wanderungen hier doch weit mehr Pflan- 
zenwuchs, namentlich frifchen niedrigen Krautwuchſes zu 
finden, als ic) bei dem erjten Anblic der Infel von außen 
erwartet hatte. fyreilic war gerade jetzt die Negenzeit, bie 
in die Monate Auguft, — und Oktober, hauptſüchlich 


2* 


12 H. Greffrath: Bon der Nordlüſte Auftraliens, 


in die beiden leßteren fällt, eben beendet. An einigen Stel: 
len erheben ſich im diefer Thalebene auch einige höhere 
BPflanzengruppen von graugrüner Farbe, die auf den kahlen 
Flächen jcharf hervortreten, vornehmlich, Tamarindengebüfche 
(Tamarix gallica), hohe, den Capverden eigenthüämliche 
Lavendeln (Lavandula rotundifolia) mit violetten Blüthen 
und andere. Bald nad, Eintritt ber Regenzeit foll hier 
und in den Bergen, insbefondere an dem den meiften Pflan- 
zenwuchs producirenden, circa 800 m hohen Monte verde, 
dem höchſten Berge der Inſel, reichliches friſches Gras und 
Kraut hervorfpriegen, das dann hier weidenden Ziegen ge- 
nigende Nahrung bietet, das aber fpäter unter der fengenden 
Sonne und den ftetigen austrodnuenden Paflatwinden bald 
wieder verborrt, zumal ber Regen im Allgemeinen fehr jpär- 
lich fällt und zuweilen faft ganz ausbleibt. Im Innern 
der Infel befinden fid) auch in befonders günftigen Lagen, 
Dafen gleich, einige Heine Pflanzungen, auf denen, imühfam 
und unjicher, Mais, türfifche Bohnen, einige Kürbis und 
Kohlarten, Bataten, Mandioca, fogar Feigen, Bananen und 
Apfelfinen in geringen Quantitäten gezogen werben, Alles 
das ändert indefjen nichts an dem allgemeinen Vegetations- 
dharakter der Infel S. Vincente, der volllommen der einer 
Wüfte ift. 

Da unter diefen Umſtänden aud) die Thiermwelt auf 
diefer Infel nur eine äußert arme fein kann, ift wohl ſelbſt⸗ 
verftändlih. Außer den hier, wie auf faft allen Infeln 
und überſeeiſchen Plägen der Erbe, die mit Schiffen im 
Verkehr find, eingefchleppten Ratten und Mäufen, findet ſich 
fein einziges wildlebendes Säugethier auf ©. Bin- 
cente. Doc) ift der Beftand an nugbaren Hausfängethieren 
im Verhältniß zu dem fterilen Boden ein auffallend gro- 
Ber, insbefondere an Ziegen, die in halbverwilderten Herden 
in den Bergen weidend umberzichen, während der Regenzeit 
reichliche Nahrung finden, aber in der langen trodenen und 
heißen Zeit, die oft bis in die erftere hinein, diefe verlür⸗ 
zend, anhält, darbend von dem verborrten Graſe leben und 
zuweilen, troß der in diefer Richtung erworbenen unglaubs 


lichen Zähigfeit verhungern und verburften miffen. Bei 
ber Dürftigkeit der Vegetation und dem Mangel an Wafler 
find natürlich, mit Ausnahme der am Strande und hier von 
ben Erzeugniffen des Meeres lebenden Scevögel, nur fehr 
wenige wilblebende Landvögel anf der Infel heimiſch, 
bie bloß zeitweilig auf ihren Wanderungen als Gäfte ſich 
hier niederlaffen und dann and, wohl, wie die Wachteln, 
Gegenftand der Jagd bilden. Ginftigere Eriftenzbedinguns 
gen finden im Allgemeinen die Reptilien auf dem trodes 
nen Boden, von denen einige Eibechjenarten hier vorfommen, 
während Schlangen völlig fehlen, felbjtverftändlic, ebenfalls 
Amphibien. Auch die Ötieberfüßter, insbefondere bie 
Infelten, find verhältnigmäßig ſpärlich vertreten, und von 
Landgehäufefhneden find bisher zehn verfchiedene Ar- 
ten gefunden worden, von bemen eine eine ſehr zierliche, 
friſchweiße Form (Pupa acarus) liberaus häufig dort vor 
zufommen feheint, da fie, zu großen Schnüren perlartig aufs 
ereiht, als Schmuckgegenſtand vielfach von den Negern zum 
erfauf angeboten wird. Möglich, freilich, daß diefelben 
auch von anderen Infeln nad) S. Vincente, als der den 
meiften Fremdenverlehr bietenden Inſel, gebracht werden. 
In hohem Grade befriedigt von meinen Heinen Streif- 
touren und reich beladen mit ben am Wege geſammelten 
Objekten fehrte ich in die Stadt zuritd und fand nun noch 
Gelegenheit zu einer genauern Umfcau in der Stadt und 
dem Hafen, die mir noch manche intereffante Beobachtungen 
boten und die auf Schritt und Tritt berebtes Zeugni ab: 
legen von der eigenthlimlichen und raſchen Entwidelung 
und der nunmehrigen Bedeutung dev Heinen atlantiſchen So: 
lonie, Und wie eigenthlimlich die Entwidelung diefer Kolonie 
eweſen ift, die früher die geringfte aller war und deren 
ohner, oft unter unfäglichen Yeiden, ein kummerliches 
Daſein frifteten, und wie groß nun plöglic, ihre Bedeutung 
für) den ganzen capverdiſchen Archipel geworden ift, möge 
uns ein kurzer Rucklick auf die Geſchichte des merkwitrdi- 
gen Heinen Eilandes zeigen. 


Bon der Nordfüfte Auftraliens. 
Bon 9, Greffrath. 


Wir entnehmen ans dem Reifeberichte eines Engläns 
ders, welcher im März diejes Jahres den Often der Nord» 
füfte von Auftralien befuchte, folgende Mittheilungen tiber 
die wichtigeren unter den dortigen Infeln. 

Der Mittelpunkt und Hauptort der in der Torres— 
ftraße betriebenen Berlmufchels und Trepangfifcherei ift das 
an der äußerſten Nordfitfte der Kolonie Queensland in 
10°33° füdl. Br. und 142°10° öftl. %. Gr. gelegene 
Thursday Island. EI wird in der Entfernung von 
ein bis zwei engliihen Meilen von den Heinen Infeln 
Prince of Wales, Horn, Hamond, Friday, Wedneoday und 
Goode im Kreiſe umſchloſſen. Das dortige Klima ift ger 
fund, die Temperatur fteigt felten über 260R. Bor went: 
gen Jahren wurde die auf der Inſel Somerfet (30 Miles 
ſüdöſtlich davon gelegen) befindliche NRegierungsanfiebe- 
lung, wie es heißt, nad) Thursday Island verlegt, weil 
diefe Inſel fir Schiffe, welde den innern Kanal des 
Barrier Reef der Torresftraße pafjiren wollen, beques 
mer liegt und weil fie einen guten, gegen Sturmes- 
gefahr ſichern Hafen bietet. Die öffentlichen Gebäude, 


ſämmtlich am der öftlichen Küfte, beftehen aus einem Ge: 
tichtshofe, einem Gefüngniß, einem Magazin, aus Polis 
zeibaraden und einer Wohnung des Polizeimeifters Mr. 
Cheſter. Auch am zwei fogenannten Hötels fehlt es nicht, 
welche mit dem Fiſchern, die ſich im der Megenzeit immer 
gern auf und bei der Infel aufhalten, glänzende Gefdjäfte 
in Spirituofen machen. Es kommt vor, daß in einem 
Tage 200 Pf. St. darin wumgefegt werden; bie wilde 
Wirthichaft läßt fic denfen! Die englifche Regierung bes 
abſichtigt, auf Thursday Island eine Kohlenftation anzu—⸗ 
legen und auf dem Big Dill dafelbft eine Batterie, welche 
im Stande ift, in Zeiten der Kriegsgefahr den Eingang 
der innern Paſſage des VBarrier Reef zu beherrfchen. Der 
vorgenannte Mr. Chefter, bemerft unfer Gewährsmann, ift 
der König der Torresftraße; Todesſtrafe ausgenommen, 
herrſcht er abſolut. Er ift dabei eine „walking encoyelo- 
paedia* über alle fein Territorium angehende Angelegen- 
heiten, und wenn man bei ihm anfragt, ftellt er ſtets den 
ganzen Scha jeines Willens bereitwilligit zur Verfügung. 
Gegen Ende vorigen Jahres befuchte der deutſche Natur: 


Aus allen Erdtheilen. 13 


forfcher Dr. Otto Finſch Thursday Island. Er fanmelte 
Scyädel der Eingeborenen 'und legte ein Herbarium aus 
der dortigen Pflanzenwelt an, und feste dann feine Reife 
nad) Neu- Guinea fort (vgl. Globus Bd. 41, ©. 287). 

Im März diefes Jahres waren in der Torresſtraße 
102 Fahrzeuge mit der Perlmufcelfifcherei und 31 mit 
dem Fange des Trepang (böche de mer, sea slug, sea 
cucumber) bejdjäftigt, und das dazu verwandte Perfonal 
beftand aus 50 Weißen und 800 Farbigen. Fir den er 
forderlichen Gewerbefchein (licence) wurden jährlich uns 
gefähe 400 Pf. St. vereinnahmt. Der Export des Jah: 
res 1881 ergab 392 Tonnen Muſcheln und 90 Tonnen 
Trepang, im durchjchnittlichen Werthe von vefp. 130 und 
90 Pf. St. per Tonne. 

Die Trepangfifcherei findet meiftens im Dften ber 
Torresitraße ſtatt. Sie wirft geringern Gewinn ab, weil 
die Mühe dabei größer ift, und weil, wenn die Zuberei— 
tung nicht jehr vorfichtig geleitet wird, das Ganze leicht 
unbrauchbar wird. Die ſchwarze, wie eine Gurke geformte 
Holothurie hängt an den Kiffen, und am diefe fahren die 
Fischer zur Zeit der halben Ebbe ihre Boote, welche dann 
bei vgller Ebbe faft auf dem Grunde zu liegen kommen. 
Das Einſammeln geht nun raſch vor ſich und ift mit ein⸗ 
tretender Fluth zu Ende. Der Fang wird darauf an die 
betreffende Station, wie fie jebe der Fiſchereigeſellſchaften 
auf einer der vielen Heinen Infeln befigt, abgeliefert, hier 
gereinigt, halb abgekocht und in einer Art Räuderfammern 
getrodnet. Gerade das Trodnen verlangt große Vor: 
ſicht. Es kommen dabei drei verfcdiedene Temperaturgrade 
in Anwendung, und die geringfte Abweichung davon vers 
dirbt Alles. Wenn der Trepang ald Handelsartifel fertig 
ift, fieht er aus wie Sohlleder oder dide Baumrinde und 
geht meiftens nad; China, wo man darand eine dort fchr 
geſchätzte Suppe bereitet, welche jelbft von Fremden nicht 
verachtet wird. 

Eine fehr traurige Erfcheinung, bemerkt unfer Reifen 
der, ift die durch die Fiſcher unter den ſchwarzen Frauen 
an ber Kuſte des Kontinents und auf den Infeln veranlaßte 
Proftitution. Es entftchen dadurch nur zur häufig Kon: 
flifte, wobei dann die Eingeborenen, welche nur ihr gutes 
Recht vertheidigen, wie die Hunde niebergefchoffen werben. 
„Christian Governments and Christian men take little 
account of the shooting of the natives* (fir hriftliche 
Regierungen und chriftliche Männer ift das Niederfchießen 
der Eingeborenen von wenig Belang), heift es in dem 
Reiſeberichte. Man nennt es „black erow shooting“ 
(Rabenſchießen), und fpricht ganz vergnäigt davon, wie der 
Jäger von feinem Yagdvergnügen. Man fucht ein Yager 
der Eingeborenen auf und da wird dann darauf losgeknallt, 
und die, welche fo hingemordet werden, find an dem vere 
meintlichen Unrechte, welches irgend wo irgend ein Schwar- 
zer, indem er feine Frau gegen Proftitution vertheidigte, 
begangen haben foll, meift eben jo unfduldig wie Queen 
Victoria. So unfer Gewährsmann, der ein Engländer ift. 

Das ebenfalls noch zu Queensland gehörige Booby 


Island, ehemals unter dem Namen „the Torres Strait 
Post office“ befannt, ift jegt unbewohnt. Es befand ſich 
dort früher ein Brieflaften, und vorbeifahrende Schiffe 
pflegten Briefe hineinzuſtedden und folde, welche etwa für 
die von ihnen zu berlihvenden Häfen beftimmt waren, zur 
Beförderung herauszunehmen. Auch war es Gehraud), 
daß Schiffe dort Borräthe für verunglitcdte, dorthin ver— 
ſchlagene Seeleute lagerten. Als es fid) aber dann her: 
ausftellte, daß diefe Sorräthe von den Eingeborenen ande: 
rer Infeln und jelbft von gewifjenlofen Europäern geraubt 
wurden, ging die ganze Einrichtung wieder ein. 

Port Ejfington wird durch eine tiefe, am Eingange 
7 Miles breite Bucht im Norden der Coburg Peninfula 
gebildet, zu deren Seiten ſich niebriges und flaches Yand 
ausbreitet. Die Einfahrt in den Hafen ift wegen des 
davor liegenden DOrentes-Riffes, fogenaunt nad) einem 
Schiffe, welches dort jcheiterte, ſchwierig und gefahr: 
voll. Im Jahre 1831 ließ die engliſche Regierung durch 
Sir Gordon Bremer in Port Effington eime militärifche 
Station anlegen und den Hafen als Zufluchtsort für Schiffe 
erklären. Uber ſchon nad) 19 Jahren ging die Station 
wieder ein, und es erinnern jegt nur noch Ruinen, fowie 
ein mächtiger Tamarindenbaum, der als Wunder der Juſel 
gilt, am jene Zeit. Auch trifft man noch zahlreiche Buffas 
108, welche von jener militärischen Anfiedelung herftammen 
und verwildert find. Ein Spefulant verfuchte vor etlichen 
Jahren diefelben zufammen zu treiben und zu zähmen, und 
das Fleiſch dann nad) Port Darwin zu verkaufen, hatte 
aber damit wenig Erfolg. Eine Anzahl von Kapitaliften 
will jegt einen neuen Verſuch diefer Art machen. Eine 
vor nicht langer Zeit auf Coburg Peninfula unternommene 
Nindvichzucht hat bisher ebenfalls nur geringe Erfolge er- 
zielt. 

Melville Island, 75 Miles lang und 38 Miles 
breit, ift durch die 14 Miles weite Clarenceftraße vom 
auftralifchen Kontinent getrennt. Die Infel ift jehr Frucht: 
bar und befigt mehrere gute Häfen. Die zahlreichen Ein- 
geborenen find wild und blutdürſtig wie die Milliarden der 
dortigen Mosfitos. Aus diefem Grunde haben feit dem 
Jahre 1840, wo bie in Fort Dundas am Sting Cove un— 
ter militärischer Aufſicht gegeitndete Anfiedelung von Sträf- 
fingen nad} ſechszehnjährigem Beftchen und vielen Kämpfen 
mit den Eingeborenen wieder einging, nur wenig Weiße 
gewagt, die Inſel zu betreten, Das Yand ift meiftens nies 
drig und bis an die Küfte him dicht bewaldet. Hier und 
dort ſtößt man auf mächtige Felſen, die höchſte Erhebung 
beträgt 320 Fuß. Die Infel beſitzt zwei oder drei Fluſſe, 
von denen ber eine auf einer kurzen Strede ſchiffbar ift. 

Bathurft Island, durch die eine englifche Meile 
breite Apsleyſtraße von Melville Island getrennt, hat 
einen Umfang von ungefähr 30 Miles und befigt einen 
großen Hafen, in weldem eine ganze Flotte Schuß finden 
fan. An den mehr offenen Stellen der Infel wachen 
die Sagopalme, Fäherpalme, Bandanıs, Eufalypten u. |. w., 
wie überhaupt die Infel große Fruchtharkeit anzeigt. 





Aus allen Erdtheilen. 


Europa 


— Die Auswanderung ans Fraukreich ift am ſich 
wenig erheblid; und geht in neuerer Zeit immer raſcher zu: 


rüd; denn es verliefen die Heimath 1872: 9214 Perfonen, 
1873: 7141, 1874: 6755, 1875: 4464, 1376: 2867, 1577: 36606, 
und auch biefe Auswanderung wird zum größten Theil nur durch 
bie. unwirthliche Natur weniger Departements hervorgerufen, 





14 Aus allen Erdtheilen. 


wo Mangel an Erwerb die Bewohner zur Auswanderung 
zwingt. 

— Ad Refnltat der am 31. December 1881 vorgenoms 
menen Volkszählung in Rom fammt Vorftädten und dem 
fogenanmten Agro Romano ergab fi eine Gefammtbevölle⸗ 
rung von 304402 Seelen, wovon 170110 dem männlichen 
und 134292 dem weiblichen Geſchlechte angehören, Seit 1871 
ift das eine Bevölkerungszunahme von 55 %08 Seelen. Auf: 
fällig iſt das große Ueberwiegen der männlichen Bevölkerung 
und die geringe Differenz, welche feit 1871 ftattgefunden hat. 
Damals beftand das Verhältnig von 118 männlichen zu 100 
weiblichen Individuen, und das hat fi nun zu dem Ver: 
hältniffe von 115 zu 100 gebeifert. (Regiftrande Bd. NIE.) 

— Im Jahre 1831 wurden nördlich, weſſlich und füdlich 
der Stadt Abo in Finland 1567 Quadratwerſt anfgenom:- 
men, Gin Vergleich der neuen Aufnahme mit älteren Karten 
zeigt, daß die Infeln der Gegend um Abo an der ftetigen 
Hebung theilnehmen, welde au der Feſtlandsküſte von Fin- 
land fhon lange beobachtet it; denn Inieln, die vor 30 Jah: 
ren noch durch Mecresarme von der Küfte getrennt waren, 
gehören jett ganz zum fetten Lande, 

— In der Situng der Seltion für Statiftif der Ruſſi— 
ſchen Geographiichen Geſellſchaft vom 16, (28.) April d. J. gab 
Herr Erſchow eine furze Meberfiht über die Bertheilung 
des Örundbefiges im Gouvernement Ufa, das 
befanntlich wegen Verſchleuderung dortiger Domänen in 
letter Zeit vielfach) genannt wurde, An anbaufähigem Lande 
find mad) officiellen Angaben im Gouvernenent vorhanden 
10316341 Desjatinen (& 1,09 Heltar), an nicht anbaufähigem 
478578 Desjatinen. Von der ganzen anbaufäbigen Fläche 
find Staatseigenthum noch 372876 Desiatinen, es gehören 
Landgemeinden 6706083 Desjatinen, Großgrundbeſitzern 
2678211 Desjatinen, Bergwerfen 459 155 Desiatinen, dem 
Domänendepartement 83764 Desiatinen, Städten 13135 
Desijatinen und Kirchen und Klöſtern 8121 Desiatinen. 
Mit Wald bedet find 5337309 Desjatinen Landes, Der 
Viehſtand des Gouvernements beträgt: 571565 Pferde, 
358 707 Stüd Rindvieh, 851657 Schafe, 201970 Ziegen, 
222 Kameele und 111755 Schweine. Am reichten an Pfer— 
den und Rindvieh ift der Kreis Birsk, an Schafen der Kreis 
Menzelinst. 





Yfien 


— Der ruſſiſche Negierungsanzeiger vom 2. Juni pubfi- 
eirt einen faiferlihen Ulas, durch weldhen dad wertfibiri- 
She Generalgouvernement aufgehoben und bie Bil- 
dung eines Steppengouvernements, weldes die Gebiete 
von Afmolinst, Semipalatinst und Semiretſcheusl umfaßt, 
angeordnet wird. 

— Die Soeiett Acadämique Indo-Chinoise hat kürzlich 
zwei ihrer Mitglieder, die Ingenieure Henri de Befine 
Larue und Maurice Geny, beauftragt, die im Jahre 1879 
den Herren Wallon, Guillaume und Courret übertragene Auf: 
gabe zu löfen, deren Ausführung durch die am 30. März 1880 
auf Sumatra erfolgte Ermordung der beiden erfieren fo um: 
glüdlich unterbrochen wurde. Die Reifenden follen von der 
Wehfüte Sumatras aus den See Putſchut-Laut erreichen, 
denfelben und feine Anwohner erforschen, dann nach der Dit 
füe achen und weiter die fiameffchen Provinzen der Halb— 
infel Malalka befuchen. — Eine andere Miffion foll M, Geor- 
ges Garanger, der bereit von Marfeille abgereift it, in 
Ober Birma erfüllen, Meben wifienfchaftlihen Zweden wird 
er Daten über Aderbau, Handel und Gewerbe in Birma, 
Naturprodukte und Mamufakturen fammeln, durch welche die 
franzöfifhen Erportenre lernen follen, fih dem Geſchmacke 
und den Wünſchen der Eingeborenen anzupaffen und fich bort 
einen Markt zu erwerben. (Wird England, das die Mün— 
dungen des Framabi in feiner Gewalt hat, und dem biefer 
Strom felbft eben von Birma zu freier Befahrung eröffnet 
worden iſt, ſich dort franzöfiihe Mitbewerber gefallen laſſen?) 


— Manufaktur, Verkauf und inländifher Konfum des 
Tabals auf den Philippinen find vom 1. Nanuar 1882, 
Anbau und Kultur deffelben vom 1. Juli 1832 ab völlig frei 
gegeben. Damit werden die Bewohner, welche ſich mit dem 
Tabalsbau befdyäftigen, aus einer Art Hörigkeit befreit, bie 
ihnen von der Megie durd bie Beſtimmungen über Tabaks— 
anbau und Handel auferlegt war. 

— In der Sikung der Ruf. Geogr. Geſellſchaft vom 
13. (25.) April hielt der Ingenieur von Schulz, Mitglieb 
der Orenburger Sektion der Gefellihaft, einen Vortrag über 
die im Jahre 1880 vom General Struve veranftaltete Erpe: 
dition zur Auffuhung der vortheilhafteften Trace 
für die in NHusfiht genommene Eifenbabn von Oren— 
burg bis zum Aralſee. Der Vortragende, weldyer an 
ber Spite diefer Erpebition geſtanden hatte, fand, daß ber 
ganze Weg von Orenburg bis Karatugai am Sur darja in 
der als vortheilgaftene gewählten Richtung einer Strede von 
720 Werft, durch ebene Steppengegend führt, die nur auf der 
furzen Strede durdy die Muhobfhar » Berge ihren Charakter 
etwas ändert. Dieſe Berge aus kryſtalliniſchem Genein ber 
ftehend, find reich an Süßwaſſerquellen, aus denen zahlreiche 
Flüſſe ihren Ursprung nehmen, die aber bei der Armuth des 
Landes an atmofphäriihen Niederſchlägen nicht beſonders 
wajlerreich find. Nur die füblichfte Strede des Weges durch 
die Sandwüſte Karasfum trägt einen eigenartigen Charakter, 

Von Orenburg ging bie Erpebition zum Fluffe Ilek und 
dann im Thale deffelben zum Fort Aftiube, wo bie bis 40" R. 
gefteigerte Hize zu läugerm Verweilen nöthigte. Das Fort 
liegt unweit de3 Zufanımenftuffes des Teresbutaf, der Jakſcha 
und des Dihamankargal, Dieſe drei Flüßchen ſchlängeln ſich 
durch felſige Erhebungen, welche erſichtlich der permiſchen oder 
Tertiärformation angehören. Die dort ſich findenden Kalk: 
fteine, Gyps, rother Sandftein und Songlomerat find zu 
Bauten fowie namentlih das letztere zur Anfhüttung des 
Bahndanımes gut geeignet. Jenſeit Aktjube erhebt ſich mit 
doppelten Kamme der Berg Airjuf und füblich der Dihakfi- 
tau und Dſhamantau. In dieſem Gebirgsfamme wird Eifen- 
erz und Magneteifen angetroffen. Im der Nomabdenfteppe 
hinter den Muhodfbar Bergen findet ſich eine ganze Reihe 
audgetrodneter Seen und Waſſerleitungsgräben. 

Die Unterſuchung am Nordufer des Aralfee zeigte, daß 
die Anlage eines Hafens am zwedmäßigften in der Schige— 
bas-Bai etfolgt; der Perowsti-Bufen hat nur ganz feichtes 
Waffer und ift mit Schlamm gefüllt, im Tſchernyſchow-Buſen 
aber wäre eine Hafenanlage nur mitteld Dammbauten mög: 
lich. Am 22. Auguſt a. St. kehrte die Expedition vom Aral— 
fee zurüd, deffen Spiegel, dem gleichzeitig mit dem anderen 
Unterfuchungen ausgeführten Nivellement zufolge, 175 engl. 
Fuß tiefer liegt als der Nivellementspuntt am Eifenbahnts 
Rationsgebände zu Orenburg. Vom See ab fteigt das Ge— 
fände fletig am und bildet num eine Sandfteppe, die durch 
eine fcharf ausgeprägte Linie von dem bisherigen Lehmboden 
abgegrenzt if. Der größte Theil der Sandwellen in mit 
Pitanzen bededt, deren Wurzeln ſich zm einem förmlichen 
Netze verzweigen. Der Sand ſelbſt ift der gewöhnliche quarz⸗ 
haltige Flugſand, der hier und da auch kalkhaltige Stüde von 
mehr oder weniger culindrifcher Form enthält. Die Erpebi- 
tion fchrte anfangs Oktober nad) Orenburg, das fie im Mai’ 
verlaſſen hatte, zurüd, 


Afrifa. 

— Bon’ Suſa in Tunefien haben die Franzofen cine 
feine Kolonne nad) el-Dfhem, dem antilen Thysdrus, 
abgefendet (beffen mäctiges römiſches Amphitheater auf S. 9 
des 20. Bandes des „Blobus* abgebildet if) und laffen dort 
regelrechte Ausgrabungen veranftalten. Es wurden ſchon 
fehr ſchöne Ruinen, Statuen und Münzen gefunden, 

— Ron Dr. Junker veröffentlichte die St. Peteröbur: 
ger Zeitung vom 10. (22.) April zwei Briefe vom November 
und December 1881, aus bemen fich ergiebt, daß frühere 


Aus allen Erdtheilen. 15 


Schreiben Europa nicht erreicht haben;.benn er fett ben Ver: 
lauf feiner Reifen als befannt voraus und foielt auf diejel- 
ben nur an. Zu Beginn des Jahres 1881 fehidte er feinen 
Begleiter Bohndorf nach Nordweften zum Fürften Saffa, ver: 
abſchiedete fich von feinem Gaftfreunde, dem Niamnjam: 
Häuptlinge Ndoruma (5° nördl. Br, 27%,° öfl. 2. Gr.), und 
zog ſüdwärts durch das Land der Amadi, welde am Norb: 
ufer des durch Schweinfurth befannt gewordenen UM &lle fiben. 
Er überfhritt diefen Fluß, um den Fürften Bakangai zu er- 
reichen, wurde aber von den Abaramıbo ausgeplündert und 
mebrere Monate lang feitgehalten, bis es ihm mit Hilfe von 
Saſſa's Leuten gelang, wieder auf das nördliche Ufer dei 
Uelle zu gelangen. Dort wartete er bei den Amadi bis zum 
August vergeblid) auf eine Gelegenheit, wieder nach Süden 
borzubringen, und begab fih dann nad) der ägyptischen feften 
Station, welde zwei Tagereifen öflich von den Amadi, im 
öftlihen Gebiete der Abarambo und auf dem füdlichen Ufer 
bes Welle, errichtet worden ift, Der zweite Brief vom 26, 
December meldet, daß die Abarambo für ihren Ueberjall ge 
züdhtigt wurden, und daf der Reifende im Begriffe ftand, zu 
Bakangai zu reifen. „Ein Diener, den ic; zu Balaugai ge 
ſchickt hatte, Fam geftern mit guten Nachrichten zurüd und 
bradjte mir als Geſchenk des Fürſten einen Schimpanfe und 
drei Elephantenzähne. Bakangai ſchickt außerdem Leute, die 
mid in fein Land führen follen.” Junker hoffte Ende Fe: 
bruar 1882 von dort wieder im Monbuttu Lande einzutref: 
fen; indejien ſchrieb Emin:Bey (Dr. Squuitzler), welcher Jun: 
ler's Briefe übermittelte, daß er jelbft bei Bafangai mit jenem 
zufammtentrefien, und im feiner Geſellſchaft weiter nad) 
Südweiten vordringen wollte, jo daß vielleicht die Reife eine 
weit größere Ausdehnung erlangen und zu wichtigen Neful- 
taten führen wird. 

— Ein vielverfprechender NReifender, ein gewandter Beob: 
adıter der Natur und ein offener ehrlidier Charakter ging ber 
Afrilaforſchung verloren, ald am 5. Februar 1875, nod) nid) 
35 Jahre alt, Frank Dates nördlih von der armfeligen 
Niederlaffung Tati im Lande der Mafalafa dem Fieber erlag. 
Der „Slobus* zeigte damals nur kurz feinen Tod an (Bd. 28, 
©. 14 und Bd. 29, S. 49); erft jetzt aber it es möglich) den 
Werth des Mannes zu ermeſſen, nachdem feine hinterlaffenen 
Tagebücher, geographifden Aufnahmen und Sammlungen in 
England bearbeitet und herausgegeben worben find. (in 
Bruder des Verftorbenen, Mr. C. G. Dates, bat ſich in 
dem Buche „Matabele Lands and the Victoria 
Falls* (London 1881) diefer nicht fehr dankbaren Mühe 
unterzogen — es ift immer ein mißliches Ding, Tagebücher 
eines andern zu verarbeiten und eine Neife zu befdreiben, 
welde man nicht felber gemacht hat. Die Pietät der Familie 
gegen den Verfiorbenen zeigt fid darin im dem beften Lichte: 
die Sammlungen wurden hervorragenden Fahmäntern ber: 
geben, und was ſich darunter Neues fand, wurde von dieſen 
in ben wiſſenſchaftlichen Anhängen befdrieben, zum Theil 
unter Beigabe vorzüglicer farbiger Abbildungen, jo die 
Bufhmann-Stelete von G. Nollefton, die Vögel von R. Bowb- 
ler Sharpe, die Schlangen von A. Günther, die Injekten von 
I. D. Weſſwood, die Pflanzen von D. Dliver. Ein neuer 
Bogel, eine Schlange, zwei Pflanzen tragen von nun an den 
Namen Dates’. And) fonft iſt das Buch reichlich mit Farben- 
brudtafeln und fhönen Holzſchnitten ansgeftattet, welche die 
zum Theil wenig anziehenden Landicaften des durchzogenen 
Gebietes, Tiere, ethuographiſche Gegenſtände zc. meift mad 
Zeichnungen von W. E. Dates, ber feinen Bruder anfangs 
begleitete, barjtellen. Unter denfelben verdient die farbige 
Abbildung des weftlihen Endes der Bictoriafälle Hervorhe: 
bung; Franz Dates ift der einzige, weldjer diefelben zur Zeit 
des Hochwaſſers befudhte, weshalb es doppelt zu bedauern if, 
daß fein Tagebuch darüber nur die wenigen Worte vom Nen: 
jahrstage 1875 enthält: „Rad dem Frühſtücke bejuchte ic) 
die Fülle — ein unvergeßlicher Tag.“ Wenige Wochen dar: 
anf mußte er fein Wagnif, dad Naturwunder gerade zu bie: 


fer Jahreszeit zu ſchauen, mit dem Leben bezahlen, und damit 
wurben aud) feine größeren Pläne, welche anf+die Länder 
im Norden des Zambeft und ven Bangweolo- See gerichtet 
waren, zu Grabe getragen. Seine naturhiſtoriſchen Samm: 
lungen und feine Karteuſtizzen les find aufer einer Ueber— 
fichtöfarte deren drei dem Buche beigegeben) legen Zeugniß 
dafür ab, daß er and größeren Aufgaben gewachfen wäre. 
Wir werden in den nächſſen Nummern einige furze Auszüge 
aus dem Buche mittheilen. 

— Am 2. Juni it Savorgnan be Brazza nad) 
Paris zurüdgefehrt, nachdem er 2'% Jahr im äqua— 
torialen Afrika verweilt, dort drei franzöfiiche Stationen, dar: 
unter die am weiteren landeinwärts gelegene von allen big: 
ber eriftirenden, errichtet, zweimal das Gebiet zwifchen dem 
oberen Ogowe und dem mittleren Congo gefreuzt und bort 
fogar einen Weg bergeftellt hat. Zuletzt hat er das noch un: 
befannte Gebiet zwilchen dem Ogowe und Landanga (an der 
Loangofüfte) durchzogen. 

— Der Nührigkeit Stanley's it e3 gelungen, bie 
Verbindung von Jjangila und Manjanga am Congo 
ganz zu Waſſer zu vermitteln. Den Dienft zwifden beiden 
Punkten beforgt der Stromdampfer „Noyal*, welcher nur 1 m 
Tiefgang hat. Bei tiefem Wafferftande it indeß die Schiff: 
fahrt unmöglich; auch muß für gewöhnlich ſchon der Dampfer 
bei den Stromidnellen mittels eined Taues weitergezogen 
werden. Auf der ganzen Route ift der Fluß mit Felſen 
durchſetzt, wodurch die Fahrt ſehr gefährlich wird. Oberhalb 
Maujanga verhindern die Kataralte von Ntombo Mafata 
auf eine Strede von 11km die Schiffahrt vollfändig; doch 
kaun darüber hinaus anf einer Länge von 20 km ein Dampfer 
wieder in Thätigkeit treten. — Die Stationen der „Asso- 
eiation internationale* am Congo find big jetzt Vivi, Ian: 
gila und Manjanga. Eine nene Niederlaffung wird in Boma 
errichtet werben; außerdem hat Stanley noch eine Station 
zwiſchen Manjanga und Stanley-Pool in Ausſicht genommen. 

— Ende Mai ftattete Kapitän R. F. Burton vor ber 
Londoner Society of Arts Bericht über feine Neife nad 
der Goldküſte ab. Als er am 25. Januar d. J. in Arim 
landete, hatte er den von vielen getheilten Zweifel, ob bie 
Minen und Diggings and rentiren wilrden — vollftändig 
beruhigt ift er zurüdgelehrt. Von den vier Hindernifien, 
weldje als die fdlimmften galten — Einſpruch Seitens der 
Aſchauti, die Koften für den Transport von Maſchinen und 
für geſchickte Arbeit in einem wilden Lande, Mangel an Ar: 
beitern und das Klima — find nad) feiner Meberzengung zwei 
nur Trugbilder und die anderen beiden. laſſen ſich Teicht 
überwinden. Jenes Land ift in der That von erſtaunlichem 
Goldreichthume, dem nichts in Californien ober Brafilien 
gleichtommt. Die eingeborenen Weiber haben ans dem Sande 
der Meeresfüne Gold ausgewaſchen; nad Negengüffen fieht 
man in den Strafen Arims Goldflitter gligern und Bold ift 
enthalten in dem gelben Thon, mit weldiem die Flechtwände 
der Hütten und Hänſer beflebt find. Durch Wafden wurden 
V bis 4 Unzen per Tonne erzielt. Während des letzten 
Jahrhunderts hat diefer Theil der Wenküne Afrikas jährlich) 
für 3 bis 3%, Millionen Pf. St. Gold in Geftalt von Staub, 
Körnern und Barren angeführt; in Folge der Abſchaffung 
der Sklaverei und der Freilaſſung der Leibeigenen ift diejer 
Ertrag im letzten Jahrzehnte auf 126000 Pf. St. gefunfen. 
Durch Maſchinen läßt ſich aber diefer Ausfall mehr als er: 
jegen, und England braucht nur zuzugreifen, um feine im 
letter Zeit von 25 Mill. Pi. St. auf 18 Mill. Pf. St. gefun- 
fene jährlid;e Goldzufuhr wieder voll zu erhalten. (Auch Pro: 
feffor Gümbel in München, welchem Proben des goldführen- 
den Geſteins vorgelegen haben, ſpricht ſich dahin aus, daß es 
faum cin Land geben dürfte, „weldes eine jo nachhaltige Ge: 
winnung in Ausficht ftellt, wie diefe Binnenländer der Gold: 
füne*.) 


16 Aus allen Exdtheilen. 


Infeln des Stillen Oceans. 

— Am 7. Mai fpradh in der Berliner Gefellichaft für 
Erdkunde Korvettenkapitän Hoffmann über „Wahrnehmun: 
gen an einigen Korallenriffen in der Südfee* nnd 
fam dabei zu folgendem Schluffe. „Ic glaube — fagte er —, 
daf wir noch weit entfernt find, diefe wunderbaren Bauten 
vollftändig zu erflären. Man wird es aufgeben milſſen aus 
einheitlichen Geſichtspunlte fo außerordentlich mannigfaltige 
Erſcheinungen zu deuten. Man wird, wie auf allen anderen 
Forihungsgebieten, ſich zu ſyſtematiſchen Beobachtungen wen: 
den müffen. Dazu if bis jeyt kaum cin Anfang gemacht. 
Kaum irgendwo ift es möglich, mit Sicherheit Beränderungen 
nachzuweiſen, die fi im Laufe der Jahre ergeben haben, da 
nirgends die Grundlagen für ſolche Beobachtungen geſchaſſen 
find. Die Tiefen anferhalb und innerhalb der Lagunen find 
nur ganz oberflächlich an wenigen Stellen unterfudht. Der 
geologischen und chemiſchen Unterfuhung if bier noch ein 
offenes Feld gelaffen. Mit dem Fortichreiten der geographis 
fen Keuntniß der Südfee, mit der Erforfhung der Tiefen: 
verhältniffe und der Grundbefhaffenheit der Dceane wird fich 
erſt eine hinlängliche Grundlage ſchaffen laſſen für eine ge 
nilgende Erflärung der Entftehung und Fortbildung ber 
Korallenriffe. Zuſammen mit vielen anderen Problemen ber 
Phyſik der Erde wei auch da3 vorliegende darauf hin, daß 
früher oder fpäter als dringliche Aufgabe der Geographie 
bie ſyſſematiſche Meeresforihung fpeciell der Süd— 
fee auf die Tagesordnung treten muß.“ 

— Im Bereine für Erdkunde zu Halle ſprach am 10. 
Mai d. J. Dr. von den Steinen über die Samoa: In: 
feln und namentlich über beren Bevölkerung, wie er 
diefelbe bei mehrmonatlichem Aufenthalt auch auf der felte: 
ner befuchten, am weiteften gen Oft gelegenen Untergruppe 
ber Manua »Eilande fennen gelernt hat. Für größere Plan: 
tagenanlagen find die letteren zu Hein, Savaii und Tutnila 
zu fehr gebirgig, nur Upoln dafiir gut geeignet wegen feines 
breitern ebenen Küftenfaumed, Das Volk in polynefiich 
fireng in drei Stände gefchieden: zwifhen dem gemeinen 
Stande und der Häuptlingsaritofratie ſteht noch eine Art 
Gelehrtenkaſie, deren Mitglieder die nationalen Traditionen 
zu bewahren haben und in den Bollsverfammlungen bie 
Sprecher ftellen, während dabei die Hänptlinge ſchweigen. 
Das geichledjtliche Leben vor ber Verheirathung ift ungebun⸗ 
den, firengerer Sitte unterfiellt das eheliche, die Scheidung 
jedod; leicht. Die -unverhetratheten Burſchen jeder Anficher 
Inng erwäblen ſich einen Führer, „Manaia*, d.h. der Schöne, 
genannt, ebenſo die Mädchen eine Führerin, die Taupo“, 
die bei Tanz und Spiel an ihrer Spite fleht, gleich dem 
„Manaia* jogar eine Art von ftändiger Gefolgichaft um fid) 
ſchart und allein im Stamme verpflichtet ift, während ihrer 
Führerichaft eine Jungfrau zu bleiben. Huf Manua bat 
noch bis 1876 die Würde des priefterlichen Königthums, des 
„Tui Manua“, beftanden; merkwürdige Schöpfungsfagen 
und. bifiorifivende Legenden, weldhe Dr. von den Sreinen 
auf Manunaga fammelte, denten darauf, daß von diefen öflich- 
ften Samoa-Infeln erft die Befiedelung Savaiis, dann 
Upolus und Tutuilas erfolgt ift. 


SBüdamerika. 
— Berichtigung. Wir müſſen leider einige Irrthü— 
mer in der Bezeichunng von. Flluftrationen des 40. Bandes 


Inhalt: Die Meteora I. 


(Mit vier Abbildungen.) — Mecheln I. 


des „Globus“ berichtigen, welche indefjen nicht durch unfere 
Schuld entftanden find. Uns machte darauf Herr Albert 
Friſch in Berlin, früher in Rio de Janeiro, aufmerffam, 
welcher feinerzeit 14 Monate lang am obern Amazonenftrome 
gereift it und damals bie photographifchen Originale der in 
MNede flehenden Bilder angefertigt hat. Wie Herr Erevanr 
dazu fam, diefelben mit falfchen Bezeichnungen zu veröffent: 
lichen, ift uns nicht Harz korreft kann man ſolches Verfahren 
ſchwerlich neunen. So ftellt das Bild auf S. 80 nicht den 
Amazonenftrom bei Tabatinga und die Abfahrt von aut: 
ſchukſammlern dar, fondern den Rio Negro bei Manaos 
und bolivianifhe Indianer, wie foldie in ganzen Trupps 
alljährlid, in den Monaten Januar bid Mai in Manaos 
und weiter ſtromab, namentlich in Serpa, der Mündung des 
Madeira gegenüber, anzutreffen find. Diefelben fonımen als 
Nuderer anf den großen Haudelsbooten den Rio Madeira 
herunter und gehen gewöhnlich, mit demfelben Herrn, der fie 
in Bolivia gemiethet hat, wieder dorthin zurüd. Kautſchul⸗ 
fammler wirb man wohl nie in folder großen Anzahl zu: 
fammentreffen, weil berem ftet3 wenige genügen, um felbft 
ein großes mit Kautſchulbäumen beftandenes® Areal auszu— 
beuten. Die anf S. 293 abgebildete Hütte gehört nicht den 
Orejoned- Indianern am Ica, fondern Tecunas, welche 
etwa 10 ſpaniſche Leguas unterhalb Tabatinga die Ufer eines 
Sees bewohnen. Die beiden an Baumflämmen hängenden 
Schädel im Borbergrunde des Bildes find in der Original- 
photographie harınlofe Körbe. Möglich ift es ja immerhin, 
daß auch die Orejones ſolche Hltten banen, zumal Crevaur wie, 
berholt darauf hinweiſt, daß jene Gebiete vom Jea bis nad) 
Guayana von kbrperlich und ſprachlich unter einander nahe 
verwandten Stämmen bewohnt werben. 


Der ‚Meſtize Fortunato in Dura-Paco mit feiner Fa— 
milie" (a. a. O. ©. 309) ift in Wahrheit ein Gairana= 
Indianer vom Rio Tonantins, Die Fleden find micht 
eine Folge des caraté oder Schwindflehten, ſondern mit 
uruqu⸗Farbe aufgemalt; daß dies der Fall war, war um fo 
leichter zu erfennen, als die Gatrana anferordentlich bel: 
farbig, aber nichtsdeftoweniger reiner Nace find. Zur Zeit 
von Heren Friſch's Reife waren fie fehr wenig zahlreich, und 
da damals unter ihnen, wie am ganzen Umazonenftrome, 
die Poden wütheten, fo wird ſicherlich von ihnen nur nod) 
ein Heiner Reſt am Leben fein, 


Die Garijonad: und Coregnajed: Indianer in Nr. 21 
defielben Bandes lernte Herr Friſch unter dem Namen 
Amatas und Miranhas kennen und fertigte die Photo: 
graphien von ihmen am, welde bei der Ausführung der Bil- 
der zur Vorlage gebient haben. Doch Hält er es für möglich, daß 
die Amatas auch Carijonas genannt werben; gewiß if, daß 
fie Unthropophagen find und die Onellgegend eines ber Bu: 
ftüffe des Yapıra bewohnen. 


Jedenfalls ergiebt ſich aus dem oben Gefagten bie be 
trübende Thatſache, daß M. Jules Crevaur bei der Ber: 
Öffentlihung anthropologifder Typen nicht mit derjenigen 
Gewifienhaftigfeit und Wahrheitsliebe zu Werke geht, welche 
man von ihm als einem Manne der Wiſſenſchaft, einem 
Urzte und Beauftragten der franzöfifhen Negierung zu er- 
warten bereditigt if. Wie weit foll man num feinen fonfti- 
gen Mittheilungen und feinen Kartenanfnahmen trauen? 


(Mit drei Abbildungen.) — Prof, Rihard 


Greeff: Die Eapverdiihen Inſeln I. — H. Greffrath: Bon der Nordküſte Auſtraliens. — Ans allen Erbtheilen : 
Enropa. — Aſien. — Afrika. — Juſeln des Stillen Deeand. — Südamerika. (Schluß der Nedaction 4, Juni 1882.) 


Redacteut: Dr. N. Ktepert in Berlin, S. W. Lindenſtraße 11, II Zr. 
Drud und Verlag von Briedrih Bieweg und Sohn in Braunfhweig. 


Hierzu zwei Beilagen: 1, Kiterarifcher Anzeiger. — 2. Profpeet: Bibliothek Geograpbifher Handbücher. Ber: 
ausgegeben von Profeffor Dr. Friedrich Nagel. Verlag von I. Engelborn in Stuttgart. 


A > 


Band XL. 


— — — vv 


— 


— 








Mit beſonderer Berüchfihtigung der Anthropologie und Ethnologie, 
Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von 


Dr. Ridard Kiepert. 





Braunschweig 





Jährlich 2 Bände a 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Poftanftalten 
zum Preife von 12 Mark pro Band zu beziehen. 


1882, 





Die Meteora. 
(Nah dem Franzöſiſchen des M.de Dröe) 


(Sämmtlihe Abbildungen nach Skizzen des Reifenben.) 


Im nächſten Iahre bereifte de Dree die afiatische Tür 
fei und fand auch dort eine Anzahl griechiicher Klöſter, 
weldje man wegen ihrer Yage wohl gleichfalls als Meteo: 
ren bezeichnen kann; allein die Wichtigkeit und das Inter: 
eſſe, welches fie haben, reicht noch) nicht einmal am das. ber 
Klöfter vom Athos und bei Triffala heran. Dree glaubt, 
daß fie niemals viel Huf gehabt haben, und daß ſie viel- 
Leicht ſelbſt der geiftlichen Autorität des SKonftantinopeler 
Vatriarchats nicht befannt find. Im Ganzen ficht man in die- 
fen fleinen afiatifchen Klöftern feine Spur vergangenen 
Slanzes; ihre Mönche leben nur von Almofen, die fie von 
weither zufammenbetteln, und ertragen, ärmlich gefleidet, 
ſchlecht genährt, mit orientalifcher Gelaffenheit ihr Elend. 
Weder die Ueberlieferung noch Keifende berichten von ihnen. 
Ihr Aeußeres, wern iiberhaupt ein ſolches vorhanden ift, 
ift mehr als bejceiden, und man fann im den Gebirgen 
Kappadokiens, Yykaoniens, Phrygiens u. ſ. w. dicht bei 
ihnen vorbeireiten, ohne ihr Vorhandenfein auch nur zu 
ahnen; de Dree hat fie meiftens ganz zufällig aufgefunden. 

Er hatte beſchloſſen, Kleinafien von Bruſſa bis zum 
Solfe von Alerandrette zu durchreifen und dann die Yand- 
Ichaft Kozan (nördlich von Sis im Kilikien) zu befuchen, 
deren Beys ſich gegen die Pforte aufgelehnt und faktifche 
Unabhängigkeit erlangt hatten. Begleitet war er von einem 
Konftantinopeler Diener, Juſſef mit Namen, der nicht bef- 
fer war als alle feines Gleichen, aber wegen feiner Sprad} 


Globus XL. Nr. 2. 


fenntniffe — er beherrſchte das Griechiſche, Turkiſche, Ara- 

bifche, Armeniſche, Kurdifche und Perſiſche — ſich als 
höchſt müglidy erwies. Die Reife ging von Bruffa zunächſt 
nach Kjutahia, wo Dree von feinen griechiſchen Wirthen 
in Erfahrung bradjte, daß an dem Wege nad) Afiun Kara— 
hiffar, am Abhange des Murad-Dagh (dem, nebenbei ge— 
jagt, noch fein willenfchaftlicher Reiſender beſucht oder we— 
nigitens beſchrieben hat) unweit Altyntafch ein fehr male- 
riſch gelegenes Kloſter ſich befinde. Das Gebirge felbft 
ſoll fehr ſchön und anzichend fein, aber dermaßen voll Räus 
ber und Yandftreicher jeden, daß Droͤe auf eingehendere 
Erforſchung verzichtete. Bei Altyntaſch verließ er die große 
Strafe und bog rechts ab auf einen Seitenweg, der fo 
ſchmal und ſchwierig war, daß oft micht zwei Pferde neben 
einander zu gehen vermochten. Nach 4 bie 5 Silometer 
beftändigen Anfteigens erreichte man eine beiberfeits von 
hohen Felswänden eingeſchloſſene maleriſche Schlucht, welche 
ſich ab und zu erweiterte und an folden Stellen eine reiche, 
von Quellen genährte Vegetation aufwies. Aulegt mün— 
dete ein Seitenweg ein, und dort befand ſich auch das ge- 
ſuchte Kloſter. Ein gewaltiger Felſen aus geſchichtetem 
Geſtein, den man von Weitem für ein kyklopiſches Gemäner 
hätte halten können, erhob fi dort. Im einer Höhe von 
20 bis 30 Meter über feinem Fuße waren mehrere Scid): 
ten in einer Fänge von nahe an 100 Meter wahrfcheintich 
durch die langfame Wirtung des Waſſers herausgelöft 


Die Metcora. 


18 





Klofter bei Altyntaich im Murad: Dagh (Kleinafien). 


Die Meteora. 








Klofter bei Akſchehr in Sultan: Dagh (Kleinafien). 


20 Die Meteora. 


worben und herabgeſtürzt. Diefe luft hatten ſich arme 
Mönde zum Schlupfwinfel erkoren, dem man nur mittels 
des herkömmlichen Seiles und Korbes erreichen konnte. 
Bei Drae'd Ankunft plauderte am Truhe des Felſens ein 
Mönd; mit einem Bauer. Nur mit Mühe lieh ſich erfte- 
rer überreden, die Empfehlungsbriefe oben abzugeben, und 
überbradhte dann auch nad) einer halben Stunde die ge 
winfchte Erlaubniß zu einem Beſuche des Kloſters. Da 
der Korb tur fir einen Menfchen Raum bot, ließ der Reis 
fende zuerft feinen Diener Juſſef hinanfzichen, vertraute 
feine erde bem Bauern an umd fuhr dann ſelbſt in die 
Höhe. Nachdem er auf einer Heinen Höhlung unterhalb 
der Kluft — ſtieg er zu letzterer auf etwa zwanzig 
Stufen hinauf und er— 

reichte einen Kleinen hölzers 
* Portikus, Aue 
Stlodenthurm von höch⸗ 
ftens 2 Meter Höhe über 
ragte. Ein dider Monch 
mit luſtigem Gefichte ftellte 
fi) als Superior vor, 
nahın N 
ben und Firman im s 
pfang, verneigte ſich lüs 
chelnd und übernahm die 
Führung durch fein kleines 
Reich. 


Das Ganze ift 
nicht ohne Driginalität. 
Die Felotluft iſt etwa 


30 Meter lang und mur 
12 bis 15 Meter breit, in 
der Mitte ihrer Erftredung 
8 bis 10 Meter hoch und 
nimmt nach beiden Seiten 
Hin ab. Es befinden ſich 
da eimige leichte Holz: 
bauten, und außerdem hat 
man die natürlichen Höh— 
lungen und Vertiefungen 
der Felswand benutzt, um 
einige größere Räume her: 
zuftellen. In der Mitte 
fliprt ein hölzernes Portal, 
auf welchem ein Streng 
thront, in eine Stapelle, 
welhe aus dem Felſen 
ausgehöhlt ift und wie die 
anderen Gemächer ihr Yicht 
duch Fenfterartige Oeff⸗ 
mungen in der Felswand 
empfängt. Das Yeben der 
vier oder fünf Infaflen, welche ſich hierher zuriihgezogen 
hatten, um fern von der Welt ihr Dajein in Frieden hin— 
zubringen, war ebenfo dürftig, wie das ihrer Brüder in den 
theſſaliſchen Meteoren. Einige veligiöje Bucher waren 
zwar vorhanden, fonft aber nichts, was die geringfte Neis 
gung der Bewohner zu Studien verrathen hätte. Dafür 
trieben fie Gärtnerei; einige Stellen waren mit mlihjam 
herbeigefchleppter Erde bedeckt worden, und dort zogen fie 
Gemife und felbft einige Blumen, was ihrer Selshöhe 
immerhin einen heitern Anſtrich verlieh. War der Supe— 
rior fon über den unerwarteten Beſuch, den erften feit 
langer Zeit, erftaunt und erfreut geweſen, fo wuchs feine 
Dankbarkeit noch, als ihm Dröe eine Gabe hinterließ, wenn 
fie auch befcjeiden war. 

Ueber die große Stadt Afiun Karahiſſar, weldye ben 








Verfollenes Klofter im Gebirge Dipoirat am See Beiſchehr 
(Naramanien). 


erften Beftandtheil ihres Namens dem dort gebauten Opium 
(Afiun), den zweiten einem hohen ſchwarzen Felſen mit der 
Ruine einer byzantinischen Burg verdankt, fegte er feine 
Reife oftwärts durch ein breites fumpfiges Thal nach dem 
Ser Alſchehr und der gleichnamigen Stadt fort, vor des 
ven Mauern im Jahre 1403 der Sultan Bajazet, Tamer- 
lan's Gefangener, am Schlagflufie ftarb. Auch im der 
Nähe diefer Stadt befindet ſich ein griechiiches Kloſter, wie 
Juſſef durch vieles Umherfragen in Erfahrung brachte. 

Daſſelbe Liegt auf einem 60 Meter hohen, faſt fent: 
recht abfallenden Felſen, am deſſen Fuße cin Fluß entlang 
ftrömt. Damals als Dree hinfam, war Niedrigwaffer, fo 
daß man ohne tiefer als bis zu den Knien einzutauchen, 
watend oder von Felsblock 
zu Felsblock fpringend an 
den Felſen gelangen konnte. 
Während des Hochwaſſers 
aber muß das Klofter von 
jeder Berbindung mit der 
Außenwelt abgeſchnitten 
fein. Das Plateau oben 
auf dem Felſen ijt mit 
Erde bededt und ſcheint 
einen ziemlich reichen 
Pflanzenwuchs zu tragen, 
ſo daß der Aufenthalt 
dort weniger traurig er— 
ſcheint, als fonft in den 
Meteoren. Bon oben fteigt 
man zuerſt auf einer frei: 
liegenden Treppe längs 
der Felswand hinab, bis 
zu einer natlielichen Ter: 
raſſe, und betritt dort einen 
fteilen unterirdiſchen Gang, 
weldier auf eine zweite, 
ziemlih große Terrafie 
nindet, welche noch etwa 
15 Meter hoc; über dem 
Baflerfpiegel liegt. Dieſe 
legten 15 Meter miſſen 
mit Hilfe des Seiles und 
Korbes zurlidgelegt werden. 

Einige Zeit darauf 
lernte Droe die Ruinen 
eined andern Kloſters keu— 
nen und zeichnete fie ab, 
welde auf bem Gipfel 
eines hohen Felſens an 
den Abhängen des Dipor⸗ 
ras⸗Gebirges liegen; die 
Mailer des großen Sees Beiſchehr (weſtlich von Konia) 
beſpulen ſeinen Fuß. Seinen Reſten nach zu ſchließen, 
muß dieſes Kloſter einſt eine gewiſſe Bedeutung gehabt 
haben. Wahrſcheinlich iſt der Einſturz des Felſens in 
Folge der Wirkung des Waſſers der Hauptgrund geweſen, 
daß es von ſeinen Bewohnern verlaſſen wurde. 

Droe's weitere Reiſe durch Kleinaſien, deren Haupt: 
ftationen Konia, Karaman und Adana waren, ühergehen 
wir; er wurde durch Umftände gezwungen, vor letzterer 
Stadt ans nach Konſtantinopel zuriidzufcehren. Bald bra 
er von dort wieder auf, fuhr mit dem Dampfſchiffe ker 
Sinope, lebte dort einige Tage auf dem Yandiige eines ihm 
befannten armenifhen Kaufmannes Hafjun und trat dann 
mit demfelben eine Reife über Amafia nad; Angora an. 
Beide waren gut anf Pferden des Armeniers beritten und 











Die Meteora. 


mit allem verjehen, um dem Ritt fo angenehm wie möglid) 
zu machen. Der Weg führte anfangs an der Kilfte des 
Schwarzen Meeres entlang und wandte fid) dann landein- 
wärts in die Berge. Am Kyzyl Irmak (Halys) angelangt, 
fanden fie denfelben zwar von großer Breite, aber fo wenig 
tief, daß fie ihn durchfuhrten konnten. Ueber Wezirköprü 
und Merfiwan erreichte man in einigen Tagen Untafia, 
wo man bei einem Freunde Haſſun's einkehrte. Nachdem 


— 


21 


dieſer ſeine ia abgewidelt, ſchlug man den Weg nad) 
Angora ein, d. h. ftatt der bisherigen füböftlichen verfolgte 
man nun eine beinahe wejtliche Richtung. Biel Mühe 
koftete es, ben beträchtlich angeihwollenen Delidiche-Irmat 
zu durdjfuhrten; mitten im Fluſſe verloren ihre Pferde den 
Boden unter den Füßen und wurden durch die reißende 
Strömung ein gutes Std mit hinabgeführt, che fie 
wieder Grund gewannen. Böllig durchnäßt erreichten fie 





Ein durd; Erdbeben zerftörtes Kloſter bei Angora. 


das jenfeitige Ufer; aber die heiße Sonne trodnete fie | 
bald. Am nächſten Tage erreichte man den Kyzyl-Irmak, 
der ruhig und im nicht allzu großer Breite dahinfloß, und 
noch anı felben Nachmittage Angora, wo Dre erfuhr, daß 
fid) unweit des legten von ihnen pajjirten Fluſſes Ruinen 
eines Kloſters befänden, und zwar auf einem gewaltigen, 
uber das Thal überhängenden Felſen. Genauere Nach— 
richten über diejes „Meteoron“ felbit ober tiber feine Ge— 
fchichte waren in Angora nicht zu erlangen; nur erzählte 
man, daß der größte Theil der Baulicjkeiten durch einen 


Felsſturz vernichtet worden fe. Tree lich ſogleich die 


\ Pferde fatteln und fand auch an der bezeichneten Stelle den 


Felsberg auf. Derjelbe bildet das eine Ende einer Heinen 
Hügelfette. Deutlich ließen ſich noch die Wirkungen des 
Felsſturzes erlennen, welcher das Kloſter zerftört und viel: 
leicht die Möndye unter feinen Trümmern begraben hatte, 
Senkrecht fällt der noch ftchende Theil des Felſens ab, fo 
daf die Reſte dev Gebäude, welche ihn Frönten, in der Luft 
zu ſchweben ſcheinen. 

Nachdem Dree die intereſſante Oertlichteit abgezeichnet 


22 Mecheln. 


hatte, lehrte er auf demſelben Wege nad) Angora zurkchk. 
Allmälig aber wurde ihm dort die Zeit lang, und mit 
renden ergriff er die Gelegenheit, ſich einer Karawane 
aus Siwas anzuſchließen, welche nad) Suüdweſten zog, und 
fo die großen Steppen im Innern Kleinaſiens zu durch— 
kreuzen. Zunächt ging ihre Maric in gerader Richtung 
nad) Siwrihiſſar; von dort wollte er wiederum mach Afiun 
Karahiifar gehen, von wo ihm fein gutes Glüd weiter: 
helfen folte. Die Karawane beftand außer ihm und 
feinem Juſſef aus fieben Berittenen, etwa vierzig mit aller: 
hand Kaufmanmsgitern beladenen Kameelen und fünfzehn 
ledigen Pferden aus Perfien und Kurdiſtan, weldje ihr 
Eigenthümer, ein armeniſcher Roßtäuſcher, liber Sinyrna 
nach Konſtantinopel zu ſchaffen und dort mit großem 
Nutzen zu vertaufen gedachte. 

Hinter Angora führt der Weg zwiſchen Hügeln hin durch 
ein frucjtbares Yand mit anmuthigen Thälern, welche nament⸗ 
lich in der Nähe der Stadt gut angebaut find. Je weiter man 
fommt, defto niedriger werden die Hligel, und etwa halb» 
wegs nad) Siwrihiſſar befindet man ſich auf einer faft voll: 
ftändigen Ebene, welche dem fleißigen Anbauer reichlich lohnen 
wilde, aber nur jehr wenig Vewohner hat. Ehe man 


Siwrihiffar erreicht, ift der Safaria, der alte Sangarius, 
der ſich nad) einem Yaufe von 500 km unweit des Bojporus 
in das Schwarze Meer ergießt, zu Überfchreiten; an jener 
Stelle ift fein Bert fehr breit und die Fuhrt leicht paffirbar, 
auch wenn der Fluß mehr Wafler mit fic führt, ala zu 
jener Zeit. Es ift das eine große Annehmlichkeit, wenn 
man mit Sameelen reift, da dieje nicht gern in tieferes 
Waſſer gehen. Siwrihiffar hat etwa 2000 Häuſer, deren 
Bewohner nur vom Ertrage ihrer Felder leben, welchen jie 
aber auch gänzlic) verbrauhen. Denn an Ausfuhr ift bei 
den ſchlechten VBerbindungswegen nicht zu benfen; dieſe find 
eines der hauptſächlichſten Hinderniſſe für die Entwidelung 
bes Landes. Der Ort ift zumeift aus den Ruinen der 
nahen altphrygiichen Tempeljtadt Peffinus, mo die Götter— 
mutter verehrt wurde, erbaut. Terier fand 1813 dielelben 
im Südoften der jeigen Stadt auf. Meift am Salaria 
entlang, der im mir Dagh entipringt, zogen fie von 
Siwrihiffar aufwärts und ftiegen dann hinüber in das 
fumpfige Thal von Karahifiar, wo Dröe bei einem Griechen 
abjtieg, von weldem er mehr zu erfahren hoffte, als von 
einem der trägen Anhänger des Islam. 


Mecheln. 


(Nach dem Franzöſiſchen des EC. Lemonnier.) 


(Sämmtliche Abbildungen nach Photographien. 


Unter den zahlreichen Ueberreſten der alterthimlichen 
Privatarditeftur Medjelns, denen wir im den engen ges 


wundenen Gaſſen und an den Quais der innern Stadt 
begegnen, befinden ſich freilich, gar viele Hänfer, an denen 





Alte Häufer von Mecheln. (Im ber Mitte der Duyvelsgevel“.) 


Mecheln. 


wir beim erſten Anblide weniger die Kunſt früherer Jahr— 
hunderte bewundern, al® das naiv-pietätvolle Beſtreben der 
Neuzeit, die alten, dem Untergange fichtlich verfallenen Ge: 
bäude künftlich fr den Gebrauch zu erhalten. Die Urt, 
in welcher namentlich die in weiten Spalten auseinander- 
Maffenden, wurmzerfreffenen und ftellenweife grüinbemoosten 
Holzfagaden durch beliebig übergenagelte Bretter und Balken 
geflidt und zufammengehalten find, findet an ſtädtiſchen 





23 


Wohnhänfern Nordenropas wohl jo leicht nicht ihresgleichen. 
Und doch ermangeln auch diefe ohne jede Rückſicht auf ihre 
ardhiteftonischen formen fonfervirten und reftanrirten Rui— 
nen mit dem weit voripringenden Stodwerfen und den 
zadigen Giebeln nicht eines gewiſſen malerischen Reizes, 
vornehmlich, im Frühjahr, wenn die morſchen Dächer ſich 
durch das aus allen Fugen luſtig emporwuchernde Gras 
und Unkraut in Feine hängende Gärten verwandeln, deren 


Juneres der Liebfranenkirche von Mechelt. 


frifches Grün einen wirfungsvollen Kontraft zu dem Ver— 
fall des Ganzen bildet. 

Ueberall, wo eine derartige Nachhilfe noch nicht nöthig 
geweſen ift, Uberraſchen uns die alten Privathänfer der 
Stadt durd) ihre mannigfaltigen Formen und ihre veidyen, 
zum großen Theil baroden Verzierungen. Cine Gruppe von 
drei Häufern am Quai aux avoines ift vor allen anderen 
bemerfenswerth., Die Mitte nimmt der fogenannte Duy— 
velögevel ein, deſſen in Holz und Stein ansgeflihrte 


Fagade drei Reihen hoher, aus Kleinen, quadratiſchen blei- 
gefaßten Sceiben beitchender enter zeigt. Weit vor- 
fpringende Querballen trennen die einzelnen Stockwerle 
des ſchöngegliederten Baues von einander; fie ruhen zum 
Theil auf Heinen Säulen, zum Theil aud) auf karyatiden- 
artigen Figuren, umter denen namentlich drei über der 
Thur befindliche grotesfe Satyrgeftalten durch lebendige Be- 
wegung und trefflicde Ausführung hervorragen. Rechts 
von dem Dupvelsgevel erhebt ſich ein hübſcher Arkadenbau, 


D 


24 Mecheln. 


der aber leider durch einen in feiner Schmucloſigkeit nüch— 
ternen fpigen Giebel verunziert wird. Wein ausgeführte 
Blumenguirlanden und Arabesten krönen die pfeilergetrage: 
nen Bogen des zierlichen Gebäudes. Die grellbemalten 
Reliefgruppen über den hohen Fenftern, Darftellungen des 
Slindenfalls und der Vertreibung aus dem Paradieje, wur- 
den fange Zeit zu den hervorragenditen Merkwürdigkeiten 
Mechelns geredmet; und in der That verdienten fie durch 
die Kuhnheit ihrer Zeichnung diefen Ruf aud) mehr, als das 
fpätere Wunder der Stadt, der berühmte fteinerne Delberg. 
Zum Gluͤd ift diefes legtere Produft eines dunklen Kinftlers, 
das feinerzeit zum Diele fo mancher Wallfahrt gemacht 
worden iſt, heute fo gut wie vergefien, und die lebens- 
großen, buntbemalten 
Steinfiguren Chriſti und 
der zwölf Dünger, die, 
fteif und unförmig, theils 
ſtehend, theils auf einem 
fünftlichen Felſen ruhend, 
einen umgitterten Raum 
in ber Ede einer dunklen, 
feuchten Gaſſe einnehmen, 
haben ihre Rolle in dem 
religiöfen Yeben des bel— 
giſchen Volkes ausge— 
ſpielt. — Das Haus zur 
linken Seite des Duyvels 
gevels, dad der Volls— 
mund nach dem Gegen— 
ſtande feines Stulpturen- 
ſchmuckes ald Haus des 
verlorenen Sohnes be 
zeichnet, gilt wegen feines 
jeltfam geformten und reich 
verzierten Giebels fitr eine 
Perle mittelalterlicher Baus 
funft. Ungleich großarti— 
ger aber und prächtiger 
noch iſt das im weſtlichen 
Theile der Stadt am 
Quai au Sol belegene alte 
Haus der ehemals mädti- 
gen Fiſchergilde von Me: 
cheln, das den reichſten ita- 
lieniſchen Renaiſſanceſtyl 
aufweiſt. Nach dem liber 
der Eingangopforte an— 
gebrachten Wahrzeichen, 
einem loloſſalen vergolde⸗ 
ten Lachs, führt das 
Haus nod) heute den Na- 
men des „grooten Zalm“. Bon der frühern Beben: 
tung des Fiichereibetriebes in Mecheln giebt Übrigens nicht 
nur dieſes ftattliche Gildehaus Zeugnig: der berühmtefte 
Kunſtſchatz der Yiebfranenfirche, Rubens’ wunderbarer Fiſch⸗ 
zug, wurde im Jahre 1618 von dem Kinftler im Auf- 
trage der Wilchergilde fiir den Preis von 1000 Gulden 
gemalt und dadurch dem fchönen im 16. Jahrhundert aufs 
geführten fpätgothijchen Bau der Hauptſchmuck gegeben. In 
der nämlichen Kirche befinden fich auch die von der Schiffer: 
gilde der Stadt etwa um diefelbe Zeit geftifteten Kirchen: 
und Beichtitühle, Meifterwerte der Holzjchnigerei, die an 
Reichtum der Kompofition und an Feinheit der Ausfüh: 
rung kaum von den drei berühmteften Kanzeln Mechelns, 
der der großen Kathedrale, der Yiebfranen- und der Johan: 
nestirche, übertroffen werden. Nach heutigen Begriffen er: 





Das Brüfjeler Thor oder die Dverfte Poort von Medeln, 


fcheint die Wahl der Motive in jenem Werte freilich etwas 
feltfam fir Ort und Iwed feiner Beitimmung: zwifchen 
modernen und antifen Attributen der Schifffahrt finden wir 
ganze Scharen von Tritonen und Sirenen, von dem den 
Dreizad ſchwingenden Neptun angeführt. Es entjtand da— 
mals ein fürmlicher Wettftreit unter den Bürgern und 
Zunften von Mecheln in dem Beftreben, die Kirchen der 
Stadt auszuihmiden; ein Wettjtreit, der namentlich im 
folgenden Jahrhundert darauf ausging, die Pracht der 
Antwerpener Kirchen zu übertreffen. Daß aud) die Ein- 
wohner des heutigen Mecheln es an kirchlichem Sinne 
nicht fehlen lafien, das zeigt der ungemein rege Sirchen- 
befuch, der Sonntags nicht mur die ungeheuren Räume der 
großen Kathedrale, ons 
dern auch die zahlreichen 
anderen Gotteöhäufer bie 
an die äußeren Pforten 
füllt, und nad) jeder Meſſe 
die fonft jo todten Stra- 
fen und Pläge für eine 
kurze Zeit belebt. Ein 
Blick auf diefe Menge ge- 
nügt aber, um ung erfen- 
nen zu laſſen, daß die geis 
ftige und körperliche Reg: 
ſamleit, welche jene alten 
Bürger Medyelns groß ge- 
macht und ihnen die Mit 
tel zu fo reichen Stiftun- 
gen gewährt hat, dem heu- 
tigen Geſchlechte gänzlid) 
verloren gegangen iſt. Une 
verhältnigmäßig groß ift 
die Anzahl von Individuen 
beiderlei Geſchlechts, deren 
Ichlaffes, bleiches Ausſehen 
von verfiimmerter, bedrück⸗ 
ter Eriftenz, von trauri⸗ 
ger, ſchlechtbezahlter Eins 
zelarbeit und abfterbender, 
weil umnzeitgemäßer Klein- 
induftrie erzählt. So ift 
die Spitenfabrifation der 
Stadt, welche eine Zeit 
lang einen Welteuf hatte, 
jeit vielen Jahren fchon 
duch) die Konkurrenz ande 
rer beigifcher Städte weit 
überholt worden, ohne daß 
auch nur ein Verſuch ges 
macht worden wäre, durch 
großartigen Betrieb dagegen anzukämpfen. Diefer Indu— 
ftriezweig wurde einfach) als zu wenig lohmend aufgegeben, 
und nur noch ganz vereinzelt fol er heute von alten 
rauen der ärmften Volfsflaffe und von einigen Bewohne- 
rinnen ded Beginenhofes betrieben werden. 

Bon den alten, aus dem 14. Jahrhundert ſtammenden 
Befeſtigungen Mechelns ift außer den zu Promenaden 
umgeichaffenen Wällen nur noch ein einziges Thor an 
der Weftfeite der Stadt erhalten. Es ift die fogenannte 
Dverfte Poort oder das Brüffeler Thor, ein ſtarker von 
zwei ungeheuren runden Thürmen flanfirter Bau, ſchwer 
und unſchön in feinen mafjigen Formen, aber eine unge 
mein intereffante Probe des mittelalterlichen Feſtungsbaues 
und ein Stolz der heutigen frommen und friebfertigen 
Stadt. 


F. Grabowski: Dajatifche Sitten und religiöfe Gebräuche. 


25 


Dajafifhe Sitten und religiöfe Gebräude. 
Aus Briefen von F. Grabowski. 


I. 


Bandjermaffing, 81. Januar 1881. 


Endlich habe ich meinen vorläufigen Beftimmungsort 
erreicht. Am 24. Jannar jandte id) den leiten Brief von 
Sperabaja und am 26. dampfte ich zwifchen der Inſel 
Madoera und dem Feftland von Java hindurd) in die Sunda- 
See hinein. Sie jchüttelte unfern Heinen „Minifter Fran— 
fen v. d. Butte* jo, daß ihm die Rippen oft knarrten, und 
er nicht ohne Mühe am 27. Mittags das Infeldyen Baweau 
anlanfen fonnte, um von hoher Rhede aus 200 Mefkagän: 
ger ans Land zu fegen. Hier find unter den vielen Ara- 
bern und Malaien der Aſſiſtent-Reſident und feine zwei 
Schreiber die einzigen anfäfligen Europäer, Das Infelchen 
ift ſehr gebirgig. Am 29. legten wir uns zum Abwarten 
der Fluth vor die Sandbank, welche die Einfahrt in die 
2300 Fuß breite Mündung des Barito- Stromes während 
der Ebbe hindert, und mit dem Anbruc, des Tages begrüßte 
ich in deutlicher Schweite das erfehnte Yand, die Hüfte von 
Borneo; im Oſten erheben ſich die Berge von Tanah Yant, 
während das übrige Geftade weit hinein niedrig und mit 
dichtem bis in die See reichendem Walde bedeckt war. 
Mittags pafjirten wir die Barre und gelangten an ſchön 
und undurchdringlich beftandenen Ufern und einigen einja- 
men auf Bfählen ftehenden Dajakenhütten vorliber nach zwei 
Biegungen erft in wejtlicher, dann —— Richtung in ein 
Becken, das den Charakter eines großen Landſees zur Schau 
trägt und an der Inſel Kagit vorbei bis zur Schans van 
Tuhl, einer frühern holländiichen Befeftigung, bei der wir 
in den Fluß von Martapoera oder Bandjermaffing — von 
den Eingeborenen Kajoe Tangi genannt — nad) N.-D,. 
einführen, um am Nacdmittage hier anzulommen, wo ſchon 
auf dem Fluſſe durch die Heinen Tembangans und größeren 
Prauen und Segelſchiffe eim lebendiges Yeben herrſcht und 
ein reger Fruchthandel zumeift von banjareſiſchen Frauen, 
fenntlich an ihren 4 Fuß im Durchmeſſer großen Hüten 
aus Nipa-Blättern, betrieben wird. Im chineſiſchen Viertel 
war noch außerdem große Vebendigkeit, da gerade Sylveſter 
— ko-niön — gefeiert wurde, worauf das vierzehntägige 
Neujahröfeft — niön ts’ch njiöt — folgt, und habe i 
natürlich die Gelegenheit wahrgenommen, um mic) he. 
glüclich erledigter Snftallation bei einigen vornehmen Chis 
nefen über diefe fenerwerfreichen, licht, lärm- und tafellufti- 
gen Bergnügungen durd) eigene Theilnahme zu unterrichten. 

Bandjermaſſing jchägt man — aber vielleicht etwas zu 
hoch — auf 33 000 Einwohner, von denen 500 und zwar 
inchufive der 350 Mann ftarken Beſatzung Europäer, circa 
3000 Chinejen, wenige Araber und der Reſt Inländer find. 
Demgemäß ift aud) der Anblick der Straßen bumt genug. 
Da ficht man neben den genannten Nationalitäten Sanic, 
reſen, Javanen mit ihren farbenreichen, zuweilen mit Gold: 
fäden geſtickten Gewändern, Buginefen, deren Frauen an 
einem rechts bis zur Hüfte offenen Sarong lenntlich find, und 
hiefige Dajaken im einer Tracht, weldye der javaniſchen oder 
malaitfchen ähnlich ift. Die Dajafen aus dem Innern, 
welche nur jelten und dann duch mur von benachbarten 
Stämmen hier zu erbliden find, tragen den tjawat oder 
eva m die Hüfte und eine offene Dade, weldye die Tatui- 
rung ſehen läßt. Ich felbft habe mic, der Situation an- 

Globus XL. Mr. 2. 


bequemt und mic mit einer weiten und ſehr bunten Hofe 
(tjelana), welche oben nur durch ein Band feftgehalten und 
auch in der Nacht nicht abgelegt wird, einer weißen chinefiichen 
Jade (kabaija) und geflochtenen Pantoffeln (tjenelas) an 
den bloßen Füßen bekleidet. 

Eigenthümlich ift die Art der Namengebung bei den 
Inländern; heißt z. B. der Mann Djalan, feine Frau 
Budha und ihr Alteftes Kind Yinda, fo laſſen fie von der 
Geburt deffelben an ihre bisherigen Namen fallen und nen- 
nen ſich Bapalinda oder Balinda und Indoelinda, d. h. Va— 
ter und Mutter der Linda. Jedes Kind hält es fir ſünd— 
haft, den Namen feines Vaters auszuſprechen, und bleibt, 
nad) demfelben gefragt, entweder ſtumm, oder erjucht einen 
andern Anwefenden, dariiber Auskunft zu geben. Baden, 
Rauchen und vor allem Spielen find die Hanptleidenfchaften 
der hiefigen Eingeborenen, legteres in dem Grade, daß man— 
der Dajafe zu diefem Zwede feine Frau an einen Chine- 
fen, meiftens auf drei Monate, verkauft, wofiir er gewöhnlich 
50 Gulden erhält, und kann fie, die im Eheverhältnig feine 
vollftändige Sklavin ift, erjt nad) diefer Friſt eine Schei— 
dung herbeiführen. Ein harmlojeres Spiel ift „Dako“, zu 
welchem ein großer Klotz mit achtzehn Meinen und zwei gros 
ben Löchern und 162 Mufceln oder Steinden gehören. 
Es ift ganz anziehend und muß mit einiger Aufmerkſamkeit 
geipielt werden. Wer nicht raucht, aut deito eifriger Si— 
rih, beftchend aus einem fugligen Konglomerat von Kalk, 
Sirihblättern und den Früchten der Pinang-Palme, welche 
Ingredienzien oft im geſchmackvollen Döschen von Silber 
oder anderm Metall mitgeführt werden. Diefer Genuß, 
welcher verhängnißvoll für die Zähne ift, färbt diefe ſowie 
die Yippen, Gaumen und ben Speichel blutroth. Die Leiden⸗ 
fchaften nehmen bei diefen Menfchen, häufig durd) Eifer 
fucht angeftachelt, eine gefährliche Höhe an, welche nicht fel- 
ten mit Mord in den Strafen ber Stadt endet. Der 
betreffende erregte Eingeborene ftliemt dann wie wahnfinnig 
mit gezücter Klinge durch die Menge und fticht nach dem 
erften begegnenden Menfchen. Natürlic) wird er dadurch 
felber zu einem Objekt der Verfolgung und ift dem foforti- 
gen ftraflofen Niederftoßen durch jeden ausgefegt, und wäh: 
rend die Wehrlofen in die Häufer eilen, alarmiren die 
Gardoes in ihren Wachthäuſern durch zwei kurze Schläge 
auf das Tongtong, ein an einem Strid hängendes, ausge— 
höhftes Stlick Baumftgum, ihre Mannfcaften und fuchen 
des Berbrechers habhaft zu werden. Ein folder Vorgang 
heit amok und ift leider gar nicht felten. Wird der Vers 
folgte lebend gefangen, jo ift er bis zu feinem Tode ein 
ranteian, oder orang perants, d.h. Kettengänger, und ar: 
beitet mit einem zur Bereinigung vieler eng durch 
ein Seil dienenden, um den Hals geſchiniedeten Ring an 
den öffentlichen Straßenbauten unter der Peitjche des man- 
doer, welcher freilich jelbft nur ein ranteian ift, der wegen 
guter Führung diefen Boften erhalten hat. ragt man 
einen diefer Kettengäinger nad) feinem Vergehen, fo erhält 
man gewöhnlich zur Antwort: Memboenok sa-orang 
sadja — id) habe nur einen Menschen getödtet. 

Die Sprache der hiefigen Dajafen, das Poeloepetaliſche, 

4 


26 3. Grabomsli: Dajakiſche Sitten und religiöje Gebräuche. 


ift melodifh. Weiter ins Yand werden die Dialekte fehr 
zahlreich und es ſcheinen dort ganz neue Idiome aufzutreten, 
fo das ſich Dajafen aus verfciedenen Diftriften oft nicht 
verftändigen können. Auch ift das geiftige Yeben der Da: 
jafen, weldye von hier bis ungefähr an die Kulturgrenze 
unter dem Einfluß der holländifchen Forts leben, nicht ge: 
ring. Hier einige Proben, Zunädjt ein „dindang“. 

Padi muda djangan dilurut, 

Djaka dilurut rusak batangnja, 

ati muda djangan diturut, 

Djaka diturut rusak badan)a. 

Nicht Über die junge Saat geftreift, 

Wenn drüberg tet, verdirbt ihr Stengel. 

Dem jungen —* nicht ihm gefolgt, 

Wenn ihm gefolgt, verdirbt der Leib. 


Werner einige leläi: Handaä basila sindä bulat, en 
koam? — Zweimal gefpalten, einmal rund, was dein 
Sagen? — (dev Mond), Papan pandak pangumang 
lewu, en koam? — Kurze Planfe, ftets durchgehend das 
Dorf, was dein Sagen? (Fußjohlen). Kakidjak anake, 
lalantong indoe — Stets jpringend ihr Kind, ftill liegend 
feine Mutter — (Reisjtampfblod und Stampfſtoch. Ined- 
jep halt — Mit dem Schwert gehauen heil (Wafler). 
Tanding find Gleichniſſe oder Spridywörter, 3. B. Kind- 

‘ jap pilus babuntat mariam. Oft eine Nadel hat zum 
Schwanz eine Kanone (Meine Urſachen, große Wirkungen). 
Nachſtehend aud) eine Fabel: 


ine blinde Ziege und ein lahmer Blandal, Zwerghirid) | 


(diefer fpielt in ihren Erzählungen die Rolle des Fuchſes), 
waren übereingefommten, mit einander auf die Weide zu ge: 
hen, was fie in der Weife ausführten, daß der lahme Blans 
daf ſich auf den Rüden der blinden Ziege fette und diefer 
num fagte, ob fie rechts oder linfs gehen und wo fie fill 
ftehen folle, um einen guten Weideplag zu genießen. Der 
Bär und der Tiger (?), die auch in Freundſchaft mit einan- 
ber lebten, bejchloffen der Ziege und dem Hirſch aufzulanern, 
Kurze Zeit darauf traf denn auch der Bär zuerft auf die 
beiden und wollte fie frefien. Aber der ſchlaue Hirſch ſprach:; 
Friß uns nicht; wir ſuchen did), weil wir deine Freunde 
find, um dir etwas Wichtiges zu erzählen: der Tiger fpäht 
nach bir, um dich zu zerreißen. Der Bär glaubte ihm und bes 
ſchloß ob dieles Freundſchaftbruches dem Tiger aufzulauern. 
Mit diefem machte es der Hirsch gerade jo und als nun die 
beiden verfeindeten Thiere ſich anſchickten mit einander zu 
fümpfen, erfahen fie aus ihren gegenfeitigen Borwiürfen, daß 
fie betrogen waren und ſchworen dem Blandak gemeinjchaft- 
liche Rache. Der Hirſch war gerade mit der Ziege in der 
Nähe, hörte den Beſchluß und trieb feine Gefährtin zur 
eiligften Flucht vor der Gefahr an. Indem fie diefem 
Nathe Folge gab, lief fie fo heftig gegen einen Baum, daf 
fie durd) diefe Erichütterung ihre Sehlraft und der abge- 
worfene Hirſch durch den Sturz die Gelentigfeit feiner 
Beine wieder erhielt, wodurch es beiden ermöglidjt wurde, 
dem Berberben zu entrinnen. Die bedenkliche Moral diejer 
Fabel über den Nugen der Lüge und Gewaltthätigkeit kehrt 
in den meijten dajakifchen — diefer Art wieder. 
wala Kapoeas. 

Die Gebräuche, Sagen, religiöfen Vorftellungen und das 
Ritual der Dajafen ift zum Theil ſinnreich und durchaus 
nicht jo einfach, daß man ihre Kulturſtufe als eine der nie: 
drigften bezeichnen könnte. Much ihre Gefchidlichfeit und 
Erfindungsgabe bei der Einrichtung ihrer Yebensbedingun- 
gen ift micht gering umd ihre körperliche Gewandtheit ſehr 
groß. Hier einige Proben ihrer Sitten und Leberzenguns 
gen. Will der Dajafe ſich ein Neisfeld anlegen, jo ſucht er 
zunächſt nad} einem geeigneten Boden, wobei er acht giebt, 


ob die Bäume defielben hartes oder weiches Holz; haben, 
fchlägt dafielbe im gitnftigen Falle um und pflanzt zwiſchen 
den Baumftiimpfen feinen Reis. Nach drei oder vier Jah: 
ren wird das Feld verlaffen und ein anderes geiucht, um 
erft nach 15 oder 20 Jahren wieder als ertragsfähig zu gel- 
ten. Dann ift das Holz groß und das Yand von Neuem 
fruchtbar geworden. Iſt ein feinen natürlichen Eigenſchaf⸗ 
ten nad) vortheilhaft jcheinendes Terrain gefunden, jo wer« 
den 10 bis 15 Quadratfuß Wald gelichtet; ein Zeichen flir 
jeden andern, daß dieſes Yand einen Eigenthlimer hat, der 
fid) beeilt, die Gottheiten Djata, Dewa oder Sangiang nad) 
ihrem Willen hinfichtlich feines Vorhabens zu befragen. 
Er fchmeidet von einem jungen Stamme ein Stid, welches 
der Länge feines Körpers, feines Armes und dreier finger: 
breiten entfpricht, theilt diefes möglichft gleich und giebt 
einer der gewonnenen Hälften durd) Schnigen ein Geſicht, 
weldyes unter gewiſſen Anrufungen auf die Erde gelegt 
wird. Scheint nun bei dem Nachmeſſen diefer Hälfte an 
den vorhergenannten Maßen feines Körpers der Stab kür— 
zer geworben zu fein, jo ift das erfte Zeichen fitr die Gunft 
der Gottheit feinem Vorhaben gewonnen. Die weitere Ent: 
ſcheidung bringt ein Traum, um den der Dajake in diefem 
Falle vor dem Einſchlafen bittet, Auch hier find matlirlich 
die Zeichen wiederum zahlreih. Das Bild eines reichen 
Fiſchfanges iſt günftig, bringt aber der Traum Krebſe oder 
faure Früchte, fo wird von dem Terrain Abftand genommen. 
Da diefes geſchieht in Folge unheimlicher Warnungen fogar 
mit bereitd bebauten Feldern. Das Auftauchen eines Kro— 
fodiles bei dem Beſuch des Herrn, ja das Auffinden eines 
todten Krebſes wird hier unter Umftänden als entjcheidend 
betradhtet. 

Bevor der Reis gepflanzt wird, jucht der Dajafe durch 
Opfer von Hühnern den Sangiang zu bewegen, ihm von 
Nadja Tontang matanandan, der im Fluß Nijara Mangfai 
njafo hinter der Stadt des Hatalla (identifd) mit „Gott“) 
wohnt, die gana (Seele) für den Reis zu holen. Iſt die 
Seele angefommen, fo wird der mit einem Ci gemengte 
Saatreis und zwar nur an einem Montag ausgeſüet. 
Sit der Neis 8 bis 10 Zoll lang, jo wird er auägezogen 
und mittels eines Töndong, eines Stabes aus Tabaliens 
(Eifen-)Holz verpflanzt, Nach einem Monat wird er 
dann zum legten Mal gezogen und definitiv verpflanzt, doch 
fo, daf die ganze Beitellung an einem Montag endet. 
Am folgenden Tage wird dem Bruder des Sangiang, dem 
Rangai, ein Opfer an Eßwaaren gebradt, welches in einem 
Körbchen an einem in die Mitte des Neisfeldes geftedten 
Stabe aufgehängt wird. Desgleichen findet Djata ein 
ähnliches Opfer an einem Üiberhängenden Zweige des Fluß: 
ufers. Finden fid) nun mach ein oder zwei Monaten vers 
dorbene Halme oder unfrudhtbare Aehren, jo werden fie 
ausgezogen und an dem Stod im Felde ſowie am Fluß— 
ufer befeftigt, damit ſich Data durch perfönlichen Augen: 
ſchein von der Schlechtigfeit des Neisertrages überzeugt 
und dadurch bewogen fühlt, wenigitens einen veichen Fiſch— 
fang zu geben. 

Den erften Reis, den der Dajafe erntet, wagt er zunächſt 
nicht für fich zu verwenden. Er gehört dem Beil (bliong) 
und dem Mefler (pisau), die den Wald gefällt, dem 
Scyleifftein und allen Werkzeugen, welche beim Pflanzen 
gebrandjt wurden. Diefelben werden in eine Reihe gelegt 
und zum Eſſen genöthigt. Man ftrent dem zuerft reif ge— 
wordenen Reis auf die Geräthſchaften, läßt ihn eine halbe 
Stunde lang darauf liegen „damit fie gemächlich eſſen kön— 
nen, holt ihn dann aber wieder fort, um ihn ſchließlich doc) 
zur eigenen Speife zu verwenden. Diefen und ähnlichen 
zum Theil fehr umſtändlichen Riten liegt die Ueberzeugung 


F. Grabomäti: Dajakiſche Sitten und religiöfe Gebräuche, 27 


des Dajafen zu Grunde, daß auch faft jedes lebloſe Ding 
eine Seele, „gana“, hat. Jede gana hat aber wiederum 
einen König, der immer ein „Dämon“ ift, und da auf 
diefe Weiſe nach dajakischen Begriffen die ganze Welt uns 
ter der Macht von Dämonen fteht, fo ift das Bemlihen, 
biefelben in Gunſt zu erhalten, erklärlich. 

Die Ernte dauert zwei Monate, weil ftets nur bie 
reifen Aehren gejchnitten werden. Diefelben werben auf 
befonderen Gejtellen getrodnet, mit den Füßen geftanıpft, 
und dann die Körner von allen Beimengungen durch ben 
Wind befreit, indem man fie von einer hohen Bühne herab: 
fchlittet. Die legten geernteten Aehren werben zu einem 
Pindel vereinigt in einer Ede des Hanfes aufbewahrt. 
Sie dienen der gana des neu zu pflanzenden Reiſes als 
tahaseng (Athen). 

Die Reistultur der Dajaken befindet ſich mithin noch 
in ben urſprünglichſten Formen und wenn, wie in den letz⸗ 
ten vier Jahren, die Ernte völlig mißräth, d. h. durch Hat- 
ten und Inſekten vertilgt wird, fo herricht große Noth. Bei 
der Zähigkeit des dajafischen Charakters iſt feine Ausficht, 
daß die intelligentere Art dev Javanen, den Reis zu bauen, 
in naher Zeit Eingang findet, zumal das holländifche Sons 
bernement fich dahin zielender Einwirkungen enthält. Wäh— 
rend des Keisbaues wohnen die Dajaken in Meinen Häus— 
den (passah). Außerdem ftchen in gewiflen Entfernungen 
am Felde Hlttten (podok oder aud) goeboeg), von denen 
aus zur Verſcheuchung der Neisvögel (boeroeng pipit) mit 
Hülfe einer Leine (rottan) Wedel von Nipa oder Kokos 
und Grasbüfchel, die fid) in aufrechter oder umgekehrter 
Stellung an langen Stangen befinden, in Bewegung ge: 
ſetzt werden. 

Deabfichtigt der Dajafe ein Haus zu bauen, fo ge 
fchieht das nie auf einer Stelle, an der nachweislid, bereits 
ein anderes geftanden hat; ein foldyer Ort ift pali (unrein). 
Auf dem Plag, welder den Wunſchen des Erbauers ent 
ſprechend erjcheimt, wird ein Yoch von cira 1 Fuß Tiefe 
mit den Morten gegraben: „O Djata, o Sangiang, wir 
wollen hier ein Haus bauen, gieb uns ein Zeichen, ob wir 
damit Oli haben und nicht krank werden. Iſt der Bo» 
den fett und wohlriechend, fo foll uns das ein Zeichen 
zum Bauen fein; ftinft er aber, dann bauen wir nicht.“ 
Danadı wird die Erbe berodjen. Doc) es wäre wunder: 
bar, wenn dem Dajalen dieſes eine Zeichen genligte. Zus 
nächſt muß er wieder träumen. Kommt in feinem Traum 
Regen oder Wind vor, jo wäre Krankheit oder Streit in 
dem neuen Haufe zu erwarten. Glaubt er aber im Schlaf 
einen Berg oder einen hohen äftelofen Baum zu befteigen, 
fo ift der Erbauer überzeugt, reich und glüdlid) zu werben. 
It das Haus fertig, fo wagt der Dajafe nicht, es fofort 
zu bewohnen; es muß erft durch Blut gereinigt werben. 
Es findet eine Bejprengung des Gebäudes mit Opferblut 
ftatt, doch giebt feiner über die Bedeutung der Geremonie 
gefragt eine andere Antwort al® „tawa", d. i, ic) weiß es 
nicht. Die Dajafen haben aud) eine Art Taufe, wen ich 
es jo nennen darf. Das Neugeborene darf nicht Früher 
das Haus verlaflen, bevor in einem Garantong (fupfernes 
Mufikinftrument) Waffer mit Blut eines jungen Hühnchens 
gemifcht und das Kind damit befprengt it. Nachdem 
darauf durch Yaub eine Verbindung vom Haufe bis zum 
Fluß hergeftellt und der Anlegeplag befränzt ift, wird das 
Kind dorthin getragen, ins Waſſer getaucht und dem Wafe 
fergott Djata zur bejondern Gunſt empfohlen. 

Schon in der früheften Jugend wird die Verlobung 
der Kinder von den Eltern geſchloſſen; ja es ift vorgelom⸗ 
men, daß mod) ungeborene Kinder bereits verlobt wurden. 
Die Eltern im Berbande mit ſämmtlichen Blutsverwandten 


bringen die Sadye in Ordnung und dann find die Kinder 
gebunden. Oft jehen fich die Derlobten nicht vor ber Hoch⸗ 
zeit. Es iſt dann unter anderm auch vorgelommen, baf 
ber Bräutigam, als er am zweiten jeitötage feine 
Braut anfchanen durfte, ſich in Folge des angenehmen Ein- 
druckes fÄleunigft aus dem Staube machte. Doch wird 
ihm das Ausjehen der Braut, vielleicht aber mitunter un: 
zuverläffig, vorher befchrieben. Der erfte Schritt zur Bers 
lobung geht von der Mutter des jungen Mannes aus. 
Bon mehreren Frauen begleitet begiebt fie fich in das Haus 
ihrer zufiinftigen Schwiegertochter, wo fie mit der Mutter 
derjelben und den Tanten fpricht. Findet fie gemeigtes Ge— 
hör, fo wird nad) einigen Tagen die Frage durch drei ober 
vier Männer wiederholt. Dann beginnen die Unterhand- 
lungen über die Geſchenke, welche der Bräutigam geben 
muß und bei deren Feſtſetzung alle Blutäverwandten, welche 
nad; dajatifhem hadat (Geſetz) ein Recht auf ſolche Bes 
rüdjichtigung geltend machen fönnen, d. h. außer den El— 
tern alle Dntel, Tanten, Scweftern, Brüder u. ſ. f., zu 
bedenken find. Dft fcheitert eine geplante Verbindung an 
der Unzufriedenheit eines entfernten Berwandten mit dem 
ihm angebotenen Antheil. Iſt alles in Ordnung, fo wird 
als Hochzeitämonat immer der September oder Dftober, 
jedenfalls aber ein Zeitpunlt nach der Ernte feftgejegt. 
Die Hodyeit findet im Haufe der Braut ftatt, da mad) 
dajaliſcher Sitte der Mann feiner Frau folgt und in 
dem Anweſen derfelben zu wohnen hat. Der Bräutigam 
wird an dem Tage, an welchem er das elterliche Haus 
verläßt, „manjakı* (mit Blut gereinigt), und ein Feſt zu 
feinen Ehren gegeben. Die Mutter verwendet das Blut 
einer Henne ober eines jungen Ferkels, um ihm Füße, 
Knie, Bruft, Hände, Ellenbogen und Stirn zu beſtreichen. 
Darauf wird gegeffen und getrunten und ſchließlich begiebt 
fid) der Bräutigam, von vielen freunden begleitet, nach 
dem Haufe der Braut. Hier empfängt man die Gäfte 
ziemlich fühl, möthigt fie zum Sigen und fragt endlich, 
warum fie eigentlich; gelommen wären. Der vorher be 
ftimmte Wortführer fegt nun in größtmöglicher Breite den 
Grund auseinander, worauf der Wortführer ber andern 
Partei, als ob nicht fchon alles abgemad)t wäre, antwortet, 
davon fünne nur die Rede fein, wenn ber Frager genug 
mitgebracht hätte. Darauf geht es an ein beiberfeitiges 
Feilſchen, bis man fid) bei den urfprünglichen Feſtſetzungen 
einigt. Der Bräutigam fpricht dabei fein Wort und die 
Braut ift ganz unſichtbar. Die beiden Wortführer, wozu 
immer Yeute gewählt werden, die befonders bilderreich ſpre— 
den können, machen die Sadje allein ab. Sodann wird 
eine Alte gemacht, in der die vom Bräutigam zu zahlende 
Summe (100 bis 400 Gulden) genannt if, Später 
werden 500 Duite oder 4 Gulden 16 Kreuzer unter die 
Säfte vertheilt. Dieſes Geld wird täräs kasaksi, „Pfahl 
des Zeugniſſes*“, genannt und verpflichtet die Empfangen: 
den, "zu jeder Zeit Zeuge des geſchloſſenen Kontraftes fein 
und insbefondere bei Eheſcheidungen daflir einftchen zu 
wollen, daß der ſchuldige Theil die gelobte Summe bezahlt. 
Darauf wird bie fpät in die Nacht hinein gegefien und 
getrunten. Bevor man auseinander geht, wird der Vater 
des Bräntigamd und alle, die mit ihm gefommen waren, 
mit Del gefalbt. Sobald fie das Haus verlafien haben, 
brechen fie die Treppe hinter fi ab. Der Bräutigam 
wird nun bewacht, doch kann er ſich in einem Winkel zur 
Ruhe legen. Der nächſte Tag bringt die eigentliche Hoch 
zeit. Schon friih werden Schweine und Hühner oder bei 
einem großen derartigen Feſt ein handangan (Büffel) ge 
ſchlachtet. Die blian (Prieſterinnen des fchlechteften Wan- 
dels), fieben an der Zahl, ericheinen, von allen Seiten kom— 


4* 


28 K. Lamp: Zur Charakteriftil der gefitteten amerifanifchen Ureingeborenen. 


men geladene und ungeladene Gäfte, es wird geſchoſſen 
und überhaupt joviel Lürm als möglich gemadjt. Iſt das 
Feſteſſen fertig, fo werden Braut und Bräutigam auf 
Garantongs (kupferne Trommeln) neben einander geſetzt 
und können nun, wenn fie den Muth dazn haben, ſich in 
die Augen ſchauen. Die Blians bringen Opferblut und 
befpengen beide damit, werfen ihnen Reis auf die Köpfe, 
wobei fie Segenswunſche doch ohme jede Andacht ausſpre— 
den. Dann folgt wiederum großer Schmaus, worauf der 
Bräutigam die Hunde füttern muß. Die Säfte bleiben 
die ganze Nacht zufammen. Das junge Ehepaar zieht ſich 
zuritt und kommt im dem mächften fieben Tagen, die pali 
find, nicht zum Vorſchein. Dann wird den Eltern des 
Mannes ein Beſuch gemadjt, wo beide fofort mit Opfer- 
biut gereinigt werden und die junge frau neue Kleider von 
der Schwiegermutter erhält. Damit endigt das Hodyzeits- 
feft und die Frau hat dann — zu gehordhen. 

Eine unerlaubte Heirath wird tulah, d. h. Blutſchande, 
genannt und findet ftatt: Wenn Demand feine Enfelin 
oder Urenkelin heivathet; 2. wenn eine Frau den Bruder 
ihres Vaters oder ein Mann die Schwefter feines Vaters 
oder feiner Mutter heirathet; 3. wenn ein Mädchen mit 
ihrem Stiefvater in Verkehr tritt; 4. wenn ein Mann feine 
Nichte oder deren Tochter oder eine Fran ihren Neffen oder 
deſſen Sohn heirathet; 5. wenn Demand die Schweiter von 
der Frau feines Oheims heirathet; 6. wenn ein Wittwer 
die Schwefter feines Schwiegervaters heirathet. 

Hat eine ſolche Heirath ftattgefunden, fo tritt die ganze lewu 
(Dorf) als Ankläger auf, weil dadurch die gefammte Ge- 
gend verumreinigt ift. Früher wurden ſolche Perſonen meift 
getödtet, indem fie an einen mit Steinen gefüllten Korb 
gebunden und ertränft wurden. Da dieſes Verfahren uns 
ter holläudiſchem Gouvernement nicht mehr ausführbar ift, 
ohne Strafen nach ſich zu ziehen, fo begnügt man ſich da- 
mit, das Yand durch das Blut eines Schweines oder Büf- 
fels zu reinigen. Die Häuptlinge begeben ſich zu dem 


Paar; dort werben die Opferthiere gejchlachtet und mit dem 
Blute die Reisfelder und das Dorf beiprengt. Etwas wird 
aud) im der Richtung der Sonne gefcjleudert, damit fie 
ihren Zorn fahren laſſe. Das Fleiſch wird dann durd) 
bie Verheiratheten des Ortes gegeſſen, doch ift fein Genuß 
den Unverheiratheten jtreng unterjagt, damit fie fpäter nicht 
and) tulah werden. Fur die beiden Schuldigen wird als— 
dann ein befonderes Eſſen bereitet, dad befte, was man 
haben kann; aber es wird im einem ſchon gebraudıten 
Scweinetrog Hingefegt. Wenn die Schuldigen an den 
Trog gekommen find, jegen fie ihre Wanderung, der Mann 
aufwärts, die Frau abwärts, in entgegengefegter Richtung 
fort. Sind beide ungefähr hundert Schritte vom Trog 
entfernt, fo ruft Jemand ririririh, ririririh! die hier ges 
bräuchliche Lockung für die Schweine, und Hopft auf den 
Trog, worauf fie zurücdfommen und aus dem Trog eflen 
müflen. Was fie damit eingeſtehen, ift Harz; aber von nun 
an darf es Niemand mehr wagen, fie der Blutfchande zu 
beſchuldigen, das Land ift gereinigt, und beide fünnen als 
rechtmäßige Eheleute mit einander leben. Auf diefe Cere— 
monie folgt eine zweite, die aber nur die familie betrifft 
und auch im Haufe vorgenommen wird, nämlid; das tam- 
balik djela (das Umdrehen der Zunge), d.h. die Zunge z. B. 
des Schwiegervaters muß umgedreht werden. Denn wähs 
vend er früher Neffe, Nidjte oder Enkel jagte, hat er jegt 
die Bezeichnung Schwiegerfohn und Schwiegertochter zu 
gebrauchen. Dies Umbdrehen geſchieht dadurch, daß der 
Mann jedem Wamilienglied drei Gulden giebt. Das 
hilft; das dreht die Zunge auch Hier ſehr ſchuell. Merk: 
wilrdig iſt es, daß die Dajafen verfichern, unter dem Haufe, 
in welchem ein Paar tulah wohnen, entftche eine tambon 
tulah, d. 5. die Erde hebt fich in Form von zwei diden 
langen Schlangen auf, die den Mann und die rau vor— 
ftellen. Dieſes tambon tulah verſchwindet aber, wenn bie 
beichriebene Reinigung vollzogen ift. 





Zur Gharakteriftif der gefitteten amerikanischen Wreingeborenen. 
Bon Karl Lamp. 


Wäre 08 möglich), das Weſen einer Nace mit einem 
Worte zu bezeichnen und wilde die Aufgabe geftellt, dem 
der Ureingeborenen Amerikas in diefer Weife einen Namen 
zu geben, fo müßte man es „Starrheit“ nennen. Jahrhuns 
derte lang haben die Eingeborenen Yucatans und der 
Hochebene von Mexico, Peru, Bolivia unter der Herr 
ſchaft der Spanier geftanden. Die Spanier find während 
diefer Zeit dorthin in fo großer Zahl ausgewandert, daß fie 
ihre heimathliche Halbinjel, wie befannt, mehr als zur Hälfte 
entvölferten, und wenn die Auswanderer fich auch auf einen 
ſehr großen Raum vertheilten,, jo muß doch auf jedes der 
genannten Yänder ein anſehnlicher Bruchtheil gefommen fein. 
Und was noch mehr als die Zahl ins Gewicht fällt: die Spa- 
nier haben, gleich den Portugiefen, ein befonderes Geſchick, 
auf die Menfchen der Tropen einzuwirken. Dafitr erfüllen 
fie zunächit ſchon die unumgängliche Vorbedingung, daß fie 
das Klima verhältnißmäßig ſehr gut ertragen; der Son: 
nenbrand, der gebirgige Boden, die trodene Yuft ihrer fait 
afrifaniich gearteten Heimath, ſodann die Blutmiſchung, 
die fie mit Airifanern während der mohammedanischen Herr: 
ichaft eingegangen find, mögen dazu mitwirken, daß ihnen 


dies fo leicht wird. Ferner halten die Spanier den 
Dunfelfarbigen gegenüber fid) nicht fo vornehm zurid, wie 
es die Engländer und Niederländer in Indien thun. 
Bielmehr wollen fie ihr natlirliches Uebergewicht über fie 
als ein höchſt perſönliches genießen; icon ihre lebhafte 
Sinnlichkeit treibt fie dazu, ſich, fo zu fagen, gemein zu 
machen. Dies find fie Übrigens aud) im guten Sinne: fo 
gut wie ein Altipanier weiß nicht leicht ein anderer Frem— 
der, nicht einmal ein Kreole, mit dem Indier umzugehen, 
und befjer als mancher ſpaniſche Geiftliche wird Niemand 
fie behandeln. 

Troß der ftarken Befähigung der Spanier zur Einwir— 
fung auf die Indier haben dieſe ſich nur wenig ſeit der 
Zeit vor der Eroberung geändert. Ihr fprödes Weſen ift ent: 
weder bis zur Vernichtung gebrochen worden oder hat fid) 
in feiner alten Form jo ziemlich erhalten; ein Anſchmiegen 
kennt es wicht. Es wäre freilich Uebertreibung, wollte man 
fagen, daß gar feine Aenderung ftattgefunden hat, daf, 
wenn die obere Schicht der Herrichenden durch einen Aus- 
bruch der unten liegenden Maſſe auf die Seite geichoben 
würde, die Dinge genau auf denfelben Standpunft zuritdfehren 


K. Lamp: Zur Charakteriftit der gefitteten ameritanifchen Ureingeborenen. 29 


wltrben, auf bem fie vor der Eroberung waren. Das möchte für 
das englische und niederländische Indien gelten; im fpanifchen 
Amerika könnte davon nicht die Nede ſein. Unleugbar haben 
die Indier manches von den Spaniern angenommen, 
darunter einiges, woflr fie diefen Dank ſchulden. Vor 
Allem gehören fie, Dank den Spaniern, wenigftens der 
Form nad), was das Ausjchlaggebende ift, der hriftlichen 
Welt an. Aber wie alles andere, was ihnen von den 
Spaniern gefommen ift, haben fie auch den katholiſchen 
Kultus ſich zu eigen gemacht und halten ihm jetzt ala ein 
Eigenes — fo haben ſich die Rollen vertauscht — zähe 
gegen die Nachlommen der Spanier feft, die zum Theil 
feitdem von Europa her ein anderes Dogma, das des Ra— 
tionalismus und der franzöſiſchen Nevolution , im fich aufs 
genommen haben. Sie fpredien noch ihre alten, freilich 
mit vielen fpanifchen Wörtern gemiſchten Spradyen, die 
fogar der Fremde an vielen Stellen, wie in Yucatan und 
in der Sierra von Peru, zu lernen ſich entjchließen muß. 
Sie bauen ihre Wohnungen, wie es nicht anders fein kann, 
mit den Materialien, die der Boden hergiebt, und auf dieſelbe 
Art, wie ihre Altvorderen. Das Mobilier ihrer Wohnuns 
gen, wenn von einem ſolchen überhaupt die Rede fein kann, 
hat fich nur etwa um ein Heiligenbilb vermehrt; dem Anz 
dier und felbft dem Meſtizen, auch wenn er gut geftellt ift, 
ditnft es viel bequemer, auf dem Boden zu boden, wenn er ſich 
gehen laffen kann, als auf einem Stuhl zu figen ; die thö— 
nernen Geräthſchaften find von althergebradjter Form und 
Verzierung. Ebenſowenig hat fic die Nahrung der Indier 
geändert ; fie machen (ch felten Gebrauch von dem Fleiſch 
des Schlachtviehes, das die Spanier eingeführt haben, eſſen 
vielmehr nad) wie vor ihren Mais, den fie auf diefelbe 
Weile wie ihre Vorfahren beftellen und zubereiten, eine 
Weife, die neben vielem anderen, was den Aderbau angeht, 
die Spanier von ihnen angenommen haben. In ihrer 
ganzen Kleidung findet ſich in der Regel kein Stüd, das 
nicht fie felbit oder Stammesverwandte anderer Gegenden 
angefertigt haben. Sicht man fie mit ihren Hlhnern, 
Eiern, Hofztohlen, thönernen und höfgernen Geräthſchaften 
auf dem Nüden im Gänſemarſch zum Markte traben, dann 
fommt Einem unwillkürlich der Eindrud, daß ihre Vorfah— 
ren vor 400 Jahren ſchwerlich viel anders ausgeſehen haben. 
Es giebt indiſche Familien, die ganz nad) ihrer Weiſe 
leben, jelbft in der Stabt Dlerico, und die in der Nähe derjel- 
ben auf der das Thal umfcliegenden Höhe wohnenden 
bieten feinen andern Anblick; fie find in feiner Weife 
durch die fpanifche ftädtifche Givilifation beledt. Haben fie 
in der Stadt ihre Waaren verlauft, dann lagern fie ſich auf 
den öffentlichen Plägen, in den Portalen, ihre Maistortillas 
und Bohnen zu verzehren. Neben ihnen, faſt itber fie hinweg, 
fchreiten hochelegante Damen, ftugerhafte Herren; alle Pracht 
einer unter den Tropen gelegenen und daher doppelt Uppigen 
Großſtadt entfaltet fic vor ihnen. Es läßt fie ganz und 
gar gleichgiltig, fie haben dafiir gar kein Auge, ſchlagen es 
nicht einmal auf; in ihren Gefichtern zeigt ſich nicht Neid 
noch Neugier, jondern der gewöhnliche Ausdrud der Starr 
heit. Sie kehren in ihre Dörfer ebenfo zurlid, wie fie 
gegangen find. Witt den Spott, den fie häufig genug zu 
erdulden haben, zeigen fie, wenn er nicht allzuarg wird, 
nur geringe Empfindung ; daflir find fie viel zu feit befan- 
gen im dem Vorſtellungskreiſe ihrer heimathlichen Scholle, 
Und man fchelte fie wicht Barbaren, weil fie jo harte Köpfe 
haben. Sie find ehrlich, zuverläffig, gebunden durch die 
Sitte, das einzige Material, auf das ſich feft bauen ließe. 
Und werben jie durch irgend ein Verhängniß losgerifien 
von ihrer Sippſchaft, von ihrer Scholle, dann verlieren fie 
allen Halt und verfallen gleich den Mifchlingen der 


Stadt — die des platten Yandes nähern ſich in ihrer Art 
den Indiern — einer vollftändigen Berlumpung, aus ber 
es eine Erhebung nicht mehr giebt, während fie auch der 
Civilifation damit nur infoweit einen Dienft erweilen, als 
fie Abnehmer ihrer Kattune werden. 

Eine Regierung, die etwas Dauerndes zn Schaffen vor: 
hätte, müßte hierauf vor Allem Riüdficht nehmen. Sie 
braudjte für das geordnete Aufanmenleben der Menſchen 
nicht neue Normen einzuführen; fie wiirde vielmehr nur 
dann ihre Aufgabe erfüllen lönnen, wenn fie bie alten 
fräftigte und zur Grundlage des Ganzen madjte. Sie 
müßte, jo weit es mit bem Üntereffe der Geſammtheit vers 
teäglid) ift, die Indier in ihren Dorfgemeinden nach ihrer 
Weiſe leben laffen; eines Geſetzes, wie das war, wodurch 
der ruſſiſche Zar Boris Godunow jedem feiner Unterthanen 
eine feite Heimath anwies, die er nur mit einem Paß ver- 
laſſen konnte, bedürfte es bei diefen wenig wanderluftigen 
Menſchen nicht. Wohl aber wären fie Fräftig zu fchüten 
nad) oben und außen gegen ein Kapital und eine Intelli— 
genz, die feflellos nur auf Ausbeutung der Unentwidelten 
gerichtet find. Dazu beditrfte es einer gewiſſen Abichliegung 
und, um diefe aufrecht, fowie jene Elemente niederzuhalten, 
eines Heeres, das Einem Willen gehordhte. 

Nach ähnlichen Grundfägen vegierten die Jeſuiten im 
Paraguay und dadurd; ift das Volksthum diejes Heinen 
Yandes das geordnetfte, in ſich einigfte, eigenartigfte und, fo 
ſchwach es an ſich urſprünglich war, widerftandsfähigte im 
ganz Südamerika geworden. Daß es in legter Zeit einen 
großen Rüchkſchlag erlitten hat, führt ein Berichterftatter 
der „Kolniſchen Zeitung“, der kürzlich dort als Weg— 
weifer des Handels, fo zu fagen, veifte und als folder 
gewiß feine Sympathie fir Abſchließung an fid) hat, eben 
darauf zurlid, daß es dieſe zu früh aufgegeben habe, In 
der That kann ein unentwideltes Volksthum mur auf diefe 
Weiſe ſich der Civilifation, die ſchon jo viele gefnidte 
Bollsexiſtenzen auf dem Gewiſſen hat, erwehren und zugleich), 
indem es durch den Schuß ftärfer wird, das von ihr, was 
ihm zufagt, allmälig in ſich aufnehmen, 

Aehnlich war das Syftem der peruaniſchen Incas. Ein 
Ausland gab es fir fie eigentlich überhaupt nicht; denn 
rings um das befriedete Gebiet wohnten Wilde, Innerhalb 
defielben aber war alles aufs Beite geregelt. Alle hatten 
ihren Platz, den fie ein» fiir allemal beibehalten mußten, der 
ihnen aber aud) gefichert und, weil fie beides wußten und 
zugleic) geduldig von Natur waren, lieb war. Dies wollte, 
wie Pedro Cieza de Yeon in feiner Croͤnica del Peru bemertt, 
chon die Natur des Yandes, welde die Menſchen zwingt, 
in den Thälern ſich zufammenzudrängen, die fie rings von 
dem rauhen witften Hochgebirge umgeben jehen, in dem fie 
umzukommen fitcchten müſſen. Das Charakteriftifche der _ 
Regierungsweife der Incas ift nun eben dies, daß fie allen 
Verkehr zwifchen ben iſolirten Gemeinden in ihrer Hand 
vereinigten, ihm verſtaatlichten. Es war ein ausgebildeter 
Staatsfocialiemus, wenn nicht für alle, fo jedenfalls für 
unentwidelte Bölter der gedeihlichſte und natirlicjite Zuftand. 
Ganz aus der Natur hervorgegangen war er übrigens in 
Peru keineswegs, wie denn die Dinge ſich überhaupt nicht 
von felbit, ohne Anſtoß, entwideln. Dazu war das Staats- 

ebäude viel zu ſymmetriſch und die bewußte Vorforge der 

ncas hatte einen wefentlichen Antheil an feiner Auffüh— 
rung, wenn fie aud) die Grundlagen vorfanden. ine ſolche 
Borjorge ift übrigens, ſcheint mix, nur unter den amerikaniſchen 
Eingeborenen, nicht unter einer andern wenig entiwidelten 
Race, 3. B. nicht unter den Negern, denkbar. j 

Es ift, dente ich, im Allgemeinen gefährlich, die verſchie- 
denen Racen gleichlam als Einzelwejen zu betrachten und 


30 Aus allen Erdtheilen. 


fie demgemäß zu vergleichen. Die Summe deſſen, was fie 
alle mit einander gemein haben, ift viel größer, als bie 
Differenz. Im jeder finden ſich die verfcjiedenen Tempera: 
mente, mag and) in der einen das eine mehr hervortreten 
als bei der andern, mag auch im Ganzen das Blut ber 
einen fchneller fließen als das der andern. Cine Wer: 
gleihung ſollte ſich mehr an die feſten Formen des Zuſam— 
menlebens halten, wie ſie bei den verſchiedenen Völlern ſich 
einerſeits durch die Natur des Landes, andererſeits durch die 
Geſchichte, in der einer der wichtigſten Faltoren der Grad 
und die Art der Einwirkung von außen iſt, verſchieden 
geftaltet haben. Doch wird dieje Hegel nicht ſchlechthin 
gelten und, wenn man eine Ausnahme zugeben will, fo 
mag am erſten die Verjchiedenartigkeit der Neger und der 
amerifanifchen Eingeborenen eine fein, die wohl größer ift, 
als eine ſolche zwiſchen anderen Nacen. 

Eine Dynaitie, die an ftaatöbildender Kraft den Incas 
gewachien wäre, wird es nicht unter den Negern geben. 
Bon Staatsbildung lann bei ihnen überhaupt kaum die 
Rede fein. Es herrſcht im den Negerreicen die Willfür, 
die Laune des Herren; er erhebt aus dem Staub zu den 
höchiten Witrden, wen er will, an einem Tage, um ihn 
am nächſten wieder hinunterzuſtoßen. Daher ein ewiger 
Wechſel und doch fo wenig Entwidelung aus eigener 
Kraft. An Auffaſſungsgabe fehlt es ja den Negern durch— 
aus nicht, und andererfeits find die Indier feine befonders 
begabte Race. Aber fic haben alles, was ihnen eigen ift, 
aus ſich jelbft. Die Neger dagegen, die in mandyem, 3. ®. 
in der Bearbeitung dev Metalle, weiter vorgejchritten waren, 
als die Indier, haben das Meifte von Fremden üüberlommen. 
Die frühere Abgeſchloſſenheit der Indier, die ftets geübte 


Berührung der Neger mit höher ftehenden Nacen, wie 
Arabern und Europäern, ift hierfür ein naheliegender Grund; 
ein tieferer ift die im Charakter begründete ſich felbft 
genügende, gleichfam vornehme Starrheit der Indier, die 
überaus große Empfänglichkeit der Neger. Wie fehr haſchen 
diefe nad) dem Neuen, wie leicht wechſeln ihre Stimmungen! 
Sie find fast wie die Affen in ihrer Nachahmungsſucht und 
gleichen den Kindern z. B. darin, daß fie, wie es ſcheint, nur für 
die greifbare Gegenwart Sinm haben. Dagegen erzwingt 
fid) das gefegte gleichmäßige Wefen der Indier eine gewiffe 
Achtung und die feften, gleichmäßig höflichen Formen in 
ihrem Berkehr müffen uns als Zeichen einer uralten Geſit— 
tung erfceinen, ja muthen uns mitunter faft als etwas 
Greifenhaftes an. 

Mit der Zeit werden jedenfalls die europäischen Natio- 
nen ein völliges Uebergewicht Über die Neger gewinnen. 
Es wird altbann eine große Mafje tropifcher Nahrungs 
und Genußmittel fir den enropäifchen Markt in Afrika 
erzeugt werden. Dagegen werden die Neger leidlich gute 
Abnehmer der Erzeugniſſe der Imbuftrieländer fein. Der 
ciwilifirten Welt mlffen fie alfo brauchbar ericheinen. Aber 
fie werden ſchwerlich je in ihr einen vollbitrtigen Platz ein- 
nehmen, fondern wahrfceinlich immer nur ihre Zerrbilder 
fein, wie es ſich in Haiti zeigt. Das zutreffende Bild eines 
Negers der Zulunft ift ungefähr, ſcheint mir, das eines 
Menſchen, der die abgelegten Kleider der Europäer trägt. 
Wurde hingegen den Indiern eine Regierung nad) ihrem 
Sinne zu Theil, jo könnten fie dag gelangen, eine eigen: 
artige, wenn auch beſcheidene Nolle unter den Völkern der 
Erde zu fpielen. 


Aus allen Erdtheilen 


Europa. 


— In Frankreich war die Weinernte des Jahres 
1875 mit 78 Millionen Heftoliter die reichſte im Laufe dieſes 
Jahrhunderts, fant dann im folgenden Jahre auf 44 Mil 
lionen und ging 1879 und 1880 bis zum Ertrage ber ſchlech— 
tejten Ernten zurück (veip. 25 und 20 Millionen). 1831 fiel 
fie beifer aus, als man anfänglich vermuthete und ergab 
31 Millionen Hektoliter. Zum VBergleihe diene, daß nad 
den von Giovani Boſchiero 1873 angeftellten Unterfuhungen 
die Weinfrescenz in Italien auf circa 33, in Spanien auf 
30, Defterreich Ungarn anf 18, Rußland anf 16 und Por- 
tugal auf 3 Millionen Heltoliter gefchäßt wird. 

— Um 6. Juni fand in der griechiſchen Kammer bie 
dritte Pefung des Geſetes ftatt, durch welches die Verträge 
über den Ban von Eifenbahnen zwiſchen Athen und 
Patras mit Abzweigung nad) Nauplia, zwiſchen Athen und 
Laurion und in Theſſalien ratificirt werben. 

— Die Steinkohlen-Induſtrie emtwidelt ſich im 
Königreihe Polen von Tag zu Tag. Im Fahre 1850 wurden 
77’, Millionen Bub (a Y% Gentner) Kohlen gefördert, d. 6. 
um fait 12 Millionen Pud mehr als im Vorjahre, Im 
Ganzen giebt es in Polen 30 Kohlenwerke, die 4857 Arbeiter 
beihäftigen; die Zahl der thärigen Maſchinen beträgt 60. 

— Un Salz und Fifhen wurden im Jahre 1850 im 
Souvernement Aſtrachan nah Mittheilung des ftatiftiichen 
Eomitee dieſes Gouvernements gewonnen: a) an Salz von 
den Salzieen, welde eine Flähe von MO Quadratwerſt ber 





fifchen Höhenzuge zufammen 14486424 Pub; and dem Vor: 
jahre war ein Beſtand verblichen von 1142269 Pub. Von 
diefen inggefammt 25528693 Pud wurden aus dem Gou— 
vernement ausgeführt 11627 256 Pub, fofienfrei an Kazaken 
bes Terel- und Huban: Oblaft abgegeben 560 0143 Pud, auf 
den heimifchen Verbrauch famen 2 835 878 Pud, der Verluft 
beim Eintrodnen betrug 25401 Bud, zuſammen wurden ver: 
braudt 15045611 Pud und in das Jahr 1851 übernommten 
10.450082 Pud Salz, Die Gejammteinnahme des Jahres 
betrug 4278098 Rubel 74 Kopeken. b) an Fiſchen wurden 
1880 aus Aſtrachan und den nahe dabei liegenden Häfen 
anögeführt 14.008 352 Vud im Werthe von 21937 162 Kurbel. 
Einſchließlich des im Winter in gefrorenem Zuſtande zu Lande 
Verfrachteten erreicht der Werth der Fiſchereiprodulte 30 Mill, 
Rubel. Berechtigungsſcheine zu Fiſcherei und Sechundsfang 
waren ausgegeben 745, wofür die Staatseinnahme 217 850 
Rubel 40 Kopelen betrug. 


Yiien. 

— Außer der bereits S. 14 mitgetheilten Aufhebung 
des Generalgouvernements Wenfibirien und Errichtung des 
Steppengeneralgouvernement®, bie unterm 18. (40.) Mai 
d. 9. officiell angeordnet find, ift betrefiS der militäri- 
ſchen Landeseintheilung durch Faiferl. Prilaz vom 25. Mai 
(6. Juni) 1832 befohlen worden, dag an Stelle bes jekigen 
weftfibirifchen Militärbezirks aus den drei Obland 
(Almolinst, Semipalatinst und Scmirjetihenst) des Steppen- 
generalgouvernements und den beiden Gonvernements Tor 


decken, und aus dem Steinfalzlager auf dem tſchaptſchatſchins- bolsf und Tomst ein neuer Militärbezirt Omsk ge 


Aus allen Erbtheilen. 31 


bildet wird. Der Name Wenfibirien verſchwindet damit ganz 
aus der Reihe der ofiiciellen Benenmungen ruffifcher Ge— 
bietötheile. 

— Im Auftrage der Regierung der Vereinigten Staaten 
ift am 22. März d. J. Herr Stejneger aus Chriftiania nad) 
Kamtſchatka abgegangen, um dort eine meteorologifche Sta: 
tion erfter Klaſſe und auf der Beringinſel und in Petropam- 
lowst ſolche zweiter ober dritter Klaſſe einzurichten, über bie 
dortigen Fiſchereien zu berichten und naturwiſſenſchaftliche 
Sammlungen, namentlich von der ausgeftorbenen Rhytina, 
von Phoca leonina, Otaria ursina u. ſ. w., zu machen, 

— Der Telegraphenban macht in China Foriſchritte. 
Erſt wenige Monate ift die Linie Schanghat-Tientfin im Be: 
trieb, und jet foll Kanton durd eine Landleitung mit 
Hongkong verbunden werben. Die Unternehmer find 
ausſchließlich chineſiſche Kaufleute in Kanton. Merkwürdig 
in, daß die Linie vorläufig in Kaulun an der Grenze des 
britifhen Territoriums endigen fol, weil die britifchen Ber 
hörden nur einer britiſchen Gejellichaft die Legung eines 
Kabels durd) den Hafen von Hongkong (zur Verbindung diefer 
Stadt mit Kaulun anf dem zu China gehörigen Feſtlande) 
geſſatten wollen. 

— Der Gonvernene von Franzöſiſch-Cochinchina meldet 
am 17. April, daf Lieutenant Scptans (f. „Slobus” ÄLI, 
S. 225) und jein Geführte Gauroy ihre Neife im Innern 
von Hinterindien nicht haben zu Ende führen können. 120 kım 
von Quinhon entfernt wurden fie von den Laos fetgehalten 
und mußten, nachdem fie ihr ganzes Gepäck verbrannt, im 
Eilmärichen nad) A zurückkehren. Es ſcheinen auch 
hier in Aſien, wie i ila, die Sklavenhändler zu ſein, 
welche ſich dem Eindringen von Europäern widerſetzen. Franf- 
reich hofft jedoch, von feiner Kolonie aus diefem ſchändlichen 
Treiben wenigftens Abbruch zu thun, wenn nicht es ganz zu 
unterdrüden. 

— Einer Mittheilung des „Golos" aus Singapur 
zufolge befand fi Milluho-Maclay am 10. April da— 
felbit auf feiner Heimreife. Seine Sammlungen bleiben 
jedoh im Mufralien, wohin er bald wieber zurüdfchren 
will. Sein Geſundheitszuſtand ift in Folge von Fieber und 
Neuralgie ſchlecht, und obwohl er erſt 37 Jahre alt ift, fieht 
er wie ein alter Mann aus. Seine zwoölfjährigen Reifen 
und die damit verfnüpften Emtbehrungen haben feine Kraft 
gebrochen, und es fieht zu flirchten, daß die Verarbeitung feiner 
Reſultate dadurch fehr verzögert werben wird. 


Yufraliem 

— Die Kolonie Süd-Anftralien (vergl, „Globus“ 
XXXU, ©. 104 und 207) ift mit ihren 42501 deutſchen 
Quabratmeilen 6,73 Mal fo groß wie das jehige Preußen. 
Der fübliche Theil mit 17875 Quadratmeilen — davon wa: 
ren am 30. Juni 1881 reichlich %,, meift wertblofes Wüften- 
land, unbeſeſſen und unbefegt — heißt Siid- Anftralien im 
engern Sinme und bilbet die eigentliche Solonie. Die ger 
fanımte Bevölkerung zählte nach dem revidirten Genius vom 
3. April 1831 erjt 236211 ober 6,73 auf der Onadratmeile, 
und am 1. Juli 1881, mad) amtlidier Berechnung 288 537, 
Die freie Einwanderung aus Enropa auf Koften des Staa— 
tes in zwar gegen früher bedeutend beſchräukt worden, aber 
das Parlament hatte für das Finanziahr 183081 immer doch 
noh 15000 Pi. St. dazu bewilligt. Hauptfählic war es 
dabei auf Dienftmädchen abgefehen, an weldyen es, ungeachtet 
des hohen Lohne von 10 bis 12 Sch. pro Wodhe!) bei 

1) Die Ungelegenheit fam aud) im September 1851 im 
Parlamente wieder zur Sprache. Es wurde einftimmig votirt, 
dab der Genernlagent der Kolonie in London jo viel Mädden 
wie möglid frei nad) Süd- Auftralien befördern laſſen ſolle. 
Die Lage der Hausfrauen in der Kolonie wurde bei dem gros 
ben Mangel an Dienſtmädchen als eine verzweifelte geſchildert. 
Die Ungleichheit der Geſchlechter in Auftralien — das weibliche 
. in beträchtlicher Minorität — trägt wohl die Hauptſchuld 

aran. 





völlig freier Station, in allen aufſtraliſchen Kolonien ſehr 
mangelt. Im Uebrigen it der Arbeitermarkt in allen Brau: 
chen überreichlich beſetzt. 

Die Revenue des Jahres 1880/81, von Juli zu Juli ge: 
rechnet, Schloß mit einer Einnahme von 2010681 Pr. St, 
gegen 1881 164 Pf. St, im Vorjahre oder mit 7 Pf, St. pro Kopf, 
Die Ausgaben dagegen ftellten ſich auf 1979425 Pf. St, 
gegen 1853112 Pf. St., ober auf 6 Pf. St. 17 Sch. pro 
Kopf. Die öffentlihe Schuld war am 30. Juni 1881 auf 
11 196400 Pf. St. oder 38 Pf. St. 16 Sch. pro Kopf geftie: 
gen, zu deren jährlicher Berzinfung 452000 Pf. St. erforder: 
lich waren. Davon war der größere Theil auf den Bau von 
Eifenbahnen verwendet worden. Eine weitere Anleihe Hand 
bevor. Unter Kultur befanden ſich 2574489 Meres (ein 
Here = 40,46 Ar.). Sid-Uufralien if eine vorzugsweiſe ader: 
bautreibende Kolonie und behauptet im dieſer Beziebung den 
erften Nang unter allen auftralifchen Kolonien. An Getreide 
wird hauptfäclich Weizen gebaut, und waren damit im lets 
ten Jahre 1733 512 Acres beftanden. Der durchſchnittliche 
Ertrag von nur 4,96 Bufheld vom Acre bezahlt aber die 
Farmer feineswegd. Es war ein großer Fehler der Regie: 
rung, daß jene Gegenden, welde ſich jenfeit der Höhe des 
Spencer Golf ausbreiten, gewöhnlid; „Ihe Far North“ ge 
nannt, wo die jährliche Negenmenge höchſſens acht bis zehn 
Boll beträgt und Waflermangel allgemein if, als Agrikultur⸗ 
bifteift erflärt wurden. Es kommt bei der häufigen Dürre 
vor, daß die eingeftrente Saat nicht einmal zum Keimen ges 
langt. Man hätte die Squatter mit ihren Viehherben rubig 
dort belaſſen follen. 

Der Erport des Jahres 1980 bewertbete 5574 505 
Pf. St., gegen 4 762 727 Pf. St. im Vorjahre oder 19 Pf. St. 
9/4 Sch. pro Kopf der Bevölkerung, Man darf aber dabei 
nicht außer Act laffen, daf in diefem Anſabe auch der Ne: 
erport von importirten Waaren (im Fahre 1880 744 928 Bf, St.) 
eingefchloffen ift. Der Import dagegen Hatte einen Werth 
von 5581497 Pf. St., gegen 5014150 Pf. St. im Vor— 
jahre oder 19,105 pro Kopf. E8 liefen im Jahre 1880 ins— 
gefammt 1045 Schiffe mit 580085 Tonnen ein und 1111 
Scifie mit 610819 Tonnen aus, 

Der Bau von Eifenbahnen ſchreitet rafch vorwärts. Am 
1. Juli 1881 waren 765%, Miles (166 beutfhe Meilen) in 
Betrieb nnd 221 in Ban begriffen. In dem Finanzjahre 
1581/82 follen 764000 Pf. St. auf Eiſenbahnen verwendet 
werden. Dem jett tagenden Parlamente find wieder Bor: 
lagen über eine Reihe nen zu bauender Balmen unterbreitet 
worden. Namentlich fol and die Nordbahn, welche jett 200 
Miles über die Spite von Spencer Golf hinaus bis zu den 
fogenannten „Government Gums“ fertig if, weiter ins In— 
nere des Kontinents fortgefett werden. Die Telegrapben- 
länge belief fi auf 4754, die ber Drähte auf 6904 Miles. 

Der Vichbeftand der Kolonie ftellte ſich nach der Zählung 
vom 3. April 1881 auf 157915 Pferde, 307 177 Rinder, 
6.463 897 Schafe und 131 011 Schweine. 





Südamerika. 

— Durch Dekret vom 16. März 1882 verbietet der 
Iluſtre Americano' Guzman Blanco, Präfident von 
Venezuela, als Hodverrath (1) die Einführung und den 
Verkauf eines Heinen bei Hadjette in Paris erfchienenen At: 
las von E. Cortambert, weil — in demfelben Britifd Guayana 
bis an den Drinofo reicht, aljo angeblich venezolaniſches Ges 
biet umfchlicht. Als ob Überhaupt die Örenzen der ſogenann— 
ten Republik Venezuela irgendwo, von der Meeresküſte ab- 
gefehen, fefthänden! Und als ob England feine Anfprüche 
anf die Strede bis zur Orinofo-Mündung, jpeciell bis zum 
Rio Amacura, dem armjeligen Venezuela gegenüber micht 
durchſetzen fönnte, wenn es wollte! 

— Das Beſte und Ausführlichfte, was jett über die 
füdbrafilianifchen Provinzen Sao Pebro do Rio Grande do 
Sul und Santa Catharina eriftirt, ift das chen erichienene 


32 


Bud) von Dr. Henry Lange: „Siüdbrafilien* (Berlin 
1882, VII und 166 S., 3 Karten und 11 Abbildungen in 
Holzfhnitt und Lichtdrud). Es in eine fyftematifche Beſchrei⸗ 
bung der beiden Provinzen, deren Hauptwerth in zahlreichen, 
anderdwo nicht zu erlangenden Daten ber topographiichen 
Abschnitte liegt, welche dem Verfaſſer in Folge feiner lang: 
jährigen Verbindung mit jenen Hauptfiten ber Dentichen in 
Südamerika zu Gebote fanden. Fir den Auswanderer wirb 
fi; dad Buch von befonderm Nuten erweifen; freilich mag 
ein folder zuerft beberzigen, was ein fo gründlicher Kenner 
Stüdamerifas, wie Dr. ®. Reif, jüngft (Verb. der Ger. f. Erbf. 
zu Berlin 1882, ©. 268) über die deutſchen Kolonien im fild- 
lihen Brafilien gefchrieben bat. Es find „weſentlich die 
Ihlimmen Elemente, weldye das Leben in der Kolonie loben, 
während arbeitfame Familien, welche e& zu einer gewiffen 
Wohlhabenheit gebracht haben, bittere Klagen über die alls 
mälig über fie hereinbrechende Berwilderung führen. Die 
tief liegende, durch nichts anszugleichende Urſache diefer wohl 
zu beherzigenben Thatfadhe . . . liegt in der Verfchiebenartig- 
feit der Gharaltere und des Kulturzuſtandes ber hier zu: 
fanmentreffenden Nationalitäten. Der Deutiche wird in Bra: 
ſilien ſſets ein Fremder bleiben, mit Mißtrauen, vielleicht 
gar mit Haß und Verachtung betradjtet werden, und bie ihm 
angeborenen Auſchauungen des 19. Jahrhunderts werden in 
ftetem Widerſpruch ftehen mit den Beftrebungen der dem Ge: 
dankenkreiſe der Congnifiadoren noch nicht gang entwachfenen 
Bevölkerung, welde das Yand und fomit auch die neuen Ko— 
lonien beherrict”. 

— Die Oeſterreichiſche Brig „Bice* hat Kürzlich den 
Hafen von Buenos Ayres mit 3000, filr London beftimme 
ter Ballen getrodneter Alfalfa (Luzerne) verlaffen. 
Wegen de3 großen Raumes, welhen dieſes Vichfutter ein 
nimmt, war bisher deſſen Export unmöglich; feitbem aber 
der Schotte Francis Jonager daffelbe mitteld Prefien derart 
fomprimirt, dat ein Kubikfuß davon 35 bis 45 Pfund wiegt, 
find die Erportbedingungen viel günſtiger. Glückt der Ver: 
ſuch, fo gewinnt Argentinien damit ein neues Ausfuhrpro— 
duft, von welchem es far unbeſchränkte Mengen zu liefern 
im Stande if. 

— Profeffor Arthur Seelfirang von der Univerfität 
Cordoba hat von dem Geographiihen Juftitute in Buenos 
Ayres ben Auftrag erhalten, eine Gefammtfarte der Ar: 
gentinifhen Republik zu bearbeiten. Bereits haben 
fid} mehrere Provinzgonverneure bereit erflärt, Material 
und Informationen dazu zu liefern. 

— Dr. Erevanr ift nah einem Telegramm aus Rio de 
Janeiro mit feinen 4 enropäifchen und 14 fübamerifanischen 
Begleitern am Rio Pilcomayo von den Tobas: Indianern 
erichlagen worden. 


Polargebiete, 


— Ein Theil der ruſſiſchen Nowaja-Zemlia-Erpedi— 
tion und zwar ber Arzt Dr, Griniwetzki und Herr Nil, 
Kriwoſchei von der Univerfität Petersburg als Naturkundiger 
nebſt drei Matrofen der fünften Flotten-Equipage find am 
22. Mai (3. Juni) zu Schiff, auf dem Dampfer Tſchiſchow von 
Peteräburg nadı Ardangelsf abgereift. Der Führer der Er 

pebition, Lieutenant Andrejew, mit feinem Gehülfen iſt auf dem 
ew⸗⸗ — abgegangen. Bon Archaugelsk aus ge: 


Inbalt: 
bowsti: 
Ureingeborenen. — Aus allen Erbtheilen: 
— —— 











(Schluß der Redaction 20. Juni 1832.) 


Nedacteur: Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lindenſtraße 11, II Er. 


Aus allen Erdtheilen. 


denkt die Erpedition Mitte Juni a. St, auf Nowaja Zemlja 
einzutrefien und im December 1883 nad) Peteräburg zurild: 
zukehren. 

— Die Stodholmer Geologiſche Geſellſchaft wird im 
kommenden Sommer einen Theil der Injel Spitbergen 
durd; ihre beiden Mitglieder Dr. Nathorft und Baron de 
Geer geologifch aufnehmen laffen. Diefelben traten am 
1. Juni von Drontheim aus ihre Reife anf dem Walfänger 
„Biona* an. 

— Um 23. Juni hat die „Dope” unter Befehl von Sir 
Allen Joung und mit einer Beſatung von 4 Dfficieren 
und 32 Mann die Themje verlaffen, um nad) dem Polar: 
fahrer Leigh Smith und feinem wahrſcheinlich bei Franz Joſef⸗ 
Land befindlichen Schiffe ‚Eira“ Nachforfhungen anzufellen. 
Einer der Officiere und 8 von der Mannſchaft Haben bereits 
Belanntichaft mit der Eisfchifffahrt gemacht, Tetstere unter 
Joung's Befehlen; 8 andere haben ſchon auf derfelben „Hope“ 
fid) am Walfifhfange betheiligt- Die „Hope” faht 450 Wer 
giftertonnen, iſt durchweg gegen das Eis verfärft worden 
und führt Proviant für 40 Mann auf 2 Jahre und für die 
25 Mann ber „Eira“ Proviant anf 1 Jahr. Fr den Trall, 
daß fie im Eife fiten bleibt und verlaffen werben muß, ift 
fie mit 6 Eisbooten, Zelten, Schlitten, Kodapparaten und 
fondenfirten Lebensmitteln verfehen. Dod hat Sir Allen 
Joung die Inſtruktion, möglichht das Eindringen in das Eis 
zu vermeiden, da die Strömungen bei Franz Joſef⸗ Land 
nach Norbiveften gehen und in Folge deffen bei etwaigen 
Einfrieren auch das Leben der Hope: Bemannung gefährbet 
würde Auch Sir Henry Gor ooth im feiner Yacht 
„Kara“ betheiligt ſich an der Aufſuchung von Leigh Smith; 
am 20. Juni war berfelbe ſchon ir in Tromſöo angekommen. 


— 


— Der franzöfifche Unterrichtsminiſter hat wiederum eine 
Kommiſſion ernannt, welche die Tiefſee-Unterſuchun— 
gen im Alantifhen Dceane durh den „Travail: 
leur" im Juli und Auguſt d. J. leiten fol, "In Ausſicht 
genommen find bie Meerestheile längs der Küſten von Spa— 
nien, Portugal und Marokko. Die Mitglieder des Aus- 
ſchuſſes find Milne- Edward, . Vaillant, E. Perrier, 
Marion, Folin und P. Frifcher. 


Bermiſchtes. 

— Von Ferdinand Hirt's Geographiſchen Bil— 
bertafeln (ſ. Globus* XL, ©. 48) iſt eben der zweite Theil 
(Preis 4,40 M.) erfcjienen, welder auf 28 Tafeln 172 typi⸗ 
ſche Landſchaften ans fämmtlichen fünf Erdtheilen enthält. 
Dieſelben ſind für die außereuropäiſchen Gebiete nach drei 
Hauptgruppen gegliedert, welche reſp. Küſtenbildungen, Relief: 
landſchaften und Vegetationsbilder umfaſſen. Die Auswahl 
der Landſchaften ift wohl durchdacht; man wird wohl manches 
vermifien, ſich dabei aber immer daran erinnern müfen, daf 
rein äußere Gründe ein Zuviel verbieten. Die techniſche Aus- 
führung der Holzſchnitte ift meist vorzüglich; Bedenken über 
die Zuverläffigkeit der Originale werden faum bier und da ſich 
regen. Ein kurzer Begleittert zu den Tafeln ift in Borberei- 
tung. Diejelben werden hoffentlih nad Kräften dazu bei: 
tragen, den geograpbifchen Unterricht anſchaulicher und 
lebendiger zu geftalten. 


Die Meteora II. (Mit vier Abbildungen.) — Mecheln II. (Mit drei Abbildungen) (Schluß) — F. Gra⸗ 
Dajakiſche Sitten und religiöfe Gebräude I. — Karl Lamp: Zur Charakteriftit der gefitteten amerikauiſchen 
Europa. — Aſien. — Auftralien. — Cübamerile. — Polargebiete. — Dreane. 


Druf und Verlag von Friedrich Vlieweg und Sohn in Braunſchweig. 


Hierzu zwei Beilagen: 1. Literarifcher Anzeiger Ar. 2. — 2. Profpeet: Adrian Balbi's allgemeine Erdbeſchreibung. 
Verlag von A. Hartleben in Wien. 


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Band XLI. 


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* 


Mit beſonderer Berüchfihtigung der 





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Intbropologie und Ethnologie, 


Begründet von Karl Andree, 
In Verbindung mit Fahmännern herausgegeben von 


Dr. Ridard Kiepert. 


Braunfhweig 





Jährlich, 2 Bände à 24 Nummern. Dur; alle Buchhandlungen und Poftanfalten 
zum Preife von 12 Marl pro Band zu beziehen, 


1882, 


Die Meteora. 
(Nah dem Franzöfifhen des M. de Dröe.) 


III. 
Sämnitliche Abbildungen nach Skizzen des Reiſenden.) 


Der Grieche, deſſen Gaſtfreundſchaft Droͤe in Kara— 
hiſſar genoß, theilte ihm bald mit, daß feine Ausſicht vor— 
handen ſei, daß bald eine Karawane nach Oſten aufbrechen 
witrbe; auch ſei die Stadt kein gewöhnlicher Durchgangs— 
punkt für ſolche. Das Beſte wäre, wenn er nicht lange 
Zeit warten wolle, nad) Isparta (gemam füdlich von Kara— 
hiſſar) zu gehen; dort wohne einer feiner freunde, der oft 
Neifen mache, und dem er fich anſchließen könnte. Drse 
beſchloß diefem Rathe zu folgen und wurde darin nur nod) 
mehr beftärkt, als er eines Abends feinem Wirthe von ſei— 
nen Reifen erzählte, ihm feine Skizzen, darunter diejenigen 
von den Meteoren, zeigte und dabei die Mittheilung erhielt, 
daß ſich in der Nähe von Isparta etwas Aehnliches finde. 
Am folgenden Tage verließ er Karahiffer, mit einem Briefe 
feines Wirthes an deſſen Freund in Isparta verfehen. 

Der Weg dorthin bietet wenig Malerifches; er führt 
durch Berge, wo es ſchwer hält, eine erträgliche Unterkunft 
zu finden. Einmal mußte ſich der Reiſende mit dem 
Schuppen begnügen, im welchem die Pferde untergebracht 
waren, und fic fait unter die Füße des feinigen legen. 
Aber ſchließlich erreichte er doch Heil und gefund fein Ziel, 
Isbarta am Dberlaufe des pamphyliſchen At-fu (Keftros), 
und wurde von dem Manne, an den er gewieſen worden, 
gut empfangen. 

Sparta liegt auf dem direkten Wege für den, welcher 
zu Lande von Smyrna nad) Eypern reift, fei es, daß er 
in Adalia oder erſt in Merfin in Kilikten die unumgäng- 

Globus XL. Nr. 3, 


liche Seefahrt antreten will. Aber nach Often hin hat es 
nod) —— Verkehr, als ſelbſt Karahiſſar; den Gedanken, 
fich einer Geſellſchaft anzuſchließen, mußte Dree völlig aufs 
geben. Sein Wirth hatte indeſſen vor, bald in Geſchäften 
nad) Kaiſarieh zu reifen, und nun handelte es fic fr ihm 
nur darum, feine Zeit in Isparta möglichit gut auszufüllen. 
Das Kloſter, von welchen er in Karahiſſar gehört Hatte, 
follte in einer Entfernung von 7 bis 8 Kilometer am Abs 
hange des Dauras-Dagh (jüdlid) der Stadt) und unweit 
des Eleinen Fluſſes Aleſoa liegen. Im Gefellichaft eines 
jungen Griechen machte fid) Dree zu Fuße auf den Weg. 
Der Klug macht nämlicd unterhalb (ſudlich) von Ysparta 
einen Bogen, fo daß es viel näher war, die fir Pferde un— 
pafjirbaren Bergpfade einzufchlagen, als die gewöhnliche 
Straße. Der Des wurde bald jehr ſchwierig und führte 
durch höchſt malerische Schluchten; beiderſeits ftiegen die 
Berge meiſt in Geſtalt ſteil abfallender Felſen zu großer 
Höhe auf, mitunter aber waren fie auch mit einer dichten 
und üppigen Vegetation bededt. An Quellen und Bächen 
Haren Waſſers war fein Mangel. Nachdem fie dem Pfade, 
der bald itber nadtes Geröll, bald über Gras und Moos 
dahinführte, eine Weile gefolgt, ftanden fie plötzlich nad) 
einer ſcharfen Biegung vor einer riefigen Felswand von 
fonderbarem Ausſehen. Diefelbe beitand aus ſehr regel- 
mäßigen Scichten, weldye in Zwiſchenräumen von 8 bis 
10 Meter breite Geſimſe bildeten, welche ſich faſt in der 
ganzen Yänge der Wand hinzogen. Auffallend war der 


> 


34 Die Meteora. 


reiche Pflanzeuwuchs, welcher den ganzen Felſen bededte; 
aus jeder Spalte wuchs eine Pflanze, ein Strauch oder ein 
Baum heraus, und auf allen Abfägen faft bis zum Gipfel 
bes Felſens hinauf gediehen luftig wahre Dickichte. Sonft 
aber war auf eine geringe Entfernung nichts Außergewöhn: 
liches wahrzunehmen. Um fo mehr war der Reiſende er: 
ftaunt, als bei feiner Annäherung zwei Möndje aus einer 
großen Höhlung hervortraten, welche fich am Fuße des 
Telfens befand und durch 
die Uppige Begetation voll: 
ftändig verbedt wurde. Es 
war das der Eingang zu 
einem unterirbifchen Wege, 
welcher unter Benutzung 
der zahlreichen Spalten 
und Höhlungen im Geftein 
durch Menſchenhand leicht: 
hin und ohne große Koſten 
hergeſtellt worden war; 
derſelbe führte zum erſten 
Felsabſatze hinauf und 
mlindete dort in einer gro⸗ 
Gen Deffnung. Von einem 
der Mönche dazu eingela- 
den, ftieg Dree mit feinem 
Diener hinauf. Die Stw 
fen find ſehr ungleich und 
zum Theil ſehr hoch, fo 
daß das Hinaufflettern 
jtemlich unbequem ift. Licht 
empfängt bie Paflage zur 
Genluge durdy natüurliche 
Spalten, welche ſich ab 
und zu finden; aber den⸗ 
noch ift man froh, wenn 
man wieber ins Freie tritt. 
Dort muß man fic etwa 
10 Meter hoch am Seile 
hinaufziehen laſſen, und 
dann folgt ein fteiler Fuß⸗ 
pfad, ſchwierig und für 
nicht ſchwindelfreie Perſo⸗ 
nen ſelbſt gefährlich zu be— 
gehen, welcher zu dem auf 
dem Gipfel befindlichen 
Klofter führt. Dort wurde 
Dree durch den einzigen, 
noch oben befindlichen 
Mönd, zugleich den Bor: 
fteher, empfangen; aber das 
Elend und ber Berfall war 
fo groß, daß er faum das 
Wort zu ergreifen wagte. 
Das ganze Kloſter beftand 
aus zwei Meinen Gebäu⸗ 
den, deren eines vollftän- 
dig in Trümmern lag; das andere war eine Meine Kapelle, 
fo einfach, wie fie vielleicht die erften Chriften zur Zeit 
ihrer Verfolgung errichteten. Die armen Yeute hatten ihr 
Möglichites gethan, das Heiligthum zu ſchmücken; es waren 
einige vohe Bilder und eine befcheidene Tüfelung vorhane 
den, welche legtere vielleicht ein im Tiichlern etwas bewans 
derter Mönch Hergeftellt hatte. 


anſcheinend fehr hohem Alter, verirrt. Ueber feine Ente 


ftehung oder Herkunft aber war nicht das Geringfte zu ers 





Aeußere Treppe an einen Felſen bei Uluburlu— 


Und zwifchen diefe Ar: | 
muth Hatte fich ein wirfliches Gemälde, ein Triptychen von 


fahren; fo groß war die Unwiſſenheit und Unbelitmmertheit 
der Leute, daß fie ſich nie um feinen Urfprung oder Werth 
gefiimmert hatten. Huch war es ſchon zu fehr durch die Zeit 
geſchwärzt und hing zu hoch, ald daß Dree feine Gute 
hätte beurteilen können. 

So arm aber das Klöſterchen war, fo wurde der Frenide 
doc, nicht entlaſſen, che er nicht Kaffee getrunfen und 
einige Cigaretten geraucht hatte, wofür er feinen Dank in 
Geſtalt einiger Silber 
mibtzen abftattete. Da der 
Tag mod; nicht weit vor« 
gerücdt war, fehrte er auf 
einen andern Wege nad) 
Isparta zurüd, und zwar 
längs des Fluſſes Aleſoa, 
was ohne große Anſtren⸗ 
gungen möglich war und 
ihm den Genuß einer 
ganzen Reihenfolge ſchö— 
ner Laudſchaften gewährte. 
Bald ift der Fluß zwi— 
ſchen hohen Felſen von 
den mannichfaltigften or» 
men eingeſchloſſen, bald 
ftrömt fein Mares Waller 
ruhig zwiſchen flacheren 
Ufern dahin, die mit fps 
piger Vegetation bededft 
find. Die nächſten Tage 
verwandte er zu einem 
Beſuche des großen Sees 
Ejerdir (morböftlich von 
Isparta), deſſen Schön: 
heiten ihm fein Wirth in 
Karahiſſar gerühmt hatte 
und ber in der That fol» 
dies Yob verdient: an fei- 
nen Ufern könnte man ſich 
in die Schweiz verſetzt 
glauben. Mit Papier, 
Meiftift und Muger Weife 
auch mit einer Flinte ver⸗ 
ſehen durchſtreifte Dröe 
die herrliche Gegend. Ent: 
zuckend ift namentlid; die 
Yage der Stadt Ejerdir 
am Südende des Sees, 
deren Häuferzahl nicht 
fiber 600 beträgt. Cines 
Tages folgte Drae dem 
öftlichen Ufer bis zu dem 
proßen Flecken Korran; 
den Ruckweg nad) Ejerdir 
machte er auf dem noch 
maleriſchern weſtlichen, in 
deſſen Mitte nördlich von 
dem Orte Barla ein Ausläufer des Dauras-Dagh als 
Vorgebirge ſcharf in die Gewäſſer vorſpringt. Sein Gipfel 
gewährt eine herrliche Ausſchau: zur Rechten überblickt man 
die ganze füdliche Hälfte des Sees umd dahinter die Hoch— 
gipfel des Dauras: Dagh, an deſſen Fuße Yeparta liegt, 
zur Linken die Nordhäffte, welde grüne Hügel von großer 
Yieblichfeit einfaſſen. Ein anderer Ausflug hatte Ulu— 
burlı, nördlid von Isparta in ſchöner Umgebung gelegen, 
zum Ziele; auch dort fand fic eines der armfeligen Klöſter, 
deren Beſuch trog aller ihrer Einförmigkeit fur den Reifen 





Die Meteora. 


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Die Meteora. 


den jo große Anziehungskraft befaß. Der Zugang zu dem- 
jelben ift leicht: fein Seil, fein Korb, nur eine Treppe, 
deren roh im den Fels gehauene Stufen unter Benugung 
aller Höhlungen und Spalten im Zichzack nad} oben führt, 
bald unter freiem Himmel, bald unter einen Felsblock 
dahin. Das ärmlice Kloſter, wenn es diefen Namen 
überhaupt verdient, gleicht demjenigen im Dauras: Dagh, 
nur daß es fein Triptychon befigt. 


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37 


Bei feiner NRüdtehr nach Isparta empfing ihn fein 
Wirth mit der angenehmen Nachricht, daß er zwei Tage 
fpäter nad) Kaifarich reifen werde. Raſch ſchloſſen ſich 
andere Cimvohner der Stadt an, fo dak die Karawane 
zulegt aus zehn Reitern, ebenſovielen Yaftpferden und etwa 
20 mit Waaren befadenen Kamerlen beitand. Der Weg 
ging über Ejerdir, dann amt öftlichen Ufer des Sees bis 
zum Nordende des Dipoiras-Gebirges und nun nad, Nord⸗ 


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Eingang des unterirdiſchen Weges zu einem Klofter in Kodſcha-Dagh (unweit des Salzfees). 


often über den Sultans Dagh nah Arkut-Chan (öftlic 
des oben erwähnten Akſchehr). Im der Nähe diefer ganz 
Heinen Stadt befindet fich ein Ser, defien Namen Dree 
nicht in Erfahrung bringen konnte, und an demjelben ein 
gleichfalls nicht bedeutendes Mleteoron. Dafjelbe liegt an 
feinem einen Ende auf einem chva 25 m hohen, rings von 
Waffer umgebenen Felſen, fo daß feine Inſaſſen nur mit: 
tels Booten mit dem feften Lande verfehren fünmen. Zu 
jener Jahreszeit waren mindeſtens 200m Waſſer zwiichen 
dem Ufer und dem Fuße des Felſens; eine Herde Büffel 


wurde gerade von ihren Hirten in den See getrieben, um 
zu faufen umd zu baden. Die Yage des Kloſters ift feine 
rauhe, unfreumdliche; zahlreiche Bännte umgeben feine Ge: 
bände und die Mönche konnten gewiß durch Gartenbau 
einen Theil ihres Unterhaltes erwerben. 

Unter den verichiedenen Straßen, welche von Arkut-Chan 
nad) Kaiſarieh führen und fänmtlich die große Steppe 
des innern Kleinaſien kreuzen, fchlug die Karawane na— 
titrlich die nächte über Akleraj und Newſchehr ein, 
welche im Süden der fumpfigen Ufer des großen Salzſees, 


38 Die Meteora. 


des Tuz Tſchöllu (d. i. Salzwilfte), wie ihm die Titrfen | beim Kodſcha-Gebirge zu befuchen war Droͤe's Wunfc und 
nennen, hinführt. Letztern und mamentlic, fein Oftufer | fein Gaſtfreund widerfprady dem nicht, daß er fic im Al— 





Kloſter bei Kermes. 














Mohammedaniſcher Einſiedler in Meſopotamien. 


feraj auf einige Tage von der Karawane trennte; nur | feiner Diener mit. In Kaiſarieh wollten fie wieder zu- 
wollte er ihn nicht allein gehen laſſen und gab ihm einen | jammentreffen. So ritt er denn eim Stüd bes Weges, 





Prof. Richard Greeff: 


den er gekommen war, wieder zurüd, paffirte ein jumpfiges 
Gebiet umd erreichte nad) zwei anftrengenden Tagemärſchen 
ein Dorf an dem Heinen Sce Murad-fu, welcher nur nod) 
wenige Kilometer von dem Großen Salzjee entfernt ift. 
Nach einer elend verbrachten Nacht ritt er am nächſten 
Morgen trog den Anzeichen eines nahenden Lngewitters 
zu demfelben Hinliber; faum hatte er aber das Ufer er: 
reicht, jo brach aud; der Sturm los. Der Himmel ver- 
finjterte ſich, mächtige ſchwarze Wolfen jagte der Sturm 
vor fich her und Blitz folgte auf Blig, während das vom 
Winde aufgewühlte Waſſer des Sees, ſchwarz wie ber 
Himmel, mit Getöfe gegen die Helfen anſchlug. Gegen: 
über der Stelle, wo ſich Dree befand, erhob ſich ein ge— 
waltiger Helfen von mehreren hundert Meter Höhe aus dem 
See, und auf feiner Oberfläche zeigten ſich Ruinen, die 
einem längft verlaffenen Kloſter angehören. Ringsum ist 
der Felſen ſchon angefreflen und zerfegt, und Wind und 
Waller werden ihn eines Tages zum Einſturz bringen. 
Eine Art Waſſerhoſe durchnäßte den Neifenden zuletzt 
bis auf die Haut, bezeichnete aber aud; das Ende des Un— 
wetters, und bie wieder hervortretende Sonne wurde von 
den fröftelnden Menſchen und Pferden mit Freude begrüßt. 
Eine Reife rings um den ganzen Sce mußte ſich Dröe 
leider verfagen; er fehrte nach Afferaj zuriit und ſchlug 
von dort dem direkten Weg zwiſchen dem Oftufer bes Salz: 
fees und dem Kodicha-Dagh ein, der ihn nach einem ftars 
ten Tagemarſche zu einem noch bewohnten Kloſter in dem 
Gebirge bradjte. Dort fand er am Fuße einer hohen, 
faft jenfrecjten Felswand einen Mönch im Geſpräche mit 
einem Schäfer. Dicht dabei befand ſich eine tiefe Höhle im 
Geſtein, der Anfang eines unterirdiſchen Ganges, weldyer 
an der entgegengejegten Seite des Felſens münden und 


Die Capverdiſchen Inſeln. 39 
dort unter freiem Himmel weiter aufwärts führen ſoll. Die 
Einwohner des Kloſters belaufen ſich nur auf drei Mönche, 
die eine jämmerliche Exiſtenz führen; jo theilte ihm der 
eine, welchen er angetroffen, mit. Das Klofter ſelbſt hat 
der Reiſende offenbar nicht befucht. 

Ueber Alferaj erreichte er Kaifarieh, wo er ſich einer andern, 
nad) Südoften ziehenden Karawane bis nad) Hadſchin 
(im Gebiete der unabhängigen Afſcharen am Binbogha— 
Dagh) anſchloß. Bon dort befuchte er ein Kloſter bei Kermes, 
einem großen Flecken etwa 15km von Hadjchin entfernt. 
Daſſelbe ift wie gewöhnlich auf einem großen Hippenartigen 
Felſen in einer ſehr bergigen Gegend erbaut und anſchei— 
nend nur mittels des Seiles zugänglich. Vielleicht giebt 
es auch noch andere Wege zu demjelben, weldye die vier 
oder flinf armen Möndye an Fremde zu verrathen ſich 
fchenen, obwohl micht vecht abzufehen ift, was ſelbſt Räuber 
bei ihnen holen können, 

Das war das letzte Meteoron, weldyes Dre auf feiner 
Reife traf; etwas Achnliches jedoch befam er nody weiter im 
Oſten zu Geficht, und zwar auf dem Wege nad) Moful 
füdlich von Diarbefir. Es war ein mohammedanijcer Eins 
fiedler, ein Hadſchi von großer Heiligkeit und bedeutenden 
Rufe, der wie ein Säulenheiliger auf einem unzugänglicen 
Felsblode haufte. Derjelbe ift oben breiter als unten an jeinent 
Fuße; nahe dem Gipfel fit in einer Höhlung, die ihm als 
Wohnung dient, der gottesflichtige Mann, Borlibergiehende 
Muslim follen niemals verfäumen, dort Halt zu maden, 
dem Hadſchi ihre Verehrung zu bezeugen und Gaben 
am Fuße des Felſens niederzulegen. Ohne Zweifel fteigt 
der Heilige zur Nachtzeit herab um fie zu holen, und zwar 
vielleicht durch irgend einen unterirdifchen Gang. 


Die Capverdiſchen Infeln. 
Bon Prof. Richard Greeff. 


S. Pincente ward wahricheintic ſchon vor 1465 
gleichzeitig mit der benachbarten Infel S. Nicolan vom den 
Portugiefen entdedt und in Bejig genommen; denn in 
dem genannten Jahre wurden, alten Urkunden zufolge, 
beide Infeln dem Herzoge von Bizen durch König Affonſo V. 
als Schenkung verlichen. Beide waren bei ihrer Ent: 
dedung unbewohnt; aber während ©. Nicolau alsbald kolo: 
nifirt ward und ſich im 16. Jahrhundert bereits einer ans 
fehnlichen, hauptſächlich Viehzucht treibenden Bevölkerung 
erfreute, blieb S. Vincente als ein wüjtes, völlig unbenutz— 
bares Gebiet mehr als drei Jahrhunderte hindurch unbe 
achtet. Im Jahre 1781 erlieh die portugiefische Negierung 
den erſten Befehl zur Kolonifation von ©. Vincente, der 
aber erft 1795 dadurch zur Ausführung gebracht werden 
konnte, daß die Inſel als Schenkung einem reichen Eigen» 
thumer der capverbifchen Inſel Fogo, Noäo Carlos da 
Fonſeca, unter dem Titel eines Oberfommandanten ver: 
liehen wurde. Durch die Negierung ausgeriiftet mit allen 
Bedlirfniffen zur Kolonifation, mit Yebensmitteln flir zwei 
Jahre verfehen und befreit von allen Abgaben fiedelte 
Fonfeca mit feinen Sklaven, nebit zwanzig auf anderen 
Infeln aufgehobenen Negerpaaren, nach ©. Bincente 
über, aber mit traurigem Erfolg. Nach ununterbochenen 


II. 


Kämpfen mit Hunger und Noth aller Art auf dem harten 
fterilen Boden ftarb er in Dürftigkeit und hatte 1819 eine 
in elenden Hätten lebende, arme Hirtenbevölferung von 120 
Selen hinterlaflen. Im Jahre 1832 war die Zahl der 
Bewohner durch fortgefegte Unterftägungen Seitens der 
Regierung auf 300 angewachien, die indefjen zum größten 
Theil einer den ganzen Archipel von 1831 bis 1833 heim— 
fuchenden ſchrecklichen Dirre und Hungersnoth zum Opfer 
fielen. Unter diefen Umftänden wurde S. Bincente als felb- 
ftändige Kolonie wieder aufgehoben und der Nachbarinſel 
Antao untergeordnet, durch deren Verwaltung und Unter: 
ſtützung die Zahl der Bewohner im Jahre 1844 wiederum 
auf 400, meiftens freilich in großer Dürftigkeit Lebende 
Ziegenhirten und Fiſcher, geftiegen war. 

Bereitö im Jahre 1838 war von der „Engliſch— 
weftindijhen Geſellſchaft“, in Erkenntniß des vor— 
züglichen Hafens und der Yage S. Vincentes mitten auf 
den Seewege zwiſchen Europa und Sidamerifa ein Kohlen— 
lager, aber vorübergehend, errichtet worden. Im Jahre 
1850 folgte die „Royal Mail“ mit einem zweiten 
und ftändigen Kohlenlager fir ihre braſiliſchen Poftdampfer. 
Und jo groß war die Wirkung der auf einmal hierdurch 
erichlofienen Bedeutung von S. Vincente in Yiffabon, dag 


40 Prof. Richard Greeff: 
die Meine, bisher gering geachtete Felſeninſel nun durch 
fünigliches Dekret vom 3. September 1850 zur Hauptinfel 
des Archipels mit dem Sig der Provinzialregierung er: 
hoben werden follte, ein Befchl freilich, der, wahrſcheinlich 
an dem Widerftande der Übrigen Inſeln, insbeiondere von 
©. Thiago, ſcheiternd, nicht zur Ausführung fam, und vor: 
läufig nur zur alebaldigen Erbauung einer größern Alfan— 
dega und im Jahre 1852 zur Löſung der bisher beftandenen 
Abhängigkeit von S. Antäo und zur Einfegung eines befons 
dern Berwaltungsrathes auf S. Vincente führte, 

Nachdem im Jahre 1851 eim drittes, freilich fpäter 
wieder aufgehobenes Kohlenlager der englijchen Geſellſchaft 
Patent Fuel“ auf der Infel entjtanden war, etablirte 
1853 ein englifches Haus, Wisger und Miller (fpäter 
Miller und Nephew), hier große Kohlenmagazine, mit wel- 
chen 1860 auch dasjenige der „Patent Fuel“ verjchmolzen 
wurde. Im Jahre 1875 folgte endlich noch ein anderes 
engliſches Haus mit der Etablirung von Kohlenlagern, das 
durch nunmehrige wohlthätige Konkurrenz niedrige Kohlen- 
preife ſchuf und hierdurch den Dampfſchiffverlehr im Hafen 
außerordentlich fteigerte. 

Noch einmal traf in diefer Zeit des Aufſchwunges die 
Infel eine ſchwere Heimfuchung durch eine im Jahre 1856 
durch Schiffe eingefchleppte Cholera-Epidemie, die, von einer 
abermaligen Hungersnoth begleitet, einen großen Theil der 
Bevöllerung hinwegraffte, unter ben Ueberlebenden Furcht 
und Scjreden fücte und zur Flucht antrieb. Bon 
Neuem fchien die Infel in eine Wuſte verwandelt. Doch 
ſchon nad) zwei Jahren hatte fie ſich durch die Macht des 
in dem einzigen Hafen einmal entwidelten Schiffs— und 
Handelsverkehrs auch von diefem Scylage wieder erholt und 
hat von diefer Zeit ab ftetig an Anfehen und fommerzieller 
Bedeutung zugenommen. Im Dahre 1857 wurde auf 
©. Vincente vor allen anderen afrifanifchen Kolonien Por: 
tugals durch königliches Dekret zuerft die Sklaverei aufge: 
hoben und 1873, ebenfalls durch befonderes Dekret, diefe 
Infel von dem traurigen Attribut einer Berbredjertolonie bes 
freit, einer Bitrde, die für alle anderen afrikanischen Kolonien 
nod) beftehen blieb und leider noch auf ihnen laftet. Ein 
neuer Bortheil ward endlich im Jahre 1874 der Inſel 
dadurch zu Theil, daß die „Brajilian Submarine 
Telegraph Company“ hier eine atlantiſche Telegra- 
phenftation für die Europa mit Brajilien über Yifjabon, 
Madeira, S. Vincente und Pernambuco verbindende Yinie 
errichtete. Nach allem diefem kann es nicht überraſchen, 
daß im Hafen von ©. Vincente im Jahre 1879 nicht 
weniger als 1205 Schiffe der verfchiedenften Art und 
Flagge einliefen, unter diefen fast alle die großen zwiſchen 
Europa und Siüdamerifa, Weit: und Südafrifa, Auftra- 
lien u. f. w. verfehrenden Poftdampfer, und daß im Jahre 
1879/80 123021 Tonnen Kohlen in einem Geſamnit⸗ 
werthe von 436 839 Milreis nad) S. Bincente importirt 
wurden, während der Geſammtimport aller Haudelsartikel 
in diefem Jahre ſich auf 575 807 Milreis belief. Und wie 
verhältnigmäßig bedeutend die durch; diele Zahlen ſich bare 
ftellende Handelsbewegung für S. Vincente und fir die 
ganze Provinz der Capverdifchen Inſeln ift, erhellt daraus, 
dak im demielben Jahre dev Werth des Geſammt-Importes 
nad) allen übrigen Infeln des Archipels 296 085 Milreis 
betrug, eine Summe, die mit dem Exportwerthe eigener 
Produkte (mit Einſchluß von S. Vincente) ungefähr gleichen 
Schritt hält. Auf S. Vincente fällt hiervon nur für 
ca. 4000 Milreis, wovon indejlen ein vielleicht nicht ums 
beträchtlicher Theil auf Rechnung des Rüderportes von 
S. Antäo und anderen Infeln entftammenden Produkten 
zu fegen ift, da die zum Erport kommenden eigenen Pros 


Die Capverdiſchen Infeln. 


dufte der Infel minimal find und ſich in Wahrheit vielleicht 
nur auf eine Quantität von Ziegenfellen befchränten. 

In gleichem Maße mit diefem neuen Aufſchwung 
hat auch die Bevölkerung der Infel und ihr Wohlftand 
zugenommen. Die Hafenftabt Mindello, die im Jahre 
1838 unter diefem Namen als ein Heines Strandörtden 
— worden war, konnte nun erſt zur wirklichen 
„Cidade* ausgebaut werden, mit ihr neue öffentliche Ge— 
bäude, eine Kirche, Schule, in welcher im Jahre 1879/80 
219 Kinder unterrichtet wurden, ferner nene Hafenanlagen, 
unter welchen ſich die weit in die Bucht vorgebaute Yan: 
dungsbritde befonders bemerflid macht und denen vielleicht 
bald ein Leuchtturm auf dem Ilheo dos Pafjaros folgen 
wird. Faſt alle bedentenderen Seehandel treibenden Staaten 
von Europa, Nord» und Stdamerita haben nun eine 
Konjularvertretung auf S. Vincente, und während die 
Bevölferung der Inſel im Jahre 1870 1915 Seelen be» 
trug, war fie 1879 auf 3717 angewachſen, beftehend aus 
3497 eingeborenen Negern und Mulatten von S. Vincente, 
den übrigen Infeln und der benachbarten Hüfte, 106 Bor: 
tugieſen der Gapverden und Portugals und 114 Fremden, 
unter welchen letzteren allein 86 Engländer, die natürlich 
die Haupthandelsbewegung in Händen halten. 

Möge die Heine Felſeninſel, die nach mancherlei Prü- 
fungen und Kämpfen mit Noth und Elend in vergangener 
Zeit num einer beffern und, wie es ſcheint, geficherten Zus 
funft entgegengeht und der außer ihrer fonmmerziellen Bes 
deutung vielleicht auch noch ein Antheil an dem civilifatos 
rifchen Werke Weftafrifas verlichen ift, auf der bisherigen 
Bahr fortichreiten! Ob es auch gelingen wird, dem ſtarren 
Boden und dem heigen trodenen Klima dauernde Kultur— 
erfolge abzuringen, muß die Zukunft Ichren. Große 
Hoffnungen fegt man neuerdings auf die Einführung der 
„Purgueira*, einer Kulturpflanze (Jatropha Curcas), 
deren Samen behufs Delgewinnung in den Handel 
kommt, und die auf einigen anderen Inſeln des Archi— 
pels, insbefondere auf S. Thago, Fogo, Brava, reichen, 
auf S. Thago fogar von allen Sulturen den reichiten 
Gewinn bringt. Immerhin bleibt, wie mir ſcheint, 
vorläufig eine für die fortfchreitende Entwidelung ohne 
Zweifel fegensreiche Anlage noch in hohem Grade wunſchens⸗ 
werth, deren Ausführung auch ſchon von der Regierung 
ins Auge gefaßt ift, nämlich die Herftellung einer den Bes 
dürfniſſen entfprechenden Wafferleitung aus dem Gebirge, 
da die in der Stadt mehrfach vorhandenen Brunnen und 
Cifternen Hierzu nicht ausreichen, und zum Theil auch 
ichlechtes, als Trinkwaſſer ungeeignetes Wafler führen. 
Unter den wenigen Quellen, bie die Infel befigt, jcheinen 
diejenigen in den ca. 12 km von der Stadt entfernten 
Diftriften von Mabdeiral und Madeiralzinho bie 
reichſten, das ganze Jahr hindurd) am meiften ausdauern: 
den und diejenigen zu fein, die das beſte Wafler führen. 
Die Anlage einer Wafferleitung von dort nad) der Stadt 
Mindello würde wohl ohne Zweifel nur mit bedeutenden 
Koften auszuführen fein, aber fie wilrde ein Unterpfand 
bieten für das fernere Gedeihen der jungen Kolonie und 
einen fihern Schuß gegen nochmalige Wicderfchr der ſchreck⸗ 
lichen Dürre mit ihrem Waſſer- und Nahrungsmangel, die 
früher mehrmals die Inſel verheerend heimfuchten. 

Am Nadmittage dampften wir wieder aus der ſchönen 
Bucht des Porto grande hinaus und konnten nun noch, an 
der Weitjeite der Inſel entlang fahrend und dann um die 
Sidweitfpige herum mad; Süden der Inſel ©. Thiago 
zuftenernd, einige Stunden die prächtigen und fühnen Ges 
birgsformen von S. Vincente, die ſich während der Fahrt 
immer reicher entfalteten, bewundern. Aus einem der dem 


Prof. Richard Greeff: Die Capperdiſchen Injeln. 41 


Meere zugewandten Felſenkämme tritt, ähnlich wie z. B. 
an dem Lurleifelſen am Rhein unb an anderen Orten, das 
nad) oben gerichtete viefige Profil eines menjchlichen Ger 
fichtes in ernſtem, geiftechaftem Ansbrude hervor. Die 
Schiffer nennen es das „Nekfons&eficht“, die Portugieſen 
auch kurz „Cara (Geficht). 

Ohne Zweifel bietet die Infel, ins beſondere von diefer Weit- 
und Sudweſtfeite aus betrachtet, ein hohes, landſchaftliches 
Intereſſe und erinnert zuweilen an viel gepriefene Gebirgs- 
züge Europas, wie die Dolomiten Südtyrols. Auch dieſe 
find zunächſt nur durch ihre im abeitenerlichen Zaden und 
Zinmen hochaufragenden Felsgebirge Gegenftand der Be- 
wunderung, während bie ihren Fuß befleidende, oft ditrftige 
Begetation landichaftlic weniger Bedentung hat und hier 
gewiß durch das die Iufel umgiürtende herrliche blaue 
Meer und einen faſt ſtets heiterm Himmel erſetzt wirb. 
Freilich fehlt hier der den röthlichen SKaltfelfen Tyrols 
eigene Zauber der Beleuchtung. Eruſt, kalt und jcharf 
treten die Spigen umb Grate der wildzerrifienen Bajalt- 
feljen S. Vincentes in die Hare Luft, wenn nicht zeitweife 
die tropiſche Sonne, wie nun gegen Abend, ihnen Glanz 
verleiht. Immerhin erſcheint es als ein einfeitiger Stand» 
punft, die originelle und in Beziehung interefjante 
umd vom der Ser aus landſchaftlich großartige Felſeninſel 
bloß nach ihrer Begetationsarmuth zu beurtheilen und, wie 
pe —— geſchieht, als übe und langweilig darzu—⸗ 


Süudðoſtlich von der Inſel S. Vincente und an dieſe noch 
näher als ©. Antäo liegt Santa Yuzia, eine kleine, 
zue Yinfen nun vor und auftauchende, völlig kahle Felſen⸗ 
infel, deren Kultivirung man einigemale, aber ohne dauern⸗ 
den Erfolg, verfucht hat. Im Anfange diefes Jahrhunderts 
hatte ſich hier ein Grumdbefiger der benachbarten Inſel 
©. Nicolau, Julio Joſé Dias, mit feiner Familie nies 
dergelafien und durch Maulthierzucht einigen Wohlſtand 
erlangt. ‚Durch die ſchredliche Hungersnoth von 1831 auf 
1833 aber ward fajt die ganze Kolonie wieder vernichtet. 
In fpäterer Zeit ſcheinen die Erben der Familie Dias, 
von der Regierung hierzu gedrängt, die Verſuche der Kul- 
tivirung ermenert zu haben, aber ebenfalls vergeblich, und 
men ift das Eiland wegen Waffermangels ganz verlafien. 

Nach Santa Yuzia erfcheinen im derfelben Richtung 
nad Südoſten noch zwei Heine unbewohnte Felſeneilande, 
Branco und Razo, Heimftätten zahlreicher Seevögel, 
früher auch behufs Einſammlung der „Urzella“ von ©. Ni— 
colau and befucht, und dann erbliden wir und wiederum 
in füdöftlicher Richtung S. Nicolan felbft, während zu 
gleicher Zeit vor uns im weiter Ferne wie ein Nebelftreifen 
* hohe Inſel Fogo bei ſinkender Nacht noch in Sicht 
ommt. 


Am f Zage bei Morgengrauen hatten wir bes 
reits die Infel ©. Thiago (S. Jago) erreicht und fuhren 
ganz nahe an beren Südweſtſeite entlang, zur Rechten die 
Infel Fogo mit ihrem mächtigen Bic, dem höchſten Berge 
ber Gapverbifchen Infeln. Faſt gleihmäßig und ifolirt, 
als ob die ganze Infel nur aus ihm beftehe, fteigt diefer 
Kegel, dem der Vullan gewifiermaßen an der Stirn ges 
fehrieben fteht, bis tiber 2000 m Höhe auf und ift an der 
Spige plöglic, abgeſchnitten und hier tief eingefunfen, fo 
dag man unwillkürlich die Vorftellung eines dort oben ſich 
befindlichen großen Kraters erlangt. og o ift mit ©. Thia 
und ©. Untäo eine der probuftivften Infeln des Archipels, 
auf welcher Kaffee, Mais, Früchte und Gemife, vor 
Allem aber auch „Purgueira* kultivirt und mit befon- 
derm Erfolge Kinderzucht betrieben wird. Der Erport 
diefer Inſel belief fich in den leiten Jahren auf 15 000 bis 

Globus XLIL Nr, 3, 


16 000 Milreis und iu gleicher Höhe ſteht ungefähr ber 
Werth des Importes. 

Die Injel ©. Thiago, am deren Kuſte wir nun bis 
zu ihrer Hauptſtadt Braia entlang laufen, zeigt landſchaft⸗ 
lid) einen ähnlichen Charakter wie S. Antäo und die übri— 
gem Juſeln, hodhgebirgig mit breiten und wellenförmigen 
Zerrafjen, die vom Strande fidy erhebend tiefe Mulden und 
Thäler zwiſchen ſich fajlen und oben in hohe zadige Graten 
und Gipfel übergehen. Der auffallendite und höchſte diefer 
Gipfel, an dem der Blick immer wieder haftet und der auf 
allen Seiten fichtbar wird, ift das fühn gefchwungene an 
1400 m hohe Horn des Pico da Antonia, das aus 
einem das Gentrum der Injel einnehmenden gewaltigen 
und vielfach, zerfläfteten Gebirgoſtock aufragt. 

Bei der Wendung des Schiffes von der Sudweſt⸗ zur 
Sübfeite öffnet ſich nach dem Meere zu eim liebliches Thal, 
erfüllt mit reicher Vegetation. Wir fahren ber Kitfte jo 
nahe, daß man die ger über den Strand ſich 
neigen fieht, Bon den grlinen Wänden des Thales ſchim⸗ 
mern einige weiße Häufer hervor und rechts auf einer Uns 
höhe am Meere fteht träumerifc) eine große, halbverfallene, 
doppelthärmige Kirche und daneben hohe Mauern und 
palaſtartige Ruinen. Das ift die frühere Hauptftadt der 
Inſel und des ganzen Archipels, die Cidade da Nibeira 
grande mit ber im 17. Jahrhundert erbauten großen 
Kathebrale, dem bifchöflichen Palaſt, Konvent u. ſ. w. 
Alles das ift nun, nachdem, dem Bedlirfnifien einer neuen 
Zeit entfprechend, die Hauptſtadt mac) der hafenbefigenden 
Praia verlegt worben ift, verfallen. Die einft ftolze Cidade 
ift zu eimem Negerdorf herabgefunfen, das freilich an maleris 
chem Reiz nody einen hohen Raug behauptet. 

Un diefer Sid» und Südweftfifte wird feit einigen 
Jahren durch eine italienifche und franzöſiſche Geſellſchaft 
mit Erfolg Korallenfiicherei betrieben. Der Inſel ift 
dadurch eine neue Erwerböquelle erſchloſſen und andererſeits 
hat die Keuntniß des Berbreitungsbezirkes der rothen Koralle, 
die früher allein im Mittelmeere und zwar hauptjächlid) an 
der tunefiichen, algerifchen und ficilianifchen Kuſte ge 
fifcht wurde, eine höchft intereffante Erweiterung erfahren, 
jo daß zu hoffen fteht, daß diefes werthuolle Meeresproduft 

ch auch noch am anderen Theilen des Atlantifchen Dceans 
finden werde. Im Jahre 1879/80 wurden an ber Küſte 
von ©. Thiago nad) dem amtlicyen Berichte 2914 kg Ko- 
rallen im Gefammtwerthe von 17 000 Milreis gefiſcht und 
erportirt. Wenn man erwägt, daß die algeriiche und tunes 
füche Küſte, wofelbft die Korallenfiicherei ſeit Jahrhunderten 
einen wichtigen Induſtrie- und Handelszweig bildet und 
mit bedeutendem Aufwand von Mitteln und Kräften bes 
trieben wird, jährlid) ungefähr 30000 kg Korallen Liefert, 
fo iſt das oben erwähnte im den legten Jahren an ber 
Küfte von S. Thiago erlangte Refultat gewiß ein beadhtens- 
werthes. Ich zweifle auc nicht, daß bei einer größern 
methodischen Ausbeutung noch mehr wird erreicht werden 
fönnen. Sicher ftellt auch die Gapverdiiche Koralle dies 
jelbe Art dar, wie die des Mittelmeeres und wird ſich auch 
wohl, namentlich bei weiterer Erfahrung und größerm 
Betriebe, als diefer in der Qualität nicht nachftehend er- 
weifen. In Prain erhielt ich. eine Anzahl der dort ge 
fiſchten Korallenzweige und konnte mehrere prüfen. Die 
meiſten derjelben waren mehr oder minder dunkelroth, wie 
das auch bei denen des Mittelmeeres ber Fall ift, andere 
indefien zeigten ein helleres, zartes Roth, das an das Roſa— 
roth der bejonders gejchägten Korallen des Mittelmeeres 
erinnerte. Faſt alle Zweige waren. ziemlich, kräftig mit 
einer im Allgemeinen jchönen, gleichmäßigen Ausbreitung. 

Hinter Ribeira grande flacht fi die Sübfüfte allınä- 

6 


42 Prof. Richard Greeff: 


lig ab und geht gegen die ind Meer vorfpringende felfige 
Ponta da Temerofa, die Süboftjpige, die von diefer 
Seite den Hafen von Praia umfaßt, in ein wellenförmiges 
Uferland über. Nachdem diefe Spige umſchifft ift, fahren 
wir in den jchönen Hafen von S. Thiago, den Porto da 
Cidade da Praia, ein. Derjelbe liegt im Grunde einer 
nad) Süden weit offenen Bucht, die von zwei Vorgebirgen, 
einem weſtlichen mit der Ponta da Temerofa, die wir 
eben umfahren haben, und der öftlichen mit der Ponta 
das Bicndas gebildet wird. Links taudıt aus dem 
Hafen em Klippeneiland mit Leuchtthurm und Kohlenmaga— 
zinen auf, ähnlich dem Felslegel im Hafen von ©. Bins 
cente und and) wie diefer die Bogelinfel (Ilheo dos 
Passaros) genannt. Rechts erhebt ſich auf dem hier 
breiten und injelartig hervortretenden Strande ein präd)- 
tiger Wald von Kolospalmen und hod) oben auf einer gleich 
hinter dem Strande fteil aufjteigenden Felswand, die dann 
in ein fahles Plateau fbergeht, liegt die freundliche Haupts 
ftadt von S. Thiago, die Cidade da Praia, hart bis an 
den mit Feftungsmanern, Thürmen und einigen Geſchützen 
umgebenen Rand des Plateaus gerlit und ſchon von fern 
mit ihren weiß, gelb und roth getündjten Häufern hervor- 
glänzend. 

Auch weiter nad) rechts gegen den Ausgang der Bucht 
und über die Ponta das Bicudas hinaus füllt das Ufer von 
anjehnlicher Höhe fteil ins Meer ab und bietet hier einen 
eigenthümlichen Anblik, der das Auge des in den Hafen 
Aus» und infahrenden auf ſich zieht und feſſelt. Die 
faft ſenkrechte Felswand, die eine Höhe von 15 bis 20m 
hat, zeigt nämlich oben eine Schicht ſchwarzen Ge: 
jteins, dann folgt mad) unten eine heilgelbe und auf dieſe 
wiederum eine, im die zerflitfteten Strandklippen und das 
Meer eintretende, dunkele Schicht. Die helle Mittelfchicht 
zieht fid) wie ein langes weißes Band mitten zwiſchen den 
beiden ſchwarzen Schichten hin umd ift nur zuweilen da— 
durch unterbrochen, daß die ſchwarzen Schichten, fie durd)- 
dringend, ſich vereinigen. Diefes auffallende, in geologis 
ſcher Hinficht höchſt intereffante Gefteinsprofil, auf das 
ſchon frühere Naturforſcher, namentlid; Darwin auf feiner 
Reife um die Erde, ihr Augenmerk richteten, legt ein bered- 
tes Zeugniß ab fir die dereinftige, vielleicht nicht allzumeit 
zuritdliegende vulkaniſche Thätigkeit der Infel, ſo— 
wie ferner für ihre allmälige Erhebung aus dem 
Meere. Die beiden Schwarzen Schichten der Felswand 
bejtehen nämlich, wie eine genaue Prüfung erkennen läßt, 
aus bafaltifcyer Yava, offenbar Yavaftrömen entftammend, 
die dereinft aus den Bulfanen der Infel Hervorbradgen und 
ins Meer ſich ergofien. Der helle, von ihnen eingefaßte 
Mittelftreifen aber iſt nicht vulkaniſch, ſondern eine Stall 
ſchicht, die eine große Anzahl organifcher Ueberrefte von 
Mollusten:, Seeigelformen x. enthält, die zum Theil nod) 
heute Bewohner des Capverdiſchen Meeres find. Man 
iann nun aus diefem merkwürdigen Profile mit einiger 
Sicherheit fließen, daß die untere ſchwarze Schicht einem 
ältern Yavaftrom ihren Urſprung verdankt, der auf den 
Grund des Meeres abgeflofien war, daß dann auf diefem 
fi) im Yaufe der Zeit die zweite, die Kalkſchicht, aus dem 
Meere abgelagert habe, dann aber diefelbe wiederum von 
einem zweiten ins Meer fid) ergießenden Yavaftrom — der 
jegigen obern Baſaltſchicht — bedeckt worden fei und nun 
durch eine Erhebung des ganzen Bodens alle drei allmälig 
aus dem Meere ——— und bis A ihrer jetzigen Höhe 
von ca. 15 m über dem Nivea des Waflers geftiegen feien. 
An der Vai von Tarrafal im Norden der Inſel ſoll ſich 
ein ganz ähnliches Gefteinsprofil an den Strandfelſen finden 
und ohne Zweifel würde ſich, abgejehen von dem geologi- 


Die Gapverdifchen Injeln. 


ſchen Intereſſe, das diefe Formationen bieten, durch eine 
genaue vergleichende Unterſuchung der in jenen Kallſchichten 
enthaltenen organischen Thierreſte mit den jest am den 
Küften der Gapverbifchen Injeln noch lebenden Arten aud) 
in anderen Richtungen ein reiches Feld interefjanter Studien 
eröffnen !). 

Der biß zum folgenden Tage dauernde Aufenthalt uns 
jerer „China* im Hafen von Praia gab mir willlommene 
Gelegenheit zu einem Befuche der Infel, den ich auf meiner 
Rücreife durch, ein mir hier gewährtes noch; längeres Ber- 
weilen vervollftändigen fonnte. 

Der Hafen von Praia liegt bei weitem nicht jo ger 
idügt als der von ©. Bincente, die Bucht ift meiftens 
mehr ober minder bewegt, jo daß zuweilen bei ftartem Sees 
gang die Schiffe ohne Gefahr nicht einlaufen können und 
auch die Yandung dann mit dem größten Schwierigkeiten 
verbunden ift. Namentlich foll diefes im der Regenzeit, 
während der Monate Auguſt, September, Oktober, in 
welchen bei Voll- und Neumond bisweilen ftarte Spring: 
fluthen eintreten, häufiger vorfommen. Durch die Anlage 
eines vor dem Andrang der Wellen geſchützten Landungs— 
quais im Grunde des Hafens hat man neuerdings biefem 
Uebelftande in etwas abzuhelfen geiucht. 

Von dem Hafen leitet ein ſchöner, mit Manerbrüftung 
verfehener Weg an der jteilen Felswand zur Stadt empor, 
die beim Eintritt mit ihren breiten, geraden und gut ge: 
pflafterten Straßen, den ſchmucken, meiſtens freilid) niedri— 
gen und einftökigen Häufern und dem großen, mit Bäu— 
men bepflanzten Plag in der Mitte einen jehr freundlichen 
und für den Wohlftand der Bewohner günftigen Eindrud 
macht, wie man ihn bei fübenropätichen Städten von dieſem 
Umfang jehr jelten erhält. 

Als Hauptſtadt und Sitz des „Governo geral da Pro- 
vineia de Cabo verde“ befigt Praia aud) mehrere anfchns 
liche öffentliche Gebäude, den Palaft des General-Gomver- 
neurs, die Municipalgebäude?), das große Hospital, die 
Militärkaferne, die neue, ſchöne Alfondega unten am Strande 
u. a. Eine ber bemerkenswertheſten öffentlichen Anlagen ift 
aber jedenfalls die neue Wafferleitung vor der Stadt, 
mit Recht der Stolz Praiad. Wenn man einer der von dem 
großen Hauptplage der Stadt andgehenden und landein- 
wärts führenden Straßen folgt, werden die anfangs hübſchen 
und reinlichen Häufer immer unanfehnlicher und gehen 
ſchließlich in niedrige Hitten über, die die Flanken und die 
nächite Umgebung des Städtchens einnehmen und der ärme— 
ren Neger: und Mulattenbevölterung zur Wohnung bienen, 
Außerhalb der Stadt ftcht man vor dem eine Strede land: 
einwärts fich ausdehnenden tafelförmigen Plateau, deſſen 
äußere Ränder, wie wir jahen, nad) dem Meere in hohen 
Felswänden abfallen, und auf dem Praia felbft Liegt. Aus 
der Mitte diefer kahlen Fläche ragt, wie eine Daſe in ber 
MWüfte, von Heinen Gärten mit präcdjtigem tropiſchen 
Strauchwert und Blumen umgeben, ein ftattliches, thurm⸗ 
artige® Gebäude hervor: „O deposito de Agoa de Mon- 
tagarro“*, die vorzuglich konftruirte, große Waflercifterne, 
welcher von der einige Stunden entfernten und mit Praia 
in faft gleicher Höhe gelegenen Duelle von Montagarro 
teichliches und, wie ich mid) jelbft überzeugte, vortreffliches 


) Auch auf den Canariſchen Inſeln, auf Madeira, ins— 
beſondere an den Strandfelſen von Vorto janto, ſowie auf den 
Azoren find ähnliche Formationen wie auf ©. Thiago fonfta: 
tirt, jo daß man hiernadp für diele jämmtlihen atlantiihen 
AInjelgruppen eine in jüngeren Erdepochen erfolgte, vielleicht 
noch andauernde allmälige, jetulare Erhebung aus dem Meere 
annehnten darf. 

2) Diefelben wurden im Jahre 1880 dur eine Weiters: 
brunft zum großen Theil zerftört, 





Prof. Richard Greeff: Die Eapverdifchen Infeln. 43 


Trinkwaſſer zugeführt wird. Diefe fir das Eiland groß- 
artige und Foftjpielige, aber wahrhaft jegensreiche Anlage 
bietet auch den wirkfjamften Schutz gegen bie im frliherer 
Zeit durch ſchlechtes Trinkwaſſer häufig erzeugten Krant- 
heiten und gegen bie ſchredlichen folgen anhaltender Dirre, 
die aud) Praia, wie ©. Vincente und die übrigen Infeln 
des Archipels, einigemale heimfuchte, und der bei gleich 

itiger Hungersnoth dann, wie 3. B. im den fir die Ges 
ke te ©. Thiagos traurigen Jahren von 1770 bis 1773 
und 1831 bis 1833, mehr als die Hälfte der Bewohner 
unter unfäglichen Leiden zum Opfer fiel. 

An diefer Cifterne, aus welcher von einem hier woh: 
nenden Aufjeher das Trinkwafler gegen eine geringe Ab— 
gabe verabreicht wird, herrſcht namentlich Morgens und 
Abends buntes Leben und ift reiche Gelegenheit geboten zu 
interefjanten Beobadjtungen über die Bevölkerung. Die 
ſchwarze Race ift natürlich auch in S. Thiago der Zahl 
nad) die bei weiten überwiegende, aber nicht die ſchwarze 
Farbe. Man fieht auch hier wie in S. Vincente alle mög- 
lichen Nitancen der Hautfarbe von dem Mulattens bis zum 
reinen Negerſchwarz, das letztere indeflen, wie mir naments 
lich anf den Heinen Märkten der Stadt, den vorzüglicen 
Sammelplägen der Yandbevölferung, entgegentrat, viel häu— 
figer als in ©. Bincente. Doch ſcheint, insbeſondere in 
Praia ſelbſt, die leichtbraune oder etwas dunklere, ſogenannte 
laffeebraune, Farbe unter der Negerbevöllerung die vorherr: 
fchende zu fein. 

Vor jenem Plateau, auf weldem die Eifterne liegt, hat 
man eine prächtige Ausficht auf die Infel. Man blickt itber ein 
anfangs weites, wellenförmiges und dann zu hohen Gipfeln 
anffteigendes Gebirgsland, aus welchem im Centrum der 
Infel das kühne Horn des Pico da Antonia hervorragt. 
Aber auch hier wie in ©. Bincente ficht man wieder auf 
fahle, graubraune Stein» und Sanbflädyen von offenbar 
witftenähnlichem Charakter, fait an jene Infel erinnernd 
und wiederum wenig zu den Vorftellungen ftimmend, bie 
man fi im Allgemeinen baheim von den Infeln des grils 
nen Borgebirges zu machen pflegt. Und doch ift S. Thiago 
neben S. Antũo und Fogo eine der fruchtbarften und er: 
tragfähigften von den Inſeln des Archipels, aber faft jede 
reichere und frifche Vegetation iſt auf die durch Wafler be- 
lebten Thaleinfenkungen des Gebirges, insbejondere auf die 
nad; dem Meere auslanfenden Flußthäler beſchränkt, die 
fi) dem Auge des iiber das fahle, wüſte Yand Hinbliden- 
den entziehen. Ein foldjes mit fchönen Gärten und einem 
herrlichen Kotospalmenhain erfüilltes Thal, das ich bald 
nad) meiner Ankunft durchwanderte, liegt in der unmittelba- 
ren Nähe der Stadt in der nördlichen Abdachung des Plateaus. 

Zwiſchen den beiden von dem oben erwähnten gro- 
fen Plage landeinwärts flihrenden und parallel neben 
einander laufenden Hauptftraßen liegen and) die hub— 
chen Heinen Marktpläge von Praia, zu denen meine 
Schritte ſich alsbald und immer wieder hinlenkten, denn ges 
rade die Märkte geben immer ein getrenes Bild von Yand 
und Yenten, insbejondere von der Ertragsfähigteit und der 
Kultur des Bodens. Aber auch zu mannigfaden intereffans 
ten Beobadytungen über die Benölferung, itber ihren Typus, 
Charakter, Sitten, Kleidung ꝛc. bieten fie faft immer weiche 
Gelegenheit. Das Haupterzengnik der Inſel S. Thiago ift, 
wie ung ſchon eine Umſchau auf dem Markte erkennen läßt, 
die „Purgueira*, die fchon früher erwähnte zu den 
Euphorbiaceen und fpeciell zu den Crotoneen gehörige baum⸗ 
ähnliche, 2 bis 3 m Höhe erreichende Staude der Jatropha 
curcas, aus deren Samen ein ausgezeichnetes Brennöl 
gewonnen wird und das aud; als ein in feiner Wirkung 
dem Ricinusöl verwandtes Abführmittel dient. Außerdem 


liefert die Pflanze and) den hauptſächlichen Bedarf an Brenn: 
holz. Ueber die hohe Bedeutung der „Purgueira* fir 
©. Thiago, die wie feine zweite Pflanze fich für Boden 
und Klima zu eignen fcheint und gegenwärtig faft den 
Wohlftand der Inſel bedingt, giebt uns wohl die befte 
Borjtellung ein Blick in den amtlichen Bericht über ihre 
wirthichaftlichen Leiftungen. Der Geſammtwerth der aus 
S. Thiago ausgeführten eigenen Probufte belief fich im 
Jahre 1879/80 auf 185612 Milreis?), von welden 
allein auf den Erport des PurgueiraeSamens 128041 
Milreis in einer Onantität von 4789920kg fallen, 
wobei der Werth des fir die Inſel ſehr ſchätzbaren Brenn- 
holzes außer Rechnung lommt. Die Purgueira ift außer: 
dem die einzige Pflanze von Bebentung, deren Kultur in 
den höheren Regionen der Gebirgeinjel bis zu 800 bis 
1000 m Höhe in allen Einſenkungen und Mulden, denen 
zur Megenzeit noch reichlich Waſſer zuflieht, mit Erfolg bes 
trieben werben lann. Aud) auf einigen anderen Infeln des 
Archipels, wie Fogo, Brava, Nicolau, ift die Purgueira⸗ 
Kultur neuerdings eingeführt und man ſcheint große Hoff- 
nungen auf die weitere Ausbreitung berjelben für die Zu— 
funft der ganzen Infelgruppe zu fegen. Abgeſehen von 
S. Thiago beläuft fich der Erport des Purgueira-Samens von 
den Übrigen Infeln bis jetzt freilic, nur anf 16 000 Milreie. 

Auf die „Purgueira“ > Kultur folgt im Niüdjicht auf 
die Bedeutung für den Erport ein Erwerbszweig, def 
fen Ertrag freilich nur zum geringen Theile den Inſu— 
lanern zufliegt, nämlich die früher fchon erwähnte von 
franzöfiichen und italieniſchen Unternehmern hier betriebene 
Korallenfifherei mit 17000 Mitreis, Hieran ſchließt 
fich die Kaffeekultur mit einem jegigen Erport von un— 
gefähr 58 000 kg im Werthe von 15000 bis 16000 Mil- 
reis. Der Kaffee von ©. Thiago gehört neben dem von 
S. Antäo, die allen anderen Infeln in der Produktion des— 
felben voranfteht, zu den beften Kaffeeforten Weftafrifas und 
zeichnet fich namentlich durch ein Fehr feines Aroma ans, fo 
daß er im diefer Beziehung vielleicht den Kaffee der Inſel 
©. Thom übertrifft, der ihm aber wiederum an kräftigem 
Geſchmack voranſteht. Die Kaffeelultur ift indeflen auf 
©. Thiago, fowie auf den Übrigen im Allgemeinen wailer- 
armen Inſeln des Archipels eine unſichere und auf die durd) 
natitrliche und künftlihe Bewüſſerung günftig gelegenen 
Thäler bejchränft. 

Bon den übrigen Erzeugniſſen der Infel, die für den 
Handel nach aufen von geringerer Bedeutung find, geben 
ebenfalls die Märkte von Praia ein anſchauliches Bild, 
Hügel von Apfelfinen und Bananen lagen hier aufgethiirmt. 
Die erfteren follen zu den beften der Erde gehören und 
laffen in der That an Saftflille, Süfigfeit und Wohlge- 
ſchmack nichts zu wünfchen übrig, ſogar friich vom Baume 
gepflitckt in mod; geliner Schale. Daneben finden ſich auch 
Kürbis: und Melonen-Arten, Bataten, türfifche Erbſen, 
Bohnen, vor Allem auch Mais, Mandioca, „Mancarra“ 
(Erdnuß, Arhachis hypogaea), Wachs, Kotkosnüſſe und 
andere Tropenfrlichte. 

Auch die „Urzella* wird auf S. Thiago noch in ans 
jehnlicher Duantität gefammelt und repräfentirt einen jähr- 
lichen Erportwerth von ca, 1600 Milreis. Stets auch 
trifft man zahlreiches Seflitgel auf dem Markte. Selten ſah 
ic) größere prächtige Truthühmer als hier, deren Zucht 
auf der Inſel mit befonderer Sorgfalt und im ausgedehn⸗ 
tem Mafe betrieben wird, jo daß die Truthühner von 


2) Die Inſel S. Thiago bat einen Flächeninhali von bei: 
nahe 967 Okm und ungefähr 32000 Einwohner, unter dies 
fer vielleicht 1000 Weihe. Die Gelammtjeelenzabl der Gapver- 
diſchen Imjeln ift ungefähr 80000, 


6* 


44 F. Grabomsti: 


S. Thiago eine gewifle Berühmtheit erlangt haben. Bon 
Interefie war mir au, Perlhühner Hier zu finden, bie 
in ben Bergen, ebenfo wie auch auf einigen anderen Iufeln 
des Archipels, wie namentlich Maio, ähnlich wie unfere 
Kebhlihner, wild leben und Gegenftand der Jagd bilden. 
Aud) ein paar Affen, von denen eine grünlidy.graue, zu 
den Meerkagen gehörige, and in Weſtafrika verbreitete Art 
(Cercopithecus sabaeus) auf der Infel vorlommt, waren 
zum Verkauf ausgeitellt, der einzige Affe und (mit Ausnahme 
von Ratten, Maͤuſen und Fledermäuſen) das einzige wilbs 
lebende Sängethier der Capverben, das zubem auf S. Thiago 
bejchränft ift. 

Einen Hauptfaktor fir den Moplftand der Inſel 
©. Thiago bildet ihre Viehzucht, die zu gleicher Zeit ein 
Zeugniß ablegt von der verhältnigmäßig reichen Begetation 
in einigen Diftriften. Im Jahre 1880 ftellte der ges 


Dajatifhe Sitten und religiöfe Gebräuche. 


fanmte Viehſtand der Inſel einen Marktwert) von ca. 
279000 Milreis dar!), Den erſten Kang nimmt bie 
Kinderzucht ein, hierauf folgt die der für den Verkehr und 
Transport auf dem gebirgigen Terrain wichtigen Pferde, 
Ejel und Mauleſel und dann die der Schweine, Ziegen und 
Schafe. Auch für den Handel nad) augen hat die Vieh: 
zucht von S. Thiago einige Bedeutung, da im Jahre 1879/80 
allein an Thierhäuten für mehr ald 12000 Milreis er: 
portirt wurden. 


1) Rad) S. Thiago findet fih die größte und befte Vieh— 
zudt auf der mordöftlic gelegenen im Mebrigen wenig produs 
cirenden Inſel Boa Biſta. Der Vichbeftand —— hier 
einen Werth von 112000 bis 113000 Milreis. Dann folgt 
©. Nicolau und Fogo. Der Marktwerth des gefammien Vich- 
beftandes auf dem Archipel der Gapverden betrug im Jahre 
1880 nad) amtliden Berichten 711000 Milreis. 


Dajafifde Sitten und religiöfe Gebräude. 
Aus Briefen von F. Grabowsti. 


Bandjermaifing, 31. Januar 1881. 


Nach dajakijchen Begriffen Hält ficd die Seele eines 
Berftorbenen fo lange in der Nähe des Haufes auf, in dem 
er bei Lebzeiten gewohnt hat, bis filr ihn das weiter unten 
beichriebene tiwa (Todtenfeit) gefeiert worden ift. Wenn 
jemand geftorben ift, jo wird diejes den Geiftern unter dem 
Himmel durch drei Schiffe, meift aus kleinen Meſſing— 
fanonen, angezeigt. Der Leichnam wird ſchön gefleidet, d. 
man zieht ihm alle feine Kleider an, oder det ihn damit 
zu und ftellt alle Geräthichaften, die er im Yeben gebraucht 
hat, um ihm ber. Dann wird er mit Reis beftvent und 
auf jedes Auge ein Geldſtück gelegt. Freunde und Ber: 
wandte heben eine Todtenflage an, wobei bie Tugenden des 


Berftorbenen geriihmt werden und oft auf die Götter ener⸗ 


giſch geicholten wird. Die Nachbarn fertigen inzwiichen den 
Sarg an, ber jegt nur nod) bisweilen aus einem diclen Baum⸗ 
ſtamm befteht, meiftens aber aus Brettern angefertigt wird. 
In der folgenden Nacht wird anf drei fupfernen Trommeln 
Tranermufit gemacht, indem im ber ganzen Zeit abwech— 
felnd auf jede Trommel je ein Schlag geführt wird. Kurz 
vor dem Begräbniß wird die Leiche in den Sarg gelegt, 
wieder drei Schuſſe gelöft und mad) einem beftimmten Takt 
auf die Trommeln geichlagen. Dit der Sarg geichlofien, 
fo wird er nad) der Familienbegräbnißſtelle gebracht, wo 
er auf ein drei Fuß hohes Holzgeitell gefegt und mit einer 
Matte von Blättern (kadjang) bebedt wird. Das Haus 
wird fofort nad) dem Verlaſſen der Yeiche mit Wafler be 
fprengt. An dem Begräbnißplag bleibt der Sarg ftehen, 
bis das tiwa gefeiert wird, was oft erft nach 25 bis 30 
Jahren geſchieht, denn, da es mit großen Koſten verknüpft 
ift, die das Vermögen einer Familie Überfteigen, jo wartet 
man, bis jo viele Leichen da find, daß alle Betheiligten zu— 
ſammen den Aufiwand tragen können, und feiert dann das 
oft 14 Tage lang dauernde Feſt mit großen Gelagen, bei 
denen die Bliaus, bejonders die ältefte derfelben, Üpo ge 
nannt, eine Hauptrolle fpielen und die Geſänge der San: 
giangs unter Trommelbegleitung und Geftitulationen her: 
fagen mitjfen. Da die Seele nad dajakifchen Begriffen vor 
diefer Feier nicht zur Ruhe konmit, jo bittet jeder Sterbende 


bie Angehörigen um Beichleumigung derſelben. Cine neue 
Ehe darf weber von Wittwer noch Wittwe eingegangen 
werden, bevor nicht der dahingeichiedene Gatte des tiwa 
theilhaftig geworden ift. 

Einige Wochen vor dem Hauptfejt wird ein vorbereis 
tendes Feſt begangen, das ſchon einige Tage dauert. Es 
gilt nämlich, im Haufe des Gaftgebers die Mufikinftru- 
mente aufzuhängen, Gandangs, hohe Trommeln mit einem 
Ziegenfell oder Schlangenhaut befpannt, und Garantongs 
von 6 bi8 60 Gulden Wert. Dabei wird mandjes 
Schwein verzehrt und kräftig Aral getvunfen. 

Einige alte Männer bringen die Inftrumente erft vor 
die Thür, ſchwingen fie dreimal ſtromaufwärts und ſtrom⸗ 
abwärts, indem fie jagen: „Schnell veridwinde die Ge— 
ſchichte des guten Namens des Mannes, der diefes Feſt giebt. 
Ich habe ihr den Weg zur Sonne gewiefen, fie ift ver- 
ſchwunden. Ebenſo möge das Unglüd untergehen.“ Dann 
wird auf den Injtrumenten Tag und Nacht geipielt, um 
die böfen Geifter zu vertreiben und der Seele des Verſtor— 
benen mitzutheilen, daß ihm Erlöfung nahe ift. Gleich— 
zeitig werden die nöthigen Vorkehrungen getroffen, eine 
Feftwohnung gebaut, Reis geftampft, Holz gehadt, Flag— 
genftöde geholt und aufgeftellt und Büffel gefauft. Wenn 
diefe Thiere in die Nähe des betreffenden Haufes kommen, 
werden jie mit Mufit und Tanz empfangen und zu ihrer 
Ehre ein Feſt gefeiert, denn fie werden zum Dpfer flir die 
Seelen gebraudit. Früher wurden hier — und nod) jet ge- 
ſchieht das weiter im Innern — Meuſchen bei diefer Gelegen⸗ 
heit geopfert, bie den Seelen al& Sklaven in der Seelenftadt 
dienen jollten. Jetzt ift man hier mit Figuren aus Holz yufries 
den, da das Gonvernement jenes Verfahren nicht zuläßt, und 
mit dem Tödten der Büffel an einem Pfahl, der in ein 
Menſchenhaupt endigt. Doch werben die Schädel früher 
geichlachteter Menſchen, die jorgfältig in den Familien auf: 
bewahrt werden und für feinen Preis zu haben find, bei 
dem Todtenfefte hervorgeholt und dadurch geehrt, daß man 
um fie her tamt. 

Iſt nun alles vorbereitet, jo beginnt ber erfte eigentliche 


F. Grabomsti: 


Feſttag damit, daß man die Gebeine ber betreffenden Tod: 
ten ins Haus bringt, wobei fräftig gefchoffen wird, um bie 
böfen Geifter zu vertreiben. Dann werden die Särge ver 
ziert mit allem, was im Hauſe des Gaftheren von Werth 
iſt. Bejonders Geld wird angeflebt. Iſt im dem Sarge 
ein Mann, jo wird am Kopf oder Fußende eine von Holz 
gemachte Schlange („naga*) angemadıt, von der man erzählt, 
dag ihr Original, wenn es ſich auf der Oberfläche des 
Waſſers zeige, durch feine Spiegelung einen Regenbogen 
erzeuge. Bewegt es fich, jo bebt die Erde, welche es trägt. 
Liegt eine Frau im Sarge, jo wird ein hölzerner Bogel, 
„sangkowai* genannt, feſtgemacht. Bon diefem Augen: 
blick an muß der Wittwer oder die Wittwe Tag und Nacht 
am Sarge fiten und weinen. Die Wittwe mit einem 
weißen Strid, der Wittwer mit einem weißen Tud) um 
den Kopf. Dies nennt man „sambalajong“. Dabei wer: 
den die Trommeln ohne Anfhören geſchlagen, um bie böſen 
Geifter fern zu halten. Nach drei Tagen werden alle Frauen 
aus der Umgegend eingeladen, um Reis in Pufokblätter 
(junge Triebe von Nipa) zu ſammeln, was takopat heißt 
und den Zweck hat, filr die Seelen Nahrung zuſammen 
zu bringen. Die Hauptjache ift aber das Eſſen und Trins 
fen der lebenden Feſtgenoſſen. Nach der erften Mahlzeit 
ftellt eine Frau Speifen für die Seelen hin und jagt: 
„Ich habe für Euch hier Peteng Puſok (gagawar, d. i. ge: 
fammelter Reis). Damit breche ich allen Widerftand, alles, 
was unrein ift, alle böfen Gerfter, alle böfen Träume und 
mache ein Ende allem Weinen.“ Dann werben fieben zu- 
fanımengerollte n Reis fir die Geftorbenen und 
fieben für die böfen Geifter gegeben (Reis ift ein Zauber: 
mittel, um reich zu werden). Daranf erjcheint der Zauberer. 
Er ruft den Tempan Tilam und feine Sklaven Telo und 
Hamparang und einen weiblichen Geiſt, „Baltang Babilem“. 
Dieje Gottheiten der Luft muſſen die Seelen durch Feuer 
nad) einem feligen Ort bringen. Gleichzeitig rufen fieben 
Dlians die Sangiang (Götter der Luft) an, um Tempan 
Tilam bei feiner Arbeit zu unterftügen. Diefe Blians und 
ber Zauberer fchreien Tag und Nacht, bis fie vollitändig 
heifer find. Dafür erhalten die fieben Blians 116 Gulden, 
der Zauberer für jede Seele 2 Gulden nebft einer Matte, 
einem bliong (Beil), einem pisau (Art Meſſer), einer 
Taſſe und einen Teller. 

Am folgenden Tage werden die Gebeine aus den Särgen 
herausgenommen und in ben sandong durch die Bliane 
hineingelegt (sandong ift ein auf Pfählen ruhendes, mit 
Puppen verzierted Häuschen, in dem die Knochen definitiv 
bleiben). Bei diefer Handlung ift Eſſen, Trinken und Tan- 
zen die Hauptfache. Soviel Säfte als möglich, werden ein- 
geladen, wohl 500 bis 700, und jeber ißt und trinkt fo- 
viel, als er irgend befommen lann. Dann folgt ein Ruhe: 
tag zum Schlafen beſtimmt md jchlieklich der größte 
—— zu welchem 3 bis 6 Büffel und eben fo viel 

ine und Hühner gefchladjtet werden. De größer da- 
bei die Anzahl der Ghäjte ift, deſto größer auch die Ehre, 
die man dem Berftorbenen anthut. An diefem Tage legen 
BWittwen und Wittwer die Trauerfleider ab und dürfen ſich 
baden. Verzehrt wird an diefem Tage ungemein viel. 
Können die Säfte trogdem nicht alles aufeffen, fo ftellt 
ſich der Gaftgeber im ihre Mitte und jagt: „It es Euch 
nicht möglich geweien, meine Büffel, Schweine, Hühner 
und meinen Reis zu efien, dann habt Ihr verloren und ich 
bin ſtarl.“ Dabei trinft er auf feine Geſundheit. Haben 
dagegen die Gäſte alles aufgegeffen, dann jagen fie: „Wir 
haben alles gegeflen; wäre mehr dagewefen, jo hätten wir 
das auch noch gegeſſen. Du bift ſchwach und wir find 
ftart; Du haft verloren und wir gewonnen,“ und dann 


Dojatiihe Sitten und religiöie Gebräuche. 45 


ſchließen fie mit Iubel über ihre Leiſtung. Am nächſten 
Tage wird ein Schwein an den Füßen gebunden und durd) 
die Umftchenden tobt getreten. Die Urſache diefes Ges 
braudyes habe ich nicht erfahren fünnen, Dann werden 
aud) die Buffellöpfe gekocht, deren Dhren der Zauberer als 
Ruder für die Verftorbenen erhält. Zuletzt wird jeder 
Befttheilnehmer menjaki. Viele ftürzen ſich bei einem 
joldyen tiwa in Schulden, aus denen fie nicht wieder heraus: 
fommen. 

Befonders häufig findet bei ihren religiöfen Gebräuchen 
das Safi-Opfer ftatt. Es liefert das Blut, wenn jemand 
menjaki, gereinigt, werben fol. Diefes gefchieht z. B. bei 
Kindern durch ihre Eltern um Krankheit und Unheil fern 
zu halten, bis zum zehnten ober zwölften Jahre. Braut 
und Bräutigam werden an ihrem Hochzeitstage injaki, d.h. 
mit Blut beftrichen. Auch ftreitende Parteien, die zur Ber- 
fühnung geneigt find, forwie Kranke erfahren diefe Behand: 
lung, desgleichen Kinder, welche geftraft find (was fehr felten 
ftattfindet, dann aber in außerordentlich heftigem Grade), 
damit die Seele derfelben nicht durch Betrübniß Schaden 
leide. Auch auf heilige Gefäße, Häufer, Reisfelder, 
Stanbgold und Zaubermittel, die man im feinem Hanfe 
bewahrt, erſtreckt ſich das menjaki. Benugt wird das 
Blut von Schweinen, Buffeln oder Hühnern; ſehr arme 
Leute nehmen Eidotter. 

Drei oder vier Perſonen, von denen gewöhnlich die eine 
ein Zauberer und eine zweite eine Zauberin iſt, ſind zum 
menjaki erforderlich. Das Beſtreichen wird mit in das 
Blut getauchten Geldftiiden ober einem Stift Eiſen aus: 
geführt und zwar zunächft auf der linken Fußſohle mit den 
Morten: „Alle böjen Dinge, Krankheit, Unglid, Armuth, 
mögen vertrieben fein;“ dann auf der redjten Fußfohle: 
„auf dag Dir fruchtbaren Boden behalten mögeſt;“ dann 
auf den Schenken: „damit für End) alle sial (d. i. Kran: 
heitsurſachen) und alle peres (Krankheiten) fterben;* dar- 
auf die Knie: „damit Du Blanga und Harımaung (heilige 
Töpfe im Werthe von 1000 bis 2000 Gulden) befommmen 
mögeft;" demnächſt die linke Hand: „damit alles, was 
Uebel für Did) ift, verſchwinden möge;“* die rechte Hand 
mit der Ermahnung: „Siehe zu uns heran Blanga und 
Harimaung.“ Sodann werben beide Pulſe beftricdyen mit 
dem Zuſatz: „Stoßt alle Unglücksfälle und Krankheiten 
von Eudy;* daranf die Magengrube, indem gefagt wird: 
„Mögeft Du viel Reichthum und Glid befommen;* die 
Schultern von vorn: „damit Ihr alle böfen Dinge, die 
unter dem Himmel find, vertilgt;* beide Schultern von 
hinten: „damit Ihr alle Unglüdsurfachen, Krankheiten 
und Hinterhalte vertilgt;* die Stirn: „damit Du allein 
berühmt, reich) und angefehen fein mögeſt;“ zuletzt ber 
Kopf: „damit alles, was ſchlecht ift, an Dir vorlibergehe, 
möge es nun viel oder wertig auf fich haben.“ Nun wird 
dem Beftrichenen Reis auf den Kopf geftreut mit den 
Worten: „So zahlreich wie diefe Körner mögen Deine 
Kinder und Reichthümer fein,“ und Waſſer mit dem Wunſch 
aufs Haupt gegofien: „So lange fei Dein Athen, ald Du 
bitteft; gleich der Kühle des Waſſers ſei die Kühle Deines 
Athems.“ Sodann nimmt jemand Erde und beftreicht 
damit die Fußſohlen und die Magengrube und fpricht: „So 
groß als die Erde fei Dein Reichthum. Die Erde kann 
nicht Kleiner, noch alt werden; möge Dein Reichthum jpäter 
auch nie abnehmen.“ Schließlich bindet man dem Be— 
ftrichenen eine Perlenfchnur um den Puls, durch welche 
alle ausgeſprochenen Wünſche fetgebunden werden. Sie 
bleibt fieben Tage am Gelent. Fällt fie früher ab, fo ift 
das Opfer kraftlos. Das Fleiſch der Opferthiere wird ge 
kocht und mit befonderer Gier gegejien. 


46 


Leidet dev Dajafe an Kopfſchmerz mit Brechneigung, 
fo leitet er diefe Krankheit von pudjin-liau her, d. h. ein 
Dämon hat "ihm geflucht. Dagegen hilft feine Mebicin, 
fondern nur der tukang hantok, der AZauberboftor. 
Diefer drüdt fein Knie gegen den Nüden des auf der 
Erbe figenden Patienten, widelt eine Strähne vom Haare 
des Kranken um feine Finger und fragt: „Welcher Todte 
hat Dir geflucht?* Nun fängt der Kranke an, unter den 
kürzlich Berftorbenen zu vathen, und auf jeden Namen ant: 
wortet der Zauberer im Sinne des Berftorbenen: „Joh ah 
a no (einen gewilfen nennt er); Du bift fo froh geweſen 
und hajt mit Deinen freunden gejcherzt und geladjt. Ich 
bin todt; lebte ich noch, dann fönnte ich auch fcherzen. Ich 
habe Dir geflucht, weil Dir nicht auf mich hören wolltejt 
und davon haft Du Schmerz und dreht ſich alles vor Deinen 
Augen.“ Und nad) einer Pauſe: „Hätte ein anderer Todter 
Dir geflucht, ſo würdeſt Du wie ein Krokodil ſchlagen und 
Did) winden, wie biegfames Holz.“ Dann lüßt er den 
Haarfnoten los. Hört man im dem Moment einen Klang, 
fo hat der Berftorbene geiprochen. Dann bindet der Zaube- 
ter die Haare des Kranken zweis oder dreimal zufammen 
und (öft fie wieder auf, indem er ſpricht: „Ebenjo fchnell, 
wie id) diefe Haare binde und löſe, weiche die Krankheit 
von dem Yeidenden,“ berührt mit einem Teller dreintal 
den Kopf des Kranken unter den Worten: „Möge bie 
Krankheit weichen.“ Schließlich nimmt er and einer 
Pfanne etwas Reis und macht auf die Bruft des Kranken 
ein Kreuz und auf feinen Rücken ein Dreiedf, worauf er 
fein Honorar erhält. Hört man in obigem falle feinen 
Klang, fo wird die Procedur bis zum Eintreten defjelben 
bei anderen Namen wiederholt. Der Dajafe tödtet ge- 
wöhnlid, fein Krokodil, weil er diefelben als Sklaven des 
Diata betrachtet, den er fich felbft im diefer Geſtalt dentt, 
fo daß er beim Anblid eines recht großen Eremplares aus⸗ 
ruft: tö Djata toto (da# ift wahrlid Djata). Hat ein 
Krokodil aber jemand gebifien ober getödtet, fo erlaubt und 
fordert das Gebot der Rache die Vergeltung. Im ſolchem 
falle wird der Panga reran (Strofodilzauberer) gerufen 
und erfucht, auf ein Krokodil Jagd zu machen. Während 
diefer Beſchäftigung darf er zu niemand kommen, felbft 
nicht vor die Fenſter eines Hauſes, nicht kochen noch andere 
Tagesgebräuche beobachten, weil er unrein iſt. Zunächſt 
wird für ihn am Flußufer ein Häuschen gebaut, in wel- 
chem er auf drei Stüde Bambı allerlei Figuren und 
unter diefen and) ein Krokodil zeichnet, Diefe Bambus 
ftiide werden mit den Kleidern des Getödteten verbrannt. 
Die Hite läßt den Bambu zerfpringen. Wird dabei von 
dem Riß eine Pfote des gezeichneten Krokodiles getroffen, 
fo wird die Jagd mühfam werden; wird aber fein Yeib 
zerriffen, jo geht alles nad Wunſch. Die Prau (Kahn), 
welche zum Wang benutzt wird, muß gelb und voth gefärbt 
fein, und werden im ihrer Mitte Yanzen mit den Spiten 
nach oben aufgeitellt. Dann wirft der Zauberer das Yoos, 
um zu entjcheiden, ob Schweine-, Hunde, Affen oder 
Hirfchfleifch als Yodjpeife verwendet werden ſoll. Diefes 
Fleiſch bindet der Zauberer an große Stöde oder Angeln 
ans Eifen und ruft: „Ahr Krokodile, die ihr ftromanfwärts 
feid, kommt herunter“ (dabei hebt er die Podipeife in die 
Höhe), „und ihr, die ihr ftromabmwärts feid, kommt herauf; 
denm ich will euch allen gute Speifen geben, jo ſüß als 
Auder und fo fett wie Kolosnuß. Ich will euch ein zier- 
liches und ſchönes Halsband geben. Wenn ihr es bekom⸗ 
men habt, bewahrt e8 in eurem Halje und Veibe, denn diefe 
Speife ift fehr pahuni“ (db. h. man fündigt, wenn man 
fie nicht gebraucht). Hat ein Krofodil angebifien, jo ruft 
er: „Wähle dir einen Pla, wo dit liegen willft; denn 


F. Grabowski: Dajakiſche Sitten und religiöie Gebräuche. 


viele Menjchen find gekommen, um dich zu fehen. Sie 
find gefonmen mit renden und Jauchzen und geben dir 
kilatbaho, tampar dada, galang kana, d. h. Meſſer, 
Yanzen und ein Yeichenkleid.“ Iſt das Krokodil ein weib— 
liches Thier, fo nennt er es Poetir, ift es ein männliches 
Raden, d. i. Prinz und Prinzeffin. Der Beſchwörer muß 
fo lange thätig fein, bis er ein Krokodil gefangen hat. 
Dann ift ihm das Gelingen ein Zeichen von Djata, und 
es muß, um diefen Gott des Waflers nicht zu erziienen, 
den Krofodilen eine Katze geopfert werden. Die Köpfe 
hr erlegten Thiere werden auf Geftellen am Flußufer be 
ejtigt. 

Nachſtehend auch einige religiöfe Vorftellungen und 
Sagen der Dajafen. Die Sangiang (Götter der Puft) 
find gute, behitlfliche Weſen und leben in einem Nebelfee 
irgendwo im Himmel, im Sangiangland, durch welches 
160 Flüffe gehen. Das Leben dafelbft ftimmt mit dem 
irdifchen fiberein, nur ift dort alles viel ſchöner und herr: 
licher. Dort reifen Früchte, die das Yeben verlängern, 
grüne Bäume, die das Herz reim machen. Die Blätter 
anderer Pflanzen liefern die ſchönſten Gewänder. Die 
Bluthen find goldene Ringe und die Früchte Achatſteine. 
Der Saft von diefem Garing-Baum ift herrliches Yebens- 
elirir. Urſprünglich lebten die Sangiang unter den Men- 
ichen; doch hatten diefe tödtende Waffen, welde jene nicht 
bejaßen. Daher ging Subuaja, der Stammmater ber 
Sangiang, mit den Seinen nad) der lewu, Sangiang. 
Diefer Subnaja hatte einen Sohn und zwei Enkel, Panjas 
rawan Katingan und Pampula hawan. Beide wurden 
Stammmwäter von zwei Sangianggejclechtern. Der erſte 
ift der Stifter eines Reiches im Sangianglande am Fluß 
Barirai, der Bruder der eines andern am Djalai-⸗Fluß. 
Jeder von ihnen hatte fieben Söhne und fieben Töchter, 
woraus noch andere Geſchlechter entftanden; doch verehrt 
der Dajafe vornehmlich nur die beiden erften. Zu ihnen 
geht feine Bitte um Hilfe, wenn von einer andern Gotts 
heit etwas verlangt wird, nm als Vermittler aufzutreten. 
Sat z. B. der König des Unglüds jemand krank gemacht, 
jo bittet man ihm durch die Sangiang, ihn wieber geneſen 


zu laſſen. Will man vom König des Glüdes (Radja 


untang) etwas erbitten, fo miüffen die Sangiang die Bitte 
überbringen und den Nadja untang herbeirufen, Das 
Süd kommt nie von den Sangiang felbft, fondern von 
Nadja untang, von Djata, von Bampahilep und anderen. 
Aber die Sangiang fügen vor Unglüd. Geht jemand 
auf Reifen, fo befichlt er ficd) dem Sangiang an und ge: 
lobt ihm ein Opfer für die glücliche Heimkehr. Unglück 
bringen die Sangiang nur über den, der ein ſolches Ge— 
lübde nicht erfüllt. Die zwei älteften und zwei jüngften 
Söhne der obengenannten Stammpäter find bei den Das 
jafen die beliebteften Sangiang. Sie heißen Nadja nga- 
lang, Thupang Kanaräan, Radja dahang und Tempan 
Tilam. Es ftcht jedem frei, fi) gerade an den zu wenden, 
weldyen er am meijten verehrt. Gewöhnlich bleibt der 
Dajafe bei dem Sangiang, der in feiner Familie jeit vielen 
Jahren angerufen wird, wenn ſich derfelbe nicht ohmmächtig 
erweift. Hat aber ein anderer plöglich den Huf bekommen, 
gern und ſchnell zu Helfen, fo wendet man ficd zu dem 
neuen. Im vielen Fällen richtet fich das Gebet an alle, 
doc; zumeiſt an Tempan Tilam, der auch die Verftorbenen 
durchs Feuer leitet. In hohem Anjehen ftchen auch die 
Sangiang: der große Sangomang, Sakenokt und Papaloi. 

Daneben wirken überall die Dämonen und böſen Gei— 
jter. So fand id) bei den Dajafen Ba -fipir, einen Stod» 
heiden, auf einer Jagd am Soengei Bariri, einem Neben- 
fluß des Poeloepetat, über der Thitr ein Salantoetoep aus 


F. Grabomwsti: Dajakiſche Sitten und religiöfe Gebräuche. 47 


verſchiedenen eigenartig gewachſenen Hölgern beftehend, um 
den feindlichen Mächten den Weg zu verjperren. Und 
nicht weit von feiner Wohnung hatte er fid) ein Pangan- 
toho (Opferhäuschen) errichtet, worin er den böfen Geiſtern 
opfert, damit fie ihm feindlich gefinnte Menfcen aus 
dem Wege ſchaffen möchten. Bon den vielen Mythen über 
die haupfächlichſten Sangiang erwähne ic) die nachfolgenden. 
Ueber Tempan Tilam. Gr ijt ein ungeitig ——— 
und feine Mutter warf ihn ins Waſſer. Er wurde ans 
Yand getrieben am Fuße des Yanglongberges, wo ſich gerade 
Puſan balırto, ein weiblicher Sangiang, badete. Sie nahm 
ihm auf, erweckte ihm zum Yeben und nannte ihn Kampang 
balan panarusan langit, d. h. die goldene Scheide des 
Schwertes, welches dahintrieb unter dem Himmel. Als der 
Findling groß geworden war, fam feine Nichte Tempan 
Tiawan zu ihm, die eben vor einem mächtigen Sangiang, 
Manjamäi, der fie heirathen wollte, jedoch von ihr verſchmäht 
wurde, flüchtete. Er kam der BVerfolgten zu Hilfe und 
überwand den Gegner. Tempan Tiawan bot ſich ihm nun 
zur Frau am, forderte aber, er folle mit ihr in ihre Heis 
math zuricdtehren. Bei diefer Gelegenheit entdedte ihm 
feine Pflegemutter, wer er wäre. Er ging mit und wurde 
ald der Ueberwinder des Manjamäi mit großer Freude 
aufgenommen. Der mächtige Tilam unterwirft fich ihm 
und wird jein Sklave, und deshalb nimmt er den Namen 
Tempan Tilam an. Er heirathet Tempan Tiawan, und 
an demfelben Tage heirathen feine ſechs Brüder ihre ſechs 
Schweſtern, und ihre fieben Brüder feine ficben Schweitern. 
So ift er der angefehenfte Sangiang geblieben. 

Ucher Sangomang: Das Wefentliche diefer auss 
führlichen Sage ift folgendes. Der Held ift ſehr ſchläf⸗ 
tiger Natur und äußerft arbeitsſcheu. Auf feinen Wunſch 
verjucht feine Mutter fiir ihn 1000 ringgit zu leihen, Sie 
begiebt fic, daher zu Maha Nadja, der ihr aber ihre Bitte, 
nachdem er fie gaftfrei aufgenommen hat, ebenjo abfchlägt, 
wie alle feine Töchter bis auf die jungſte Pringeffin: dieſe 
erweift fic) dem Wunfce Sangomangs gefällig, und er 
gelobt, als er das Geld empfängt, biete utthat nicht un⸗ 
vergolten zu laſſen. Nachdem er drei Tage und drei Nächte 
geichlafen hat, entjchliegt er fi) über See zu fahren. Die- 
ſes Borhaben kommt nad} jieben Tagen zur Ausführung auf 
einem Schiff des Sambarati, deſſen Berded er zu einem fieben- 
tägigen Schlafe verwendet. Als er erwacht, ift das Schiff 
gelandet, und er erfteht am Yandungsplage flir feine 1000 
ringgit einen Hund, eine Sage und zwei Schlangen, mit 
denen er fich wiederum an Bord begiebt — um zu Schlafen. 
Nach anfänglic glücklicher Fahrt tritt Windftille ein und 
Sangomang erwacht bei Nacht, worauf er mit feinen 
Schlangen zu fpielen anfängt. Dazu fingt er: „O, wie 
ſchön find meine Schlangen, fie find ſchmackhaft zu effen. 
Ihr Fleiſch ift für mich, die Köpfe befommt der Hund, die 
Schwänze erhält die Katze.“ Dieſen Gefang hört endlich 
Diata und ihn jammert feiner Kinder. Zunächſt ſchickt 
er dienende Geifter nad) oben, um für die Schlangen Geld 
und Edelſteine zu bieten, da aber Sangomang hierauf nicht 
eingeht, fo fteigt er zulegt jelber aus den Fluthen und er- 
wirbt die Schlangen gegen feinen Zauberring. Die erfte 
Wirkung deffelben ift, dag Saugomangs mit ihm berührte 
Zunge jede Speife herbeiwünfcen fann, wovon der Be: 
figer ausgiebig Gebrauch macht. Heimgelehrt erregt er, 
da er den Befig des Ninges verſchweigt, durch den Ein- 
fauf der beiden Thiere die Betrübniß feiner Mutter und 


den Zorn des Mata Radja, welcher in feinem Grimme die 
jungſte Tochter, welche Sangomang zu dieſer Berjchwen- 
dung verholfen hatte, verftößt. Sie findet bei Sangomang 
und feiner Mutter Aufnahme, mit der fie zufrieden ift; 
doch muß fie erfterm die niedrigiten Dienfte thun. Ges 
legentlich bemerkt fie neben dem ſchlafenden Gebieter den 
Ring und bringt ihn, da er auf ihren Finger nicht paßt, 
zum Goldſchmied, welcher feinen wahren Werth erfennend 
fid) fort und in einen von einer Dornenhede und von Fin- 
fternig umgebenen, nad) dajakifchen Begriffen glänzenden 
Hausjtand hineinwünſcht. Bei Sangomang und den Geis 
nen fehrt großer Kummer ein. Er weillagt ihnen ben 
Hungertod umd unterbricht jet feine gewohnte Beſchüf⸗ 
tigung des Scylafens auch mit Meinen. Endlich ent= 
ſchließen ſich Hund und Kage ihrem Herrn zu helfen. Sie 
erfunden zunächft durch das Umſinken eines auf die Spite 
geftellten Kurbis die Richtung, in der fie zu ſuchen haben. 
Dann begeben fie ſich auf die Reife, dringen durch die 
Dornen, durchſchwimmen, die Katze von Hunde getragen, 
einen See und gelangen im Dunkel vor dem Haufe des 
Goldſchmieds an, in welden eine glänzende Stelle ihnen 
ben Drt bezeichnet, am dem der Ning liegt. Mit Hilfe 
bes Königs der Ratten gelingt es, denfelben zu ftehlen. 
Doch läßt ihn bei der Rückehr die Katze aus Schred vor 
einem großen, nad) ihr ſchnappenden Fiſch ins Wafler 
fallen, wo ihn der Fiſch fofort verſchlingt. Diefer fällt 
aber einem Raubvogel, der Raubvogel der Kate und der 
Ring dem Hunde zur Beute. Nad) der Rucklehr der treuen 
Thiere wünſcht und erhält Sangomang durch den Ring 
für ſich, die Prinzeſſin und feine Mutter Schönheit, fowie 
Häuſer mit goldenen Thüren, gläfernen Mauern und kupfer— 
nen Dächern. Diefe Wunderftadt umgiebt Mufif und er- 
füllt Jauchzen, fo dag Maha Nadja am Morgen veranlaft 
wird, die Herrlichkeit zu beſuchen. Dabei erſchrickt er fo 
jehr iiber alles Wunderbare, daß er erft in einen Teich 
mit wohlriehendem und dann in einen zweiten mit vothem 
Del fällt. Doch Sangomang giebt ihm neue Kleider, 
heirathet die Tochter des Beihämten, wird König und lebt 
fortan in großem Gluck und Ueberfluß. 

Ueber Sakanak. Er ift zunächſt eim armer, bei 
feiner Mutter lebender Fiſcher, welcher aus Verdruß über 
den Regen und fchlechten Erwerb folgende Worte mit Kohle 
an die Thlir des Königs fchreibt: Manok bangka, patak 
salaka kiaklian, danda wajang sangiang, dahang njako, 
karis kilas (Huhn, Silber, Seele des Bogels, Nabel, 
Schwert des Donners, Dold) ded Blitzes). Er wird durch 
eine Probe als der Urheber diefer Schrift ermittelt und 
von dem erzlirnten König gezwungen, die von ihm ſelbſt 
nicht gelannten Gegenjtände aufzuſuchen. Auf feiner Irr— 
fahrt tödtet er ein übermatirlices Weſen in Sclangen- 
geftalt und tritt, durch einen Dewa (Mitglied einer beſtimmten 
Geifterforte) in Geftalt einer großen Heuſchrecke mit Rath 
und That unterftügt, als Erbe dejfelben auf, wodurd) er 
die gefuchten Zaubermittel, unter anderen auch cin Gold 
fprechendes Huhn, einen Dold, bei deſſen Entblößung es 
bligt, und ein Schwert, deſſen Züden Donner und die Ber: 
jüngung der Anweſenden erzeugt, erwirbt. Da er allein 
die Kunft verfteht, von feinem Beſitz Gebraud) zu machen, 
erwählt der König den Heimgefchrten zum Schwiegerſohn, 
welcher durch feine geheimmißvolle Macht zu großem Ans 
fehen gelangt. 


48 Aus allen Erdtheilen. 


Aus allen Erdtheilen 


Afien 


— Bie der Kawlaz“ mitteilt, geben im transfaspifchen 
Gebiete dieBohrungsarbeiten zur Berforgung der trand: 
laspiſchen Eifenbahn mit Naptha nur langfam vorwärts, weil 
die gewöhnliden Arbeiter fehlen und die Werkſtätten 90 Werft 
entfernt find. Es arbeiten dort Soldaten des Eifenbahn- 
bataillond. Das Borhandenjein von Naphta im Bohrloch, 
welches eine Tiefe von 18 Safhen (ü 2,143 m) erreicht hatte, 
int fefigetellt; im einer Meinen Deitilliranftalt ift auch ſchon 
Kerozin darans gewonnen. Die Deſtilliranſtalt hat einen 
Keſſel von 100 Pud Gehalt. Ans je 4 Pud Naphta wird 
1 Pud Kerozin gewonnen. 

Der Oberlommandirende Fürft Dondukow-Korſalow, der 
bie Arbeiten am 6. Mai n. St, befihtigte, gab feine Zu: 
fimmung zur Anlage von nod) 2 bis 3 VBohrlödern, um das 
ölhaltige Terrain an dem Naphtaberge (Neftjanaja gora) 
genauer kennen zu lernen. 

— Anf der Infel Tſcheleken ift der Kaspija“ zufolge 
in einer Tiefe von 50 Safhen (106,7 m) eine reiche Petro⸗ 
leumquelle angebohrt worden. 

— Der „Turfeft. Ztg.“ zufolge ift die Zahl der Aus: 
wanberer aus bem Kuldiba-&ebiete, weldhe in ben 
ruffiichen Unterthanenverband übertreten, größer als bie im 
Herbit 1881 angemeldete Zahl von Familien erwarten lief. 
Die Zahl der Uebertretenden wird am Ticyarım und an an: 
beren Stellen faktiſch feitgeftellt durch diejenigen Beamten der 
Verwaltung von Semirjetſchensk, die zum Empfange der Ein- 
wanderer fommanbirt find. Das Verhör ber Kuldſha⸗Kirghizen 
beim Webertritt erfolgt durch chineſiſche und- ruffiiche Beamte 
gemeinſchaftlich. 

— ‚Japans landwirthſchafthiche und allge: 
meinwirtbfhaftlihe VBerhältniffe” von Dr. 
G. Liebſcher (Fena, ©. Fiſcher, 1892) ift ein vortrefilidyes 
Buch, dad mehr bietet, als der Titel befagt, und dem Ethno- 
grapben manche jehr intereffante Auffhlüffe gewährt, die er 
anderswo vergeblich fudt. Während eines achtmonatlichen 
Anfenthaltes in Japan wurde dem Verfaifer deutlich, daß 
fih die japanifche Landwirthſchaft feineswegd auf fo hoher 
Stufe befinde, ald gewöhnlid; angenommen wird, vielmehr 
höchſt gedankenlos betrieben wird. Auf eine Schilderung 
lanbwirtfchaftlicher Detaild verzichtet er; der Gang feiner 
Debuftion ift folgender: Kap. 1 und 2 Klima und Boden: 
beichafienheit in ihren Beziehungen zur Bodenproduftion; Hap.3 
behandelt die focialen nnd wirthihaftlihen Verhältniſſe vor 
1868 und zeigt, wie die Eigentbimlichkeiten ber japanifchen 
Landwirtbihaft, foweit fie nicht durch natürliche Verbältniffe 
fid) erflären, als Nefultat der wirthicaftlihen Zuſtünde auf 
zufaſſen find. In Kap. 4 wird bie Umwälzung feit 1868 be— 
handelt und nachgewieſen, daß das frühere Streben der 
Landwirtbihaft, lediglich den Rohertrag der Felder zu ftei- 
gern ohne jebe Rückſicht auf den Neinertrag, jet durch einige 
der ftaatlihen Veränderungen unhaltbar geworben ift, daß 
aber das Beſtehen mander anderer Zuflände aus früherer 
Beit den Fortichritt der Landwirthichaft noch fo gut wie uns 
möglich macht. Das 5. und letzte Kap. betrachtet den Erport 





und Import Japans umd zeigt einerſeits die Fortfchritte auf, 
welde die moderne Kultur während der letten Zeit in Jar 
pan gemacht bat, anbererfeits die Mängel, am welden die 
japanifche Produktion leidet. Zugleich ſollen diefe Angaben 
den beutfchen Erporteuren und Producenten ein Mittel zur 
Beurteilung der ausläudiſchen Bedürfniffe der Japaner ab- 
geben. Hier wird u. a. bewiejen, wie gewaltig meift ber 
Metallreichtfum Japans überihägt wird (S. 140), wie die 
fremben Kaufleute und Rathgeber der japanifchen Regierung 
far ausnahmslos mur auf ihren Bortheil bedacht waren 
(S. 146), daß fih für Rechnung der Negierung ſchwerlich 
eine große Nübenzuderinduftrie wird ſchaffen laffen (5. 152), 
dab aber die Hebung der Baumwollenkultur und der Anbau 
von Delfrüchten fehr viel verfpridht (5. 161), ja eine totale 
Henderung ber Finanzlage des Staates zum Beſſern her 
vorenfen kann (5. 167). „Zur Evidenz — ſchließt das ber 
adıtenswerthe Bud, das jedem, der fih für Japan interef: 
firt, vielfache Aufflärung und Anregung bietet — geht aus 
den Zahlen unferer Tabellen (über Erport und Import) her⸗ 
vor, wie ſchnell und bedeutend die Bebürfniffe der Japaner 
nad) den Erzeugniffen europäiſcher Kultur gewachſen find, 
und daß die Berfuche, durch eigene Produktion die letzteren 
felbft zu beſchaffen auf manchen Gebieten von beſtem Erfolge 
gekrönt waren. Es zeigte ſich aber auch, daß dieſe Fort: 
ſchritte nicht anf demjenigen Gebieten zu juchen find, wo fie 
von bei tonangebenden reifen durch Aufwendung ungeheus 
rer Geldſummen bisher angeftrebt wurden und wo man fie 
zur Zeit fowohl in Japan als aud bei uns meiſtens zu 
fehen meint, nämlich in der Schaffung einer Großinduſtrie 
nad; amerilanifh-enropäifhen Mufter. Alle Beftrebungen, 
moderne Fabrilen, Bergwerke und Farmen zu ſchaffen, haben 
vielmehr biß jet nur Mißerfolge aufzuweifen, da bie gan: 
zen Verhältniffe Japans noch nicht die Erittenzbedingungen 
für dieſelben enthalten. Die unleugbar vorhandenen wirthr 
ſchaftlichen Fortſchritte treten und dagegen überall bort ent- 
gegen, wo an die Japaner ein Bedürfniß herantrat, welches 
durd; die Arbeit der niederen Vollsllaſſen gebedt werben 
mußte. Wir ſahen daher 3. B. ohne alle fremde ober obrigkeitliche 
Unterftütung ein fo ſchnelles Emporblühen neuer Handwerke, 
wie man es faum für möglid halten ſollte. Es berechtigt 
und dies zu der Erwartung, baf dem gleichen Fortſchritt 
auch die jet noch zurücgebliebenen Erwerbözweige, nament⸗ 
li die Landwirthſchaft, zeigen werben, fobald die Regierung 
die Hinderniffe befeitigt, welde der Emntwidelung berjelben 
nod) im Wege ftehen, fobald alfo namentlich, eine befiere Ber: 
teilung der Stenerlaft und braudbare Landſtraßen geſchaffen 
find. Endlich find wir beredtigt, am die Entwidelung des 
deutſchen Erportverfehres nach Japan die beften Hoffnungen 
zu knüpfen, denn jeder ortichritt der modernen Kultur und 
die naturgemäße Entwidelung feiner Produktivität muß die 
Kaufkraft des japaniſchen Volkes, fowie feinen Bedarf an 
unferen Erzengniffen und damit unſern Erporthandel ver: 
größern.” Zu bemerken int noch, daß fünf fatinifhe Karten 
beigegeben find, welche bie Verbreitungsbezirke einiger Kul⸗ 
turpflanzen und die Ertragsfähigkeit der Reisfelder in den 
verichiedenen Landestheilen darftellen. 


Inbalt: Die Meteora III, (Mit fedhö Abbildungen.) (Schluß) — Prof. Richard Greeff: Die apverbifchen 
Infeln II. — F. Grabomwsti: Dajakifhe Sitten und religiöfe Gebräuche II. — Aus allen Erdtheilen: — Aſien. (Schluß 


der Redaction 18, Juni 1882.) 


Nedacteur: 


Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lindenſtraße 11, II Ir. 


Drud und Verlag von Briedrih Vieweg und Sohn in Braunſchweig. 
Hierzu eine Beilage. 


Band XL. 


— — — — 





der Anthropologie und Ethnologie. 


Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von 


Dr. Ridard SKiepert. 





Braunfhweig 





Readpville 


in 


Jährlich 2 Bände a 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Poftanfalten 1882 
zum Preife von 12 Mark pro Banb zu beziehen, * 





Colorado. 


(Sämmtlihe Abbildungen nach Photographien.) 


Im Jahre 1878 unternahm der Ingenieur Edouard 
de Laveleye eine Reiſe nach den Vereinigten Staaten, 
hauptſächlich um die kürzlich entdeckten Mineralreichthümer 
und die zu ihrer Ausbeutung in Anwendung gebrachten 
metallurgifchen Proceſſe lennen zu lernen. In New Pork 
rieth man ihm dringend zu einem Befuche der Silberminen 
von Colorado, und da ihm dies zugleich die Gelegenheit 
bot, eine jener Ortſchaften, welche vielleicht dereinft mit den 
heutigen Hauptjtädten Amerikas wetteifern werden, in ih— 
rer Kindheit lennen zu lernen, fo entichloß er fich bei der 
icon vorgerücdten Jahreszeit raſch und fuhr mad) Den: 
der, der Hauptftabt des Staates Colorado. Diejelbe, 
heute einer der blühendften Drte, wurbe 1858 gegritnbet; 
ein Jahr fpäter war das ſchöne Geſchlecht erft durch drei 
Frauen vertreten, und erft im März 1859 wurde bort der 
erſte Menſch geboren. 1878 zählte es 25 000 Einwohner 
und war der Kreuzungspunft mehrerer Eifenbahnen. Es 
befigt mehr Banken, Schulen und Zeitungen, al& manche 
europäiiche Reſidenz; itberall trifft man auf Pferdebahnen, 
und die Luft durchtreuzt nach allen Richtungen ein Net 
von Telegraphens und Telephondrähten. Sicherlich ift der 
Komfort nur in wenigen umferer großen Städte fo vor- 
trefflich organifirt, als in Denver, diefer in einer Mitte 
verlorenen Stadt, deren Holzhäufer und ftellenweife noch 
ungepflafterten Straßen ihren jungen Urſprung verrathen. 

Auf den erften Blick fühlt man fich in eine neue Melt 
verjegt: Wäſchereien mit chineſiſchen Aufichriften, Berg: 
werfsarbeiter in Anzügen aus ftarker brammer Leinewand, 

Globus XL. Mr. 4. 


zahlreiche berittene Trapper, den Karabiner umgehängt und 
den Revolver im Gurtel, geben der Stadt ihr ganz befon- 
deres Ausfehen, das ſich durch die Mifchung wilden und 
civilifirten Lebens darafterifirt. Die Unterhaltung dreht 
ſich nur um Bergwerfe und Erze: fo viel Unzen Silber, fo 
viel Procent Blei, Zink oder Zinn auf die Tonne. Man 
wechjelt mit dem erſten beiten keine zehn Worte, ohne daf 
es fid) um gefaufte oder verkaufte Aktien und Antheils 
fcheine von Bergwerken handelt. Yaveleye Hätte binnen 
zwei Tagen an 50 Bergwerken kaufen können, die alle ihm 
angeblid) Millionen gebracht hätten. Ja, eim geichidter 
Induſtrieller bot ihm umfonft die Koncefjion eines Erz— 
lagers, das 60 Proc. Dlei und 100 Unzen Silber anf die 
Tonne erhielt, ein Vermögen für europäifche Verhältnifie; 
freilich ftellte er als Bedingung den Bau einer Strafe von 
der Grube zur Eifenbahn. Wie dem aber aud) fei, jo viel 
erſcheint Yaveleye ficher, daß Jedermann, der eine gehörige 
Dofis guten Willens und Yuft befigt, mehrere Jahre lang 
angeftrengt zu arbeiten, noch heutigen Tags in den Weſi— 
ftaaten vafch fein Hi machen kann. Woher es kommt, 
daß fo wenige Menſchen diefes Ziel erreichen? Cinfach, 
weil faft alle den fichern, aber längern Weg verfhmähen 
und den direften, aber gefährlichen vorziehen, Deber jagt 
ſich: „Mein Nachbar hat eine „Bonanza“ gefunden umd 
ift im wenigen Tagen reich geworden. Warum foll id, 
Jahre warten?" Aber Bonanzas finden fid) nicht alle Tage, 
und diejenigen, welchen fie das Glück zufpielte, verſchleu—⸗ 
derten fie meiſtens in der Einbildung, daß der Zufall ihnen 
7 


50 


immer neue Schäge in den Schoß werfen wilrbe, Gont: 
ftod, der Entdeder jener berühmten Ader, die feinen Na— 
men trägt und die fchon über eine Milliarde abgeworfen 
hat, nahm ſich im Elend felbft das Yeben. 

Mit allen nöthigen Auskünfte verfehen, reifte Laveleye 
auf der Fairplayroute nach Yeadville, anfangs auf ber 
Eifenbahn. Diefelbe folgt zunächſt einem Wafferlaufe, der 
ruhig die leicht gewellte Ebene durchſtrömt, auf weldyer 
Denver liegt. In der Ferne erheben fic die Zaden der 
Felſengebirge, alle, felbft die höchſten nicht ausgenommen, 
ohne Schnee. Die Amerikaner nennen Colorado die „ante: 
rifanifche Schweiz“ und ftellen in ihrem Yofalpatriotiamus 
die Keljengebirge über die Alpen. Aber erfteren fehlt, was 
die Alpen fo unvergleichlich großartig macht, der Schnee und 
die Gletſcher. Nirgends fieht man jo ftrahlende, in malel⸗ 
fofem Weiß funkelnde Spigen, wie die Jungfrau, das 
Silberhorn oder den Monte Roja ?). 


— — 


—— 


Leadville in Colorado. 


Raſch erreicht die Bahn das Gebirge und dringt an 
einen der dort entſpringenden Flüffe aufwärts in deſſen 
Inneres ein. Sofort ändert ſich aud) das Ausjchen und 
der Charakter der Yandicaft: im wenigen Minuten wird 
man aus der gewellten Ebene im eine tiefe enge Feloſchlucht 
verfegt, wo der abenteuernde Geift des Pionniers und die 
Geſchicklichteit des Ingenieurs alle Kräfte haben daran 
feßen müffen, um den für die Bahn erforberlicen Plag zu 
finden. Senkrecht fallen die Felſen in den Fluß ab, deſſen 
fcharfe Biegungen und zahlreiche Mäanderwindungen jeden 
Augenblid neue Bilder darbieten. Mitunter fcheinen die 
Wände beiderjeits gleichſam durch einen Schwerthieb von 
einander getrennt, wie den Nolands zu Nonceval. Der 
Aug rollt im Grunde des Thales auf einer Bahn dahin, 
welche zur einen Hälfte dem lebenden Geſtein abgewonnen 
wurde, zur andern auf Öitterpfahlwert über dem Waſſer 
ſchwebt. Die dadurch frei gelegten Schichten, meta- 


‘ 7 





Denver. 


morphifcher Natur, ericheinen wie geglüht; fie zeigen bunt— 
ichelige Färbung, perlgrau mit rothen Streifen durchſetzt, 


’) „Von Denver aus geichen erſcheinen die Felſengebirge 
wie ein mächtiger Wall, deſſen Gleidylörmigkeit nur wenige 
vorſpringende Gipfel unterbrechen, der ſchroffe Long's⸗Peal im 
Norden und Pile's: Beat mit ſeiner breiten Kuppe im Süden. 
Der Grundton des Gebirges iſt braun, jener der Steppe im 
Vordergrunde gelb und das Gejammtbild in Folge defien von 
einer Eintönigkeit, welcher nur die gewaltigen Dimenfionen 
einen gewijlen Stolz verleigen. Mit einer unjerer reich ge: 
gliederten und durch farbenreichen Vordergrund gehobenen Al- 
penanfichten lann das Bild ih in feiner Weiſe meſſen. Was 
ſchöne Ratur anbetrifft, bin ich; zwar ein Feind aller Vergleiche, 
allein hier wird der Beſchauer förmlich zu Vergleichen ge: 
drängt durch die namenlojen Lobhudeleien, welche der Ameri— 
faner aus Rationaleitelfert dem vielgerühmten Gebirgsblid von 
Denver angedeiben läht. Grokartig und ſchön zugleich zeigen 
ſich die Felſengebirge er, wenn man ihe Inneres beiritt.“ 
Weeibere Mar von Thielmann Vier Wege durch 
Amerila ©. 78 (vergl. „Globus“ XLI, S. 177). 


oder mit goldgelben Flecken gemuftert. Weiterhin fteigt ein 
Berg wie eine riefige. mit Fichten bededte Pyramide an, 
prächtig heben ſich die dunkeln Nadeln derjelben von blauen 
Himmel ab. Mitten aus dem Grlin ragen Felszinnen auf, mit: 
telalterlichen Burgtriimmern ähnlich, und Spigen, auf denen 
bizarr geformte Zteinblöde liegen. Dann wieder führt man 
mehrere Kilometer weit bei Abhängen vorbei, wo das Feuer 
gewiithet hat und nur noch einzelne verfohlte Stämme und 
Stlimpfe traurig zum Himmel emporweilen. Was ant 
Boden liegt, iſt ihon von Moos und Karın überwacjen. 
Ab und zu erweitert ſich auch das Thal und bietet Raum 
fiir ein Meines Weizen: oder Maisfeld; au ſolchen Stellen 
ſtrönit auch der Fluß Mar und ruhig zwiichen Erlengebitjd) 
hin, Bon Zeit zu Zeit hält der Zug an einer Sügemühle, 
oder einer Hütte von Holzhauern; dort kreuzt er ich mit 
anderen, welche das geſchlagene Holz in die Ebene hinab: 
führen. Charakteriſtiſch iſt, daß an allen Halteftellen an 





51 


Leadville in Colorado. 








Schlucht um Beljengebirge. 


52 Leadbille in Colorado. 


Leute, deren Kleidung deutlich ihren niedern Stand ver: 
räth, Zeitungen vertheilt werden; bei jeder Sitte, wo 
mitten im der Witjte eine Brettſchneiderfamilie haft, wirft 
der Zugführer einem Kinde, welches durd den Pfiff der 
Yofomotive benachrichtigt wurde, ein Bündel von allerlei 
Drudcſſachen zu. Das iſt die Folge des allgemein vers 
breiteten Schulunterrichtes, welcher e8 dem im der Eindde 
lebenden Pionnier möglich macht, ben Ereigniſſen feiner 
Heimath und der ganzen Welt zu folgen. - 

Oft find die Krummungen des Fluſſes jo ſcharf, und 
die Kurven der Bahn jo jäh, daß die Lokomotive lang: 
fanter fahren muß, um nicht zu entgleifen. Doch kommt 
dergleichen oft vor, und niemand erjchredt dabei; alles fteigt 
aus; vor die Räder des entgleiften Wagens wird ein Ge— 
räth in Geftalt einer geneigten Ebene geftellt, auf welches 
derfelbe, von der Yolomotive gezogen, hinaufrollt und wieder 
in die Schienen gelangt. : 

Die Bahn erreichte damals anderthalb Tage Wagen: 
fahrt vor Yendville ihren „Terminus“, ein Heines provis 


forijches Dorf, wo zumeift Arbeiter hauften, die an bem 
Bau einer Seitenlinie bejchäftigt waren. Au Stelle der 
Lokomotive trat die „stage coach“, ein alter vorfintfinth- 
licher Kaften, der hoch in jtarten Riemen von rohem Yeber 
hing und je mad) der Beſchaffenheit des Weges von vier bis 
ſechs Pferden gezogen wırrde, Der Weg aber war nur ein breiter 
Pfad im Walde, der alle Hinderniffe direkt freuzte. Bald geht 
es aufwärts auf icharfe Bergrücen hinauf, bald herab im toll: 
ſten Dagen in eine Thaljchlucht, deren Gewäſſer auf einer 
Brüde aus kaum behanenen Baumfjtänmen überjchritten 
werben muß, Zuweilen geht es über Stellen dahin, wo die 
Stümpfe der umgehauenen Bäume noch einen Fuß über dem 
Erdboden aufragen; dann wicher einen fo jteilen Abhang hin: 
ab, daß ber Wagen eine höchſt bedenfliche Neigung nad, vorn 
anmmmt Den erjten Pferdewechſel benutzten Yaveleye's 
Reifegenoffen, den Whisty der Station zu foften, bis ein 
kräftiges „Hallooh, Cap!“ zum Wiedereinfteigen aufforderte. 
Namentlich in den Weſtſtaaten wird der erfte Beite, dejien 
Namen man nicht kennt, wenn er wicht offenbar ein Hand- 








or 


Der South Part. 


werfer oder ein Geiſtlicher iſt, mit „Kap“ (d. i. Sapitän) 
angeredet — obwohl fein Bolt weniger zum Militarismus 
neigt, als die Bewohner der Vereinigten Staaten, Als 
Yaveleye in Chicago vergeſſen hatte, ſich im Gaſthofe als 
Ingenieur zu bezeichnen, paradirte er am nächiten Tage als 
„Oberjt* de Yaveleye in der Freudenliſte. In Colorado 
iſt jeder Bergwertsbefiger General und jeder Wertführer 
Kapitän. In Denver war Yaveleye wohl zehn Generäle 
vorgejtellt worden, von denen gewiß fein einziger jemals, 
jelbit nicht während des Seceffionsfrieges, dem Meere an— 
gehört hatte. Man erzählt fidy im dieſer Hinficht folgende 
Anetdote. Ein Dann plauderte mit dem Beſitzer eines 
Kaffeehauſes und wurde von demjelben gefragt, welchen 
Grad er im Heere der Koufüderirten eingenommen. „Ich 
war gemeiner Soldat,“ lautete die Antwort. „Öemeiner 
Soldat!” rief der Wirth, „wahrhaftig, Sie find der erfte 
Gemeine, den ich ſehe. Ich muß Ihnen eine gute Klajche 
poniren wegen ber Seltenheit.“ Während der drei Wochen, 
welche Yaveleye in Colorado zubrachte, iſt er ftets Kapitän 
oder General geweien. 

Noch vor Anbruch der Nacht follten die ſchlimmſten 





Stellen des Weges überwunden und der Anfang des South 
Park erreicht fein; als aber die Dämmerung begann, war 
legterer noch eine Stunde Weges entfernt. Die „Parts“, deren 
8 drei wichtige in dieſer Gegend giebt, der South Park, 
Middle Part und North Park, find eime charakteriſtiſche 
Erjcheinung im diefem Theile der Nody Mountains. 
„Dan verfteht hierunter in den Felſengebirgen ein von 
höheren Bergziigen eingeichloflenes Gebiet, welches in ſich 
jedoch keineswegs eben zu fein pflegt, ſondern vielmehr in 
allen Richtungen von niedrigeren Quer- und Nebenfetten 
ducchjchmitten wird. Die Grenzen dieſer Parts nad oben 
bilden die waflerjcheidenden Gebirgszüge, nad) unten laffen fie 
ſich nicht genau bejtimmen, da die ganze Bezeichnung im 
Munde der wenigen Unfiedler eine ſehr wandelbare ijt“ 
(v. Thielmann, a. a, O. ©, 85). Der Sonth Part 
begreift nicht weniger als 5000 qkm, mißt 100 km in der 
Yänge und 50 in der Breite. Er ift von dichtem Graſe 
bededt und arm an Wild, da die Indianer, weldye dort den 
ganzen Sommer zubringen, faft das ganze Thierleben 
ausgerottet haben. Im Middle Park iſt noch mehr vorhanu⸗ 
den, namentlich im wejtlichen Theile deifelben, und ber 


Leadville in Colorado. 











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Leadville von Süden geſehen. 








54 Leadbille in Colorado. 


ſchwerer zugängliche North Bart ift reich an Wapiti und 
Blacktailhirſchen und beherbergt aud) Bären, Vielfeaß, Puma 
und Wildichafe. 

Hätte die Kutſche während der Dämmeryng die letzte 
Schlucht paffirt umd den Park erreicht, jo wäre man aud) 
in völliger Dunkelheit nod) raſch vorwärts gelommen. So 
aber verlieh der Kutſcher, weldyer der Flaſche zu viel zuge 
ſprochen hatte, erft nad) Sonnenuntergang die legte Station; 
bei einem mächtigen Yagerfeuer, um welches ein Trupp 
Fuhrleute lagerte, fchenten die Pferde, am Wagen zerbrad) 
etwas, mußte nothdürftig geflickt werden und erſt gegen 
9 Uhr wurde der South, Bart erreicht, wo die Thiere ruhig 
dahintraben konnten. Um 2 Uhr Nachts langte man im 
Fairplay an, einem frlihern VYager von Soldgräbern 
mitten im South Bart. Damals war dort eine Heine 
Stadt entjtanden; jegt lebten da faum 200 bis 300 Mens 
ſchen. Au gotdhaltigen Gebieten findet man tiberall Ruinen 
von ſolchen Städten, welche es nicht über einige Jahre Le— 
bensdauer gebradjt haben. 

Am nächſten Morgen ging die Fahrt über den 12 500 
Fuß hohen Hamilton Bap hinüber in das Thal des obern 
Arkanjas, an defien einem Zufluſſe Yeadville liegt. Ob— 
wohl der Pak nicht bedeutend hinter der „Lungfran* an Höhe 
zurite bleibt, finden fich doch nahe feiner höchſten Erhebung 
noch Bäume. Die Scjneegrenze liegt hier überall viel 
höher, als in der Schweiz, wahrſcheinlich in Folge der 
großen Trodenheit der Luft. Die Vegetation fteigt bis 
11600 Fuß an; Yeadville, 10230 Fuß hodh, Liegt in einem 
Fichtenwalde und die Parks, wo trefflicyes Gras wächſt, und 
jelbft Getreide gebant wird, haben eine mittlere Höhe von 
9500 Fuß. In der Schweiz dagegen reicht der Schnee 
bis gegen 7000 Auf hinab. 

Den legten, ſehr rauhen Abftieg legte Yaveleye zu Fuß 
zurlick; den Genuß ſich die Deine zu vertreten begriffen 
feine Reifegefährten, meift Bergwertsarbeiter, nicht, und jie 
fragten ihn, ob er etwa Fußgänger von Profeijion fei. 
Unterwegs überholte man eine Schar Ochſen und Maul 
thiere, welche Lebensmittel und Geräthe nad) Yeadville 
ſchafften. Solche Harawanen brauchen bis dahin nicht 
wertiger als ſechs Tage von der nächſten Eifenbahnftation, 
und mindejtens ebenſo viel, um mit Erz beladen letztere zu 
erreichen, zuſammen alfo 13 bis 1.4 Tage. Wie reich mitffen 
die Minen fein, um ſolche Koften zu tragen! Doch find 
icon zwei oder drei Bahnen im Bau, die ſich anfangs einen 
heftigen Tarifkrieg machen werden; in zwei bis drei Jahren 
werden die Aktionäre der neuen Bahnen abwechſelnd ruinirt 
und jteinreic werden !), Einftweilen aber trifft man noch auf 
Schritt und Tritt auf Gerippe und Leichen gefallener Yaft- 
thiere. Auf der legten Station jtiegen zwei Mädchen in 
bie Poſtlutſche, ein ſeltenes Ereigniß in dieſer Gegend, wo 


’) Jetzt iſt Leadville mit Denver durch eine den South 
Part freuzende Ihmalipurige Bahn verbunden, j.Sartorius 
von Waltersbaujen „Eine junge Stadt in dem Felſen— 
gebirge Golorados.* Allgemeine Zeitung, 16. April 1532, Beilage. 


ſich das weibliche zum männlichen Gefcjlechte wie 1 : 500 
verhält, Dann hinab ins Thal des Arkanjas und daſſelbe 
drei Stunden lang aufwärts bis Yendville, wo der Galifor- 
nia Gulch in den Hauptfluß endet, 

Wie bei allen Bergwerksorten berkindigt fich die Nähe 
von Yeadville durch die völlige Abwejenheit von Bäumen. 
Ein ganzer Wald ift verbraucht worden, mm die junge 
Stadt aufzubauen, und jo weit das Auge reicht, fieht man 
Baumſtümpfe, welche zwei bis drei Fuß liber dem Boden 
abgehauen worden find, Nur das niedrige Gebitich blieb 
verschont umd verbirgt die neuen Häuſer dent Auge. Zuerſt 
erblidt man Hütten aus Aweigen und Lehm; dort haufen 
die zulegt Angefommenen, die wuinirten Berqwerfsarbeiter 
und jonftigen Unglüdlichen. Dann folgen mehrere „eorrals“, 
große BVierede, welche auf zwei Seiten von Pallifaden aus 
Tannenftämmen, hinten durch Ställe und vorn durd) 
Schuppen fiir die Menſchen umgrenzt find; drinnen ftehen 
Wagen und irren Zugthiere umher. Das Ganze erinnert 
an Merito und Südamerika. 

Endlich ift die Stadt felbit erreicht; im der Hauptſache 
bejteht fie (oder beffer bejtand fie im Jahre 1878 ) nur aus 
einer breiten, etwa 1000 m langen Strafe aus Holzhäufern, 
meift mit Beranden, weldye den Bürgeriteig überragen und 
zu beiden Seiten eine Art gededten Ganges bilden, der 
gegen Regen und Zonne ſchützt. Bon den Balfonen hängen 
Schilder aller Art in ſchreienden Karben umd mit riefigen 
Yettern herab und machen ich einander die Aufmerkſamleit 
des Publitums ſtreitig. Es iſt die amerifantjche Reklame 
in ihrer ganzen Gewaltfamfeit, in Verbindung mit jenem 
fonderbaren gefellichaftlicyen Zuftande, wo aus der primitiven 
Barbarei ſchon Elemente der vorgeſchrittenſten Givilifation 
ſich hervorheben. In ſcharfem Galoppe hält der Kutſcher 
ſeinen Einzug in die Stadt; aber ſchon im Vorüberfliegen 
bemerkte Yaveleye einen Faden voller nouveautes, eine Zei⸗ 
tungeredaftion, zwei Gafthöfe und eine Anzahl „bars“, 
deren mehrere ſich als Ktonzerttaffeehänfer antindigten, eine 
Species, welche ſich über die ganze Welt zu verbreiten an 
fängt. Das Gajthaus, wo der Reiſende abftieg, wies eine 
fonderbare Mifchung von gewöhnlichften Gebrauchsgegen— 
ftänden und von enropäifchem Luxus auf. Keine Teppiche, 
die man fonft in Amerila überall findet; als Wafchtijch ein 
roher Holztiſch, Deten von grober Wolle, aber ein pradıt- 
volles Bett aus polirtem Nußbaumholz und ein Kleider— 
ſchranl mit Spiegel, der im After Houfe in New Yort 
hätte paradiren fünnen. Derjelbe Zuftand unten im Speiſe— 
faale, wo nur Bergleute als Säfte zu finden waren und 
ihre ftereotypen Geſpräche über Gruben und Erze führten; 
rohe Holzwände, kein Tiſchtuch, dreibeinige Seſſel, gewöhn- 
liches Geſchirr neben geſchliffenen Kryſtallgläſern und höchſt 
eleganten 3 Meſſern mit Elfenbeingriffen. 


9 Yet zählt fie mit den fie umgebenden Unfiedelungen 
nad Sartorius von Waltershaujen a. a. O. etwa 20000 Ein: 
wohner, zwei Daupts und eine Anzahl Ouerftraken, mehrere 
große Hotels, ein geräumiges Poflgebäude, eine Gity ball u. j. w. 


Die Erjteigung des Vullans Apo auf Mindanao durch Dr. A. Schadenberg und Dr. O. Koch. 55 


Die Erfteigung des Vulkans Apo auf Mindanao durd Dr. A. Schaden- 
berg und Dr. D. Kod). 


[Nah dem „Diario de Manila“ }).] 
Bon Prof. F. Blumentritt. 


Den erften Berſuch den Vulkan Apo zu erfteigen unters 
nahm der Gouverneur des Diftrifts Davao, Don Joſé 
Oyanguren, im 9. 1859. Er rüftete einen förmlichen 
Heereszug ans, denn ihn begleiteten zwei Offiziere, 20 
Soldaten, 30 deportirte Catalanen und 13 Bagobos, es 
hatten ſich ihm auch zwei Private (Spanier?) angeſchloſſen. 
Die Erpedition brad) von Davao auf und ftieg dad Thal 
des Rio Tagulaya oder Sibulan bergan, Oyanguren jah ſich 
bald genöthigt von feinem Borhaben abzuftchen und nad) 
Davao zurüczufchren, zwanzig von den Mitgliedern der 
Expedition erlagen den Mühjfeligfeiten des Marſches, fie 
farben wenige Tage nad) der Heimfehr. 

Nach einem Zeitraume von 11 Jahren erneuerte der 
Commodore der im Golfe von Davao ftationirten Kriege: 
ſchiffe, Hr. Neal, den Berjuch, aber ebenfo vergeblich, wie 
fein Vorgänger. Erft dem franzöfifcen Neifenden Dr. 
Montano und dem Diftriktsgonvernene Rajal gelang 
das Unternehmen. Rajal Imüpfte mit den am Fuße des 
Vulkanes wohnenden Bagobos Unterhandlungen an, um 
fich ihrer Unterſtützung und der Stellung von Führern und 
Yajtträgern zu ſichern. Der Bericht über diefe Expedition 
ijt bereits von Dr. Montano veröffentlicht worden (Bulletin 
de la Soc, de G&ogr. 1881, Juin, p. 552 seq., vgl. Globus 
XL, ©. 144), 08 genügt daher zu erwähnen, daß es dem 
Dr. Montano und dem Herrn Martinez gelang, im Oftos 
ber 1880 die nordöftliche Spige des Berges zu erfteigen, 
deflen Höhe mit 3130 m angegeben wurde. 

Die bdentjhen Doktoren A. Schabenberg und 
O. Koch, weldye ſeit Spätherbft 1881 in Davao verweilen, 
unternahmen am 20, Februar I. J. den zweiten Verſuch, den 
Bulfan zu erfteigen. Sie bradyen von dem Dorfe Sibulan 
auf, welches nmordnordöftlich vom Bulfane liegt. Sieben 
Bagobos begleiteten fie als Yaftträger, welche auf dem Mars 
fche fic durch Geſang ermunterten. Man überſchritt hier: 
auf den Nio Baracatan auf einer Bambu-Brüde. In dem 
Dorfe Bitil wurde Halt gemacht, um ein Individunm näher 
zu unterfuchen, welches als Hermaphrodit gilt; es war wie 
ein Weib gekleidet, feine Stimme war grob, die Bagobos 
nannten es Capitan (Häuptling). Man wandte ſich dann 
gegen Weiten und durdwatete den Rio Balangan, einen 
Nebenfluß des fchon erwähnten Tagulaya oder Sibulan. 
Bon da an begannen dem MWeitermarjche ſich große Schwie- 
rigfeiten in den Weg zu legen. Zum Glücke war, als man 
um 2 Uhr an den Tagulaya ſelbſt gelangte, noch die Britde 
vorhanden, weldye im Fahre 1880 von Wajal über den 
Fluß geichlagen worden war. Nach kurzer Raſt brachen 
Scyadenberg und Koch im weftlicher Richtung auf und erftie- 
en auf diefem Wege einen konifch geformten Berg von 2000 
ſpaniſchen?) Fuß Höhe. Beim Herabftiege trafen fie den 
Rio Balacio; diefer fließt von Süden nad) Norden und 
ergießt fic weiter unten in den Tagulaya. Die im Bette 


—* Cartas de Davao, EI volcan Apo segun los natu- 
ralistas alemanes Alex Schadenberg y Otto Koch (im 
XXXIV. Jahrgang Nr. 88 und 89). 


des Balaeio liegenden großen Felsblöde ermöglichten einen 
leichten Uebergang. Nach Ürfteigung einer miebrigen 
Waflerfcheide Tamen die Meifenden um 41/, Uhr zu einem 
zweiten Nebenfluß des Tagulaya, dem Rio Berurin, feine 
Richtung ift von Südoft gegen Nordweft. Seine Tiefe 
ermöglichte den Uebergang nur duch Schwimmen, 
was trog der reigenden Strömung glücklich ablief. Man 
befand ſich nunmehr am Fuße des Bullkans, deffen Abhänge 
u erfteigen waren. Ein dichter Rebel verfchleierte die Yand- 
haft und durdjnäßte die Kleider der Bergfteiger. Man 
marſchirte jegt parallel dem Tagulaya und zwar jo, daß 
der Fluß, der in der Tiefe ſchnell dahinfloß, zur rechten 
Hand blieb. Um 5 Uhr 45 Min. war der Tagemarſch zu 
Ende, man madjte im Bagobo-Dorfe Tagodeia Halt. Die: 
ſes liegt circa 1000 m hod), hundert Fuß tiefer fließt der 
Tagulaya, der hier Sibnan heißt, vorbei. Die Bagobos 
ränmten den Reifenden das geräumigfte der zwölf Häufer ein, 
weldje die Niederlaflung bilden, und bewirtheten fie mit 


Alac (Neisbranntwein) und anderen Erfrifchungen. Die 
Bagobos drängten ſich um die Weißen, wohnten ihrem 
frugalen Nachtefien bei und umſchwärmten fie mit ihrer 
gutmitthigen Zudringlichleit, bis fie von den der Nachtruhe 
bedürftigen Reiſenden freundichaftlic; hinausgewiefen wurden. 
Die Nacht war bitterfalt und windig. 


Um 5 Uhr 30 Min. Morgens erhoben fich die deut- 
ſchen Reifenden und nahmen ein Bad in dem jehr kalten 
Waller des Tagulaya, der Himmel war heiter, die Tempe— 
ratur fühl (13° C. um 6 Uhr Morgens). Um 9 Uhr wurde 
aufgebrodyen und zwar in nordweſtlicher Richtung, dei 
Tagulaya floß dreihundert Meter tiefer mit reißender 
Schnelligkeit. Die durd drei Bagobos von Tagodeia ver 
ftärkte Erpedition gelangte um 10 Uhr zur legten Hlitte, 
welche zum Dorfe Tagodeia gehörte. Bon hier aus genoffen 
fie eine herrliche Ausſicht auf die Oftküfte des Bufens von 
Davao und die in demfelben liegende Inſel Samal und Ta— 
lieut, fowie auf Davao felbft. Diefe Hutte liegt 1150 m 
über dem Meeresfpiegel. 

21/, Stunden ging der Weg durd) dichten Urwald, in 
weldem man auf Bäume von 100 Fuß Höhe und auf 
Farrnkräuter bis zu 30 Fuß Höhe oder Yänge ſtieß. Um 
1 Uhr langte die Expedition an den Ufern des Uaig mainit 
an, der Name des Fluſſes, der hier 1320 m hoch liegt, 
bedeutet in der Bagobo-Sprade „Warmes Wafler* ; an 
der Stelle, wo Schadenberg und Koch fid, befanden, war 
das Waſſer nur lauwarm, im Oberlaufe aber jollte nad) den 
Angaben der Bagobos die Waflerwärme eine intenfivere 
fein. Man findet hier eine Varictät des Kampherbaunes, beim 
weitern Aufjtieg begann aber die Vegetation einen andern 
Charakter anzunehmen: die hohen Bäume fehlten, ebenfo 
begannen die Yaurineen, die man noch an den Ufern des 
Uaig-mainit getroffen hatte, zu verichwinden, dagegen zeig: 
ten fid) Farrnkräuter in großer Wille, ſowie Eremplare 
von Abies-Species und einzelne Species von Dracaena. 


56 Die Erfteigung des Vulkans Apo auf Mindanao durch Dr. A. Schadenberg und Dr. DO. Koch. 


Alles triefte von Näffe und wies an Bäumen und Steinen 
die Spuren der Regenzeit auf, Stämme und Gheftein 
waren alle mit Moos bededt. Man drang dann in einen 
förmlicien Wald von Karınfräuten em. Um 3 Uhr 
erreichten die Neifenden den Rio Siriban, einen Nebenfluß 
des Tagulaya. Der Yauf des Fluſſes ift durd) das Terrain 
fo verdedt, dak man ihm erſt auffand, als man im bie 
unmittelbare Nähe deifelben kam. Im Bette des Siriban 
lagen große Stüde Schwefel, Yavablöde und andere Aus- 
wurfeftoffe des Bulkans. Eine Zeitlang maſchirte die 
Erpedition im leeren Flußbette, doch bald ſtieß man auf 
fließendes Waller, das aber feines Gehaltes an Schwefel— 
fäure und Schwefelwaſſerſtoff wegen nicht zu trinfen war. 
Die Begetation an den Ufern des Ziriban war gänzlic) 
erjtorben, das Moos an den Steinen hatte eine ſchwefel— 
gelbe Farbe angenommten. 

Um 4 Uhr gelangten die Neifenden wieder zu einem 
ſchönen Ausſichtspunkte; vor ihnen präfentirte ſich der Apo 
mit feinen zahlreichen Solfataren, denen Dampfwolten 
entjtiegen. Auch der gänzlich veränderte Charakter der 
Begetation feflelte die Aufmerkſamleit der deutſchen Forſcher. 
Die Farınlräuter waren verſchwunden, dagegen zeigten fid) 
Rhododendren, die mitunter 20 Fuß hoch waren, und zahl: 
reiche, verſchiedenen Species angehörige Myrtaceen, die 
eine Höhe bis zu 50 Fuß erreichten. Alles ftand in Blüthe. 
Nicht weit vom rechten Ufer des Siriban in einer Höhe 
bon 2060 m Über dem Meeresfpiegel wurde das Nachtlager 
aufgeichlagen. Die Nacht war jo bitterfalt !), daß von 
Schlaf wenig zu reden war, Trog der nordiſchen Morgen: 
friſche nahm Herr Schadenberg ein Bad im Siriban. 
Man nahm dann mit den mitgefchleppten Apparaten den 
Apo auf. Um 9 Uhr wurde der Weitermaricd angetreten, 
ein Bagobo blieb aber im Yager zurück, um die durchnäßten 
Gepäckſtücke zu trodnen. In füdlicher Nichtung marfchirte 
man durch einen Wald von blühenden Nhododendren und 
Myrtaceen, in dem man viel Honig wilder Bienen antraf, 
eine willlommene Erquidung. Später wurde der Marid) 
ſehr bejdywerlich; man mußte mit dem Bolo (Waldmefjer) 
fi) den Weg durch das dichte Geſtrüpp bahnen. Die 
Myrtaceen wurden jpärlicher, dagegen Wacholder jchr 
häufig, Man ſtieß einigemal auf Höhlen, in denen füßes 
Waſſer vorhanden war. Dann fan aber ein Gewirr von 
abgeftorbenen Karrnfräntern und Khododendren; über einen 
Kilometer zog ſich der Marſch über diefes Chaos dahin, 
man mußte förmlich wie ein Seiltänzer auftreten, Dr. Scha— 
denberg that einmal einen Fehltritt und verfanf bit zu den 
Schultern in Moder. Endlich änderte man die bisher 
füdliche Marſchrichtung und ging gerade aus auf die Berg: 
fpige zu. Bald wies die Vegetation ein ganz europäiſches 
Bild auf, feine Rhododendren waren mehr zu erbliden, dage- 
gen nur Wacholder und Baccinien, darunter erreichte eine 
(mit ſchwarzen Beeren) eine Höhe von 4 Fuß! Moofe und 
Flechten waren häufig, Man befand ſich auf 2420 m 
Sechöhe. 

Um 1 Uhr gelangten Schadenberg und Koch zur erften 


!) Ecmperaturmefiungen am 21. februar: 
5 Uhr 40 Minuten Nachmittags . 15,69 6 
ga —— 


J Abends 750 
Temperaturmeſſungen am 22. Februar. 
3 Uhr — Minuten Morgens. . 

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Solfatare, die in einer Seehöhe von 2700 m !) lag und 
zwar in eimer mächtigen Erdſpalte. Man fah von hier 
aus, wie die Berglehne zahlreiche Solfataren aufzuweiſen 
hatte, jchweflige Dämpfe wirbelten in die Höhe und der 
Boden, auf dem die Neifenden ftanden, fühlte ſich warm an. 
An einigen Stellen ſah man Pfügen, in denen klares 
Waſſer brodelte. Auf diefer Höhe ftand ein Erinnerungs: 
zeichen der Expedition von 1880, ein Stein mit der Ins 
ſchrift „Apo. Uniea expedieion Rajal. 1880." Der Auf: 
flieg ging nun leicht und ohne Mühjal von ftatten, jo 
daß man um 1 Uhr 45 Min. bereits die 3150 m hohe 
norböftlichite Spitze des dreigipfligen Bulkan erreicht hatte. 
Während Dr. Koch mit photographiicen Aufnahmen ſich 
beichäftigte, erſtieg Dr. Scadenberg den höchſten (ſudweſt⸗ 
lichen) Gipfel des Apo, deſſen Seehöhe er mitteld der Ba— 
rometermeflung auf 3300 m beftimmte. Die Ausficht war 
lohnend: fiidöftlid) von dem Pico, auf welchem Scyadenberg 
ftand, lag im großen Krater des Bulfans etwa 400 Fuß - 
tiefer ein Sce mit ziemlider Waffermenge, zur Yinten des 
Sees erhob ſich eine natürliche Pyramide von durch den 
Schwefel gebleichten Felsblöcken, rechts ftieg die dritte bis jetzt 
noch unerjtiegene Gipfeljpige in die Höhe. Der ches 
malige Krater ift im Nordweften von den drei erwähnten 
Picos abgeichlofien, gegen Sudoſten zu aber offen und ohne 
Wald. Die befdjriebene Felspyramide liegt jo ziemlich in 
der Mitte, Schadenberg konnte genau Davao und die im 
gleichnamigen Golfe gelegenen Infeln Samal und Talicnt 
unterfcheiden,, ebenfo die im Dften des Golfes gelegenen 
Landmaſſen. Im Süden jah Schadenberg das Meer und 
den erlojchenen Bulfan Matutum, gegen Weften fonnte er 
jehr deutlich die großen Seen Buloan und Yiguafin wahrnchs 
men. Auf diefer Seite des Ayo zeigten zahlreiche auffteigende 
Dampfwolten die Eriftenz von Solfataren an. Der Stand 
der Sonne hinderte in der Gegend von GCottabats etwas 
deutlich zu unterfcheiden, dagegen erblidte Dr. Schadenberg 
in nordnordweſtlicher Nichtung am Abhange des Apo 
einen zweiten See, der aber fleiner als ber Kraterſee erichien 
und auch viel tiefer lag. Der Horizont wurde im Nord- 
weiten und Norden durch den Monte Parac und dichtbes 
waldete Berge abgeſchloſſen. Heidelbeerſpecies und Wach— 
holder bildeten die Vegetation. Der Himmel war nur 
ſchwach bewölft, eine glückliche Ausnahme von der Negel, 
denn der Apo iſt gewöhnlich in Wolfen gehüllt, aud) 
find Regengüſſe häufig, Dr. Schadenberg grub an der 
höchſten Spige eine Flaſche, welche einen von der Erſtei— 
gung berichtenden Zettel enthielt, bis zum Halſe in den 
Erdboden und fehrte dann zu Dr. Koch zurlid. 

Um 3 Uhe 30 Min. begann der Abftieg und zwar 
auf einem andern Wege, als man gekommen. Bei einer 
Solfatare fand Dr. Schadenberg ein circa 10 Pfund 
ſchweres Stift Schwefel, aus ſchönen Kryſtallen zufammen: 
gelegt. Die Bagobos, weldye den Bulfan für den Wohns 
fit eines böfen Dämons halten, weigerten fid), das Stüd 
zu tragen, fo mußte fich denn Dr. Schadenberg entichliehen, 
ſich jelbft damit zu jchleppen. Der Boden war fehr heik; 
ftich man mit dem Meſſer in die Erde, jo fuhren Schwe— 
feldänıpfe hewor. Der Weg wurde immer mühſeliger; 
oft glitten die Reiſenden aus oder mußten cine Strede 
jteilen Abhangs herunterkrichen, jo daß die Kleider zerfetzt 
wurden und die Haut Kratzwunden erhielt. Gegen Abend lang: 
ten fie glücklich in dem Yager an, wo fie den einen Bagobo zu: 
ritdgelafjen hatten. Der Abend war heiter und Schön, das Ther⸗ 
mometer zeigte um 8 Uhr Abends 10% GC. Am andern 


1) Die Erpedition von 1850 ermittelte die Sechöhe der 
erſten Solfatare auf 2400 m. 





E. Mepger: 


Morgen, den 23. Februar, um 6 Uhr waren 12,5° C. 
Wärme und der Himmel ganz Mar. Dr. Koch photogra- 
phirte die Umgegend des Nachtlagers. Mit leeren Mägen 
brad) man auf und langte nach jchweren Mühen um 9 
Uhr Abends in Eibulan, dem Ausgangspunkte der 
Erpedition, an. Bemertenswerth ift, daß man am Rio 
Siriban weite Streden mit abgeftorbener Vegetation fand, 
in denen fich einzelne Mortaceens und Nhobodendrens 
Infeln erhoben. 

Der Erfolg diefer Expedition ermuthigte die deutſchen 
Forſcher zu einer zweiten Erfteigung. Sie verließen am 

16. März Tagodeia um 8 Uhr 45 Min. Morgens und 
erreichten um 1 Uhr 45 Min. ihr altes Nachtlager am 
Rio Siriban, die newerlihe Höhenmefjung ergab nun 
2040 m. Dichter Nebel verjcjleierte die ganze Landſchaft 
und der Regen flog in Strömen bis 5 Uhr. Das Thermo: 
meter zeigte um 6 Uhr Abends 13,8% C. und zwei Stun— 
den fpäter 12,50 C. Die Nacht war heiter. Die Tempe 
ratıtr der Luft wies am 17. um 5 Uhr 45 Min, Morgens 
10° C. auf. Die Temperatur des (mitgebradjten ?) füßen 
Waſſers betrug um 6 Uhr Morgens 12,5% C. umd jene 
des Flußwaſſers des Siriban zur felben Zeit 16% C. 

Bei bewölltem Himmel brachen Schadenberg und Koch 
um& Uhr Morgens auf und erreichten die erfte Solfatare um 
10 Uhr 45 Min. Ihre Seehöhe wurde jegt auf 2680 m 
bemefien. Sie ftiegen zur jelben herab um Schwefelproben 
zu holen und die Duelle des Rio Siriban ſich anzusehen. Die 
Temperatur des Quellwaſſers betrug 31,2% G.; ſchweflige 
Safe fliegen in Dlafen empor, Man ftieg nun weiter, 
aber der Regen hatte ſich wieder eingejtellt und der Nebel 
war fo dicht geworben, daß man kaum auf zehn Schritte 
weit fehen lonnte. Trogdem gelang e8 den von Dr. Scha— 
denberg am 22. Februar erftiegenen Pico, deſſen Höhe zu 
3280 m beftimmt wurbe, zu erflimmen. (ine zweite Fla— 
fche wurde hier eingegraben; fie enthielt einen Zettel mit 
den Namen der Bergfteiger und dem Datum der Erfteigung. 
Das Wetter war abſcheulich, Wind und Regen wiejen 
eine große Heftigfeit auf, die Temperatur war jehr friid: 


Gedebus und Eintren. 57 


5° C. Der Abftieg wurde am weftlichen Hange vorgenom- 
men, man ftieß hier auf drei Krater, welche früher Seen gebils 
bet haben müſſen, fand auch am Grunde derjelben etwas 
Waſſer und Schlammboden. Der erfte Krater war ring: 
fürmig mit einem Durchmeſſer von 40 m Länge, bie beiden 
anderen beſaßen eine oblonge form, bei beiden legteren betrug 
der längere Durchmeſſer (von Oft gegen Welt gerichtet) circa 
100 m, der fürzere (von Nord gegen Sid gezogene) 20m. 
Die beiden oblongen Krater waren nur durch eine wenige 
Meter hohe Wand von einander getrennt, die Reifenden 
ihägten die Seehöhe der beiden Sraterbodenfläden auf 
3220m. Schadenberg und Koch wollten dann den Eee erreis 
chen, den der erftere vom höchiten Pico des Apo aus am 22. Fe—⸗ 
bruar erblidt hatte, aber der dichte Nebel ſowie der heftige 
Regen zwangen fie von dieſem Vorhaben abzuftchen. Aus 
gleichen Gründen umterblieb die Vefteigung des dritten und 
niedrigften (weſtſüdweſtlichen) Gipfel des Apo. Koch und 
Schadenberg jprechen die Anficdht aus, daf man auf ben 
Höhen des Apo an vielen Tagen Eis (am frühen Mor: 
gen) antreffen könnte und daß Schneefälle nicht jelten ein- 
treten dürften. 

Beim Abftiege ftießen die deutſchen Forſcher dicht unter 
dem höchſten Gipfel auf zwei nene Solfataren und 100 m 
tiefer fahen fie aus einem Loche geruchloſe Waſſerdämpfe 
auffteigen. Um 6 Uhr langten fie nad) beichwerlichem 
Marche bei ihrem alten Yagerplage am Rio Siriban an, 
wo fie die Nacht zubrachten, doch wurde ihr Schlaf durch 
das Bellen der verwilderten Hunde geftört, welde an ben 
Abhängen des Apo ſehr zahlreich find und eine ſolche Ver: 
wegenheit aufweifen, daß fie jelbit die Bagobos angreifen, 
wenn diefe im Walde nad) Honig ſuchen oder auf dem Jagd⸗ 
piade ftreifen. Am 18. März zeigte das Thermometer 13° 
C. um 6 Uhr Morgens. Der hftieg erfolgte auf dem 
alten Wege, um 12 Uhr war die Gefellichaft ſchon in Tas 
godeia und um 4 Uhr 30 Min. hatten fie den Ort Sibu— 
lan, wo Scabenberg und Koch damals ihren Aufenthalt 
genommen hatten, erreicht. 


Gedebus und Sintren. 
Bon E. Mebger. 


Bor etwa zwanzig Jahren befand ic; mic) in einer das 
mals noch ziemlic, wenig bejuchten Gegend der Preanger 
Regentichaften auf Java, mit den Vorarbeiten fir die Ans 
lage einer Eifenbahn beichäftigt (die enblic im März die— 
ſes Dahres eröffnet ift), Um ganz im der Nähe meiner 
Arbeit zu fein, hatte ich mein Yager in einem Heinen Dorfe 
aufgefchlagen, welches jo ziemlich im Mittelpunkt der mir 
zugewiejenen Strede gelegen war. Mehr als cine Meile 
von mir entfernt wohnten zwei Gutsbeſitzer, mit denen ich 
gute Nachbarichaft hielt; gleichwohl jahen wir einander nur 


gelegentlich, denn über Tag hatte jeder von und feine | 


eigene Arbeit, die wohl einmal eine zufällige Begegnung 
herbeiführte, aber doch nur jelten Gelegenheit zu längerm 
Berweilen gab, und Abends waren wir zu müde, um noch 
aufs Pferd zu fteigen, Beſuche zu machen und in tiefer 
Nacht auf ziemlich ſchwierigen Bergwegen nad) Haufe zu— 
tüdzufehren. Unter diefen Umſtänden war es mir jehr 
lieb, daß der Häuptling des Diftritts — Wedheno oder 
Wedana ift fein Titel (mas „Stirn“ bedeutet) —, der aud) 
in meiner Nähe wohnte umd der fehr viel Vergnügen an 


Globus XL. Nr. 4. 


| 





meinem Umgang zu finden fchien, mic, häufig Abende bes 
fuchte und mandjmal bis jpät in die Nacht bei mir ver- 
weilte. Ich gebrauchte eben den Ausdruck „Häuptling“. 
Damit diefes Wort nicht die Erinnerung an irgend welden 
Mohikaner oder Iroleſen erwedt, will id), obwohl es 
dem Gegenſtand, mit dem fich diefe Zeilen beſchäftigen, voll« 
fommen fremb ift, dem weniger mit Java befannten Leſer 
anzudeuten ſuchen, im welcher Art er ſich einen ſolchen 
Häuptling eigentlich) vorzuftellen hat. 

In der Zeit, von der ich jpredhe, waren die meiften ber» 
jelben von altem Blute oder behaupteten wenigftens es zu 
fein. Mit wenigen Ausnahmen führten fie einen Geburts- 
titel und waren, wenn auch nicht ſehr unterrichtete, doch 
meift fehr ſcharfſinnige Männer. Wenn man berückſich— 
tigt, daß bie eigentlichen Vollsſprachen von Java (ſunda— 
neſiſch, javaniſch umd madureſiſch) je drei mehr oder wenis 
ger verjchiedene Ausdrucksweiſen (niedrige, mittlere und hohe 
Sprache) befigen, die nebens und durdeinander gebraucht 
werden je nach der Stellung der Perſonen, welche mit 
einander ſprechen oder über die geiprocen wird — eine 

8 


ges 


58 E. Metzger: Gedebus und Sintren. 


Schwierigleit, von welcher ſich jelbit der keine Borftellung 
machen kann, der ſich mit dem Gebrauch von tu, voi und 
lei im Italieniſchen recht vertraut gemacht hat, da in den 
Landesſprachen Javas für viele Auedrücke im jeder der drei 
Klaſſen beiondere Wörter beftehen —, daß außerdem jeber 
eingeborene Häuptling oder Beamte die malaiſche Sprache, 
das Mittel fir den gewöhnlichen Verkehr, fennen muß, daß 
viele derfelben Hollündiſch wenigftens einigermaßen ver- 
ftehen, fo wird man — zugeben, daß wenn auch in jenen 
Tagen ihre formelle Bildung, zu deren Erwerbung die Ges 
legenheit mandjmal fehlte, oft viel zu wünjchen übrig ließ, 
doc; der Geift ſchon durch die Erwerbung der nöthigen 
Sprachtenntniſſe — und die Etifette für den Gebraud) der 
hohen, mittlern und niedern Sprache ift fehr ſtreng — 
ziemlich, viel „Hirngymnaftif* geübt hatte, mehr vielleicht, 
als jehr viele Europäer, welche mit jolchen Leuten in Bes 
ruhrung fommen, anzunehmen geneigt find. Gewöhnlich 
ſchickten die eingeborenen Beamten mittlern Ranges, welche 
eine Ehre darin ſuchten, ihren Sprößlingen einen einigers 
maßen europäiſchen Schliff zu geben, ihre Söhne im Alter 
von 8 bis 12 Jahren, aud) hoch früher und fpäter, in das 
Haus eines Europäers, am fiebften eines Beamten, mit 
dem fie auf gutem Fuß ftanden. Der Junge wuchs da 
auf einigermaßen gleichem Fuße mit den Kindern des Haus 
ſes auf, lernte wohl mit ihnen, beſuchte auch manchmal 
eine Schule; wurde er älter, fo verrichtete er allerlei Dienfts 
leiftungen; dafür aber ſah er, wie es in einem europätfichen 
Haushalt zuging und lernte fich an den Umgang mit Euro« 
päern gewöhnen, Später trat er womöglich ald Schreiber 
bei einem Beamten ein, gewann jo einen Einblid in die 
Berwaltung, kam, wenn er ſich freunde erworben hatte, in 
eine Stellung als Beamter und rüdte je nach Umftänden 
weiter vor. Cine folde Erziehung hatte denn auch mein 
Nachbar genofjen und er hatte eine große Borliebe für alles 
Europätfche und einen ungeheuren Wiffensdurft, der mand)- 
mal felbft unbequem werden konnte, aus ber Zeit feines 
Aufenthalts in einem enropätfchen Haufe mitgebracht. Nach— 
dem wir erſt einmal mit einander etwas vertraut geworben 
waren, brachte er, wie gejagt, viele Stunden bei mir zu 
und quälte mid; mit allerlei fragen, wogegen ich ihm dies 
mit Zinſen heimzahlte und viel von ihm über Yand und 
Leute lernte. 

Meine Wohnung war nicht ſehr anlodend; ich hatte 
mir ein gewöhnliches Wohnhaus eines Eingeborenen — es 
hatte übrigens Holzwände, ein Yurus, den man ziemlid) 
oft im den Preanger Regentſchaften findet — etwas aus— 
beſſern laſſen; farbige Yeinwand bildete die Dede, damit 
mir nicht etwa eines Abends ein Geklo (Platydactylus 
guttatus), deren eine Anzahl im Dachſtuhl haufte, auf den 
Kopf fiel; ebenjo waren die Seitenwände mit ähnlichen 
Tüchern geſchmückt und durd Vorhänge zu beiden Seiten 
des Eingangs zwei Zimmer hergeftellt worden, welchen 
ich verſucht hatte durch wenige, größtentheils aus Bambu 
verfertigte Möbel ein etwas häusliches Anfehen zu geben. 
Der Mittelraum war eigentlicd ein Durchgang zwiſchen 
der Küche und der offenen Veranda; letztere diente — bei 
gutem Wetter wenigſtens — zu jeglicher häuslichen und 
wiſſenſchaftlichen Beſchaftigung. Da wurde gegefien und 
gezeichnet, ftudirt und Toilette gemacht, wenn nicht etwa im 
der Weftmoufion der Wind den ftrömenden Regen hinein 
veitichte. Der Flur, der fich, wie es im weltlichen Java 
allgemein üblich ift, einige Fuß Über den Erdboden erhob, 
beftand aus Bambu; nämlich zunächſt aus einigen mit 
Zwiſchenräumen liegenden ganzen Bambus, welche die 
Stelle der Balken vertraten, darüber ein Flechtwert aus 
geipaltenem Bambu anftatt der Bretter. Daß es bei 


einer ſolchen Aufammenfegung des Gebäudes einiger 
u bedurfte um Tiſche und Stühle fo aufzuftellen, daß 
fie den durdjlaufenden Bambus ruhten, it leicht ers 
fihtlih), und dies war nothiwendig, wenn man vermeiden 
wollte plöglih ein Stuhlbein durch den geflocdhtenen Flur 
hinſchießen oder dem gededten Tiſch in ſtürmiſches Schwan- 
fen gerathen zu jehen. Im biefem Raum nun faßen wir 
eines Abends; unfer einfaches Eſſen war eben abgelaufen und 
das Gefolge des Wedana that ſich mit meinen Peuten an 
den Reiten des Mahls gütlich; da kam der Tiamat (ein 
Häuptling, der unter dem Wedana fteht), der in meinem 
Dorje wohnte, lieh fi vor der Veranda auf einer fr die 
jen Zwed da bereit liegenden Matte nieder, brachte die zus 
fammengelegten Hände zum Gruß an die Stirn und rauchte, 
in ber Erwartung, daß der Wedana, der fich noch mit mir 
unterhielt, ihn amreden würde, feine Cigarette weiter }). 

Nachdem ic; eine kurze Paufe im Gefpräd hatte eins 
treten laſſen und der Wedana auf die Gegenwart feines 
Untergebenen aufmerffam geworden war, entjpann fich zwi⸗ 
ſchen beiden eine kurze Unterhaltung, von der ich — ich be— 
fand mic; erſt feit wenigen Dlonaten in den Sundadiſtrik⸗ 
ten — fein Wort verftand. Dann fragte mid) der Wer 
dana: „MWinfcht der Herr das Gedebusipiel zu fehen?* 
Natürlich ging es mir ebenfo, wie es wohl dem größten 
Theil meiner Yefer gehen ditrfte; ich wußte nicht, was das 
war. Nad) einigen Mißverſtändniſſen wurde mir die Sache 
deutlich gemacht und will ich die erhaltene Belehrung in 
den folgenden Worten zufammenfaffen: „Die „Sedebus“ 
find fromme Diener des Propheten, die durch Reinigung, 
Faſten und Gebet, namentlich aber durd; das Gebet eines 
frommen Mannes gar wunderbare Eigenjhaften erlangen. 
Kein Eifen verwundet fie, fein Feuer brennt fie, fein Strid 
it im Stande fie zu binden. Sie zeigen ihre Kunft nur 
um den Ruhm Allahs und feiner Propheten zu erhöhen 
und zu diefem Zweck wandern jie umher, um die Herzen 
der Gläubigen zu ftärfen und die Ungläubigen zum Glau— 
ben zu erweden, nehmen aber keine Bezahlung an.“ Die 
Truppe, welche uns eine Voritellung geben wollte, lebte 

anz in meiner Nähe als eine Art religiöfer Gemeinſchaft; 
it der Wedana wußte, gab es nur wenige derſelben 
und zwar nur in den Sundalanden; ich ſelbſt habe fie we— 
der vorher noch nachher wieder in gleicher Form angetrof⸗ 
fen und auch nur einige wenige Notizen über fie gefunden, 
die ich weiter unten mittheilen will; zunächſt gehe ich zu 
der Beſchreibung des merkwürdigen Schaufpield über, wel— 
ches mir geboten wurde, nachdem ich die Erlaubniß zur 
Aufführung defielben gegeben hatte. 

Einer nad) dem andern traten einige Yeute in der ge- 
wöhnlichen Tracht der Eingeborenen der Sundaländer ein, 
einige von ihmen trugen allerlei Geräthſchaften in der 
Hand; ihnen folgte ein älterer Mann, der das Zeichen 
eines Hadji (Mekkapilgers), ein in der Art der Türken um 
den Kopf geſchlungenes Kopftuch ?), trug: in der Hand 
hatte er zwei fupferne Gefäße. Er trat befcheiden auf uns 
zu, begrüßte uns und erbat die Erlaubniß mit feinen Ger 
noſſen einige Uebungen in meinem Haufe vornehmen zu 
dürfen. Nachdem dies alles abgemadht war, erfuchte ic) 
ihn mit feinen Gefährten Plag zu nehmen. Er lieh ſich 
an einer Seite der Veranda nieder, auf einer Matte, die 
ich hatte hinlegen laffen; er erbat jic etwas gekochten Reis 


1) Ach erwähne abfichtlic dieje den Sundanefen eigen: 
thümlicde Gewohnheit in Gegenwart von Höherſtehenden und 
ſelbſt im Geſpräch mit ihnen unaufgefordert weiter zu rauchen. 

2) Alle männlichen Gingeborenen von Java tragen es imts 
mer, aber in jehr verjhiedener Art, nur Hadjis in der Form 
eines Turban. 





E. Metzger: Gedebus und. Sintren. 


und reines Wafler aus dem Fluß, womit er die mit 
gebrachten Gefäße füllte; den Reis ftellte er etwas linfe, 
das Waller gerade vor fid hin. Rechtwinklig zu ihm, an 
ber andern Wand der Veranda, den Zuſchauern gegenüber, 
faßen drei feiner Begleiter, jeber mit ber Kendang (einer 
Art Trommel) vor ſich; ihm gegenüber die drei Perſonen, 
welche bejtimmt waren ihre Kunſt zu zeigen, alle mit ges 
ſenktem Kopf ohne fid viel umzufehen. Bei ihrem Ein- 
treten hatten fie uns ſchweigend gegrüßt. Zwei ihrer eins 
fachen Yampen hatten fie, obwohl der Kaum gut erleuchtet war, 
zu beiden Seiten der Mufitanten aufgeftellt. Als die Leute 
Platz genommen hatten, ließ ich ihnen Kaffee und Bad: 
werk anbieten; nur der Hadji nahm dies an, für feine Ber 
gleiter aber wies er jede Erfriſchung ab. Bor den Klinſt⸗ 
lern lagen ihre Apparate, ziemlich lange Stilette mit 
ftarfem Griff und rundem Stichblatt; id) bat um die Er— 
laubniß diefelben bejehen zu dürfen, die auch bereitwilligft 
gegeben wurde. Da ber Wedana mir mittlerweile erzählt 
hatte, was fie mit diefen Stiletten ausführen wirben, 
prüfte ich diefelben genau, konnte aber feine verborgene 
Feder (fiehe unten) daran finden, die Mlingen waren rund 
etwa von ber Dide eines Gänſekiels mit jehr langer, char: 
fer Spige, alfo mehr Pfriemen. Nachdem ic Pla ger 
nommen, bat der Hadji um bie Erlaubniß anfangen zu 
bitrfen, die ich ihm, da ich neugierig geworden war, gern 
ertheilte. 

Die Trommeljhläger fingen an ihre Inftrumente zu 
bearbeiten und begleiteten dieje weniger ſchöne als geräuſch⸗ 
volle Mufit mit eintönigem wilden Sn: ber Hadji fing 
an zu beten; ein altes Exemplar des Koran lag auf: 
geſchlagen vor ihm. Dies dauerte einige Minuten; immer 
Schneller flofien die Worte von feinen Lippen, immer fchnel- 
ler bog fich fein Oberkörper vorn über und erhob fic wie 
der, dann fing er an bei jeder Verbeugung mit trodenen 
Lippen gegen das Waſſer zu ſpucken ) Plöglich hielt er 
inne, dann rief er dreimal den Namen Allahs, dann den 
Namen des Propheten, des Scheit Abdul Kader Dijilani, 
des Scheil Mahomeb el Djanad Dieni und einiger anderer 
(die ich mir natürlich erft fpäter habe nennen lafien). Nun 
erhoben fich die drei Yente, denen die Hauptrolle zugedacht 
war, jeder ein Stilett in der Hand. Wieder fingen die 
Trommeln an zu lärmen, die Trommelſchläger erhoben ein 
wuſtes Gefchrei, die drei handelnden Berfonen mifchten ihre 
Stimmen in die der anderen und fingen an im Taft rund 
zu gehen; ber Habji betete wieder, wieder flofien die Worte 
fchneller und ſchneller von feinen Yippen, Schweiß perlte 
auf feiner Stirn, er ſchien in Todesangft. Auch der Tat 
der Mufit war befchleunigt, endlich rafend wild. Die 
Scnellheit der Tänzer (fo will ich fie der Kürze wegen 
nennen) hielt damit gleichen Schritt; plöglich, wie auf ein 
gegebenes Zeichen, erhoben fie die Stilette und fegten fie 
zwifchen Schlüflelblatt und Hals und ſchienen mit aller 
Gemalt auf diefelben zu drüden, ohne daß fie fich im ge: 
tingften verlegt hätten, dann erhoben fie die Waffen aufs 
Neue und brachten fie mit einer andern Stelle ihres Kör⸗ 
pers in Berührung mit demfelben Erfolg. — Jetzt wurde 
das Gebet und die Mufit langfamer, die Tänzer nahmen 
ihre Pläge ein. — Ich muß befennen, bis dahin hatte mir 
die Sache nur ſehr mäßig imponirt; id) mar darauf vor: 
bereitet die Waffen, wenigftens ſcheinbar, in ben Körper 


2) Ich weik nicht, mie ich dieſe bei verjhiedenen Beſchwö— 
rungen und der Meilung von Sclangenbifien borlommende 
andlung anders nennen joll; die Lippen bewegen ſich zum 
puden, man Pe den Ton, die vorgehaltene Hand aber bleibt 
troden, obwohl man, wenn der Hauch behaarte Körpertheile 
teifft, ein Gefuͤhl von Feuchtigkeit hat. 








59 


eindringen zu jehen und hatte dann, trogdem ich die Klin— 
gen geprüft hatte, noch an einen Betrug gedadjt, der aber 
mit Ruckſicht auf die ſcharfen Spigen —8 wohl auch ſeine 
gefährliche Seite gehabt haben würde, So aber hatte ic) 
deutlich geichen, daß, obwohl die Haut durch die Spite eins 
gedrücdt wurde, die" Klinge nicht einzubringen ſchien, und 
ich konnte in dem Schaufpiel nichts anderes ſehen, als eine 
mit ftaunenswerther Sicherheit ausgeführte, jehr gefährliche 
Uebung, bei der fie den Weg des Stoßes genau net 
hatten, um im entjcheidenden Augenblid einzuhalten, worauf 
auch die jcheinbar große Kraft, mit welcher die Stöße ge 
führt wurden, hinzuweifen ſcheint. Ich erbat mir num die 
Erlaubnig die Tänzer genau betrachten und die Stilette 
nochmals unterfuchen zu dürfen. An den Perſonen, welche 
die Kunſtſtücke gemacht hatten, war auch nicht die Hleinfte 
Wunde zu bemerken, die Spigen waren ganz ſcharf und 
feft ; ein Austanfc konnte nicht ftattgefunden haben, da die 
Tänzer nur Beinkleiver und Kopftuch trugen und die 
Dberkleider an der Wand aufgehängt hatten. Nun 
ſetzte ich mich wieder zum Webana und bat ihn den Hadji 
heran zu rufen. Ich ſprach ihm meine Bewunderung über 
die Geſchicklichteit feiner „Söhne“ aus; doch er betradjtete 
mid) mit einem mitleidigen Lächeln und fagte: „O Herr, 
Du tennft die Kraft des Gebetes noch nicht; wenn Du er« 
laubſt, werde ic; Dir andere Proben zeigen.“ Die Er- 
laubniß wurde gegeben, die eben abgefpielte Scene wieder: 
holte ſich, nur gingen die Tänzer bei ihrem Umgang beinahe 
auf derfelben Yinie, der mittelfte ſchwang fein Stilett hoch 
über feinem Kopf, die beiden anderen umfaßten feine Hüfte. 
Das Tempo der Muſil war noch rafender als das erite 
Mal, der alte Hadji weinte beinahe, feine Worte waren 
durch Schluchzen unterbrochen, plöglich mit einem Rud 
hielten die Tänzer ftill; die beiden rechts und linfs warfen 
fich zur Erde und beteten, ber dritte ſtand einen Augenblid 
wie erftarrt, dann aber ſtieß er ſich das Stilett beinahe 
bis zum Heft in die Wange, fo daß die Spige an der an— 
dern Seite weit heraus fam. Dann faßten ihn die beiden 
anderen an den Schultern und führten ihm zu mir, wo er 
auf die Knie fill. „Prüfe, Herr!” fagte der Habji. 

Es war ein fchanerlicher Anblid, dieſes verzerrte, aufs 
geregte braume Geſicht mit weit aufgerifienen Augen und 
weit aufgeiperrtem Munde, in dem man bie Klinge 
deutlich zwiichen den Zähnen fah, jo nahe vor mir; troß- 
dem wollte ich meinen Augen nicht trauen und fühlte mit 
beiden Händen den Berlauf der Klinge; daſſelbe that der 
Wedana. Während wir unfere blutigen Finger abwiſchten, 
rief der Habji: „Komm her, mein Sohn.“ Diefer fam, 
fniete nieder, der heilige Mann murmelte Gebete, dann er- 
griff er die Waffe und zog fie heraus, benegte die Stelle 
von aufen und im Innern des Mundes wit feinem ge— 
weihten Waffer und ſchickte ihm zu mir zurüd, um ſich noch⸗ 
mals unterfuchen zu laffen; feine Wunde war mehr zu 
fühlen, die Feuchtigkeit, die am meinen Fingern blieb, war 
nicht mehr gefärbt. Wieder fing der Yärın an; der zweite 
Tänzer wurde wieder in die Mitte genommen; die beiden, 
welche zur Seite gingen, ſchwangen jeder ein Stilett in ber 
Hand; nad) einigen Umgängen ließen fie den dritten los 
und hielten die Spigen ber Stilette in die Yamıpen und 
murmelten eine Beſchwörung. Diefelbe Steigerung wie 
vorher; der dritte Tänzer warf fich nieder und betete; wie 
auf ein gegebenes Zeichen ftießen ſich die beiden anderen 
bie erhigten Klingen durch beide Wangen, daß es ziſchte. 
Wieder näherten fie fih mir um mid) die Sache näher 
unterfuchen zu laflen; ich fühlte jehr vorfichtig wegen der 
Wärme des Eiſens, und der blutige Speichel Mebte an 
meinem Finger. Dann folgte wieder Niederfnien vor dem 

8* 


60 Die indishen Aufnahmen 
Hadji und Heilung wie vorher und zum Schluß zweite 
Unterfuchung durd) den Webana und mid; wir konnten 
feine Blutipur, feine Narbe mehr finden. 

Jetzt kam eine neue Aufführung ; die Muſil ſchwieg, einer 
der Muſilanten ging einen ſchweren Feldſtein holen; der 
Hadji und die Tänzer beteten; dann eͤrhoben ſich zwei der 
legteren. Der eine ftellte ſich mit vorgebeugtem Oberkörper, 
die Hände auf die Knie geftügt, auf; der andere erhob den 
Stein mit Anftrengung, vwiegte ihm in den Händen und 
ichleuderte ihm gegen den Niücden feines Genoſſen. Diejer 
blieb unbeweglich, ohme zu zuden. Ich veränderte meinen 
Plag, um den Vorgang genau von der Seite betradjten zu 
können; feine Bewegung war zur bemerken, der Stein kam 
im richtigen Bogen und fiel nieder, anjcheinend ohne den 
Geworfenen zu berühren, Ich muß geitehen, daß mich 
diefe Probe der Kunft der „Gedebus“ am meiften über— 
raſcht hat, weil es mir ganz unerklärlich ift, wie der Mann 
unter der Wucht des Steines (ganz abgejehen vom Schmerz) 


fo unbeweglid; bleiben fonnte, und daß der Anprall fein | 


jtärteres Geräuſch verurſachte. Ich will mid am keinen 
Erflärungsverfucd, wagen; ein Engländer, der fange in 
Britiſch-Indien gelebt hat, und mit dem ic) dieje und ähn: 
liche Borgänge beiprochen habe, meinte die Erflärung darin 
finden zu mitifen, daß der Hadji alle Zufchauer in bypno- 
tiſchen Zuſtand verjegt und jie dann habe jehen lafien, was 
er wollte. Dieje allerdings jehr einfache Erklärung witrde 
zu entjeglichen Konfequenzen führen. 

Es ift dies das einzige Mal, daß ic; die „Gedebus“ 
gejehen habe. Im dem Werte Veth's (Java III, 254) 
find fie erwähnt und ift dort van Hoevell citirt, der in 
feinen Reifen fiber Java von ihmen ſpricht. Ich habe mir 
dies Bud) nicht verfchaffen können und weiß nicht, wie er 
die Sache auffaßt; Veth fchreibt: „ohme, vermuthlich weil 
die Spige durch eine unfichtbare Feder nad) innen ging, 
eine Beichädigung davon zu tragen.“ Kigg, den Beth aud) 
citirt, jagt im feinem ſundaneſich-engliſchen Wörterbuche, 
2. 124 und 125: Gedebus, games in which are exhi- 
bited feats of address with various sharp weapons, as 
stabbing the body with krisses or knives etc. but 
which are merely clever sleights of hand. The games 
are mostly practised by men who pretend to be great 
proficient in the knowledge of the Mahomedan religion 
and thereby to have attaingd their skill. 

Beide Anfichten fcheinen mir zur Erklärung des vor 
liegenden Falles nicht ausreichend, wenigitens fcheint bei 
dem zweiten und dritten all Heilung im efjtatiichen Zus 
ftand — oder Traumzuftand bei den Zuſchauern — ange: 
nommen werden zu muſſen. 

Gewiß iſt der „Gedebus“ ein Erzeugniß des Yalanı, 
obwohl die Lampen und die regelmäßigen, im Takt ftatt- 
findenden Umgänge an den Hindudienft erinnern. Dagegen 
findet ſich eine andere auffallende Erjcheinung im malatichen 
Archipel, die man auch auf Java oft genug jehen kann, 


Die indischen Aufnahmen 


Das Juniheft der Proceedings of the R. Geographical 
Society bringt eine intereflante Zufammenftellung jänmt 
licher während des Jahres 1330/81 in Beitifch- Indien 
ausgeführten Aufnahmearbeiten, die das großartige Werk 
dest Indian Surveyh in erfrenlichiter Weiſe gefördert haben. 





im Jahre 1880 bis 1881, 


welche dem Hindudienſt verwandt ift; es iſt Died der Sins 
tren. Ein fleined Kind, Knabe oder Mädchen, wird, 
manchmal gebunden, unter einen Korb gelegt; die Mufit 
fpielt, der Chor jingt, der Zauberer beſchwört die Seele des 
Kindes den Körper zu verlaffen, um Plag zu machen für 
eine Dewa, welde den Frommen im fichtbarer Geftalt zu 
erjcheinen wünfdt. Wenn dann der Korb aufgenommen 
wird, erſcheint das Kind feiner Bande ledig, mit verwil- 
dertem Aeußern und ganz verändertem Geſicht. Es tanzt 
einige Zeit und wenn der Geift den Körper verlafjen hat, 
fällt der „Sintren* (Beraufchte) regungslos zur Erbe; 
nach) jeinem Erwachen weiß er fich nichts mehr zu erinnern. 
Ich muß bekennen, daß ic) hierbei immer an ein reines 
Gaukelſpiel gedacht habe, obwohl andere Europäer auch hier 
eine Elſtaſe annehmen wollen (3. B. van Ed, Ind. Gids 
1881, 1, ©. 184). Id) habe feine Urſache, die Möglid): 
feit berjelben zu bejtreiten und will nur meine Grlinde flir 
das Ebengejagte kurz anführen: In den Sundadiftriften ift 
es ein gewöhnliches Sprichwort: Wo der Sintren ift, iſt 
auch Zauberei (Tafchenfpielerei). Das Losmachen von den 
Striden habe ich zu häufig als ganz gewöhnliches Tajchen- 
fpielerftüdchen, das noch viel weiter, felbjt bis zur jchein- 
baren Ermordung des unter dem Korbe veritedten Kindes, 
getrieben wurde, geiehen, wobei ſich ein klägliches, immer 
ſchwächer werdendes Geichrei hören ließ, welches die Zu— 
ſchauer mit Entjegen erfüllte, bis der Korb aufgenommen 
wurde und das Kind feilellos daſtand. Hierbei dürfte aller: 
dings ein Kris, deffen Klinge beim Stoß zurückſprang, eine 
Rolle gejpielt haben; denn bei dieſem Kunſtſtücke habe id) 
die Waffe wohl hundertmal deutlich in den Korb eindringen 
fehen. Das Yosmachen der Stride ift ja jetzt jeit der Zeit 
der Brüder Davenport in Deutſchland befannt, und es wird 
Niemand überraſchen, der indiſche Gaukler gejehen hat. 

Uebrigens haben alle eingeborenen Häuptlinge, mit denen 
id) auf jo vertraulichen Fuße ftand um ſolche Sachen offen 
zu beſprechen, mit ziemlicher Zurücdhaltung und Scen über 
die „Gedebus“ gejprocen, während fie über „Sintren* 
die Schultern zudten und durchbliden ließen, daß leßteres 
Betrügerei feiz hierbei fann aber fehr wohl der Umſtand 
mitgerwirkt haben, daß „Gedebus“, wie ſchon erwähnt, jein 
Entitehen dem Islam, „Sintren“ das jeinige der vorislamis 
tiſchen Zeit verdankt, und meine freunde vielleicht Anftoß 
genommen haben, über eine Sache, welche mit ihrem Gottes- 
dienft in fo enger Beziehung ftcht, ganz offen zu ſprechen 
und fie dem „Sintren* gegenüber nicht von folden Ruck⸗ 
fichten geleitet wurden. 

Doch, wie gelagt, will ich der Anficht eines Beob- 
adıters, wie Herr van Ed, durchaus nicht entgegentreten, um 
jo mehr, da er das „Sintren“ auf Bali, wo der Hindu- 
gottesdienft noch blüht, geichen hat, während ſich meine Er» 
fahrung auf das mittlere und wejtliche Java beichränft, wo 
vielleicht Tafchenfpieler ein nachgemachtes „ Sintren“ vor 
führten. 


im Jahre 1880 bis 1881. 


In der That iſt durch die in diefer Vermeſſungslampagne 
beendete Triangulirung des öftlichen Sindh die legte noch vor» 
handene Lücke in dem über das ungeheure Gebiet des indiſchen 
Reiches gelegten Hauptdreiedsönege geiclofien worden. Das 
neben hat man in den SKollettoraten von Bombay, in My: 


Die indiichen Aufnahmen im Jahre 1880 bis 1881. 


fore, Gentralindien und Radſchputana, in Aſſam und Bri— 
tiſch⸗ Birma die umfaflendften Detailaufnahmen fortgejett 
und jomit ein reiches Material gefanmelt, das jegt in ben 
Bureaux von Calcutta, dem Hauptquartier des Indian Survey, 
uſammengeſtellt und verarbeitet wird. Im dieſen Bureauxr, 
in denen, wie bei den Bermeflungen felber, viele auf britifch- 
indiſchen Hochſchulen ausgebildete gelehrte Eingeborene thätig 
find, ſoll, dem Berichte zufolge, augenblidlicy mit demjelben 
raftlojen, unermüdlichen Eifer gearbeitet werden, der bie 
Thätigkeit des „Yandsand-MarinesSurvens Departements“ 
ja and im Großen charakterifirt und die in der That bes 
deutenden Leiſtungen diejes Injtituts erklärlich macht. 

Die Triangulirung von Tenafjerim, dem füdlichen 
Theile von Britijh-Birma, die ſich an die Vermeſſung des 
Gebietes von Banglol ſchloß, mußte leider früher al be— 
abfichtigt unterbrochen werden, da ein Anfangs Januar 
eintretender, dichter atmojphärifcher Nebel, der das ſchmale 
Küftenland andauernd bis zum Dftober, dem Beginne der 
falten Jahreszeit, bedeckt, bald die Beobachtungen unmöglic) 
machte. Im dem hügeligen, mit dichtem Walde beftandenen 
Lande jtießen die Arbeiten ohnedies ſchon auf große 
Schwierigkeiten; namentlich hielt e8 ſchwer, ein zur Meffung 
einer Bafis nur einigermaßen geeignetes Terrain ausfindig 
zu machen. Nach mancherlei vergeblichen Erkurfionen durch 
das waldige Hügelland mußte man fich ſchließlich für einen 
ſchmalen, etwa drei Miles langen Streifen alluvialen Boden 
im Gebiete der Stadt Mergui entſcheiden. Hier maß man, 
bevor man an die Aufnahme des Mergui-Archipels ging, 
die Berififationsbafis für die im Laufe des nächſten Jahres 
zu beendigende „Öftliche Grenzreihe“, die zu einem andern 
Bermeflungsgebiete, als dem des eigentlichen Indiens ge 

ört. 


Die Arbeiten im Mergui-Archipel, deſſen an einigen 
Stellen dicht zufammengedrängtes Infelgewirr die größte 
Geduld, Borficht und Aufmerkjamteit der Schiffer erfordert, 
brachten die Mitglieder der hier befchäftigten Survey: Ab- 
theilung in mehrfache Berührung mit den Selungs, 
den Hauptbewohnern diefer Infelgruppen, einem kleinen 
Stamme jeltjam ſcheuer, wilder Gefchöpfe, die keine feſten 
Wohnungen befigen. Im Arcchipel fieht man nicht felten 
ganze Flotten ihrer Boote, doch ergreifen fie bei dem Anblid 
von Fremden ftets die Flucht. Sie leben fait ausſchließlich 
in ihren Booten, und nur während der Regenzeit machen fie 
fi) am Yande rohe Wohnungen auf Bäumen und Pfählen. 

Mit großen durch verichiedene Urſachen hervorgerufenen 
Schwierigkeiten hatte die in Sylhet (öftlich des untern 
Brahmaputra) arbeitende Abtheilung zu kämpfen; das hier 
vermejiene Yand beiteht aus Hügeln, Wald und Sumpf, 
freier Boden oder Yichtung ift nur wenig vorhanden; die 
Flüffe, Seen und Ströme jchwellen während der Negenzeit 
unverhältnigmäßig jtart an. Der Hafalufi Howhar 3. B., 
den man im Winter zu Fuß paffiren kann, nimmt während 
der Negenzeit die Ausdehnung eines 20 Miles langen und 
9 Miles breiten Sees an, im dem alljährlich mehrere 
Menſchen umkommen und der von eingeborenen Beamten 
jener Gegend als „ein wildes, ſtürmiſches Meer“ bejchrieben 
wird, in nicht geringes Hinderniß fir den ungeftörten 
Fortgang der Ber ı ſſungen beftand auch in der Schwierig: 
keit, ſich zumächft Kulis, dann aber auc) den nothwendigen 
Proviant zu beſchaffen. Mehr ald einmal wuhten einige 
angejehene und einjlußreiche Perſonen die Neishändler in 
den Bazars dahin zu bringen, daß fie fi) hartnädig wei: 
gerten, ſelbſt für den höchſten Preis den Yeuten ber Er: 
pebition etwas von ihrer Waare abzulaffen; mehr als eins 
mal gelang es audı, fie zu Unruhen und Gewaltthätigfeiten 
gegen die Fremden aufzureizen. Zum Gluck fand der 





61 


Hauptanftifter aller diefer Beläftigungen, ein großer Grund- 
befiger der Gegend, fid gerade um dieſe Zeit veranlaft, 
einem alten Haß gegen einen feiner Nachbarn dadurd Aus: 
drud zu geben, daß er in das Haus defjelben einbrach und 
ihn und feine Familie faft zu Tode mißhandelte; die Yandes- 
polizei nahm ihn in ſichern Gewahrſam, und die geodä- 
tifche Erpedition, Major W. F. Badgley und feine Offi- 
ziere, wurden etwas weniger beläftigt. 

Die Aufnahme von Myfore wurde ſchon im Jahre 
1875 begonnen, durch die große Hungersnoth aber fir lange 
Zeit gänglich unterbrochen. Während des Jahres 1830/81 
arbeitete man hier ſowohl bei der Triangulation als aud) 
bei der Detailaufnahme ausſchließlich unter ſchwierigen 
Bedingungen, in theils wilden und jchroffen, theils ſumpfi— 
gen und mit Geftrüpp überwucherten Gegenden. Major 
Strahau, der Chef diefer Abtheilung, hält die bis jet nod) 
gültige Schägung des Flächeninhalts von Myſore 
(27000 TO Miles) fir viel zu niedrig gegriffen; er jchägt 
die wirkliche Größe des Yandes auf 30500 O Miles, von 
denen etwa noch 17 800 zu vermefien find, Der Südrand 
ded früher ſchon triangulirten Yandes wird von den Baba— 
buden-Bergen gebildet, deren Abhänge von einer dichten 
Mafie meift aus Bambu beftehender, undurddringlicher 
Dſchungels bededt ift, in denen wilde Elephanten und Biſons 
haufen. Auch der größte Theil des jest vermeſſenen 
Landes bot ähnliche ſchwer zu befiegende Hindernifie dar. 
Die Wälder, die fi im einer ununterbrochenen Yinie von 
über 100 Miles Länge längs der Chats hinziehen, find 
faſt gänzlich unerforſcht. Die Eingeborenen wagen ſich nur 
äußerft ungern hinein, theils aus Aberglauben, theils auch 
aus Furcht vor Fieber und wilden Thieren. Es hält hier 
ungentein ſchwer, fi Nahrungsmittel zu verichaffen; denn 
die wenigen überhaupt vorhandenen Niederlafjungen liegen 
weit auseinander, und die Kommunikation wird durch wilde 
und fchroffe Berge, die an mehreren Stellen ſich zu einer 
Höhe von mehr denn 6000 Fuß Über dem Meere er- 
heben, noch bedeutend erichwert. Die wenigen von Wald 
oder Geſtrüpp freien Stellen, die man hin und wieder an: 
trifft, find gewöhnlich Heine naſſe Felder, tief umten in den 
Thälern, von wo aus man feinen hervorragenden Punkt 
fiir die Bermeſſung erbliden kann, und wo nichts anderes 
übrig bleibt, als die langweilige Anwendung der Meftette. 
Die Träger der Kette müfen dabei oft genug bis zu den 
Knien im tiefen Schlamme waten. Es giebt jedoch aud) 
einige vorzügliche Wege durch die Chats, und jo lange man 
glücklich genug ift, fein Yager immer neben einem derjelben 
aufſchlagen zu können, kann man fic nichts Genußreicheres 
winjchen, als in diefer Gegend zu reifen, wo man auf allen 
Seiten von einer Landſchaft umgeben ift, die an Schönheit 
vielleicht kaum ihresgleichen in der Welt hat. 

Die Triangulirungsarbeiten in Katſch (Cutch) erftred- 
tem ſich zuerſt über einen Theil des „Öroßen Runn“ und 
das weitausgedehnte, unter den Namen „Bani“ befannte 
Grasland, jowie auch über die niedrige, jchönbewaldete 
Ebene, die fi im Süden und Südweften der Stadt Latkh— 
pat auäbreitet; danad) fam ein dicht bewaldetes, von tiefen 
Schluchten zerrifienes Hligelland an die Reihe, und endlid) 
das freie, gut angebaute Yand an der Meerestüfte. Das 
„Runn“ wird ald ein einzig in feiner Art daftehender Yand- 
ſtrich geſchildert. Während der trodenen Jahreszeit ift es 
eine jandige Wüfte, ohne eine Spur von Vegetation, nur 
bier und da von gefährliden Simpfen und ausgedehnten 
Salzſtreclken unterbrochen, während des Südweſtmonſuns 
aber ein ungeheures, flaches Binnenmeer. Bei heißem 
Wetter wehen die Winde wie ein hölliſcher Gluthauch tiber 
das Runn hinweg, und gewaltige Staubwolfen machen 


62 Die Chineſen in Bictoria, 


jedes Vorbringen über das todte Gebiet zu einer Unmöglich 
keit; der Weg ift auf feiner ganzen Fänge durch die Knochen 
von Kameelen und Rindern bezeichnet, die hier in Folge 
von Erihöpfung und Durft oder bei heftigen Gemitters 
ftürmen und Regengäffen umgelommen find; bei einem ders 
artigen Unwetter, das im April 1881 jtattfand, als das 
legte Ende eines Cyklon über das Runn hinwegzog, famen 
über tanfend Std Rindvich um. Eine ſeltſame Erjcei- 
nung im Runn ift das Salz, das in einer zwei bis zwölf 
Zoll ftarfen Schicht den Boden auf einer Steede von meh: 
teren Miles Ausdehnung bededt; es befteht aus fehr harten, 
ſchneeweißen Kryftallen und ift von ſcharfem, brennenden 
Geſchmack. Selten ſchön zeigt fich die Yuftfpiegelung über 
dem Runn; fie vergrößert die Gegenftände hier in jo er- 
ftaunlichem Maße, daß beifpielsweife ein Waſſerkrug in der 
Entfernung einer englifchen Meile wie eim zehn bis funfs 
zehn Fuß hoher Baum erjceint, und ein wilder Eſel die 
Größe eines Elephanten annimmt. 

Auch jenfeit der Sindh⸗Grenge wurden in Beludſchi— 
ftan, Seweftan md im Marris Gebiete Aufnahmen 
gemacht. In den heifen Monaten Juni, Juli und 
Auguft hält es hier ungemein ſchwer, genaue Beobachtungen 
anzuftellen und ſchnell zu arbeiten, da die Luft während des 
größten Theils der Zeit did und undurchſichtig iſt. Das 
früher bedeutende Seweftan hat ſich durch immer [weiteres 
Bordringen der Marri und der Beludihenftämme allmälig 
fo beträchtlich verkleinert, daß Sibi, die Hauptftabt ber 
alten Provinz, nad} der dieje letztere ja auch benannt wurde, 
jegt ganz tjolirt und von den Ucherreften ihres alten Ge: 
bietes vollftändig getrennt liegt. Das heutige Seweftan 
fann man geographifd ungefähr als das Gebiet des Nari 
und feiner Nebenflüffe bezeichnen. Es ift im Wefentlichen 
ein von wilden, zerflüfteten Gebirgszügen durchſetzter Land» 
ftrich. Bon ſehr verfchiedener Höhe, fteigen die Berge an 
mehreren Stellen bis zu 10000 Fuß über dem Meeres: 
fpiegel an. 

Im der Nähe der Ebene tritt meift Sandftein zu Tage, 
weiter hinauf zeigen fi Kalkfteinformationen. Die einzel- 
nen Höhenzüge laufen in vorzugäweife oft» weftlicher Ric; 
tung. Einer ber hervorragendften und mertwürbigften 
Punkte des Landes ift der Zarghun, der höchſte Berg bes 
füdlichen Afghaniftan, deſſen Gipfel fich 11730 Fuß (engl.) 
über dem Meeresjpiegel erhebt. Er beſteht gänzlich aus 
einem Songlomerat von feſt verfitteten, abgerundeten und 
vom Waſſer abgejchliffenen Geröllen. Der obere Theil des 
Berges zeigt eine allmälige, fanfte Abdachung, ift aber 
durch gewaltige Spalten und furdtbare Abgründe zer: 
füftet und zerriffen. Major Beavan, der hier die Auf— 


nahme leitete, fagt von dem Zarghun und feiner Umgebung, 
„daß die Schreden des Ortes jeder Beſchreibung ipotten, 
und daß man ſich noch am erften nach Doré's Illuftratios 
nen zur Dante'fchen „Hölle“ eine Borftellung davon 
machen könne.“ 

In den Dera:, Ismail, Khan- und Bannıt- Diftriften 
war eine mauzawar oder Dörferaufnahmes Sektion des 
Survey: Departements thätig; Katafteraufnahmen fanden in 
Mirzapır, Dſchaunpur, Ghazinpur und Ballia in ben 
Nordweftprovingen, forwie in den Hanthawaddy-, Bafleins 
und Tharawaddy⸗- Diftrikten von Britiſch-Birma ftatt. 

Die dabei beichäftigten eingeborenen Birmanen zeigten 
ſich ebenfo brauchbar und tlichtig, wie die hindoftaniichen 
Beamten des Survey Office; Major Sandeman, der mit 
ihnen gearbeitet hat, glaubt, daf gerade die Birmanen vor: 
zügliche Feldmeſſer abgeben würden. Die Aufnahmen im 
Tharawaddy⸗ Diftrifte gaben Gelegenheit zu intereflanten 
Bemerkungen über die Kareni, bie einen Kleinen Theil 
dieſes Gebietes bewohnen. Mr. Talbot giebt an, daß ihre 
Niederlaffungen fich meift in der Nähe der Wälder befinden, 
benen fie ihre Ländereien durch eigene angeftrengte Arbeit 
abgewinnen. Im Bezug auf Fleiß, Tüchtigkeit und Zur 
verläffigteit follen fie den Birmanen weit überlegen jein. 
Die meiften Karent, mit denen er in Berührung kam, 
waren Chriften, und zwar gehörten fie ausſchließlich dem 
anabaptiftifchen Belenntniffe an. Mr. Talbot, der dem 
Einfluß diefer reinen einfachen Lehre alle die guten Cha— 
raftereigenicaften zufchreibt, durch welche die Kareni vor 
den Birmanen ſich auszeichnen, erzählt, daß jebes größere 
Karenidorf eine eigene Kirche befigt, die an dem Wochen: 
tagen als Schullokal benugt wird. Sämmtliche Mitglieder 
der Gemeinde, Jung und Alt, verfammeln fid) Sonntags 
zu den Gottesdienften und am Schluſſe jedes Tages zu 
einem gemeinfchaftlichen Abendgefange. Der Gottesdienit, 
der von einem ber älteren Gemeinbemitglieder geleitet wird, 
befteht im gemeinfamen Herfagen von Gebeten und Abfingen 
von geiftlichen Yicdern, die aus dem Engliſchen im die 
Kareniſprache überfegt find. Auch auf die „weltliche*, bie 
Schulbildung, wird ein nicht geringer Werth gelegt; kurz, 
die Kareni ftehen nad; Talbot's Meinung auf einer viel 
höhern Stufe ald die Mehrzahl ähnlicher Gemeinden im 
Oberen Indien. Nicht wenig überraſchte es ihn anfangs, 
wenn er Abends durch ein Karenidorf kam, von allen Seiten 
die Melodien englifcher Vollslieder zu vernehmen, die 
namentlic, von den Frauen bei der Arbeit gefungen wurden, 
und unter denen das alte „Auld Lang Syne“ vorzugsweife 
beliebt ſchien. 


Die Chineſen in Victoria. 


Die Einwanderung der Chinefen in die auftralifche 
Kolonie Bictoria begann im Jahre 1853 nad) Entbedung 
der Goldfelder. Nach dem im mächften Jahre aufgenommes 
nen Genfus war ihre Zahl bei einer Gefammtbevölterung 
von 336 798 fchon anf 2000 geftiegen, und viele Schiffe 
mit zahlreichen Paſſagieren wurden nod aus China er- 
wartet. Eine fo fchnelle Vermehrung fing am zu beums 

und das Parlament votirte eine Chinefenbill, 


felben durften bie in einen Hafen von Victoria einlaufenden 
Schiffe auf je zehn Tonnen ihres Gehaltes nur einen 
Chinefen landen, welcher überdies eine Kopffteuer von 200 
Mark zu erlegen hatte. Aber dies Geſetz wurde dadurch 
illuſoriſch, daß die Chinefen in einem Hafen Stidauftraliens 
landeten und dann über and nach Victoria wanderten. 
So ward es möglich, daß ihre Zahl trog ber Bill ſich nad) 
dem Genfus vom 29. März 1857 mit 410766 Seelen 


ruhigen, 
weiche am 12. Juni 1855 Gefegeötraft erhielt. Nach der: | auf 25370 umd am Schluffe des Jahres 1859, wo bie 


Die Chineſen in Victoria. 63 


gejammte Bevölterung der Kolonie auf 530262 geftiegen 
war, fogar auf 42000 vermehrt hatte. Damit war der 
Höhepunkt erreicht. 

Im Juni 1860 wurden in der Kolonie Neu-Süd-Wales 
die ſehr reichen, jegt aber nur wenig bearbeiteten 
Lambing Flat oder Burrangong Alluvialgoldfelder (34% 25° 
füdl. Br. und 148% 18° öftl. %. Gr., 394 km ſuüdweſtlich von 
Sydney) entdedt. Auf diefe Nachricht hin verließen gegen 
11000 Ghinefen die Kolonie Victoria, und ald dann am 
7. April 1861 eine neue Volkszählung mit dem Refultate 
von 540 322 Seelen ftattfand, war die chineſiſche Bevölle⸗ 
rung wieder auf 24 732 geſunken. 

an hatte ſich mittlerweile Uberzeugt, daß die obige 
Bill, jo lange fie nicht auch in den angrenzenden Kolonien 
Geltung hatte, ihren Zwedh verfehlen mußte; auch fing man 
in den Kreiſen der Regierung und des Parlaments an zu 
‚begreifen, daß diefelbe gegen das internationale Völkerrecht 
groͤblich verſtoße und dem fich ihrer freien Imftitutionen 
rühmenden Kolonien keineswegs zur Ehre gereiche. Sturz, 
die Bill wurde, nachdem fie im legter Zeit kaum noch Ans 
werbung gefunden hatte, am 7, Mai 1866 auf Parlamentd- 
beſchluß aufgehoben. 

Wie der Genjus vom 2. April 1871 auswies, hatte bie 
Bejeitigung der Bill keine vermehrte Chinefeneinwande 
im Victoria zur folge gehabt. Die Bevölferung war freili 
auf 731528 geftiegen, die Zahl der Chinejen aber auf 
17 935 (davon 17899 Männer und 36 Weiber) gefallen. 
Und einen abermaligen beträchtlichen Rückgang ergab bie 
legte Zählung vom 3. April 1881, nach welcher bie Chis 
nefen unter einer Bevöllerung von 862 346 nur noch 12 132 
(11871 Männer und 261 Weiber) ſtark waren. 

Das Betragen der Chinefen wirb von allen auftralifchen 
Behörden als muftergiltig anerfannt. Cs find ruhige, harm⸗ 
loſe Menfchen, welche fich den Geſetzen und Anordnungen 
willig fügen. Sie find fleißig und zuverläflig, und wenn 
aud) dem Dptumraucen zugethan, jo vermeiden fie dagegen 
den Genug aller Spiritwojen, der Quelle viel größerer 
Uebel, . 

Und dennod) haft man in Auftralien die Chinefen und 
behandelt ſie grauſam. Man ift dort über die Verfolgung 
der rufjischen Juden empört und fammelt flir fie, übt aber 
gleichzeitig diefelbe Barbarei gegen die Chinejen aus. Man 
haßt fie, weil fie auf den Diggings eben fo gut Gold finden 
wie die Europäer; man haft fie, weil fie bei ihrer mäßigen 
Lebensweife und ihrem ausdauernden Fleiße billiger ars 
beiten; man haft fie, weil fie ihren VBerdienft lieber zuriid: 
legen als verpraffen. Der auftralifche Pöbel, nad) moder- 
ner Sprachweiſe Larrikins genannt, leiftet in feiner ſcheuß— 
lichen Behandlung und Verfolgung der Chinefen das denf- 
bar Gemeinfte, und wenn auch die befieren Klaſſen unter 
den Koloniften ſich zu derartigen Ausbrlichen roher Ges 
walt nicht hergeben, jo hegen fie doch im Allgemeinen einen 
ähnlichen Haß oder wenigftens eine tiefe Verachtung gegen 
die Race der Mongolen. 

So erklärt es ſich, dag jene Chinefenbill vom Jahre 
1355 von Neuem und zwar dies Mal in fait allen auftras 
lijchen Kolonien Giltigleit erlangen fonnte. Nachdem 
Dueensland vorangegangen, folgten im vorigen Jahre der 
Keihe nad) Neu⸗Seeland, Südanftralien, MeusSüds Wales 


und Bictoria. Tasmanien ſchloß ſich aus, und in Wefts 
auftralien, wo man gern Chinefen hätte, giebt es keine. 
Die Bill ift aber dahin verihärft, daß auf je hundert 
Tonnen eines einlaufenden Schiffes nur ein Chinefe ge 
landet werben darf und daß die Kopffteuer von 200 Mart 
ſich immer erneuert, fobald derſelbe Chinefe eine andere 
Kolonie betritt ober nach kurzer Abweſenheit zurückkehrt, 
und in Fällen der Uebertretung auf 400 Mark fteigt. Ein in 
dem Städtchen Echuca am Murray (Victoria) feit 13 Jah— 
ren anfäffiger und hriftlich verheiratheter Chinefe kam im 
Mai diefes Jahres von einer Geſchäftsreiſe nach Sitdauftras 
lien zurück und hatte bei feiner Heimkehr die Polltare von 
200 Mark zu zahlen! 

Aber noch mancherlei anderen Chitanen find die Chinefen 
ausgefegt. Sie finden bei öffentlichen Arbeiten keine Ver— 
wendung; es ift ihnen der Verkauf von Früchten u. ſ. w. 
auf den Eifenbahnftationen unterfagt; in Queensland? — 
und in Südauftralien verlangt man fir das Northern Ter⸗ 
ritory jetzt daffelbe — dürfen fie auf keinem Goldfelde erſchei⸗ 
nen, welches von einem Europäer entdeckt wurde, aber nicht 
umgefehrt, und haben für ben Erlaubnißſchein (licence) nad 
Gold zu fuchen 3 Pf. St. und für den Betrieb irgend eines 
andern Gewerbes auf den Diggings 10 Pf. St. per Jahr 
zu entrichten, während Europäer nur reſp. 10 Sch. und 
4 Pf. St. zahlen u. ſ. w. 

Und find denn die Chinefen wirklich jo zahlreich in 
Auftralien, daß fie durch ihre billigeren Yeiftungen bie 
Europäer in ihren Griftenzmitteln, wie min behaupten 
will, weſentlich beeinträchtigen? Wir müflen das verneinen. 
Nach dem Genfus vom 3. April 1881 belief fid) die Be— 
völferung der auftralifhen Kolonien auf 2751164. Die 
Chineſen zählten im Victoria 12 132, in Queensland 11229, 
in Neu: Sid-Wales 7500, in Neus-Seeland 4941, in 
Südauftralien und dem dazu gehörigen Northern Terris 
tory 2734 und in Tasmanien 844 — mithin indgefammt 
39 380 oder 14 auf je Taufend der Bevölkerung. Erwägt 
man nun noch, daß der größere Theil der Chinefen auf 
den Diggings (im Jahre 1880 in Victoria 8486) mit 
Goldfucen befchäftigt ift, wo fie meiftens das von Euro— 
puern jchon früher bearbeitete und dann verlaſſene Alluvium 
von Neuem durchjuchen, jo begreift man nicht, woher die 
gefährliche Konkurrenz kommen fol. 

Aehnlich wie unter den Eingeborenen Auftraliens iſt 
auch unter den dortigen Chineſen Schwindſucht ſehr ver 
breitet. Im Jahre 1880 ftarben in Victoria 134 Chinefen 
oder 11,05 vom Tauſend, und unter diefen 25 oder 19 
Procent in Folge jener Krankheit. Auch Selbftmord kommt 
unter ihnen häufiger vor als bei anderen Nationen. Im 
Jahre 1880 verheiratheten ſich in Victoria 13 und im dem 
legten 15 Jahren insgefammt 254, und zwar, ſieben Fälle 
ausgenommen, mit Mädchen anderer Nationen. Es waren 
unter ihnen 150 geborene Auftralierinnen, 50 Engländerin- 
nen, 24 Irländerinnen, 15’ Schottinnen u. ſ. w. Auch zwei 
deutjche Mädchen hatten einen Ehebund mit Chinefen ger 
ſchloſſen. In den meilten Fällen wurden die Ehen von 
Geiſtlichen chriftlicher Konfeſſionen eingefegnet, und nur 
ein Heiner Theil blieb bei der Civilehe ftehen. 

A. Greffrath. 


64 Aus allen Exdtheilen. 


Aus allen Erdtheilen 


Afrika. 


— Mamoli, Delegirter der Mailänder Geſellſchaft zur 
Erforſchung Afrikas und Verwalter der Station zu Derna 
Kyrmaila), ift während einer Reife auf Befehl des Kaima— 
lams von Derna verhaftet und vom Volke imiultirt worden. 
Die Station fcheint darauf geräumt worden zu fein. Ebenſo 
haben die türfifchen Behörden vor Kurzem den englifchen 
Ingenienrhauptmann Gilt drei Tagereifen von Benghazi an: 
halten und dorthin zurüdbringen laffen. Die Erlaubniß, feine 
Reife fortzufegen, ift ihm verweigert worden. Es find das 
zwei neue Beweiſe dafür, wie erregt die Stimmung der Ver 
völferung von Türkiſch-Afrila gegen die Europäer if, feitdem 
die Franzosen Tumis befett haben. 

— Die Matabele zwiſchen Zambefi und Limpopo — 
Sagt Frank Dates in feinem Neifewerfe, ©. 152 (f. oben 
©. 15) — halten zwei andere Bölfer, die Makalaka und 
Maſchona, in Knechtſchaft, welche weit erfinderifcher und 
in ben Künften erfahrener find, als ihre Unterbrüder, da fie 
ſchon feit Menichenaltern Bergwerke betreiben, Metalle be: 
arbeiten und Stoffe weben. Doch find fie noch nicht alle 
unterworfen; fonbern Lobengula, der Matabelekönig, ſendet 
beftändig Kriegertrupps aus, welche jenen das Vieh wegnehmen, 
bie alten Leute töbten und die Kinder in die Sklaverei 
ſchleppen. Lettere wachſen dann in ben Familien der Mata— 
bele auf, werden bei Erlangung des heiratbsfähigen Alters 
frei und in die Nation aufgenommen, wodurch Lobengula’s 
Volt und Macht benändig zunimmt. Die Sklaven nennen 
diejenigen unter ihren Befiegern, denen fie zugetheilt worben, 
Vater“, und müſſen für diefelben arbeiten, werden aber mehr 
wie angenommene Kinder behandelt. Viele von den Lnter- 
jochten treten jedoch auch nicht in die Nation der Matabele ein, 
fondern bürfen unter einem Matabele: Häuptling für fi 
weiter leben, 


Auftraliem 

Mr. I. W. Jones, der Vice Generalfeldmefler der 
Kolonie Südauftralien, fehrte Ende April diejes Jahres von 
einer Reife zurüd, welche er im Anftrage feiner Regierung 
von Hergott Springs, der Endftation der Norbbahn in 30° 
ſüdl. Br. und 137% 54° öftl. L. Gr, in nordöſtlicher Richtung 
bis zur Grenze von Queensland anf Kameelen unternommen 
hatte. Die Gegend, welche man zunächſt paffirte, war eine 
fehr traurige; es fehlten Wafter, Graswuchs und Bäume, von 
letteren ſah man nur eimige Schlechte Eremplare der unter 
dem Namen Boxgum befannten Eulalyptenart. Grit als 
man ben Cooper erreicht hatte, trat eine Reränberung zum 
Beſſern ein, wenigftens fand man die Richtungen, welche der 
Lauf des Waſſers in den Flutbzeiten nimmt, mit Boxgums 
bejäumt. Der Lafe Kilalpaninna am Cooper (23° 30° jüdl. Br. 
und 138° 50’ öfıl. 2. Sr.) war durd die vorjährigen Fluthen 
zu einer großen Waſſermaſſe angewadhlen, welche aber anfing 
jalzig zu werden. Bon Kilalpaninna aus ging die Reiſe nord⸗ 
wärts über eine jehr traurige, waſſerloſe Gegend, wo feinichte 


Ebenen mit rothem Sandftein abmwechlelten. Jenſeit Comarie 
und Berlino fam man auf Ebenen, welche den Fluthen aus- 
gefetst find, und wo zahlreiche Wafferlöcher eriftirten, beren 
Inhalt jedoch jalzig war, Reihen von Boxgums zeigten ſich, 
und aud der Graswuchs wurde ein beiferer. Damit war 
man an ben unteren Lauf bes Diamantina Creek gelangt, 
häufig unrichtiger Weife Warburton, auch wohl Salt Ereef 
genannt, beffen ganzes Thal ausgezeichnetes Weibeland ent: 
hält. Man verfolgte daſſelbe bis in bie nordöſtliche (de, 
welche fih von Südanftralien in das Gebiet von Diueens- 
land hineinzieht, und fand viele tiefe und ſehr tiefe Waffer- 
Löcher von zum Theil betrüchtlichem Umfange, in denen fi 
das Fluthwaſſer angefammelt und vollhändig friih und 
genichbar erhalten hatte. Diele ganze Norbofiede von Süd— 
auftralien, bemerft Mr. Jones, hat ziemlich gleiches Niveau 
mit dem Meereöfpiegel und bildet eine große Ebene, welche 
nad) der biäherigen Beobadjtung alle vier oder fünf Jahre 
von den aus Queensland heranfirömenden Fluthen über 
ſchwemmt wird. Die letzte Fluth fand im März 1881 ftatt. 
Das Waffer wird theils in den tiefen Waſſerlöchern anf: 
gefangen und feftgehalten, theild — und das gilt von dem 
größern Theile — breitet es ſich auf den flachen Boben- 
fenfungen der Ebene aus, flagnirt und verbunftet bald, theils 
fidert es in Sandboden und wird brad. Bei gewöhnlichen 
Fluthen dringen die Waſſer meift nur gegen 65 kın vor, ba: 
egen bei ftarfen, wie bie vorjährige war, erreichen fie Lafe 
Eure im Werten. 

Mr. Jones beiuchte dann noch bie im vorigen Jahre in 
ber nordweſtlichen Ede der Kolonie Queensland entdedten 
Mount Browne- oder, wie die Regierung fie benannte, 
Albert: Goldſelder. Sie liegen im Grey Range in 20° 30’ 
fühl, Br. und 1419 30° öſil. 8, Gr. Es wird dort Golb im 
Alluvium (biöher im Wertbe von 845000 Mark) und in 
Duarz gefunden. Die Onarzrifie follen an Gold ſehr reich 
fein, doch waren bie zu deren Bearbeitung nöthigen Dampf 
mafchinen u. f. w. noch nicht angelangt. Einen jehr großen 
Uebelftand bildete der Waffermangel. Da bie dortige Gegend 
in weitem Umfreife nicht unter Kultur if, weil fie mit 
fulturfähig ift, fo mußten bie Lebensmittel und anderen Ber 
ditrfniffe ans großer Entfernung — meiftend von Wilcannia, 
einem blühenden Städtchen am Darling: Fine in 31° 30’ 
fübl. Br. und 143° 30° öfl. 2. Gr., aber auch aus Süd» 
auftralien auf Kameelen — durch die Wildniß herbeigeichafit 
werben, Daß in Folge deffen große Thenerung herrſchte, iſt 
jelbitverftändlich. 


BSüdbamerife 

— Der Senat der vereinigten Staaten von Columbia 
hat im April einen Geietesvorihlag Tanktionirt, wonach bie 
Einiammlung von Berlmutter vermittelt Maichinen in 
der Bai von Panama unterfagt wird, Er bezweckt bie 
Perlenfiicherei, die von Jahr zu Jahr geringere Ausbeute 
gab, vor gänzlichem Nuin zu bewahren, da ſich die Perlmuſchel 
immer feltener vorfand. 





Inbalt: Leadville in Colorado I. (Mit vier Abbildungen.) — F. Blumentritt: Die Erfteigung des Vulkans 


Apo anf Mindanao durch Dr. A. Scadenberg und Dr. 


— Südamerifa, (Schluß der Nedaction 30. Juni 1882.) 


D. Koch. — 
ſchen Aufnahmen im Jahre 1880 bis 1881. — Die Chinefen in Victoria. — Ans allen Erdtheilen: 


E. Mesger: Gedebus und Sintren. — Die indir 
Afrila. — Auftralien. 


Reracteur: Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lintenftraße 11, II Tr. 
Druck und Verlag von Friedrich Bieweg und Sohn in Braunfchmeig. 


Dierzu zwei Beilagen: 1. Literarifcher Anzeiger Mr. 4. — 2. Profpeet: Handbuch der Öpgiene und ber Gewerbe: 
Irankbeiten. Mebdicinifcher Verlag von F. C. W. Vogel in Leipzig. 


Band XL. 


—ñ— 


Mit beſonderer Berückſichtigung der Anthropologie und Ethnologie. 


⸗ 





Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fachmannern herausgegeben von 


Dr. Richard Kiepert. 











Braunſchwei q Jahrlich 2 Bände à 24 Nummern. Durch alle Bucsfandlungen und Pofanfalten 889, 








— 





Leadville 


zum Preiſe von 12 Mark pro Band zu bezichen, 


in Colorado, 


(Sämmtlice Abbildungen nach Photographien.) 


Veadvilles Gefchichte beginnt im Jahre 1878. Der 
Bad), welcher den Ort durchſtrömt, der California 
Gulch, enthielt Gold im feinen Alluvium, was nad) Cali- 
fornien wandernde Bergleute im Jahre 1860 von India— 
nern in Erfahrung brachten. Raſch ftrömten 10000, 
20000 und noch mehr Yeute zufanmen und follen über 
15 Millionen (Dollars?) an edlem Metalle gewonnen 
haben. Dann aber war der Borrath erichöpft, ebenjo 
raſch, wie fie gelommen, verlief fic) die Menge wieder, um 
anderwärts ihr Glück zu verfuchen, und bie junge Stadt 
Oro⸗City (ihre Stelle ift auf dem Plane S. 66 angege- 
ben) fanf wieder in das Nichts. Nur zwei Pionniere, Ste: 
vend und Wood, hielten aus und juchten zwei volle Jahre 
lang im Bachbette nad) neuen Yagern; in ihrer Einöde ver- 
foren umd gezwungen, die nöthigen Yebensmittel mehrere 
Tagereifen weit herbei zu holen, geriethen fie öfter als ein- 
mal in die Gefahr Hungers zu fterben. Beim Bearbeiten 
des goldhaltigen Sandes aber fanden fie oft Geröllſtücke, 
welche ihnen durch ihre Schwere aufſielen. Man hatte 
diefelben früher als „ichwere Porphyre* bezeichnet, aber als 
nutzlos fortgeworfen. Stevens und Wood beidjloffen end» 

lich, diefelben analyfiren zu laflen; es waren allerdings 
Porphyre, aber ſchwer mit Metall durdjjegt, ein außer: 
gewöhnlich reiches filberhaltiges Bleierz. 

Ohne von ihrer Entdeckung etwas zu verrathen, juchten 
fie nad) dem „Auslaufen“ der Erzader, und als fie daſſelbe 
gefunden hatten, fauften fie eine Konceſſion und begannen 
im Frühling 1876 mit deren Ausbeutung. Bald verbreis 


Globus XLII. Nr. 5. 


tete fi) das Gerücht von ihrem wunderbaren Funde, und 
von allen Seiten ftrömten wiederum die Bergleute nad) 
der neuen „Bleiftadt“. Im DOftober 1878, 18 Monate 
nad) Vollendung der erften Behaufung, zählte. Yeadville eine 
Bevölkerung von mehr als 10 000 Einwohnern, 6 Gaft- 
höfe, 2 Kirchen, 2 Zeitungen, 2 Theater, eines für Yuft- 
fpiele, das andere flir Operetten, und Haffechäufer und Trink⸗ 
ftuben ohne Zahl. In der Bleiprodbuftion trat eine voll: 
ftändige Revolution ein, deren folgen überall, wo man 
diefes Material ausbentete, ſich fühlbar madjten. 

Leadville verdankt feinen Reichthum der ganz eigen= 
thümlicen geologischen Bildung des Bodens und der 
merkwürdigen Anordnung der von Stevens und Wood ge- 
fundenen filberhaltigen Ader. Diefelbe hatte eine Neigung 
von etwa 16 Grad, Die neuen Ankömmlinge, weldye hös 
her am Bergesabhange hinauf zu arbeiten anfingen, glaub: 
ten, jie müßten mindeftens 500 Fuß tief graben, um fie zu 
erreichen; aber aller Erwartung zuwider trafen fie diefelbe 
ſchon 10 Meter unter der Erdoberfläche, nachdem fie kaum 
100 Dollars Ausgaben gehabt Hatten. Durch foldyen uns 
verhofften Erfolg ermuthigt, geuben andere nod) höher nach, 
und es wiederholte ſich daffelbe Spiel. Endlich arbeiteten 
wieder andere unterhalb des erſten Jutagetretend der Ader 
und ftießen and) dort gegen alle Kegel auf fie. Das ganze 
Thal ſchien alfo aus Erz zu beftehen, weldes im Durd)s 
fchnitte 60 Procent Blei und 50 Unzen Silber auf die 
Tonne enthielt. Es war eine Quelle des Reichthums ges 
funden, die Schwindel erregen konnte. 


9 


66 


Ein Terraindurchſchnitt genügt um die Erflärung diefer 
Erfcheimung zu geben. In einer um circa 16 Grad qes 
neigten Spalte hat eim mit mineraliſchen Beftandtheilen 
erfülltes Waſſer das Erz abgejegt; ſpäter erfolgte dann eine 
Hebung, weldje das Terrain disloeirte und demfelben die 
Form einer Treppe gab, deren Stufen aus dem in Stüde 
gebrochenen filberhaftigen Gange bejtehen. Die Bertie- 
fungen zwifchen den Stufen füllten ſich allmälig mit her 
abgejchwemmten Grunde und Boden und zuletzt bededte 
die Vegetation das Ganze mit ihrem griinen Mantel, Bis 
zu Laveleye's Beſuch (1578) hatte man die Ader im fünf 
verſchiedenen Niveaus gefunden, und demgemäß gab es fünf 
Stodwerke von Gruben über einander. Wäre die Ader 
nicht gebrochen geweien, fo hätten ſich in Yeadville einige 
ſocher riefigen Bermögen erwerben fajlen, wie in der Com— 
ftod»Yode; jo aber find in Yeadville die Glückslooſe zahl- 
reicher, aber weniger anſehnlich ausgefallen. 

So hatte ein einfacher Handwerker das Glück gehabt, 
die zweite Stufe des Erzganges zu entdeden und hatte jei- 
nen Antheil an der Konceſſion Yittle Pittsburgh für 250 000 


Seadville in Colorado. 


Dollars verfauft. Ein anderer, ein Chemiker zehnten Ran— 
ges, ernährte ſich damit, die gefundenen Erze oberflächlich 
zu prüfen. Ein Bergmann, welcher die fiir die Analyje 
geforderten zehn Dollars nicht beſaß, trat ihm ftatt deriel- 
ben ein Viertel feiner Konceſſion ab, deſſen Werth ſich 
ſchließlich auf 20 000 Dollars herausftellte. Diele brachte 
der Chemiler in Paris durch und machte ſich dann im der 
Hoffnung auf einen noch gunſtigern Glidswurf wieder an 
die Arbeit, 

Als oberter Herr herricht hier die Spekulation. Der 
Arme kann morgen reich fein, ſei es, daß er eine Ader fin 
det, ſei es, daß der Werth der Grube, an welcher er einen 
Autheil getauft hat, rapide fteigt. Denn hier fpielt jeder, 
wenn er aud) fleißig arbeitet. Während des ganzen Abends 
herrſcht itberall die größte Erregung. An der Bar des 
Gaſthofes ein ftetes Gehen und Kommen und draußen auf 
den bedediten Bürgerfteigen drängt Sid) die Menge; ein 
Wagen, von welchem mißtönende Blechmuſik ertönt, führt 
bei Fackelſchein und von einer dichten Menſcheumaſſe ges 
folgt durch die Straße und macht Reklame für die abend- 





Umgebung von Leadville. 


liche Iheatervorftellung. Endlich) wird es Still und Alles 
ichläft, um bei Tagesgrauen feine fieberhafte Thätigkeit wie 
der aufzunehmen. 

Am nächſten Tage begann Laveleye feine Wanderung 
mit einer Mufterung der Straßen, welche ſich, wie üblich, 
in rechten Winkeln ſchneiden. Noch ſtoßen die Hänfer 
feineswegs an einander; namentlich an der äußern Peris 
pherie des Ortes zeigen ſich noch weite unbebaute Pläte, 
die mit Felsblöden, Seftriipp und umgeſchlagenen Baum— 
ftämmen bededt find. Aber überall find bereits die Stra— 
ben mit ihren hölzernen Birgerfteigen auf beiden Zeiten 
ausgeftedt: Niemand ſcheint daran zu zweifeln, daß jie 
bald voller Häuſer ftehen werden. Yäden und Kaufhallen 
finden fic vornehmlich in der Hauptitrafe, und dort tritt 
and) die Mifchung vorgefchrittener Civiliſation und primis 
tiver Wildheit mit allen ihren Gegenſätzen am ſchärfſten 
hervor. Da ficht man ein Magazin, deſſen Schaufenjter 
mit den neueften, eben aus New ort gefommenen Moden 


Hüte, Nähmafdyinen, tauſenderlei Bhantaficartifel aus Nidel, 
Zilber, Gold und Juchten zu fabelhaften Preifen; aber der 
gluckliche Miner ficht nicht fo genau daranf hin, Daneben 
liegen Vergmannsfleider aus grober Yeimwand, große 
Gummiſchuhe, Aerte and Haden, Pulver und Kugeln. 
Weiterhin ein Ehwaarenladen, wo fogenannte feine Weine 


| 





5 
J 


und Leckereien nicht fehlen; das Schaufenſter füllt eine 
fünjtlich aufgebaute Mauer von Konſerveblichſen, welde 
in Diefen abgelegenen Gegenden eine Hauptrolle jpielen; da 
findet man allerhand Früchte, Reine-Claudes, Kirichen, 
Ananas, Sardinen, Hummern, Sänfeleberpafteten, und an 
der Thüur den noch bintenden Yeichnam eines braunen Bü: 
ren, dem zwei Jäger, die Helden des Tages, geftern erlegt 
und zur Stadt gebradjt haben. Die noch ungepflajterten 
Straßen find vor den Häuſern mit zahlreichen alten Käſten 
und Scadjtelu, näher dem Walde nod) mit großen Steinen 
bedeckt. Des Abends werden nur Kerzen gebrannt; denn 
ein mit Petroleum befadener Wagenzug wird erft erwartet: 
augenblicklich beſitzt Yeadville nicht einen Tropfen Del, und 
bleiben die Wagen noch zwei Tage aus, fo müſſen ſich feine 
Einwohner mit Sonnenuntergang zu Bette legen. 

Sodann beſuchte Yaveleye einige Anftalten, wo das Erz 
verarbeitet wird. Gewöhnlich war fein Empfang ein fehr 


‚ guter und höflicher, wie z. B. in dem Etabliſſement Ya 
gefüllt iſt; Halbitiefel mit Haden à la Louis XV., Pariſer 


Plata; anderwärts antwortete man ihm aber: „Sie find 
Ingenieur, jagen Sie — danıı müßten Sie ja die Behandlung 
des Erzes fennen, und es iſt alſo unnöthig, fie Ihnen zu 
erllären. Wenn Sie fie aber nicht fenmen iſt es ebenſo 
unmit; denn aladann wilrden Sie doch nichts von meinen 
Auseinanderſetzungen verftchen.* 

Mit Eifer beſuchte Yaveleye dann die Gruben filberhals 


Leadville in Colorado. 67 


tigen Bleies, welche ja das Hauptziel feiner Reife waren; | hinter Ycadville fich ansdehnenden Tannenwald durdyichreiten; 
doc; heilt er über dieſe technifche Seite nur Weniges mit. | ein Pfad windet fich durch denfelben hindurch und endet 
Um die Ansbeutungsftellen zu erreichen, muß man den plötzlich auf einer Lichtung. Viele Bänme find dort nicders 





Durchſchnitt durch die Grube Iron Mine. 


geichlagen und liegen zumeist mod) auf dem Boden umher. | Schuppen zum Auffpeichern des Erzes und eine hölzerne 
Auf dem freien Plage ſtehen einige hölzerne Häuschen, ein | Welle, welche durd) ein Maulthier in Bewegung gejegt 





Durchſchnitt längs der Linie AB im obenftehenden Plane. 


wird und das im der Tiefe gewonnene Geftein zu Tage | die vielleicht Millionen abwirft, Das größte Intereſſe ge: 
fördert. Darans. beteht der geſammte Apparat einer Grube, | währt die „Iron Mine“, welche zuerft entdedt wurde und 











Little Pittsburgh. 


als Typus hingeftellt werden fan. Der Direltor, natürs | nody auf harter Unterlage, aber in einer Mahagenibettitelle; 
lic) ein „General“, empfing den Franzoſen mit großer | man ift von hölzernen Tellern, aber dafür auch Gänſeleber— 
Freumdlichfeit und Ind ihm ein, bei ihm zu eſſen und zu | pafteten und eingemachte Ananas, Am Eſſen nahmen die 
wohnen, was jener dankbar annahm, Man fchläft hier | Steiger und zwei „Gaptains* Theil, aus deren Geſpräch 


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Leadville in Colorado. 


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trafie in Leadville. 


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Leadville in Colorado, 69 


fi) einige intereffante Thatſachen ergaben. Augenblicklich 
gerade ftodte der Betrich zum Theil wegen „Ufurpatoren“ ; 
fo heißen Bergleute, welche behaupten, daß das in Leadville 
ſich findende Erz in Flötzen und wicht in Adern vor— 
komme. Im legterm Falle ift jede Konceſſion auf ber 
Oberfläche anf 100 Fuß in der Fänge und 30 Fuß in der 
Breite befchränft, kann aber nach der Tiefe beliebig weit 
ansgebeutet werden, während in erfterm Halle der Eigen 





thumer die Grenzen der Konceſſion an der Oberfläche wicht 
überfchreiten darf. Die Ufurpatoren haben fich demgemäß 
100 Fuß tief unter der Stelle, wo die Iron Mine zu Tage 
tritt, feſtgeſetzt, die Ader im diefer Tiefe getroffen und beu- 
ten diefelbe and. Ein Proceß ift zwar in Denver anhän- 
gig gemacht; aber mittlerweile fünnen die Befiger der Iron 
Deine ihre Schächte weiter treiben, ohme auf die Uſurpa— 
toren zu flogen und mit denfelben einen untericdifchen 


* 
ee Kur 


Ein Bergwerk in Leadville. 


Kampf mittels Flinten und Mevolvern zu beftchen. Da 
fie alle Ausſicht haben zu gewinnen, fo warten fie lieber 
ab, mitffen aber einftweiler es jic gefallen laſſen, daß man 
ihnen ihr foftbares Erz vor der Nafe wegholt. Sie be 
ſchäftigten damals 60 Arbeiter, die täglich 12 Mart nad) 
unferm Gelde verdienten. Es ift das der von dem Arbei— 
tern felbit feftgefetste Preis, unter welchen niemand feine 
Arme anbieten darf. Wer es dennoch veriudjte, witrbe ge: 
zwungen werben, die Gegend jofort zu verlafien, oder durch 


eine Kugel am feine Pflichten unfanft erinnert werden. An 
den Endjtationen der in der Richtung auf Leadville fithren« 
den Bahnen befinden fich Agenten, welche die den Ziigen 
entſteigenden Arbeiter fiber die Bedingungen, die fie den 
Urbeitgebern zu ftellen haben, unterrichten. 

Das Erz jelbft enthält mitunter bis 600 Unzen Silber 
anf die Tonne und 30 bis 60 Procent Blei. Es ift das 
allerdings cin ansnahmeweife reicher Gehalt; aber man 
findet dort ſchon für gewöhnlich jo viel Blei, daß deflen 


70 Leadbille in Colorado. 


Preis gegenwärtig außerordentlich niedrig ſteht. An Lead— 
ville loſtete zur Zeit von Lavelche's Anweienheit die Tonne 
nur 80 Mark, während fie unlängſt das Vier bis Fünffache 
gegolten hatte. Die Menſchen können ſich aljo jegt ein- 
ander jchr viel billiger todtichiehen. 

Von feinem Gicerone begleitet, beſuchte Yaveleye erft 
deſſen Mine und dann cin paar andere, zu denen ihm jener 
den Antritt vermittelte. Die Arbeiten waren damals noch 
fast durchweg nicht tief im die Erde eingedrungen, und das 
war and; bei der Iron Mine der Fall. Ein gut ausge 
zimmerter Gang, worin eim großer Mann bequem fich be- 
wegen kann, führt mit unmerklicher Senkung etwa 100 m 
in die Erde hinein. Zum Förder des Erzes werden auf 
Schienen laufende nd von Maulthieren gezogene Wägel- 
hen beugt. Nach vechts und linls zweigen fid) Gänge ab, 
welche das anszubentende Nevier in lange ſchmale Streifen 
theilen, welche an zwei oder drei Stellen zugleich in An— 
griff genommen werden. Die Arbeit ift ſehr leicht, da das 
ſehr poröfe und zerreibliche Geſtein an den reicheren Stellen 
ſich fast im Form von Staub, an den ärmeren in Blöcken 
von einigen Pfunden Gewicht loslöſt. Die einzige Gefahr 
droht von Einftürzen, gegen welche mar ſich durch Ans: 
zimmern der Gänge fchligt. 


— — 





— 
I TREERSTERTENIG 


act 


Sehr eigenthümlich ift das 


Ausſehen des Erzes; die reichen Partien beftchen aus einem 
bläufichen Sande, der den Bergleuten alt „blue sands“ 
wohl bekannt iſt, einem Gemiſche von tohlenfanrem und 
chlorhaltigem Wei, weldyes bis 600 Unzen Zilber auf die 
Tonne enthält. Doch kommt ein foldyer Schalt nur ganz 
ausnahmsweije vor. Cine Grube ift um jo werthvoller, 
je mehr blue sands fie enthält, 

Darunter liegt eine Kruſte von Cifenperomd, die mit 
fohlenfanven Blei durchſetzt ift, und mod) tiefer Salt, taubes 
Geſtein, das das Erz umschließt. Ueber der eigentlichen 
Ader liegt Porphyr, der im Kontakt mit dem Erze im einen 
feiten, undurchläſſigen Thon verwandelt iſt; derjelbe ſchützt 
zwar die Gruben gegen das Durchſickern von Waſſer, hat 
aber geringe Konſiſtenz und neigt zu Einſtürzen. Dieſer 
Thon iſt durch die Salze der Metalle auf die verſchiedenſte 
Weiſe gefärbt und weiſt alle Töne von Braun und Gelb, 
von Terra di Siena bis zum Maisgelb neben und durch 
einander auf; einzelne Stellen find durch Kupfer prachtvoll 
blan gefärbt, Diefer zerfegte Porphyr verkiindet die Nähe 
der abbanwiirdigen Ader; mehr als ein von jahrelangen 
Arbeiten amd Entbehrungen gebräunter Bergmann tft vor 
Freuden hoch aufgeiprungen, als er die erfte Schaufel voll 
jener blauen Erde hevanchob. 


Ya Plata. 


Unter anderen beſuchte Yaveleye von Yeadville ans eine 
Grube filberhaltigen Vleies, die Mooſe Mine, eine der 
arößten Merkwürdigkeiten der Gegend amd vielleicht das 
höchitgelegene Bergwert auf Erden. Sie liegt 13.500 
Fuß hoch auf einem Gipfel der Nody Mountains; in Eu— 
vopa wlirde der ewige Schnee Arbeiten in folder Höhe un— 
möglic, machen. Die einzige Sefahr droht dort vom Winde, 
der mitunter ftart genug iſt, um die zum Erztransporte 
verwendeten Ejel und Maulihiere in die Schluchten neben 
dem Wege zu ftlirgen. Etwa 50 Berglente leben in jener 
Einöde anf dem fahlen, ſturmgepeitſchten Gipfel, in Woh— 
nungen, die zur Hälfte in Felſen ansgchöhlt find. Höchſtens 
zwei oder drei Mal monatlich freigen fie im die Ebene hinab. 
Im Winter find alle Verbindungen oft mehrere Tage lang 
durch heftige Orkane unterbrochen, weldye rieſige Felsblöchke 
von den Abhängen des Berges loslöſen und jeden, der ihnen 
zu trogen wagte, unfehlbar im ihrem vajenden Wirbel da: 
von führen wilden. j 

Die Grube felbjt iſt dadurch merkwürdig, daß der in 
den Schachten wehende falte Luftſtrom jede Feuchtigleit ſo— 
fort in Eis verwandelt, und die Wände deshalb mit einer 
dicken Eisſchicht überzogen find. Eiszapfen finden ſich wicht, 
ſondern eine zahlloſe Menge kleiner Eisblättchen, die ſich 
nad) allen Richtungen hin krenzen, bald jein und zierlich 


wie die Flügel eines Zchmetterlings, bald die Aederchen des 
feinften Blattes nachahmend; ein zanberhafter Aublid! 
Nimmt man ein foldjes veizendes Gebilde in die Hand, fo 
ſchmilzt es fofort und es bleibt nichts als ein Tröpfchen 
reinen, funtelnden Waſſers. 

Die Arbeiter erhalten hier oben täglich einen Lohn von 
11°/, Mark und braahlen 3’, Mark Penfion, Cie Inden 
Laveleye freundlich zu ihrem Mittagemahle cin, das nichts 
zu wünfcen übrig lieh. Es gab Suppe mit gebämpften 
Auſtern, geſchmortes Rindfleiſch, Hanmelbraten, dreierlei 
Gewlije, ala Nachtiſch ein vorzügliches Wlanc-manger und 
einen Nabinetspndding, dazu Thee und Kaffee nach Belichen, 
aber keinen Schnaps. Denn der in Amerika weit verbreitete 
Kampf gegen den Allohol wirft bis in diefe Höhe fort. 

Leadvilles Zukunft iſt noch ungewiß. Niemand ver 
mag zu jagen, ob es daſſelbe Schickſal wie feine Vorgänge« 
rin Oro⸗City haben und vom Erdboden wicder verſchwinden 
wird, oder ob die Erzlager jo bedeutend find, daß fid) in 
Folge dejien eine dauernde Stadt dort bilden wird. Wir 
reich und werthvoll das Yager ift, beweift der Umſtand, daß 
im Jahre 1880 von Yeadville anfer dem Blei fir 
60100612 Mart Silber ausgeführt wirrde, und daß troß- 
dem zwei Gruben ſich erichöpften, eine andere ausbrannte 
und Arbeitseinftellungen von ‚oft langer Taner dazwiſchen 


Prof. Richard Greeff: 


famen. Faſt jicher ift es, daß binnen kurzer Zeit Leadville 
an die Stelle von Comftod-Yode, deſſen Ertrag reißend abs 
nimmt, treten wird. Colorado wird wahrſcheinlich Nevada 
überholen und der erfte unter allen mtetallproducirenden 
Staaten der Union werden. Die Vollendung der Eifen: 
bahnen wird die Thätigfeit erhöhen, da alle Materialien 
und Yebensmittel bedeutend im Preiſe finfen werden; allein 
je vollfommener die Mittel zum Ausbeuten werden, um fo 
rajcher wird aud) die Ader erichöpft fein. Die Amerikaner 
bearbeiten ihre Gruben jo energiſch, daß fie bald alles, was 


Die Gapverdijchen Inſeln. 71 
darinnen ftedt, herausgeholt Haben. Sollten die Adern 
nichts mehr hergeben, jo verſchwände Yeadville von der Erde; 
denn fein Menſch wiirde noch länger in jenem abgelegenen 
Winkel der Felfengebirge in mehr als 10000 Fuß Höhe auss 
harren. Erſt wenn die wachſende Bevölkerung definitiv 
die Umgegend in Befig genommen und die „Parks“ be 
fiedelt hätte, witrde es wieder Einwohner befonmen. Die 
Generation, welche die „Königin des Bleies“* hat entftchen 
ſehen, wird vielleicht auc) ihren Tod noch erleben. 


Die Capverdiſchen Inſeln. 
Von Prof. Richard Greeff. 


III. 


Neben den vielen neuen und mir in hohem Grade in— 
tereffanten Erjceinungen auf S. Thiage nahmen noch 
meine befondere Aufmerlſamleit das naturhiftoriiche 
Muſeum in Praia und vor Allem die feit einiger Zeit 
hier errichtete meteorologifhe Station in Anjprud). 
Das Erftere ift das Unternehmen eines ftrebfamen und ges 
bildeten Kaufmannes von Praia, der, unterftügt von dem 
gleichgejinnten Theil feiner Mitbitrger, mit großem Gifer 
und Geſchick die naturhiftorifc merkwürdigen Gegenftände 
feiner heimathlichen Inſeln geſammelt und in einem be— 
fondern Haufe aufgeitellt hat. Schr reichhaltig ift nament- 
lich die mineralogijche und geologiſche Sammlung, auch die 
meiften der der Intel eigenthiimlichen Pflanzen find, zum 
Teil in Gläſern mit fonfervirenden Flüſſigkeiten, aufge: 
ftellt und fo vorzüglich in Form und. Farbe erhalten, als 
ob fie lebend feien. Durch die feit einigen Jahren, wie 
früher bemerkt, an der Küſte von ©. Thiago betriebene 
Korallenfiſcherei iſt der Sammlung and) ein ziemlich veis 
ches Material an Seethieren des Meeresguundes, Korallen, 
Seeigeln, Seefternen, Mollusten, Witrnern ıc., zugeflofien ; 
nicht minder vollftändig find die im Meere von S. Thiago 
vorfommenden Fiſche und Krebſe vertreten, und endlich auch 
findet ſich eine hübfche Sammlung über die an Formen 
nicht ſehr zahlreiche, aber in mandjer Bezichung intereſſante 
Yandfanna der Infel, kurz das Heine Muſeum von Praia 
ftellt, zumal es auch eine Anzahl von ethnographiichen Ge— 
genjtänden, ben Infeln fowie der gegenüberliegenden Klifte 
von Afrita entftammend, enthält, einen wahren Scas dar, 
der dem ftrebfamen Sinn der Bewohner zur Ehre gereicht 
und ein ausgezeichnetes Material zu genaueren naturwiſſen⸗ 
ſchaftlichen Studien über die Juſel S. Thiago und bie 
Gapverden überhaupt bieten würde. 

Nicht geringere Anerkennung und Beachtung verdient 
die flir die Kenntniß des Klimas der Capverdiichen Inſeln 
und der tropiichen Rordoftpaflatregion Weſtafrikas höchſt 
werthvolle meteorologiſche Station von S. Thiago. 
Scyon feit mehreren Jahren wurden durch den in Praia 
ftationirten Militärarzt I, Klaſſe, Herrn Jacinto Augufto 
Medina, den Vorſteher des großen und vortrefflic, einge: 
richteten und geleiteten Hospitales von Praia, meteorolo- 
giſche Beobachtungen angeftellt. Die hierfür früher beſtimm⸗ 
ten Räume in dem Hospitale ſelbſt waren aber nicht aus: 
reichend und wenig günftig gelegen. Seit dent Jahre 1874 
hat mem der Gouverneur der Jnſel die Einrichtung einer 
offiziellen meteorologiſchen Station mit einem befondern 


Obfervatorium in einem am Eingange zu den Militär 
fafernen gelegenen Thurme angeordnet und diefelbe wieder: 
um Herren Medina, dem ſachtundigen und bewährten bis— 
herigen Yeiter derfelben, anvertraut. Herr Medina hatte 
die große Freundlichkeit, mid, in dem das Obfervatorium 
enthaltenden Thurme, der frei über die übrigen Gebäude 
hervorragt und von dejjen Höhe man eine weite, herr 
liche Ausfict über Meer, Stadt und Anfel genieft, ſelbſt 
umherzuführen und mir feine Beobachtungen und Inſtru— 
mente zu erläutern, ja, mir einen genauen Einblick in die 
von ihm geführten Witterungstabellen zu geftatten. Ich 
gewann hierdurd) die Ueberzeugung, daß die meteorologiſche 
Station von Praia nicht bloß in Bezug anf die Yage des Ob- 
fervatoriums, die Einrichtung und das Inſtrumentarium 
defjelben x. allen Anforderungen entfpricht, fondern daß 
vor Allem auch die Beobachtungen, im Rücſicht auf die 
Sorgfalt und Treue, mit der fie ununterbrochen geführt 
worden find, die höchite Anerkennung verdienen, und fomit 
eine fichere Baſis bieten zur Beurtheilung des ſehr merk 
witrdigen Klimas der Capverdifchen Infeln. Es ward da— 
mals ſchon im mir der lebhafte Wunſch rege, diefe intereſſan— 
ten Tabellen nad) ihrer Veröffentlichung zur weitern Mit- 
theilung benutzen zu können. Jetzt find die vollftändigen 
Beobadjtungsreihen aus den Jahren 1878 und 1879 in 
dent von dem Gouverneur der Capverdiichen Inſeln an die 
portugiefische Regierung erftatteten amtlichen Berichte mit 
aufgenommen. Durch befreundete Vermittelung ift mir ein 
Eremplar diefer werthvollen Berichte überfandt worden, ans 
denen die folgenden Witterungstabellen, die in befonderem 
Mafe geeignet find, das Klima der Capverden zu illuftriven, 
entnommen find. 

Ans den beiden nadjitehenden Tabellen iiber die Wind- 
richtungen in Praia während der Jahre 1878 und 1879 
erfennen wir nad) einiger Prüfung alsbald eine ſehr merk: 
witrdige und für das Klima der Gapverden bedeutjane 
Thatſache, nämlich die fait ſouveräne Herrſchaft des Nordoft- 
paflates auf diefen Inſeln, entweder in feiner Hauptrich— 
tung als veiner Nordoſt oder im feinen Abweichungen bis 
nach Nord und Oft. Im Fahre 1873 wehte dev Wind 
ans diefen Nichtungen, näntlich aus NO,ONO, O und ans 
dererjeitsN NO, N an 271, im Jahre 1879 an 278 Tagen, 
allein aus NO 1878 an 123, 1379 an 134 Tagen. Bier: 
gegen treten, zumal wenn wir mod) die 39 windftillen Tage 
des Jahres 1878 und 13 von 1879 berücſichtigen, die ſüd— 
lichen und weitlichen Winde ats fat völlig bedentungslofe 





72 Prof. Richard Greeff: 


Die Gapverdiichen Inſeln. 


Windrichtung in Cidade da Praia auf der Capverdifchen Infel S. Thiago in den Jahren 1878 und 
1379 nad) Beobachtungen von Jacinto Auguſto Medina in Praia. 


Windrihtung im Jahre 1878, 












September . . 
Dfttober . 
November . . 
December . . 


— 
tlimatiſche Faltoren in den Hintergrund. Die im Folgenden 
nach diefen Tabellen dargeftellten Windrofen werden ung 
amı beften und im der That in überraſchender Weiſe dieſes 
merkwürdige Verhältniß veranfchaulicen, das nicht bloß die 
Hauptwindricytungen für die Jahre 1878 und 1879 dar: 
ftellt, fondern als ein muftergiltiges dev Capverden ange 
jehen werden kann, denn wie man fic durch Vergleich mit 
den in früheren Jahren von Herrn Medina in Praia ans 
geftellten Beobachtungen überzeugen kann, ift diefe Herr: 


N 


| 





——— 


NW 


sw so 


s 
Windrofe für die Capverdifche Inſel S. Thiago im Jahre 1878. 


Nicht minder intereffant find die von Herrn Medina 
gewonnenen anderen meteorologiſchen Beobachtungsreſultate 
insbefondere über die Temperatur umd den Yuftdrud. 

Die Yufttemperatur der Capverden wird im Wefents 
lichen beſtimmt durd) die injulare Yage mitten im Meere 
und innerhalb der Tropenzone (zwifchen 14% 25° und 17° 
13° nördl. Br.). Der legtern verdanken die Infelm ihre hohe 


Windridtung im Jahre 1879 





| 





Winpdftille 







November . . 
December . . 


| Co eg re 





ſchaft der morböftlichen Winde refp. des Nordoftpaffates mit 
ſehr geringen Abweichungen, die meiftens nod) zu Gunften 
des legtern eintreten, Jahr für Jahr vorhanden. Da die 
Gapverdiichen Infeln aber mitten in der Nordoftpaffat- 
Region des Atlantifchen Dceans, von den Einflüffen des 
Feftlandes wenig berührt, liegen, jo können diefe Wind» 
karten gewiflermaßen als die iypiſchen diefer Region ans 
gefchen werben. 


NW. 


SW | 


Windroſe für das Nahr 1879. 


Temperatur und der erftern, wie und ein Blick auf die 
beiden vorftchenden Tabellen erkennen läßt, die geradezu 
ftaunenswerthe Gleichmäßigleit derfelben. Die mittlere 
Yufttenperatur von zwei Jahren, nämlich von 1878 und 
1879, beträgt 25,03° C., das mittlere Marimum in diefem 
Zeitraume 27,020 und das Minimum 23,16% und jomit 
die mittlere Differenz nur 3,86". 


Prof. Richard Greeff: 


Die Capverdiichen Injeln. 73 


Temperatur in Cidade da Praia auf der Capverdifhen Infel S. Thiago in den Jahren 1878 und 
1879 nad) Beobadhtungen von Jacinto Augufto Medina in Praia. 


Temperatur im Jahre 1878. 








f Mittel 
Jeitraum Abjolutes | Abjolutes | Heußerfte — — 
Mittleres | Mittleres | Mitttere Marimum Minimum | Tifferenz | Maximum | Minimum 
Magimum | Minimum | Differenz Tag Tag 

Januar . 2.2 2..% 21,64 23,52 19,79 3,73 2,2 18,9 73 22 9 
Februart.. ‚12 25,04 20,33 4,71 288 18,1 10,2 24 3 
März te as 24,02 26,60 21,52 5,08 205 19,8 10,2 23 23 
April FE rar 25,76 28,40 23,12 5,28 31,0 21,2 98 12 18 
Mai a aut Bi 24,% 27,37 22,59 4,78 30,0 21,2 88 24 5 
Juni er 26, 28,51 23,71 4,80 31,0 22,6 84 24 1 
u. ine 26, 28,32 24,36 3,06 30,1 228 7,3 18 5 
Auguft » 2 22.2. 27,10 29,07 25,14 3,08 31,2 223,8 84 20 4 
Emtembr ..... 27,19 28,85 25,58 3,27 30,3 24,7 5,6 14 29 
EliobeE -» 2... .. 25,72 27,32 24,16 3,16 29,3 229 6,4 1 19 
Kovember . 2... 235,91 27,97: 23,90 4,07 29,6 220 7,6 14 13 
Teeember. . 2.2... 25,05 | 27,08 23,11 392 20 21,0 | 80 4 4 

25,28 | 27,85 | 23,11 4,24 31,2 18,1 | 13,1 20. Ang. | 8.Febr. 

Temperatur im Jahre 1879. 

62 1 1 
7,8 12 6 
68 30 7 
10,7 23 7 

7,5 15 2u.19 
7,3 5 12 
6,0 16 9 
5,0 8 6 
4,9 22 2 
52 16 15 
6,4 8 2 
76:10 30 

10,7 





Hiermit im Zufammenhang, ja, hierdurcd zum Theil 
bedingt erſcheint auch der Luftdruck durch die hohe 
Temperatur und bie dadurch erzeugte beftändige Ausdeh— 
nung der Luft ein im auge er niebriger und wieberum 


von einer überraſchenden Gleichmäßigleit, wie ung aus den 
beiden Tabellen auf folgender Seite entgegentritt. 

Bon diefen bemerfenswerthen meteorologiichen Erſchei— 
nungen werden wir nun aber noch zu der Betrachtung einer 
anderen Frage von wiflenicaftlicer Bedeutung und auch 
von allgemeinem Interefie geführt, die lange Bet Naturs 
Forscher und Seefahrer beſchäftigt hat und nody beichäftigt, 
nämlich die Frage nad) ber Herkunft der im Atlantifchen 
Deean innerhalb des Bereiches des Nordoftpafjates namentlich 
an der weitafrifanifchen Sitte auf der Höhe der Capverden 
und füblic, von diefen bis ungefähr 9 nördl. Br. häufig be 
obadjteten fogenannten Staunbregen oder Staubfälle, 
die befanntlicd, darin beftehen, daß zu gewillen Zeiten aus 
der von Staub erfüllten und durch ihn häufig getrübten Ats 
mofphäre ein feiner Staubregen auf Meer und Schiffe ſich 
niederjentt. Einer unferer verdienteften Naturforſcher, dem 
wir manche epochemacjende Förderung unferer Kenntniſſe 
der kleinſten Lebensformen verdanken, Ehrenberg, hatte 
feit einer langen Reihe von Jahren auch diefem Phänomen, 


Globus XLN. Nr. 5. 


Rad Gelfius 





















hauptſächlich behufs Erforichung der mit dem „Meteor: 
ftaube* fortgeführten Organismen, feine Aufmerkfams 
feit zugewandt und war durd) feine Unterfucungen zı der 
merkwürdigen Anficht gelangt, daß das den Staubregen 
darftellende Material nicht direft durch den Norboftpafjat 
getragen und über den Atlantifhen Ocean weiter geführt 
werde, alfo nicht ans dem mordöftlich und öftlich 
gelegenen Afrika, jondern von anderen Theilen der Erde 
ftamme und durd) die verfchiedenen Paſſatſtröme auch dem 
weitafrifanischen Meere zugeweht werde, namentlich aber 
auc aus der dem Strom des Nordoſtpaſſates entgegenge- 
ſetzten Richtung aus Südweften und Welten, alfo aus Ame— 
rifa durch den Antipafiat dorthin Fomme, zumal er auch 
in Proben von Staubfällen auf dem Atlantifchen Ocean, 
ſpecifiſch ſüdamerikaniſche Organismen, die wenigſtens mit 
joldyen, weldye er in Exdproben aus Ouiana gefunden hatte, 
übereinftimmten, aber keine afrifaniichen Normen nachweiſen 
konnte. Zur Begründung diefer feiner Auſicht nahm er 
nun an, daß der Staub von der amerikaniſchen Küfte aus 
hoch in die Luft geführt werde und in den oberen Yufts 
ichichten, im eine feine Staubzone ſich amsbreitend, durch 
den iiber dem Nordoftpaffat wehenden Antipaflat weiter ge- 
tragen werde, fich aber zeitweife in ſchweren Wolfen nad) 


10 


74 


Prof. Richard Greeff: Die Capperdiſchen Inſeln. 


Luftdrud in Cidade da Praia auf der Capverdifhen Infel S. Thiago in den Jahren 1878 und 1879 


Luftdrud im Jahre 1878. 


nad; Beobachtungen von Jacinto Augufto Medina in Praia. 

































In 



































Millimetern 





































ö i | 
Zeitraum ne Mbjotutes | Mbjotutes | Meuherfte — 
Mittel Mittleres | Mittleres | Mittlere Maximum /Mininum ifiereng 
Marimum | Minimum | Differenz x 
ag 
Januar - 2»... J 761,16 759,53 ‚63 763,65 757,95 
isebruar . » 2...» 763,34 761,00 | 750,64 | 1% 762,00 757,79 27 24 
ME en . | 759.19 | 750,79 | 755,499 | 1,30 762,73 | 756,58 18 26 
Mil 2 rn; 753,06 758,63 757,51 1,12 760,15 755,95 18 13 
Mai. 0 0.50%. 10.8 759,55 759,8 | 75918 | 0,50 | 761,97 757,28 29 1 
ul 0 759,30 759,52 759,08 0,4 761,38 757,07 13 | 2 
ul: 5 0.406 ae 7583,70 759,23 758,27 0,% 762,76 755,76 & { 10 
Augult . -. x...» 755,55 759,08 757,96 1,12 750,56 755,31 J21 
Scptember . . ... 7: 758,62 757,4 1,13 7060,37 | 756,27 30 
Baer 3 7.00%.% Br 757,93 756,73 1,20 759,79 | 754,09 10 
Movembr ....», 759,17 757,82 1,35 760,083 756,42 4 
December. . 2... 755,50 797,23 1,27 760,34 754,34 7 
75824 | 114 | 761,45 | 756,24 . Jan. | 15. on. 
Zuftdrud im IJabre 1379. 
1} 
Januar - 2.2 2.. 759,90 758,49 1,41 | 761,54 756,78 | 5,06 7 29 
Februar 759,67 759,43 124 | 761,34 | 756,78 | 4,56 6 19 
117 ee GE 760,61 759,06 1,55 762,412 | 757,04 | 5,38 Pu 14 
Soil . 2.220202. 750,45 758,37 1,083 761,04 75579 | 53 15 20 
OR sn 759,28 758,12 1,16 762,12 756,43 | 5,64 3 4 
1 1 EEE ER Er 760,11 759,04 1,17 761,52 756,45 5,07 25 13 
758,37 | 757,49 0,83 761,42 755,06 6,36 7 16 
Auf.» 22... 758,61 | 757,62 0,39 760,82 755,02 5,30 24 16 
September 750,48 758,01 1,47 769,92 756,57 4,35 26 13 
Oltober 750.43 757,97 1,46 761,05 756,22 4,31 28 10 
November 758,41 757,02 1,39 760,50 754,03 6,47 12 23 
December 759,25 756,76 1,52 | 761,56 753,48 8,08 3 15 
759,30 | 755,02 1,33 761,33 755,890 5,53 20. März‘ 15. Dec. 





unten jenfe und dann in den Nordoſtpaſſat gelange, um ents 
weder aus ihm als Ztanbregen zur Erde zu fallen oder 
durch ihm wieder nadı Weiten, alſo nad, feiner Urſprungs— 
jtelle, nach Amerita, zuritdgeführt zu werden. Gin jolches 
Niederfinten des Ztaubes aus den oberen Luftſchichten finde 
namentlich an der MWeftfüfte von Afrika ftatt, in dem: 
jenigen Theile des Atlantiſchen Oceans, der jeit Yangem 
unter dem Namen des „ Dunfelmeers* befannt fei, 
weil hier die Fiſcher früherer Jahrhunderte die Luft zu— 
weilen trübe und undurchſichtig fanden und daran den 
Glauben fnüpften, daß noch weiter nach Süden eine all- 
mälige Verfiniterung von Yuft und Meer eintrete, die die 
Schifffahrt unmöglich mache. Dieſes weitafrifaniiche „ Duns 
felmeer“, in welchem in der That am häufigiten die Stanb- 
fälle auf dem Atlantiichen Ocean beobachtet wurden, ent 
fpricht, und das ericheint im hohem Grade bemerfenäwerth, 
ungefähr der Ausdehnung der weſtafrikaniſchen Nordoits 
paljat-Kegion. 

Bei der Beurtheilung diefer Hypotheſe Ehrenberg's von 
dem Vorhandenſein einer feinen, allfeitigen und durchſich⸗ 
tigen Staubzone in den oberen Puftregtonen und ferner 
der wiederholten ausdrüdlicen Erklärung, daß der aus 
diefer Ztaubzone innerhalb det Dunkelmeers herabfallende 


Staubregen leineswegs aus Afrifa und insbefondere nicht | 











aus der Sahara ftanıme, drängt ſich uns zunächit die Frage 
auf: Wodurch kann die Anwejenheit jener Ehrenberg'ſchen 
Staubzone bewiejen werden, und wie laſſen ſich aus ihr die 
häufigen Staubfälle in der Nordoftpaflatregion reſp. im 
Dunfelmeere erflären? In eimer ſehr grümblichen und 
Haren Unterſuchung diefer Frage hat bereits vor einigen 
Jahren G. Hellmann nachgewiejen ?), daß die Annahme einer 
permanenten burchlichtigen Staubzone in den höheren Yufts 
ſchichten mit den thatſächlichen Erfahrungen nicht in Ein— 
flang zu bringen fei, und daß fie namentlich auch in feiner 
Weiſe die Häufigkeit der Staubfälle im Dunfelmeer erkläre. 
Und in der That, warum jollten gerade hier, alſo in der 
jenigen Region des Atlantifchen Dceans, die nach Ehrenberg 
von der Heimath des Staubes am entfernteften liegt, die 
Staubfälle am häufigiten vorfommen können und um fo 
häufiger und mit um jo gröberm Materiale niederfallen, 
je näher der weſtafrilaniſchen Küste? Sollte man nicht im 
Gegentheil anzunehmen berechtigt jein, daß 3. B. an der 
Oſtluſte von Südamerika, wojelbit ſich nach Ehrenberg die 
Staubwolfen, dig jpäter im Dumfelmeer niederfallen, zum 
1, Ueber die auf dem Atlantiſchen Ocean in der Höhe der 
Gapverdiichen Inieln häufig vorlommenden Staubfälle. Monats: 
ge d. Königl. preuß. Alad. d. Wiſſenſch. zu Berlin 1378, 
©. 364. 


Prof. Richard Greeff: 


großen Theile erheben, oder an anderen Theilen der atlans 
tifchen Küften, ebenfalls häufige, ja noch häufigere Staub: 
fälle vorlommen als an der Weftfüfte Afritas? Aber ges 
rade das Gegentheil entipricht den thatjächlichen Beobad)- 
tungsrefultaten. De weiter nadı Weiten vom Duntelmeere, 
aljo von der weitafrifanifchen Küſte entfernt, befto jeltener 
werden die Staubfälle, ihr Staub feiner und ſchließlich 
hören fie gegen die amerifaniiche Küſte hin ganz auf. Die 
Gründe, die Ehrenberg anführt für das häufige Sinten 
des Staubes im Dunfelmeere, nämlich die heiße Atmofphäre 
in den oberen Luftichichten, ſcheinen zur Erklärung nicht ges 
nügend, zumal diefe Gründe wohl diejelbe Gültigkeit aud) 
für andere äquatoriale Regionen des Atlantischen Oceans be> 
anſpruchen fünnen, in welchen feine Staubfälle vorkommen, 
Werfen wir nun aber nody einmal einen Bli auf unfere 
Tabellen über die Windrichtungen anf den Capverdiichen 
Injeln und die ihmen entſprechenden Windrofen und 
ſehen, mit weldyer Stetigfeit und Energie der Nordoſtpaſſat 
mit jeinen Abweichungen nad; Nord und Oft, alſo die direlt 
von dem nahen Afrika fommenden Winde im Dunfelmeere 
herrichend find, jo drängt ſich uns ſchon von ſelbſt alt die 


einfachfte und natürlichſte Löſung diefer Frage auf, dak wie | 


diejes Hellmann im beftimmter Weife und im Uebereinftims 
mung mit anderen namhaften Naturforichern ausgeſprochen 
und nachzuweiſen geiucht hat, in Afrila und zwar haupts 
fächlich auf den Sandfläcen der Sahara und in der Küſten— 


region der fait alleinige Urjprung der Staubregen des | 
ſich nicht großen Irrthümern ausjegen will. Die Unter 


Dunfelmeeres zu ſuchen ſei. An ber Hand diefer Annahme 


erklären fich fait alle Erſcheinungen des Meteorftanbes im | 


Dunfelmeere leicht und ungezwungen, während diejelben ber 


Ehrenberg’schen Hypotheſe einer von anderen Theilen der | 
Erde zugeführten feinen Staubzone in den höheren Yufts | 


ſchichten ſich gar nicht oder nur widerwillig und mit Hilfe 
neuer Hypotheſen fügen. 

Eine Hauptjtüge, ja vielleicht die erfte Veranlaſſung zur 
Aufſtellung feiner Hypotheſe waren fitr Ehrenberg die Befunde 
der ihm zugefommenen Proben aus Staubfällen im Dunkel— 
meere. Sowohl die meijtens röthlice Farbe des Ztaubes 
als das ihm bildende Material ſchienen ihm nicht fir einen 
Urſprung defielben aus Afrika reſp. aus der Sahara, jondern 
mit Beftimmtheit aus anderen Theilen der Erde zu ſprechen. 
Was den erftern Punkt, nämlich die Farbe, betrifft, fo hat 
ſchon G. Hellmann im der erwähnten Abhandlung darauf 
aufmerfjam gemacht, daß Ehrenberg feine Beobachtungen 
eines Theiles der Yibyichen Wüſte auf die in mancher Be— 
ziehung fehr verſchiedene weftlihe Zahara überträgt, daß 
in dieſer letztern häufig eine vöthliche Färbung der Ober: 
fläche fonftatirt jei und daf vor Allem der Staub, er möge 
herkommen, woher er wolle, auf feinen weiten Wegen durch 
die Atmosphäre verichiedenen, chemiſch und mechaniid) auf 
ihn einwirkenden Einflüſſen und jomit auch mannigfachen 
Beränderungen ſeiner Farbe ausgeſetzt fein könne. Hierzu 
tritt noch die Erwägung, daß diejenigen Staubfälle, die in 
der Nähe der im Dunfelmeere gelegenen Inſelgruppen 
(Gapverden, Canaren) oder auf diefen ſelbſt beobachtet wir: 
den, auch terreftriiche Beftandtheile der zum Theil 
mit röthlihem und mannigfad gefärbtem vul— 
taniſchen Aihenftaub bededten Anfeln jelbit 
enthalten fonnten, wie diefes wohl nicht unwahricheins 
Lich ift für die an und auf den Gapverden und den Canaren 
beobachteten Staubfälle und die diefen entitammenden und 
von Ehrenberg unterfuchten Staubproben. 

Bas den zweiten Einwand Ehrenberg's gegen die Her: 
funft des „Paſſatſtaubes“ aus Afrika betrifft, fo gründete 
fi) derfelbe auf die mifroffopiihe Unterfuhung 
der Staubproben, in denen er zwar jehr verichiedene 











Die Gapverdifchen Inſeln. 75 


und auf verjchiedenen Erdtheilen vorlommende Organismen 
fand, aber feine eigentlichen afritanijchen „Charakterformen“, 
andererjeits aber, wie ſchon früher erwähnt, ſolche, die mit 
Organismen übereinjtimmten, die er in Exrdproben aus 
Südamerifa, insbejondere aus Guiana, nachgewiefen hatte. 
Außerdem machte er geltend, daß auf den weiten waſſer— 
loſen Sandflähen der Sahara wenig organiiches Yeben ent» 
widelt jei, während dem Baflatjtaube des Dunlelmeeres 
ſtets zahlreiche und manmigjaltige organiſche Formen bei— 
gemengt feien. Bei aller Anerkennung der Berdienſte 
Ehrenberg's um die Erforfchung mitroflopticer Organismen 
und namentlich feiner hohen Autorität auf dem Gebiete der 
ſyſtematiſchen Kunde der Heinften Lebensformen glaube ich 
doc; mit Zuverficht ausſprechen zu dürfen, daß es heute 
noch unmöglich iſt, ein ſicheres Urtheil über die befondere 
geographifche Verbreitung diefer Formen itber unfere Erde 
zu fällen, und 3. B. diefe Formen für afrifantjche, jene als 
amerifanifche, europäiiche, aſiatiſche u. ſ. w. zu erklären. In 
den großen Arbeiten Ehrenberg's, wie fie ſich uns in feiner 


Mitkrogeologie, fowie auch in den für die vorliegenden Fra— 


gen über den „Paſſatſtaub* geſammelten Materialien dar 
ſtellen, find vielleicht reiche Kundgruben für fpätere For— 
ſchungen auf dem Gebiete der geographiichen Verbreitung 


| mitrojfopiicher Organismen, insbejondere der Diatomeen 


und beichalten Rhizopoden, über unjere Erde gegeben, 
aus ihmen aber jet ſchon beftimmte Schlitfie in diefer Rich— 
tung ziehen zu wollen, halte ich für unzuläſſig, wenn man 


ſuchungen Ehrenberg's betreffen dod) immer nur einzelne 
fleine Erds oder Staubproben aus verjchiedenen Theilen der 
Erde, aber was bedeuten die Befunde in denjelben gegen 
die unendliche Fülle jener mikroſtopiſchen Organismen, die 
unjere Erbe in allen Höhen und Tiefen, im Trocknen und 
Feuchten, Warmen und Stalten  bevöltern? Diejenigen 
organischen Formen, die ſich heute in einer oder auch in 
hundert verjchiedenen Erdproben aus Afrita finden und die 
man vielleicht für afritaniiche Charakterformen glaubt ans 
ſehen zu müſſen, können morgen in denfelben Formver— 
hältniſſen und derjelben Häufigkeit in Proben aus Amerika 
oder Alten u. ſ. w. und umgefchrt auftreten. In neuerer 
Zeit iſt von einem amerilaniſchen Naturforicher ein ausge— 
zeichnetes auf gründlicher Detailforicung beruhendes und 
reich ausgeitatteted Werk Über die Süßwaſſer-Rhizo— 
poden Nordamerifas!) veröffentlicht worden, in dem wir 
zu unferer Ueberraichung mit völliger Sicherheit fait alle 
diejenigen Formen dieſer intereflanten Organismengruppe, 
die wir bisher als europätiche fennen gelernt hatten, wieders 


\ finden, und ich glaube zuversichtlich, daß bei einer noch ein» 


gehendern vergleichenden Unterfuchung ſich eine nahezu voll⸗ 
fonnmene Uebereinftimmung der europätichen und nordameris 
fanifchen Arten ergeben würde. In der That leitet ums ſchon 
die Betrachtung der wicht zu bezweifelnden Thatjache, daß 
durch Baflatwinde und überhaupt durch ftarfe und fonjtante 
Puftitrömungen niedere Organismen oder deren Keime von 
dem Orte ihrer Entftehung weit über Yand und Meer fort: 
geführt und fo ausgebreitet werden fönnen, naturgemäß zu 
der Annahme, daß jene niederen Organismen keine Formen— 
regionen bilden, wie wir fie für höher organifirte Weſen 
als Famen- und Vegetationsgebiete mit größerer oder ges 
ringerer Schärfe abgrenzen fönnen, daß vielmehr einem 
großen, vielleicht dem größten Theile derfelben eine überaus 
weite Verbreitung Über unjere Erde zufommt, ja daß fehr 
viele Kosmopoliten find, die überall da auftreten, wo unter 


') Joseph Leidy, Freshwater Rhizopods of North 
Amerien. ashington, 1579, 
10* 


76 6. Haberland: 
im Allgemeinen ähnlichen Bedingungen organifches Leben 
möglic iſt. Es iſt nicht unmwahrjceinlid), daß aud) für 
dieje Organismen dereinſt große zufanmengehörige Formen— 
gebiete erlannt werden, deren wo. aber wohl ficher nicht 
durch Yünder, Erdtheile und Meere, fondern vielleicht 
lediglich durd veränderte klimatiſche Einflüſſe beherricht 
werben, 

Ebenfo wenig fünnen wir als Grund gegen die Ans 
nahme, dab der Paſſatſtaub des Dunlelmeeres aus ber 
Sahara ftamme, den Einwand Ehrenberg's anerkennen, daß 
die weiten Flächen der waflerlofjen Wifte wenig organiſches 
Leben ermöglichen und namentlich nicht die zahlreichen Süfs 
waſſerformen erzeugen fünnen, die in dem Pafjatjtaube des 
Dunfelmeeres enthalten jeien. Der im Sommer von ber 
Sahara kommende ſtarke und ftetige Yandwind, der „Hars 
mattan“, weht nicht nur fiber waſſerloſe Wüſten, fondern, 
namentlich, gegen die Kuſte hin, fiber Gebiete mit reichem 
Pflanzen» und Thierleben, vornehmlich an dem Theile der 


Das Brot im 


Das Brot im Voltsglauben. 


Küfte des Dunfelmeeres, am weldem bisher die meiften 
Staubfälle beobachtet worden find. 

Genug, wenn wir and; den bedeutenden, durch eine 
lange Reihe von Yahren fortgejegten Forſchungen Ehren: 
berg's über den Paſſatſtaub, namentlich den mit eifernem 
Fleiße von ihm gefammelten Materialien, die vielleicht 
fommenden Geſchlechtern noch als reiche Duelle weiterer 
Unterfudung dienen werden, unfere Bewunderung zollen 
mliſſen, jo können wir doch, feiner Anficht über die Entftehung 
des „Paſſatſtaubes“ nicht zuftimmen, vielmehr ſcheint die 
natürlichite Erklärung für den Urſprung deflelben und der 
Staubjälle in der Nordoftpafjatregion des Atlantiſchen 
Oceans rejp. im fogenannten Dunkelmeere in der Annahme 
zu liegen, daf diefer Staub und die von ihm ges 
tragenen Organismen aus der weſtlichen Sa— 
hara und den KHüftengebieten Weitafrifas ftams 
men und durd den „Harmattan“ dem Nordoft- 
valfat zugeführt werden, 


VBolföglauben. 


Von C. Haberland. 


Im deutichen Aberglauben erſcheint das Brot, die Gabe 
Gottes schlechthin, als ſymboliſcher Inbegriff der Nah: 
rung überhaupt, und als folder vereinigt es im ſich auch 
alle Kräfte derielben; die belebende, die Unfraft des Kör— 


vers ſcheuchende, die auch geiftig auf den Menſchen erhe: 


bend eimwirtende Natur der Nahrung erjcheint gewiſſer—⸗ 
maßen fondenfirt, und daher tritt es jowohl als Heilmittel 


wie auch ald Mittel, gewiſſe böje Einflüſſe namentlich zau= | 
beriſcher Natur abzuwenden und andererjeits bejtinmte wohl | 
thätige Einfliifle auszuüben, im Aberglauben des deutichen wie | 


auch der anderen europäiichen Bölfer vielfach auf, 
Die heilige Kraft des Brotes äußert jic nun zunächſt 


darin, daß diejes gleich anderen heiligen Gegenſtänden der | 


Here, bei deren Zuſammenkünften es daher aud) verpönt 
ift !), oder dem Zanberfundigen die Kraft zum Schaden 


nimmt und den ſchon gefchehenen Zauber jelbit wirtungslos | 


macht. Der Tiroler Senne reiht, wenn ihn jemand um 
Schmalz bittet, und er die Abficht vermuthet, daß es um 
ihn in der Schmalzbereitung zu hindern benutzt werden joll, 
ihm dafielbe auf einem Stüd Brot, und jede Macht den 
Zauber auszuüben ift damit vernichtet), Aus demjelben 
runde läßt man in der Gegend von Schwerin, wenn der 
Hochzeitszug aus der Kirche zurücgefehrt ift, niemanden ins 
Haus, weldyer nicht vorher einen angebotenen Biſſen 
Schwarzbrot und einen Schluck Waſſer genofjen hat®). 
Hat man Brot im Sad bei ſich, dann ijt man ſicher vor 
den Tüden der alten Weiber, weldye einem begegnen, jogar 
die Hunde follen Kinder nicht anbellen, wenn jie Brot mit 
fi) nehmen 4); aud) das wilde Heer vermag demjenigen 


nicht zu ſchaden, welcher ein Stüd Brot bei fid) hat). | 


Brot, Hund und Feuerſtahl oder Meſſer ericheinen mehr: 
fach in diefer Zuſammenſtellung in den Sagen als böje 
GSeifter und Gefpenfter hindernd, dem Träger ein Yeid 
zuzufligen; ſchon der bloße Auf: „Zum Teufel, drei Brote 
habe ich bei mir!“ befreit im einer Aargauer Sage einen 
Mann von einer ihn zu einem Herenplatze ziehenden unheim⸗ 
lichen Gewalt“). Daher ift es auch erflärlich, wie dies 


I. 


eine andere Aargauer Tage erzählt, daß das erfte Verlan- 
gen eines von wilden Geiſtern wahnjinnig gejagten alten 
Mannes, ala er wieder zu den Zeinen kommt, Brot zu 
eſſen war, um die Teufelswirtung aufzuheben’). Durd) 
einfaches Bergraben eines Stüddyen Brotes wird fogar 
eine bei Tegerfelden in der Schweiz liegende, von den He: 
‚ ren zum Tanzen bemutte Wieſe, welche daher kein Gras 
mehr tragen wollte, von dem dortigen Nadytwächter, weldjer 
fie gepadjtet hatte, wieder fruchtbar gemacht °). 

Trägt man beim Schaggraben Brot bei fich, dann können 
die böjen Geifter micht ſchaden“); ferner hilft es in dieſem 
' Falle das Verſchwinden des Schatzes zu verhindern, wenn 
man ſchnell ein Stuckchen davon auf denjelben wirft 1%). 
' Vielleicht hatte auch das Legen einiger VBrottrumen mebjt 
Dill und Doft auf ben Teller, auf welchem das Geld 
für die Bräute in Lerbach gefammelt wurde !), einen ver 
| wandten Zwed. — Brojamen auf die Wannen und das 
' Yaub des ihre Schätze bei der Ruine Königstein bei Aarau 
| jonnenden Burgjungfräuleins geworfen, läßt diefe Wannen 

und Yaub zu Gold für den glüdlichen Finder werden 12). 

In einer andern Yargauer Sage will ein Knabe dem 

Hunde, weldyer zwei von einer Jungfrau ausgeichlittete 
| Bohnenhaufen bewacht, einen Biſſen von feinem Brote zur 
\ Beruhigung ind Maul werfen, das Brot trifft aber zufällig 
| den einen Haufen, und die dadurch ihrer Erlöfung näher 
\ gebrachte Jungfrau ſchenktt den Eltern die beiden Bohnen: 
haufen, weldye ſich in Gold und Silber verwandeln 1?). 

Dreht man, wenn eine Here in der Stube ift, das 
Brot im Tiſchtaſten herum, dann kann fie nicht wieder zur 
Stube hinaus +), und jedenfalls hält diefes Hexenſchutzes 
wegen auch der Böhme darauf, daß ftets des Nachts ein 
Brot im Hauſe iſt 2°), wie gleichfalls die deutſche Vorichrift, 
ſogleich beim Tiſchdecken ein Brot aufjulegen 1%), wohl hierin 
ihren Grund hat. Der Schweizer legt gern ein Stüdchen 
Brot, Meifterwurz und etwas geweihtes Wachs als Ge: 
ivenjterichug unter die Thürſchwelle 17); im einer Graue 
bundner Sage ericheint ſelbſt ein Berkleben des Schlüfjel- 





6. Haberland: Das Brot im Vollsglauben. 17 


loches mit weichen Brote, um einer gefangen gehaltenen Here 
die Macht zu nehmen 19), Dagegen vermag eine Here wieder, 
den Gegenzauber, wodurd) fie verbrüht oder anderweit fürs 
perlich gejchädigt wird, nach böhmiſchem Glauben zu ver 
nichten, wenn es ihr gelingt, ein Brot von ber betreffenden 
Perſon zu leihen; gelingt es ihr nicht, muß fie elend zu 
Grunde gehen ®). 

Spulgeſtalten, denen natitrlic) ein gewöhnlicher Schuß 
nichts anhaben kann, tödtet oder vertreibt wenigftens ein 
Schuß mit Brotfrumen oder Brot?®), und ebenjo kann 
man Seren, welche fid) in Thiere verwandelt haben, dadurch 
zwingen, fich in ihrer wahren Geftalt zu zeigen, welcher 
Haube in Oftfriesland und Graubunden vorkommt ?). 
Hat der Mafure jemanden im Berdacht ein Werwolf zu 
fein, jo nimmt er heimlich eine Brotkrufte in den Mund 
und umgeht dreimal den betreffenden Menſchen, weldyer ſich 
alsdann in feiner Wolfegeftalt zeigen muß 22), Im einer 
ſchleſiſchen Sage wird eine Natter durch eim ihr im den 
Rachen geworfenes Kugelchen, bereitet aus dem Weißen 
von drei frifchgebadenen Broten umd mit einer Zauber: 
flüffigkeit beftrichen, zum Berjten gebracht ??). 

Im Waffenzauber fpielt gleichfalls das Brot oder das 
ihm gleichwerthige Getreidekorn feine Nolle. Pulveriſirte 
Beizenförner wurden im dreißigjährigen Kriege den Zauber: 
fugeln beigemifcht, welche ftets Blut haben mußten, und 
jede Weitigfeit, welche durch Zauber bewirkt war, öffe 
neten #4), und ganz ebenfo war der mythiſche Räuberhaupt: 
mann Dobocz der Karpathen nur durch eine Glaskugel, 
in welcher fieben Weizenförner waren, tiber deren jedes 
fowie über die Kugel jelbft je zwölf Meſſen gelejen waren, 
zu tödten *). Nothicnwerter, denen auch durch Zauber 
hiebfeite Gegner nicht widerfichen konnten, erhielt man 
damals durch freuzweiles Beſtreichen der Schärfe mit 
NRoggenbrot, welches in der Oſternacht gefäntert und 
gebaden war*) Der böhmiſche Aberglaube macht noch 
jetzt Eurgelfeft durch Genießen von Brot, welches man in 
das eigene Blut getaucht hat 7). Ladet man drei Stückchen 
Brot mit in das Gewehr, dann kann der Schuß, wie man 
dies in Schwaben und Defterreich glaubt, nicht gebannt 
werden ?°), Auch um ſich aus dem Gefängniſſe zu erlöſen, 
dient das Brot, und zwar das müchterne Eſſen einer mit 
magiſcher Formel bejchriebenen Brotrinde nad) älterer fran: 
zöſiſcher Anſchauung 2°), 

Um die Leiche eines Ertrunkenen zu finden, wendet 
man gleichfalls die heilige Kraft des Brotes an. Schreibt 
man den Namen des Verungluckten auf ein ſolches, wie 
es in der Wetteram gebräuchlich ift, oder fchneidet man, wie 
man e8 in Böhmen und der Bretagne thut, ein Yoch in die 
untere Seite, worin man eine geweihte Wachskerze ftedkt, 
und läßt es dann ſchwimmen, fo bleibt es an der Stelle, wo 
die Yeiche liegt, und wohin der finger Gottes es führt, 
unbedingt ftehen; auch in der Oberpfalz findet ſich diejer 
Glaube, daf ein hineingeworfenes Brot über ber Leiche ftehen 
bleibt #). In England füllt man zu gleichem Zwecke das 
Brot mit Queckſilber oder ſteckt eim bremmendes Licht 
hinein 3%), In Zuſammenhang mit dieſem Brauche, den 
Leichnam durch das hineingeworfene Brot zu finden, fcheint 
das Brotopfer zu ftchen, welches man zu Himmelfahrt oder 
Dohanni, den beiden Tagen, wo jo viele deutſche Fluſſe 
ihr Opfer in Geftalt eines Menfchenlebens fordern, an 
einigen Orten zu bringen pflegt. Der Nedar bei Mittel- 
ftadt, ebenfo die Enz bei Vaihingen verlangen zu Himmel 
fahrt ald Opfer einen Yaib Brot, ein Schaf und einen 
Menſchen; zu Rotenburg befommt der Nedar am Yohans 
nistage nur einen Yaib Brot, nimmt aber, wenn das Opfer 
anterlafien wird, erzüent einen Menſchen?). In Warſchau 


vertraut man der Weichiel an diefem Tage eine mit einem 
Kranz von Rofen und brennenden Yichtern geſchmückte 
Scheibe an, welche ein Brot und die Meine Figur des 
Heiligen mit feinem Lamme trägt, und nimmt aus der 
Dauer des Schwimmens berfelben den Ausfall der Ernte 
ab >), 

Der Schaden, welcher Kindern durch das fogenannte 
„Beſchreien“ zugefügt wird, findet jein beftes Gegenmittel 
zn. im Brote: neun Stüdchen davon mit ebenfo viel 

ohlen in Waſſer gethan, und diefes dem Kinde zu trinfen 
gegeben, wie es böhmifcher Brauch, oder drei Stüdchen 
Brot ſofort ſchneiden und dem Kinde Nachts unter den 
Rucken legen, das Meſſer aber im Brote fteden laſſen, wie es 
im Lechrain Sitte ijt, beugen jedem darans folgenden Uebel 
vor; das Mefjer wird man im legtern Kalle am andern 
Morgen aber ganz mit Noft überzogen finden +). Im 
Mittelfranfen legt man als Drutenfdug in das Kopftiffen 
der Kindbetterin ein Gebethuch, zu Häupten aber einen 
Yaib Brot, in einzelnen Gegenden Englands dem ſchlafen— 
ben Kinde eine Kruſte heiligen Broted unter das Kiſſen, 
in Dänemart Salz, Brot, Stahl, Knoblauch in die Wiege 
des Neugeborenen oder über die Ihlir des Zimmers, in 
Norwegen ein Stüdchen Flachbrot unter das Widelband 
an die Bruft, denn das Brot ift „Gotteslohn“ und ſcheucht 
die Unterirdiſchen fort, in Eſthland zuc Taufe Brot, Geld 
und Stinfafant oder Knoblauch), Der Mafırre widelt 
mit dem Pathengelde gern aud einige Brotkrumen ein, 
damit der Täufling dereinft nicht Mangel leide; in Sieben: 
blirgen bekommt Hingegen der Pathe ein Säckchen mit 
Brofamen, um ftets an feine Schutzpflicht dem Kinde 
gegenüber erinnert zu fein 3%). 

Auch font als Heilmittel namentlic als begleitendes, 
wie man 3. B. ſympathetiſche Formeln bei Fieber gern 
auf Brot jchreibt und ſie To genießt”), oder als den 
Krankheitsftoff anf andere Thiere, 3. B. auf Hunde, oder 
auf das Wafler ibertragendes (auch bei dem alten englijchen 
Brauche des jogenannten „Sindeneffens* bei der Yeichen- 
feier diente das Brot, welches ein Armer befam, als Leber: 
tragsmittel der Sünden des Todten auf den Empfänger *) 
erjcheint das Brot vielfach in der deutfchen Vollsmedizin; 
nad) talmudiſcher Anficht nimmt ein Hein Stückchen Brot 
und ein Schluck Wein fogar alle die 63 Krankheiten der 
Galle fort®). Schimmliges Brot ift gut gegen Bauchweh 
und Fieber, ſolches, weldyes über Wurzeln getragen, gegen 
das Zahnweh; gegen diejes hilft aud) das Beißen in eine 
mitgenommene Semmel während des Abendmahles 4%}. 
Beim Entwöhnen ſtößt man in der Wetterau das Kind fo, 
daß es auf ein Weißbrot fällt, damit es Leicht zahnt *). 
Kranke kleine Kinder zieht der Efthe dreimal durch ein in 
der Mitte ausgeſchnittenes Brot, welches danadı ein Hund 
zu frejfen erhält; in Maſuren ift ein gleiches Durchziehen 
ber Kinder durch einen Roggenfladen gegen die engliiche 
Krankheit in Gebraud) 12). 

Schr erprobt ift auch die Kraft des Brotes in Reini: 
gung des Waffers, wenn diefes verunreinigt oder vergiftet 
ift, ſei es nun durch Hexen oder Natureinflüffe, namentlid) 
durch Sonnenfinfternifie, oder wie in Böhmen dadurch, daß 
eine Wöchnerin allein um den Brunnen gegangen ijtt®), 
In diefem legtern Kalle wirft man drei Brotrinden hinein, 
um die Verunreinigung zu verhindern, in Schwaben 
entgiftet man allgentein das Wafler durch Brot; in ber 
Oberpfalz wirft man gleichfalls Brofamen in ungeſundes 
Waſſer, um ihm die böje Kraft zn nehmen*). Auch dem 
böhmiichen Glauben, daß wenn eine Schwangere zur Trauung 
fährt, fie den Pferden ein Stück Brot aus der Schürze 
zu freflen geben muß, wenn diefe überhaupt vom Flecke 


78 6. Haberland: 


kommen follen*‘), wird die obige Auffaſſung der Schwan- 
gern als einer Unreinen zu Grunde liegen. 

Eine große Rolle jpielt ferner die wunderwirfende 
Kraft des Brotes in der Löſchung von Schadenfeuern; ver: 
gangene Jahrhunderte haben ums vielerlei derartige Fälle 
überliefert und noch jegt hängt das Yandvolf in vielen 
Gegenden des Vaterlandes mit zähem Glauben am biefer 
alten Anſchauung. Bei einem Kirchbrande im Jahre 1620 
in der Bretagne hatte man bereits alle Hilfsmittel 
erſchöpft, um des Feuers Herr zu werden, als man endlich 
ein Brot, in dem eine Hoſtie ſteckte, nebſt mit Weihwaſſer 
demnſcher Muttermilch hineinwarf; da zeigte ſich ſofort 
ein Teufel im Feuer, verſchwand und das Feuer erloſch*). 
In Bayern war im vorigen Jahrhunderte ein Jude weit 
und breit als Feuerlöſcher berühmt, und auch feine Kunſt 
beftand im Hineinwerfen von Brot unter Herſagung eines 
hebräiicen Spruches, welder natürlich fein Geheimniß 
war#?). Noch jest wendet man in Cberfranfen bei Feuers— 
brünften einen eritgebadenen (am Neujahrstag gebades 
nen) Yaib an, welder beim Baden drei Fingereindrüde 
unter Nennung der drei höchſten Namen erhalten hat; auch 
die am diefem Tage aus Brotteig oder Weizenmehl für die 
Kinder gebadenen „Hindlein* und ander Gethier haben die 
gleiche Kraft“). In der Schweiz jhligt man das Haus 
vor Feuersgefahr, inden man in die vier Minfel defielben 
von dem am Agathentage geweihten Brote, in deilen 
Weihformel feine feuerichligende Kraft aud) beſonders 
hervorgehoben wird, und welches bereits Geiler von Kai— 
ſersberg zu dieſem Zweae ennpfiehlt, ein Ztüdchen legt); 
an diefem Tage geweihtes Mehl zum Fenſter hinauswer- | 
fen, wird in Solothurn auch als eim ſicherer Gewitterichug 
betrachtet 5°). Der Oberpfälzer Glaube verlangt als Feuer: 
ichug drei Mal geweihtes Brot ®), der öfterreichiiche 
Schleſier einfach ein Brot, welches bei einem Baden ale 
erjtes im den Ofen gejchoben ift 52). Natürlich muß man 
aud) bei einem etwaigen Brande für das im Haufe befind- 
liche Brot jelbjt forgen; in Böhmen fol man beim Brande 
zuerit nach feinem Brote fragen, dann entitehe feine Ver: 
wirrung während deſſelben; läßt man aber das Brot 
auf dem Tiſche verbrennen, jo kann man nach ſchleſiſchem 
Glauben sicher jein, daß es dort bald wieder brennen 
wird 3), 

Bei Hagel ftellt man in Oberfranken ein Brotkörb— 
chen ins Freie, damit er nicht alles verwäüite, in Böhmen 
bei mahendem Gewitter einen Badtrog mit einem Brote, 
welches man im vier Theile ſchneidet und darin das Meſſer 
fteden läßt; wohin dieſes zeigt, dahin zieht ſich alsdann 
das Gewitter +), In Tirol legt man, wenn man vermu— 
thet, daß das Ungewitter von einer Hexe herrührt, zwei 
Brotläden kreuzweiſe auf den Weg, um cs enden zu 
lafjen >>). In der Oberpfalz ſchneiden die Juden, denen 
man dort ebenfo wie den Zigeunern derlei geheimes Wiſſen 
zuſchreibt, einen Yaib Brot aus einander, fleben die Stücke 
wieber zufammen und fchieben dann mit geheimen Worten das 
Brot rüdlinge in den Tfen, um auf diefe Weife das Ger 
witter zu vertheilen ’*). 

Dem Badtrog jcreibt man überhaupt eine große Kraft 
auf den Wind zu“). Bei ftarfem Winde legt man in 
Böhmen den Yadtrog in das Wohnhaus, damit die im 
Winde daherſtürmende Melufina dem Haufe nichts ſchade, nur 


Das Brot im Volksglauben. 


wirft auch wohl einen Yaib Brot in gleicher Abſicht ins 
euer, doch muß der Werfende dann ſchleunig davon 
laufen ®*). Die Oberlaufig, ebenio die Oberpfalz fennt ben 
gleichen Brand): man fegt ein Backfaß, wenn Feuersgefahr 
vom Nachbarhaufe droht, auf die Windfeite ded brennenden 
Hauſes, dreht es dreimal herum und wendet jo die gefähr: 
liche Windrichtung, in der Oberlaufig pflegt man auch 
noch ein friſches Brot in den Backtrog hineinzuwerfen ®?). 
Die Mafurin gebraucht ein ähnliches Mittel, um drohenden 
Hagelwolfen eine andere Richtung zu geben; fie nimmt den 
Brotjcieber, dreht ihn an der Dachleiter dreimal um und 
legt ihn neben diefelbe an die Erde). Der jiebenbürgtiche 
Rumäne wendet das Nachbarfeuer durch kreifelartiges Her: 
umdrehen eines mit einem eiſernen Mefjer durchitochenen 
Brotlaibes von ſich #1). 

Es ift übrigens ſchwierig zu enticheiden, ob wir es bei der 
Anwendung des Brotes bei Schadenfeuern mit einer beion- 
dern Kraft deilelben dem dämoniſch gedachten Feuer gegens 
Über zu thun haben, wofllr die Anwendung des Brotes 
gegen andern Zauber, ſowie die hinzufommende katholische 
Weihe, das Beifügen der Hoftie ſpricht, oder ob das Hinein- 
werfen des Brotes als eine Art Opfer dem gefräßigen Ele: 
mente dargebradjt aufzufaſſen tft, fiir weldye Deutung die 
Anwendung bei Unwetter und Hagel, das Füttern des 
Sturmmoindes und ähnliche Bräuche eintreten würden; 
aud bei Sonnenfinfternifien wirft man in der Pialz 
Broſamen als Opfer ins Feuer #2). 

Dem Werfen von Brot ins Feuer ähnelt der Brauch, 
dazu Teller zu benugen, welden die gleiche fenerlöjchende 


' Kraft in älteren Zeiten, namentlich wenn das Lcrfen 





durch Fürſten oder die Obrigkeit geſchah, aber gleichfalls 
auch noch jetzt zugeſchrieben wird. Ein merkwirdiges ſächſi⸗ 
ſches Edilt vom Jahre 1742 verordnet, daß in jeder 
Stadt und ‚jeden Dorfe hölzerne Teller, von denen ſchon 
gegelien, mit gewiſſen Zeichen freitags bei abnehmendem 
Monde zwiichen 11 und 12 Uhr Mittags beichrieben und 
aufbewahrt werden jollten, um bei entſtehenden Bränden 
ins Feuer geworfen zu werden °%). Der Spruch, welchen 


ein folder Teller tragen muß, iſt nach den noch jegt in 


Bayern vielfach verbreiteten „Seheimniffen des Albertus 
Magnus“: 


\ mit welchem jede Zeite beichrieben fein muß, damit das 


Feuer geduldig erlöfche *#); in der Oberpfalz find es der 
mit geweihter Kreide geichriebene Name Jeſus oder andere 


‚ Worte, welche wie häufig im Aberglauben gänzlich des 


darf nie Charfreitags Teig darin gemacht fein, da er feine | 


Kraft dadurch verliert; beim Brande eines Nachbarhauſes hat 
man nur nöthig ein Brotfaß oder eine Brotſchüſſel hinanss 
zufegen und die Oeffnung vom Brande weggudrehen, um 
den Wind vom eigenen Haufe abzuwenden, welchem Zwecke 
eine ebenfogeftellte Wagendeichiel gleichfalls entipricht; man 


Sinnes ermangeln #°). Auch bei ſchweren Geburten joll 
man einen hölzernen Teller beichreiben, ihn abwaſchen und 
das Waller dann der Kreiſenden zu teinfen geben‘). In 
mehreren Ortſchaften am Tonannfer hatte man früher 
hölzerne Scheiben in den Et. Georgekirchen, welche die 
Kraft beſaßen, in die Donau geworfen an den Ort zu 
ſchwimmen, wo ſich der Leichnam eines Ertrunkenen befand, 
und dort ſtill zu ftehen #”); die nordamerilaniſchen Indianer 
icreiben die gleiche Eigenſchaft einem Stud Cedernholz 
zu ®%), Der Anwendung des Brotes zu gleichem Zwecke 
gedachten wir jchon. 

So fräftig nun aber das Brot gegen allerlei Zauber 
und dergleichen ift, bedarf es dennoch jelbit eines Schutzes, 
um nicht von den Zwergen, welche ihm gern nachitellen, 
entwendet zu werden. Tiefen Schutz verleiht am ficherften 


6. Haberland: Das Brot im Vollsglauben. 


der Kümmel, welder der gelammten Zwergſippe, 
namentlich aud) den Moosleuten und Holgweibchen, da fie 
ihm nicht nahen kann, tief verhaft ift, und welcher daher 
auch vielfach, in Deutjchland angewendet wird; jelbft zur 
Auswanderung find Zwerge durch das Einbacken von 
Kümmel ins Brot veranlaft worden, allerdings nicht 
immer zum Segen bes betreffenden Haushaltes ®). Im 
Aargan tritt für den SKümmel der Anis ein; das damit 
betreute und geweihte Agathenbrot ift fräftig gegen die 
Zwerge ”®), wobei bemerkt werden mag, daß ſchon die Rö— 
mer Anis auf die untere Brotrinde ſtreuten?). Auch das 
Fipen des Brotes, die Bezeichnung deſſelben durch die 
Fingerſpitze namentlich mit einem Kreuze oder durch den 
Eindrud des Hausſchluſſels, verhindert die Zwerge und Wald- 
leute davon zu nehmen 7). 

Gefundenes Brot foll man nicht effen, weil es vorher 
behert fein und daher böfen Einfluß auf den Eſſenden aus: 
üben könnte ??); nur nad) böhmiſchem und Tiroler Glauben 
iſt es gejtattet, gefundenes Brot aufzuheben, denn darüber 
gerade haben der Teufel und feine Genoſſen, haben die He: 
zen feine Macht 74), welcher Glaube, daß der Teufel libers 
haupt über Brot feine Gewalt hat, aud) im übrigen 
Deutſchland wiederfehrt?®). Geitohlenes Brot oder Käſe zu 
eſſen wird mit Schluden geftraft’*). 


1), F. J. Bonbun. 

gan in GChurrhätien. 
eutihe Sage im Elijah. Stuttgart 1871, ©. 58. 

Wolf und =. Mannhardt. Zeitſchrift Für deutſche Mytho— 
logie und Sittenlunde. Göttingen 1853/59, Bd. 1, ©. 256. 
3, 8. Bartich. Sagen, Märden und Gebräude aus Dediens 
burg. Wien 187980, Bd. 2, ©. 65. *) Bavaria. Landes: 
und Roltstunde des KHönigreihs Bayern, Münden 1860 und 
folgende, Bd. 2, ©. 305. (Oberpfalz) 6) €. Meier. Deut: 
ide Sagen, Sitten und Gebräude aus Schwaben. Stuttgart 
1852, ©. 138. Baumgarten. Aus der vollämäkigen Weber: 
fieferung der Heimath. Linz 1864, S. 42. 9. L. Noch: 
holz. Schtweigerfagen aus dem Yargau. Yarau 1856, Bo. 1, 
=. 885, 146. 7) — 1, 373. 9) Rochholz 2, 169. 9) J. 
Grimm. Deutsche Mythologie. Göttingen 1935. Anhang. 
Aberglaube Nr. 218. 19) Brüder Grimm. Deutſche Sagen. 


Berlin 1365, ®o. 1, S. 257. Rochholz 1, 240. 7) 9. Pröble, | 


Harzbilder, Leipzig 1855, ©. 10. 22) Nodholy 1, 143, 
2, Rochholz 1, 227. 4) G. Yammert. Wolfsmedicin und 
mediciniicher Uberglaube in Bayern. Mürzburg 1:69, S. 53. 
Bavaria 3, 95. D. Jecklin. Vollsthümliches aus Grau— 
bünden. Züri 1874, Bd. 2, ©. 181 (nad) Lütolf. 15) 3.8, 
Grohmann. Wberglauben und Gebräude aus Böhmen und 
Mähren. Prag und Yeipzig 1864, Nr. 736. 16) Grimm Nr, 
16. 37) Jedlin 2, 173 (nad Yiitolf). 
10, Grohmann Nr. 975. 29, X. Straderjan, 
Sagen aus dem Herzogthum Oldenburg. Oldenburg 1867, 
®. 1, S. 385 (Saterland), Montanus. Die Vorzeit, Sagen 
und Geichichten der Lander Gleve-Marf, Jülich-Berg und 


Aberglaube und 


Weſtfalen. Elberfeld 187071, Bd. 1, ©. 234. 2, 9, Wuttte, 
Der deutiche Bolfsaberglaube der Gegenwart, Hamburg 1560, 
s. 184. Jecklin 2, 144. 2) M. Toeppen. WUberglaube aus 


afuren. Danzig 1867, ©. 32. #3) U. Weter. 
lihes aus Oeſterreich-Schleſien. 
Märchen, Brauch und Bollsaberglaube. Troppau 1867, ©. 4. 
2, G. Freytag. Bilder aus der deutſchen Vergangenheit, Bp.2 
Leipzig 1859), ©. 74. *) J. 8. Grohmann, Sagen aus 
öhmen. Prag 1863, &. 12. 2%) Freytag 2, 73. 7) Grobe 
mann Nr. 1427. 2) Meier 250. Baumgarten 18. 2) 7. 
Liebrecht. Des Gervafius von Tilbury Otia imperialis. Hans 
nover 1856, Unhang: Franzöſiſcher Aberglaube aus Thiers, 
Traitö des Superstitions Nr. 415. 99) J. W. Wolf. Bei: 
träge zur deutſchen Mythologie. Göttingen und Leipzig 1552. 


Bolfsthüm: 


Veiträge zur deutſchen Mythologie; 
Ghur 1862, ©.9 W. sy N 
3 2% W, 





18, Yedlin 2, 144. | 


2. Abtheilung: Sage und | 


79 


Bd. 1: Überglaube ©. 205 und folgende. Nr. 430 und An— 
mertung. Grobmann Rr. 319. Bavaria 2,805. 9) 5. —— 
Zur Bollstunde. Heilbronn 1579, ©. 344/5. 22) Meier 400/1, 
429. ®) E. Cortet. Essni sur les fütes religieuses et lea 
traditions populaires au ri rattachent. Paris 1867, p. 223. 
>) Grohmann Nr. 1129. SR, v. Leoprediting. Aus dem es 
rain. Münden 1855, ©. 18. 3) Bavaria 8, 935. J Brand. 
Popular antiquities of Great Brittain. Edited by W, Ca- 
rew Hazlitt. London 1870, vol. 2, p. 151, 143, Liebrecht 
320. 3. W. Boecler. Der Eſthen abergläubiihe Gebräude, 
Weiſen und Gewohnheiten. Gerausgegeben von F. R. Kreuh— 
wald, St. Petersburg 1854, 5. 19. 3%) Tocppen 81. . 
Schmidt. Das Jahr und jeine Tage in Meinung und Brauch 
der Romänen Siebenbürgens. ermannktadt 1366, ©. 26. 
37, Wuttle 8. 2369. Vartih 2, 397, 3) Brand 2, 18. 39 J. 
Burtorf. Erncuerte jüdische Synagog oder Illden-Schul. 
Frankfurt und Veipzig 1729, 5. 264. +9 Grohmann Nr. 788, 
1194. J. U. €. Köbler. Vollsbrauch. Aberglauben, Sagen und 
andere Ueberlieferungen im Boigtlande, Leipzig 1567, S. 412. 
#1, Yauttle S. 129. #2) Boecler 59. Toeppen 52. 4) In 
Böhmen werden die Fluſſe in der Zeit ywilchen Laurentius 
und Georg (oder Johannes dem Täufer) überhaupt für giftig 
gehalten, weshalb aud das Baden alsdann verboten ift. Grob: 
mann Wr. 3246. Dieſer Glaube und Braud findet fih in 
Norwegen für die Zeit der Hundstage wieder. Liebrecht 337. 
+), Grohmann Nr. 857, Lammert 46. Bavaria 2, 305. Dies 
fer Brauch, Waſſer vor dem Genufie erit unſchädlich zu mas 
den, findet ſich auch anderwärts. Die Estimo laffen, wenn fie 
zu einer neuen Quelle fommen, zuerst den Ungelot davon 
teinfen, um das Waller von einem ſchadlichen Geiſte zu ber 
freien (E. ®. Tylot. Unfänge der Kultur, deutſche Ausgabe, 
Yeipyig 1873, Bo. 2, ©. 211); der Bulgare [hüttet von jedem 
(Eimer erſt etwas fort, um etwa darauf ſchwimmende Flemen- 
targeifter zu entfernen. (Ebendajelbit 2, 215.) Das alte Tefta- 
ment bietet uns das Beiipiel einer Ouellentgiitung durd Salz 
in der Erzählung von dem Wunder des Elija, welcher eine 
Quelle, deren Waſſer Wbortus der —— hervorbrachte, durch 
—— von Salz zu einer geſunden machte (2 Könige 2, 
9 #.); die Quelle in der Nähe von Jericho wird noch gezeigt 
und fol jalzig ſchmedendes Waſſer haben. (9. €. &. Paulus. 
Sammlung der mertwürdigften Reifen in den Orient. Jena 
1772/1801, BB. 6, S. 2337) #) Grobmann Mr. 906. 
46, Wolf: Mannhardt 4, 86. #7) Wolf-Dlannhardt 2, 102. 
4), Bavaria 3, 340. Fr. Panzer. Beitrag zur deutichen My— 
thologie. Münden 154555, Bd. 2, &. 3034. #9) Hochholz 
1, 338. Bonbun 29. ug. Stoeber, Aus der Emeis von 
Geiler von Kaiſersberg. Bajel1875, ©. 60. 60) Wolf Manns 
bardt 4, 179, 1) Wuttte S, 300. 52) Peter 250. 53) Groh⸗ 
mann Ar, 272. Wuttte 8. 49. 5%) Panzer 1, 265. Bavaria 
3, 340. Grohmann Ar. 234. 5°) Wolf: Mannhardt 2, 421. 
56, Bavaria 2, 241. 97) Geiler von Kaijersberg (a. a. ©. 19) 
erwähnt der Benutzung des Backtroges aud beim SHerenfahren 
durd die Luft. 9°), Grohmann Mr. 14, 269, 270, 271, 258. 
>», Wuttle 8. 301. St. Daupt. Sagenbuch der Yaufig. Leip⸗ 
jig 15628, Bo. 2, ©. 46. @) Toeppen 43. €) Schmidt 16. 
#2, Wutite 8. 256.) F. Rork. Die Sitten und Gebräude 
der Deutihen und ibrer Nachbarvöller. Stuttgart 1849, 
*) Albertus Magnus egyptiſche Geheimniffe für Menſchen und 
Vieh. Weading v. 3. Bo. 1, ©. 53. 5) Wuttfe S. 300, 
6“, Abertus Magnus 2, 4. 4 Liebrecht 345 (mad der 
Zimmeriſchen Ghronit). ©) Ebendajelbit. ) Grohmann. Sa⸗— 
gen 174. Wolf: Mannhardt 4, 213. (Oberlaufit), Grimm. 
Mythologie 520 Voigtlandd. A. Huhn. Sagen, Gebräude 
und Märdien aus Weſtfalen. Leipzig 1859, Bd. 1, S. 307. 
U. Huhn und W. Schwars. Rorddeutſche Sagen, Märden 


und Gebräude. Yeipzig 1349, ©. 224. Simrod, Handbud 
der deutſchen Mythologie. Bonn 1374, S. 439. ©) Rodhholz 
1, 333. Woli: Mannhardt 4, 213, ?1) Plinius. Natur: 


geihidhte 20, 72. 72) RMochholz 1, 335. 73) U. Birlinger. 
Aus Schwaben. Wiesbaden 1574, Bd. 1, S. 410, ' Wuttfe 
$. 159. 7% Grohmann Ar. 720. J. R. v. Alpenburg. My— 
then und Sagen Tirols, Zürich 1867, ©. 264. °°) Brüder 
Grimm, Kinder: und Hausmärden. Göttingen 1356 (dritte 
Auflage), Bo. 3, S. 157. 9%, Grimm Rr. 183. 


50 Aus allen Erbtheilen. 


Aus allen Erdtheilem 


Südamerika. 


— In der Botlſchaft, welche der Präſident der Nepublit 
Venezuela am 6. März d. J. dem Nationaltongrek vorlegte, 
it von allgemeinem Interefje, was er über bie nad langem 
Kampfe endlich durchgeführte „Reform ber Republit“ 
mittheilt. Darnadı find aus ben 20 alten Theilen derfelben 
nun 8 Staaten geworben, nämlih: Guzman®lanco mit 
der Hauptſtadt Taräcas, welcher ald „Föberaldiftrift“ unter 
einem befondern Gouverneur fteht; Carabobo (mit Valen: 
cin), Lara, Falcon Zulia (mit Maracaibo), Zamora, 
108 Undbes, Bermudez (mit Barcelona) und Bolivar 
(mit Ciudad Bolivar), Die Legiölative ift aus den Depu: 
tirten berfelben und Senatoren zufammengefegt „und aus ben 
freieften (?) Wahlen hervorgegangen, die je ein republifanifches 
Volt gehabt hat’, Der Stongrei hat die Mitglieder des 
Obersten Gerichtähofes der Föderation und die Bevollmäd: 
tigten der einzelnen Staaten für ben concejo federal (Föde⸗ 
ralrath) zu ernennen. Der lettere beftiimmt dann aus feiner 
Mitte denjenigen, der bie Initiative in der Verwaltung aus: 
übt, d. h. dem Präfidenten der Republik, 

Neben den wieder in Seltionen eingetheilten Staaten 
find außer den ſchon feit dem Septennium (1873 bis 1880) 
beftehenden Territorien la Boajira und Colon nod die 
vier neuen Territorien gefhaften: Orinoco, Amazo: 
as, Muruari und el Cauca, aus denen ſich nach und 
nad) Sektionen oder Staaten entwideln follen. Verwaltet 
werben fie durch unmittelbar von der Gentralregierung er: 
nannte Beamte. 

Nach derfelben Botſchaft hat Caraͤcas jetzt telegraphi— 
ſche Berbindung mit dem Centrum und dem 
Weſten der Republik. Der Tarif iſt herabgeſetzt und der 
Gebrauch des Telegraphen nun ein jo häufiger, daß feine 
Einkünfte feine Roten deden werden. Die Verbindung mit 
dem Telegraphen Neu Columbiend in eröffnet und Bogotä 
dadurch auf Minuten nahe gerüdt. Die Leitung geht von 
Garäcas aus über Valencia, Nirgua und San Felipe und 
berührt dann folgende Ortichaften: Barguifimeto, Tocuyo, 
Trujillo, Onibor, Carache, Valera, Timöhes, Merida, Cabu⸗ 
dare, Tovar, la Grita, San Eriftöbal, San Antonio del 
Tädira, von wo fie auf columbiiches Gebiet hinübergeht. — 

"Im Bau begriffen ift die Telegraphenlinie nah Ofen 
von Garäcad bis Guiria am Golf von Paria, mit einem 
Seitenzweig nadı Soledad am linken Ufer des Drinoco, Tin: 
dad Bolivar gegenüber, und nadı Maturin; foäter wird 
dann ein unterſeeiſches Kabel nad Trinidad hinübergelegt 
werben und fo Venezuela mit ber ganzen Welt in telegra— 
phiſche Verbindung gefett werben. Aud nad Süden bis 
Upure und Barinas hofft man Seitenlinien legen zu Fön: 
nen. — Der Präfident filgt hinzu, daß er zu der Sefte derer 
gehöre, welche der Anſicht feien, das, da Poft und Telegraph 
dem öffentlihen Dienft gehören, die Unterftütung der all- 
gemeinen Interefien es verlange, „die Correſpondenz in jeder 
beliebigen Form von jeber Kontribution zu befreien“ (!) und 
empfiehlt das Studium diefer Frage den Depntirten. 

Die Erefution hat, da die nene Verfaffung verlangt, daß 


bie Ueberſchüſſe der in den füberalen Zollämtern aufgehäuften 
Einkünfte an die einzelnen Staaten nad; Mafigabe ihrer Be: 
völferung vertheilt werben, eine nene Zählung im April des 
Jahres 1881 anftellen laffen, obwohl bie verſaſſungsmäßigen 
zehn Jahre nach der letzten Zählung von 1873 mod nicht ver 
floffen waren. Sie ergab im Ganzen eine Bevölkerung von 
2075 245 Seelen, worunter 34 916 Ausländer, gegen 1781194 
Einwohner nad der erſten Zählung vor acht Jahren, alſo einen 
Zuwachs von 291 051 Seelen in 2704 Tagen oder 2,18 Proc. 
im Jahre und im Ganzen in den adıt Jahren von 16,81 Proc.; 
4548 Einw. mehr, ald man 1873 beredjnet, da man auf 
die Einwanderung nidjt gerechnet hatte. 

Am 18. März ift der bisherige Präfident General Guz⸗ 
man Blanco von dem concejo federal einftimmig wieber 
gewählt worden. Sogleidy erhoben fich, durch Agenten ber in 
Trinidad lebenden Verbannten aufgeſtachelt, an verſchiedenen 
Orten ber Nepublit Banden von Aufnändiichen, befonber® 
im Staate Carabobo, zu deren Verfolgung der Präfident 
Truppen ansgefandt hat; in Baranifimeto in cin Revolutions⸗ 
fomite entbedt und das Haupt beffelben, Escovar, mit 
feinen Komplicen verhaftet und ben Gerichten überliefert wor: 
den. Mit Rückſicht auf die drobende Gefahr find am 16. 
April wieder, wie früher, dem Präfibenten vom Congreß 
außerordentliche Vollmachten „zur Wiederherftellung ber Ord⸗ 
nung und Anfrehterhaltung der Ruhe Venezuelas“ über: 
tragen worden. 


Polargebiet. 

— Das bebeutendfte und intereffantefte Reiſewerl der 
Menzeit, „Die Umfegelung Afiens und Europas auf 
der Bega* von A. E. Freiherrn von Nordenjtiöld 
(Leipzig, 9. A. Brochhaus), it mit der focben erfcdhienenen 
22. Lieferung and Ende bes zweiten Bandes und bamit zum 
völligen Abſchluß gelangt. Von jaft demfelben Umfang wie 
der erfie Band, bietet der zweite Band einen nod) gröfern 
Reichthum an Illuftrationen; er enthält das in Stahl ge 
ſtochene Porträt de3 Kapitäns der Bega, Louis Palander, 
294 Abbildungen in Holzſchnitt und 9 Karten, darunter eine 
im Mafftab von 1:4000000 auögeführte, die Norbfüfte ber 
alten Welt von Norwegen bis zur Berings:Straße darftellende 
Starte, welche die Fahrt der Vega mit aller wünfchenswerthen 
Dentlichkeit verfolgen läßt und ein durch die neuen Aufnahmen 
vielfach ergänztes und beredtigtes, höchſt anſchauliches Bild 
von der geographifcen Formation jener nörblichften Länder 
und Meere der Erde gewährt. Somit liegt und der Bericht 
über Verlauf und Erfolg der epochemacjenden Reife in wir: 
digſter Faſſung und Ausſtattung vollftändig vor. 

Unmittelbor an daffelbe wird ſich, laut Anzeige ber Ber: 
lagsbandlung, ein ebenfall® von Nordenitiöld felbft herausges 
gebenes Werl anſchließen, dad unter dem Titel: „Die wiſſen— 
ſchaftlichen Ergebniife der Vega-Erpedition, von 
Mitgliedern der Expedition und anderen Forſchern bearbeitet“, 
über die heimgebrachten reihen Sammlungen und werthvollen 
Beobachtungen eingehende Mittheilungen madıt. Auch dieſes 
zwei Bände umfafjende Werk wird dem meiſten Leſern bes 
erzäblenden Reiſeberichts hodwilllommen fein. 





Inbalt: Leadville in Colorado Il. (Mit einer Karte und ſechs Abbildungen.) (Schluß.) — Prof. Rihard Greeff: 
Tie Gapverdifhen Infeln II. (Schluß) — E. Haberland: Das Brot im Volksglauben I. — Aus allen Erdtheilen: 
Südamerifa, — Polargebiet. (Schluß der Redaction 1. Juli 1882.) 





Nebacteur: 


Dr. R. Kievert in Berlin, S. W. Eintenftrafe 11, III Tr. 


Trud und Verlag von Frietrih Vieweg und Sohn in Vraunſchweig. 
Hierzu eine Beilage. 


Band XL. 


— — — — 





Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fachmannern herausgegeben von 


Dr. Richard Kiepert. 








Braunſchweig 


Jährlich 2 Bände & 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Foftanftalten 1882. 
zum Preife von 12 Mark pro Band zu beziehen. ’ 





Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd). 


(Nah dem Englifhen der Lady Anne Blunt.) 


* 
I 


(Sämmtliche Abbildungen nach Skizzen der Reiienden.) 


„Für alle Diejenigen,“ heit es in der Vorrede bes 
interefianten Buches, das wir machftehend im Auszuge mit 
theilen, „für alle Diejenigen, welche den Bericht über 
unfere vorjährigen Abentener im Euphratthale 2) gelejen 
haben, bebarf es wohl kaum einer Erklärung, weshalb wir 
diefe neue Reife unternommen, noch auch, weshalb wir 
fie als eine „Pilgerfahrt“ bezeichnet haben. Denn einer- 
feits bildet ja die Reife nach Nedſchd nur die natürliche, 
folgerichtige Ergänzung der Reife durch Meſopotamien und 
die ſyriſche Wüfte, andererfeits aber erfcheint gerade Nedichd 
durch das romantiſche Intereſſe, das fid) an feinen Namen 
fnüpft, einer gewiflermaßen frommen Schnfudt nicht un— 
werth; einer Schnfudjt, wie fie eben die Pilgerfahrten zu 
ben großen religiöjen Heiligthiimern veranlaßt. In der 
Phantafie der nördlichen Beduinenſtämme ift Nedſchd ein 
Land der Romantik, die Wiege ihres Volles, die Heimath 
aller jener Borftellungen von höchſter Nitterlichkeit, die noch 
heute ihr Ideal find. Witr die Anazeh und Schammar be» 
fonders, die erft vor wenigen Öenerationen nach dem Nor- 
den gelonmen find, ift die Trabition ihrer alten Heimath 
faft noch eine Erinnerung; aber aud) für die Araber der 
früheren Invafionen, unter ihnen die Bewohner der Städte 
Bozra, Palmyra (Tadmor) und Deyr, ſowie die Tai-Bedui- 


1) A Pilgrimage to Nejd, the cradle of the Arab 
Race. 2 vol. London, Murray, 1881. 

2) The Bedouin tribes of the Euphrates, By Lady 
Anne Blunt. 2 vol. London, Murray, 1880. 


Globus XL. Nr. 6. 


nen, die einftigen Beherrſcher von Didebel Schammar, 
hat Nedichd einen größern Reiz, eine höhere Bedeutung, 
als fogar Hedſchas. Was Paläftina für die Juden, was 
England für feine amerikanischen und auſtraliſchen Colo— 
niften, das iſt Nedfchd fir alle dieſe Araber; freilich mit 
dem Unterſchiede, daß fie von dem Yande ihrer treuen Vers 
ehrung grümdlicher getrennt find, als jene; denn die weite 
Wirftenftrede, weldye die Bewohner Nordarabiens und Sy: 
riens von Nedſchd fcheidet, ift bei weiten unwirthlicher, als 
irgend ein Meer. So findet man denn im Norden aud) 
nur höchſt felten einmal einen Araber, der das große Ne— 
füb paflixt hätte. 

„Auch fr uns, die wir wohl unwilllürlich manches von 
der in der Wuſte heimischen Anſchauungs- und Denkweiſe 
in und aufgenommen hatten, trug Nedſchd ſchon lange die 
romantifche Färbung eines heiligen Yandes; und als es feft 
ftand, dag wir Dſchebel Schammar bejuchen würden, den 
Hauptſitz des bebuinifchen Lebens, da erfchien uns unfer 
Unternehmen im der That fat wie ein frommes Wert. 
Und die Umftände, unter denen wir bafjelbe ausführten, 
waren, troß einiger Heinen Enttäufchungen, über die wir 
weiter unten zu berichten haben werben, faum weniger ro: 
mantiſch, als die ganze Idee der Reiſe jelbjt.“ 

Am 13. December 1878 traten Mr. Wilfrid und 
Yady Anne Blunt von Damasfus aus die ebenſo bejchwer- 
liche wie gefahrvolle Reife an. Während eines vorher- 
gegangenen mehrwöchentlichen Aufenthaltes in diefer Stadt 


11 


82 Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


hatten fie die legten Vorbereitungen zu dem großen Unter» | Kameele, Mundvorräthe, zwedentiprechende Kleidung, ſowie 
nehmen getroffen, die nöthigen Yente engagirt, Pferde und | die fandesüblichen Geſchente für die Scheichs der zu pafji« 


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Kuinen von Bozra. 


renden Gegenden gelauft. Die beiden Hauptftügen ihres | alte Belannte von der Euphratreiſe her; der eine von ih- 
aus jede Mann beftehenden Begleitperſonals waren jchon | nen, der chriſtliche Koch Hanna, ein gutmüthiger aber fei- 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 83 


ger Burſche, hatte fich unaufgefordert jet wieder in Da— 
mastus eingeftellt und feine Dienfte angeboten; der andere, 
der junge Mohammed Ibn Arük, der Sohn des Scheichs 
von Tabmor, war im Folge einer frühern Verabredung 
und, wenigftens in feinen eigenen Augen, ald Hauptperjon 
des ganzen Unternehmens gelommen. Mit biefem uns 
emein intelligenten jungen Araber, der ihm auf ſeiner 

hratreiſe in der That unſchätzbare Dienſte geleiſtet, 
hatte Mr. Blunt bei dem damaligen Aufenthalte in Tad— 
mor nach gut arabiſcher Sitte Brüderſchaft geſchloſſen und 
ihm, da dies mit ſeinen eigenen Plänen in erwünſchter 
Weiſe übereinſtimmte, zugleich feine Begleitung und feinen 
Schutz für eine Reife nad) Nedſchd zugefagt, die Moham— 
med im mächitfolgenden Jahre in wichtigen Familienan— 
gelegenheiten unternehmen jollte. Jetzt war nun die Zeit 
zur Ausführung dieſer Reife gekommen, bei der es ſich um 
nichts Geringeres handelte, ald um das Aufjuchen der in 
Nedſchd etwa noch vorhandenen Mitglieder der alten Fami— 
lie der Ibn Arak und um die Wahl einer Gattin aus dies 
jem edlen Geſchlechte; denn verſchiedene Mifheirathen ſei— 
ner in Tadmor anſäſſigen Vorfahren machten dem ehr— 
geizigen jungen Scheichſohne die Berbindung mit einer vor: 
nehmen Familie feiner 
jegigen Heimath unmöglid). 
Was man an Anhaltäpunf- 
ten für die Auffindung der 
„Berwandticaft* beſaß, 
war allerdings wenig; der 
Vorfahr der Ihn Arüfs 
von Tadmor war, einer 
ſichern Tradition zufolge, 
um die Mitte des 18. 
Jahrhunderts erſt aus 
Nedſchd gekommen, um fich, 
wie damals viele Scheich, 
der neuen Ordnung ber 
Tinge unter der wahhabi: 
tifchen Herrſchaft zu ent: 
ziehen. Zwei feiner Brit: 
der, mit ihm die letten 
der Ibn Arüf, Hatten 
ihm begleitet, ſich aber 
in Folge eines Streites 
ihon in Dſchöf von ihm getrennt. Ueber fie und ihre 
etwaigen Nachtommen hatte man jeitdem in Tadmor 
nie etwas Beftimmtes erfahren; doch erzählte der heutige 
alte Scheich mit Vorliebe die freilich romantiſch klingende, 
unter den obwaltenden Verhältniffen aber immerhin nicht 
unmögliche Geſchichte, daß im Anfange diejes Jahrhunderts, 
als es ſich darum gehandelt hatte, die Ermordung feines 
Vaters zu rächen, plöglich ein Ihn Arhk aus dem Süden 
in Tadmor erichienen fei, der ben Rachealt vollzogen habe, 
um gleich darauf fpurlos, wie er gefommen war, wieber 
zu verſchwinden. 

Waren die englifhen Neifenden nun auch von ber 
Wahrſcheinlichkeit und Wichtigkeit der Auffindung weniger 
überzeugt, als ihre junger Begleiter, fo fonnte ihren Abs 
fichten doch nichts erwünſchter fein, als diefer an die Zei: 
ten JIſaaks und Jakobs erinnernde Scheinzwed fur ihre 
Reife. Freilich bradjte der Umstand, dag Mohammed ſich 
jetst weniger als Diener, denn als Bruder und Freund des 
„Beg“ betrachtete, manches Yäftige mit ſich; aber alle ges 
legentlichen Unannehmlichkeiten wurden durch die Bortheile 
diefer Einrichtung ihrer Meife volllommen aufgewogen. 
Bar es den drei einzigen Europäern, die in neuerer Zeit 
Dſchebel Schammar befucht haben, Wallin, Guarmani und 





Gitabelle von Salchad. 


Palgrave, nur als Muslimen verkleidet und unter fteter 
Vebensgefahr möglich geweien, das Yand zu durchreiſen, jo 
fonnte das Ehepaar Blunt, wenn aud) offenbar „ungläus 
bige Franken“, infolge der Blutsverbrüderung mit ihrem 
arabijchen Begleiter doch überall wenigſtens auf diefelbe 
Sicherheit rechnen, wie diefer ſelber. Sie konnten, was 
ihren Vorgängern nic)t möglich gewejen wäre, unbehindert 
Barometer und Kompaß benugen, Yandichaftsaufnahmen 
macen, genaue Erlundigungen tiber örtliche Berhältniſſe 
einziehen u. |. w. Daß unter bdiefen günftigeren Umftäns 
den bie Reſultate ihrer Reife, namentlich in Bezug auf 
geographiſche Beſtimmungen, auch bedeutender fein mußten 
als die jener früheren, liegt auf der Hand. 

Auf der großen Pilgerftraße, die von Damaskus nad) 
Meffa führt, wurden die drei erften Tagereifen bis zur 
Stadt Mezärib zurüdgelegt, Die Yandichaft zu beiden 
Seiten des Weges bot wenig Bemerfenswerthes dar: Tahle, 
abgeerntete Felder, auf denen jegt infolge der troftlofen 
Diirre, von der ganz Syrien während des Herbftes 1878 
heimgefucht war, aud) feine Spur von Grun ſich zeigte, 
Im Welten erhoben jich am Horizont die ſyriſchen Ditgel, 
im Oſten die zerflüifteten Höhen des Haurän, dejien che: 
mals vultaniſche Natur fich 
in den unzähligen kleine— 
ven und größeren glänzend⸗ 
ſchwarzen Geſteinſtückchen 
erlennen ließ, mit denen 
die ganze Straße und ein 
großer Theil des lultivirten 
Landes wie beſäet war. 
Zümmtlihe Dörfer der 
Gegend find aus dieſem 
jelben Material gebaut und 
haben deshalb, zumal da 
fie jeder Umgebung von 
Bäumen ermangeln, ein 
diftered, unfreundliches 
Ausſehen. Fiir gewöhnlich 
gilt die ganze weitere Um— 
gegend von Damaskus ala 
bejonders reich; in dieſem 
Jahre gefellte fich aber zu 

' ber weithin fühlbaren Ka— 
lamität des gänglichen Negenmangels nod) die zweite einer 
großen Viehſeuche. 

Mezärib, das man am Nadjmittag des dritten Tages 
erreichte, bot einen verhältnißmäßig freundlichen Aublick 
dar. Es liegt inmitten eines Meinen Sees; ein ſchmaler 
Steindamm verbindet es mit dem Lande. Auf dem zum 
Theil begraften, mit ungeheuren Blöcken befüeten Ufer erhebt 
ſich die anfehnlicdye Ruine eines alten Schlofjes oder Chang, 
Mezärib verdantt feine Hanptbedeutung einem großen 
Markte, der hier zur Zeit der Heimkehr der Mekkapilger 
alljährlich abgehalten wird. Auch jegt war bie weite Ebene 
jenjeit de& Sees, auf der die Reifenden ihr Yager aufſchlu— 
gen, mit langen Neihen weißer, meiſt tlirfifcher Zelte bes 
det, zwiſchen denen ſich eine bunte, tobende Menge drängte. 
Bis ſpät in die Nacht hinein ftrömten immer neue Scha— 
ren mit großen Zigen von Pferden, Kameelen und Eſeln 
herbei, und der Lürm wurde bald fait unerträglich, namentlich 
wenn, was mehrmals geichah, einige gllidlid, erwiſchte Diebe 
durch einen Alt raſcher Volksjuſtiz mit einem unfreiwilli— 
gen Bade im See beftraft wurden, ehr wider ihren 
Willen mußten die Reifenden mehrere Tage in diefer ebenſo 
unruhigen wie bald unfaubern Umgebung verweilen. Vers 
ſchiedene Berabredungen wegen eines Beduinengeleites durch 


11* 


‚wur 


84 Eine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 


lichen Söhne der Wüſte zeigten fich in mehreren Fällen | lag das gefallene Vich unverſcharrt auf dem Boden ; Yaby 
höchſt unritterlich wortbrächig und in unverſchämteſter Weife | Blunt zählte an einer Stelle allein 70 Stüd Kühe und 
auf ihren Bortheil bedacht; man war fchlieglich froh, von Ochſen; ein großer Berluft, da jedes Stüd Rindvieh dort einen 
dem mächtigen Scheich der Uelled Ali, Mohammed Duchi, | durchichmittlichen Werth von etwa 200 M. hat. Mehr 
einige Empfehlungsbriefe an die Oberhäupter verſchiedener nod), als über diefe Heimfuchung, bei der fie fich mit dem 
Wiüftenftänme zu erhalten, mit denen man ſich dann zus | gewöhnlichen „min Allah* (von Gott) tröfteten, Magten die 
nächſt ohne Geleit und ohne befondern Führer auf den | Dorfbewohner über die Dürre Die meiften diefer Orts 
Weg machte. Bon der Pilgerjtraße abbiegend, folgte man | ſchaften find mit ihrem Waſſerbedarf allein auf den Regen 
einem nach S. ©. D. flihrenden Wege, der, augenblidlich | angewieſen, jegt waren die großen , in den Fels gehöhlten 
von nad) Mezärib ziehenden Yeuten belebt, den ganzen | Nefervoirs ſeit lange volljtändig troden, und die Yeute muß: 
Tag über zwiſchen trefflich beftellten Feldern entlang | ten das Trinkwaſſer oft meilenweit aus bem Gebirge holen, 
führte, deren reicher, dunfelrother Boden nur den Regen | bei einer Temperatur, die troß des December um die Mit: 


das Haurängebiet zerſchlugen ſich immer wieder; die ritter- | erwartete. In dem zahlreichen Dörfern, die man pajftrte, 








Sandfturm am Wabi : er: Radfchel, 


tagaftunde auf 36° F. ſtieg. Die Nacht verbrachte man | Nefervoir, das indeflen mit einem geringen Aufwande von 
in dem Gaurändorfe Shizch, deifen Scheich den Keifenden | Mühe und Koften wieder nugbar und für die ganze Ges 
gaftlichfte Aufnahme gewährte und ihnen zugleich branchbarere | gend zum Segen gemacht werden könnte: eine Möglichtei, 
Fingerzeige für ihre weitere Reife gab, als fie jie bisher er- die unter türfifchem Regiment freilich nie vorfommen wird. 
halten hatten. infolge derfelben ging es am nächſten Tage Am folgenden Tage, dem 20. December, folgte man 
in ſudöſtlicher Richtung weiter, über Bozra, die legte Stadt | der faft genau nad Often führenden alten römiichen Straße, 
des Haurän, hinaus in das Gebiet der freien, die türfifche | die man vorher Schon mehrmals gefveuzt hatte, und die hier 
Oberherrſchaft nicht anertennenden Bebninen. Die Stadt | bergauf und bergab über ziemlich hügeliges Terrain ging. 
Bozra felber, deren wohlerhaltene, augenscheinlich der Römer | Fern am Horizont auf einem Gipfel des Haurän zeigte 
zeit angehörige Nuinen eine gewille Berlihmtheit haben, | ſich Salchad, das Ziel, das man zunächſt erreichen wollte. 
befindet fich erit feit 15 oder 20 Jahren in ben Händen | Bon Räubern, vor denen die Reifenden gewarnt worden 
der Türfen, die in einem halbverfallenen, alten faracenifchen | waren, zeigte fich nichts; im der That begegnete man 
Feltungsgebäude eine Meine Garnifon halten. Bor der | während des ganzen Tages feinem chenden Weſen; zwei 
Stadt befinden ſich einige ziemlich waſſerreiche Quellen, und | Dörfer, die am Wege lagen, waren längſt verlaflen und 
unweit derfelben ein leider verfallenes, großes gemauertes | eigentlich nur noch Trümmerhaufen. Dafür bot der Weg 





Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd. 85 


an und für fic eine mehr als wünfchenswerthe Abwechslung ; 
von dem Pflafter der alten Straße fehlten zahllofe Steine, 
die Mehrzahl der übriggebliebenen hatte ihre Yage verän- 
dert; jo glidy der ftundenlange Ritt einem unaufhörlichen 
Stolpern über grobes Steingeröll; erjt ald man ſich gegen 
Abend dern Bergen näherte, auf denen man jett die Gita- 
delle von Saldyad deutlich erfannte, wurde es efwas beſſer. 
Auch) die Landſchaft ringsum nahm einen andern Charakter 
an. Statt der fahlen fteinigen Hügel zeigte ſich zunächſt 
eine weite Ebene, auf der gewaltige Felsblöcke verjtreut und 
übereinandergehäuft lagen; dazwiſchen trat der reiche dunkel⸗ 
tothe Boden hervor, der an einigen Stellen kultivirt zu fein 
ſchien. Auf den Abhängen der Hauränberge zeigten fid) 





hin und wieder Spuren eines augenfcheinlic vor Kurzem 
erſt gefallenen Regend: Meine, friſchbegraſte Stellen, auf 
denen jet einige Ziegen weideten. Der Weg, auf dem man 
zu der auf dem Gipfel eines kegelförmigen Hligels belegenen 
Gitadelle hinaufgelangt, fpottet jeder Beſchreibung; immer 
wieder glitten die Thiere zwiſchen dem Steingeröll aus, und 
immer wicber ſah ſich Mohammed veranlagt, feine Vers 
zweiflung daruber durch das Gelübde zu unterbrechen, fir 
ein glüdliches Hinauftommen an demfelben Abend noch ein 
Schaf zu ſchlachten. Ueber diefe heidniſch Mingende Ans 
wandlung befragt, erzählte er, daß dies Geloben eines Scha⸗ 
fes, wenn man fich im irgend einer Noth befinde, eine „alte 
Sitte der Beduinen“ fei. Werde man glüdlich erlöft, fo 





Hüufer in der Dafe Käf. 


ſchlachte man das Schaf und verzehre es mit feinen Freun— 
den. Bon irgend einem religiöfen Hintergedanken an die 
frühere heilige Opferung hat ſich augenscheinlich dabei nichts 
erhalten, die Form allein ift in den Gebrauch übergegangen. 
Die Heine Feftung Salchad hat mit der von Alcppo die 
größte Achnlichkeit; der obere Theil des Berges ift kunſtlich 
erhöht und gleichmäßig gemacht; ein von hohen, faft voll» 
ftändig erhaltenen Mauern umzogener Graben umgicht das 
zar Am Abhange des Berges unterhalb der Citadelle 
die Heine malerische Stadt Salchad, ein richtiges Felſen⸗ 

deſſen aus ſchwarzem vulkaniſchen Geſtein erbaute 
Häufer zum Theil ein hohes Alter verrathen. in großer, 
vierediger Thurm erhebt ſich im ihrer Mitte. Jetzt ift der 
Heine Ort von einer Kolonie von Drufen bewohnt, die nad) 
den Unruhen des Jahres 1860 aus dem Libanon hierher 
verwieſen worben find. 


Der einflußreiche Druſenſcheich Huffein el- Atrafch, den 
bie Reifenden hier anzutreffen gedacht hatten, lebte feit eini⸗ 
ger Zeit in der Heinen, etwa drei Stunden entfernten Stadt 
Melad), und man mußte Sich trotz aller Ermüdung ent: 
ſchließen, noch an dem nämlichen Abend den Weg fortzufegen. 
Zum Glüd ging es jegt bergab; die Waſſerſcheide des 
Dſchebel Hauran war paffirt und der ſchmale gewundene 
Pfad führte Über ein fanft abfallendes Terrain, das meilen— 
weit von niedrigen Mauern durdjichnitten und eingetheilt 
war. Diefe Heinen aus roh zufammengefetten Feldſteinen 
gebildeten Mauern gaben der Yandfchaft einen faft europäts 
ſchen Charakter, um jo mehr, als innerhalb derfelben ſich an 
vielen Stellen gutbeftellte Heine Felder, Weingärten und 
Feigenbäume zeigten. Bei einbrechender Dunfelheit erreichte 
man Melad), eine andere mittelalterliche, chemals fefte Stadt, 
wie Saldjad ein Ueberreſt aus der vortamerlanifcen Zeit, 


86 


da das ganze Haurängebiet nod) ein reichbevölfertes, blühen: 
des Yand war, das fid) von der Eroberung durch Omar 
und den Berwüftungen während der Kreuzzüge immer wie 
der ſchnell erholt hatte. Die Aufnahme, weldye die Reifen: 
den in Melady fanden, war wohl dazu angethan, die alte 
oft befungene arabiſche Gaftfreiheit im ihren Augen wieder 
zu heben. Und der Scheich ließ es nicht bei aufmerffamer 
Behandlung und reichlichjter Bewirtung feiner Gäfte allein 
bewenden: er gab ihmen bei ihrer Weiterreife am nächiten 
Tage mehrere von feinen Leuten mit, die fie zumächit bis 
Käf, eine Dafe im Wadi Sirhän, begleiten jollten. Das 
Wadi Sirhän, das vorher noch von feinem Europäer be- 
fucht worden, war im legter Zeit oft der Schauplatz feind- 
licher Zufammenftöße zwiſchen einzelnen Beduinenſtämmen 
gewejen und galt deahalb auch jetzt noch für ziemlich un— 
fiher. So kam es den Reijenden nur erwünſcht, als fid) 
ihnen im Momente des Aufbruchs noch zwei Diener fir die 
Wuſtenreiſe anboten; der eine von ihnen, ein des Yandes 
fundiger Mann, ein Eingeborener von Dichebel Schammar, 


BAFSAHT 





Eine Pilgerfahrt nad Nedichd. 


der viele Jahre in Salchad gelebt hatte, jegt aber in feine 
Heimath zuriidzufehren wünſchte. Mit Briefen für den 
Scheich der Kreyſcheh-Beduinen und filr das Oberhaupt der 
Daje Kaf verfehen, trat man den Weg nad) Süden an. 
Eine Zeitlang folgten ſich noch Heine Dörfer und kultivirtes 
Yand, dann begann eine rauhe, bergige Wildniß, in der ſich 
außer großen Schwärmen von Hühnern fein lebendes We— 
fen zeigte. 

Die Nacht vom 22. zum 23. December verbradyte man 
in einem alten Krater, wo man trefflichen Schuß gegen den 
eifigen Wind fand, der die Wanderung des Tages erſchwert 
und die Leute ſichtlich herabgeftimmt hatte. De mehr man 
fic) dem Wadi Sirhän näherte, dejto größer erſchienen die 
Gefahren, und nur ſehr widerwillig folgten fie über die un: 
geheure, zerflüftete und mit ſchwarzen vullaniſchen Böden 
bedeckte Hochebene der Harra, liber die der Wind unbarms 
herzig dahinfuhr. Am Mittag des 24. fam man unver: 
muthet an ein ziemlid) breite von Norden nach Süden lau— 
fendes Thal, das in feiner Tiefe ein deutlich erlennbares, 





Nat am Brummen, 


freilich jegt trodenes Bachbett und längs deſſelben Tama- 
tisfengebitfch und Gras zeigte. Es war das Wadi-er-Rad- 
ſchel, und zur unauöfpredjlichen freude der Leute zeigte es 
fich auch bald, daß einige im Grunde des Thals weidende 
Scyafe zu dem nahen Yager der befreundeten Kreyſcheh ge- 
hörten. Bei diefen, die nur eine der zahlreichen Unterabthei- 
lungen der weit ausgebreiteten Beni Sofehr find, erfuhr 
man über die augenblidliche Bevöllerung des Weges nad) 
Kaf alles, was man wilfen wollte. Nach einem längern 
Aufenthalte, während deſſen Yady Blunt in dem Haremss 
zelte des Scheich von den beiden frauen defielben die ge- 
ſprächigſte Aufnahme fand, trennte man ſich von den Frey: 
icheh, jedoch nicht, ohne von ihmen einen führer mitzunch- 
men, der die Stelle der beiden nad) Melach zurüidichrenden 
Drufen vertreten ſollte. Die nächſten Tage führten zum 
größten Theil wieder über rauhes, unwirthliches Hochland; 
ſcharfer Wind und Kälte machten die Reife beſchwerlich und 
die Nächte oft ſchlaſlos. Der Muth der Yeute, der bedent- 
lich zu finfen begann, wurde zum Sid durch einen unver: 
hofften Zwiſchenfall wieder etwas gehoben. Man begegnete 
einem herrenlojen, verirrten Kameel, das nad) dem Wiüjten- 


rechte dem Finder gehört; wie plötzlich eleftrifirt machten ſich 
die bisher verdroffenen migmuthigen Yeute an die Verfol— 
gung des Thieres, das and) feinem Schickſal nicht entging, 
ſogleich geſchlachtet und noch an demfelben Abend verzehrt 
wurde. Nach diefem freudigen Erlebniß ertrugen fie das 
Ungemach des folgenden Tages mit verhältnigmäßiger Ge— 
duld. Nachdem in der Nacht ein heftiger Sturm die Zelte 
mehrmals losgeriffen und mit Sand Aberſchüttet hatte, folgte 
am Tage, als man eine weite, fandige Ebene pajlirte, ein 
ftundenlang anhaltender, furdjtbarer Sandfturm, gegen den 
ein Vordringen ummöglic, war. 

In der Nacht zum 27. fiel etwas Regen; der Wind 
ließ nach, und mit friſchent Muthe trat man den Weg über 
eine weite mit grobem, fiesartigem Sande und vereinzelten 
Sandjteinblöden bededte Ebene an. Hier traf man endlich 
auch wieder auf einen erkennbaren Pfad, den Weg der zwis 
ſchen Bozra und Kaf gehenden Salzlarawanen. Um Mit- 
tag erreichte man denn auch die Meine Dafenftadt Kaf im 
Wadi Sirhän. Das Wadi felber war nicht ein langes 
geftredtes Flußthal, wie es die Neifenden zu finden erwar: 
tet hatten, ſondern das ungeheure Beden eines ehemaligen 


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Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 87 


Sees, deifen feljige Ufer an einigen Stellen fchroff empor: | und einige Tamaristen. Dazwiſchen 16 Heine, quabrati- 
ragten. In der Tiefe dejielben am Rande eines subka | fde Häufer von einer nur fteben Fuß hohen Zinnenmauer 
oder fleinen Salzbedens lag die wegen ihres Salzreichthu⸗ umgeben. Das Ganze auffallend Mein und wie fiir Kinder 
mes berühmte Dafe Käf: etwa 70 bis 80 Palmenbäume | beftimmt, dabei aber in einem überrajchenden Zuſtande gu> 





Schloß Marid. 


ter Erhaltung; nirgends fehlte ein Stein am Mauerwerke, | feinem Haufe ein Nachtquartier, und hier verfammelte ſich 
nirgends flaffte eine Ihlir oder ein Fenfterladen; in den | bald die ganze Einwohnerſchaft, um die erften in Kaf ans 
Heinen Gärten am den Hänfern wuchſen Feigenbäume und | wejenden Franken anzuſtaunen. Die Männer, obgleich 
Weinſtöcke. Der Scheich von Kaf gab den Neifenden im | augenfcheinlic, Dank ihrem Salzhandel, eine wenig frie- 





gerifche Schar, erfchienen ſämmtlich mit Schwertern bes | lingsoafe, Itheri, auf derfelben Höhe Über dem Merre wie 
waffnet, die fie gefchultert trugen oder mit beiden Händen | Kaf. Das Wadi Sirhän ift hier ungefähr 12 Miles 
am Griffe gepadt vor ſich hinhielten. breit; die ganze Kormation des Bodens und der Ränder 

Zwei bis drei Stunden öftlid, von Küf liegt eine Zwil» | macht den Eindrud, als habe man hier das Beden eines 


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e c 


88 6. Haberland: Das Brot im PVollsglauben. 


dem Tobten Meere gleic) gewefenen Sees vor ſich. Zahl: 
reihe Brunnen und Heine Salzmulden finden fid) am noch 
mehreren Stellen der ungeheuren Deprejfion. Während 
des Aufenthaltes in Itheri brachte ein von dem Scheich 
von Käf vorausgefandter Bote die erwünſchte Nachricht, 
daß der Weg J— Dſchöf frei ſei, und ſo begab man ſich 
ohne Verzug auf die Reiſe. Ein Scherari-Beduine erbot 
ſich als Führer; denn da die Leute von Kaf und Itheri 
nur mit dem Norden im Verkehr ftchen, iſt von einer 
Straße oder einem erkennbaren Pfade nad) Süden nicht 
die Rede, und ohne einen mit der Yage der Brunnen ver 
trauten Führer auch eine Keife in jener Richtung nicht mög: 
lih. Es waren ſchwere Tage, die jetzt folgten. Scharfer 
Oftwind, und demzufolge Mipftimmung unter den Yeuten; 
der Weg über die zerflüfteten Ränder des Wadi, die ſich 
2250 Fuß über dem Meere und etwa 300 Fuß über die 
Thalfohle erheben, war fir Menſchen und Thiere gleich be 
ſchwerlich. Mit Ausnahme einiger Ghadabäume (einer 
Tamaristenart) in den Felsſchluchten war von Vegetation 
nichts zu fehen; hin und wieder zeigten fich einige Gazellen, 
auf die ſtets vergebens Jagd gemadjt wurde. Auf einem 
der Harra-&bene ähnlichen Plateau, das wie diefe auch mit 
ungeheuren vulfanifchen Blöden befüet war, fand man zum 
erften Male Scharen von Heuſchreden, die von den Leuten 


gefammelt und begierig verzehrt wurden. Zwei Tage lang 
ging es fiber diefe Ebene, im deren Weſten ſich eine wild- 
zerflüftete Gebirgsfette hinzog, die von ben Arabern EI Miz- 
meh genannt wurde. Ein Heiner, mitten in diefer fteinigen 
Wildniß belegener tiefer Brunnen, daneben einige Palmen, 
das war die einzige Abwechfelung und erfreuliche Ueber: 
rafchung im diefen Tagen. Endlich, am vierten Januar, 
verließ man die unwirthliche Gegend des Wadi Eirhän. 
Runde Sandfteinhügel zeigten fich; allmälig anfteigend er- 
reichte man den höchſten Punkt des Weges, einen Heinen 
Gipfel von 2660 Fuß Höhe. Unterhalb eines Tell, deſſen 
Formation an einige Theile der Sinaihalbinfel erinnerte, 
wurde das Yager aufgefchlagen. Am folgenden Tage ging 
es über zahlloje Hügel, aber immer merklich bergab; jchein: 
bar endlos zogen fie fich in chaotiſchem Gewirr in die Ferne 
hinein. In ihrer Mitte zeigte fich, wie ein gewaltiger 
dunkler Fleck auf dem gelben, eintönigen Sandſtein, ein altes 
feftes Gebäude, das Schloß Marid, eine duſtere, halbver- 
fallene Felſenfeſtung. Cine breite natürliche Straße führt 
von hier aus zwiſchen den Hügeln entlang; fie endet nad 
mehreren Meilen plöglich am Rande einer bedenartigen 
weiten Deprefjion, in der eine große Palmenoafe, die Dafe 
von Dihöf, liegt. 


Das Brot im Bolfäglauben. 
Bon E. Haberland. 


Die heilige Kraft des Brotes läßt es erwünſcht erfcheis 
nen, daf bei Errichtung des neuen Haushaltes, beim Schluß 
der Ehe, beim Einzug der jungen Frau im ihre neue Heis 
math das Brot gegenwärtig jei, übele Einflüffe abzuwehren, 
Gluck und Segen für den neuen Vebensabjchnitt zu ver- 
heißen und zu verbürgen. Wilgemein deutſch ift ber 
Glaube, daß die Braut ein Brot, aud) wohl noch andere 
Nahrungsmittel, in die neue Wirthichaft mitbringen oder 
aber es darin bereits vorfinden muß, damit die Nahrung 
für die Zukunft nicht fehle. Im Böhmen geht man mit 
Brot und einem heiligen Bilde voraus in die neue Wohnung, 
damit der Segen Gottes einziche, und muß bei der Rückkehr 
von der Trauung das junge Paar fojort ein Stüd Brot 
eſſen, um künftigem Mangel vorzubeugen ??); in Syrmien 
geht die Mutter des Bräutigams der Braut mit einem 
Yaib Brot und einem Teller voll Getreide oder Reis entge- 
gen ?°); in Mafuren eilen die Plagmeifter dem Brautheim- 
zuge voraus und bringen der Braut aus dem Haufe ein 
in ein Tiſchtuch gewideltes Brot als Unterpfand dafiir, da 
fie in ihrem Yeben ſtets Brot haben wird’®), Meiſt 
geichieht indeß die Anwendung des Brotes beim Einzug ins 
Haus fowie beim Hochzeitsmahle in Verbindung mit dem 
Salze, woriber fpäter gehandelt werben foll. 

Dei den Hodyeiten der Efthen muß der Bräutigams— 
tnecht von einem ganzen Yaibe oben ein ganz fleines 
Stüdcen abichneiden, Butter darauf thun und es der 
Braut in den Mund fteden, damit dereinft ihre Kinder 
einen Heinen und zarten Mund befommen, wie überhaupt 
die Ejthinnen, namentlich die ſchwangeren, aus dieſem 
Grunde darauf achten, daß das erſte Stüd der von ihnen 
angeſchnittenen Brote hübſch Hein gerathe; in einigen Theis 


fen Efthlands forgt man gleichzeitig aud für das Nicht: 
ausgehen des Branntweines mit, indem man in das befon- 
ders gebadene Hochzeitsbrötchen, weldyes während der jyeft- 
lichteit Tag und Nacht auf dem Tifche bleibt, eine Deff- 
nung jchneidet und darein von Zeit zu Zeit von dieſem 
edlen Stoffe giekt *°). 

Wird in Oberfranten ein neues Haus bezogen, fo läßt 
man vorher einen Yaib Brot oder aud) wohl ein Buch auf 
den Tiſch legen, um dadurch gefchltgt zu fein *'); im Venedig 
bringt man vorher Brot, Salz, Del, Holz und etwas 
Aſche Hinein #2). Im Norddeuticland wird Brot zuerſt 
deshalb dahin gejchafft, dag man aud) immer dort fein Brot 
habe), oder auch Brot und Salz‘), in Mafuren Brot, 
Tiſch und Geld ®). 

Im Trauungsceremoniel felbft erjcheint das Brot in 
der griechifchen Kirche: der Biſchof zerbricht ein folches, 
reicht einige Stüde dem Paare und wirft die übrigen unter 
das Bolf; wer eines der Stüde in der gewöhnlich dabei 
entftehenden Balgerei erlangt, dem bringt es gleichfalls 
Süd, er verheirathet ſich noch im Yaufe des Jahres *9). 
Diefes Hafchen nad) den ausgeworfenen Brotjtüden erſcheint 
in der Dauphins und Normandie wieder; hier wirft bie 
junge Fran fofort mad; dem Einzuge in das Haus aus 
einem Korb, welchen ihr die Schwiegermutter überreicht, 
vom Ballon aus Brotrinden unter die unten ftehenden 
Hoczeitsgäfte ; das junge Mädchen, weldjes die erſte erhafcht, 
heirathet noch im jelben Dahre 7), Auch in der Bretagne 
theilt der Priefter, nachdem er liber ein weißes Brot mit 
dem Mefler das Zeichen des Kreuzes gemacht hat, ein 
davon abgefchnittenes Stüd unter die beiden Gatten ®*), 

Große Wichtigkeit legt man ferner der Aufbewahrung 


6. Haberland: 


des erſten Brotabjcnittes beim Hochzeitsmahl ſeitens des 
jungen Paares bei. In Böhmen werden die beiden erften 
Brotſchnitte oder auch nur der der Braut forgfältig aufgehoben, 
fie jchügen vor Mangel und ſchimmeln nie, es ſei denn, 
daß der Befiger ftürbe‘*); in der Oberpfalz und Schlefien 
zeigt das Schimmlicdywerden der aufgehobenen Stückchen 
nur an, daß der betreffende Ehegatte zuerjt fterben wird"), 
Auch in Unterfranken ijt die Braut ängftlich darauf bedacht, 
ein Krümdhen Brot vom Hodyeitsmahl aufzuheben, damit 
es nicht im Haufe ausgehe)). Im Saalfeldichen ſchlitzt 
das aufgehobene Stüd Hoczeitsbrot gleichfalls vor Brot- 
mangel und, wie es jcheint, aud) vor dem Tod der Ehehälf: 
ten, denn wenn dieje lebensfatt geworden, eſſen fie dies 
Stüdcen in einer Suppe gelocht, um jo jelbit diejen 
magischen Schutz aufzuheben "). In der Tübinger Gegend 
und im. Schwarzwald reicht man der Braut oder bem 
Brüntigam, wenn jie zu ihrer Hochzeit einladen, im jedem 
Haufe ein Brot, von dem der Betreffende ein Stüdchen 
abſchneidet und mitnimmt, daraus wird dann die erite 
Morgenfuppe fiir das junge Paar bereitet; in manchen 
Dörfern gejchieht diejes Einfammeln der Brotſtücke auch 
erft nach der Hodyeit??). In England bewahrte man 
früher forgfältig auch vom Kindbetttuchen (groaning cake) 
ein Stüd*), ebenjo hebt in Frankreich wohl noch eine 
oder die andere Mutter ein Stüd von dem Dreifönige- 
abendfuchen als Bürgichaft für das Wohlfein ihres Kindes 
in ihrem Schranfe auf?®). 

Wie bei der Hodjzeit fpielt das Brot auch ſchon im 
vorhergehenden Yiebesroman, wenigftens in Bayern, als 
inmbolisches Zeichen feine Rolle; in der Oberpfalz bricht 
bei der Kirchweih der Burfche feiner AUngebeteten Semmeln 
vor und darf, wenn dieje beim Aufitchen die Broden ein: 
ftedt, die nähere Bekanntſchaft mit ihr einleiten, und ebenjo 
gilt im Niederbayern das Anbrechen des Vrotes und das 
heimliche Yegen der Stüde auf den Schoß der Geliebten 
als eine deutliche Yiebeserflärung 9°). 

Bei der Mahlzeit felbft it die Gegenwart des Brotes 
ftets erwünfcht; man ſoll mach deuticher Vorſchrift jogleich 
beim Deden das Brot auf den Tiſch legen, jedenfalls in 
feiner ſchützenden Eigenschaft, wofür man indeß mit gleicher 
Wirlung auch mur den einen Zipfel des Tiſchtuchs umzu— 
ſchlagen braudjt *”). Bei der jüdiichen Mahlzeit muß ftets 
ein ganzer Yaib Brot und Salz auf dem Tifche jein; der 
Hansvater thut beim Beginn derjelben einen Schnitt in 
das Brot, dedt beide Hände darüber, wie man es auslegt 
in Erinnerung der zehn Gebote, fpricht die Dankſagung 
und bricht dann ein Stüd ab, weldyes er ins Salz ſtößt 
und fofort ohne dazwiichen zu ſprechen in den Mund ftedt. 
Nächſtdem legt er jedem ein Stück Brot hin, darf es ihm 
aber nicht im die Hand oder in den Mund geben’), Bon 
dem jo gefegneten Brote muß ftets ein Stüd auf dem Tir 
iche liegen bleiben , damit etwas darauf fei, worauf der Ge: 
gen ruhe; doch darf fein ganzer Laib darauf gelaffen wer- 
den, damit es nicht den Anſchein gewinnt, als ob man 
Abgötterei triebe ). Aehnlicher Anſchauung er. die 
Bergneftorianer, welche die Broden des legten Mahles 
immer wieder beim folgenden mit hereinbringen, um den 
Segen zu bewahren, welchen der Priefter bei einem frühern 
Mahle geſprochen hat, dann aber aud) in Erinnerung des 
Wortes, welches Jeſus geiprocden: „Sammelt die Übrigen 
Broden, damit michts umfomme* 1%), Die Maroniten 
belegen den Rand des ihnen als Tiſchtuch dienenden Leders 
ganz mit Brot, wenn auch nur zwei oder drei Perfonen an 
der Mahlzeit teilnehmen 19). 

Der böhmifche umd oberpfälziiche Aberglaube verlangt, 
daß man nie im einem Haufe die Nacht ohne Brot bleiben 

Glsbus XL. Nr. 6. 


Das Brot im Volksglauben. 


89 


ſoll, nur darf es nad) Oberpfälzer Anficht nicht auf dem Tiſch 
liegen bleiben, da man dann vor den armen Seelen feine Ruhe 
hat 102), Auch vor dem Antlig Ichovas follte mad) jüdi— 
chem Geſetz eine Page von 12 Broten aus Weizenmehl, 
—— in zwei Schichten von je 6, zugerichtet an jedem 

uhetage beſtändig fein; die altgewordenen Brote fielen 
nachher den Prieftern zu 105), 

Dem Befucenden fchneidet man in Schwaben fait 
überall ein Brot umd giebt ihm wohl aud) noch ein Stück 
mit auf den Weg !%), wie ebenſo auch der auf Reifen 
Gehende ein Stitd vom Hauäbrote mitninmt und es in 
der Tajche bei ſich trägt, damit cs ihm vor Heimweh 
bewahre und vor böjem Zauber und Anfall der Hunde 
ſchütze 1e5). Gleichfalls ift es bei den Czechen Sitte, daß 
Wirth oder Wirthin dem Eintretenden ſofort Brot und ein 
Meſſer mit den Worten bringen: „Schneidet herum, daß 
es gerathe!“ 100); bei den Deutſchböhmen ſchneidet die 
junge Frau in den erſten acht Tagen ihrer Ehe jedem, 
welcher zu ihr fommt, ſelbſt ein Stücichen ab und bittet 
ihn es zu eflen, damit Glück im der Ehe herriche 197). 
Neben dem Ausdrud der Gaſtfreundſchaft ſcheint hiernach 
das Theilen des Brotes auch noch eine abergläubifche 
Wirkung auf das Gluck des wirthlichen Haufes zu haben. 

Wie für das Wohl der neuen Wirthſchaft ſorgt 
das Brot auch, wenn Nachlommienſchaft ſich einftellt, für 
deren Wohl. In Böhmen muß bereits die Braut drei Brot» 
ftüchdjen unter ihre Bett legen, damit ihr jpäteres Kind 
gut zahnt; dem Neugeborenen muß ein Stüd in den Mund 
geftect werben, damit es nicht genäfchig werde und immer 
zu effen habe; ein Laib muß unter feine Wiege gelegt 
werden, damit es feine Noth leide 19%), Der Brand, der 
Braut Kuchenſtücke auf den Yeib zu ftoßen, welcher ſich 
vereinzelt in Deutichland findet 19%), bezieht ſich wohl auf 
die künftige Fruchtbarkeit im ehelichen Yeben. Im der Nor- 
mandie legt die Wöchnerin bei der Ausſegnung ein fleines 
Brot auf den Altar, weldyes vom Geiftlichen mit gefegnet 
wird; hiervon erhalten Taufzeugen, Berwandte und Freunde 
jeder ein Stüd, eines aber wird für das Kind als feine 
befte Medicin für jpätere Leiden aufbewahrt 1"). Stottert 
ein Kind oder ift es gar ftumm, fo kann man c& durch 
das Auseinanderbrechen zweier zufammengebadenen Brote 
hinter feinem Rücen unter den Worten 


Liebes Brot brich, 
Liebes Kind ſprich! 


ficher von feinem Gebrechen heilen 1), 

ferner ift die Anwendung des Brotes in der Viehzucht 
und beim Hederbau mannigfaltig. Es dient zunächſt das 
Vieh, befonders auch den Hund, anzugewöhnen, zu 
weldyem Zwede man ihm ein Stüd zu freſſen giebt, nad): 
dem man es einige Zeit in Böhmen unter der Ferſe, im 
übrigen Deutſchland umter der Achſel getragen, jo daß es 
von Schweiße durchdrungen ift, was am ſchnellſten durch ein 
raſches Yaufen erreicht wird 112); im der Wetterau fitgt 
man diefem Brotftiite auch wohl noch einige Achſelhaare hinzu 
und benubt es als Mittel, die Säue gedeihen zu machen 113), 
Erhält der Hund das Marlzeichen des Brotes, dann fün- 
nen ihm die Diebe das Bellen nicht benehmen !!*). Leber: 
haupt giebt man vielfach, in Deutſchland gelauftem Vieh 
gern ein Stück Brot, in Medienburg find drei Happen vorge- 
fchrieben, zum Angewöhnen !'°); in der Oberpfalz läßt 
man ſich vom Verkäufer ein Stüd Brot mitgeben, welches, 
wenn es ſchimmelt, anzeigt, daß man mit dem Vieh fein 
Stück haben wird und es daher baldmöglichſt wieder los- 
ſchlagen joll }1#), L 

Hühner gewöhnt man in der Wetterau durch ein aus 


12 


90 6. Haberland: Das Brot im Vollsglauben. 


Brot und einem Stuckchen Spillumpen verfertigte Pille 
an!!); in Schwaben verbeift man ihnen Brot, wenn fie 
zum erjten Mal aus dem Stall gelaffen werden, überhaupt 
giebt man auch hier gelauftem Bieh etwas vom Hausheren 
gefaufted Brot zu efien, daß es ſich angewöhne und fein 
Heimweh befommte 11%). 

In Schwaben erhält auch die Kuh, deren Kalb man 
verfanft hat, Brot mit etwas Weihjalz und einem Haar 
des Kalbes, damit fie daffelbe ſchnell vergißt 119); im Salz: 
burgifchen liebt man es, dem Vieh zu feinem Wohlbefinden 
ein Stück Brot zu geben, weldes man einem Bettler, der 
ins Haus kommt, geſchenkt, und von demfelben um Gottes 
Willen und gegen eine —— drei Kreuzern zurück⸗ 
geſchenkt erhalten hat 120), im Weſtfäliſchen läßt man ſtel—⸗ 
lenweiſe die Kühe beim Maitagaustrieb, dem erſten, eine 
Brotkruſte freſſen 12), Das am Hubertustage (3. Novem- 
ber) geweihte Brot wird in der Campine (Belgien) micht 
nur von allen Familiengliedern gegeſſen, ſondern aud) 
alten Hands und Hofthieren zu freflen gegeben, um die 
Hundiwuth von Vieh und Menſchen fern zu halten 122). 

Wenn die jungen Bienen ausſchwärmen wollen, kehrt 
man in der Rheinpfalz und in Schwaben jchnell einen 
Yaib Brot auf die Oberſeite und pfeift dazu, wodurch jie 
zum Wleiben genöthigt werden 125). Wehnlich legt man in 
Medlenburg, wenn ein Huhn ober ſonſtiges Thier abhanden 
gefommen iſt, ein Brot verfehrt auf den Tiſch und ftellt 
einen Bejen auf den Kopf, dann muß fic das Thier von felbft 
wieder einfinden; iſt es von Anderen eingeſchloſſen, jo hat 
es nicht cher wieder Ruhe, als bis es freigelafjen iſt 124). 

Nun die Unwendung beim Aderbau! Nach franzöſiſchem 
Vrauche muß der Bauer vor der Bearbeitung eines Stlid 
Yandes dreimal um den Pilug gehen und dabei in der Hand 
Brot, Hafer und ein Yicht halten 1°); nach böhmiſchem 
unter den erftausfahrenden Pflug oder auf den Ader ein 


Stuck Brot nebft einem Ci legen, damit die Frucht gut | 


gerathe ?%), In der Oberpfalz ftellt man beim erjten Adern 
eine Schüfjel mit Mehl, Brot und einem Ci zwiſchen 
Geſpaun und Plug und läßt diefen darliber gehen; bleibt 
die Schüſſel, welche nachher die Armen bekommen, dabei 
ganz, jo darf man auf eine gute Ernte rechnen 1??); im 
Wittgenſteinſchen legte ‚die Hausfrau beim erſten Fahren 
des Pfluges cin Brot auf die Mitte des Pfluges und ſchnitt 
daſſelbe in zwei gleiche Stüde durch, weldye der Adermann 
und die Zugthiere zu gleichen Theilen erhielten, und wodurch 
dem Acker Segen verliehen werden jollte 12°). Die Griechen 
fegnen am Tage Mariä Himmelfahrt ihre Felder, indem 
fie einen Heinen Ajt inmitten derjelben pflanzen und daran 
drei Brote, Harz, Wachs und Erdbeerkraut, welche Dinge 
vorher vom Priefter geſegnet worden, hängen !?°. In 
Mittelfranten ſtedt man nach dem Dreſchen des Getreides 
in die erite Garbe ein geweihtes Brot und verbrennt fie 
dann in dem Ofen, um fich vor dem Bilmesſchneider zu 
jchügen 1°") Brot, welches am Antoniustag geſegnet, it 
auf das Flachefeld gelegt nad) weitfäliichem Glauben den 
Gedeihen defielben dienlich 121). 

Der großen Wichtigfeit des Brotes entſpricht auch die 
Seilighaltung, welche der Bolfsglaube für dafielbe verlangt. 
Er fordert fie ja allerdings für die Speiſe überhaupt, 
aber dod) lange nicht fo jtreng wie für das Brot als das Haupt⸗ 
nahrungsmittel und den Vertreter der Nahrung überhaupt. 
Selbſt wo die Kartoffel diefe Stellung einnimmt und 
das Brot zurüctritt, wird fie dennoch nirgends fo reſpekt— 
voll wie dieſes behandelt, wenn aud) wie 3. B. im 


durch ſchmeichelhafte Vergleiche feine Yieblingsnahrung 
feiert 192), umd der Oberpfälzer, wenn feine „Serdäpfel* 








blühen wie die „Nägeliftod*, in Ausficht auf die gute Ernte 
in diefen Preis einſtimmt 239), oder im irifchen Märchen ein 
ſchöner ladyend rother Erdapfel geichildert wird, wie er 
geraucht habe gleich einem Roſſe, das in kalter Nacht ftart 
getrabt habe 1%), 

Kein Brotfriimdjen darf veradjtet werben, fällt zufällig 
ein ſolches hin, muß man es forgfältig wieder aufnehmen, 
jonft muß man es fpäter ſuchen, daß einem die Augen 
biuten. So fagt der Volksmund in Niederöfterreich, 
Oeſterreichiſch⸗Schleſien, fo aud in Böhnten ??), wo er 
noch viele andere böje Folgen aufzuzählen weiß. Da ſam— 
melt Satan die veradhteten Brojamen und wehe, wenn 
fie am Schluß des Vebens mehr wiegen als der Simder 
felbft, feine Seele gehört dann ihm; dieſer Glaube fin: 
det ſich genau ebenfo bei den Ruſſen wieder 1%), bei den 
Tirolern wirft der Teufel den aus ſolchen Brofamen gebade- 
nen Yaib in die Wagfchale zu den Sünden 137); tritt 
jemand darauf, jo wird ihm das linke Ohr taub, aud) 
weinen dann die armen Seelen; führt ein Fuhrmann 
darüber, dann jchreit das Brot jo laut, daß man taub 
wird; fällt ein Krümchen in das Butterfaß, dann geräth 
die Butter nicht, Die Broſamen gehören in das Feuer, 
wodurd) and; noch den armen Seelen Kühlung wird, und 
wohin aud) alles irgend ungenießbar gewordene Brot gehört, 
legteres wirft man am lichften in den Badofen. Fällt ein 
Stüd Brot hin, jo muß man es, ehe man weiter ifiet, 
um Berzeihung bittend Füfjen!>*); diefes ift auch Tiroler 
Brand), Wer Brot auf dem Boden liegen läßt und 
darauf tritt, der wird, wie man in der Wetterau glaubt, 
nod) Hunger leiden 140), 

In Venedig herricht der gleiche Braud, wie in Böhmen, 
man darf gleichfalls unbrauchbar gewordenes Brot nur ins 
Feuer werfen, wenn man nicht fpäter mit dem Mund 
ſuchen will, was man mit der Hand weggeworfen hat 1); 
nadı medlenburgiichem Glauben fteht nad) dem Tode der 
Mund demjenigen auf, welcher anf dem Kirchwege eflend 
Brottrumen, die nach dem Tode and) wieder aufgeſammelt 
werden müflen, fallen läßt #2). In der Gegend von Luhe 
(herpfalz) fommen die Brofamen mit den übrigen Speiſe—⸗ 
reften in den Ofen als ein Opfer für die Waldweiblein, 
im Unterinnthal fir die armen Seelen; im Fichtelgebirge 
wirft man, wenn der Dfen bläft, Breofamen und Mehl 
hinein, in Dejterreichiid-Scjlefien ein Stüd Brot, weil 
dann darin eine arıne Seele leidet #3), In der Innebruder 
Gegend weit man die Kinder an, die Vrojamen flir die 
Armen zu jparen und feinen Muthwillen damit zu treiben, 
damit es ihmen nicht wie der Frau Hütt ergehe 4), In 
der Oberpfalz gejtattet man neben dem Werfen der 
Vrofamen in den Ofen, damit die armen Seelen etwas 
haben, auch ihre Miſchung unter das Futter 14°); im Böhmen 
trägt man am Chrijtabend die Brofamen des Abendmahles 
im Tifchtuch zufammengepreßt in die Scheuer und ftrent 
fie aus mit den Worten: „Mäuschen, efiet dieie Broden 
und laft das Getreide in Ruhe!“ 146), 

Dem Tiroler Glauben gemäß wirft der Teufel die 
liegen gelaffenen Brofamen jpäterhin dem Betreffenden in 
der Hölle glühend ins Geſicht oder giebt fie ihm als Brot- 
laib geformt glühend zu eſſen; er jchlägt fie ihm auch wohl 
in einen Sad aufgefammelt auf dem Todtenbette um die 
Ohren 47), Nach dem Talmud ift eim befonderer Engel 
dazu beſtimmt, auf diejenigen zu adjten, welche Brot auf 
die Erde fallen lafjen, daß man daranf tritt, damit fie ihrer 


‚ Strafe nicht entgehen, weshalb es denn and, um dieſe Pro- 
Weſtrich der Vollsſinn ſich germ mit ihr beichäftigt und 


fanation des Brotes zu verhindern, eine ältere Sitte der 
Juden war, die Broſamen fotort nach Beendigung des 
Eſſens zuſammenzukehren. Cine judiſche Yegende erzählt 


6. Haberland: Das Brot im Volksglauben. 


zur Illuſtrirung dieſer Vorſchrift, wie einjt ein Frommer 
auf grünem Graſe ohne Tiſchtuch gegefien umd es ihm 
‚daher nachher nicht möglich geweien wäre, die Broſamen zu⸗ 
fammenzufuchen ; da habe er denn ſchnell entjchloifen das Gras, 
um der Sünde zu entgehen, amsgeftochen, es ins Wafler 
geworfen und jo die Fiſche dieſes Geſchäft beforgen laffen 14°). 
Der Mufelmann ſammelt nad) dem Mahle gleichfalls alle 
Brotbroden, da es eine heilige Gottedgabe tft, und hebt, 
wenn er ein Stüdchen auf dem Boden findet, es ſorgſam 
auf, indem er dabei die es haltende Hand kußt!“. Auch 
im alten Mexilo war es ftrenge Vorjchrift, verſchüttete 
Maistörner forgfältig aufzunehmen, damit der Mais ſich 
nicht bei der Gottheit iiber Migachtung beklagen künnte 18); 
die Allgäuer Sage berichtet von der Jungfrau Maria, daf 
fie dort einft fich dreimal gebüct habe, um eine Bohne, da 
fie diefe Frucht als Nahrungsmittel hochgeſchätzt habe, auf: 
zuheben 1°). 

Jede andere Mißachtung des Brotes ift gleichfalls ftreng 
verpönt. Mit dem Brote zu fpielen gilt in ganz Deutichland 
als eine ſchwere Sünde, namentlich muß man aber vermeiden, 
in daffelbe zu ftechen oder aus Spielerei hineinzufchneiben. 
Man jticht nad böhmischen Glauben dann nämlich in Je— 
fus oder ſchneidet Gott die Ferſe ab, was nad Oberpfäl- 
zer Anficht auch gejchieht, wenn man das Brot zu weit 
nad) hinten abſchneidet, oder beunruhigt den eigenen Urgrof- 
vater im Grabe; and) ftraft wohl Zahnweh den Sünder 1°), 
Auf Ufedom jagt man gleichfalls, dag man den lieben Gott, 
in Solothurn, daß man Jeſus damit ins Herz ftäche; der 
Tiroler und Schwabe glaubt, daß dann Blut aus dem gemiß- 
handelten Yaibe rinne 25%), Auch darf man in der Ober 
pfalz nicht das Meffer im Brote fteden laſſen, da es den 
armen Seelen wehthut 2°), Vor dem Stemmten bes 
Ellenbogens auf das Brot warnt bereits Jeſus Sirach in 
feiner Weisheit 155), 

Kindlich = finmig ift die gleichfalls in Böhmen vortom- 
mende Borichrift, dag man das Brot Nachts einwickeln ſoll, 
weil es auch feine Nadjtruhe haben will 25%) — wenn man 
verreift, muß im Voigtlande das Brot vom Tifche genom— 
men und in den Schrank gelegt werben 17) —, und der 
Tiroler Glaube, daß die in der Chriftmacht gefäeten Bro- 
famen glei, einem andern Samen aufgehen 1°*). Auf die 
bloße Erde darf man nie das Brot legen, wenn man nicht 
befürchten will, wahnfinnig zu werden 259). 

Die Anfiht unferes Volkes von der Mißachtung der 
gottgegebenen Nahrung und der Höhnenden Behandlung derſel⸗ 
ben ſeitens des Reichthums, welcher * feinem Uebermuthe 
nicht laſſen kann, ſpiegeln uns eine Reihe deutſcher Sagen 
wieber, welche die Strafen des Himmels für dieſe Vergehen 
ſchildern. Sie find in allen Theilen des Baterlandes heimiſch, 
vorzüglid; aber im dem deutjchen Alpengegenden, namentlich 
in Tirol, wo fie vielfach, als Uriprungsiagen für die öden 
unfruchtbaren Stellen eintreten. Da waren verfchiedene 
Almen fo fruchtbar und brachten ihren Beſitzern ſolche 
Mengen an Mil, Butter und Käſe und dadurd) ſolchen 
Reichtum, welcher indeß in vielen Sagen aud) folge des 
Reichthums der Berge an edelem Metalle ift, daß die reich 
gewordenen Sennen in ihrem Uebermuth und Stolze nicht 
mehr wußten, wie fie denfelben an den Tag legen jollten 
und dies zuletzt dadurch thaten, daß fie ſich höhuiſch an der 
Gottesgabe vergriffen. Sie belegten dann die Wege mit 
Käfe, bauten Stiegen aus Käfe und Butter und reinigten 
fie mit Milch, verfleifterten die Spalten ihrer Alpenhütten 
mit Butter — in Bineta verftopfte man, che die See es 
verfchlang, die Föcer in den Wänden mit Brot —, machten 
ſich Kegel darans und aus Käfe die Kugeln dazu, wozu 
in anderen Gegenden, 3. B. im den rheiniichen, auch wohl 


9 


Weizenbrote benugt werden, fütterten die Schweine mit 
Beigbrot und wiefen die Armen ab, reinigten ihre ſchuutzi⸗ 
gen Kinder mit der Krume des Weißbrotes, Tiſch und 
Bänfe aber mit Schwarzbrot, mährten das Feuer zur 
Bereitung der Speifen mit Butter, jchlofien aus Hochmuth 
felbft am Tage Thür und Yäden, weil fie Gottes Licht 
nicht brauchten und ihre Stuben ſelbſt erleuchten fünnten 
— bis endlich, das Strafgericht eintritt, das Dorf verſinkt, 
und jegt nur eine Schneefläche, ein Gletſcher, ein Felſenfeld, 
ein ‚Ste die Stätte frühern Segens der Natur bezeich- 
net 

Ordentlich erfinderifch im höhmender Mißachtung der 
Gottesgabe waren auch die übermüthigen, fpäter verfchüit- 
teten Bergknappen, von denen gleichfalls die Tiroler Sage 
erzählt, welche am Hute runde Brotſchnitte ftatt der Gems— 
bärte, Bratwärfte ftatt der Federn und an den Schuhen 
Faftnachtstüchelhen als Rofetten trugen ?%), oder der 
Ritter vom Sindelesberg und die Bewohner von Almeric) 
bei Muſen, von denen man ſich in Weitfalen erzählt, dag 
fie die Räder der Wagen und Piliige aus Brotteig hätten 
machen laſſen !°2). Gin anderer Ritter, welcher noch als 
wilder Zäger in Böhmen herummraft, ließ feinen Hunden, 
damit jie fich nicht die Füße zerftächen, Brotrinden unter 
diejelben binden 1°%), Gine weitere böhmifche und laufigifche 
Sage erzählt von eimem gegen Gott erbitterten Nitter, daf 
er einen Einfiedler gefragt habe, was die größte aller Sünden 
fei, umd als diefer ihm geamtwortet, es fei das Yegen von 
Brot in die Schuhe, weil man dann die ebeljte Gottesgabe 
mit Füßen träte, dieſes auch gethan habe, weshalb er jegt 
noch als Banadietrich zur Strafe umjagen muß 1%). Im 
Yande ob der Enns glaubt man, daß wer neun Tage lang 
nicht an Gott denkt, nicht betet, nicht mit Weihwaſſer ſich 
beiprengt und ſich dann am neunten Tage auf einen Yaib 
Brot jegt, dem Teufel gehöre #5), 

Das Reinigen der Kinder mit Weißbrotfrume, weil 
diefe weicher fei als Schwänme, begegnet und nicht nur in 
Tiroler Sagen, welche es namentlich auch der befannten 
Frau Hütt vorwerfen 3%), und im demen ebenfalls das 
Reinigen von Tiſch und Bank mit Schwarzbrot vor- 
fommt 7), fondern auch in anderen Theilen von Deutſch— 
land, fo 5. B. in Danzig, wo man noch einen Stein zeigt, 
an den ſich folgende Begebenheit nüipft. Bei einer Hun- 
gersnoth reimigte einft eine Frau ihr geliebtes Kind, welches 
ſich unrein gemacht hatte, in der Eile, da ihr nichts anderes 
zur Hand war, mit Krume der Semmel, dieje aber ver- 
wandelt fid) unbemerkt in einen Stein und die Fran wiſcht 
ihrem armen Kinde damit Haut und Fleiſch weg, wodurch 
dafielbe dann ftirbt, die Frau ſelbſt aber wahnfinnig 
wird 20°), Bei Gifhorn im Hannöverfchen det der Weſen⸗ 
dorfer See ein Schloß, deſſen Herrin ihre Kinder den 
verumreinigten Steig mit Brot gereinigt hatte, in ber 
Altmark der Gohlitzſee ein Dorf, deſſen Bauern ſich deffelben 
Unfugs ſchuldig gemacht haben!) Der Vollsglaube in 
der Montagne noire ftraft noch jet das Reinigen von Tel 
ler oder Schüffel mit Brotrinde durch Regen am Hodyeits- 
tage 170), 

. In Böhmen erzählt man von einer Mutter, welcher die 
Schuhlein ihres todten Kindchens wicht gut genug waren, 
und die ihm daher aus weigeftem Mehl gebadene anlegte, 
und auch von einem Burgfräulein, in Oeſterreichiſch-Schle— 
fien von einer Müllersfrau, weldye ausgehöhlte Semmeln 
ftatt der Schuhe benugte und deren Schloß daher verſinkt, fer— 
ner nod) von einer Mutter, welche ihre Kinder in Raben ver- 
winfchte, weil fie das Brot weggegeflen, woraus fie ihrer 
Gebieterin weiche Schuhe hatte bereiten follen ?1), Im 
Oeſterreichiſch⸗Schleſien find es Fuhrleute, welche das Brot 

12* 


92 G. Haberland: Das Brot im Voltäglauben. 


umwürdig behandeln und es als Unterlagen und Pflafter für 
die Räder beim Hineingerathen in einen Sumpf oder ſchlech⸗ 
ten Weg oder ausgehöhlt ald Hemmſchuh anjtatt des ver 
effenen beim Herabfahren von einer Anhöhe bemugen 172), 
In der märfifchen Sage mußte das Brot einer Edelfrau 
als Brüde über einen Graben dienen (nad) einer andern 
Verſion überfchreitet eine Bettlerfrau ihn auf einer Schnitte 
Brot) 173); auch in holfteinifchen Sagen kommt der Miß— 
brauch des Brotes als einer Brüde vor 174). 

Das Beftrenen eines unterirdiſchen Ganges mit Brot 
frumen tritt in der böhmischen, das Streuen der Fußböden 
mit Weizenmehl im einer Sage von der Wefermündung 
und in der vom Balfjee in Nieberfachien auf !?3); das 
Dinabrollenlaffen von Weizenbroten und Werfen danadı 
unter dem Rufe: „Herrgottchen lauf, ſonſt friegt did; der 
Teufel!“ wird in Weftfalen von übermüthigen ——— 
ein ähnliches Herabrollenlaſſen von Käje und Brot aber 
mit ungefehrtem Rufe von einem Kuhfnaben in der Nähe 
von Gramzow erzählt 17%); der Mebermuth der Kaufherrin 
von Stavoren, welche eine Weizenladung als zu unedele 
Waare in das Meer werfen ließ, bildet im verichiebenen 
Verfionen das beliebte Thema von Traditionen der deuts 
ſchen Nordjeefüfte 177), und jo treten ähnliche Erzählungen 
nod) vielfach in allen Gauen Deutſchlands auf. 

Auch direfte Mifhandlung des Brotes erſcheint in ver— 
ſchiedenen Sagen; da find Pferdes oder Kuhjungen, welche 
mit ihrem Schwarzbrot nicht zufrieden oder mißmuthig 
darüber find, daß fie feine Butter dazu haben, es mit 
Fußen treten und peitichen, bis das Blut aus ihm heraus⸗ 
fliegt, und eim Blig fie im die Tiefe jchmettert, eine Ber: 


wandlung in Stein oder die Verurtheilung zu einem 


Herumirren bis zum jüngften Tage erfolgt 17%), oder jieben 
Prüder, weldye Käſe und Brot bis aufs Blut peitichen 
oder beides unanftändig benegen und dafür gleichfalls in 
Stein verwandelt werden 17?). 

Alle dieſe Frevler trifft ein ſtrenges Gericht, nur eine 
Ariftliche Yegende macht eine Ausnahme; fie weiß, daß ein 
in Grmangelung eines Steines einem Bettler im Aerger 
an den Kopf geworfenes Brot von Chriftus als Almofen 
aufgefaßt und dem Yähzornigen als gutes Werk zugefchries 
ben worden iſt 1%). 

Andere Sagen wieder erzählen, wie das in ſchweren 
Zeiten Nothdürftigen gegenitber verleugnete Brot zu 
Stein wurde; wie einem Bäder in Dortmund, welcher ſich 
die Hungersnoth duch Kornaufkauf zu muge machte, fein 
ganzes Sebäd ſich in Stein verwandelte und einem ange: 


ſchnittenen Brote Blut entfloß, oder das einem Heiligen | 


geichentte Brot, von dem man noch ein Stücd abbrechen 
will, in der Band ein Stein wird, welcher die Merkmale 
der fündigen finger als Heine Höhlungen zeigt 1°). Solche 


und ähnliche Sagenfteine bewahren noch verſchiedene Kir— | 
chen, die Peterslirche in Yeiden, die Hauptfirhe in Yandes | 


hut, die Kloſterkirche in Oliva bei Danzig, die Ulrichskapelle 


zu Nedarhaufen und andere auf!*), Im einen Stein vers | 


wandelte ſich auch das Brot, welches der mildherzige Thor: 
wart des geizigen Erzbiſchofs Gerold von Freiſingen den 
Armen bringen will, al& er dafjelbe feinem Herrn vorzei- 
gen joll +°°). Eine Edelfrau, welche einer mit Feuerſtei— 
sen haufirenden . Vettlerfran noch einen folchen ſpottend 
anftatt des erbetenen Stüdlein Brotes giebt, wird in ein 
Schwein verwandelt und geht noch jetzt als ſolches um 95%), 


7) Grohmann Ar. 734, 917. 79) Baron Rajacſich. Tas Les 
ben, die Sitten und Gebräudye der im Kaiſerthum Oeſterreich 
lebenden Südjlaven, Wien 1873, ©. 159, M Toeppen 86. 
#9) Boecler 40, 44, 41. *) Bavaria 3, 342. J. um D. 


| Etraderjan 1, 40. 





pole Ley. Sittengeihichte Europas. Deutiche Ausgabe. 


v. Düringsfeld, Ethnographiſche Suriofitäten. Leipzig 1879, 
2. 2, ©. 117. 88) Aubn-Schwarg 445. X) Bartidı 2, 129. 
#5) Toeppen 91. 86) „Globus“ 3, 225. 87) „Ausland“ 1853, 
©. 1146. 8) Th. de la Billemarque. Volkslieder aus ber 
Bretagne. eberjent von Keller und Sedendorfj. Tübingen 
18411, ©. 255. Anmerlung. #9) Grobmann Pr. 923, 924. 
*) Bavaria 2, 234. Peter 227. ) Bavaria 4a., 252. 
92) Grimm Nr. 513, 9%) Meier 482, 477. 9) Brand 2, 142. 
*) Gortet 147. 9) Bavaria 2, 317. 1, 993. 9), Grimm 
Nr. 16. 9) Burtorf 279/80, 288. 9%) Burtori 296/8. 
100) Bajeler. ek Dar 1847, Seit 1, ©. 153,6. 
2 Paulus 2, 216. 109, Grohmann Wr. 736. Bavaria 2, 
. 105) 8 Mof, 24, 9, 1 Sam. 21, 6. 1%) Birlinger 2, 
379, 1%) E. X, Rochholz. Deuticher Glaube und Brauch im 
Spiegel der heidniihen Vorzeit. Berlin 1867, Br. 1, S. 308, 
106, Grohmann Ar. 1050, 107, Grohmann Nr. 932, 10%) Groh⸗ 
mann Ar, 931, 773, 774. 19) Grimm Nr. 426. 110) „Aus: 
land“ 1859, ©, 1174. 111) Peter 212. 112) Grohmann Wr, 
346. Köhler 4. Wolf Nr. 220. Wlpenburg 330. 3. v, 
Zingerle, Sitten, Bräude und Meinungen des Tiroler Bol: 
fes, Junsbrud 1871, Nr. 798. Ein ebenjo präparirtes Stiid 
Semmel Chriſtnacht unter das Kopftifien gelegt zeigt, wenn 
Morgens etwas davon abgenagt ift, an. da man den Gelieb⸗ 
ten im fommenden Jahre heirathen wird. Wraetorius bei 
Grimm, Sagen 1, 152, 218) Wolf Nr. 227. Wehnlic zwingt 
auch nad eſthniſchem Glauben ein Körperhaar in Brot dem 
rien Geliebten u dielen zur —— Boec⸗ 
er 27. ai 5 U. Kuhn. Märtiihe Sagen und Wärden. Ber: 
lin 1843, ©. 381, 115) Banzer 1, 257. Bartih 2, 144. 
16) Bavaria 2, 300, 11, Wolf Ar. 230. 418) Meier 514, 
495. 49) Birlinger 1, 403. 12%) Wlpenburg 350. !21) Kuhn. 
Weitfalen 2, 157. 929) Düringsfeld 2, 127. 12) Bavaria 4b., 
378, Meier 514. 32%) Bartih 2, 334. 125) Thiers Ar. 97. 
146, Grohmann Nr, 1056/77. 127) Bavaria 2, 297. 12) Kuhn. 
Weftialen 2, 158. 129) Liebrecht 184. 199) Bavaria 3, 937. 
2) Kuhn, Weſtfalen 2, 111. 32) Bavaria 4b. 416.19) Bas 
varia 2, 294, 134) Brüder Grimm. Jriſche Elfenmärden. 
Keipzig 1826, ©, 24. 19) MWolf-Mannhardt 4, 147. Peter 
257, Grohmann Ar. 716. 36) Ralfton bei Liebrecht 400. 
137) Bingerle Nr. 300, 93%) Grohmann Nr. 715, 719, 717, 
718, 1015, 717, 1392, 727, 714. 129) Bingerle Wr. 289. 
140, Wolf Ar. 197, 341) Düringsjeld 2, 118. 142) Bartic 2, 
136, 145) Bavaria 2, 238, ingerle Ar. 301. Bavaria 3, 
340. Peter 259, 4) Grimm. Sagen 1, 277, 5) Bavaria 
2, 305. 48) J. B. Grohmann. Wpollo Smintheus und die 
Bedeutung der Mäuje in der Mythologie der Indogermanen. 
Prag 12, ©. 97, u Singerle dr. 297, 293, 299, 
148) Burtorf 237, 299, 283. 9) C, B. Slunzinger. Bilder 
aus Tberägypten, der Wüfte und dem Rothen Meere, Stutt: 
gart 1575, ©. 61. 10) Eh, Wait, Anthropologie der Na: 
turvöller., Leipzig 1859 ff., Bo. 4, ©. 165, >!) Bavarıa, 
Bd. 2, ©. 759, 159 Grohmann Nr, 737, 739, 740, 741, 
Bavaria 2, 305. 153) (Ed, Tuller, Das deutihe Volt, Leip: 
zig 1847, ©. 121. Wolf: Mannhardt 4, 4. 35% Bavaria 2, 
305. 155) Kap. 41, B. 23, 15%) Grohmann Wr. 735. 57) Köh: 
ker 429, 12%) Wolj⸗Mannhardi 2, 422, 159) Zingerle Rr. 303 
10, Wolf; Mannharbt 1, 448. 2, 30, 58. 57. 346, 348, 350. 4, 
204. Wlpenburg 122, 230, 232, Montanus 1, 102. Grimm, 
Sagen 1, 130. Bavaria 2, 789, H. Herzog. Schweizerſagen. 
Aatau 1871, ©. 267, 172, 175, 195/6. 191) Alpenburg 191, 
2, Montanus 1, 218, Grimm Sagen 1, 278. Kuhn, 
Weitfalen 1, 168/9, er Sagen ©. 78, 1) Grob: 
Sagen 76, olfe Mannhardt 3, 112. 1%) Baum: 
. 16) Apenburg 122, 238, 240. Grimm, Sagen 
1, 277. 19) Wlpenburg 122, 36) Tettau und Temme, ie 
Vollsjagen Cfipreugens, Yitthauens und Weſtpreußens 
lin 1837, ©. 208/99. 16) Kuhn. Wehtfalen 1, 237. Kuhn. 
Marf ©. 51. 170, Wolf: Mannhardt 2, 418, 171) Grimm. 
Sagen 1, 279, 281. Peter 85, Grimm. Märchen 3, 344. 
172) Beier 61/2, 87. 1%) Kuhn: Schwark 109. 14) Kuhn⸗ 
Schwark 432. Anmerkung. 7) Grohmann. Sagen W. 
Kuhn. Weitfalen 1, 239. 37%) Montanus 
1, 1623. Kuhn. Weitfelen 1, 154. Kuhn: Schwark 54. 
17) Grimm. Sagen 1, 288. Kuhn-Schwartz 309. Strader- 
jan 1, 44. 17%) Grimm. Sagen 1, 250. Kuhn. Weltjalen 1, 
308 (vom Harz). 279), J. D. 9. Temme. Die Vollsjagen der 
Altmart. Berlin 1539, &.100, Kuhn, Mart 245, 199) W, E. Hart: 
Leip⸗ 
zig u. Heidelberg 1670/1. 82.2, ©. 172. Anmerlung. 19) Grimm. 
Sagen 1, 236,8. 12) Grimm. Sagen 1, 256,8, 189) Roch⸗ 
—— Sagen 2, 282. 154) Rochholz. Sagen 2, 136 (aus Ko 
urg). 


Ein Ritt durch Itſch-ili. 


93 


Gin Ritt durd Itjdeili. 


Denjenigen, welche die Yiteratur über Kleinaſien tennen, 
oder das Land felbjt bereift haben, ift es keine unbekannte 
Thatſache, daf es wenige Gebiete im Umfreife des Mittel: 
meeres giebt, weldye ſich an landſchaftlicher Schönheit und 
Pradıt mit dem Süden jener Halbinfel zu meſſen vermögen. 
Aber wie gering ift die Zahl derer, welche von Kleinaſien 
mehr als etwa die Umgegend Smyrnas, die Ruinen von 
Ephejus und die aſiatiſche Seite des Bosporus gefchen, 
tiefer in das Innere eingedrungen find! „Jahre und Jahr— 
zehnte vergehen, ehe der Fuß eines Europäers einmal wieder 
die abgeſchiedenen Thäler im Süden Kleinafiens betritt, ehe 
ein glüdlicher Neifender tiber diefelben berichtet und unfere 
Kenntniß des herrlichen Yandes um ein Öeringes fördert. 
Der „Globus“ hat im vorigen Bande (j. S.279 und 328) 
bereits Einiges aus dem Buche der Mrs. Scott-Stevenfon 
ntitgetheilt; wir ſchließen heute dieſe furzen Auszlige mit 
der Schilderung des Nittes, welcer fie von dem verhält: 
nigmäßig troftlofen Hodlande durch die „paradiefiiche* 
Waldwildniß des ſüdlichen Taurusabfalles an die der Injel 
Cypern gegenüber gelegene Kitjte Kleinaſiens brachte. 

Bon der befannten Stadt Karaman (jüdöftlid) von 
Koniah) führte ihr Weg ziemlich genan in füdlicher Rich— 
tung an einem fchmalen, aber tiefen, mit Bäumen und 
Blumen eingefaßten Bade aufwärts über eine Folge flacher 
Kalt: und Kreideberge, welche nur hier und da einige vers 
früppelte Wacholder, Dornbüſche, Feine Fichten und Cy— 
prefjen trugen. Zwei Stunden Reitens brachten fie nad) 
dem Maiden, einer Meinen länglichen Hochebene, deren 
fruchtbarer Boden alljährlich, reiche Getreideernten Liefert. 
Zwei englifhe Meilen jenfeits derfelben biegt der Pfad 
plöglich rechts um und führt einen teilen Abhang hinunter 
in das reizende Thal von Yalah; damit war die Waſſer— 
ſcheide zwifchen dem innern trodenen Hochlande und dem 
wald- und wajjerreichen, gebirgigen Küftenlande überſchritten. 
Zahlloje Kleine Bäche, deren Wafler im Sonnenſcheine 
gligerte, ſtürzten in ſchäumenden Kasladen von den Höhen 
herab. Ochien pflügten den Boden auf, Kühe graften fried- 
lich umher und des Ziegenhirten Pfeife oder das Blöken 
feiner Herde weckten die Echos ringsum zu lieblicher 
Muſil, während Vögel, Bienen und Inſelten von Blume 
zu Plume flatterten. Es war eim entzückender Gegenjat 
zu den grauen Felſen, zwiſchen welchen die Keifenden kurz 
vorher anf dem innern Plateau entlang gezogen waren; 
Kleinaſien ift eben ein Yand der Gegenſätze, zu deſſen 
größten Reizen dieſer jühe und ſtets unerwartete Wechſel 
der Scenerie gehört. Durch das Thal reitend jahen fie an 
dem einen Ende deſſelben eine Schlucht, in welcher das 
Dorf Yaläh hoch oben auf den abſchüſſigen Hängen der 
Kalkfelſen lag. Der freie Raum vor den Häufern deſſelben 
war jo fat, daß fein Pferd darauf ftehen konnte; irgend 
ein zwingender Grund für die Wahl eines ſolchen Plages 
aber war nicht erfichtlic. Unter dem überhangenden Berg: 
gipfel befinden ſich zahlreiche Höhlen, welche theils als Woh— 
nungen für Menjchen, theils als Ziegenftälle dienen. Präd)- 
tig hoben ſich die hellen, ſcharlachenen und blauen Gewänder 
der Frauen, weldye zwijchen den VBiehherden einhergingen, 
von den tiefrothen und gelben Felsklippen ab. , 


1. 


Bis hierhin hatten die Neifenden 41/, Stunden Neitens 
gebraudt. Da die vor ihnen liegende Gegend faſt 
menſchenleer war und darum Gefahr von Räubern zu be- 
fürchten war, fo holten die ihmen beigegebenen Zaptiehs 
(Bolizeifoldaten) flinf von den Dorfbewohnern herbei, welche 
den Befehl erhielten, etwa 100 Ellen vor den Reiſenden 
herzugehen und die Felſen und Gebüſche zu durchſuchen. Es 
mag zwar als Härte erfcheinen, die Leute zu ſolchem Zwecke 
von ihrer Arbeit wegzureißen, doch muß man bedenfen, daß 
das Käuberummwejen nie aufhören wird, jo lange die Bauern 
fich nicht weigern, den Wegelagerern Unterkunft und Hilfe zu 
gewähren, und nicht anfangen, die Negierung in ihren 
Mafregeln zu unterjtiigen, und daß es darum mur recht 
und billig ift, wenn fie gezwungen werben, Neifende über 
Streden zu esfortiren, welde in Folge ihrer eigenen Nach— 
läſſigleit — wenn nicht durch Schlimmeres — unſicher 
gemacht werden. Dod) fand man nichts, als einen ein— 
zigen Schäfer; Vergtette nad) Bergfette jtieg ringsum 
auf, aber weder Bewohner nod; Häuſer zeigten ſich. Präch— 
tige Rafenpläge gediehen in den Schluchten, und alle paar 
hundert Schritte weit fprudelten Quellen aus dem Felſen 
hervor, viele davon mit Steintrögen für die vorbeiziehenden 
Pferde und Kameele verjehen. Bon Blumen waren nur 
Tulpen zu jehen, diefe aber bededten jtellenweife den Boden 
in ſolcher Maſſe, daß es wie ein Meer vother und gelber 
Flammen ausjah. Um Mittag machten fie an der „Butter- 
quelle“ (Jagli⸗bunar) eine kurze Raſt und fegten dann bald 
ihren Marjc an einem gejdjwägigen, Uber moosbewachſene 
Steine plätichernden Bache abwärts fort, da die Führer ers 
flärten, fie hätten erſt den vierten Theil ihrer beabſichtigten 
Tagereife hinter fih. Wald und Weide, von Schluchten 
und Thälern durchſetzt, bededte jegt den Boden; namentlid) 
die Weide iſt prachtvoll und Hunderte von ſchwarzen 
Vürüfenzelten waren zwiſchen den Felſen aufgejchlagen. 
Diefe Yente ziehen offenbar die Bergabhänge der Ebene 
vor; ihre, Kameele, Pferde, Büffel, Schafe und Biegen 
waren alle in vortrefflichem Stande. 

Unterhalb der Mühle von Kalatöifi itberjcritt man 
den Fluß, erreichte ein größeres Yager, wo man ſich an 
Milch und Buttermilc, erfriſchte, und braudjte dann nahezu 
eine volle Stunde, um einen fteilen Abhang zu erklimmen; 
oben angelangt, zitterten die Pferde, obwohl ihre Reiter ab» 
geftiegen waren, vor Anitrengung an allen Gliedern. 

Allerlei Arten von Schlingpflanzen bededten den Boden, 
Veilchen und veizende Mooſe füllten die Spalten; ab und 
zu unterbrachen zauberiiche Lichtungen das dichte Gielin der 
Eichen umd Fichten und wie Mauern und Zinnen vagten 
die grauen Felſen darliber empor, die höheren unter ihnen 
von Höhlen durchlöchert. Der Pfad war fo rauh, daß die 
Reiſenden trog ihrer Ermitdung abjtiegen und die Pferde 
durch Deffnungen in den Felſen, fo ſchmal, daß fie faum 
hindurchſchreiten konnten, oder über gefallene Baumftämme 
oder über Abhänge jo teil wie Bodentreppen am Zügel 
führen mußten. Gelegentlich öffneten ſich vechts und links 
Durdiblide auf die welligen Umriſſe des eben paffirten Ge— 
birges oder der gegemliberliegenden Felstlippen, die fo phau⸗ 
taſtiſch geftaltet waren, dag man nur bei ſcharfem Hin- 


94 Ein Ritt durch Itſch- ili. 


ſchauen gewahr wurde, daß es nicht wirkliche Thürme und 
Sclöfier waren. In den dicht bewaldeten Schluchten zu 
beiden Seiten verrieth öfters ein Waflerfall von mehr als 
gewöhnlicher Bedeutung feine Anwefenheit wur durch fein 
dumpfes Rauſchen oder fein Sprühwafjer, das über die 
Gipfel der Bäume aufftieg. Ab und zu jah man auch den 
auffteigenden Rauch eines einzelnen JIurulenzeltes oder eine 
Ziege auf einem Felſen, wie fie fid) über den Abgrund redte, 
um einen befonders leckern Büſchel Gras zu erreichen. 

ALS der Abend anbrady, befanden ſich die Reiſenden am 
Anfange eines dichten Eichenwaldes, der weder Unterholz 
noch Felſen befaß, nur die knorrigen, flechtenbewachfenen 
Stämme, deren mächtige Auswüchſe von ihrem hohen Alter 
zeugten. Yänger als eine Stunde ritten fie durch des 
ſchweigenden dumfeln Urwaldes ungejtörte Einfamteit; daß 
fie ſich menſchlichen Behaufungen näherten, zeigte indeflen 
die fchredliche Berwüſtung, welche, je weiter man fan, um 
fo ſchlimmer wurde. Taufende der alten prächtigen Stämme 
waren muthwillig durch Feuer zerftört und hatten im Sturze 
andere mit fich zu Boden geriffen, Fichten, Tannen, Cy- 
preſſen und Eichen — das Wachsthum von Jahrhunderten 
verfaulte auf dem Boden. Um 7 Uhr wurde endlich ein 
Dirlitenlager erreicht, deſſen Einwohner verficherten, 
Nbunti, ihr Ziel, ſei nur noch eine Stunde entfernt; fo 
ging es denn mit nener Hoffnung weiter, trogdem man feit 
5%, Uhr Morgens im Sattel war und während der ganzen 
Zeit nur dreißig Minuten geraftet hatte. Nach einer halben 
Stunde befanden fie jic auf dem Gipfel eines Berges und 
fahen im hellen Mondfcheine unter ſich das Thal und die 
filbernen Windungen des Kalykadnus (Göf-ju). Das 
Thal felbft ift etwa funfzehn eugliſche Meilen breit und 
von fo hohen Bergtetten umgeben, daß die Berge, wel 
die im der Mitte liegende Ebene durchziehen, dagegen wie 
Zwerge erſcheinen. Yängs ihrer Nordfeite fallen mächtige 
Abhänge von ſchwindelnder Höhe ab und die mächtigen 
vothen Kalkfelfen bilden jo phantaftiiche Maſſen, daß die 
Reiſenden fie in der That wiederholt für Burgen anfahen. 
An der Tiefe aber dehnte füch fünf englifche Meilen weit der 
finftere Wald von Keträn aus, fo dunfel, daß er jelbft im 
hellſten Sonnenlichte wie ein großer Flecken Indigo ausfieht. 
Dahinter aber leuchteten Feuer, und einzelne hellere Flecken 
fonnten vielleicht Dörfer fein, darunter etwa das lang 
erfehnte Munti. So ftiegen fie denn muthig hinab im den 
Wald; aber der Weg war fo jchlipferig, daß fie abſaßen, 
den Thieren die Zäume am Halie befeitigten und ſie fich ſelbſt 
den Weg fuchen ließen. Stellenweife waren die Baumäſte 
etwas lichter, fo daß fie den Weg nicht gänzlich verloren; 
mitunter auch erleuchtete ein prafielndes Feuer den Wald 
Hunderte von Ellen weit und zwang fie zu weiten Um— 
wegen. Soldje Brände waren oft großartig; das Knattern 
und Brafieln brachte das Blut der Keifenden zum Exftarren 
und trieb die Pferde zu wilder Flucht. An einzelnen 
Plägen mußte das Feuer jchon Tage lang gewüthet haben; 
alles Erreichbare war ſchon verzehrt und nun erloſch es in 
ſich felbft; an anderen bewies ein einzelner in Flammen 
ftehender Baum, daß der Frevel erft vor Kurzem gejchehen 
war, 

In ftets wachjender Ermüdung, gedanfenlos und ohne 
ein Wort zu fprecen, wanderten fic weiter umd weiter; 
einer nad) dem andern waren ihre Begleiter erſchöpft 
zurücdgeblieben und nur mod; der Dolmetſcher und ein 
Zaptieh hielten bis zulegt ans. Um Mitternacht hörte der 
Wald auf und fie befanden fich zwiſchen Kelsgipfeln von 
mehreren hundert Fuß Höhe; endlich erblidten fie die Feuer 
wieder, welche fie von oben geſehen hatten, und eine weitere 
Stunde brachte fie im deren Nähe. Aufs äußerſte ermattet, 


warf fich die Dame zu Boden, während ihr Gemahl durd) 
Piftolenfchitiie die Bewohner des Dorfes herbeirief, das fie 
erſt um 2 Uhr des Nachts betraten. Dort ftellte es ſich am 
näcjten Morgen heraus, daß fie fic gar nicht am ihrem Ziel 
Ybunti, fondern in dem eine Stunde vorher gelegenen Gen⸗ 
gelli befanden, und daß die Entfernung, welche jie zurüd- 
gelegt hatten, ſelbſt mit guten Pferden in der That nicht unter 
15 Stunden zu durchmeſſen fe. Der Kaimalam von Kara— 
man, welcher ihnen die erforderliche Zeit auf 12 Stunden 
angegeben hatte, konnte von dem Wege nicht bie geringite 
Kenntniß haben. 

Am folgenden Vormittage ritt das Scott» Steven: 
ſon'ſche Ehepaar in zwei Stunden von Gengelli nach Müt. 
Diefer Theil des Kalyladnus-Thales ift gut mit Getreide, 
Mais, Baumwolle, Melonen, Gurken und Kitrbiffen bes 
baut. Dazwiſchen liegen niedrige Hügel von vulfanifcher 
Aſche und Tuffjand, die mit jungen Fichten beftanden find; 
an den Bachrändern wachjen Chriftdorn, Judasbaum und 
andere Dornfträucher, ab und zu auch ein Fliederbuſch. 
Zahllofe Opftbäume, Eichen, Buchen u. ſ. w. zeugten für 
die wunderbare Fruchtbarkeit des Bodens — eine Folge der 
Deriefelung und zugleich einer fast tropiichen Sonnengluth. 
Etwa halbwegs zwijchen beiden Orten führt eine jteinerne 
Brücke über den Fluß, und unmittelbar oberhalb derfelben 
ftitrgt ſich ein reißender Waflerfall in einem Sage tiber 
eine Felswand. Im Ihale liegen zahlreiche Heine Weiler, 
die zu diefer Jahreszeit (Mitte Mat) indefjen meift menfchen- 
leer ftanden, da ihre Bewohner ſchon die Jailas oder 
Sommerlager bezogen hatten. Ein jolches verlaffenes Dorf 
bietet einen höchſt melancholiſchen Anblid dar: loſe hängen 
die offenen Thitren in ihren Angeln, aus den Eſſen fteigt 
fein Raud) empor und weder Hund noch Katze verleiht den 
Häufern einen Anfcein von Wohnlichkeit. Nur einige 
Fledermäuſe, und hier und da eine Heine braune Eule fliegt 
auf, wenn ſich Menschen nähern. 

Nod; ein furzer Anftieg, und das Schloß von Müt mit 
feinem einzelnen Hauptthurme und den bajtionirten Mauern 
lag vor ihnen. Gin Fluß theilt den Ort in zwei Hälften; 
mit Ausnahme einer geraden Straße, welche einige Läden 
enthält, ift er fehr zerjtrent gebaut. Unterhalb der Burg 
entipringt im Schatten zweier mächtiger Virnbäume eine 
herrliche Quelle eistalten Waflers und ergieft ſich in ein 
circa 3 Fuß tiefes Beden; ringsum ift der Boden gepflas 
ftert und fcheint ſeit Alters her der Yieblingsplag der Bes 
völferung in den Abendftunden zu fein. Die Klihle des Waffers 
muß ihnen in der erichlaffenden Hitze des Sommers eine 
unausiprechliche Wohlthat fein, wie es auch dem englifchen 
Ehepaare großes Vergnügen gewährte, Geſicht und Hände 
in dem natürlichen Beden zu waſchen. In der Nähe liegen 
viele alte Sänlenftumpfe und behauene Steine umher. 

Dicht über der Quelle erhebt ſich die Burg, verfallen 
bis auf die Äußeren Ringmauern und polygonalen Thürme. 
Der alte Hauptthurm iſt kreisrund, drei Stodwerfe hoch 
und beherrjct den Eingang zur Stadt von Norden ber. 
Auf der entgegengelegten Seite ftürzt der Felſen fteil ab 
und wird unten von Fluſſe bejpült. Gegenüber dem Eins 
gange liegt die Moſchee des Karaman Iglu, ein Meines 
Sebäude mit zwei pyramidenförmigen Maufoleen zu beiden 
Seiten, unter denen die beiden Söhne Karamau's begraben 
fein follen. Im Suden und Südweſten der Stadt bezeichnen 
zahlreiche Trümmer die Yage des antiten Glaudiopolis. 
Mes. Scott-Stevenfon behauptet, nie jo viele Säulen auf 
einen Fleck zuſammen gefehen zu haben, wie hier; zahlreiche 
liegen anf dem Boden, wie fie hingefallen find, ebenio 
große Maſſen behanener Steine und feiner Marmorpfeiler, 
Eine Säulenreihe führte einft von der Stadt nad) der Ne 


Aus allen Erdtheilen. 95 


kropolis, wo nod) ein großer weißer Marmorfartophag und | diefer Trlimmer ift ftreng doriſch, ohne die geringfte Spur 


unmeit davon der Dedel dazu ſich findet. Der Stil aller 


von einer Skulptur oder Inſchrift. 


Aus allen Erdtheilen. 


Europa. 


— Der Verluſt an Grund umd Boden, welden der 
polnifhe Großgrumdbefit in der Provinz Pofen im 
Jahre 1881 erlitten bat, ift größer gewefen, als im irgend 
einem ber früheren Jahre: dem Kuryer Poznansti" zufolge 
gingen neun Güter von zufammen 16438 Morgen aus dent: 
ſchent Beſitze in polnifden über, dagegen aus polniſchem in 
beutichen 29 Güter von zufammen 89 580 Morgen, was für den 
polniihen Beſitz einen Verluf von 73142 Morgen ergiebt. 
Diefes Vorrüden des Deutſchthums im Often ift zwar ein 
langfames, anfcheinend aber anch ein ficheres. (Wergl. hierzu 
„Globus* Bd. XXXVIII, ©. 191 und Bd. XLI, S. 95.) 

— Ein ähnliches Unternehmen, wie der 1878 erfchienene 
Audree⸗ Peſchel'ſche Atlas, tritt jegt in unferm Nachbarreiche 
ans Licht: es ift ein von Dr. F. Chavanne herausgegebener 
„Bhofikaliſch-Statiſtiſcher Handatlag von 
Defterreihellngarn* (Wien, E, Hölzel), deſſen erfie 
Lieferung (Preis 7 Marfı uns vorliegt. Das Format und 
der Mafftab (1 : 2500000) ift größer als bei feinem deut: 
fchen Vorgänger (1 : 3000000), die techniſche Ausführung 
fauber, demtlich und anjprechend. Ausgegeben find bis jetzt 
eine Regenfarte von Garl von Sonflar, eine geologiiche von 
Franz Tonla, Bosnien mit umfaffend, und eine über den 
böbern und niedern Unterricht von Franz von Le Monmier. 
Jede Karte ift von erflärendem Terte begleitet. Außer den 
Gbenannten betheiligen fi noch V. von Haardt und Prof. 
ar Kerner von Marilaun an der dankenswerthen Publi: 
ation. 

— Aus E. Hölzel's Verlag (Wien 1882) Tiegt und eine 
„Wandfarte der Alpen“ in 1: 600000 in ſechs 


Blatt mit erläuterndem Tertbefte vor, welche unter Leitung | 


von Vincenz von Haardt bearbeitet worden if. Es 
ift eine ftattliche, ſaubere Karte von beftechendem Aeußern, 
praditvoll lithographirt und ſchön im vier Farben gedrudt. 
Das einzige, was an ihr auszuſetzen ift, ift der nicht geringe 
Preis (30 Mark), umd der Umftand, daß es dem immerhin 
mit Fleiũ und Liebe behandelten Terrain an dem gehörigen 
— — wie ihn der Charalter der Wand karte bedingt, 
fehlt. 

— Rußlaud und die Juden ift der Titel einer 100 
Seiten umfafjenden Brofhüre des Freiherrn von der Brig: 
gem, weldje bei Veit u. Comp. in Leipzig ſoeben erichienen 
ift. Da es fi) hier um eine brennende Tagesfrage handelt, 
welche von ethnographiſchen wie kulturhiſftoriſchen Standpunkte 
ebeniowohl ald vom ethiſchen und focialen beurtheilt fein 
will, fo ift es mit Nüdficht auf bie beiden erften Geſichts— 
punkte geboten, auch hier Notiz von der Schrift zu nehmen. 
Freilich iſt es ſchwer im dem vorliegenden Falle ganz objektiv 
zu bleiben; hören wir in einem großen Theile der europäi: 
ſchen Prefie Humanität“ und „Toleranz” betonen, fo mag 
dem gegenüber daran erinnert werben, daf wo Rauch zu 
ſehen, auch Feuer vorhanden fein muß. Diefes Feuer, bie 
Urfadhe der beflagenswerthen Ausſchreitungen gegen die Ju: 
den in Rußland, zeigt und der Verfaffer, der irgendwo in 
Weſtrußland ald Gutsbeiger wohnt und die Dinge an der 
Duelle ſtudirt bat. Wir erfahren, daß die Juden in Ruf: 
land geſetzlich nur in 15 weitlichen Gouvernements wohnen 
dürfen, daß fie aber fid) ungefeylid, längs der Bahnen weiter 
nad) Dften zogen, von wo aus nun im Namen des Geſebes 





ihre Rüdverweifung nad) Weiten erfolgt. Der gemeine Ruſſe 
ift mad) von der Brüggen in vielen Stüden dem Juden ge: 
genüber inferior zu nennen und letsterer bringt ihn durch 
Branntwein und Wucher in feine Hände, das ift notoriſch. 
„Man mag von der Freiheit nun halten, was jeden belicht ; 
man mag das freie Spiel der Kräfte für fehr ſchön aus: 
geben; man mag mit Karl Emil Franzos jagen, jedes Bolt 
habe die Juden, die es verdient und mit ihm fich dabei ſehr 
wenig benfen: man wird den Mann dod) für wenig geicheit 
erflären müifen, der nun einmal nichts befitt als einen Stall 
vol Truthühner, aber auf die Werfiherung eines Nachbars 
hin, daß beffen Fuchs gezähmt und obdachlos ſei, denſelben 
zu feinen Truthühnern ſperrt. Wie die Puter dann eines 
ſchönen Morgens kalt gemacht waren, da jagt zu ihm der 
Nadibar: ja, Freund, warum waren die Thiere in Deinem 
Stalle auch Puter und nicht Füchſe wie meiner! Das if fo 
ungefähr die Logik, weldie die Ihöne Phrafe von dem ver: 
dienten Juden erfunden hat und das ift auch ungefähr bas 
Verhältniß zwiichen dem ruffiihen Bauer und dem Juden.“ 

Von der Brüggen fennzeihnet die „beutichen Juden in 
ihrer Heimath“, d. h. er führt und zu ben Talmudiuden in 
Polen:Litauen, wo fie unverbüllt, unverfälſcht auftreten, and: 
geftattet mit manden guten Eigenfhaften, aber Sklaven bes 
Talmudglaubens und die Decompofition des Landvolls für: 
dernd. Jene Juden diarakterifirt unfer Verfaſſer und er 
fcheint uns in dem, was man „Wiffenfchaft des Fubentbums* 
nennt, wohl bewanbert. Dieje Wiſſenſchaft ſieht befanntlich 
iſolirt da, fie ift fo fehr auf fich beichränft, daß irgend ein 
Konner mit der Wiſſenſchaft im Allgemeinen nicht vorhanden 
ift. Verlautet nach außen für Uneingeweihte etwas fiber den 
Talmud, fo erhält man ein Zerrbild, wie Profefior Rohling 
in Prag es gab, oder eine geiftreiche, einfeitige Schönfärberet, 
wie ber verftorbene berühmte Drientalitt Deutſch fie in Um— 
lanf fetste, Die Wahrheit liegt in der Mitte. Unſer Autor 
wünscht, „daß das ſſarre Judenthum diefer öſtlichen Länder 
mit Borfiht, auf dem Wege freifinniger Behandlung gebro: 
den, daß hier das Meft zerftört würde, darin jener nationale 
Charakter immer und immer wieder groß gezogen wird, wel: 
der num einmal den nationalen Sitten und Forderungen ber 
bentigen Kulturvblker widerftreitet, Ich wünſche, daß das 
auf freifinnigem Wege friedliher Verihmelzung gelinge.“ 
Aber gerade der Verſchmelzung haben die Tuben zu allen 
Zeiten und bei allen Völfern, ſelbſt wo fie volltändig gleich: 
geftellt waren und find, fih am energiſchſten entgegengeftellt 
und man braucht bier nur auf die Urtheile jüdiſcher Kory— 
pbäen wie Zunz, Joft, Crack zu vermeifen, um zu zeigen, 
daß obiges eben nur frommer Wunſch des Autors bleiben 
wird. Der Verfaffer hebt mit Recht (5. 78) bei den Juden 
das Geſetz der Vererbung hervor, diefe® aber ift der beite 
Hort Firaeld, um das Volk nicht in per Zerftreunng zum 
Beftandtbeil anderer Völker werden zu laſſen. „Ein Wolf 
fieht auf, das andere verſchwindet, aber Ifrael bleibt ewig“ 
(Midraich zu Pialm 36). 

Wichtig ericheint uns, was von der Brüggen (5. 18, 99) 
von der Einwanderung der polnischen Juden in Deutichland 
berichtet. Sie erfolgt eben Iharenweife und das Ableug— 
nen ſowie die ftatiftiichen Kunftftide, mit denen man von 
deutſch⸗üdiſcher Seite ſie ableugnen wollte, werben den That: 
fachen gegenüber bauferott. Von ber Brüggen ruft in biefer 
Beziehung der deutichen Regierung ein videant — au. 


96 


— Um 1. Januar 1880 fanden dem Ruf. Reg.Anzei⸗ 
ger zufolge unter der Staatsjorfiverwaltung 12362 
Domänen mit einer Gefammtilädie von 123 191288 Desjär 
tinen, ferner in den Streifen Mezen und Kem des Gouverne⸗ 
ments Archangel 26 964328 Desjätinen Tundren. Von ber 
vorgenannten Geſammtfläche find 98642 606%, Desjätinen 
oder 80,7 Proc. eigentliher Waldboden, bie übri- 
gen 19,3 Proc. find theils Aderland der Forftbeamten n. |. w., 
theil3 Unland. Auf jede Quabratwerft des europäiicen. Ruß⸗ 
land (ohne Finland, die Weichſel-Gouvernements und das 
Land der Kafalen vom Don, von Orenburg und vom Ural) 
famen 31,3 Desjätinen des Stantsforftftandes und 25 Des 
jätinen eigentlihen Walbbodens; auf jeden Kopf der Bevöl- 
ferung 1,5 Desiätinen, auf den Kopf der männlichen Bevölle⸗ 
rung je 3,1 Desjätinen Waldboden. Das Perional der 
Forfiverwaltung am 1. Januar 1380 betrug nur 1133 Köpfe. 


Yiien 

— Wie die Zeitung „Sibir* mittheilt, bietet im ganzen 
Oblaſß Semirjetihenst der Kreis Iſſyk-⸗Kul, rings um 
den gleichnamigen See gelegen, den beiten Plat zur An: 
fiedelung von Einwanderern. Gutes Höhenklima, Neid 
thum an Gebirgswaſſern, fruchtbarer Boden, Weberfluß an 
Fiſchen, Wild und Geflügel jeder Urt haben auch ſchon An: 
fiedfer aus Wehfibirien wie aus den europäiſchen Gouverne: 
ments Perm, Wiatka, Venza, Kaluga und Aſtrachan dorthin 
gezogen, und ift 3. B. das Dorf Tjun, weldies i. I. 1870 
nur 12 Gehöfte zählte, jet auf deren 100 angewachſen. Die 
Anfiebler, die außer Aderbau und Fiihfang audı Bienenzucht 
treiben , find auf zehn Jahre von allen Abgaben befreit und 
bezahlen dem Staate nur das Holz mit 50 Kopelen flir das 
Füllen der Bäume. An Eingeborenen zählt man im 
Kreife an 15000 Kibitfen, deren jede dem Staate eine Ab— 
gabe von 5 Rubel 35 Kopefen zahlt. Anger Tun find noch 
einige ruſſiſche Dörfer im Entſtehen. 

— In der Sisung der laulaſ. geogr. Geſellſchaft zu Ti— 
flis am 6. (18.) April verlas unter anderm General Stebs 
nisfi einen Bericht „über den PBontiihen (Laziftanticen) 
Gebirgsfamm*. Pontiiher Kamm wird die hohe Ge: 
birgsfette genannt, bie etwa 400 Werft fang am Südufer 
des Schwarzen Meeres vom Miündungsgebiet des Jeſchit⸗ 
Irma, unweit ber Städte Samfun und Niffar bis nahe zur 
Mündung des Tichoroc ſich hinzieht. Diele Kette hat nicht 
nur in Mimatifcher und geographiicder Beziehung eine Hohe 
Bedeutung; fie bietet auch in ethnographiſcher Beziehung 
nicht geringes Intereffe, da au ihr Vertreter der verfchieden: 
ſten Völkerſchaften ſich gruppiren. Der Berichterſtatter gab 
einen kritiſchen Ueberblick über die bis jetzt in der Literatur 
vorhandenen Nachrichten über dies Gebirge, welche theilweiſe 
einer genauen Prüfung nicht Stand halten, ergänzt durch bie 
Reſultate feiner eigenen Wahrnehmungen und Unterfuchungen, 

In derfelben Sitzung hielt Herr T. P. Jozefowitſch einen 
Vortrag über feine jüngfte Reije in das Gebiet, weldes ſich 
von Bajazet bis Moful eritredt. Diefes Gebiet, welches 
ftreng genommen weder in geographiicher nod in ethnogra: 
phiicher Beziehung eine Einheit bildet, hat doch den Charakter: 
zug gemeinfam, daß feine Bewohner, im fteten Verlehrsbe⸗ 
ziehungen unter einander, von der übrigen Welt fait ganz 
abgeiondert find, Der Referent gab aud; ein Verzeichniß der 








Aus allen Erdtheilen. 


betvohnten Orte des Gebietes mit Angabe des ethnographis 
hen Beſtandes ber Bevölkerung. Ein dritter Vortrag des 
Herrn U. W. Komarow über feine Reife nad Swane; 
tien befchäftigte fich wefentlic mit den Sitten und Gebräu— 
hen ber in wenig zugänglicher Gegend wohnenden Swanen, 
wiberlegte bie Anficht von dem jüdischen Urſprunge der lacha— 
mulifchen Gemeinden und gab zum Schluß eine Weberficht 
der Wegeverbindungen zwiihen Smwanetien und den benach- 
barten Landſchaften. 

— Eine officielle Kommiffion, welhe Telef-Semawe 
oder Samoi, dem einzigen geihligten Hafen an der Dit- 
füne von Atjeh, unterfuct bat, berichtete ginitig über 
denfelben: es follen dort Koblendepots umd eine Anſiede— 
lung gegründet werden, und man erwartet, daß diefer Hafen 
in Zufunft ein wichtiger fommercieller Mittelpunkt werden 
wird, befonders für den Pfefferhandel. Im eigentlichen At: 
jeh wird eifrig an Herſtellung von Strafen und anderen 
Verbefferungen gearbeitet. (Regiftrande Bd, XII.) 

— Die Frohndienfte, welde die Eingeborenen 
Favas ihren Hänptlingen bisher erweiien mußten, find 
durch Beihluß der nmiederländiihen Kammern auf Antrag 
der Regierung abgeihafft worden, (Negiftrande Bd. XII.) 


Afrika. 

— Der Matabele-König hat nach Frank Dates 
(Matabele Lands and the Victoria Falls p. 223, J. o. S. 15) 
fein Verlangen nad) allzu vielen Weißen, die fein Land zu 
beſuchen kommen, doc ficht er einige zu Handelszwecken gern 
bei fih. Die Boeren, welche nur der Felle wegen Jagd 
machen und das Fleiſch liegen laffen, kann er nicht leiden, 
während er gegen Dates, der bie Jagd vernünftig betrich 
und ihr durch Geſchenke bei guter Laune erhielt, freundlich 
war. Gegen Leute, welche des Wilbprets halber Jagd ma: 
dien, bat er nichts einzuwenden; fieht er aber mal Schalen 
von Stranfieneiern auf dem Frühſtücstiſche liegen, jo wird 
er böfe und fragt, wie man auf federn rechnen fünne, wenn 
man die Eier verzehrte. Ebenio haft er das Erlegen von 
weiblichen und jungen Elepbanten, deren Stoßzähne faum des 
Mitnehmens wertb find. Die Boeren aber ſchießen, wohin fie 
kommen, Alles, Großes und Kleines, nieder nad) dem Grund— 
fate, daß alles Fiſch ift, was in das Neu geht. 

— Der NWirilareifende Dr. Mar Buhner und der 
Sefretär der Berliner Afrilaniſchen Gejellihaft, Dr. Un- 


nede, find mit der Stettiner Maſchinenbauaktiengeſellſchaft 


„Bulcan” in Unterhandlung getreten wegen des Baues einer 
in 150 Theile zu zerlegenden Dampfbarkaffe, ieder Theil im 


‘ Gewichte von 60 bis 75 Pfund (mit Musnabme des Keifels, 


weldjer von vier Lenten getragen werben folll, Diefe Bar- 
faffe hat die Beitimmung, den Gelehrten der in Afrika ftatio- 
nirten Sektion der Afrikaniſchen Geſellſchaft zur Erforſchung 
des Congo zu dienen, 


. 


Bolargebiete, 

— Ende Juni ift der Aſtronom Fuß aus Kronftadt nach 
Arhangelsf abgereift, um zunähft dort einige Beobach 
tungen anzuftellen, dann nad Nowaja Zemlia weiter zu 
gehen und durch Ehronometerbeobadhtungen die aftrono: 
mifche Lage dei von der Polarerpebition gewählten Sta: 
tionspunftes im Verhältnig zu Archangel3t genau zu beftimmen. 


Inhalt: Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd I. (Mit adıt Abbildungen.) — E. Haberland: Das Brot im Vollsglauben II. 
— Ein Ritt durd Ih -ili I. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — Afien. — Airifa, — Polargebiete. (Schluß der Redac— 


tion 15. Juli.) 





Redacteur: Dr. R. Kiepert in Berlin, ©. W. Lindenftraße 11, 111 Tr. 
Drud und Verlag von Friedrich Bieweg und Sohn in Btaunſchweig. 


Sierzu eine Beilage. 


— — — — — 


Band XLII. 


Mit beſonderer Berüchfihtigung der 


—8 — — 





x 


NER 


Anthropologie und Ethnologie. 


Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fahmännern herausgegeben von 


Dr. Ridard Kiepert. 


Braunſchweig 


ER — ——— — 








Jährlich 2 Bände à 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Poftanftalten 
zum Preije von 12 Mark pro Band zu bezichen, 


1882. 





Gine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 


(Nah dem Engliihen der Lady Anne Blunt.) 


Sämmtliche Mbbildungen nadı Skizzen der Reifenden.) 


Das ringsum von hohen Sanditeinbergen umſchloſſene 
Beden, in weldyem ſich die Dafe Dichöf befindet, ift feines: 
wege, wie die Reifenden zuerſt vermutheten, eine ifoliete 
Depreſſion in dem großen Plateau El Hamäd, jondern 
gehört ebenfo wie die 20 englifche Meilen weiter nad 
Dften gelegene Oaſe Meskakeh noch zu der ungehenren 
Thaljenke des Wadi Sirhän, die hier im öftlicher Richtung 
ausläuft. Auch diefer von anfehnlidyen Höhenzügen  durd)- 
jetste Theil des alten Meerbedens ift von faft ununter— 
brochenen Felsrändern umgeben; der Cindrud größerer 
Tiefe, den er macht, beruht lediglich auf einer durch das 
conpirte Terrain hervorgerufenen Täuſchung. Die tief 
ften Punkte der Ebene, die ſich hier zwiichen den Höhen: 
zügen ausbreitet, haben genau diejelbe abfolute Höhe 
(1800 bis 1900 Fuß engl.) wie die tiefften Stellen in 
dem von N. W. nad ©. DO. laufenden Hanpttheile des 
Wadi. Pis auf die Dafen zeigt ſich aud) hier wie bort 
vorherrfchend der todte weiße Sand und Siesboden, der 
mar zuweilen von einer Heinen Stelle härtern, thonigen 
Grumdes unterbrochen wird, auf der das Regenwaſſer ſich 
fammelt, und wo nad) der Berdunftung beffelben eine dünne 
Salzfchicht erſcheint. Die Stadt Dſchöf felber befteht aus 
etwa 600 Hänfern, Heinen wiürfelförmigen Lehmbauten, 
die nicht in Straßen geordnet, fondern in vegellojen Grup: 
pen, zum Theil von Palmengärten umgeben , durcheinander 
ftehen; gewundene, von niedrigen Lehmmauern eingefafte 
Gaſſen ziehen ſich dazwiſchen hindurch. Einige von den 

Globus XLII. Nr. 7. 


Hänfern zeichnen ſich durch ein thurmartig aufgeſetztes obe- 
res Stockwerk aus, und auch die etwa 10 Fuß hohe Lehm— 
maner, welche die ganze Stadt umgiebt, ift in gewiſſen Ab- 
ftänden mit Thürmen verfehen. Das hervorragendfte Ge— 
bänbe der Stadt außer dem aus dem Mittelalter ftammens 
den Schloſſe Marid, dem einzigen Steinban, ift das neue 
„kasr“ dicht vor der Stadt. Die Hleine, auf einem Hügel 
ftehende Feſtung mit ihren ſtarken, 40 Fuß hohen Yehm« 
mauern und den zinnengefrönten gewaltigen Eckthürmen, 
mit ihren Schießſcharten und den beiden alten Zwölfpfün- 
dern dient ber aus ſechs Mann beftehenden Garniſon und 
dem Statthalter des Emirs von Dſchebel Schammar zum 
Aufenthalt. Bor etwa 20 Jahren von dem Vorgänger 
des heutigen Emirs erobert und ebenſo wie Küf, Itheri 
und Mesfateh dem Schammarreiche hinzugefügt, hatte 
DiHöf ſich mehrmals gegen die neue Herrſchaft empört. 
Nach der Unterdrlidung des legten diefer Aufjtände lieh der 
Emir das fefte Schloß als eine Art Zwingburg errichten 
und zugleich einen andauernden Belagerungszuftand über 
die Stadt verhängen, der jedoch, durch ſechs Mann Be: 
ſatzung auf eine Einwohnericaft von 4000 bis 5000 See: 
len ausgeübt, begreiflicherweife nicht ſehr drlicend ift. Weit 
empfindlicher und von nachhaltigerer Wirkung war die Bes 
ftrafung der Stadt durd das Niederſchlagen einer großen 
Menge ihrer Palmen; der Schaden, der dem Wohlſtande 
von Dſchöf dadurch zugefügt wurde, foll heute, nad) zwölf 


Fe e 


Dahren, noch nicht wieder verwunden fein. Denn die Bat, . 


”. 


13 


— 
* 
* 


98 Cine Pilgerfahrt nad Nedichd. 


teln von Dihöf bilden nicht nur das Hanptnahrungsmittel 
der Einwohner: fie find in ganz Arabien berühmt und ein 
gefuchter Handelsartifel. 

Außer den zahlreichen, in der Stadt befindlichen Brun- 
nen, deren in ein dichtes Netzwerl von Gräben vertheiltes 
Waſſer die inneren Palmengarten tränft, liegen auch noch 
zehn bis zwölf Brunnen in der Ebene vor den Mauern. 
Ein Bauntgarten, einige Heine quadratiſche Getreidefelder 
und eines oder mehrere Wohnhäufer, das Ganze von einer 
niedrigen Lehumauer umzogen: daraus beftcht die Umge— 
bung eines jeden diefer flachen, nur wenige Fuß unter die 


Erde hinabgehenden Wafferlöcher. Bon Schöpfrädern  ift 
hier nichts zu fehen; das Wafler wird vermittels einer ein- 
fachen Vorrichtung durch Kameele hinaufgezogen, und der 
an einem Stricke befeftigte Eimer ſchüttet, am Brummen: 
rande angelangt, feinen Inhalt in einen großen Steintrog, 
der die Gräben der Felder und Gärten fpeift. 


Bon den Anftrengungen der legten Tage ermlidet, war 
ven die Reifenden nicht wenig erfreut, als fie bei ihrer Ans 
funft in Dſchöf fanden, daß die Verficherumgen mehrerer 
Eimvohner von Käf und Itheri: „es gebe im Didöf: 
dijtrifte noch mehrere Familien aus dem Geſchlechte der 
Ion Arat“ auf Wahrheit beruhten. In einer der vor der 
Stadt belegenen Niederlafjungen, bei dem Haupte des in 
Dſchöf jelber anfäffigen Zweiges der Kamilie, wurden die 
Fremden im der gajtfreundlichften Weije aufgenommen. 
Bon Ruhe freilich, war unter den Umſtänden nicht viel die 
Rede; denm die erjten, ungemein demonftrativen Erkennungs— 
und Vegrügungsfcenen zwifchen Mohammed und den glüd- 
lid) aufgefundenen Verwandten waren kaum beendet, der 
Bewillkommnungskaffee in der kawah, den Empfangsraum 
des Hauſes, mod; nicht eingenommen, als ſich auch ſchon 
immer mehr und immer entjerntere Verwandte ein— 
ftellten und die Erflärungen, das Umarmen und das Klüfe 








Teftes Schlof von Dſchöf. 


fen und das SKaffeetrinfen immer wieder begannen; filr je: 
den neu hinzufommenden angefehenen Gaſt muß nämlic) 
von Neuem Kaffee bereitet und von allen Anweſenden ge: 
teunfen werden. — Am andern Morgen mußten die in 
dem Palntengarten des Haufes aufgeichlagenen Zelte der 
Neifenden abgebrodyen und auf den Hügel vor der Feftung 
gebracht werden. Der Stellvertreter des Statthalters, wel 
cher letstere augenblidlich in Mestafch verweilte, wünſchte 
die Fremden in größerer Nähe und als jeine Säfte zu ha- 
ben; und wenn auch zuerst vielleicht ein gewifies Miftrauen 
die Veranlaffung zu diefem Wunſche geweien fein mochte, 
fo fonnten die Neifenden über die Aufnahme von jeiner 
Seite nicht Magen. Die Mahlzeiten, mit denen er fie in 
den finfteren, ferferartigen Räumen des Schloſſes bewirthete, 
ftellten zwar harte Anforderungen an europäiihe Gaumen; 
denn wenn auch außer der Feſtſpeiſe eines gefochten Ziegen— 
lammes hier jogar ein in der Aiche gebratenes Stüd Fleiſch 


von „einer wilden Kuh (wahricheinlih einer Antilope) 
ans der Nefüd“ aufgetifcht wurde, fo waren doch die übri— 
gen Gerichte, ein zäher, geſchmaclloſer Mehikleifter, ein libels 
riechendes Gemenge von Awiebelftüden und ranziger But: 
ter und endlich eine große Schüffel mit in Waſſer auf: 
geweichtem Brote, ebenfo widerlih wie ungefund. Der 
gänzliche Mangel aller Vegetation in der Sandebene und 
auf den Hügeln von Dicyöf verbietet den Einwohnern der 
Stadt das Halten von Hausthieren. Außer den wenigen 
Kamceelen, die man fiir die Brunnen gebrauchte, und die 
mit gehadtem Stroh und Dattelnabfällen gefüttert wurden, 
eriftirten zur Zeit im der Stadt mur drei halbverhungerte 
Kühe und ein Pferd, die dem Statthalter und feinen Yeu- 
ten gehörten, umd dann nod) einige Ziegen, das Eigenthum 
befonders wohlhabender Einwohner. 

An den beiden legten Abenden ihres Aufenthaltes in 
Dichöf veranftaltete der Befehlshaber noch zu Ehren der 


Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd. 


ASP 


2 


chwertertanz in Dſchaoͤf. 


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< 





100 


Neifenden Feitlichkeiten in der Kawah des Schloſſes, bei 
denen er ſelbſt mit feinen Leuten eine Art feierlichen 
Scjwertertanges aufführte. Ein nicht unmelodiſcher, ges 
tragener Geſang der Tanzenden und der Schall einer aus 
Palmenholz hergeftellten und mit Pferdehaut befpannten 
Trommtel begleiteten.die Vorftellung, deren feierlicher Ernſt 
nur gelegentlid) einmal durch ein plöglicyes wildes Schwingen 
der Schwerter und einen dabei ausgeftogenen lauten Schlacht⸗ 
ruf unterbrocden wurde, Nach Beendigung des Schaufpiels 
lagerte ſich die ganze Geſellſchaft um große am Boden auf: 
geitellte Schalen, die ein Gemiſch von Dattelſyrup und 
dem ſauern Safte der jogenannten trengs, einer faft fopfr 
großen Gitronenart, enthielten. Bon diefem allen Anfor- 
derungen der Mäßigkeitsvereine entiprechenden Getränfe 
worden bis tief im die Nacht hinein unglaublich große 
Uuantitäten vertilgt. Was die Neifenden bei diefen Zu— 
fammenfünften fiber die Ausfichten für ihre Weiterreife er: 
fuhren, war ungemein günſtig. Das ftrenge Negiment 


des jegigen Emirs von Schammar, Mohammed Ibn Ra: 





Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


ſchid, der durch eine Reihe der unerhörteften Blutthaten zur 
Herrſchaft gelangt war, jet aber allgemein beliebt zu fein 
ſchien, hatte eine volllonimene Sicherheit innerhalb der 
weiten Örenzen feines Yandes hergeftellt. An einer guten 
Anfnahme am Hofe dieſes augenblicklich mächtigſten Herr— 
ſchers von Arabien war nach den Ausſagen der Leute, die 
fämmtlich ſelber aus Hail, der Hauptſtadt von Dſchebel 
Schammar, ſtammten, nicht zu zweifeln. Die einzige 
Schwierigkeit, um die es ſich jetzt noch handelte, beſtand 
darin, die Erlaubniß zur Weiterreiſe von dem Statthalter 
des Dſchofdiſtriktes zu erlangen, der, urſprünglich ein Ne— 
gerſtlave, aber als perſönlicher Freund des Emir zu dieſem 
hohen Poſten befördert, hier die Rolle eines Heinen Der 
jpoten zu ſpielen ſchien. 

Inder That erſchien denn auch ſchon am dritten Tage 
ihres Berweilens in Dichöf ein Bote des Statthalter, der 
den Neifenden den Befehl brachte, nach Mestatch zu kom— 
men. Am folgenden Morgen, dem 8. Jannar, machte 
man fid) demgemäß auf den Weg. Man verlieh die Stadt 


Meslaleh. 


bei bewölltem, nebligem Wetter, das ſich bald im einem 
heftigen Regenſchauer auflöfte. Ju nordöftlicder Richtung 
vorſchreitend, paſſirte man zumächit das Beden von Dichöf, 
das in feinem mittlern, tiefiten Theile mehrere große, mit 
einer Salzkruſte bedeckte Bodenftellen aufwies. Am Nord— 
rande angelangt, führte der Weg zunächſt einen fteilen, etwa 
100 Fuß hohen Sandhitgel hinauf, dann über einige be> 
dentend höhere Felsrucken, um gleich darauf wieder in eine 
Subbcha, ein Zalzthal, hinabzujteigen, in dem ein großes 
jet gerade in voller Blüthe ftehendes Tamaristengebitich 
das Auge erfreute. Auf lange, mit dunklem, grobförnigem 
Eifenfteinfand bededte Streden folgten wieder andere, wo 
der rothe Sandftein zu Tage trat und mit dem daranf 
lageruden Eifenftein in feltfamen, pilzförmigen Blöden er: 
ſchien. Im den kleinen Wadis zeigten fid) als Folge des 
vor einem Monat hier gefallenen Regens verſchiedene, glän- 
zend grüne Zwiebelgewächſe mit frofmsähnlichen Blüthen, 
die der traurigen Gegend einen trügerifchen Schein von 
Fruchtbarkeit gaben. Nach Norden hin erblidte man in 
‚nebfiger Ferne mehrere großartige Gebirgsmaſſen, unter denen 
das Täubengebirge, Dichebel Hammamijch, das bedeutendite 








fein fol. Im Nordoften und Often bildete eine gleid)- 
mäßig hohe dunfle Yinie den Horizont: e8 war der Nand 
des Plateaus El Hamäbd. 

Mestateh, obgleich nicht Sit des Statthalters, iſt dod) 
eine bedeutendere Stadt als Dſchöf. Es befigt 700 Häuſer 
und bei weiten ausgedehntere Baumgärten als jenes, und 
wenn es auch die mämliche unregelmäßige Bauart aufweijt, 
jo macht dody die allenthalben herrichende Reinlichteit und 
der gute Zuftand der Gaflenmauern und der Häuſer einen 
unverfennbaren Eindrud von Wohlhabenheit, der in Dichöf 
fehlt. In Bezug auf ihre natürliche Yage haben die beiden 
Städte die größte Aehnlichteit mit einander; denn auch 
Mestateh liegt am Grunde eines von Sandfteinhügeln ums 
gebenen Beckens. freilich find die Nänder deſſelben micht 
fo gleichmäßig fortlaufend wie die von Dſchöf, fondern öfter 
durch tiefe, von Sandhügeln ausgefüllte Einſchnitte, fowie 
durch weit vorjpringende Felſentells unterbroden. Cine 
alte, aus dem Mittelalter ftammende und auf einem anjchn- 
lichen Hügel belegene Citadelle beherricht and) hier die Stadt 
und ihre ausgedehnten Gärten und Felder. Auf den let: 
teren, die anftatt dev Lehmmauern mit niedrigen, aus Palmen: 





‚Google 


Eine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 


zweigen geflodytenen Zäunen umgeben find, wird vorzugsweife 
Gerſte gebaut, die man als Grünfutter von den Ziegen ab- 
weiden läßt. Die Gärten enthalten hier neben den unent⸗ 
behrlichen Dattelpalımen auch vielfach Feigen: und Aprifofen- 
bäume jowie Weinjtöde, den Stolz der Einwohner. Frei— 
Lich jollen die Datteln von Mestateh feinen Bergleich aus— 
halten können mit denen von Dſchöf, wo man fid) feit lange 
ſchon mit der Kultur ag befonders feiner Arten beicyäf- 
tigt. Von der großen Menge grundverjciedener Spielarten, 
in denen die Datteln hier in ihrer Heimath vorkommen, 
hat man in Europa feinen Begriff. Man untericheidet 
nach Ausſehen und Geſchmack mindeftens ebenfo viele Ba— 
rietäten wie bei den in unferen Obftgärten gezogenen Aep⸗— 
feln. Die berühmten belwet el Dschöf, die in ganz Ara- 
bien am meiften gejhägte Sorte, find von dunfelbrauner 
Farbe und ziemlich unregelmäßiger, ediger form; fie haben 
in ber That ein ungemern feines Aroma, find aber weich 
und klebrig und viel zu ſuß, um anders denn al® gelegent- 
liche Delikateffe genofien zu werden. Es giebt nod) eine 





und deren verichiedenen Frauen und Kindern ein Meines 
Haus bewohnte, war nicht nur anerkannte Obrigkeit für 
dieſes, fondern and) für die angrenzenden Niederlaffungen, 
in denen entferntere Verwandte lebten. Auffallend gut war 
auch das Berhältnig der Weiber unter einander, das Lady 
Blunt bei den wichtigen Familienverhandlungen, die gleich 
am erften Tage ihren Anfang nahmen, und bei denen fie 
als Bermittlerin mit den Bewohnerinnen des Harem auf: 
trat, grundlich beobachten fonnte. Zu Mohammeds größter 
Befriedigung fand fic) hier in der That ein Ibn Arüf, der 
im Befige heirathsfähiger Täcjter war. Nach manchem Hin 
und Her und mehr als einem ſtürmiſchen Familienrath, 
bei dem der Bater des Mädchens unter taufend nichtigen 
Borwänden den einmal feftgejegten Betrag des von dem 
Bewerber zu zahlenden Heirathägutes immer höher zu trei- 
ben verfuchte, wurde endlich abgemadit, daß Mohammed 
nad, Jahresfrift die jüngste, jegt noch nicht Fünfzehmjährige 
Tochter erhalten follte. Mit aller Feierlichkeit wurde ein 
Kontralt darliber aufgeſetzt, deſſen Unterzeichnung freilich 
auch nicht ohne eine kleine Epiſode abging; noch im letzten 
Augenblide verſuchte der Schwiegervater wie weiland Laban 


101 


ganze Anzahl ſolcher weichen, zuckerhaltigen Arten, die, wenn 
man fie im Zuſtande volljtändiger Reife in eine offene 
Schüffel legt, ſich im kürzeſter Zeit im einen dickflüſſigen 
Syrup auflöfen, in dem der Zuder in großen Klumpen kry⸗ 
ftallifirt. Die von den Einwohnern von Dſchöf am mei: 
ſten fonfumirte Art, die in großen Mafjen fir den Winter 
getrocknet wird, ift von rundlider Form, hellbraun und 
ziemlich mürbe und troden; Lady Blunt giebt ihr den Vor— 
zug vor allen feineren Sorten. 

Drei Tage lang verweilten die Reiſenden in Mestateh 
und zwar and) hier wiederum als Gäjte der Ibn Arüfs 
auf einem dicht vor der Stadt belegenen Kleinen Yandgute, 
das mehreren verwandten familien gemeinfam gehörte, 
Die Einblide, die Yady Blunt hier in das häusliche Yeben 
der Araber thun konnte, gaben Öelegenheit zu mancher inter: 
eſſanten Bemerfung über die trog des Ueberganges in die 
Hleinlichen Berhältwiffe des feiten Stadtlebens noch bewahrs 
ten patriarchalijchen Sitten der Beduinen. Das Oberhaupt 
der Familie, der mit feinen beiden Weibern, feinen Söhnen 








Alte Eitadelle von Meslakeh. . 


eine der älteren Töchter an Stelle der gewinfchten Braut 
einzufchieben. Ohne Mr. Blunt's energiſches Dazwifchen- 
treten wäre dies Manöver ficherlic, gelungen und Moham: 
med um den Beſitz der jugendlichen Schönen gefommen, 
von der er bis jegt nur nach Yady Blunt's Schilderungen 
wußte, daß fie „die Perle der Sammlung“ war. Mit dem 
Schlachten eines Ziegenlammes und einer bis in die Nacht 
hinein währenden Schmanferei wurde der endliche Abjchluf 
gefeiert; alle unangenehmen Zwiſchenfälle waren vergefien 
und unermldlic, wurden nun in Sefängen und Erzählungen 
die ritterli—hen Tugenden, die Großmuth und der Edelfinn 
der Beduinen im Allgemeinen, und der alten Ibn Arüf im 
Befondern verherrlicht. 

Neben diefen zeitraubenden und ermüdenden Berhand- 
lungen verabfäumten die Reifenden ihre Bemlihungen um 
die Gunſt des Statthalters keineswegs. Das Bild, das fie 
ſich im Boraus von dem ſchwarzen Machthaber gemacht hats 
ten, entiprad) der Wirklichkeit volllommen. Im lächerlich 
fter Weife mit grellbunten feidenen und goldgefticten Dichib- 

behs, mit einer rothen Kefijeh und einer ſchwarz und gol⸗ 
denen Abba ausſtaffirt, ein Schwert mit goldenem Gifte 


102 


in der Hand, jo trat er von einem Zuge glänzend gefleideter 
und bewafineter Diener begleitet in die Nawah des Schloſ— 
fes, wo die fremden ſchon lange auf fein Erjcheinen gewartet 
hatten. Die hodymüthig nachläſſige Art, der ſpöttiſche Ton, 
im dem er zu ihnen ſprach, verhich nicht viel Gutes, über: 
raſchte aber die Reiſenden ebenfowenig, wie das kriechende 
Weſen der arabijchen Begleiter, die, der Mehrzahl nad) den 
vornehmften familien von Mestafch angehörig, die unbe: 
grenztefte Demuth zur Schau trugen. Grftannlicher war 





Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd. 


die grimdliche Kenntni der verwidelten beduiniſchen Ver— 
hältniſſe, die der Schwarze augenſcheinlich beſaß. Er wußte 
genau Beicheid fiber die geringfügigiten Fehden und Bor- 
fommmiffe unter den Beduinenftämmen Syriens nnd des 
Cuphratlandes, und der trotz aller räumlichen Hindernifje 
dennoch beitchende und hierdurch befundete Zuſammenhang 
zwiſchen den verjtrenten Stämmen des Friegeriichen Volkes 
gab den Keifenden mandjes zu denfen und ließ ihnen die 
beduiniſche Macht für den all eines Orientfrieges als einen 


Dichohar, Statthalter des Dichofſdiſtriktes. 


| 


nicht zu unterſchätzenden Faltor erfcheinen. Ueber die Po- 
Litit des Sultans und namentlich über den damals cben zum 
Abſchluß gelangten ruffijch-türkifchen Krieg äußerte ſich der 
Statthalter im mitleidig verächtlicher Were. Gegen die 
Abfichten der Reiſenden verhielt er ſich zuerjt durchaus ab- 
lehnend; verfchiedene Geſchenke ftimmten ihn jedod, allmälig 
günftiger, und als Mohammed bei der leiten Audienz neben 
wianghertei geichieft angebrachten Zchmeicheleien and) et- 
Wwo4:’yon einer Summe Geldes einfließen ließ, die 


Mr. Blunt gern für die Geftattung der Weiterreife zahlen 
würde, da verſchwanden plötzlich alle Bedenken, und es 
wurde nicht nur die Erlaubniß ertheilt, fondern den Reiſen— 
den auc noch ein Führer zugewielen, der fie bit nach Hail 
bringen jollte. So rliftete man ſich denm zum Marjche 
durch die große Nefüd, die von allen früheren Reiſenden 
als das non plus ultra von Wiüjtenjchreden geichildert 
worden war. Bon den beiden nad) Hail führenden Wegen 
wählten die Reifenden den fürzern, aber bejchwerlichern, 








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Eine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 





Ein Fuldſch. 





104 


auf dem man in zehn Tagen etwa 200 engl. Meilen zurück⸗ 
fegt und im der ganzen Zeit nur zwei Brummen pafjitt. 
Der legte Tag des Aufenthaltes in Mesfateh, an dem der 
Morgen ausnahmsweife nicht neblig geweien war, bradjte 
einen heftigen langanhaltenden Gewitterregen. Bei diejer 
Gelegenheit erfuhr Yady Blunt von mehreren Einwohnern 
— und Mohammed bejtätigte die Angabe derfelben —, daß 
die Gefahr des Blitzſchlages hier vollfonmen unbefannt jei. 
Keiner wollte von diefer Gefahr auch nur fprechen gehört 
haben, 

Am Morgen des 12. Januar verlich man die Stadt, 
um in faft genau fidlicher Richtung den Weg nach der gro: 
ßen Wüſte einzufchlagen. Nachdem man mehrere Meilen 
über einförmige, todte Sanddünen zurüdgelegt hatte, kam 
man an ein Dorf, das letzte, das man fit viele Tage ſehen 
folte. Es waren etwa 70 bis 80 Häufer, ein jeljiger 
Hugel mit einer Feftungsruine anf der einen, ein Hain von 
Palmen und Ithelbäumen auf der andern Zeite, wo fid) 
der Brunnen befand. Bon dem Südrande des weiten 
Bedens von Meskaleh, den man bald darauf erflomm, ge- 
langte man auf eine ausgedehnte Hochebene (2220 Fuß 
liber dem Meere), deren groblörniger dunfelgefärbter Sand 
mit feinen runden Kieſeln dicht überftreut war. Nach eini— 
gen Stunden des Marfches über diefelbe zeigte ſich am fiid- 
lichen Horizont, und weit nach Often und Weften herum 
gehend, ein dunkelrother Streifen: es war die Nefüd. 
Näher fommend gewahrte man bald, daß der feltiam braun- 
roth gefärbte Sand der großen Fläche in hohen Wellen wie 
ein vom Sturme wild aufgeregted Meer dalag. Um mit 
frischen Kräften die Erforſchung des interefianten Gebietes 
zu beginnen, fchlug man das Yager für die Nacht hier am 
Rande deffelben auf. Was man bei der Wanderung des 
folgenden Tages ſchon von der Nefüb kennen lernte, war 
denn im der That auch im höchſten Maße überraſchend und 
allen Berichten früherer Neifenden durchaus widerjprechend. 
Palgrave, der unter denfelben immer für den zuverläffigften 
gilt und der gerade die Nefüd als cine Art Hölle ſchildert, 
hat fie freilich im Sommer durchreift; rechnet man aber 
aud) von feiner Beichreibung alle die großen Veränderun— 
gen ab, die hier durch den Wechſel der Dahreszeiten 
bedingt find, jo erſcheint es doch umbegreiflic), wie die in 
die Augen fpringenden, unveränderlichen charalteriſtiſchen 
Eigenfchaften der großen Wüſte feinem Blicke entgehen 
tonnten. Da ift zunächit die merfwitrdige Farbe, ein glän— 


oft richtig purpurroth erjcheint. Der Sand ift grobförnig, 
doch vollfommen rein von jeder fremden Beimiſchung; 
überall fowohl in Bezug auf farbe als Tertur durchaus 
gleichmäßig. Daß er vollfommen unfruchtbar fein fol, bes 
ruht auf einer ivrigen Annahme; die Nefüd zeigte fich jet 
als ein fo reiches Weideland, wie es die Neijenden auf dem 
ganzen Wüſtenwege von Damastus bis hierher nicht ge— 
ſehen hatten. Altenthalben ftanden dichte Ghadabüſche, fo- 
wie ein jegt blätterlojer Strauch), das fogenannte „yerta“, 





C. Haberland: Das Brot im Vollsglauben. 


das mit feinen verjchlungenen, faferigen Aeften an den 
Weinftod erinnert und auch, nach einer beduiniſchen Sage, 
ein von dem Propheten verwandelter Weinftod fein fol. 
Unter verfchiedenen Weidefräntern für die Kameele fanden 
die Keifenden hier and) zum erjten Male das fogenannte 
adr reich vertreten, das unſchätzbare Wüſtenfutter, das je: 
ded damit ernährte Thier, und die Schafe namentlich, 
wochenlang ohne Waſſer austommen lafien fol. Leider 
giebt Lady Blunt aud) von diefem „Wunderkraute“* der 
arabiichen Phantafie feinerlei Beſchreibung. Der jest noch 
vorhandene reichliche Graswuchs und der Leberfluß an 
Brennholz, den die Ghada- und Tertabitiche lieferten, lier 
ben die Angaben des landestundigen Führers glaublich er- 
fcheinen, nad; denen das Innere der großen Wüſte trotz 
feines gänzlichen Mangels an Brunnen während ber Fruh— 
jahrsmonate reich bevölkert ift. Die Bebninen, die dann 
ſämmtlich friſchmilchende Kameelſtuten haben, künnen das 
Waſſer entbehren und laffen ihre Herden wochenlang auf 
den reichen durdy den Winterregen hervorgerufenen Gras— 
flächen weiden. Die Ränder der Nefüd find das ganze 
Jahr Hindurch von einer dichten Nomadenbevölterung bes 
wohnt, und vielleicht geht Mr. Blunt nicht fehl, wenn er 
in dem bisher ungeahnten Vorhandenjein diejes reichen 
Weidelandes die Löſung Für das Geheimniß der großartigen 
Pferdezucht in Centralarabien erblidt. 

Die jeltfamfte Erfcjeinung in der Nefüd find aber die 
fogenannten Fuldſchs, die eigenthümlihen Sandhügel 
und Thäler, die den Neifenden zuerft den Eindrud gänz— 
licher Negellofigkeit und chaotiſchen Gewirrs madjten. Nach 
einigen Stunden des Marſches jedoch), wo man fid, ringsum 
immer wieder von denfelben, wenn and) in verichiedenem 
Mafitabe auftretenden Formationen umgeben jah, wurde 
man ſich Mar darüber, da man es Hier keineswegs mit 
einer zufälligen, wenn auch bis jegt unerflärlichen Erſchei— 
nung zu thun hatte Der ganze Boden der Nefüd zeigt 
nämlicd) eigenthlimlice Vertiefungen, die bald größer, bald 
fleiner, bald tiefer, bald fladyer, aber immer in der näm- 
lichen Form, wie Eindritde eines koloſſalen Pferdehufes, in 
langen Reihen von Oſten nadı Weiten darüber hingehen. 
Die tieffte, die Mr. Blunt gemeflen hat, zeigte vom obern 
Rande bis zum Grunde einen Abjtand von 70 Metern, 
doch giebt es auch folhe von nur wenigen Fuß Tiefe. 
Uebereinftimmend ift eben bei ihnen allen nur die Form, 


die Nichtung und der Umftand, daß am weſtlichen obern 
zendes Roth, das Morgens, wenn es vom Thau feucht ift, | 


Rande einer jeden ein höherer oder niedrigerer Sandhügel 
ſich erhebt, der im feiner endloien Wiederholung die Nefüd 
wie eim mit überftürzenden Wellen bededtes Meer erſchei— 
nen läßt. Die Annahme, daß die Fuldſchs, wie etwa 
andere Sanddiinen, ihre Entftehung einem vorherrichenden 
Winde verdanfen, wird durch die dichte Vegetation wider: 
legt, welche die Hügel ebenfo wie die Vertiefungen bededt, 
fowie durch die Ausſagen der Beduinen, nady denen jeit 
Menſchenaltern fid) an der Oberfläche der Nefüd nichts ger 
ändert hat. 


Das Brot im Bolfsglauben. 
Bon E. Haberland. 
II. 


Engiprechend der hoben Bedeutung des Brotes Inipft 
fi) an dafjelbe auch mauche Vorſchrift hinſichtlich feiner 
Behandjung. 


*22 
2222 
..+.s 


Die erfte und zwar durch ganz Deutſchland gehende iſt 
die, das Brot nicht mit der Oberrinde auf den Tiſch zu 
legen, ſondern fo wie es im Ofen gelegen hat, oder, wie es 


€. Haberland: Das Brot im Bollsglauben. 


der Rheinpfälzer ausdrüdt, mit der „Madelekruſte“ nach 
unten, der „Bubenkruſte* nad oben. Andernfalls wird 
man nicht ſatt (Medlenburg), ift fein Segen dabei (Böhmen, 
Tirol), es tritt wohl felbft als Folge ein Unglüd ein 
(Rheingegend), das Unglüd tritt ins Haus (Defterreichiich- 
Schleſien und Medlenburg), der Segen geht hinaus (Died: 
lenburg), oder hat jelbjt der Teufel, für den aud) die 
böſen Beute eintreten, Gewalt tiber die Betreffenden (Voigt: 
land, Wetterau); es leiden die armen Seelen (Böhmen), 
oder derjenige, der es verfehen, muß fpäterhin in der Hölle 
fo lange auf dem Bauche liegen (Rheinpfalz). Noch ein 
anderer Medlenburger Grund fiir die Vorſchrift ift ber 
Sat, daß feiner auf dem Niden liegend fein Brot vers 
dienen fünne 195), 

It das Brot angefchnitten, dann darf es nicht mit der 
angejchnittenen Seite nad) außen liegen oder nach der Thikr 
weifen, denn dann geht das Glück aus dem Haufe und die 
Noth kommt herein 23%), Unangeſchnitten fol man es nicht 
in die Tifchlade legen, denn das deutet auf Geiz und nimmt 
dem Brote den Segen ), wie auch ber geizig wird, welcher 
den Auſchnitt des Brotes allein ißt 1%); nach ſchwäbiſcher 
Anficht läuft ihm im letztern Falle das Vich nicht, fo daß 
er es bejtändig treiben muß!) Unangeſchnitten Brot 
joll man in Schwaben iiberhaupt nicht auf den Tiſch legen 190), 
wobei vielleicht der Schutz, den ihm der Schnitt mit dem 
Mefjer verleiht, in Betracht kommt. Auch it die Gier 
beim Broteſſen verpönt; nimmt man das Vorbrot, che es 
recht gar ift, aus dem Ofen, fo blutet es, wie man in Bayern 
fagt, beim Anjchnitt 171), Nach oberdeutjchem Aberglauben 
it es verboten, Brot mit einem Mefjer in die Milch oder 
Milchſuppe zu ſchneiden, man muß es einbroden, wenn man 
nicht dem Kühen die Milchergiebigfeit nehmen will #2). 

Berleiht man Brot, jo muß man im der Mark wie 
gleichfalls in Mafuren vorher ein Stlidchen abſchneiden, in 
Schlefien das Brot ſelbſt eimwideln, damit man den Segen 


nicht mit fortgiebt 17), Diefes Fortgeben des Segens ges |, 


ſchieht nach Boigtländer und Medlenburger Glauben aud), 
wenn man den eriten Abſchnitt, den Knuſt von einem Brote, 
aus dem Haufe giebt 74) (gut ift es hingegen, dem Hunde 
etwas von der erften Scheibe zu geben !?>), fchneidet man 
aber ein Hein Stüdchen freuzweis aus ihm heraus und hat 
diejes im Mund, wenn man ihn weggiebt, dann werden 
dadurch wenigftens in Medlenburg die böjen Folgen aufge: 
hoben *%), Friſchgebackenes Brot giebt man hier gleich: 
falls nicht gern aus dem Haufe, weil mit ihm der Segen 
aus diefem fortgeht 7). In Siebenblirgen darf man den 
Anſchnitt wicht zum Fenfter hinauswerfen, weil fonft der 
Empfänger ein trauriges Ende nehmen wilrde 1"), Im 
Gegenſatze zu diefem Nichtfortgeben des Anfchnittes werfen 
gerade die Eſthen vom angejchnittenen Brote das erfte 
Stuckchen gern weg’), das alte heidnifche Mahlzeitsopfer 
in zäher Erhaltung. Auch das legte Stück Brot darf im 
Boigtlande nie aus dem Haufe ind freie getragen werden, 
fonft wird das Glück mit fortgetragen 200); das Haus darf 
eben nie ohne den Schub des Brotes fein. Vom vorge: 
jegten Brote joll man als Gaft nad) bayerischer Vorſchrift 
nichts übrig laffen, da man fonft Zahnweh bekommt ?"1); 
in Erlangen muß man, um diefes zu vermeiden, wenigftens 
den Reft mitnehmen 292). 

Beim Anjcneiden felbft macht man mit dem Meſſer 
auf der untern ober anderwärts auf der obern Seite des 
Brotes ein Kreuz, vielfach) aud) wohl drei ſolche, damit es 
nicht. behert werde, befjer gebeihe, mehr fättige und länger 
reiche"), In Nieberöfterreic) jagt man, daß andernfalls 
das erſte Stüd dem Teufel gehöre, in Medlenburg, daß 
man alsdann Miteffer, d. h. Diebe, bekommen wiirde, oder 


@lobus XL. Nr. 7. 


105 


auch, daß die frau das Negiment im Haufe erhielte 29%); 
nad) fiebenbitrgifchem Glauben ift Unfruchtbarteit die Folge 
der Verlegung diefer Vorſchrift 2°). In einzelnen Gegen« 
den der Oberpfalz legt man auch den Anſchnitt quer über 
den Yaib, um jo ein Kreuz zu bilden?0%), Zuweit nad) 
hinten darf man den Brotlaib nicht abfchmeiden, wenn man 
nicht unferm Herrgott die Ferfen abjdjneiden will 207), 

währt das Meffer beim Schneiden aus dem Brote, 
dann hat man feinen Hunger ?°%), ſchneidet man ein Stuc 
zuviel ab, jo hat man einen Hungrigen freund im ber 
Ferne 0), was auch der Fall ift, wenn man einen Teller 
zuviel aufjegt?1%), Wem beim Brotfchneiden eine Kerbe 
entiteht, der hat vorher eine Luge gejagt *1?); zerbricht beim 
Anſchneiden ein Stüd, jo hat der Empfänger nicht gebetet, 
wie gleichfalls aucd, wenn das Stüd ſchief geräth ?12). 
Bricht jemand unverfehens ein rundes Yod) durch ein Flach 
brot, dann wird mad) norwegiſchem Glauben bald einer 
im Haufe fterben ?)?), Wer das Brot nicht gleich, jchneidet, 
wird mie reich werden: „Schneide das Brot gleich, dann 
wirft Du reich,“ jagt man in Neicenbad mit Bezug hier- 
auf?!+), Hüngenbleiben von Brot am Mefjer jagt eine 
Thenerung voraus?) Brautlente fchneiden nicht gern 
Brot und Butter an, wenn ſie beiſammen find, weil fie 
dann Zank fürchten 21%). 

Auch Rüdjclüfie auf den Charakter giebt in Böhmen 
das Brot. Wer gern Brot ordnet, anf deſſen rechtſchaffenen 
und friedenftiftenden Sinn lann man bauen; wer gern Brot: 
rinde ift, den wird das Gluck nie verlaffen. Bei der Hod): 
zeit muß die Braut mit ftumpfem Meſſer ein Stüd Brot 
ſchneiden und diefes dann hinter fich werfen; geräth das 
Stück groß, wird fie freigebig werden, wenn aber Mein, 
geizig; it die braune Rinde am ihm größer, dann iſt ihr 
erſtes Sind ein Knabe, wenn aber die weiße, ein Mäd— 
chem217), Hierzu ift der bereits angeführte Rheinpfülzer 
Ausdrud „Buben: und Mabdelekrufte* zu halten. 

Auch anderwärts wendet man ſich mit Echidjalsfragen 
an das Brot. In Dünemark geht man beim erjten Neu— 
mond des Jahres mit einem Brot, einem Meſſer und 
einem Schilling ins Freie und ſchlägt im Mondlicht ein 
Palmenbuc) auf, wm aus dem Inhalt des aufgeſchlagenen 
Pſalms das eigene Schidfal fiir das begonnene Jahr zu 
entnehmen 235) Der Infelefthe ſchneidet bei Antritt einer 
Reiſe ein Brot in der Mitte foweit durd), daß der innere 
Theil nicht vom Meſſer berührt wird, und bricht es dann 
von einander ab, um, wenn ſich die Erhöhung auf der 
obern Seite befindet, auf eine günftige Reife, im andern 
falle aber auf Ungunft während berjelben zu fchliegen 19). 

In Aegypten legt man im der freudigen Nacht vor 
dem Dammdurcjitid) rohen Brotteig auf das Dad) und 
nimmt, wenn bderjelbe jchön aufgeht, daraus eine fichere 
Borbedeutung ab fiir den günftigen Yauf der Ueberſchwem— 
mung und das Ölüd der Familie 229); audy die Defretfamms 
lung des Burchard von Worms aus dem elften Jahrhundert 
hat unter den Bußfragen an die Beichtfinder bereits die, 
ob diefelben im der Neujahrsnadjt Brot hätten baden laſſen, 
um and dem Auſgehen des Teiges ihr Ölüd zu erfennen ?*), 

Wer viel ſchimmliges Brot ift, kann nad) einem viel» 
fach) in Deutjcland vorfommenden Glauben auf ein hohes 
Alter vedjnen #??); im Umterinnthal verjpricht man ihm 
eine [höne Singftimme, in Schwaben ſchöne weiße Zähne *°3). 
Im Boigtlande befommen Kinder davon helle Augen, 
in Medlenburg bedeutet Schimmel am Brot überhaupt 
Segen fir das Haus?“). Die rumänifchen Sicbenbirgen 
glauben, daß derjenige, welcher viel verfchimmeltes Brot 
ißt, die Gabe erlangt, vergrabenes Geld brennen zu jehen 
und es zu finden 225), 


14 


106 


Beim PBrotbaden ift natürlich auch vielerlei zu beob- 
achten und ängſtlich ift man fait überall für die ftrenge 
Befolgung der betreffenden Vorſchriften beforgt, denn nicht 
allein durch mangelhaften Ausfall rächen ſich Verlegungen 
derfelben, ſondern felbft auf das fonftige Gedeihen der Wirth— 
{haft und das Scidjal der Hausgenofien erftreden fie ihre 
böfen Folgen. 

Der böhmiſche Brand) fordert, dak man beim Baden 
von neuem Korne ehvas altes Brot ins Feuer werfe, fiber: 
haupt aber bei jedem Baden entweder drei Erbfen oder ein 
Strumpfband, damit das Brot nicht verbrenne und ver- 
derbe; natürlich muß der Teig auch noch befvenzt und 
Segen auf ihn herab geflcht werden. Bon dem Teig darf 
man nichts tiber Feld tragen, denn das Brot gedeiht als- 
dann in demfelben Brotfaſſe nicht mehr, ferner darf man 
die ungebadenen Brote nidyt zählen, weil jonft der Teig 
ſchlecht gährt; auch in der Oberpfalz darf man das Brot 
im Ofen nicht zählen, wenn es gedeihen foll, nad) erzge: 
birgiichem Glauben ift das Zählen aber gerade ſehr praf- 
tiſch, denn feitdem dies fid) eingeführt hat, können die Holz: 
weiblein fein Brot mehr davon wegnehmen ?26) 

Ohne Furtuch darf in der Oberpfalz die Bäuerin nicht 
fneten, ſonſt wird das Brot offen; ferner ſoll fie ſich nicht 
auf den Backtrog fegen, da das Brot dadurd) jpindig 
wird, was auch eintritt, wem man, während das Brot 
im Dfen ift, Kuchen amfcjneidet 227), Ueber den Eins 
fchieber darf nicht getreten werden, weil fonft das Brot 
nicht aufgeht; hebt man ihm dagegen recht hoch, jo geht das 
Brot tüchtig auf??°). Schöner glattgemachter Teig vers 
ſchafft in Medlenburg dem Mädchen einen ſchmucken 
Mann?) Beim Baden ſelbſt darf man den Teig nicht 
loben, weil fonjt das Gebäck nicht geräth; auch darf der 
gelaufte Hefen nicht auf den Tiſch gelegt werden, der Teig 
geht ſonſt nicht auf??%). Der Tiroler giebt gern etwas ge- 
weihtes Salz zum Teig, damit das Brot beſſer ergebe??1). 
Das Probebrot darf man in Medlenburg nur jo anſchneiden, 
daß das Meffer nicht ganz hindurch geht, fondern die Scheibe 
zulegt abgebrodjyen werden kann; wird fie ganz abgeſchnitten, 
dann badt das noch im Ofen befindliche Brot ab. Letzteres 
geſchieht auch, wenn man, während Brot darin liegt, in den 
Badofen bläft ?3?). 

Iu der Aheimpfalz wirft die Hausfrau, unbewußt alten 
Opferideen Huldigend, beim Baden eine Handvoll Mehl 
oder etwas Teig in den Ofen, damit fein böfer Geiſt ins 
Haus dringe, drückt beim Einmachen mit der rechten Hand 
drei Kreuze ein, was and) in Oeſterreichiſch-Schleſien Sitte 
ift, und badt fters von dem Teig einen Heinen Yaib für 
Hausarme mit, denn würde fie diejes unterlaſſen, fo 
ſchwände aller Segen aus dem Haufe"). In Schwaben 
muß ftellenweife, fo oft gebaden wird, dem erjten Bettler 
ein ganzer Yaib gegeben werden, wenn nicht das übrige 
Brot verſchwinden joll 24), 

Auch mad) jüdiichem Brauche wirft die Hausfrau 
beim Baden zum Ojfterfefte einen Kuchen ins Feuer #3), 
ebenfo in Böhmen beim Baden von Brot aus neuem Korne 
ein Stüd davon und zwar hier damit im Haufe fein Brand ent- 
ſtehe?) In der Oberpfalg muß man bei jeder Bad- 
fchitffel drei Händlein voll Erde auf die Kohlen werfen, da: 
nit das Brot im Ofen wächſt, aud) dem Ofen das Baden 
jelbft anzeigen, indem man dreimal auf den Sanerteig mit 
der flachen Hand klopft und dabei fpricht: „Badofen, richte 
dich!“ 237), Bom Opfern eines Kuchens beim Baden an 
den Hausfobold ift in der Schweizer, eines Brotes an den 
Pule, dem zutragenden Dradyen, in der lettiſchen Cage die 
Rede °), Auf die Opferidee weit and der Brauch der 
fiebenbitrgifchen Rumänen hin, friſch gebadenes Brot forg- 


6. Haberland: Das Brot im Volksglauben. 


ſam zu bededen, damit der Dunft für Gott aufgefangen 
werbe 239), 

Die oben erwähnten drei Kreuze dder auch nur eines 
werden im der Altınark und in Medlenburg mit der Schüffel 
oder den Einfchieber von der Magd vor dem Ofen unter 
folgenden Sprüchen gemacht 24%): 

Dat Brot is in'n Aben, 
Unfer Herrgott is büben, 
Wenn't feen Brot will warden, 
Yät’t Inter Stuten warden. (Altmarf.) 
Dat Brot is in'n ben, 
De leiw Gott is unnen und baben, 
Al dei dorvon sten, 
Ward de leim Gott nich vergeten. (Medienburg.) 


ES pringt ein Brot im Badofen mitten entzwei, fo be 
tradhtet es der Schleier als eine Todesvorbedeutung — in 
Norddeutſchland findet fic der gleiche Glaube —, der Ober: 
pfälzer aber unterfcheidet zwifcen den Riſſen anf der obern 
und untern Fläche und deutet nur erftere anf Tod in Fa— 
milie oder Freundſchaft, letztere aber auf eine Hochzeit. 
Iſt aus dem Brote etwas Krauſes heramsgetrieben, dann 
entſteht nad) märkifcher Anſchauung Zwiejpalt zwiichen dem 
Hausheren und der Hausfrau, wenn man wicht ſchleunig 
drei Stüdden davon rüclings in den Backofen wirft +), 
Findet ſich im Brote ein hohler Raum, fo jagt man in der 
Provinz Sachſen: „da hat der Bäder feine Frau hindurch 
gejagt“ *#2), in Tirol: „da ift die Bäckerſeele drinnen“ 242), 
Kommen beim Seransholen der Glut noch nicht ganz ver« 
fohlte Brände mit heraus, fo dentet dies in Medlenburg 
auf Säfte, welche das Brot mit verzehren helfen werden #44), 

Das fjogenannte Stridy« oder Löſchwaſſer, mit welchem 
das Brot vor dem Baden beitrichen wird, benugt mar, da 
auf daflelbe die Kraft des Brotes übergegangen ift, mehr: 
fach. Im Franlkenwalde beftreicht man damit die Warzen, 
um fie zu vertreiben, zu welchem Zwecke es aber geftohlen 
fein muß, in Süddeutſchland giebt man es dem Vieh zum 
Trinfen oder wäſcht es damit, namentlich wenn ein Bieh— 
fterben herrſcht, damit ihm nichts zuftößt ?%5); indeß kann 
man damit auch böfen Zauber üben und das Bich ver- 
dorren und fterben laffen, wenn man es in des Teufels 
Namen vor die Stallthür gießt 24%). In Majuren bekom— 
men die Schweine das Wafler, womit man beim Baden 
das Brot geglättet hat, damit fie ebenfalls glatt werden 47), 

Am Grundonnerstag darf in der Mark und in Medlen— 
burg kein Brot gebaden werden, da es fonft im ganzen 
Jahr feinen Negen geben wiirde, die Wolfen zichen dem be— 
treffenden Dorfe vorbei; auch hat mar alsdann im Sommer 
viel mit Schimmel am Brote zu thun. Faſtnacht dagegen 
muß im Mecdlenburgiſchen unbedingt auf dem Herde Kuchen 
gebaden werden, wenn nicht die Hexen darauf niften follen. 
In Frankreich war es vom Aberglauben unterjagt, in der 
Zeit zwifchen den zwei Weihnachten, d. h. bis zur Beſchnei— 
dung, zu baden, ſonſt traf Unglück das Haus — nad) nord» 
deutſchem Glauben wird das Brot dann ſchimmlig —, ebenfo 
während der Rogationen oder der Segenerflehungen für die 
Feldfrlichte, wenn man wicht Gefahr laufen wollte, daß einer 
der Bewohner des Haufes ftüirbe *"°), 

Wird Karfreitag in einem Badtroge Teig angemacht, 
fo verliert der. Badtrog die Kraft des Wind- und eier: 
wendens, welche ihm der Böhme fonft zuſchreibt 24°), Kin 
Spruch zweier Waldfränlein, welcher in der Oberpfalz ebenfo 
wie in Oberfranfen befannt ift, warnt überhaupt vor dem 
Brotbaden am Freitag, wenn man Glüd haben will 250); 
in Schwaben erhält man beim reitagsbaden ſtets einen 
Yaib zu wenig >!) Dagegen badt man in Dorfetfhire ge: 
rade am Karfreitage, um einen Yaib in den Kamin hängen 


6. Haberland: Das Brot im Vollsglauben. 107 


zu können, wodurch das im Haufe während des Jahres ge 
badene Brot verhindert wird, beim Baden klebrig zu wer 
ben; auch gelten im manchen anderen Gegenden Englands 
noch die Karfreitagsbrote als ſicherſtes Mittel gegen Diar- 
rhoe, in Flandern drei am diefem Tage gebadene Brote in 
das Korn geftedt ala ein folches gegen den Wurmfraß 25%), 
Das in der Oſternacht gefäuerte und gebadene Brot galt 
früher als ein Mittel, dem Schwerte eine Kraft aud) gegen 
biebjefte Gegner zu verleihen *). 


Eine große Wichtigkeit legt man in den meiften Gegenden 
Deutſchlands und aud) in anderen Yändern dem zum Weih— 
nachtsfefte gebadenen Brote bei. Das am Chriftabend ge 
badene Brot ift der höchiten Tugenden voll. Es verdirbt 
nad franzöſiſchem Glauben nicht und wenn man es audı 
zehn Jahre aufbewahren wollte, es iſt ein beliebtes Mittel 
für die Kühe, namentlic zur Abtreibung der Nachgeburt, 
und bewahrt überhaupt alles Vieh ebenſo wie auch den 
Menschen vor mandyerlei Krankheiten. Auch bewahrte man von 
diefem Brote, „pain de Calende* 24) genannt, ein Stüddhen, 
worauf man drei oder vier Kreuze mit einem Mefier gemacht 
hatte, als Heilmittel gegen verfchiedene Yeiden auf, während 
man den Reit am Dreifönigstage in der Familie austheilte. 
Der Serbe in Syrmien legt ein Viertel des Weihnachts: 
fuchens auf den Sturzballen des Hanfes ?°>), und im Banat 
hebt er auch für die Abwefenden ein Stüdchen vom Weit: 
nachtsbrot als ihren Antheil auf, damit fie nicht um diefes 
heilige Gebäd kommen; eim jeder Anweſende aber nimmt 
ein Stüdchen davon, nachdem es auf einem Teller mit Wein 
begoffen worden, in den Mund, ſchlurft den Wein eim und 
legt das Stüd Brot felbft wieder auf den Teller, damit es 
fpäter die Hausthiere, deren Zeichnungen fid) auch auf dies 
fen Kuchen befinden, freſſen ſollen 2%). Der Ejthe läht 
davon — in einigen Gegenden wird eim befonder& Feſt— 
brötdhen Kolli-kat oder Jönlo-kak zu diefem Zwecke gebaden — 
bis Faſtnacht oder bis zum erjten Weidenustrieb ftchen und 
vertheilt e8 dann an Menſch und Vich des Hanshaltes als 
Schug gegen Krankheit und böfen Zauber *7). Der Deutſche 
betrachtet jtellenweife gleichfalls die an den drei Chriftaben- 
den abgefallenen Brofamen als heilfräftig, namentlich für 
diejenigen, denen e8 „geteufcht“ hat 2>°). In Siebenbürgen 
ift e8 eine rumänische Sitte, daß junge Mädchen in der 
Sylveſternacht mit einem Biffen vom Weihnachtäfuchen im 
Munde den Mift befteigen und aus dem dort gehörten 
Hundebellen die Gegend abnehmen, aus welcher der Freier 
im künftigen Jahr, erſcheinen wird 359), Im Württember— 
giſchen faun man am Chrifttage im der Kirche die Seren 
erkennen, wenn man durch das Loch eines Löffels ficht, den 
man ungejehen an ben drei Knöpfli- Tagen, den drei Don- 
nerstagen vor Weihnacht, in den Snöpfliteig geftedt und 
wieder heranägezogen hat, fo dag an ihm Teig von allen 
drei Tagen hängt ?6). 


Im Medienburgiichen fpielt das Nenjahrsbrot eine große 
Rolle in der Biehzucht; von den Teigreften des Neujahr: 
gebädes wird ein befonderes Brot — in der Gegend von 
vudwigsluſt drei, ein Heines ovales, ein dreiediges und ein 
Neſt mit Heinen Kugeln (Eiern) — gebaden und davon 
fünmtlichen Vieh ein Stüdcyen gefüttert zu feinem Gedeihen 
im neuen Jahre; and) ftet man wohl beim Kirchgange an 
diefem Tage ein Stiid Brot zu gleichem Zwecke in die 
Taſche?s). Der Maſure badt gleichfalls Sylveſter Heine 
Brötchen und giebt fie in der Neujahrsnacht dem Vieh zu 
feinem Gedeihen zu frefien, oder er badt jogenannte Neu: 
jahrspuppen,, um fie zu künftigem Gebrauch bei Viehkranl— 
heiten, beim Salben, Yammen und dergleichen aufzubewah- 
ren 262), 


Im Norden badte man in alten Zeiten den Weihnachts: 
kuchen bei Nacht auf freiem Felde 2%9), jedenfalls in der Abs 
ficht, dag ihm der Than diefer Nacht treffen jollte. Diefem 
Than ſchreibt auch unfer jegiger VBollsglaube noch befondere 
Kraft zu, denn ein Stüd Brot, weldyes man in diejer Nadıt 
auf die Fenſterbank legt, jo daß es von ihm gemäft wird, 
ſchimmelt das ganze Jahr nicht 2%); in Böhmen behauptet 
man das Nichtſchimmeln für die vom Ehepaar von ber 
Hochzeit aufgehobenen erften Brotichnitte, im Weſtfäliſchen 
für das am Antoninstage (17. Januar) gefegnete Brot, in 
Venedig für die am heiligen Weihnachtsabend auf dem Tiſch 
übrig gebliebenen Brotftiicchen, welche man in eine Schachtel 
verpadt aufhebt ?%°). Gefährlich dagegen ift, wie man im 
Vechrain glaubt, die Zeit um Johanni, denn da ſchimmelt 


185) Panzer 2, 295. Molfs Mannharbt 1, 243, 4, 4183. 
Brohmeann Rr. 731, 1387. Wutile 3 206. Bavaria 4b 414. 
Wolf Nr. 193, 19. Weter 249. Höhler 425. Partid 135. 
Singerle Ar. 257, 283. 156) Wuttle 8. 206. Bartid 2, 136, 
Straderjan 1, 48. Nöhler 425. Mundliche Mittheilung aus 
Stendal, 47) Rochholz. Glaube. 2, 118, 19%) Panzer 1, 267, 
Bavaria 2, 305. 19) Meier 498. 190) Meier 498. 191) Mod: 
holz, Glaube. 1, 50. 192) Meier 4098. „Globus“ 32, 1, 
103, Muttfe $. 212. Toeppen 96. 19%) Kochler 426. Bartſch 
2, 195, 5 Bartid 2, 135. 196) Bartih 2, 135. 197) Bartich 
2, 185, 1) Schmidt 19, en) Möcher 129, 200) Köhler 425, 
20%, Panzer 1,259. 292) Duller 310. 209) Allgemein in Deutſch⸗ 
land, 2") Woif-Bannhardt 4, 148. Barth 135/65. 2) Schmidt 
19. 20%) Bavaria 2, 305. #7) Bavaria 2, 305. 20%) Stochler 
395 (Reichenbad). 9%) Wolf Ar. 106 (Wetterau). 20) YWuttfe 
3 49, 21) Kochler 395 (Meichenbad). 212) Panzer 1, 266, 

rohmann Ar. 1601, #13) Liebrecht 314. 214) Wolf Ar. 195 
(Meiterau). Köhler 434, 225) Panzer 1, 266, 210) Köhler 438 
Zwidau). 217) Grohmann Ar, 728, 732, 9234, 99) Dürings: 
ed 1,105, 219, J. B. Holzmayer. Ofiliana, Dorpat 1572, 
©. 76. 229) Georg Ebers. Durch Goſen zum Einai, Leipjig 
1872, ©, 476. 22) %, ehr. Der Uberglaube und die faiho: 
liche Kirche des Mittelalters. Stuttgart 1857, ©. 124. 
»22) Bavaria 2, 320, Lammert 97, Grimm Nr, 272, Wolf 
Nr. 108, Vartſch 2, 136, 223) Bingerle Nr. 296, Meier 508. 
224) Stochler 433. Bartich 135. 22) Schmidt 10, 220) Groh⸗ 
mann Nr. 721, 722, 725, 726, 765. Bavaria 2, 304. Zählt 
man brim Hoden oder Eſſen die Kartoffeln, dann ſchlagen fie 
nicht an (Sammert 42), zählt man die Dampfnudeln beim Ein: 
legen in die Pfanne, dann werden es lauter Werfteine (Birlin- 
ger 1, 412), Auch beim Eſſen fol man nichts zählen, weil als: 
dann fein Segen Gottes dabei iſt (Bingerle 233). #7) Bavaria 
2, 304. 22°) Bartid 2, 134. #9) Gbendajelbit. 2%) Peter 
245. 231) Zingerle Ar, 292. 32%) Bartih 2, 1556. 39) Ba: 
varia 4b, 414. Peter 248, >34) Meier, 77. 236) Burtorf 
449. 2%) Grohmann Nr. 256. 7) Bavaria 2,304. 339) Her: 
zog 250. Toeppen 15. 2°) Schmidt 19. 24%) Kubır. art 
332. Bartjd 2, 134. 217) Wuttfe $, 50. Kuhn Schwark 436, 
Bartih 2, 124 Bavaria 2, 506. Huhn. Wtarl 381. 
212), Mündliche Mittheilung. 213) Zingerle Nr, 494, 91) Bartich 
2, 134. 24°) Yammert 157. Wibertus Magnus 1, 11, 3, 30. 
26, Wolj-Mannhardt 3, 320 (17. YJabrhundert), #7) Torppen 
9 4), Huhn. Marl 357. Barlih 2, 256, 255, Thiers 
Ar. 127, 163. Kuhn-Scwarg 412, 9, Grobmann Nr. 14. 
269), Bavaria 2, 238, 3, 30. 261) Meier 391. 259) Brand 1, 
87, 58, 85, Freytag 2, 73. 244) Thiers Nr, 106, 158, 
160. *%) Majacſich 127. 25%) Rajacſich 121, 119. 267) Holy: 
meer 55. Boecler 57, 2%) Grimm Ne. 446. 259) Schmidt 
4. In Maſuren fteigt man mit der Mulde, worin der Reu— 
jahrsteig gefnetet ift, auf dem ſtopfe in der Sylveſternacht rüd- 
märts die Dachleiter hinauf und blidt in den Schornftein, um 
alle diejenigen zu erbliden, weldje im nächſten Jahre ferben 
werden. Tocppen 67. 2%) Meier 466. Mone bei Yedlin 2, 
180. ®91) Bartih 2, 241. 9) Tocppen 67, 263) Liebrecht. 
Gervaſius 56. 7°) Straderjan 2, 27. Im Prätigäu legt man 
noch, wohl in Erinnerung alter Opferfitte, Brot für den heis 
ligen Nicolaus vor die Fenſter. Bonbun 77, = Grohmann 
Nr. 9234. Kuhn. Weitialen 2, 111. Düringsfeld 2, 121. 
Obit, weldhes man zu den Fußen des Thaſiſchen Herkules nie: 
derlente, ſollte ſich nleichhalls das ganze Yahr friſch erhalten. 
Fr. Greujer, Eymbolif und Mythologie der alten Völler, be: 
ſonders der Griechen, Leipzig und Darmftadt, 1859 fi, Bp. 2, 
©. 60, 200, Leoprechting 184. 267) tuhn⸗Schwartz 412, 


14* 





« 


108 


das Brot in Folge des Blühens des Hollers, weshalb man 
es um diefe Zeit in Mehlfäden aufhängen muß ?%). Auch 


Ein Ritt duch Itſch-ili. 


ſchimmelt daſſelbe nad) norddeutſchem Glauben, wenn man 
in den Zwölften Mift austrägt 7). 


Ein Ritt durch Itſch-ili. 


Jenſeit Müt, wo fie die Gaftfreundfchaft des Kaimakam 
genofjen hatten, ritten fie anfangs über Sandberge, und zwar 
meiftens einer hinter dem andern, da der Negen den Sand 
zu beiden Seiten in tiefere Schluchten ausgewaſchen hatte. 
Die Brüde über den Göt ſu oder Kalykadnus war 
vor fieben Jahren fortgeriffen und matürlic, ſeitdem 
nicht erneuert worden; fie mußten aljo zwei engliſche 
Meilen am Strome entlang reiten durch Tamariskengebüſch 
und Reis: und Maisfelder und bei vielen Nirlifenlagern 
mit großen Herden vorbei, bis fie die Fährſtelle erreichten, 
wo ein großes, flaches, von zwei Männern gerudertes Boot 
fie überjegte. Der Strom, an diefer Stelle etwa 250 Ellen 
breit, jdmellftrömend und chofolatfarbig (wegen der Schnee- 
ſchmelze im Gebirge), ähnelt dem Pyramus im öftlichen 
Kitikien ſehr. Am fidlichen Ufer führte der Weg dann 
oftwärts durch bewäflerte GSetreidefelder Hin; Dleander 
fäumten, wie überall in der Yevante, die Ufer ein, in den 
Nohrblüthen ranfchte der Wind, blaue Häher, ſmaragdene 
Bienenfänger und Wiedehopfe wiegten ſich in der Luft und 
Nadıtigallen und Droffeln flogen aus jedem Buſche auf. 
Dann wendet ſich dev Weg nad) Süden in die Berge und 
führt durch einen Wald von Buchen, Platanen, Ulmen, 
Eyfomoren, Eicdyen und Pappeln mit prächtigem Unterholze 
blühender Sträuche, und je weiter man kant, um fo üppiger 
und verjchiedenartiger wurden letter. Bis nad Zeua 
folgte man einem Gießbache aufwärts, der einmal auf einer 
fpigen, einbogigen Brücke überjchritten werben mußte; die: 
felbe war fo fteil wie eine Mauer und erinnerte in der 
That an jene Vrüde, die, dem Meffer eines Bartſcheerers 
gleichend, von allen guten Mohammedanern iberichritten 
werden muß, ehe fie in das Paradies gelangen. Und auch 
die Umgebung dieſer Britde war ein Paradies; Worte Fünnen 
den Reiz der Yandichaft nicht ansdrüden. Bon Beden zu 
Beden, jedes von Moos und Farrnkräutern eingefaht, 
ſtürzte ſich der Fluß in einer Reihe von Sasfaden herab; 
blühende Sträucher wuchſen an feinen Ufern und erfüllten 
die Luft mit wilrzigem Dufte, Größere Bäume ftredten 
ihre Aefte dariiber aus und verbreiteten tiefen Schatten; 
Epheu, Clematis, Sühflee und Paſſionsblume ranften ſich 
an den Stämmen empor und wilder Wein bildete Gehänge 
von Baum zu Baum. Nirgends kann es eine lieblichere 
Waldlandſchaft geben; fein Maler, fein Dichter fann in 
feinen Träumen die Einfamfeit entzüdender geitalten. 

Schon waren fie 6°, Stunden von Müt and unterwegs; 
der Mond war aufgegangen und ferne Yichter zeigten die 
Yage des lang geitredten Dorfes Jena an, wo fie an Ha: 
dicht Ibrahim Aga empfohlen waren. Zwei Häuſer im Orte 
gehörten demjelben; aber jedesmal, wenn fie nach ihm 
fragten, wies man fie weiter thalaufwärts. Schließlich er: 
reichten fie ein großes ‚jener von Fichtenholz, um welches 
eine Anzahl Männer fa; durch hohen Wuchs und langen 
Part zeichnete ſich unter ihnen jofort der Aga aus, Auf 
einige Kiſſen gelehnt, rauchte er feine Pfeife. Zu feinem 
Yagerplage hatte er ein von Heden umgebenes Plateau über 


1l. 


der Stadt erwählt, das durch Bäche beiderfeits von dem be- 
nachbarten Bergwiefen völlig getrennt war. Der Baptieh 
überreichte den Empfehlungebrief, den einer aus der Ge— 
ſellſchaft laut vorlas; dann erhoben ſich alle und begrüßten 
die Fremden, während einige der jingeren Yeute das Feuer 
anfcjürten und brennende Sceiter empor hielten. Die 
Engländer baten den Aga, fie in fein Haus zu geleiten; er 
aber zeigte anf feine Kiffen, Pfeifen und Kaffeetaſſen und 
fagte, das jei fein Haus, welches er alljährlich im Sommer 
in gleicher Weife beziehe, während nur die rauen unten 
im Dorfe blieben. Anfangs wollte e8 ihnen nicht recht be— 
hagen, unter freiem Himmel auf bloßer Erde zu fchlafen. 
Aber die Nadıtluft war jo mild, der Mond ſchien jo heil 
und die ganze Yage war jo neu und anzichend, daß fie fid) 
bald darein fanden und dem einfachen Abendeſſen alle Ehre 
anthaten. 

Der Aga hatte zwei rauen, derem jede ihr Haus für 
ſich und ihre Finder befaß; die eine wohnte im der untern 
Hälfte des Dorfes und hatte die Aufficht Über die Hühner 
und das Großvieh, die andere lebte weiter oben und forgte 
für die Schafe und Ziegen. Außerdem hatte er eine An: 
zahl Schäfer, die mit ihren Familien in patriarchaliſcher 
Weiſe unter feinem Dache wohnten. Im Dorfe befindet 
ſich fein Kaimafam, fondern alle betrachten den Aga als ihr 
Haupt, und Berbrechen jind unbekannt. 

Nach dem Abendeifen wurde mehr Holz in das Feuer 
gelegt, daß daffelbe die fernften Eden der natürlichen Ein- 
friedigung erhellte, und dann ſtreckte man fic zum Schlafen 
and. Aus allen Bien tönte das Lied der Nachtigallen ; 
dumfele Wolfen zogen abwedyjelnd mit hellen vorüber, 
Sternbilder ftiegen auf und fenkten ſich, langſam erhob fich 
der Mond über den Wipfeln der Tannen, und BVeilden, 
Jasmin, Dleander, Rofen und Geisblatt erfüllten die Luft 
mit Wohlgerichen, während der raufchende Badı die Mei- 
fenden in den Schlaf lullte. Geftärft und voller Glüch 
feligfeit erwadhte Mrs. Scott-Stevenjon, als das Morgens 
roth durch die dunfelen Aeſte der Tannen leuchtete. Noch 
war Niemand munter, als die Schäferhunde. An dem von 
Bergifmeinnicht eingefaßten Bachufer ging fie hin, bis fie 
ein tiefes Beden fand, in das ein Heiner Waſſerfall ſich 
ergof. Darüber bildeten Gheisblatt und MWeinrebe, von 
Eiche zu Eiche fich ſchlängelnd, eine Laube, das lauſchigſte 
Ankleidezimmer, das fie ſich wünſchen konnte. Kein Yand 
auf Erden kommt an vollendeter Schönheit diefem Theile 
des Taurus gleich; wicht mit Worten läßt fid) die herrliche 
Färbung der Yandichaft, die umfaſſende Ansjicht, die Groß— 
artigfeit des Waldes, der liebliche Geſang der Bögel und 
vor allen die jo belebende, jo kräftige, reine und doch jo 
milde Yuft bejchreiben. Alle Gluth und Farbe des Südens 
ift hier mit der Föftlichen frifche des Nordens vereint. Im 
Vordergrumbde zeigten ſich die Waldberge, durch welche fie 
am vorhergehenden Tage geritten waren, dahinter das Thal 
des Kalytadnus, dann die phantaftiichen Hügel und Thäler 
bei Müt umd noch weiter hin die bewaldeten Berge des 


Ein Ritt duch Itſch-ili. 


nördlichen Taurus, Kamm hinter Kamm auffteigend und 
zufegt im röthlichen Dufte der Ferne verſchwindend. Born 
aber lagen im Grunde die Hütten von Jena, jo angeorbnet 
wie die Sitreihen eines altgriechiichen Theaters, Sein 
Wunder, daß der alte Aga ſolch ein angenehmes, gutes 
Geficht Hat. Lebt er doch in einem irdifchen Paradiefe, im 
ihönften Garten der Natur, fern von den Quälereien und 
Plagen der Welt; unter feinen Herden führt er ein wahr: 
haft ideales Dafein, das jedem ald Traum oder Dichtung 
ericheinen muß, der im dem jagenden, drängenben, ewig 
unzufriedenen Treiben der Großſtädte ſich aufreibt. Nur 
mit Widerftreben riffen fich die Engländer lo8 von dem 
lieblichſten Fleckchen Erde, das fie je betreten. 

Der Weg nad) der Küſte führte zuerſt durch Tannen> 
und Eichenwald; er war ſchwierig genug und mihfelig fir 
die Pferde, aber anmuthig Über die Maßen. Ueberall er: 
tönte der Gefang der Turteltaube, der Droffel, der Yerche 
und Amſel und die Sonne ſchien jo warm und luftig durch 
das zarte Grun der jungen Tannen. Selbſt in diefen 
wenig betretenen Wäldern waren viele Quellen mit Bogen 
überbaut und mit hölzernen Trögen verjehen, ein Beweis 
für die fprücwörtliche Picbe der Türken zu den Thieren, 
durch welche fie ſich fo fehr von den Arabern unterfcheiden. 
Man kam bei verjchiedenen Zigennerlagern vorbei, deren 
jedes eine Heime Ziegenherde beſaß. Die dort häufigen ver: 
fohlten Stämme feinen zu beweifen, daß dieſe unfteten 
Wanderer zum großen Theil an der Waldverwüſtung Schuld 
haben. 

Noch entzückender wurde die Yandicaft, ald man bie 
Höhen erreichte und duch die Senkungen zwiſchen den 
Gipfeln Hinritt. Farne wucherten in den Felsſpalten, 
Ephen umſpannte die grauen Steinblöde, Atelei und Geis— 
blatt hingen von den Heften herab und prächtig hob ſich 
das junge Grin der Eichen von dem dunlelen Nadelholze 
ab. Der Erdboden gis einem bunten Teppiche, jo dicht jtan- 
den da große, rothe Tulpen, Päonien, Schwertlilien, malven- 
farbige Herbftrofen, Jasmin, Rofen und wer weiß, was 
fonft no. Sie mochten gar nicht glauben, daß das wilde 
Blumen feien, wenn fie an die dürftigen Kleinen Blüthen 
der englifchen Wälder dachten. Einzelne Theile Schott: 
lands find lieblich, ſehr lieblich, die filberftämmigen Birken 
und Farnkräuter an den Hocjlandfeen find weithin be— 
rähmt. Aber dort fehlen die Blumen; man wird des ewigen 
Heidekrautes, der Glockenblumen und der paar Fingerhitte 
überdriätffig und ſehnt fich nach größerer Mannichfaltigfeit. 
Das findet ſich hier im Taurus, der diefelben grauen 
Felſen, die Mooſe, Farne und die prächtigen alten Eichen 
befigt, wie das Hochland, obendrein aber als reizenditen 
Schmuck diefe unendliche Bluthenpracht. Unter anderen 
wuchs auf den Lichtungen in Menge eine Diftelart, von 
den Eingeborenen „Kenger* genannt, deren jede chva ein 
Dusend Heiner Beeren trägt, welche geröftet und geftampft 
ein erträgliches Surrogat für Kaffee abgeben jollen. 

Dieſe Bergfette fällt plöglidy fteil ab zu einer kleinen, 
baumloſen, falkigen Ebene mit wenigen Häuſern. Als dann 
die Reifenden den gegeniberliegenden Höhenzug erftiegen 
hatten, erblidten fie unter fid) das Thal von Anai-Bazar, 
der Jaila (Sommerdorf) von Bozaghatſch, welches aus 
dieſer Höhe geſehen einent Dickichte von Tannen, Eichen 
und herrlichen Wallnußbäumen glich. Der aromatiſche 
Duft der letzteren war überaus ſtreug, als ſie das Dorf 
ſelbſt erreichten. Jedes Haus hatte feinen eigenen Garten 
und feine Baumgruppe, und das ganze Dorf war von einen 
Wallnußhaine umgeben. Alles ftand in voller Ueppigfeit, 
denn Waſſer war ın Fülle vorhanden. Der dortige Konak 
(Amtsgebäude) ift ein fteinernes Haus mit hölgerner 


109 


Berandah; in einem Raume darunter befanden ſich die Ge— 
fangenen. Der Kaimakam hatte die Reijenden jchon längft 
erwartet, da er bereits vor drei Monaten von dem Bali 
der, Provinz auf dieſen Beſuch telegraphifc vorbereitet 
worden war; er bewirthete fie, entſchuldigte fich aber wegen 
des Eſſens, da fie eben erft die Sommerfrifche bezogen 
hätten und der Bazar noch nicht geöffnet ſei. 

Diefem alljährlicdien Umzuge fehen die Leute mit dem 
größten Entzücken entgegen. Die Weiber fangen fchon 
lange vorher an ihre Kleider zu waſchen, die Teppiche zu 
Hopfen, die Kiffen von Neuem zu ftopfen, das Kochgeſchirr 
zu fliden und das Bettzeug herzurichten; der Anfbruch in 
die Jaila ift für fie das große Ereignif des Jahres. Selbft 
Hunde und Hagen ergreift die allgemeine Aufregung, und 
die Kinder find wie im fiebenten Himmel. Während die 
Engländer frühfticten, vief dev Muezzin zum Gebete. Da 
war es denn höchſt jonderbar zu fehen, daß ſämmtliche Ge— 
fangenen freigelaffen wurden, um daran theilnehmen zu 
fönnen. In einem Haufen ftirzten fie davon, aber nur 
zum nächſten Bade, um Hände, File und Geficht zu 
wajchen. Das Gotteshaus war nur ein niedriges ver- 
fallenes Gebäude, von einem viefigen Wallnußbaume über: 
fchattet; die Ceremonie war fehr einfach, aber auch fehr 
malerifch und ganz im Uebereinftimmung mit der wilden 
Umgebung. 

Der legte Theil des Rittes hinab nach Kilindria an 
der Stifte des Mittelmeeres ift höchft anmuthig, faft jo wie 
oberhalb Zen. Man merkt, daß man tiefer und füdlicher 
kommt. Auf den Lichtungen zeigten ſich Myrten, auch 
Deugien und Ciſtus; daneben aber ftand als unverkennbares 
Kind des Nordens der Eichenwald. Zahlreich waren die 
Fährten vom wilden Schweine; oft lag ein abgebrodyener 
Hauer, oder der Stadjel eines Stachelſchweins, der hier bis 
3 Fuß lang wird, am Boden. Yepteres gilt bei ben Griechen 
für einen größern Leckerbiſſen, ald das Wildſchwein. Mitten 
im Walde fam man zuweilen auf Lichtungen, wo Weizen 
oder Gerfte ftand, und dort waren auch die Wildſchweine 
am häufigſten; diefelben find dort fo zahlreich, daß fie oft 
die Hälfte diefer kleinen Ernten verwiüiten. 

Bon den Höhen über Anai-Bazar hatte man zum erften 
Male das Mittelmeer erblit und am fernen Horizonte 
eine wellige blaue Yinie, die Sitfte von Cypern. Aber 
noch war jo manche Meile zurücdzulegen, che der lebte 
Höhenzug überftiegen war. In diefen Gebirgen täuſcht 
man ſich leicht über die Entfernung. Es herrichen runde 
Kuppen vor und es hat den Anſchein, als wäre die eine 
Kette fo hoch wie die andere, fo daß, wenn man ſich auf 
der Höhe einer folchen befindet, man ringsum nur eine 
endlofe Waldfläcye und hier und da einen bis in den Grund 
des Thales hinabreichenden Abhang erblidt. Die Enge 
der Schluchten macht jedoch den Abftieg oft fehr fteil und 
die Reife dadurch länger, als es nad) der bloßen Yuftlinie 
ericheint. Die Yandichaft war indeffen jo ſchön, daß fie 
unverbrofien weiter ritten umd fi} von Herzen an den 
tiefen Thälern mit ihren ichäumenden Bächen, ben engen 
Spalten, den grauen und braunen Felsblöcken und den 
noch ftillen Wäldern mit ihren alten Eichen und dem 
blüthenreichen Unterholze erfrenten.  Bozaghatid, 
welches fie pafjirten, ift ein großes, auf einem Kalkſtein— 
platean gelegenes Dorf, aber zu diefer Jahreszeit nur von 
den ärmſten feiner Inſaſſen bewohnt, denen ein Beſuch der 
Jaila ſtets nur ein fchöner Traum bleibt. Diefe arten 
Leute jammelten ſich um die Engländer und fragten, ob in 
Koniah ſchon die neue Konfkription begonnen hätte und 
welche Looſe gezogen wären; fie hatten eim lebhaftes In— 
tereffe daran, denn viele der jungen Männer waren fchon ges 


110 E. Meßger: 


ritftet in die Berge zu fliehen, jobald fie das Loos getroffen 
hätte. - 
Zwei Meilen jenfeits des Dorfes führt eime gute jteinerne 
Brüde Über einen Bach von größeren Dimenfionen als 
gewöhnlic, und zu einem fo fteilen Anftiege, daß die Rei⸗— 
fenden zu Fuß gehen mußten. itrilfenlager und noma— 
difche Hirten waren häufig, aber Bauern und Dörfer gab 
es auf diefer Strede nicht. Der legte Abftieg ift ſehr lang 


Zauber und Zauberjungen bei den Chineſen. 


und vielfach gewunden. Am Rande einer tiefen Schlucht 
entlang erreichten fie den Anfang einer antiten Waller: 
leitung, der fie 7 englifche Meilen weit folgten, und zulegt bei 
tiefer Nacht die Heine Stadt Kilindria, aus deren geichlig- 
tem Hafen den ganzen Sommer über Heine Fahrzeuge viel 
Holz von den nahen Bergen ausführen. 

Bon dort jegelten fie einige Tage fpäter nad) Cypern 
hinüber. 


Zauber und Zauberjungen bei den Chineſen. 
Von E. Mesger. 


Man hört, namentlid in Deutſchland, den Holändern 
fehr häufig den Vorwurf machen, daß fie im Verhältniß 
zu ihren Mitteln ſehr wenig Intereffe fir die Unterfuchung 
ihrer Kolonien gezeigt haben, und das, was geichehen ift, 
zum großen Theil durch geborene Ausländer gethan wurde. 
Es iſt hier die Stelle nicht, auf diefen Borwurf näher eins 
zugehen, doch möchte id) mir erlauben auf das aufmerkfam 
zu machen, was Rein darüber fagt (Japan I, 390). Er 
macht die meiner Anficht nach ſehr richtige Bemerkung, daß 
jedenfalls es die Holländer find (reſp. die holländiiche Ne: 
gierung), welche den in ihren Dienften ftchenden Ausländern, 
die wiſſenſchaftliche Forſchungen zu ihrer Yebensaufgabe 
machten, dazu die Gelegenheit gegeben haben. Rein 
erwähnt in Bezug auf Japan die Namen: Saempfer, 
Thunberg, von Siebold, und wenn die Träger dieſer Na- 
men Großes fir die Wiſſenſchaft geleiftet haben, ſo muß 
doch auch hervorgehoben werden, daß die niederländifche Re— 
gierung fie Fräftig dabei unterftügt hat. 

Außerdem aber find holländische Arbeiten, namentlich) die, 
welche in holländischer Sprache veröffentlicht wurden, im 
Allgemeinen nur wenig außerhalb Holland befannt, ein 
Umftand, den man doch gewiß nicht den Niederländern zur 
Yajt legen fan, So z. 2. iſt Alles, was durd) holländifche 
Forſchungen Über Chineſen befannt geworden ift, beinahe 
nur in Fachkreiſen verbreitet, Gewiß war es ein rein praf: 
tiſches Intereſſe, welches die holländifce Regierung dazu 
brachte, junge Leute auf ihre Koſten in China zu Dolmet⸗ 
ſchern der chineſiſchen Sprache ausbilden zu laffen ; man be: 
durfte ihrer, um es möglich zu machen, ſich mit den zahl: 
reicyen Chinefen in den oftindiichen Befigungen zu verjtäns 
digen, ihre Buchführung und ihre Korrejpondenz kennen zur 
lernen, fich mit ihren Sitten und Gewohnheiten näher bes 
kannt zu machen und demgemäß das Verhalten der indischen 
Regierung denfelben gegenüber in manchen Fällen zu res 
geln; trogdem aber haben dieſe Studien noch ganz andere 
Frlichte getragen, nicht bloß für die Spradwifienichaft im 
engern Sinn, jondern befonders fir die Ethnographie; und 
wenn es aud) hauptiächlic das Berdienft der einzelnen For— 
ſcher ift, die ſich jelbt ein weiteres Ziel gefegt haben, jo 
darf man doch nicht vergeflen, da die Negierung es war, 
welche den erjten Anfto gegeben hat. Unter diefen For— 
ſchern nenne ich zuerſt den Yeidener Profefior G. Schlegel. 

Die „Uranographie chinoise* diefes Gelehrten ift, wie 
eine Kritik es ausdrückt, ein Rieſenwerl, die Frucht eines uner⸗ 
mitdlichen Fleißes, welcher fic zur Aufgabe gejtellt hat, 
nachzuweifen, daß die chinefische Aitronomie die urfprünglicdhe 
ift und dag Morgenländer und Abendländer von ihr entlehnt 


haben; hiermit ift er herrfchenden Anfichten entgegengetreten 
und einer ziemlich ablehnenden Kritik begegnet. J. Ber 
trand und Dr. Günther, erfterer im „Journal des Sa— 
vans* 1875, leßterer in der Bierteljahrsichrift der aftrono- 
mifchen Geſellſchaft von 1877, können fid) mit den Ause 
führungen Schlegel's nicht vereinigen, wenn auch nament- 
lic) letterer mit den oben angeführten Worten der fleißigen 
Arbeit feine Achtung ausbridt. Auch trog einer im Jahre 
1880 erſchienenen Beantwortung diefer Beurtheilungen, die, 
wie es fcheint, befonders in eigentlich finologifchen Kreiſen 
jehr günftig aufgenommen wurde und trogdem namentlid) 
Aler. Wylie an dem hohen Alter mander der chineſiſchen 
Werke fefthält, verwirft auch Profeſſor Cantor in feinen 
„Borlefungen iiber die Gefcichte der Mathematit“ die An— 
ficht von einem vieltaufendjährigen Beftehen chineſiſcher Ma- 
thematift und Aftronomie. Ich übergehe andere Arbeiten 
Schlegel's, wovon z. B. die Ueberſetzung eines Tertbuchs der 
Hui (geheimen Gejellfchaften der Chinefen) Aufſehen ge 
macht hat, um ein anderes Werk zu erwähnen, weldjes, wies 
wohl auf anderm Gebiete, ein ähnliches Ziel wie bie Urano- 
graphie chinoise verfolgt. Es ift dies „Jaarlijksche 
l'eesten en Gebruiken van de Emoy-Chinezen“, vers 
faßt von I. I. M. de Groot, Dolmetſcher für die chineſiſche 
Sprad)e zu Pontianak. Diefes intereffante Buch wird durch 
das „Batav. genootschap van kunsten en westenschap- 
pen“ herausgegeben und feine erfte Hälfte erfchien im voris 
gen Jahr. Der Berfafler giebt jedody feine einfache Be— 
fchreibung der „Feſte und Gebräuche“, wie der Titel dies 
erwarten läßt, ſondern, indem er die Sitten und Gebräuche 
anderer. Länder fortwährend 'mit denjenigen der Chineſen 
vergleicht und den innern Zufammenhang nachzuweiſen fucht, 
hat er eine Arbeit geliefert, die alle Beachtung verdient, 
Er beichäftigt ſich fpeeiell mit den Emoy-Chineſen, weil 
diefe den größten Theil der chineſiſchen Bevölferung von 
Niederländiſch Indien geliefert haben. Ic habe diefe Ein— 
leitung weiter ausgeführt, weil es mir angenchm it, auf 
diefes Buch aufmerkfam machen zu können, dann aber um 
den Grund anzugeben, weshalb ich im Folgenden mid) ganz 
an dafielbe auſchließen werde, 

Zu allen Zeiten und bei allen Nationen hat es Mens 
fchen gegeben, welche ſich in verfchiedener Weife körperlid) 
gemartert haben, ſei e3 zur Buße, fei es um ſich ein Vers 
dienft zu erwerben. Bei den Feſten des Bachus hielten die 
Priefter Schlangen in den Händen und ließen diefelben ihren 
glatten Yeib um ihren Körper ringeln; in Phrygien, in 
Aſſyrien, im alten Griechenland brachten fic, die Priefter 
ſchwere Wunden bei, und aud) die Bibel (1. B. Könige 


6. Mebger: 


XVII, B. 28) erwähnt, daß fid) die Priefter Baals „rit- 
ten mit Meffern und Pfriemen nad) ihrer Weiſe, bis daß 
ihr Blut danach ging“, wie es in der deutſchen Ueberſetzung 
heißt. Auch bei den Merikanern fieht man dieſelbe Er— 
ſcheinung, fie marterten und verftiimmelten fid) und glaubten 
um diefen Preis die Gunft der Götter zu erwerben. Nicht 
weniger hat das Chriftentgum feine Märtyrer und die Qua— 
fen, welche die Geißelbrüder des Mittelalters ſich auflegten, 
hat Fürften und Priefter genöthigt, Maßregeln zu nehmen, 
um ihre weitere Ausbreitung zu verhiiten, und doc, nahm 
nod) im Jahre 1574 König Heinrich TIT. mit feinen gan- 
zen Hofftaat an einem ſolchen Zuge Theil, wobei das Gefolge 
in drei verjchiedene, nad) den Farben unterſchiedene Abtheis 
lungen zerfiel, die weißen Geigelbrüder des Königs, die 
ſchwarzen der Königin Mutter, die blauen des Kardinals von 
Armagnac. Wenn auch weniger geräufcvoll, ſpielt andy 
wohl jet noch die Geifel in dem Kämmerlein manches 
Bußenden eine Rolle und „fie betäuben ihren Leib und zäh— 
men ihn“ (1. Cor. IX, 27). Als eine freiwillige Buße und 
wenn es ohne Auffchen zu erregen in feſtem Glauben ge 
ſchieht mag es immerhin feinen Werth haben, Auf den 
erſten Blid könnte es daher gar nicht auffallen, daß bei den 
Chinefen etwas Achnliches befteht, wenn man aber dies 
Bolt und feine religiöfen Anfichten etwas näher kennt, fo 
wird man nachdenklich. Im Ganzen ift nämlich ihre Reli— 
gion fehr materialiftifch; fie ftellen fid mit den Göttern auf 
einen guten Fuß, weil fie diefelben nöthig haben, und werben 
fehr aufgebracht, wenn diefelben ihre Wunſche nicht erflillen, 
ja in diefem Falle gehen fie mit ihnen in einer ebenſo we— 
nig chrfurdtsvollen Weife um, wie die ift, im welcher die 
Neger ihre Fetiſche behandeln. Der Gedanke, ſich ſelbſt zu 
quälen und zu martern, um die Gunſt der Götter zu er- 
werben, jcheint wenig chineſiſch zu ſein. Doch ehe ic) hier- 
auf weiter eingehe, will ich zufammenfaffen, was tiber die 
„Zanberjungen* bei de Groot mitgetheilt ift. Es find dies 
die, wen ich mir den Ausdrud erlauben darf, Geißelbrider 
der Chinejen; diefelben ergänzen ſich ans der Klaſſe der 
„Barfüßler“, welche, wie e8 ſcheint, die Repräfentanten der 
„göttlichen Soldaten“ find. Unter dem Bolt ift nämlid) 
die Anficht verbreitet, daß die Götter bei jeder feier, welche 
zu ihrer Ehre veranftaltet wird, übernatitrliche Helfer ab- 
fchiden, um ihren Verehrern beizuftehen und fie im ihren 
Anordnungen zu unterftügen. Diefelben heißen koan-teiong 
oder Befchlähaber, und haben wieder Yegionen von Sol: 
daten, die „himmlischen oder göttlichen Soldaten“, zu ihrer 
Verfügung, deren ſichtbare Repräfentanten die „Barfüßler* 
find, welche alfo bei paffender Gelegenheit durch ihre Ge: 
bete und Beſchwörungen die Aufmerkiamfeit des Gottes er— 
regen und ihm zur Abjendung der himmlischen Soldaten 
bewegen follen. Sie entjtammen größtentheils den unteren 
Boltsflaffen und ftchen durchaus in feinem befondern Ans 
fehen; aus ihmen gehen, wie erwähnt, die „Zauberjungen“, 
turzweg „Jungen“, hervor. Bei einem großen Feſt zu Eh— 
ren des Gottes Beſchirmer des Yebens, welden de Groot 
zu Emoy beimohnte, hatte er Gelegenheit, diefelben zu ſehen. 
Am frühen Morgen war auf dem Vorplatz des Tempels 
ein Feuer angezündet, während Priefter, Zanberjungen und 
Barfitgler im Tempel bereit ftanden; die Gögenbilder wur: 
den herumgetragen und das Gefolge ftellte ſich zu beiden 
Seiten des Feuers auf; Beſchwörungen und Gebete, unter: 
brodyen von dem Klingeln mit Metallringen, wurden plögs 
lic, übertönt vom Schlagen der Trommeln und des Gongs 
und von den Tönen der Mufil, dann trat ein Prieſter vor, 
welder Salz und Reis ins Teuer warf und daſſelbe hier: 
durch reinigte. Der Zwed diefer Reinigung ift, die böfen 
Geifter zu verjagen. Nun ſtachen die „Zauberjungen“ ſich 


Zauber und Zauberjungen bei den Chineſen. 


111 


kurze Meſſer durd) die Wangen und den Oberarın; halb 
nat und mit aufgelöftem Haar ſtürzten fie ſich in das 
Feuer und die Anderen folgten. Ich übergehe die inter: 
effante Vergleihung mit ähnlichen Borgängen bei anderen 
Völfern, als nicht hierhergehörig, um weitere Mitthei- 
lungen über die „Zanberjungen* zu machen. Ebeuſo 
wie die Barfüßler fan man fie als Verförperungen der * 
Himmelsfoldaten betrachten; bei dem Zuge glaubt das Bolt, 
daf ihr Körper denfelben ala Wohnung dient umd fie fchei- 
nen dies beweifen zu wollen, indem fie fich freiwillig allerlei 
Martern unterwerfen, weldye die Macht des Gottes ihnen 
zu ertragen Kraft giebt, umd fie thun dies, wie es ſcheint, 
durchaus nicht um ſich der Gottheit gegenüber ein Verdienft 
zu erwerben, fondern aus reiner Berechnung gegen einen 
feften Tarif; der Grundgedauke ſcheint der zu fein: ic) ver- 
miethe meinen Körper für eine gewille Zeit an einen der 
himmlischen Soldaten, der von ihm Beſitz nimmt, der Gott 
macht mic, ſchmerzlos, da id) aber nachher noch an meinen 
Wunden leiden muß, werde ich hierfür entfhädigt. Es find 
dies daher meiftentheils Yente, welche aus ihrer Gegenwart 
bei den Feſten einen Beruf machen und ſich hierdurch einen 
ziemlich guten Yohn erwerben; fie erhalten einen halben 
Dollar, etwa zwei Mark alfo, für jedes Meffer, welches fie 
ſich in den Körper ftcchen, andere Qualen werden verhält: 
nigmäßig bezahlt; mande Tempel befigen auch ein fejtan- 
geftelltes Korps von Zauberjungen. 

Während der Zug den Vorhof des Tempels verlich und 
feinen Weg durd) die Stadt antrat, bradjten fie fid) wieder- 
holt Berlegungen mit Meffern und Pfriemen bei, andere 
ließen große Schlangen fid) um ihren Hals wideln, andere 
ſchlugen ſich mit einem Schwerte oder an einem Strid hän- 
genden hölzernen mit jcharfen eiſernen Nägeln beſchlagenen 
Kugeln über den Rüden; die Barfühler, "welche ihnen fol- 
gen, ſuchen allerdings mit ihren ſchwarzen Fahnen diefe 
Scyläge aufzufangen, dod) treffen ihrer mod) genug, wm den 


‚Rüden der Zauberjungen zu zerfleifchen und ihr Blut in 


Strömen zur Erde fliegen zu machen. Welche Bedentung 
dies hat, habe ich nicht erfchen können; die Zauberjungen 
fuchen ſich diefem Schutz zu entzichen, vielleicht, da es nur 
ein Wetteifer der Geſchidlichkeit ift. Andere wurden auf 
Bahren getragen, in denen eiferne Nägel mit nad) oben ges 
kehrten Spigen eingefchlagen waren, andere faßen auf Stuͤh— 
len, deren Rüden und Sig aus Meffern gebildet war ?). 
Wieder andere ſchnitten ſich die Stirn auf, fo daß ihr Blut 
ihnen iber das Geſicht lief, oder ſaßen mit geſchwärzten Gefidh- 
tern zu Pferde, um die bösartigen Geſpenſter aus der Nachbar: 
ſchaft zu vertreiben. Wieder andere hatten ſich die Zunge 
durchſtochen, ſpuckten das Blut auf ein Stüd Papier, wel 
ches fie einem der Umftehenden reichten, die ſich herbeidräng- 
ten, um fich eines ſolchen Amulets zu bemächtigen und c# 
als Schutz gegen böfe Geifter an die Hausthlir zu heften. 
Auch im Bilde waren Dartern ———— ſo trug man 
einen langen Thronhimmel, dev in der Geſtalt eines unge— 
heuren Sforpiond aus flachen Stiiden Holz verfertigt war; 
legtere waren durd) Scharniere verbunden; auch bie File 


) Ein ſolcher Stuhl ift im Mufeum des „Batav. Genoot- 
schap van Kunsten en wetenschappen“ zu jchen. Er 
wurde durch die Polizei in der Abtheilung Montrado (Weftfüfte 
von Bornen) fonfiszirt, Drei Meffer oder Schwerter bilden 
den Nüden, drei den Sig, drei die Fußbank, eins an jeder 
Seite die Urmlehne und alle wenden ihre Schneide dem Elyen: 
den zu. Üiferne Ringe find an beiden Seiten angebradyt und 
dienen um die Tragftöde durchzuſtechen. Auch andere Marters 
werfzeune, ein furjes Schwert, womit die Zauberer jih Wuns 
den beibringen, eine filberne Nadel, die fie fih in Ohren 
oder Wangen ſtechen, ein Thonball, der mit Rottan überzogen 
if, aus welchem Nageljpigen bervortreten, find dort zu jehen. 


112 Aus allen 


fowie der Kopf waren angedeutet. Wie zum Hohn der 
Europäer hatte fid) ein Dann fo eigenthitmlic mastirt, daß 
er eine Xanthippe vorftellte, weldye auf dem Rücken ihres 
Mannes ritt und ihm von Zeit zu Zeit mit tüdhtigen Ohr: 
feigen bediente; der Oberkörper des Mannes und die Beine 
der Frau waren fo täufchend nachgemacht, daß die Verfleis 
bung nur bei fehr aufmerkſamer Betradjtung entdedft wer- 


Erdtheilen. 


den konnte; das Ganze ſollte eine Perſiflage der höhern 
Stellung fein, derem die Frauen ſich bei den Europäern er: 
freuten. 

Im Tempel felbjt werden noch zwei weitere Feierlich— 
keiten, doch beinahe nie beide bei derfelben Gelegenheit vor⸗ 
genommen: die Meflerleiter tsio-to-thui und die Meſſer— 
brüde kee-to-kio. 





Aus allen Erdtheilen 


Europa 


— Die häufige Beobahtung der Quftfpiegelung im 
Süd: und Mittelihweden if hödft merkwürdig. (ine 
der ſchönſten derartigen Erigeimungen ‚zeigte fih im Mai 
diefes Jahres über dem Dria- See in Dalefarlien (61° 
nördl. Br.): es ſchien ald ob eine Anzahl großer und Heiner 
Dampfer, aus deren Scornfteinen man ſehr dentlid; den 
Rauch auffteigen fehen Tonmte, auf dem See lag; jpäter wurde 
daraus ein herrliches Landfhaftsbilb, in dem die Schiffe in 
mehr ober weniger bewaldete Infeln übergingen, die fid) end- 
lid; dann im Mebel verflüchtigten. Das ganze Scyaufpiel 
dauerte von 4 bis 7 Uhr Nachmittags, 

— Nach einem tabellarifhen Nachweiſe belief fid) die 
Zahl der Mitglieder und Anhänger der Quäkergeſell— 
Ichaft in Örofbritannien im Herbfte 1891 im runder 
Summe auf 20000, während vor 16 Jahren bdiefelben blof 
17000 zählten, Seit diefer Zeit hat fi} tro&ß der Werminde: 
rung durch Auswanderung ihre Zahl ftetig vermehrt, nament: 
lid in den Städten. (Regiftrande Bd. XI) 

— Die nachftehenden Mittheilungen über den Sar- 
dbinenfang bafiren auf Menferungen des Fachblattes „Le 
Commerce frangais*, den anerkannten Sardinesberichten 
(9.) Paris, fowie den jüngsten Mittheilungen der Fabrifanten 
Philippe und Canaud in Nantes, Pellier Fröres, Le Maus 
und Möbel fild in Bordeaux. Am 15. und 16. Juni war 
der Fang allerdings ein normal guter, es wurden 1 bis 2 
Millionen Fiſche gefangen, aber nur Meine Fiſche, 13 bis 22 
per '/, Dofe, die nur als ganz untergeordnete Qualität be 
nubt werben fünnen. Der Yang diefer beiden Tage reichte 
alfo bin, um circa 1000 Kiſten zu fabriciren. In Frank: 
reich werden aber in Durdicnittsiahren circa 200 000 Kiften 
fabrieirt und zwar haben die meinen Fabrifanten in ber 
Regel am 1. Juli die Hälfte ihres Bedarfs gededt. In die 
fem Jahre aber war am 1. Juli noch nicht der finfzigfte 
Theil der früheren Jahre fabricirt. Der Fang dauert noch 
2, im günftigften Fall noch 2%, Monat, wenn wir aber auf 
ein gutes Durdyicdmittsiahr fommen follen, fo müßten wäh: 
rend diefer Zeit täglich 2 bis 3 Millionen Fiſche von mittle: 
rer Groöße 8 bis 10 per "/, Dofe gefangen werden. Die Wahr: 
ſcheinlichkeit hierfür liegt aber fern, denn der Fang, ausge— 
nommen die erwähnten beiden Tage, ift äußerft gering, mande 
Tage fogar Null. Bisher zahlte man nur für die befferen 
Marten hohe Preife, in den fetten Wochen ftiegen die Preife 
aber ſelbſt für die unbelannteften Erport:Marken ganz bebeu- 
tend. 


Jnhale Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd II. 
glauben III. (Schluß.) — Ein Ritt durch Itſch- ili II. 
Chineſen I. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — m. 


Nedarteur: 








(Mit ſechs Abbildungen.) — 
(Schluß) — 
(Sätuß * Redaction 22. deu 1832.) 


Dr. R. Kiepert in Berlin, ©. .®. Lintenfraße 11, Ul Zr, 


— Der Geometer der finnischen Regierung, Herr Rodas, 
berichtet, daß er am 25. Juni d. I. die Höhe eines Loches 
ſorgfältig gemeften hat, welches autbentiichen Berichten zu: 
folge am 25. Juni 1755 zwei Zoll über dem Meereöfpiegel 
an der Hüfte von Defterbotten gebohrt worden it. Er con: 
flatirte, daß jener Theil der Küſte in diefen 127 Jahren um 
6 Fuß 4 Zoll, d. h. um mehr als einen halben Zoll jährlich 
geftiegen ift. 

— Yu das ruffiiheTelegraphbeunes wurben 1850 
angeſchloſſen 62 Kreisftädte und 12 andere Orte durch 3762 
Werft neu gelegter Linien. Am 1. Jan. 1831 beſaß 


Linie Leitung Stationen 
der Staatätelegraph 81008 Werft 150954%, 1157 
Eifenbahntelegrapben . 3352, , 42 517 1466 
Engliſch indiſche Linie - — * 720 53 
Aland: Kabel . . = 923%, 
Sonftige Privattelegraph. A, — 610 53 
Militärs Polizeitelegrapp 368%, BEN, 100 
Zufammen. » - 836001, Werft 201 832%, 2838 


— Die fürzlich erſchienene „Pamjatnaja knischkn* für das 
Gouvernement Siedlet (Polen) bringt folgende fta- 
tiftiiche Angaben für das Jahr 1880: Etwa die Hälfte der 
Bodenfläche des Gonvernements iſt Aderland, und eim Fünf 
theil it mit Wald bededt. Bon ben 606 328 Einwohnern 
waren 145678 griechiſch⸗ katholiſch, 362803 latholiſch, 94 67 
mofaisch, 7729 lutheriſch zc., dem Stande nad) zählte man 
10373 Adlige, 784 Geifliche, 12052 entlaffene oder beur- 
laubte Soldaten, 3106 Ehrenbürger und Kaufleute, 83357 
Kleinbürger, 19314 Koloniften, 2437 Fremde ꝛc. An Wohn 
gebäuden gab es in den Städten: 776 fieinerne, 3659 höl- 
jerne, in den Dörfern aber 950 fieinerne und 60713 hölzerne. 


Pr 


— lieber den lebten Jahrmarkt von Kurgan 
theilt die „Sibirifhe Zeitung“ mit, daß von dem im Ger 
ſammtwerthe von 969 500 Rubel zugeführten Waaren nur 
für 397 659 Rubel verkauft worden find. Die Eigenthlimlichfeit 
des Marktes beftand, der genannten Zeitung aufolge, aber 
darin, daß die zugeführten Landesprodulte fan ohne Reſt 
verfauft wurden, und daf bei Federn, Damen, Borften, 
Haaren, Flachs und Hanf die Nachfrage fogar das Angebot 
uberwog, während von den zugeführten Manufaktur: und 
anderen Baeren oo nicht der dritte Theil verfauft wurde. 





©. Haberland: Das Best im Volls⸗ 
E. Mepger: Zauber und Zanberjungen bei den 








Drud und Berlag von Friedrich Bieweg und Sohn in Braunſchweig. » 
Hierzu eine Beilage. 


—— —— — 


j Band XLI. 


— — — — — 


Mit beſonderer Berückſichtigung der 








Anthropologie und Ethnologie, 


Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Kahmännern herausgegeben von 


Dr. Richard SKiepert. 


, Jährlich 2 Bände & 24 Nummern. Durd alle Buchhandlungen und Foftanftalten 
Braunfhweig zum Preife von 12 Mark pro Band zu beyichen. * 


sur — 


1882. 





Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


(Nach dem Engliſchen der Lady Anne Blunt.) 


III. 


(Sämmtliche Abbildungen nach Skizzen ber Reiſenden.) 


Am 14. Januar, dem zweiten Tage ihrer Wanderung 
durch die große rothe Sandwüſſte, erreichte die Karawane 
der Reifenden die Brunnen von Schalkik, die, vier an der 
Zahl, in einem langen, tief in die Nefüd einfchneidenden 
Thale belegen find. Die Sohle diefes Thals war durd)» 
aus frei von Sand und zeigte, ebenfo wie aud) der Grund 
der tiefften Fuldſchs, den harten, ſeſten Kicdboden der 
nördlichen Hodjebene, der Hamäd: eim neuer Beweis fir 
Blumt's Annahme, daß diefe Ebene ſich ohne Unterbrechung 
nach Süden hin unter ber Wüſte fortfegt und von der letz— 
tern nur „wie von einer ungeheuren Sandwehe itberjchüttet 
iſt“. Die mehrere Miles von einander entfernten Bruns 
nen von Schafif haben alle die gleiche und fehr bedeutende 
Tiefe von 225 Fuß; fie find mit großen Haufteinen aus- 
gemauert und augenſcheinlich fehr alt. Die Steine ber 
Einfaffungen zeigen ſchon liberall tiefe durch die aufs und 
abgehenden Seile allmälig eingeriebene Rinnen. Auf dem 
Marſche des ganzen vorhergehenden Tages war man außer 
einem mit Sen Kameelen daherziehenden Noalabebuinen 
feinem menfhlichen Wefen begegnet; heute lündigte fich die 
Nähe der Brummen durch mehrfache Begegnungen mit 
Roala, Howeifin und anderen Bebuinenhaufen an, von des 
nen eimige ihre Lager am Grunde großer Fuldſchs aufs 
geſchlagen hatten. Charalteriſtiſch bei derartigen Begeg- 
mungen ift die Kampf- reſp. Fluchtbereitſchaft, im die fich 
beide Parteien fegen, ſobald fie ſich von fern erbliden, und 
in ber fie verharren, bis fie beim Näherfommen einander 


Globus XLU. Nr. 8. 


als ungefährlic) erfennen. Man ift eben im fteter Erwar⸗ 
tung eines ghazü (razzia) oder räuberiſchen Ueberfalles, 
der nicht nur den Hauptjport, fondern in gar vielen Fällen 
auch den Hauptnahrungszweig einzelner Bedninenſtämme 
bildet; freilich darf ein ſolcher Ueberfall nur gegen Mit- 
glieder feindlicher oder augenblicklich befehdeter Stämme 
ausgeführt werden. Hatten die Neifenden bei jedem Zus 
fanmentreffen diefer Art Gelegenheit, die Aufmerkfamfeit 
und den ſcharfen Blick ihrer arabischen Begleiter zu bewun: 
dern, welche die Stammesangehörigkeit der ihnen Begegnen- 
den nach ſcheinbar geringfügigen Kennzeichen ftet# mit der 
größten Sicherheit erfannten und zu beftimmen wußten, fo 
imponirte ihnen mehr nod) die Beobachtungsgabe und der fharfe 
Ortsſinn des alten, von Mestateh mitgenommenen Füh— 
vers, ber zwifchen der unüberſehbaren Menge und der ver: 
wirrenden Gleihmäßigfeit der Fuldihs und Hügel feinen 
Weg genau erkannte. Was fur Zeichen in den zerriflenen 
Sandmauern ed waren, nad) denen der Alte fich richtete, 
war umerfindlich; vom einer etwaigen Kursbeftimmung 
nad) dem Stande der Sonne war aber bei ihm ebenfowenig 
die Rede, wie bei der Mehrzahl der heutigen Araber. Auf 
feinem alten, abgemagerten Kameele ſitzend, das cbenfo wie 
er jelber kaum noch im Stande ſchien, die Beſchwerden der 
Reife zu Überbauern, vitt er vor dem Zuge her, immer 
eifrig um fich ſpähend, meift volltommen ſchweigſam und 
nur mit der ausgeſtredten Hand die einzufchlagende Rich- 
tung anzeigend. Bon Zeit zu Zeit wurde er jedoch vebs 
15 


114 


felig und gab als Erklärung für die hin und wieder am 
Wege liegenden fonnengebleichten Knochenhaufen Schredenss 
geicjichten von in der Nefüd Verirrten und Verſchuiachteten 
zum Bejten. Bier war vor zehn Jahren cine Schar 
Roala, die ein ghazü gegen die Schammar glüdlich aus- 
geführt, auf dem Rückwege aber die Brunnen nicht wieder 
erreicht hatte, mit ihren Kameelen und Pferden verſchmach— 
tet; dort lagen die Gebeine von vierzig Kameelreitern der 
Suelmat, die vom Wege abgefommten und elend verdurſtet 
waren; dort wieder die lleberrefte einiger der 500 tirfischen 
Soldaten, die, als legter Beſtand der von Ismall Paſcha 
in Hail zurückgelaſſenen Garniſon, den Entſchluß gefaßt 
hatten, auf ihre eigene Hand nad) Damaskus zurüdzufch 
ven, und ſämmtlich in ber Nefüd umgelommen waren u. ſ. w. 
Auf die Yeute der Reifenden machten diefe Erzählungen des 
alten Radi einen tiefen Eindrud ; waren fie bisher zu Ber— 
zögerungen und Aufenthalten aller Art nur zu geneigt ge— 
weſen, jo zeigten fie jegt alle den größten Eifer, vorwärts 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


zu kommen: veicdhte doch der von Schafit mitgenommene 
Waſſervorrath nur für fünf, höchſtens ſechs Tage; der Weg 
bis zur großen füdlichhen Daſe Dſchobba mußte alfo in dies 
fer Zeit zuriicdgelegt werden. So ging es denn rüftig 
weiter im der jchon von Schalil aus eingefclagenen Kid): 
tung nah) S. ©. D.; immer, wie der ihrer behauptete, 
genau dem Yaufe der alten „Straße des Abu Seid“ fol 
gend, die der Sage nad in grauer Vorzeit mitten durch die 
Nefüd geführt haben und von einem Scheich der Beni Hels 
län gebaut worden fein fol. Der Marſch, der meift in 
großen Zidzads und Windungen um die Sandhügel herum, 
oft auch über diefelben hinüber führte, war ungemein er: 
miidend, da der tiefe Sand unter jedem feftern Fußtritte 
nachgab. Am 15. Januar wurden trog britdend ſchwüler 
Luft bei bewölftem Himmel und trogdem man vom Mittag an 
eine Gegend zu paffiren hatte, welche durch die Zerriſſen⸗ 
heit des Terrains und die bedeutende Ausdehnung der 
Fuldſchs die größten Schwierigkeiten darbot, dod) 21 Miles 





Die Felfen von Malen, 


zuridgelegt. Das Naditlager, das man am Grunde einer 
biefer großen Senkungen aufſchlug, lag 560 Fuß Iber der 
Höhe der Brunnen von Scafif. 

Die Nacht zum 16. brachte einen ftarfen Gewitter 
regen, der den Sand der Witte dunkel purpurroth fürbte 
und ihm zugleich eine dem raſchen Vorwärtslommen güns 
ftige Feitigfeit gab. Die fpärlichen Beobachtungen über 
die Thierwelt der Nefüd, die man bisher nur gemacht 
(man hatte außer den Fußſpuren der Kameele in der Nähe 
der Brummen und außer zahlreichen Eidechfenrinnen in dem 
trocknen Sande fein Zeichen von Thierleben gefehen), wur: 
den an diefem Tage durch mannigfache Wahrnehmungen 
ergänzt. Deutlich) erkennbar wie in friſch gefallenem Schnee 
zeigten ſich auf dem regenfeuchten Boden zahllofe Spuren 
der Meinen Wirftenhafen, die ungefähr die Größe unferer 
wilden Kaninchen haben. Den ganzen Tag über machten 
Yady Blunt’s beide Windhunde Jagd auf die zierlichen 
Thierchen, jedoch) immer ohne Erfolg, da Ghadabäume und 
Gebüſch denjelben ſtets Schug und Dedung gewährten. 
And; mehrere Arten feiner Bögel waren vorhanden: 
Hänflinge, Zauntönige, Wüſtenlerchen, Weißſchwänze in 


ziemlicher Menge; verfchiedentlich zeigten fich auch Krähen 
und einmal ein Baar fchöner Wannenweher, die fic, offens 
bar hier ganz „heimifch“ zu fühlen fchienen. Reptilien 
tommen allem Anſcheine nach maflenhaft in der Nefüd vor; 
die ganze Oberfläche war heute von Eidechſenfährten durch. 
zogen, und am verfchiedenen Stellen ſah man aud) lange 
gewundene Sclangenbahnen ſich durd; den Sand zichen. 
Die Leute der Reiſenden tödteten zwei Exemplare der fo 
genannten Sulimanjdylange, der hier am häufigften vors 
fommenden, durchaus ungefährlichen Art: lange, dünne, 
jilberglängende Thiere mit einem Kopfe. Ueber die hier 
vorfommenden Giftſchlangen befragt, erwähnte Nadi zwei 
Arten als im Sommer fehr häufig; feiner genauen Be: 
ſchreibung nad) fönnen dies feine anderen fein, als die Horn— 
otter und die Brillenſchlange. — Gazellen ſcheinen in der 
Nefäd nicht vorhanden zu fein; von der fogenannten „wils 
den Kuh“ der Araber (wie es ſich fpäter zeigte, die weiße 
Antilope, Oryx Beatrix) fand man an diefem Tage meh: 
tere friſche Fährten, die der Spur eines ausgewachjenen 
Hirfches gleich waren, Die in Nedſchd verbreitete Ans 
nahe, daß diefes Thier fein Waffer brauche, wurde fein: 


Cine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 115 


bar durch den Umſtand beftätigt, da man es hier in der | ften Punkte, wo es zu über dem Boden befindlicdien Waſſer 
Mitte der Witfte und von dem Dſchebel Adſcha, dem nädj- | gelangen konnte, etwa 130 Miles entfernt antraf. Nach 








Die Berge von Dſchobba. 


Straufen, die ja im einigen Theilen dev Netüd häufig fein 


Inſelten fand man einige unferer Stubenfliege ähnliche 
follen, hielten die Reiſenden vergebens Ausſchan. — Bon 


Fliegen, mehrere Yibellen ımd Kleine Schmetterlinge. 








Daie Diobba. 


Um die Mittagszeit langte man am Fuße der beiden 
Felslegel von Aalem an, die man ſchon jtundenlang vor 
ſich erblidt hatte. Kahl und abrupt wie Felſen aus dem 


Meere ſteigen die beiden Gipfel ans dem Sande empor; 
die Angabe früherer Reifender, daß hier Granit zu Tage 
trete, beftätigte ſich nicht. Die Felſen von Aalem beftchen: ; 


15* BEE 





116 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


aus demfelben dunklen, ftellenweife ſchwarz vermitterten 
Sandftein der Hamäd, der ohne Zweifel das Materiaf zur 
den ungeheuren Sandanhäufungen der rothen Wuſte gelie- 
fert hat. Sie find auch keineswegs kompakte Felsmaſſen, 


jondern gleichen cher ungeheuren Steinhanfen. Der grö: 
Bere, der fogenannte „Scheich der Nefüd“, erhebt ſich un: 
gefähr 300 Fuß, der Mleinere nur 100 Fuß fiber das 
Nivea der umgebenden Wüſte. Auf der Zpite des klei— 














Dorf Igneh am Fuße des Didrebel Schammar. 
nern zeigte das Barometer eine abfolnte Höhe von 3220 


Fuß an. An einem augenſcheinlich kunſtlich aufgefegten 
Steinhaufen, den Blunt hier oben vorfand, entdedte er die 
Ueberrefte einer alten Infchrift, deren wenige Vettern mit 





denen der Inſchrift vom Sinai oder dem Wadi Motattib 
kbereinftimmten, ine Umſchau von diefem Punkte ließ 
die veihenförmige Anordnung der Fuldſchs deutlich erfennen 
und zugleich aud), daß diefelben in der nähern Umgebung 


Blick auf Dihebel Schammar. 


der Felſen (einige Miles weit nad) Norden und nad) Sit: 
den) im größeren Zwiſchenräumen von einander lagen. 
Die Felfen von Aalen gelten gemeinhin fir den Mittel- 
punkt der Nefüd, die fid von hier aus etwa 200 Miles 
weit nach Dften und nad Weften und 70 bis 80 Miles 
nordwärtd und fübmwärts erjtreden joll. = 


Der nächſte Tag (17. Januar), der mit ſcharſem Froſt 
begann, wurde im weiten Berlaufe drüdend heiß. Der 
Sand trocknete unter der brennenden Sonne wieder voll: 
ftändig aus, und die ſchon ermatteten Kameele famen nur 
äußert langfanı vorwärts; um fie zu ſchonen mußten ſämmi⸗ 
liche Yeute zu Fuß nebenher gehen. Sehr auffallend und 


Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd. 


vollkommen unerflärlic), da fich weber im Nivea noch in 
den Bejtandtheilen des Bodens etwas geändert, war bie 
vollftändig veränderte Vegetation, ſeitdem man Aalem ver: 
laſſen hatte. Die Ghababitfche fchienen plötzlich volljtändig 
verjchwunden zu fein; an ihrer Stelle trat die bisher feltene 
Verta jegtungemein Häufig auf: ein unangenehmer Tauſch, 
da das Holz der letztern bei weitem nicht den Werth der 
Ghada als Brennholz erreicht. Bei der Berfohlung giebt 











117 


Ghadaholz ein Produft, das es an Feinheit mit der beften 
Zeichenlohle aufnimmt. Biel mehr als zuvor zeigte ſich 
jegt auch das fogenannte nassi, ein ald Kameelfutter gern 
verwendetes Öras, und das hamar, eine „bläulich- weiße, 
ſtachlichte Pilanze“, die von den Pferden gern gefreſſen wird; 
das adr, das Yady Blunt hier als einen „Bufc(?) mit 
fteifen grünen Blättern und bräunlich gelben Blüten“ er: 
wähnt, kommt auch noch ſüdlich von Aalem fehr häufig vor, 








Schloß des Emirs von Hail. 


Am Nachmittag des 17. erreichte man endlich, eine Stelle, 
von wo and man die amt ſüdlichen Horizont anftauchenden 
Berge von Dicobba erbliden konnte; das Barometer zeigte 
hier eine Höhe von 3040 Fuß an. Da man von demiel: 
ben Punkte nad) Norden hin auch nod) die Felſen von Aalem 
wahrnahm, wurde hier ein längerer Aufenthalt zur Ortes 
und Routenbeftimmung gemacht. Die beiden nächſten Tage, 
in denen das ſchon einmal erblickte Ziel wieder in umerreid): 
bare Ferne zu entſchwinden dien, waren für Menſchen 


und Thiere der Karawane gleich ſchwer. Der Sand ſchien 
immer tiefer zu werden, bie Kameele, von denen einige vor 
übergrogem Durſt nicht mehr freſſen mochten, konnlen laum 
ſich * geſchweige denn die Laſten tragen; nur ein um« 
gewöhnlich ſtarkes und großes Thier hielt aus, und ihm 
wurde allmälig cin Theil der Yaften nad) dem andern aufs 
gebürdet. Am 19. Januar legte man nur eine Mile im 
\ der Stunde zurück; die Leute, die bis hierher verhältniß: 
| mäßig guten Muth gezeigt hatten, wurden ermft und ſchweig⸗ 


118 


fam. Seit einigen Tagen benutzten fie ſämmtlich jede Ruhe: 
paufe zu eifrigem Gebete, weniger wohl um des Ernſtes 
ihrer Yage willen, als um wieder in die Gewohnheit der 
religiöfen Uebungen zu kommen, die fie während der ganzen 
Reife vernachläſſigt hatten, und die fie mm, wie fie meinten, 
in dem ftreng wahhabitiſchen Nedichd, „wo die Gebete Mode 
feien“, braudyen würden. Das Niveau der Nefüd ftieg jett 
ziemlic, bedentend an. Mittags zeigte das Barometer 3300 
Fuß über dem Meere. Gin weiter Umblid, den man von 
hier aus hatte, zeigte in einer endlos bis zum ſüdlichen Hori- 
zont noch ſich hinziehenden Sandfläche im VBordergrunde eine 
eigenthümliche Infelgruppe: mehrere phantaftiich geformte 


Felſen, zwiſchen denen fid eine große vertiefte Fläche wie 


— = - — 


| — —* — — 





Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


ein trodener See ansbreitete. Es war Dſchobbaz die eigent⸗ 
liche Dafe mit dem Dorfe noch durd) einen der vorliegenden 
Berge verdedt. Ein rafcher mehrftiindiger Nitt iiber den 
bald fefter werdenden Boden brachte die Keifenden nad, dem 
Dorfe, wo fie für ihre langfam nachfolgenden, ermatteten 
Begleiter Quartier machten. 

Dſchobba ift ein durch feine Yage und Umgebung ebenfo 
merkwürdiger wie maleriſch ſchöner Drt. Sein Name 
Dſchobba oder Dſchubbah bedeutet „Brummen“, und im der 
That liegt es aud) in einer tiefen, brumnenartigen Senkung 
in der Nefüd, die jedod nichts mit den hufeifenförmigen 
Vertiefungen, den Fuldſchs gemein hat: nicht®, als viel- 
leicht die jeltfame Umerflärlichkeit ihres Urfprunges und Be 








Wohnung der Keifenden in Hail. 


ftchens. Es ift eine große, jandfreie Fläche in dem Wüſten⸗ 
mceere, 400 bis 500 Fuß unter dem durchichnittlichen Nis 
vean defielben, und etwa 3 Miles breit; ein Beden, dem 
von Dſchaͤf nicht unähnlich, aber anftatt von Sandfteinfelien 
von der Nefüd umgeben. Daß es einſt ein See geweien, 
ift zweifellos; denn die feltfam geformten Felſen, die aus 
ihm empnrragen, zeigen die Spuren des Waſſers. Das 
unerflärliche Wunder befteht aber in der Permanenz der 
hohen Sandwände, die an einigen Stellen fteil zu dem Meis 
nen Thal abfallen, das anſcheinend im ewiger Gefahr ver: 
fchlittet oder allmälig verfandet zu werden daliegt. Am 
Rande des Bedens, defien Boden eine von weiten täufchende, 
bläuliche Färbung hat, liegt das aus 80 Häufern beſtehende 
Dorf mit feinen Meinen Palmengärten und einer Gruppe 
alter fmorriger Ithelbäume am Eingange. Die Heinen 
„ Häufer, die and der Nähe gefehen Armuth und Unſauber— 


feit der Bewohner verrathen, nehmen ſich auf dem Hinter- 
grunde der Bäume, von den gewaltigen dunfelrothen Sand: 
fteinfelfen überragt, malerifcy genug aus. Die Feljen er- 
heben ſich 700 bis 800 Fuß über das Thal, das jeinerfeits 
eine Höhe von 2860 Fuß liber dem Meere hat. Die Brun 
nen, die jehr waſſerreich find, haben eine Tiefe von 75 Fuß. 

Zwei Tage lang verweilten die Reifenden in dem flei- 
nen Orte, dejien ärmliche und fait ohne jeden Berfehr mit 
der librigen Welt lebende Bewohner fie zuerft mit zudring- 
licher Neugier, dann mit unverhohlenem Widerwillen betrach⸗ 
teten. Die drohenden Bemerkungen über die nasreni 
(Shriften), welche die Europäer hier vernahmen, waren das 
erfte und legte Beifpiel von Intoleranz und religiöfem Fa- 
natismus, das ihnen während ihrer ganzen arabiſchen Reife 
entgegengetreten iſt. 

Mit neuen Kräften verfehen, wurde am Morgen des 


E. Mepger: Zauber und Zauberjungen bei den Chinefen. 


21. die Wanderung wieder angetreten. Die Nefüd mit 
ihren Fuldſchs und Sandhügeln zeigte fic hier unverändert, 
der ftellenweis reiche Graswuchs frijch und grün. Am er 
ften Tage traf man wieder auf zahlreiche Antilopens und 
auch mehrere unverkennbare Wolfeipuren. Bon Bögeln 
wurde ein Buſſard und ein grauer Würger geſehen. Als 
einen Borboten der Civilifation, der man ſich wieder näherte, 
begrüßte man einen Schäfer, der fid) mit feiner aus 40 
Schafen beftehenden Herde auf dem Wege nad) Hail befand. 
Dort follte, wie er fagte, im ben nächſten Tagen der Zug 
der von Mella zurüdtehrenden perſiſchen Pilger eintreffen; 
ihnen wollte er feine Thiere verkaufen. Die Schafe von 
Nedſchd Haben mehr Aehnlichkeit mit Ziegen, als mit uns 
ſerm Schaf. Es find ſchlanke, hochbeinige Thiere, mit lans 
gem, feidenartigem Haar anftatt der Wolle; langen, hängen: 
den Ohren und glattem Geficht. Körper und Füße find 
ſchwarz; der Kopf weiß, jedoch mit ſchwarzen Wleden um 
die Augen und ſchwarzer Nafe. 

Am Nachmittag des 22. Januar hatte man von einem 
hohen Sandhügel aus zuerft einen ſchönen Blid auf die 
Kette des Dicebel Schammar, die fid) mit feltfam geftalte- 
ten, an die Sierra Guadarama erinnernden Gipfeln weit 
hin nad) Oſten und Weiten erftredte. Am folgenden Tage, 
Vormittags, erreichte man Igneh, ein Heines, am Fuße der 
Berge gelegenes Dorf, das außer feinen Palmengärten eine 
Umgebung von größeren, gut bewäfjerten und nicht ume- 
manerten Gerftenfeldern aufzumweilen hat, die ihm einen 
ebenjo feltenen wie freundlichen Anſtrich von „Yändlichkeit* 
geben. Unmittelbar hinter Igneh kommt man auf harten 
Boden; es ift nicht mehr der Sandjtein von Dſchöf und 
Dſchobba, ſondern fein zerbrödelter Granit, der ihm bededt, 
Allenthalben auf der Ebene zeigen ſich einzelne Blöde rothen 
Granits, hin umd wieder auch Gruppen kleiner rundlicher 
Felsftüde, zwifchen denen Grin emporwuchert. Die Bege— 
tation hat ſich vollftäudig verändert; von den Pflanzen der 
Nefüd iſt hier nichts zu fehen, anjtatt ihrer erkannte Lady 
Blunt verſchiedene Sträucher einiger ihr vom Sinai her 
befannter Arten; aud) Feine Alazien der von den Pilgern 
„Feuriger Bufc“ genannten Art, fowie aud) ein bieblättvis 
ges, dicht am Boden ſich ausbreitendes Gewächs, das von 
den Arabern „gheyseh* genannt und als befonders heil- 
ſam für die Augen hoch geichägt wird. Das Gebirge, das 
aus diefer ſchmalen Ebene allmälig anfteigt, iſt von einer 
unglaublichen Schönheit. Im Vordergrunde fteigen einzelne 
Gipfel infelartig empor; fchroffe Abhänge und weit vors 
ipringende Tells geben ihnen ein phantaftiiches Ausſehen; 


119 


weiter hinten zieht ſich die blaue Bergkette, die nur jelten 
von einem ſchluchtartigen Thale unterbrochen zu fein fcheint 
und fic, faft ebenſo abrupt wie der Einai ohne eigentliche 
Vorberge oder vorgelagertes Hligelland aus der Ebene er— 
hebt. Das Lager der Reifenden befand ſich auf diefer 
Ebene in einer Höhe von 3870 Fuß liber dem Meere. 

Nachdem man am 23, den Führer nad) Hail voran: 
gefandt und durd) ihn die Erlaubniß des Emirs zum Be: 
treten der Stadt erlangt hatte, madjte man fid) in der 
Brühe des näcften Morgens auf den Weg. Die Stadt 
liegt am öftlichen, nicht am ſüdlichen Abhange des Gebir— 
ges, wie die Neifenden vermuthet hatten. So führte der 
Weg nicht hinliber, fondern längs der Berge auf der Ebene 
hin. Zwei anſehnliche Dörfer, El Ateyt und EI Uta, wur: 
den pafjirt; endlich, nachdem man einen niedrigen nad) 
Welten ziehenden Hügelrüden überſchritten hatte, ſah man 
Hail vor fich liegen: eine große, durch die vielen zwiſchen 
den Häufern liegenden Balmengärten aber wenig impofante 
Stadt, von einer etwa zwölf Fuß hohen Mauer umgeben, 
Einen großartigen Eindruf macht nur das gewaltige 
Schloß, das an der Nordſeite der Stadt fid) erhebt, ein 
toloffaler Bau mit ftarten, 50 bis 60 Fuß hohen Mauern 
und runden Thürmen Am Thore der Stadt von einem 
Deamten des Emirs und einer militärischen Wache empfan: 
gen, wurden die Neifenden fogleich nach dem zu ihrer Aufs 
nahme beftimmten Haufe geleitet, Den erjten Cindrud, 
den fie von den Straßen von Hall empfing, ſchildert Yady 
Blunt ald den einer „unbehaglichen, gewiflermaßen unnatiirs 
lichen Sauberkeit und Ordnung“. Es ſah aus, als könnte 
zwifchen diefen glänzend weißen Mauern auf dem reinge- 
fegten Boden der Straßen nie das rege Leben und Treiben 
einer großen Stadt ſich entfalten oder entfaltet haben. 

Das Haus, das zum Empfange der Reifenden hergerich— 
tet war, lag nahe bei dem Schloſſe. Es war, wie die 
Mehrzahl der arabifcen Wohnhäufer, ein Doppelhaus, defr 
jen eine aus der Kawah und zwei Kleinen Zimmern beſte— 
hende Abtheilung fiir die Männer beſtimmt ift, während die 
andere, die einen Heinen Hof, eine offene Halle und hinter 
derjelben zwei Kammern F enthalten pflegt, gewöhnlich als 
Harem benutzt wird. Cine beſondere Annehmlichteit bei 
dieſem Hauſe war, daß es gegen die Straße durch eine hohe 
Mauer mit einer verſchließbaren Thür geſchützt war, ſowie, 
daß auch die inneren Räume ſämmtlich mit eigenthümlichen 
hölzernen Schlöſſern und ebenſolchen Schlüſſeln verwahrt 
werden lonnten. 


Zauber und Zauberjungen bei den Chineſen. 
Bon E. Mebger, 


Die Mefferleiter ift manchmal mehr als ſechs Meter 
body; fie wird aus zwei ſenkrechten Bambus gebildet, zwis 
ichen denen, nad) Art der Sprofien, Meſſer mit der Schneide 
nad} oben eingejegt find. Häufig ift auf jedes Mefler ein 
Amulet von Papier aufgeklebt, welches den Zauberjungen 
beſchutzen joll, möglicherweife aber keinen andern Zweck hat, 
als zu verbergen, daß die Klinge ftumpf ift. Die Zauberer, 
welche die Leiter befteigen follen, müſſen, wie dies bei jebent 
Fall von einiger Bedeutung nöthig, ſich erſt durch Gebet 


und Faſten reinigen, ehe jie zu ihrem Dienfte zugelafjen 
werden. Cie fondern ſich in einem für diefe Vorbereitung 
bejtimmten Häuschen ab und bleiben drei Tage ohne alle 
Speife und ohne andern Trunk ald Waſſer oder Thee in 
deuiſelben. Sie murmeln dort ihre Gebete und Beſchwö— 
rungen und verlaffen ihren Aufenthaltsort erft, wenn der 
Fefttag angebrochen iſt. In dieſem Zuftand müſſen fie ſich 
auf die Leiter begeben. 

Sie ſind von oben bis unten mit Amuleten behangen 


120 


und erfteigen bie Feiter an einer Seite, um an der andern 
hinunter zu fteigen. Während dies vor ſich geht, ertönt 
die aufregende Muſik der Songs und der Trommeln und 
die Künftler werfen Zanberpapiere mit geheimnigvollen 
Schriftzitigen und Amulete unter das Voll. Jeder, dem 
es gelingt, ein folches Zeichen zu erwerben, fühlt ſich ſehr 
glüdlih, da man glaubt, daß der Befig eines ſolchen die— 
felbe Kraft verleiht, welche dem Zauberer eigen ift und bie 
vom Bolt überfchägt wird. 

Die Mefferbriide ift eine horizontal liegende Meſſer— 
leiter, bei der die Klingen fo eingejegt find, daß die Schärfe 
nach oben gefehrt iſt. Trotzdem die Ouälereien, welche die 
Zauberjungen fich auflegen, wohl geeignet find, die Auf- 
merkfamfeit zu erregen, fchenft ihnen das Bolf im All: 
gemeinen feine befondere Beadjtung; es ift eben nur zu 
häufig in der Gelegenheit, dies Schaufpiel zu fehen, wieder 
ein Beweis für die praftifche Richtung, da man, wie er— 
wähnt, fid) Mühe giebt, der Amulete, von denen man ſich 
Vortheil verfpricht, mächtig zu werden; den Perfonen aber, 
die durch ihre Yeiden den Ammleten die wunderthätige 
Kraft verleihen, fchenkt man feine Beachtung, wie denn 
überhaupt der Chinefe im Allgemeinen die äußeren Zei— 
2 feiner Religion mit vollftändiger Gleichgultigleit be: 
trachtet. 

Wie ſchon erwähnt, werden die „Jungen“ für ihre 
Produktionen bezahlt, trogdem glaube ich entſchieden, daß 
fie doch fich im einem ekſtatiſchen Zuftande befinden, weil 
fie, welches aud; der Grund fein mag, weshalb fie fich zu 
diefen Aufführungen hergeben, fei es auch nur die reine 
Sucht nad) Gewinn, doch immerhin in der Meinung 
verkehren, daß wirklich ihr Körper beftimmt ift, den Geis 
ſtern zur fleifchlichen Hülle zu dienen, und in diefer Weife 
ein Zuftand in ihnen erzeugt wird, den die Priefter be- 
nugen, um bie Maſſe des Volks glauben zu machen, daf 
man es wirklich mit Übernatürlichen Gefchöpfen zu thun 
hat, welche ſich der körperlichen Form bedienen, um dem 

ug des Gögen, für Alle ſichtbar, folgen zu lönnen. Der 

lanz der Proceffion wird vermehrt, das Intereſſe des 
Bolts erregt und Ichendig erhalten, weil fich jetzt Fleiſch 
gewordene Götter in der Geftalt von Zanberjungen in der: 
jelben bewegen, und — hier zeigt fid) wieder die praftiiche 
Seite der Chinefen — fie geben ja Amulete her und kön— 
nen ſich dem gewöhnlichen Menfchen auch in anderer Weife 
nüglich machen. Natürlich wird dann biefes Schneiden 
und Duälen und alle die Martern, denen die Zauberjuns 
gen ſich unterwerfen, benutt, um das Volk glauben zu mas 
chen, daß der in den Körper des Zanberers gefahrene Gott 
demfelben nicht nur hilft, daß er feine Schmerzen empfins 
det, fondern auch alle machtheiligen Folgen feiner Berwun— 
dungen von ihm fern hält, jo da ihre Wunden mit über- 
raſchender Schnelligkeit heilen. Zu diefem Zwech bedecken 
die Zauberer biefelben mit einem Amulet von Papier, auf 
welchen geheimnißvolle Zeichen gejchrieben find, trinfen 
Waſſer und anderes Getränk, im welches fie die Ajche von 
ſolchen Amuleten gemengt haben, verichmähen jedoch, wie de 
Groot hinzufegt, höchſt wahrjcheinlic die mehr praftifchen 
Salben aud nicht. Es ift meiner Anficht nad) ſehr zu 
bedauern, daß er feine Gelegenheit gehabt zu haben ſcheint, 
ſich Sicherheit zu verſchaffen, ob fie die gewöhnlichen Heil- 
mittel ganz verfchmähen. 

In Niederländiih: Indien fieht man diefe Sachen nur 
in fehr Heinem Maßſtab und jelten; wie es fcheint, werden 
die Zauberer an der Austibung ihrer Kunftftiide verhin- 
dert, wie man aus der oben erwähnten Konfisfation ver- 
ſchiedener Marterwertzeuge ſchließen kann, oder fie betreis 
ben diefelben ganz im Geheimen. Wenn auch, wie ic) 


€. Metzger: Zauber und Zauberjungen bei den Ghinejen. 


ſchon einmal in einem andern in diefem Blatt erfchienenen 
Aufjag erwähnte !), die niederländiſch- indifche Negierung 
allen Religionen gegenüber recht tolerant ift, fo liebt fie 
doch keine Erſcheinungen, welche ſich über das Gewöhnliche 
erheben und mit dem eigentlichen Gottesdienſt nichts zu thun 
haben; man betrachtet deshalb alle Propheten, Scher, Biſio— 
näre, unverwundbare Menſchen und Auferftandenen als fir 
die Ruhe ber Gemüther ſehr gefährliche Menfchen; wirklich 
haben fie auch bei allen Unruhen, ſei es, daß diejelben von 
Eingeborenen oder von Chinejen ausgingen, eine jehr große 
Rolle gefpielt. 

Was übrigens gewöhnlic, als „Zauber“ von den Chi— 
nejen gegen Bezahlung gezeigt wird, bejchränft ſich großen— 
theils auf allgemein befannte Taſchenſpielerſtlicke, wobei aud) 
das (wirkliche) Herunterſtoßen einer ſcharfen Waffe mit fehr 
langer Klinge durd) den Mund bis in den Magen (habe 
ic wohl behaupten hören und der Fänge der Waffe nad) 
follte id) die Behauptung für richtig halten) und das Zer— 
malmen von Glas durch Kauen eine große Nolle fpielen. 
Dei allen diefen Kumftfttden wird übrigens wohl weder 
durch Chinefen noch durch Eingeborene an übernatütrlichen 
Einfluß geglaubt. 

Dagegen glaubt das Bolt an die Kraft der Zauberer 
in anderer Beziehung, oder wenigftens an die ihmen inne 
wohnende Kraft der Götter. So kommt es vor, daß man 
in Krankheiten, in welchen die Patienten von den Aerzten 
aufgegeben find, die Hilfe des Gottes anruft. Es konımt 
dann zumächit darauf an, feine Erlaubniß zu erhalten, fein 
Bild aus dem Tempel zu dem Kranken zu bringen; unter 
Gebet und Opfern wartet man auf feine Zuſtimmung zu dem 
Zuge. Man wirft Würfel; fallen fie ungünftig, fo wird 
neuer Weihrauch entziindet, werden neue Opfer gebracht 
und hiermit fortgefahren, bis ein glüdlicer Wurf folgt. 
Sein Bild wird nun ohne bejondere fyeierlichkeit zu dent 
Kranken getragen, ein „Zanberjunge* mit feinem Meffer 
und feinem Schwert folgt, ſticht ſich das Meſſer durch die 
Wangen und zerfleifcht ſich den Rücken mit feinem Schwerte; 
in diefem Zuftand der Efftafe giebt er allerlei Aufklärung 
über die Art der Kranfheit und die Heilmittel, die dagegen 
angewandt werden follen. Manchmal wird aud) der Gott 
jelbft gefragt; das Ende einer der Stangen, mittels welcher 
die Sänfte, in der er ſich befindet, getragen wird, wirb auf 
einen Tifc gelegt und num bringt der Gott, wenn er glin- 
ftig geftimmt ift, die Sänfte incl. Träger in eine ſolche Be— 
wegung, daß der Name ber Krankheit in geheimmigvollen 
Zeichen auf dem Tifch aufgezeichnet wird. Natürlich weiß 
man, wenn man einmal den Namen fennt, auch welche Arz: 
neimittel angewendet werden müſſen. Wenn der Göge fich 
unwillig zeigt, feinen Beiftand in dieſer Weife zu leihen, 
fo zieht die ganze Geſellſchaft wieder ab und der Gott leitet 
die Schritte dev Träger feines Bildes vor irgend ein Hans, 
wo man Heilmittel findet. Ein folder Zug geht mit einer 
gewiſſen Feierlichleit vor fi; ein Verwandter des Kranken 
mit feinem ſchönſten Hut auf dem Kopf begleitet denjelben 
unter den Schlägen eines Gongs, ein unge mit einer 
ſchwarzen Fahne meben ihm, auf der Sänfte des Gottes 
brennen Lichter, an der Yehne feines Stuhls find fünf Fähn— 
chen von verjchiedener Farbe, roth, blau, weiß, ſchwarz, gelb, 
angebradit. Wenn der Apotheker die Träger nach ihrem 
Verlangen fragt, befommt er keine Antwort — fie willen 
es ja felber nicht — und er muß ſich an den Gott felbit 
wenden. Zu diefem Zweck nennt der Verwandte den Nas 
men der Krankheit, der Apotheker ftellt mac) und nach alle 
Mittel, die ihm einfallen, auf den Tiſch; hat er das richtige 


1) „Globus 17, ©. 219. 





Theodor Kirchhoff: 


getroffen, jo drüdt der Gott den Stuhl ein wenig voraus, 
wer bad dargebotene Arzmeimittel nicht das richtige ift, 
drängt er die Träger zurüd; dies dauert zuweilen ziemlich 
lange und mandmal nimmt man auch verſchiedene Mittel 
mit., Wird der Kranke befier, jo empfängt der Gott eine 
reichliche Belohnung an Goldpapier, Weihrauch u. ſ. w.; 
flirbt er, jo macht niemand ihm und den Trägern einen 
Vorwurf. 

Denn man den Befucd des Gottes in Geftalt feines 
Bildes vermeiden will, ruft man die Hilfe von zwei Zauber 
jungen an. Diefe martern fid) am Seranfenbett, um ſich 
in die richtige Stimmung zu bringen, dann fallen beide 
einen im der Mitte zufammengebogenen Pirfic oder 
Weidenzweig, jeder an einem Ende, und laufen damit durch 
die Straßen, wie vom einer höhern Macht getrieben, hin 
und her. Endlich kehren fie an das Krankenbett zurüd, 
wo unterdeſſen ein Tiſch, deſſen Platte mit feinem Sande 
oder ähnlichen Stoffen beftreut ift, bereit gejtellt wurde. 
Nun wird das gebogene Ende dem Sande genähert und 
fängt da an allerlei merkwürdige Zeichen niederzuichreiben, 
aus denen durch die Eingeweihten der Name der Krankheit 
und der Medicin entziffert wird. Doc) ift es and) genit« 
gend, wern mer an einem Ende des Zweiges ſich ein Zau— 
berer befindet, und dad andere in profaner Hand ruht, — 


Streifzüge in Süd- Californien. 


121 


Uebrigens giebt es auch eine Art von weiblichen Medien, 
die namentlic, durch das ſchönere Geſchlecht in Ihätigfeit 
gejegt werben, um ſich mit verftorbenen Verwandten zu 
unterhalten. Sobald diefe „Puppentante* gerufen wird, 
um Hilfe zu leiften, wird zunächſt den Göttern geopfert, 
dann überzeugt man fic), ob kein Mann im der Nähe ift, 
weiter aber mitifen alle Hafftichen Werke, namentlich die 
„große Lehre des Confucius“ (die allem Zauber gefährlich) 
zu fein fceinen), aus dem Zimmer entfernt werden. Die 
„Buppentante* fett fich nieder, fällt fcheinbar in Krämpfe, 
während der Schweiß fiber ihre Stirn ftrömt, dann wan— 
dert die Seele in die Unterwelt. Nach einigen Augenbliden 
ſcheint der Körper wieder lebendig zu werden, fie jpricht ab: 
gebrochen über ben Todten, wird aud wohl itber ihn befragt, 
und antwortet, wenn ihr dies möglich iſt. Wenn dies nicht 


' der Fall ift oder wenn die Sache lange genug gedauert hat, 


jcheint fie plötzlich zu erwachen, empfängt ihre Bezahlung 
und giebt an einem andern Drt eine weitere Vorftellung. 
Diefelbe Scene wird noch auf eine andere Weiſe aufgeführt, 
wobei eine Puppe das Medium bildet, doch gehört dies mehr 
zur ſchwarzen Magie. Im Allgemeinen jedoch werden alle 
diefe Sachen durch die gebildeten Chinejen mit Verachtung 
behandelt; die Zauberer werden nicht einmal einer dev vier 
Klafien zugezählt. 


Streifzüge in Süd-Galifornien. 
Bon Theodor Kirchhoff. 


1. 


Siüdwärts nad Santa Barbara, 


Dem Reifenden, welcher das fübliche Californien bes 
ſuchen will, ftehen von San Francisco zwei Routen dort» 
bin offen: die eine mit der Gentrale und Siüdpacifichahn 
durch das San Joaquinthal und die Mohavewüjte auf der 
mittlern Längenachſe des Staates direft nad) Los Angeles 
(432 Miles); die andere, näher an der Kitfte, mit dem 
wejtlichen Zweige der Stidpacifichahn durd) das Santa: 
Glaras und das Salinasthal nad) Soledad, von dort mit 
der Stagekutſche nad) San Luis Obispo, und weiter liber 
Santa Barbara und San Buena Ventura — entweder 
in Poftutichen zu Yande, oder in Kitftendampfern von Ha— 
fen zu Hafen — ebenfalls nach Los Angeles, dem Hans 
delsemporium jenes blühenden Gebiets. Ich lade den Yes 
fer ein, mich auf einer Reife auf legterer bei Weitem inter 
effantern, der fogenannten Slüftenroute nad) dem Süden 
des Goldftaats, zu —— welche ich zu wiederholten Ma- 
len und zwar zulegt im Sommer 1881 zurüdlegte. 

Die Eijenbahnfahrt von San Francisco direkt füde 
wärts nad) Soledad (143 Miles) gewährt dem Keifen- 
den ein treffliches Bild von den reichen californiſchen Acker⸗ 
baubdiftriften. Bis nad) der „Gartenftabt* San Joſé 
führt die Bahn in einer Länge von 50 Miles durch das 
ichöne Santa-Clara» Thal bei einer Reihe von blühenden 
Landftädtchen und prächtigen Villen der Millionäre San 
Franciscos vorbei, durch eine mit parfähnlichem Baus 
wuchs geichmiücdte Ebene, die im Weſten vom Küftengebirge, 
im Oſten von den füblichen Ausläufern der Mount » Diablo: 
Range, wo der Mount Hamilton bis 4440 Fuß Höhe 


Globus XL. Nr. 8. 


1 


aufragt, begrenzt wird). Der rege Eifenbahnverfehr 
zwijchen San Francisco und San Yofe (12567 Einwoh- 
ner ?), welche Plätze durch zwei Schienenwege — je einer 


an jeder Seite der großen Bai — mit einander verbunden 
find, Spricht ich genug für die hohe KHulturentwidelung 


dieſes Theiles von Californien. 

Bon San Iofs zweigt ſich gen Welten eine 30 Miles 
fange engfpurige Eifenbahn nad) Santa Cruz (3898 
Einwohner) ab, dem Hauptorte an der Bat von Monterey, 
welche Stadt mit ihren am weißen Strande ausgebreiteten 
Badehäufern und dem freundlich ländlichen Aeußern eine 
Fieblingsiommerfriiche der San Franciscoer geworden ift. 
Diefe Bahn führt iiber das romantische Küftengebirge durd) 
eine der ſchönſten Hochwaldungen Californiens. Die mehr 
rere hundert Fuß aufjtrebenden gewaltigen Rothtannen 
(red woods) erregen dort die Bewunderung jedes Reifens 
den ; der Blid in die waldumſchloſſenen Thäler, die blumen: 
reiche Begetation, der bereits füdliche Farbenſchmelz des 
Landſchaftoͤbildes, die Ausficht von der Höhe auf das zwi- 
ſchen grünen Hügeln malerifch eingeniftete Santa Cruz 
und den weiten blinfenden Spiegel des Stillen Oceans 
bilden zufammengenommen eine Keihe von unvergelichen 
Bildern. 

Bei einer Fahrt mit der Eifenbahn verliert man aber 


1) Eiche Globus XXIX, Wr. 9 und 10: „Das Santas 


Clara⸗ Thal.“ 8 
2) Alle Beböllerungsangaben find dem BoStCenſus von 


1850 entnommen. 
16 


122 


feider den Anblid mander Sehenswürdigkeit, und man ges 
winnt 3. B. bei dem raſchen Borlibereilen nur einen uns 
beſtimmten Eindrud von der Größe der Nothtannen. Das 
„Hotel de Redwood* imponirte mir vor ſechs Jahren be— 
deutend. Damals eriftirte die Eiſenbahn noch nicht, und 
ich ſprach bei einer Stagefahrt durchs Gebirge in diefem 
originellen Safthaufe vor. Dafielbe ift in eine gewaltige 
KRothtanne hineingebaut worden: unten das Schäntzimmer, 
oben die Schlaffabinen — drei Stodwerte — im Baum! 

Der die Bai von Monterey umſchließende Laudſtrich ift 
eine Zierde von Californien, Obftgärten, reiche armen, 
Weinberge, Villen, Seebäder und Vergnügungsorte reihen 
ſich dort aneinander. in hohes Vorgebirge fügt Santa 
Eruz vor den Nordwinden und giebt diefem Plate eine fo 
angenehme gleichmäßige Temperatur, als befände man ſich 
hundert Meilen weiter ſüdlich. Die prächtigen Thäler des 
nahen Küftengebirges bieten dem Beſucher diejes califor- 
nischen Nizza eine ſolche Fülle von ſchönen Ausflugspunf: 
ten, daß ihm die Wahl oft ſchwer fallen wird, wohin er 
ſich begeben fol. Der Blid vom Strande über die grits 
nen Ufergelände und die 23 Miles breite Bai hinliber nad) 
Monterey, wo eine langgeftredte maleriſche Bergtette das 
Panorama im Süden begrenzt, ift herrlid. Der Fremde 
meint hier ein altes Kulturland, anftatt erjt vor einem 
kurzen Menſchenalter befiedeltes Gebiet vor Augen zu 
haben. 

Die Hauptbahn führt von San Joſé ſudwärts liber 
Gilroy (1621 Einwohner) nad) Watfonville (1799 
Einwohner), dem Centrum des fruchtbaren Bajaros (ſprich: 
Pähärs) Thales, von wo ſich eine andere engipurige Bahn, 
am Ufer der Montereybai hinlanfend, nad) Santa Cruz 
abzweigt. Bald darauf treten wir in das Salinasthal 
ein, welches von der Eifenbahn feiner ganzen Yänge nad) 
jüdwärts bis nad) Soledad durdygogen wird. Während 
im Santa-Clara:Thal die Zucht von halbtropifchen Früchten 
— Mandeln, Feigen x. — und der Anbau von feinen 
Obitarten, die in Maſſe nad) den öſtlichen Staaten erpors 
tirt werden, den Haupterwerbszweig der rührigen Bevölke— 
rung bilden, find das Pajaros und das Salinasthal wahre 
Beizenfammern geworden. Cs ijt eine Freude, diefe uns 
ermeßlichen, wohlkultivirten Getreidefelder vor den Augen 
vorbeifliegen zur jehen, wenn man anf der Eifenbahn jene 
reichen Thäler durcheilt. Die californiftjen Yandftädte 
ewähren einen überaus behäbigen Anblid. Schmucke Ges 
anftshäufer, anfehnlicdye Hotels, freundliche Privatwoh: 
nungen und eine mehr ſtädtiſch als ländlich ſich ausneh— 
mende Bevölferung überzeugen den Fremden auf den erften 
Blid, daß hier der Wohlftand, der große Träger der Kul— 
tur, eine Heimftätte gefunden hat. 

In dem kurzen Zeitraume eines Menfchenalters hat 
die Energie der anglosgermanifchen Neuankömmlinge die 
Hilfsquellen diefes Yandes rapide entwidelt. Die Ueber: 
bleibjel der mehr als hundert Jahre ihnen vorangeganges 


nen ſpauiſch merikaniſchen Herrſchaft nehmen ſich heute wie 


Nuinen aus, die bald ganz vom Erdboden verſchwinden 


mitfien. Im Spiel und leichtjinnigen Leben entäußerten 


ſich die früheren Befiger des Yandes unglaublich fchnell | 


ihrer irdifchen Güter, und jetzt find fie die verachtete Race 
geworden. Vom Werthe des Geldes hatten dieje „Grea— 
jers“ und Hidalgos nie eine Ahnung. Stellte ſich Ebbe 
in ihren Tafchen ein, jo borgten fie von den Amerikanern 
zu lächerlich hohem Zinsfuß, was fie gerade gebrauchten, 
verpfändeten und verloren einen Theil ihres Grundbeſitzes 
nad) dem andern, und wurden ſchließlich von ihren Gläu— 
bigern ans Haus und Hof gejagt und auf die Strafe ge: 
fegt. Jetzt find fie die Parias der Geſellſchaft geworden, 





Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Sid- Californien. 


und da fie zum Arbeiten zu ſtolz und zu träge find, fo 
wird es ihnen unmöglic, ſich wieder emporzuraffen, und fie 
verschwinden allmälig von der Weltbühne. Niemand 
wird dies bedauern. In Amerifa gilt das Sprücwort: 

„Jeder forge für ſich felber, und der Teufel hole den Letz— 
ten!“ (Everybody for himself and the Devil catches 
the hindmost.) Die fpanifchsmerifanifche Bevölkerung in 
Californien hat der Teufel bereits beim Kragen gepadt ; 
und ſchwerlich wird er fie wieder loslafien — zum Segen 
der Kultur! — 

Acht Miles nördlich von Salinas City zweigt ſich bei 
Gaftroville wieder eine engipurige Bahn ab, die nad, Mon— 
teren (1400 Einwohner) führt, wo die Millionäre der 
Gentrale und Sitdpacificbahn ein pradhtvolles Hotel und 
eine Seebadeanitalt in großem Stil einrichten liefen, womit 
den anderen Seebädern an der Montereybai bei Aytos und 
Santa Cruz in den legten Jahren eine unliebfame Kon— 
furrenz gemacht wurde. Jene Eifenbahnfönige jcheinen 
entichlofien zu fein, das alte ganz heruntergelommene Dons 
tereyg — die ehemalige Hauptjtadt Californiens, wo am 
7. Juli 1846 der Anſchluß dieſes Gebiets an die Umion 
zuerft proflamirt wurde — zu neuem Ölanze emporzubringen. 
Die Eifenbahnverwaltung läßt täglich Kurierzige von San 
Wancisco nadı Monterey zu halbem Fahrpreis laufen, und 
es gefchieht in Monterey alles Mögliche, um den Reichen 
der großen Goldftadt den Aufenthalt dort angenchm zu 
machen. Die Bequemlicjfeiten der Seebäder find vorzüglid). 
Das Aufbauen einer größern Stadt in der Nähe des alten 
Meonteren ſcheint aber trog aller Mühe der Eifenbahn: 
millionäre noch ziemlich problematifc) zu fein. Das präch— 
tige Hotel del Monte in Monterey ſteht allerdings da und 
der Strand mit dem weichen weißen Sande und der hers 
einfchwellenden Brandung bietet den denfbar beiten Bade— 
grund, — aber die Geſchäftsſtraßen, Boulevards, Theater 
und andere Zeichen einer werdenden Großſtadt eriftiren bis 
jest dort nur in der Phantaſie. 

“ Der Hauptort im Salinasthale ift Salinas City 
(118 Miles von San Francisco), ein blühendes Yand- 
ftädtchen von 1500 Einwohnern. Am dortigen Eifens 
bahndepot find riefige Waarenipeiher erbaut worden, in 
denen dev Weizen des Thales lagert, ehe er auf der Eiſen— 
bahn nad; San Krancisco befördert wird, Im Salinas: 
thal find gegen 130 000 Ader unter Kultur gebracht wors 
den. Die meiltens mit Weizen und Gerfte bepflanzten 
Getreidefelder erjtreden ſich von Salinas City bis nad) 
Soledad im einer ununterbrochenen Reihenfolge dreikig 
Meilen weit. Cine fatale Zugabe in den Weizenfeldern 
ift der dort häufig vorlommende wilde Senf, weldjer die: 
jelben im Frühjahr oft arg überwuchert. Die mit hell: 
gelben Blüthen gejchmücten mannshohen Buſche jehen aller 
dings recht hübſch ans; aber dem armer find dieſelben 
ein Dom im Auge und er bemüht fich, doc) ſtets vergeb— 
lic), diefelben auszuroden. In neuerer Zeit hat man den 
Samen des wilden Senfs zu verwerthen verſucht. Er wird 
von eigens dazu fonftruirten Maſchinen eingeheimft, in 
Mühlen zu einem recht guten „Muftard“ verarbeitet, und 
findet als joldyer einen profitablen Markt. Das Beftellen 
und Abernten der Getreidefelder geichieht hier, wie überall 
in Californien, durch Maſchinen der neneften Konſtruktion, 
welche vom Dften eingeführt werden. Ohne bdiejelben 
würde es bei der verhältnißmäßig geringen disponiblen 
Arbeitskraft in dieſem Yande ganz unmöglich fein, die un: 
geheuren Ernten zu bewältigen. In der Nähe von Sali— 
nas City befindet jich die größte „Vutterrand* im Staate. 
Bon 1500 Kühen erzielt man dort jährlich, etwa 150 000 
Pfund Butter, An Stelle des Butterns mit der Hand, 


Theodor Kirchhoff: ‚Streifzüge in Süd- Californien, 


wie es „zu Großmutters Zeit“ üblich war, iſt hier das 
Buttern mit Dampftraft getreten, und aud) die Temperas 
tur in den Milhhäufern wird durch Dampfheizung regulirt. 

Bon Soledad, dem mur aus wenigen Yagerhäufern 
und „Stores“ beftchenden füblichen Endpunkt der weftlichen 
Divifion der Südpacifichahn, feste ich am Abende des 21. 
Juni meine Reife nad) Süden in der Stagekutiche fort. 
Mein nächſter Bejtimmungsort war San Luis Obispo, 
110 Miles von Soledad entfernt. Nachdem wir das obere 
Salinasthal durchtreuzt hatten, gelangten wir zunächſt in 
das Thal des San Antonio. Schafherden weideten hier 
auf dem mit fpärlichem Graswuchs bejtandenen Boden und 
die Gegend wurde immer öber und fteriler, je weiter wir 
lamen. 

Während der Nacht drehte ſich die nur ſelten ftodende 
Unterhaltung unter den Mitreifenden meijtens um Straßens 
räuber, welche die Stages auf diefer Route mitunter anhal⸗ 
ten, um die mit Geld und Werthjachen geflillten Erpref: 
fiften in Obhut zu nehmen. Auf den Stagelinien, die von 
den Minenlagern nad) der Eifenbahn führen, find ſolche 
Unterbrechungen des Reifeprogramms nichts Seltenes, da 
die Wegelagerer dort meiftens auf gute Beute rechnen föns 
nen und in den menjchenleeren Wildniffen leicht entfommen. 
In einem Yandjtriche wie der, durch welcen wir reiften, 
wo der Telegraph einen Ueberfall jofort bekannt macht und 
die Diener des Gefeges wie Bluthunde an die Ferſen der 
Uebelthäter hegt, hätte ich am eine ſolche Gefahr nicht ge- 
dacht, die, wie ich jegt erfuhr, jeden Augenblit an une 
herantreten fonnte. 

Der Kutſcher pflegt bei einem Ueberfall auf das erfte 
Kommando eines oder mehrerer ihn mit einer Doppelflinte 
aufs Korn nehmenden Straßen „Agenten“ ſchleunigſt an: 
zubalten, die unter feinem Sig ftehende Erpreßfifte heraus— 
zulangen und diefe auf die Strafe zu werfen. Dann wird 
einer der Räuber ihm eim perempioriſches „go on!“ zus 
rufen, worauf jener mit der Peitiche auf die Gäule ein 
haut und raſch weiterfährt. Keinem Kutſcher wird es ein« 
fallen, fein Yeben für eine noch jo werthvolle Exrpreftifte 
in die Schanze zu fchlagen, weshalb die Expreßgeſellſchaft 
mitunter wohlbewaffnete Schutzwachen mitſchickt, erprobte 
Männer, welche das ihnen anvertraute Eigenthum muthig 
vertheidigen. Die Räuber, welche dies willen, überfallen 
daher jelten ſolche von Agenten der Gefellichaft beſchützte 
Stages. 

Nur ausnahmsweife werben die Reifenden von den 
Straßenräubern beläftigt. Frauen find vor geborenen ame: 
rifanifchen Wegelagerern vollftändig ſicher. Nur die Meri- 
faner machen hierin eine unrühmliche Ausnahme. Diefels 
ben ziehen die Reifenden beiderlei Geſchlechts meiſtens bis 
aufs Hemd aus und nehmen ihmen Alles fort. Sogar die 
Koffer und Manteljäde werden von ihnen erbrochen, „wos 
gegen ein auf Anftand und Kaſte haltender amerikanifcher 
Straßenräuber ſich nie an ſolchem Privateigenthum vergreift. 
Das Keifen in Arizona und an der merifanifchen Grenze 
ift deshalb weit gefährlicher, als nördlich von Yos Angeles, 
weil die merifanijchen Wegelagerer nur felten bie nördlicher 
gelegenen Stulturgebiete betreten, wo ſie ſich nicht heimijch 
fühlen. Als Regel kann man annehmen, daß der amerika— 
nische Räuber es nur auf die Expreßkiſten abgefehen hat, 
wogegen ber Merifaner jo ziemlich Alles nimmt, was er 
befommen kann. Sind die Erpreffiften leer, fo fommt es 
allerdings mitunter vor, daß aud) ein amerifaniicher Räuber 
die Herren auszuſteigen bittet und ihre Uhren und Baar« 
ſchaften mit Beichlag belegt. Dabei ift es jedoch Uſus, 
jedem Paſſagier fünf Dollars Kleingeld zuritdzueritatten, 


123 


ſchaffen und nach Haufe telegraphiren kann, daß ihm fofort 
ein neuer Baarvorrath geſchickt werde. 

Ein mitfahrender in Rindvich handelnder jüdiſcher Kauf: 
mann, der eine anjehnlice Rolle Bapiergeld und einen 
ſchweren Goldfad bei ſich führte, war während unſerer Nacht: 
reife ziemlicd) nervös und namentlid) um feinen Goldſack be- 
forgt, den er nirgends im Wagen ficher verbergen konnte. 
Das Papiergeld vertraute er einer mitreifenden Dame an, 
weldye daifelbe in ihr Mieder ſteckte, wo es gut aufgehoben 
war, Kein Straßenräuber hätte es gewagt, diefe Dame zu 
beläftigen, indem er ſich dadurch der Verachtung aller feiner 
Genoſſen Preis gegeben haben würde. Die dichten Gebitjche 
(Chapparels), welche oft ganz nahe an der Fahrſtraße lagen, 
wurden von und jtets mit Mißtrauen beobachtet, da fie die 
denkbar trefflichjten Schlupfwinfel für Wegelagerer boten. 
Es paffirte uns übrigens während diefer Nachtfahrt fein 
nennenswerthes Abenteuer. Der Rindvichhändler athmete 
aber erft wieder auf, ald wir am nächften Morgen die Ans 
fiedelung San Miguel — 82 Miles von Soledad — er: 


| reichten, da die Gefahr eines Ucberfalls hier jo ziemlich übers 


ftanden war, 

In der Nähe von San Miguel paflirten wir die 
Ruinen der gleichnamigen „Miffion“. Die am hundert 
Jahre alten in Schutt finfenden Adobe-Mauern, die von 
dem längft eingeftürzten Dache zerftrent umher liegenden 
Ziegel u. ſ. w. boten ein Bild des Verfalld, wie mir Aehn— 
liches noch nicht in Amerifa vor Augen gefommen war. 
Kein Menſch belummerte fich um dieſe det fait einem 
Menſchenalter ganz verlaffene Nuinenftätte. Man ſcheint 
es der Sonne, dem Wind und Wetter überlaflen zu haben, 
die Weberbleibiel jener von den alten Padres aufgeführten 
Bauten vom Erdboden verſchwinden zu machen; und es hat 
allerdings den Anſchein, daß diefelben in kurzer Zeit feine 
Spur ihres Dafeins, als höchſtens einige Schutthaufen, zus 
rücklaſſen werden. 

Die californifchen „Miſſionen“, theil® ziemlich qut er 
halten, theils in Ruinen fintend, findet man in ber Nähe 
der meiften bedeutenderen Städte des Staates, von San 
Francisco bis nad) dem äußerten Süden. Die fatholifchen 
Badres, welche die erſten ciwilifirten Nicderlafjungen von 
Californien gründeten, verjtanden es, die beften Bläte fir 
die Anlage diejer Miffionen auszuwählen. Die neuen Ans 
fiedler pflegten fid) in der Nähe der Miffionen niederzulafs 
fen, welche jo die erften Gentren der Kultur wurden, wie 
3. B. die von San Francisco, Monterey, San Luis Obispo, 
Santa Barbara, San Buena Ventura, Yos og 7 und 
San Diego. Außer diefen liegen eine Menge Miffionen, 
namentlich im füdlichen Californien, im Innern des Staa: 
tes, die jedoch faſt ſämmtlich nad) und nad) verlafjen wurs 
den und in Berfall gerathen find. Die von einer Veranda 
umgebenen Gebäude wurden aus Adobes aufgeführt und 
mit rothen Dachpfannen gedeckt. Die Kirche erhob ſich ein 
Stockwerl höher als die ſich ihr anſchließenden einftädigen 
Gebäude, und das Ganze wurde von einer mit Ziegelm ge 
feönten Mauer eingejcjloflen; Gartenbau, Weinbau und 
Viehzucht waren die Yieblingsbefhäftigung der alten Padres, 
welche ſich duch Gaſtfreundſchaft auszeichneten und das 
Leben von der gemüthlichen Seite zu nehmen verftanden. 

Nach einer Fahrt von 6 Miles gelangten wir im einen 
offenen Eichenwald, und bald darauf erblicten wir die Ge— 
bäude der in Californien berühmt gewordenen „Pajo 
NRobles-Hot Springs“ vor ums, wo wir unfer Frühe 
mahl in dem geräumigen Speifefalon des Gafthaufes ein- 
nahmen. Die jchwefelhaltigen „EI Pafo de Robles“⸗(Paß 
durch den Eichenwald) Heilquellen werben viel von Kranken 


damit er ſich im nächiten Städtchen Yogis und Efien vers | befucht, namentlich von folden, die an chroniſchen rheumati- 


A 


16* 


124 


ſchen Beſchwerden leiden. Es befinden fic dort die vorzüg— 
lichiten natürlichen Schlammmbäder in Amerifa, mit einem 
Higegrad von 110° F. nebft einer Menge von heißen und 
falten Mineralquellen. fiir die Bequemlichkeit der Kranken 
ift, was Baden, Eſſen und Yogis anbetrifft, ganz gut ge 
jorgt. Im Uebrigen ift faft gar nichts zur Verſchönerung 
des Ortes gefchehen, und die in der primitiven Eichenlich— 
tung zerftreut umher ftehenden Gebäude nehmen fic fo 
proſaiſch wie mur denkbar aus. Nichts erheitert hier bie 
Kranten. Es giebt im Paſo Robles weder Muſik nod) 
Theater, feine hübichen Spaziergänge, keinen Park, keinen 
Kurſaal ꝛc. Trotzdem verdient der Play feinen Ruf ald 
vorzügliche Heilanftalt in vollem Maße, und es ift die Zahl 
derjenigen, welche hier Heilung fanden, nachdem fie diejelbe 
an vielen anderen Geſundbrunnen vergebens gefucht, eine 
recht erfledliche zu nennen. Bon einem Bergnügungsorte 
im Sinne deutſcher Heilbäder ift hier aber gar nicht die 
Rede. Das Etablifjement ficht faft wie ein Yazareth aus, 
und der Anbli der vielen auf Krüden herumhintenden oder 
müde umherſchleichenden Kranlen und Retonvalefcenten ge 
nügt, um einem Gefunden alle Lebensluſt zu verleiden. Ich 
gab meine Abficht, Hier einen Nuhetag zu machen, ſchleunigſt 
wieder auf, ſobald ich dies entdeckte, Ließ zum Aerger des 
Wirthed meinen bereits abgeladenen Koffer fofort wieder 
auf die Stage jegen und reife noch am jelbigen Tage nad) 
San Yuis Obispo weiter. 

Die Reife von Pafo Robles nad) der 30 Miles von 
dort — bedeutenden Ortſchaft San Luis Obispo 
führte mic) zunächſt durch das fruchtbare Thal Santa Mars 
guerita, wo wieder einmal hübfche Farmen und Anfiedeluns 
gen das Auge erfreuten. Dann überftiegen wir bie ſich 
quer vorbanuende St.-Lucia-Kange, gelangten jenfeits dieſer 
Bergkette in das Thal von San Luis Obispo und erreich 
ten bald darauf, die anjehnliche Stadt gleichen Namens. 

Sanfuis Obispo (2234 Einwohner) ift in raſchem 
Aufblühen begriffen und ſcheint die allgemeine Geſchäfts— 
ftagnation der legten vier Dahre, welche namentlich das ſud⸗ 
liche Californien betroffen hat, fo ziemlich überwunden zu 
haben. Es fanden hier gerade große Yandverfäufe ftatt und 
der Drt war voll von Merifanern und Miſchlingen, deren 
Hauptbefhäftigung ſich in einem Pferderennen kongentrirte. 
Diefe ehemaligen Herren des Landes hatten ſich mit dem 
legten Flitterftaat, der ihnen übrig geblieben war, ausftaf- 
firt, fprengten auf ihren mit filberbefchlagenen Sätteln und 
mit Yedertrobdeln gededten Pontes wie Kunſtreiter die Stra- 
fen auf und ab, und nahmen ſich mit ihren ſchirmartigen 
Sombreros, den großen Radſporen, dem halb jpanifchen 
Anzuge und dem welterobernden Blid höchſt impofant aus. 
Beim Pferderennen fpielten fie ſelbſtverſtündlich die erſte 
Rolle und liegen es ſich nicht nehmen, ihre legten disponib- 
len Dollars dort in Wetten anzulegen oder zu vertrinfen. 

San Yuis Dbispo ift das natürliche Centrum eines an 
landwirthichaftlichen Reſſourcen reichen Diftritts, deſſen 
Hauptprodukte in Wolle und Weizen beſtehen. Der Platz 
ift die einzige bebeutendere Ortſchaft zwiſchen Salinas City 
und Santa Barbara auf einer Strede von 250 engl. Mei: 
len, und bildet ein Gemiſch aus den Stilen der alten merxi— 
taniſchen Städte und neuerer amerikanischer Bauten. Adobe: 
Wohnungen, eine alte Kathedrale, die Gebäude einer „Mij: 
ion“ ftehen zwiſchen Häufern neuen Stile Viele 
„eingeborene Galifornier“ (native Californians), d. h. die 
Nachtommen des alten ſpaniſch-mexikaniſchen Bollselements, 
leben in der Nachbarſchaft des Ortes, und man kann die 
Eigenthitmlichkeiten dieſer Race hier vielleicht beſſer als 
irgend jonftwo in Californien ftudiren. 

Durch eine Eifenbahn ift San Luis Obispo mit dem 


Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Süd: Californien. 


9 Miles entfernten Port Harford verbunden, wo die 
Küjtendampfer, weldye von San Francisco nach San Diego 
fahren, regelmäßig anlegen. Ich machte einen Ausflug 
nad) jenem Hafenorte und war erftaunt über die kolojiale 
Menge von landwirthichaftlihen Maſchinen neueſter Kon 
ftruftion und die Maflen von Kaufmannsgütern aller Art, 
welche der dort gerade am Quai liegende Dampfer „Ori— 
zaba* auslud. Es war dies der deutlichite Beweis von den 
großen natitrlichen Hilfsquellen jenes Gebietes, da alle diefe 
Majcinen und Waaren dod) im Innern des Yandes eine 
profitable Verwendung finden mußten. Der Hafen von 
Port Harford ift ziemlic, offen und gegen Stürme feines- 
wegs jo geichlitt, wie es wohl winfchenswerth ift. Mehr 
vere im offenen Fahrwaſſer liegende Klippen nehmen fid) 
höchſt gefährlich aus und find, namentlich bei den hier 
häufig vorkommenden dichten Nebeln, eine recht unangenehnte 
Zugabe diefes Hafens. 

Am Abend des 23, Juni trat ich meine Weiterreife 
nadı Santa Barbara (110 Miles von San Luis Obispo) 
mit der Stage auf dem Landwege an. Bald lagen bie 
Berge von San Luis Obispo, unter denen die „Zwillings- 
ſchweſtern“ (twin sisters) mit ihren grünen hochgewölbten 
Kuppen bejonders malerijch ins Auge fielen, hinter uns, 
und wir gelangten in eine Sandebene, welche wir langſam 
durchkvenzten. Sieben Miles breit war diefe Sandfläche, 
die ſich 14 Miles vom Meere ins Yand erftredt. Hier 
und da wuchjen einige verfriippelte Eichen und niedriges 
Salbeigebitjch, fonft nahm ſich diefe Sandfläche genau fo aus, 
als ob ſich das Meer erft vor Kurzem von bier zurlidgezo- 
gen hätte. Dichte Nebel wallten von dem nur vier Miles 
entfernten Dceane heritber, welcher und mit donnernder 
Brandung einen Gruß durch die ftille Nacht Heritberrief. 

Ienfeits der Sandebene gelangten wir in das fruchtbare 
Santa-Maria-Thal und paffirten das freundliche Städtchen 
Guadalupe, welches gegen 350 Eimwohner zählt. Auch 
hier bemerkte ic) die Ruinen einer alten Miffion. 15 Mi- 
les von San Luis Obispo erreichten wir das Thal des Ars 
royo Grande (big Creek), durd; welches wir den größten 
Theil der Nacht Hinfuhren. 

Froh war ich, als die Sonne emporftieg. Bald ſaß ic} 
wieder auf meinem Vicblingsplage auf dem Kuticherbod, wo 
ich mit Hilfe einer echten Habana und meiner Kognakflaſche 
ont eine intime Bekanntſchaft mit dem Roſſelenker an- 
fnüpfte, der die Zügel eines muthigen Sechsgeſpannes ers 
geiff. Im einer Stagefahrt hinter ſechs weitausgreifenden 
Trabern — californiſchen Rofien —, Schöneres giebt es nicht 
in der Welt! liegt tauſendmal mehr Poejte, als in eimer 
Eifenbahnfahrt, und man möchte die fommende Generation 
bemitleiden, daß ihr eine ſolche Reiſeromantik ein Bud) mit 
fieben verjchloffenen Siegen bleiben muß. in californi- 
ſcher Noffelenter beherricht feine fech® wilden Nenner mit 
einer bewundernswerthen Kunſt. Das Gewirr der Zügel 
hält er jo fider in der Hand, als wäre es eine Spielerei; 
mit dem vedjten Fuß manipulirt er faſt fortwährend die 
Bremfe and läßt die Räder bei abjchäfjigen Stellen gleiten 
ftatt hinrollen; um die VBergvorfprünge und an Abhängen 
wirbelt er den Wagen herum, daß es eine Yuft ift, den im 
Galopp voripringenden Veitpferden zuzuſchauen, die fo gut 
wie ihr Führer zu wiſſen fceinen, daß das geringfte Stoden 
an ſolchen Stellen das Gefährt unfehlbar zu Sturz bringen 
muß; er redet die Pferde zutraufich beim Namen an, umd 
die Hugen Thiere verftehen augenscheinlich feine noch jo leife 
geſprochenen Worte. 

Und weld; eine herrliche Gegend, von welcher die grauen 
Nebel ſich ſchnell verzogen, breitete fich hier um uns aus! 
Die mit langem Moos behängten Eichen ftanden parkähn« 


Das Tätowiren bei Europäern, 


Lich maleriſch auf den grünen ſchwellenden Hügeln; Hun— 
derte von Erdeihhörndyen fprangen rechts und linfs am 
Wege auf, jagten ſich in luſtigen Kapriolen oder flüchteten 
ſich in ein ficheres Verſtech; Rinder: und Schafherden weides 
ten auf den grünen Plänen und an den Bergabhängen; 
vor uns thürmten fic die dunkelblauen Kiüftengebirge ent: 
por, die langgeftredte Kette der Santas nes Range, an 
deren weſtlichem Fuße Santa Barbara liegt. 

Jetzt kreuzen wir das Bett des niedrigen Santa nes, 
der ſich im Binter in einen braufenden Gebirgsſtrom vers 
wandelt, und vor uns liegen die waldbededten Abhänge des 
St.-Marfus-Berges. 

Der Santa Mez firömt in weſtlicher Richtung am 
nördlichen Fuße des gleichnamigen Gebirgszuges hin und 
ergießt ſich einige Meilen üblich von Point Puriffima in 
den Stillen Ocean. An jeinem untern Laufe liegt in einem 
reichen Alluvialthale die TemperenzsKolonie Yompoc, wo 
fich ungefähr 1400 Anfiebler niedergelafien haben, die dem 
Genuſſe jedweden Getränts, das beraufchender als Thee ift, 
bei ihrer ewigen Seligkeit abſchwuren. In dem an 300 
Einwohner zählenden Städtchen Yompoc wagte es nur eins 
mal ein Deutjcher, einen Trinfjalon zu etabliven. Er wurde 
jedoch prompt verjagt und fein Haus im die Luft gejprengt. 
Seitdem kann man in Yompoc weder einen Schoppen Bier, 
noch ein Glas Wein, noch einen fonftigen Magenftärker fir 
Geld oder gute Worte erwerben. Die Kolonie wurde im 
Jahre 1874 gegründet und das Yand in derjelben zu hohen 
Preifen auf dem Auftionswege an Anfiedler verkauft, mit 
der ausdrucklichen Bedingung, daß der Verkauf oder Genuß 
von Bier, Wein und Schnaps dort auf ewige Zeiten unter 
fagt ſei. Daß ſich nur wenige Deutfche unter diefen Waflers 
fimpeln niedergelafen haben, wird wohl Niemanden Wun- 
der nehmen! 

Auf gewundenem Wege fuhren wir langfam den St. 
Markus-Berg hinan, zuerſt durch ein langes Canon, dann 
durch en Hochwald. Auf dem Gipfel, 3200 Fuß 
über dem Meeresfpiegel, überraſchte mic eines der groß: 
artigſten Yandicaftsbilder in Californien. Zwiſchen unge: 
euren Felsblöcken hielt unjer Gejpann eine geraume Weile 
auf dem Kamm des Gebirges. Inter uns lag das liebliche 
Thalvon Santa®Barbara, Wälder und Felder und freund: 


Das Tätowiren 


R. A. Heinrich Wuttke hat in feinem Werke „Die 
Entftehung der Schrift* (Leipzig 1872) auch dem Tätowiren 
einen großen Abſchnitt gewidmet und mit vielem Fleiße 
dort zufammengetragen, was wir über diefe merkwürdige 
Sitte bei den Naturvölfern wiſſen; aber feine ganze Dar« 
ftellung kranft an der vorgefaßten Anficht, daß im Tätowiren 
der Urſprung der Schrift zu fuchen fei. Ueber den gegen: 
wärtigen Stand der frage nad) dem Urfprunge der jelt- 
famen Sitte werden wir am beften belehrt durch eine Heine 
Abhandlung von W. Krauſe „Vom Tätowiren* im erjten 
und einzigen Hefte der Mittheilungen des Göttinger anthro- 
pologiihen Vereins (1874). Daß aber aud) in Europa, 
zumal in Kranfreich, Italien, England, das Tätowiren jehr 
verbreitet ift, erfahren wir aus einer neuen Schrift des 
Dr. Yacafjagne!), aus der wir hier einige interejlante 

!) Les tatouages, Etude anthropologique et mtdico- 


legale le Dr. Lacassagne. Avec planches. Paris 
3.°B. Baillöre et Als, 1881. . i 


125 


liche Heimftätten in wecjelndem Farbenſchimmer, gegen 
Norden die anmuthige Yandichaft Ya Patera, im Süden die 
fruchtbare Fläche der Carpenteria, und in diefem Rahmen 
die Stadt, eingeniftet zwifchen grünen Bäumen: dahinter 
der Hafen mit einem lang hinausgebauten Quai, das von 
der Brandung weiß umfäumte Ufer und das unendliche 
weite blinfende Meer, und 20 Miles vom Lande entfernt 
die drei langgeftredten Santa-Cruz- Infeln. Zu beiden 
Seiten von unferm erhabenen Standpunkte dehnte ſich das 
Küftengebirge — der Wall des Oceans! — in mächtiger 
Größe aus, und über das unermehliche Lande und Meer- 
bild, mit feinen veichen Farbentönen, wölbte fich ein azur— 
klarer Himmel, von deifen Höhe die goldene Sonne ihre 
Strahlengluth über das großartige Gemälde herabjandte. 

Die Fahrt zu Thal war ftellenweife etwas gefährlich. 
Un der Seite eines gewaltigen Abhangs führte die Land— 
ftraße über 75 breite Steinftufen herab, welche je andert: 
halb Zoll tief in den nackten Fels geichlagen worden waren, 
um den Hufen der Pferde dort einen Halt zu geben. Ehe wir 
diefe unangenehme Stelle pafjirten, wurden die Räder 
des Wagens fümmtlich mit ftarfen Ketten feitgejchlofien, 
und dann ging's Schritt vor Schritt, fozufagen ſprungweiſe, 
in die Tiefe. Der Kutſcher erzählte mir bei diefer inter« 
effanten Paſſage, daß hier im vorigen Winter die Leit- 
pferde feines Gejpannes 300 Fuß herabgeftürzt feien und 
den Hals gebrodyen hätten. Glüdlicherweiſe wären bei 
dem „Accident* bie Stränge geriſſen, fonft hätten die 
Stage und Infaffen und er umd bie anderen vier Gäule 
ohne Zweifel diejen Saltomortale mitmachen müſſen. 

Jetzt ging's im luſtigen Trab auf gewundenem Wege 
bergab, und bald war das Thal erreicht. Bei Weinbergen 
und ſchmucken Farmen jagten wir vorbei, an ibyllifchen 
Wohnungen, die fi) mit ihren bunten Blumengärten zwis 
[hen mächtigen Trauerweiden verſteckten, und hier hiel- 
ten wir vor der langen Façade des prädjtigen Arlington- 
Hotels, das etwas außerhalb der Stadt Liegt, und übergaben 
uns ber Pflege des freundlichen Wirthes, des „Colonel“ 
Hollifter, des BDefigers von halb Santa Barbara, der in 
Californien den Ruf eines vollendeten Gentleman befigt. 
220 Miles waren wir durch Berg und Thal kutſchirt, feit 
wir vor 48 Stunden Soledad verlafien hatten. 


bei Europäern. 


Auszüge geben wollen, die allerdings mandjen, der die nie- 
deren Vollsllaſſen nicht kennt, überraſchen dürften. 

In den Großftädten und Seehäfen Frankreichs findet 
man Leute, die Tätowiren ald Profeflion treiben. Ihr ge- 
wöhnliches Verfahren befteht darin, daß fie mit Hilfe einer 
oder mehrerer feiner Nadeln, die an einem Holzgriffe be 
feftigt find, auf die ftrafgeipannte Haut Bilder durchpaufen, 
die auf Delpapier entworfen find. Die Sammlung 
derfelben bieten fie den Yiebhabern zur Auswahl an. 
Doch zeichnen die Geſchickten unter ihnen auch nad) eigner 
Erfindung das verlangte Bild mit der Feder auf die Haut. 
Dann ftechen fie die in färbende Flüſſigkeit getauchten Na- 
deln im ſchiefer Richtung bis zur Tiefe eines halben Milli- 
meters in die Haut ein, indem fie immer den Linien der 
Zeichnung folgen. Manche machen nur einen einzigen Stich), 
andere ftechen ein zweites Mal, um deutlichere Konturen zu 
erhalten, immer im fchiefer Richtung, aber nur bis zur Tiefe 
eines Millimeter. Dann wird die Haut gewaſchen, ent» 


126 


weder mit Wafler, oder mit Speichel, oder auch mit Urin, 
angeblich um der der Operation folgenden Entzündung vor- 
zubeugen. 

Im Jahre 1871 fcheint in New-Yort ein Mann gleich 
fertige Platten befeffen zu haben, auf welchen Nadeln fo 
befeftigt waren, daß fie ein Vild gaben. Man brauchte 
dieje nur an die zu tätowirende Stelle anzudrüden, und die 
ganze Operation war im einem Zeitraum von einer Minute 
gemacht, während fie bei dem gewöhnlichen Verfahren 15 
bis 25 Minuten beanfpruct. 

Die am häufigften gebrauchten Farben find Tuſche, 

geftogene Holzlohle, Zinmober und blaue Tinte, feltener Ins 
digo. 
Die dichte Menge der Nadelftiche bewirkt einen entziind- 
lichen Zuftand der Haut, begleitet von Juden und Bildung 
von Schorf, welcher 5 oder 6 Tage, bis er abfällt, die 
Zeichnung verdedt. Dann aber zeigt fie fid) in ihrer gan— 
zen Reinbeit, und nad) Verlauf eines Monats hat fie ſich 
endgültig feſtgeſetzt, jo daß fie mie wieder vergeht, wenn fid) 
auch meift im Yaufe der Jahre merflihe Veränderungen 
einjtellen. Aber die Sache läuft nicht immer fo glatt ab, 
denn Autoren wie Rayer, Parent-Dudjatelet, Caſper, Tar- 
dien haben ſchwere Erkrankungen im Gefolge der Tätowi- 
rung verzeichnet und jelbit Todesfälle eintreten fehen. 

Dr. Berdyon kennt 18 Fälle ſchweren Entʒlindungs⸗ 
fiebers, 8 Fälle, wo Brand eintrat, 4, wo eine Amputation 
nöthig wurde, und 4, die den Tod zur Folge hatten. Eins 
mal beobachtete er die Entwidelung einer Adergeſchwulſt. 
Hutin, Rollet, Robert ferner führen Beifpiele an, daß dem 
ZTätowirten, ohne daß er es ahnte, Syphilis eingeimpft 
wurde, indem der giftige Speichel des veneriſchen QTätowis 
rers in die Nabeljtiche gebradjt und durch die Lymphgefüße 
unter der Haut aufgefangt wurde. 

Der Yaune, fid) mehr oder weniger jeltiame Sinnbilder 
oder Sprüche in die Haut graviren zu lajlen, folgt begreifs 
licherweiſe mandjmal der lebhafte Wunſch, ſich eines Males 
zu entlebigen, das feinen Träger leicht irgendivie fompromit- 
tiren fan. Dieſen Wunſch rechtfertigen eine Menge Um— 
ftände, die man fid) wohl denken kann, und die Mittel ihn 
zu erfüllen ſtammen aus den älteften Zeiten. Schon Aetius, 
Paulus Aeginenſis und Avicenna erwähnen biejelben. 

Alte oder neue Tätowirungen wieder verſchwinden zu 
machen, wendet man folgende Mittel an: die Zeichnung 
wird mit einer in Salzſäure oder noch beſſer Salpeterfäure 
getauchten Nadel wieder aufgejtochen, oder aber es werden 
leichte Einſchnitte über der Zeichnung in die Haut gemacht 
und diefe mit Salpeterfäure beftricden. Die dadurch ent: 
ftehenden Narben laſſen die frühere Eriftenz von Tätowis 
rungen nur ſehr ſchwer erkennen. Die Araber greifen im 
gleichen Falle zu einem Pflafter von ungelöjchtem Kalt und 
ſchwarzer Seife; diefe Miſchung hinterläßt eine Narbe wie 
von einem Zugpflafter. 

In einem Falle, weldien Lacaſſagne erwähnt, hat fol 
gendes Verfahren den beiten Erfolg gehabt. Es befteht 
darin, „die Zeichnung mit Sauerkleeſalz, welches in leicht 
mit Kochſalz verjegtem Wafler aufgelöft ift, wiedernachzu⸗ 
ftechen.“ Die Yöfung muß dabei ganz did fein. Dieje 
Operation macht den betreffenden Theil der Haut leicht an= 
ſchwellen; e8 bildet ſich Schorf und wenn diefer abfällt, ift 
die Tätowirung verſchwunden (voransgejegt, daß die Opera: 
tion gut ausgeführt wurde) und läßt nur Heine weißliche 
Narben zurüd, welce mit der Zeit ebenfalls vergehen. 

Zum Awede der Neproduftion der zahlreichen 
Tätowirungen, welde ihm vor die Augen famen, hat 
Lacaſſagne ein ebenfo einfaches wie ſinnreiches Verfahren 
angewendet. Es ift vom wirklichem Interefie, daſſelbe wei 


Das Tätowiren bei Europäern. 


ter befannt zu machen, denn es muß jedenfalls fir willen: 
ſchaftliche Beobachtungen eine Bafis von unanfechtbarer 
Gleichartigkeit kiefern. 

Dies Verfahren ift folgendes. „Durcfichtige Leinwand 
wird auf den betreffenden Körpertheil gelegt; die Zeichnung 
Scheint jehr deutlich durch und man fann mit einem gewöhn⸗ 
lichen Bleiſtifte leicht ihren Umriflen folgen. So hat man 
eine mathematisch genaue Wiedergabe des Bildes, weldyes 
fichtbar wird, wenn man die Yernwand auf ein Blatt weis 
Gen Papieres legt. Man fährt jest mit blauer oder rother 
Tinte über die Yinien hin, je nachdem die Tätowirung bie 
eine oder die andere Färbung zeigt. Iſt dies geſchehen, fo 
wird die Leinwand anf eine Pappe geleimt, deren Größe ſich 
nad) der der Tätowirung richtet. Auf die Rückſeite ber 
Pappe ſchreibt man folgende Bemerkungen, durch welche die 
Beobachtung vollftändig wird: 1. Yanfende Nummer. 2. 
Name und Borname des Tätowirten. 3. Geburtsort. 4. 
Beihäftigung und Kenntniffe. 5. Datum und Alter der 
Tätowirungen. 6. Dabei angewendetes Verfahren. 7. Uns 
zahl der Sigungen. 8. Dauer derfelben. 9. Notizen über 
den Tätowirer. 10. Beicreibungen” der Tätowirungen. 
11. Ihr Sig. 12. Ihre Yage. 13. Im der Färbung ein 
getretene Veränderungen. 14. Ob nad) der Operation 
Entzundung eingetreten ift? 15. Wie lange hat die Täto- 
wirung gebraucht, um ganz feit zu werden? 16. Welches 
ift der gegenwärtige Zuftand der Tätowirung ? 17. Dit fie 
verlöfcht? 18. Dit fie abfichtlich ausgetilgt ? 19. Iſt fie 
abgeändert ? 20 Eittlicjfeit des Tätowirten.* 

Sind diefe Angaben immer diejelben, jo kann man bie 
Beobachtungen unter einander vergleihen und bejtimmte 
Nefultate daraus ziehen. 

Lacafjague hat die Erfahrung gemacht, daß die direkte 
Anwendung der Photographie fein befriedigendes Nefultat 
giebt. Die verunglüdten Verfuche, welche er mit einem ge 
ſchickten Photographen Lyons in diefem Sinne angeftellt hat, 
haben ihm erlaubt, ſich hierliber ein entſcheidendes Urtheil 
zu bilden. Hat man dagegen die Bilder erft auf dev Pappe, 
jo liefert die Photographie jehr ſchöne Nefultate, 

Was das Wefen der Tätowirungen betrifft, fo 
hat Lacaſſagne ein Berzeichnig von 1333 derfelben angefer— 
tigt, die er theils in den Mititärzuchthäufern, theils in den 
afrilanifchen Bataillonen geſammelt hat; diefe Truppen find 
befanntlid aus Leuten zufammengefett, welche wegen Fah— 
nenflucht, Diebftahls oder Unterjcjlagung! verurtheilt find 
ober eine Iumverbefierliche Unbotmäßigkeit gezeigt haben. 
Unter den 1333 Tätowirungen zählt Yacaffagne 91 patrios 
tifche und militärische Sinnbilder; 98 beziehen ſich auf den 
Stand des Tätowirten, 111 find Injchriften aller Art, 149 
militärifche, 260 finnbildlice, 280 find erotifch, 344 frei 
erfunden oder hiftorifcher Art. 

Und welche Triebfeder, welche Einflüfie find es, denen 
biefe Yente nachgeben, wenn fie auf den fonderbaren Einfall 
lommen, ſich die Haut mit großſprecheriſchen oder abgedro- 
ſchenen Sprüden, mit Figuren, bisweilen objcöner Art, 
bededen zu laſſen, die noch dazu meiſt jedem Kunftfinne 
Hohn ſprechen? Diele Frage ift nicht ohme Jutereſſe; die 
Unterfuchungen im diefer Richtung lüften den Schleier über 
der wirklich pſychologiſchen Seite des Gegenftandes. Die 
von Lacaſſagne gefammelten Beiſpiele find Dank ihrer Ges 
nauigfeit und Vielfältigkeit wohl geeignet, die Löſung der 
Frage ganz befonders zu erleichtern. 

In Frankreich und feinen Befigungen beginnt man ſchon 
in der Kindheit, im Alter von 6 und 7 Jahren, ſich täto- 
wiren zu laflen; allgemeiner wird diefe Verfehrtheit im 16. 
und 18. Jahre. Darin verräth ſich der Einfluß einer Sitte 
der Werfftätten. Kindiſches Weſen im Bunde mit Uns 


Das Tätowiren bei Europäern. 


wiffenheit thut viel für die Verbreitung der Unfitte. Bon 
378 Individuen, welche diefe Thorheit begangen hatten, ers 
Härten zwar nur 79, nicht lefen zu können; aber die Bil- 
dung der 299 anderen war, wenigjtens bei der großen Mehr: 
heit, ganz elementar. Wenn fh ein Zwanzigſtel über das 
niedrigfte Niveau erhob, fo ift es viel, 

Das Soldatenleben ſcheint nur einen vernünftigen Eins 
fluß im diefer Beziehung zu haben. Nicht ebenfo iſt es mit 
dem Scemannsleben und befonders dem Aufenthalt im Ger 
fängniffe. Hier fcheint der Miüffiggang einen vorwiegenden 
Einfluß auszuüben. Man läßt ſich tätowiren aus Yangs 
weile, oder indem man den anderen nachahmt, nur um bie 
Zeit todtzuſchlagen; und wenn man einmal damit begonnen 
hat, jo giebt es fein Aufhalten mehr. Daher bietet feine 
Menjchenklafje ein fo weites Feld für Beobachtungen dieſer 
Urt wie die der VBerbreder. 

Es giebt Hier Leute (Lacaſſagne kennt ganz befonders 
merkwürdige Beiſpiele), deren Körperoberfläche in eine wahre 
Bildergalerie verwandelt ift. Die gleiche Neigung theilen 
die Broftituirten mit den Verbrechern. 

Arbeiten von Pombrofo thun dar, daß auf die Verbreis 
tung des Tätowirens auch der Aberglaube und daneben die 
politiiche Gefinmung nicht ohme Einfluß find, befonders in 
Italien. Hier ift die Sitte unter den Namen Marcon- 
zito, Segno, Devozione befannt, und befonders die Bauern, 
die Hirten und die piemontefiichen Soldaten find ihr ergeben. 

Am Heiligthume von Yoretto finden ſich marcatori, die 
ein frommes Geſchäft aus dem Tätowiren machen und für 
die Summe von 60 bis 80 Gentimes das Bild des heiligen 
Salraments, eines Krucifires, eines Schugheiligen in die 
Haut jtechen. 

Yombrofo hat eine Geſammtſumme von 6782 Tätowir- 
ten verglichen, von denen 3886 Soldaten und 2896 Bers 
brecher, Proftituirte oder verurtheilte Soldaten waren. Gr 
hat bei manchen, die ftarf im Verdacht ftanden, Mitglieder 
der Camorra zu fein, Zeichen gefunden, deren Berftändnif 
ihm fehlte und deren Erklärung ihm ohne Ausnahme vers 
weigert wurde. 

Alles in allem find in Italien nächſt den militärifchen 
Sinnbildern die religiöfen am zahlreichiten. 

Im Allgemeinen jedoch hat dies Yand nicht das Mono: 
pol für den Aberglauben. Nach der Erzählung ver- 
ſchiedener Neifender, wie 3. B. Ernſt Godart, werden bie 
Pilger, wie fie jedes Jahr nad) Derufalem fommen, mit 
einer manchmal unverſchämten Zudringlichteit von den from— 
men Industriellen dafelbft genöthigt, ſich irgend ein Erinnes 
rungszeichen an ihren Beſuch des heiligen Ortes einſtechen 
zu lajien. Und merkwiürbigerweife verftehen nur wenige 
dem Drängen Widerftand zu leiſten. 

Was den Sig der Tätowirungen betrifft, fo wechielt 
derjelbe je nad) der Laune der Liebhaber; jedoch bemerkt 
Lacaſſagne, daß er fie nie auf der äußern Fläche des Did- 
beins beobachtet hat. Am gewöhnlichiten befinden fie fich 
auf der innern Seite des Borberarmes; hier find die auf 
die ———— bezüglichen Sinnbilder im Ueberfluſſe vor— 
handen. Die Gegend des Nabels, das Geſäß und das 
männliche Glied haben das Privilegium für ſchlüpfrige Ge— 

enſtände; die Bruſt und das Geſicht tragen jentimentale 
dgebungen des Zornes und Haſſes, der Yiebe oder der 
BVerzagtheit. 

Lacaſſagne erinnert fid) an eine beträchtliche Jahl von Bei⸗ 
fpielen. Wir wollen nur im Vorbeigehen einige davon 
aufführen. Auf den Armen finden fid) Bilder von Wert: 
zeugen, wie fie der Beſchäftigung des betreffenden Indivi— 
duums eigenthlimlic find, ein Kompak, ein Hammer, ein 


Ambos; oder auch ein Reiter, ein Infanterift, ferner 


127 


Anker, gekreuzte Flintenläufe mit der Devife: „Mein Arm 
gehört meinen Freunden;“* u. ſ. w. Auf der Bruſt ift zu 
fehen ein Wilder mit dem Banner der Vereinigten Staaten 
von Nordamerifa, ein Dold in einer Wunde ftedend, ge 
flanmte Herzen, der Name der Geliebten; auf dem Bauche 
Perfonennamen und bei den Proftitwirten, bei europätichen 
ebenfo wie bei arabijchen, wenn fie noch jung find, Männer: 
namen, wenn fie im Alter ſchon vorgejchrittener find, 
Frauennamen; auf dem männlichen Gliede ein Pfeil, ein 
Frauenkopf und anderes; auf jedem Hinterbaden ein Auge, 
ein preußiſcher Soldat und ein Zuave die Bayonette kreu⸗ 
zend und darüber die Infchrift: On n’entre 

Einer, der auf der ganzen Oberfläche feines Körpers 
tätowirt war, trug fo eine vollftändige Generalsuniform 
auf dem Leibe. Als Fieschi wegen Fälſchung verurtheilt 
wurde und im Folge deſſen feines Ranges ald Ritter der 
Ehrenlegion verluftig ging, ließ er fid) einen Orden der 
Ehrenlegion auf die linke Bruft tätowiren. 

Die Gedanken, die vermittelft der Tätowirung niebers 
geichrieben find und deren Sig oft genug bie Stirn ift, 
verrathen gewöhnlich eine kindiſche Eitelleit oder beſtialiſche 
Rohheit; da findet man: „Mag kommen, was da will.“ 
— „Das Zuchthaus wartet mein.“ — „Wehe den Befieg- 
ten.“ — „Auf Yeben und Tod.“ Andere Gedanken find 
in Nebusform eingefleidet; wieder andere find ein Aufichrei 
des Haſſes, wie „Schmach und Schande fiber die falfchen 
Freunde.“ — „Tod den franzöfiihen Offizieren.“ Noch 
andere, wie die folgenden, verrrathen das Geflihl der gänz- 
lichen Muthloſigkeit und Berzweiflung: „Verlaſſen und 
allein, denn meine freunde find todt.“ — „Märtyrer der 
Freiheit.“ — „Die Vergangenheit hat mid) betrogen, bie 
Gegenwart macht mic, unglüdlid), die Zukunft flößt mir 
Furcht ein.“ 

Bom Standpunkte der gerichtlichen Medicin aus betrach⸗ 
tet, auf den wir jedoch micht weiter eingehen wollen, können 
die Tätowirungen geheime Gedanfen und Leidenjchaften, 
überhaupt die herricende Sinnesrichtung verrathen. Ber 
fonders die auf die Beichäftigung ſich beziehenden Bilder 
find werthoolle Merkmale, wo es fid) darum handelt, die 
Identität der Perſon feftzuftellen. 

Diejenigen Zeichen, welche die Verbrecher tragen, find 
charakteriſtiſch durch ihre Zahl, ihren Sig, und, wenn man 
fid) jo ausdrücken darf, durch die myſtiſche Sprache, welche 
fie reden, fei fie obfeön oder gehäffig. 

Endlidy verdient noch eine Bemerkung von Lombroſo, 
welche Yacafjagne beftätigt, wiedergegeben zu werden. Die 
ganz einzig daftchende Menge von Tätowirungen, wie man 
fie bei Verbrechern findet, ift ein Zeichen der Abftumpfung 
der Hautempfindlichkeit, die fie mit den Wilden gemein ha— 
ben und die fie auf der focialen Stufenleiter dem Natur: 
menfchen nahe bringt. 

Das Gebiet der Tätowirungen bei Naturvölfern hat 
Lacaſſagne leicht berührt; wir folgen ihm hier nicht weiter, 
da hier bei Wuttfe u. a. Befjeres vorliegt. Wir haben 
uns an den Grundgedanlen feines Werles, der diefem das 
Siegel einer unlengbaren Originalität aufdrüdt, gehalten. 
In Mebereinftimmung mit Yacaflagne ſtimmen wir mit 
feiner Schlußfolgerung überein, 


„daß bei der eingeborenen Bevölterung des Deci- 
dents in unferer Zeit die Tätowirung eine nur bei 
Ungebildeten in Gunft jtehende Sitte ift, und daß 
diejer äußerliche Ausdrud des Denkens ein Zeugniß 
ift für die Herrfchaft der von feinem Gegengewicht 
niebergehaltenen Naturtriebe eines in feiner Eut— 
widelung nur wenig fortgejchrittenen Charakters.“ 


128 


Aus allen 


Europa. 


— Ueber die budrographbiihe Aufnahme des 
Onega:Sees jchreibt der ruf. „Reg-Ung.": Der Ortega 
See hat in den fetten Jahren eine mehr und mehr zunch: 
mende induftrielle Wichtigkeit befommen; an feinen Uiern 
find viele neue Sägemühlen entfianden, bei Schungi find 
Steinfohlen entdedt worden und die Poftitraße von Pow— 
jenatz nad) dem Weißen Meere wurde ausgebaut. Alles dies 
trug zur Belebung der Dampfihifffahrt auf dem See bei und 
erhöhte die Notwendigkeit einer genauern hydrographiſchen 
Unteriuhung deiielben. Dieje begann im Jahre 1874 im 
fühlichen Theile des Sees; 1875 wurden am weſilichen Ufer 
die Bucht von Petrozawodsk, am Dftufer der Zugang zum 
Fluſſe Wobla unterjucht, deffen Mündung einen guten Hafen 
bildet; daneben fanden einige aftronomifche Ortsbeftimmun: 
gen ftatt. Die Annahmen des Jahres 1876, am beiden Ufern 
nad Süden zu fortgeſetzt und mit einer Reihe von Lothungs⸗ 
linien quer durch den See geführt, brachten die Arbeiten der 
beiden Vorjahre in Verbindung. Im Jahre 1877 folgte die 
Unterfuhung im nördlichen Theile des Sees im Diftrift von 
Schungi, wo die Klohlenlager entdedt waren. Endlich von 
1873 bi® 1581 wurden die rüdftändigen Arbeiten am Weſt⸗ 
ufer dei Sees und die Vermeſſung des zwifchen den Arbeis 
ten am dem wehllicyer und öſtlichen Ufer liegenden Seetheiles 
ausgeführt, im Jahre 1882 endlich wird der Neft der Norbd- 
hälfte de3 Sees vermeſſen. 

Eine andere für Erleichterung der Schifffahrt im Marien: 
foftem wichtige Arbeit ift bie 1831 begonnene Anlage eines 
Kanals zur Umgebung des Matko—Sees, welder 
neun Scleufen und die Zuleitung von Waſſer im dem letzt⸗ 
genannten See entbehrlich machte. Diefer lebhaft gefürberte 
Bau des 10 Werft langen Kanals wird anf die Beſchleuni— 
gung der Schiffsbewegung wie auf bie Herabminderung der 
Frachten für die Fahrt auf dem Marienſyſtem von vortheil- 
bafteftem Einfluß fein, 

— Bei Belprediung des Salzreichtſums Rußlands er: 
wähnt der ruf. ‚Reg.Anz.“, dag fi) in dem Berge Arza— 
gar, Kreis Enotajewsk, Gouv. Ajtrahan, eine ungewöhnlich 
ſtarle Schicht Steinfalz befindet, das ſich durch fait abfolute 
Reinheit des Chlornatrinms auszeichnet, bis jegt aber noch 
gar nicht ausgebeutet wird. Nur für lofalen Gebrauch wer: 
den dort jährlich an 100000 Pud Salz gewonnen, 


Bolargebiete, 


— Der Kriegsdampfer „Pola”, welcher die öfterreidiiche 
meteorologiihe Polarerpedition nah Jan Mayen 
bringen follte (verg. „Slobus* Bd. XLI, S. 218, 288) iſt, 
nad; vergeblihem Verſuche auf jener Inſel zu landen, nad) 
Tromjö zurüdgefehrt. In 14 Tagen, wo, wie man hofit, das 
Eis beſſern Jugang geftattet, jo der Verſuch wiederholt wer: 


Aus allen Erdtheilen. 


Erdtheilem 


den. Graf Wilczek in ſelbſ am Bord der „Pola”, einen 
Schiif von 90 Pferbefräften nnd 900 Tonnen. Die Mann- 
ichaft befteht aus 16 Offizieren und 70 amt. 

— Un 22. Juni it Sir Allen Doung mit ber 
„Hope“ von Gravesend aus in Sce gegangen, um der ver: 
mißten „Eira“ Hilfe zu bringen (vergl. „Globus“ Bb. XLI, 
©. 352), Die Mannſchaft befteht ans vier Offizieren und 
32 Mann, von denen der größte Theil ſchon in arktiichen 
Gewäſſern gebient hat. Die „Hope“ ift ein Dampffchiff von 
450 Tons, fie hat Lebensmittel filr 40 Mann auf zwei Jahre 
und außerdem für bie 25 Mann ftarke Beſatzung der „Eira“ 
auf ein Jahr am Bord und ift mit ſechs Eisboten, Zelten, 
Schlitten, Kochapparaten u. |. w. ansgerüftet. In den Inſtruk⸗ 
tionen, welche das Erpeditionstomife dem Führer derſelben 
ertheilt Hat, wird als wahrfcheinlid; angenommen, daß bie 
„Eira* Franz: Fofef-Land erreicht, aber weiter weſtwärts an 
der Küſte dieſes Landes überwintert habe, doch könne fie 
auch zum Verbringen des Winters im treibenden Eiſe ge— 
nöthigt geweſen ſein. Der von ber ‚Hope“ einzuſchlagende 
Kurs miürfe ſich nad) deſſen in der Barentsſee vorzufindenden 
Eidverhältniffen richten. Fir den Fall aber, daß ſich bie Be: 
fatung der „Eira“ auf Nomwaja Semlja zurüchziehe, follen 
in der Karmasfulibai und auf der Admiralitätshalbinfel ba: 
felbit Proviantdepot3 errichtet werben, ebenfo Cairns anf 
dem Trodnen Vorgebirge (Sſukoi Noß) der Aomiralitäts: 
halbinfel und weiter nördlich an Punkten, welde heimkeh— 
rende Mannichaften wahrſcheinlich beſuchen würden; im bies 
fen Cairns find Nachrichten über die angelegten Depots zu 
hinterlegen. Nachdem dies gefhehen, fol die „Hope am 
Rande des Eiſes entlang kreuzen, auch nördlich in der Rich 
tung auf Franz: FojejrLand vorzudringen fuchen, jalls ſchiff⸗ 
bares Waffer ſich zeigt, dabei aber jedes Riſilo, vom Eiſe 
beſetzt zu werden, forgfältig vermeiden, Von einem Beſuche 
Spitbergens wird abgefehen, weil Kapitän Palander, welcher 
die ſchwediſche meteorologiihe Station nad) der Moffelbai 
bringt, nad) der „Eira“ auszugnden verfprah. Auch find 
die ruffiichen und norwegiichen Nordfahrer unterrichtet und 
erſucht worden, fid) möglichſt nad; der „Eira® ober ihrer 
Maunſchaft umzufchen. 

Sir Henry Gore Booth, ber am 27. Mai mit 
Grant in der Jacht „Kara“ ausgefahren ift, um gleichfalls 
Leigh Smith zu juchen, telegraphirte am 20, Juni feine An: 
kunft in Tromſö. (Petermann’s Mittheilungen.) 

— Der Walfiihfahrer „Eclipfe", von Peter: 
head, Capt. Gray, ift von Norbgrönland in Lerwid, 
Shetland, mit 208 Walfiihen, 500 alten Sechunden, deren 
Ertrag auf 250 Tonnen Del geihägt wird, alſo der weitaus 
größten Beute, bie feit vielen Jahren in Grönland gemacht 
worden, angelommen. Capt. Öray berichtet milbes Wetter 
mit NMordoft: und Oftwinden; über 200 Meilen Eis waren 
in der Nähe von Jan Meyen während der Monate Mai 
und Juni verſchwunden. 


Inhalt: Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd III. (Mit fieben Abbildungen.) — E. Meuger: Zauber und Zauberjungen 
bei den Chinefen IT. (Schluß) — Theodor Kirchhoff: Streifzige in Süd - Californien 1. — Das Tätowiren bei 
Europäern. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — Polargebiete, (Schluß der Redaction 30, Juli.) 





Rebacteur: Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lintenftrafe 11, IN Tr. 
Trud und Verlag von Friedrich Viemeg und Sohn in Braunſchweig. 


Hierzu eine Beilage. 


EN ö 
> Or £7 


Band XLI. 


— — 





DR) ee 
Mit befonderer Berüchfihtigung der Anthropologie und Ethnologie. 
Begründet von Karl Andree. 
In Verbindung mit Fahmännern herausgegeben von 
Dr. Richard Kiepert. 


aM SS 
: Jährlich 2 Bände à 24 Nummern. Durch alle Buchhandl d Iten 
Braunſchweig zum Preiſe von 12 Mark pro Band zu a — 1882. 





Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


(Nach dem Engliſchen der Lady Anne Blunt.) 


IV. 
(Sämmtlihe Abbildungen nach Skizzen der Reiſenden.) 


Gleich bei dem erften feierlihen Empfange in der Kas | gen feines Wohlwollens und ging dann fogleich zu dem 
wah des Schlofjes wurde es den Reiſenden Klar, da fie fich Ta über, mit defien ausführlicher Erörterung er fie von 
von den Auftänden im Scammarreiche eine zu geringe | nun an täglich ftundenlang ermitdete: zu den perfönlidyen 
Borftellung gemacht hatten. Wie eine Verlörperung orien> | und Stammesverhältnifien ſämmtlicher ihnen befannter Bes 
taliſcher Pracht erfchien ihnen die glänzende VBerfammlung duinenſcheichs im Norden, zu ihren Bindniffen und Feh— 
in dem großen, fänlengetragenen Saale: der Emir mit | den u. ſ. w. Sein lebhaftes Interefje für den Gegenftand, 
feinem Better und fteten Begleiter Hamüd auf einem er: | die genaue Kenntniß der inneren Angelegenheiten weit ent: 
höhten Plage figend, das Gefolge im Kreife umher ftehend, | fernter Stämme ließen unſchwer erfennen, daß er bei allen 
Ale in den foftbarften feidenen Sewändern und mit Waffen | hierauf bezitgliden Fragen von perjönlichen Motiven gelei- 
verjehen, deren funftvoll in Gold und Silber gearbeitete | tet wurde und ſich mit geheimen Abfichten einer Machtver— 
Scyeiden und Griffe auf das Neichfte mit Edelfteinen vers | größerung nach Norden hin trug'). Waren die Schärfe 
ziert waren. Die Ueberreichung der unerläglicyen Seichente | und Klarheit des Urtheils und das überlegene politifche Ber: 
war unter diefen Umftänben eine peinliche Aufgabe. Denn ſtändniß, die ſich im feinen Neben offenbarten, einerjeits in 
die Hleidungsftlide, die man auf dem Bazar von Damaskus | der That bewundernswerth, jo zeigte er andererjeits eine fo 
ausgeſucht und al® das non plus ultra von Pracht fiir den | Kindiiche Eitelkeit und lächerliche Eiferſucht, die durch die 
Scheich der Schammar betrachtet hatte, jahen hier ärmlic | Erwähnung jedes Vorzuges bei einem andern Scheich auf 
aus und entſprachen faum der Kleidung eines feiner Diener; | das Empfinblichfte beleidigt wurde, daß die Neifenden bald 
eim großes Teleffop, ein Revolver und eine Wincheſter- alle ihre Aufmerkſamkeit zufammtennchmen mußten, um ihn 
büchie, die Blunt noch hinzufligte, alles Gegenftände, | — — 

die das Herz jedes Roala- oder Anezch : Scheichs entzitdt ) Wie richtig dieſe Vorausfehung der Reifenden war, be: 
haben wen, madten Bir and, fin Old mehr: fe | MC golenme, A Mal, in Mn IC0, ma er mi 
waren dem Emir nicht nur befannt, fondern, wie die Reis | die Harra bis nad dem Haurän zog, alle Beduinenftämme auf 
fenden fpäter ſelbſt jahen, ſchon längft in feinem Befise | feinem Wege erit befiegte und dann zu Berbindelen machte 
vorhanden. Dit edit arabifher Höfe äuferte ex ro | uns se 30 Melle bor Demestus an, 103 it Im I 
dem feine Bewunderung, jah pflichtſchuldigſt längere Zeit Selen des türtifchen Reiches er Berfuch madıen 
durch das Teleſtop nach der gegenüberliegenden Mauer, er= | wird, das ganze Land öftlih vom Jordan unter feine Herrſchaft 
widerte Blunt's Anrede mit den freundlichſten Berſicherun⸗ zu bringen. 


Globus XL. Nr. 9. 17 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


130 


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vg won Hloyp> rg log un bunqus piao; Apınmalaz 





Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 


icht durch eim unbedachtes Wort der Anerlennung für die 
Berdienfte oder auch nur das Gluck eines Andern immer 
wieder zu reizen. So waren fie herzlich froh, als er die 
Aubienz fr beendigt erklärte und ſie, nachdem noch eine 
gemeinjame, aus Datteln, Brot und Butter beftchende Mahl: 
zeit eingenommen war, aufforderte, ihn in den großen Pas 
laſthof zu begleiten und dort dem medschlis beizuwohnen, 
der öffentlichen Serichtsfigung, die er täglich Hier abzuhalten 
pflegte. Der Anblick, der ſich den Reiſenden hier darbot, 
war in der That impofant. Auf dem großen, etwa 100m 
langen und halb fo breiten Hofraume faßen in boppelter 
Reihe, ein großes Quadrat bildend, die Yeibgarden des Emirs, 
800 bis 1000 Mann, die in einer Art Uniform, dunlel⸗ 
braunen Mänteln und ro— : 
then oder blauen Turbanen, * 
dazu großen Schwertern 
mit ſilbernem Griffe, äu— 
Berft ſtattlich ausjahen. 
Die Hintere Reihe ſaß auf 
einer bantartigen Erhöhung, 
die Vorderen fauerten auf 
dem Boden. Fir den Emir 
befand ſich ein erhöhter 
Sig an der Hauptwanb, 
auf dem er mit Hamübd 
Platz nahm. Mubaret, 
fein weißer Lieblingsſtlave 
und zugleid) einer der reid)- 
ften und angejehenftent Yeute 
von Hail, ftellte ſich dicht 
hinter ihm auf. Sem 
Amt war es, über die pers 
ſonliche Sicherheit des nicht 
ohne Grund ftets für fein 
Yeben fürdhtenden, mißtraui⸗ 
jchen Herrſchers zu wachen. 
Die Gefahr, die Moham- 
med Ibn Raſchid beftändig 
über ſich ſchweben ſah und 
die ſeinem Weſen das Un— 
ruhige, Unberechenbare gab, 
war übrigens feineöwegs 
„officieller“ Natur; denn 
er jtand beim Volle allge 
mein im höchften Anichen. 
Es handelte ſich einſach 
um die ja inmmerhin mög: 
liche Vergeltung der zahl- 
reichen Berwandtenmorde, 
durch die diefer jet „tus 
gendhaftefte* aller muss 
ũmiſchen Herrſcher fich zur Negierumg verholfen hatte. 
Der Verlauf der Gerichtsfigung zeichnete ſich durch eine fir 
europäiſche Begriffe beneidenswerthe Schnelligleit des Ver— 
fahrens aus. In Zeit von einer halben Stunde wurden 
nicht weniger als zehn Angelegenheiten vorgenommten und 
erledigt. Was an Bittſchriften itberreicht wurde, das las 
Hamäd fogleid, vor, und meift fegte der Emir ohme weitere 
Distuffion fein Siegel darumter. Ein Streit zwiſchen zwei 
Einwohnern der Stadt gab Beranlaffung zu einigen Hin 
und Herreden, war aber aud) in mod; nidjt Flnf Minuten 
endgültig entſchieden. Am junmarifchften wurde mit meh⸗ 
reren Pilgern des am vorhergehenden Tage cingetroffenen 
perſiſchen Hadſch verfahren, die ſich über ungerechte Beftene- 
rung durch die Vente des Emirs beflagten. Sie wurden 
einfach abgewiefen und dann, ebenfo wie die ziemlich zahl- 





Zahme Gazellen im Garten des Schloſſes von Hail. 


131 


reich verfanmelte Zuſchauermenge, unter der ſich noch viele 
der fremden Pilger befanden, durch die Soldaten vom Hofe 
entfernt, 

Die Stadt Hall, deren Page Blunt um etwa 60 Miles wei- 
ter nad) Süden angicbt, als fie auf unferen bisherigen Karten 
verzeichtet ift, bietet am umd für fich wenig Bemerlenswer⸗ 
thes dar: Meine weiße Häuſer und große Palmengärten, 
auf dem Bazar wohl einiges am gutgenrbeiteten Waffen, 
aber nichts, was auf Origmalität Anſpruch gemacht hätte, 
Die Neifenden empfanden es daher als keine große Entbeh- 
rung, als fie ji) nad) wenigen Tagen ſchon durch den frei: 
lich zuritdgehaltenen, Be aber merkbaren Widerwillen 
der Einwohner genöthigt ſahen, ihre Wanderungen durd) 
die Stadt einzuftellen. Täg: 
lich mehrmals nach dem 
Palaſte bejchieden und von 
zwei Soldaten ber Leib— 
wache dorthin geleitet, fans 
den fie ſich durch die Be: 
reitwilligfeit des Emirs, 
ihnen die „Wunder“ des 

iv zu zeigen, faft immer 
fir die Yangeweile der un- 
vermeiblichen  politiichen 
Geſpräche entjchädigt. Am 
zweiten Tage ſchon erbot 
er ſich, ſie in ſeine bisher 
noch von keinem Fremden 
betretenen Gärten zu füh⸗— 
ren. Durch ein Labyrinth 
jchmaler gewundener Gänge, 
tiber verschiedene kleine 
Höfe gelangte man im deu 
Hauptgarten, einen von 
hohen Mauern umiſchloſſe 
nen Palmenhain, an deſſen 
Pforte eine Schar von 
ſchwarzen und weißen Skla⸗ 
ven den Emir erwarteten. 
Zahlreiche Gazellen, die 
hier frei zwiſchen den Bäns 
men umberliefen, kamen 
den Eintretenden entgegen, 
um fid) von ihnen mit 
Datteln füttern zu loflen. 
Es waren zwei verſchiedene 
Arten, eine dumlelere und 
eine hellere (wahrſcheinlich 
bie gazelle des bois und die 
gazelle des plaines, welche 
die Franzoſen in Algier 
untericheiden) hier vertreten; beide follen die Gefangenſchaft 
gut vertragen und fich reichlich vermehren, Eben fo zahm 
wie fie waren auch zwei große Steinböde, die ihre unge 
heuren Köpfe mit fichtlichem Wohlbehagen von dem Emir 
jtreicheln ließen. Was das Interefje der Neifenden aber 
am meiften in Auſpruch nahm, das waren drei der joge: 
nannten wilden Kühe (bakar wahhasch) aus der Nefüd, 
die fie hier zum erftenmal zu Geſicht belamen. Mit einem 
Fetthöcker auf den Schultern wie die Zebus, haben diefe 
weißen Antilopen in der That die größte Achnlichteit mit 
dem Rinde. Augenſcheinlich ſagte ihmen die Gefangenschaft 
aber durchaus nicht zu. Wenn auch im guten Futterzuſtande, 
waren fie doch alle drei mit Anfchwellungen an dem Füßen 
und Knieen behaftet umd dabei fo withend, daf die im Gar: 
ten arbeitenden Eflaven ſich nicht mit Unrecht vor ihren 


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132 


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Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 

















Dicheridipiel vor den Thoren von Hall. 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 


drei Fuß langen, ungemein fpigen Hörnern fürdpteten. | Pferde zu fein. 


Durd) eine niedrige Thür, die man nur gebüdt paſſiren 
fonnte, gelangte man im dem zweiten Garten, in dem die 
herrlichſten Citronen⸗ (treng), Pomeranzen⸗ und Granat⸗ 
äpfelbäume ftanden. Bon Blumen war aud) hier nichts als 
eine Art Thymian vorhanden. Wieder ging es dann ge- 
bückt durdy eine Heine Pforte in der dicken Mauer, aber 
nicht, wie die Reifenden vermutheten, in einen dritten Gar— 
ten. Zu ihrer größten und freudigften Ueberraſchung fan- 
den fie ſich plöglich, wie Lady Blunt jagt, „an dem Hauptziele 
ihrer Sehnſucht*“, ſahen fie das „Ideal aller Pferdekenner 
und Yiebhaber des edeljten Sports“, die Pferdejtälle des 
Emirs von Hail vor fih. Die politifchen Umwälzungen, 
die im Yaufe der legten 20 Jahre in Nedſchd ftattgefunden 
haben, und bei denen die Macht und Führung aus ben 
Händen der Ibn Satıds von Niad in die Hände der Ibn 
Raſchids von Hail übergegangen ift, haben diefen letzteren 
auch das einzige in Arabien wirklich anerkannte Preftige 
gegeben), das nämlicd), Beſitzer der meiften und edeljten 





133 


Mohammed Ibn Nafchid ift heute nicht 
nur der mächtigfte Scheich), er ijt and) zugleich der 
veichjte unter den Fürſten Arabiens und deshalb na- 
turgemäß Gigenthlimer des berühmteften und großartig: 
ften Geſtüts. Alle die Wunder, die Palgrave vor adıt- 
zehn Dahren mit vielleicht etwas zu lebhafter Phantafie 
von dem inzwifchen ſehr zuriidgegangenen Geſtüt der Ibn 
Sauds berichtet hat, waren den Meifenden jett über 
die Pferde des Emir von Harl mitgetheilt worden. In vier 
unbededten, durdy Mauern von einander geiciedenen Hof: 
räumen fahen fie num den ganzen Reichthum vor fich: etwa 
50 Stuten, 8 Hengfte und 30 bis 40 Fohlen, die an 
rings um die Höfe laufenden fteinernen Krippen befeftigt 
waren. Es ift hier nicht der Ort, auf Lady Blunt's aus— 
führliche und mit großer Sachlenntniß gefchriebene Schilde: 
rung näher einzugehen; wer fich fir Pferdezucht intereffirt, 
wird im dem betreffenden Stapitel (A pilgrimage to Nedj; 
ch. XII) vieles Wiffenswerthe und manche Berichtigung 

\ alter irriger Annahmen finden. Hier genitge es, zu fagen, 


Ein Abend bei dem Emir. 


daß der erfte Eindrud, den die fremden empfingen, der der | 


größten Enttäufchung war. Keines der Thiere, die ſie vor 
jich fahen, lief fic) in Bezug auf Geftalt oder Eigenſchaften 
mit dem herrlichen Pferden vergleichen, die fie im vorher 
gehenden Jahre bei den Gomuſſa gejehen hatten, Bei 
mehreren fpäteren Befuchen modificirte ſich freilich dieſes Ur— 
theil bedeutend. Die winterliche Unthätigkeit (während ber 
Sommermonate wird da& ganze Geftitt mad) der Nefüd ge 
bracht) und der Mangel an forgfältiger Wartung gab den 
Pferden ein verwildertes, ſchlechtes Ausſehen. Was die- 


Reifenden mit Bewunderung am einem ber letzten Tage 
ihres Aufenthaltes in Harl, wo der Emir fie zu einem 
Morgenritt nad) dem vor der Stadt belegenen Yager der 
perſiſchen Pilger auffordern ließ. Es war ein glänzendes 
und unvergeßliches Scanfpiel, das ſich ihnen hier im 
Lichte des Harften Morgens und auf dem Hintergrunde 
einer eigenartig fchönen Landſchaft darbot, Der Emir ritt 
an der Spige einer impofanten Savalfade; feine fänmt- 





Plane vor dem Pilgerlager an. 
felben eigentlid) waren und fein konnten, das jahen die | 


anch, nad; beduinischer Sitte barfuß. Die Pferde — alles, 
was der Marftall an edeljten Thieren beſaß —, gut geputst 
und jchön anfgeziumt, zeigten in der Bewegung ein Feuer 
und eine Anmuth, die man von den trägen, hoffnungsloſen 
Inſaſſen der Ställe des Schloſſes nie erwartet haben würde. 
Die frifche are Yuft der Ebene von Nedichd, die nad) Yady 
Blunt an belebender Wirkung ihres Gleichen nicht hat, 
regte die Begleiter des Emir zu einer improvijirten Fanta— 
fia, dem fogenannten Dſcheridſpiele, auf dem harten, feften 
Unter lauten Jauchzen, 
lange Palmenftäbe anftatt der Yanzen ſchwingend und die 
Pferde zu immer tolleren Sägen anfenernd, dann wieber 
fie plöglich herummerfend, fchoflen die Reiter in wilden 
Scheingefechte durcheinander. Der Emir, der anfangs, um 
vor den Neifenden feine Wiirde zu wahren, neben ihnen ge- 
halten und dem herrlicyen Schaufpiel zugefehen hatte, konnte 
enblich nicht mehr widerftehen. Er entriß einem der Stla: 
ven den Dſcherid, d. i. den langen Palmenftab, ftreifte die 


ſeidenen Kefijehs zurid, und war nun — barhaupt, mit 
den langen, im Winde flatternden Bebninenloden, mit blo— 
ben Armen und Beinen — in einem Augenblide der 


lichen Begleiter, Verwandte, Freunde, zum Theil auch 
Sklaven, in reichſter Kleidung; alle aber, wie er felber | 


134 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 


MWildefte unter der wilden Schar. Er jauchzte und fchrie, | jeden Fremden, der nach Hail kommt, ſowie alle Armen ber 


verfolgte und tie fich verfolgen, ftürzte ſich im den dichte: 
ften Haufen, jprengte in tollem Jubel hin und her, „gerade 
ald ob er noch nie eine Sorge empfunden amd noch nie cin 
Verbrechen begangen hätte“, Daß er in diefem feinem 
wahren Charakter als echter Beduine und „Sohn der 
Wifte* and) die Herzen der ruhigen Stadtaraber flir ſich 
zu gewinnen wußte, das jah man an der Zufdjauermenge, 
die ſich Hier vor den Thoren von Hail eingefunden hatte 
und mit allen Zeichen der Begeifterung das Spiel vers 
folgte. Verſtand er es doch auch in anderer Beziehung durch 
die Entfaltung der populären Tugenden der Gaftfreiheit und 
Freigebigleit fich weit und breit beliebt zu machen. Der bes 
deutende Reichtum, Über den er verfügte, erlaubte es ihm, 











nie fehlen, auch Mir. Blunt und feine Gattin mußten regel: 
mäßig erſcheinen. Kaffee, der über dem im Herdloche am 
Boden brennenden Feuer erft geröfter und dann bereitet 
wurde, ſehr füher Thee und Datteln bildeten die ftehende 
Vewirthung, die Kämpfe der Roala die ftchende Unter: 
haltung — manchmal freilich hatte auch der Emir feinen 
Gaſten eine oder die andere neu eritandene Koftbarkeit zu 
zeigen. So lernte Yady Blunt hier am Hofe zu Hail zu 
erjt ein Spielzeug fennen, von dem fie ald von etwas 
Neuen ſchon in Europa gehört, das fie aber dort noch nicht 
zu Geſicht befommen hatte. Es war das jeinerzeit belichte 
Telephon einfachſter Konſtruktion, die beiden mit einer 
Schnur verbundenen und mit Pergament iberjpannten 
Blecheylinder, mit dem hier zwei Sklaven zur Beluftigung 
der Säfte operiren mußten. Daß jie dabei einander mit 


Wilde Palmen im Thale von Agde. 


Stadt als feine Gäſte zu bewirthen. So wurden außer dem an 
und fir ſich ungemein zahlreichen Haushalte des Emirs täg- 
lich noch 200 bis 300 Fremde und Arme im Schloſſe ge: 
ipeift; und wenn man furz vor Sonnenuntergang in den gros 
gen Hof fan, fand man hier regelmäßig eine große hungerige 
Menge verfammelt. 40 Schafe oder 7 Kameele wurden 
täglich im Schloſſe geſchlachtet. Kein Fremder wurde unbe 
fchentt entlafien; die Nermeren wurden gänzlich eingefleidet, 
die Reicheren erhielten ein einzelnes foftbares Stleidungsftitd 
oder ein Kameel. Jeden Abend nach Sonnenuntergang, wenn 
er in feinem Harem gefpeift hatte, empfing der Emir feine 
eigenen Säfte, angejehene Einwohner der Stadt, etwa ans 
wejende fremde u. j. w. Mubaret und Hamdd durften 


— 


lauter, weithin hörbarer Stimme ihre Fragen und Ant— 
worten zuriefen, ſchien Allen die Abjicht bei dem Experi— 
mente zu fein, 

Bon der jtreng wahhabitischen Richtung, die in Hail 
herrſchen follte, trat am Hofe des Emirs nichts befonders 
Auffälliges hervor: höchſtens, daß man ſich des Rauchens 
als einer Siinde enthielt, und daß die Gebete häufiger und 
mit größter Pünktlichkeit abgehalten wurden, und dies zwar 
nicht nur von den Männern, jondern, wie Yady Blunt bei 
ihren Befuchen im Harem des Deftern jah, aud) von den 
Frauen. Der Emir, ebenfo wie Hamüd, hielt fid) an die 
von Propheten noch gejtattete Vierzahl von Frauen; die 
beiden Hauptgattinnen genichen das Privilegium, immer 
in Hail bleiben zu dürfen, während die beiden anderen 
den Gatten auf dem alljährlichen Zommerzuge in die Nefüd 


‚Eine Pilgerfahrt nad) Nedichd. 


und auf friegerifchen Expeditionen begleiten müflen. Was 
Yady Blunt von dem Haremsleben in Hail ſah, unterſchied 
fich nicht weſentlich von den Juftänden, die fie von ihren 
Aufentgalten in Syrien her kannte. Ueberraſchend war ihr 
die Pracht, die fie auch hier vorfand, und namentlich die 
zahlreichen europäiichen Fabrikate, die ihren Weg durch die 
Witfte gefunden hatten: eiferne Bettftellen, große Spiegel 
in Goldrahmen, Lehnſtühle und ähnliche Dinge. Die gro: 
Ben goldenen Nafenringe, die tellerförmigen goldenen Kopf- 
ichmude, die mit Kohle umrändberten Augen und die farmin- 
gefärbten Lippen der in ſackförmigen Gewändern von Gold— 
brofat jtedenden Schönen nahmen fid) neben jenen hierher 
verſchneiten nüchternen Hausrath doppelt phantaftifch aus, 
Was die Nafenringe anbetrifft, jo werden fie in Nedſchd be- 
jonders groß getragen, nie unter einem Durchmeſſer von 
1'/2, bis 2 Zoll. De höher der Rang der Frau, deſto größer 
ift auch der Ning. An einer von dem Kopfſchmuc aus: 
gehenden goldenen Kette befeftigt, wird der Ring beim Eſſen 
aus der Naſe gehaft und hängt dann auf die Schulter herab. 
Aber aud) ohne diefe Veranlaffung bildet das Auss und 
Wiedereinhängen des Ringes eine halb unbewußte, fort- 
währende Lieblingsbeihäftigung der müßigen Hände und 
einen widerwärtigen Anblid für jeden Fremden; denn das 
durch den Najenflüigel gehende Loch ift meift äußerſt unge— 
ſchickt gebohrt, viel zu groß und oft tief eingeriffen. 

Während der legten Tage ihres Verweilens in Hail 
trat durch die findifche Thorheit ihres Begleiters Moham⸗ 
med, ber fich plöglich den Leuten des. Emirs gegenliber fiir 
den Herrn der Expedition und das Ehepaar Blunt für 
feine Untergebenen ausgab, ein ärgerliches Mißverſtändniß 
zwijchen die Reifenden und den Herrſcher. Die Zeichen 
der Ungnade, die mit einer geringern Ouantität und einer 
bedentend herabgegangenen Qualität der vom Schloſſe ges 
lieferten Nahrungsmittel begannen, hatten ſich ſchon in 
drohender Weife gemehrt und mancherlei ernſthafte Der 
tungen in den Keifenden wacgerufen, ald es zum Glüuck 
nod) in der zwölften Stunde durch die VBermittelung Muba- 
refö gelang, den Emir von bem wahren Sachverhalt zu 
überzeugen und alles wieder ins Meine zu bringen. Im 
den Bemühen, den Zwiſchenfall vergefien zu machen und 
den Fremden einen Beweis feines wiedergefehrten Ber: 
trauens zu geben, ertheilte Mohammed Ihn Raſchid ihnen am 
nämlichen Tage noch aus freien Stüden die Erlaubniß, die 
mehrere Meilen von der Stadt mitten im Gebirge belegene 
Feftung Agde zu beſuchen. Es war dies eine hohe 
Bergünftigung; denn bis jest hatte noch mie ein Fremder 
je das Gebiet der Feſtung betreten dürfen. So mußten 
denn aud Mr. und Yady Blunt ihr Ehrenwort geben, nie 
und Niemanden etwas Näheres über die Lage des feſten 
Platzes zu verrathen, der feit undenklichen Zeiten fon im 
Privatbefise der Ion Raſchid fein joll und im der aufftei- 
genden neuern Geſchichte des Geichlechtes eine wichtige Rolle 
gefpielt hat. Ueber die Richtung, im welcher Agde von 
Hail aus liegt, giebt Yady Blunt demgemäß nichts an, doch 
schildert jie den Drt als ein durch die ginftigfte natitrliche 
Yage faft umeinnehmbares Felfenneft, das durd) ringsum 
aufgeführte rohe Befeftigungswerfe noch verftärkt worden 
ift. Durch ein enges, vielfach, gewundenes Thal, deffen 
Sranitwände abrupt aus dem Sande emporfteigen, führt 
der Weg aus der Ebene hinauf. An einer Stelle der 
Thalwand zeigt ſich hier eine merlwürdige alte Inſchrift 
in arabijchen Yettern, die von Mr, Blunt fopirt und fpäter: 
hin durch Herrn Sabundſchi, einen gelehrten Araber, fol: 
gendermaßen gedeutet worden ift: 

„Dies (ift) die Ruine von Sanherib (8 Gebäude).“ 
Wenn Kopie und Deutung richtig find, fo würden hier 


135 


zwei Näthjel vorliegen: einmal, weshalb und wann follte 
Sanherib einen Wüftenzug nad) Nedſchd gemacht haben ? 
und zweitens (was noch bedenklicher ift): weshalb ſollte die 
Inschrift in arabiſchen Pettern, anftatt in Keiljchrift verfaßt 
worden fein? 

Hinter der Feftung, die am engften Theile des Thales 
liegt, erweitert fich dafjelbe zu einem großen Halbrund, in 
das drei Meinere Wadis einminden. Die herrlichſten Dat- 
telpalmen wadjen hier wild, ohne jede Pflege und ohne 
andere Bewäflerung, als die ihnen „min Allah“, von Gott, 
kommt, wie die Araber fagen. Die ſtattlichen Bäume bil: 
ben einen ſchönen Sontraft zu den ringsum auffteigenden 
nadten, ſchroffen Felſen des dunfelrothen Granits. Ein 
Heines Schammardorf liegt am Grunde des Thalkeſſels uns 
ter den Balmen; die Bewohner nahmen die Neifenden und 
ihre beiden zu der Leibwache des Emirs gehörenden Be: 
gleiter freundlich auf, führten fie durch die Feſtung, nad) 
ben nahen Brunnen und zu den weiter abgelegenen ftarken 
Befeftigungswerfen, welche die Zugänge der Heinen Seiten: 
thüler jchligen. Die tiberreidye Bewirthung von Kaffee 
und Datteln wurde durch mannigfacde Erzählungen tiber 
die Geſchichte der enticheidenden Kämpfe gewürzt, deren 
Mittelpunkt Agde gebildet hat, Hier hatte der Vater des 
heutigen Emir, der fräftige Abdallah Ibn Raſchid, die 
Scharen der Ihn Ali vernichtet und dadurch das Scheichat 
von Dicebel Schammar fir ſich und die Seinen gewon— 
nen; hier hatte vor noch nicht zehn Jahren das letzte Ge— 
fecht ftattgefunden, durch welches die Unabhängigkeit des 
Schammarreiches von der Dberhoheit der Imäme von 
Niad, der Ion Saüds, endgültig beftätigt wurde. 

Bon diefem Ausfluge zuriidgefehrt, begannen die Reis 
fenden ſich nunmehr ernftlich mit den Vorbereitungen zu 
ihrer Weiterreife zu beſchäftigen. Die Erfahrungen der 
legten Tage hatten ihnen den Aufenthalt in Hail werleidet 
und ihnen jedes Gefühl von Sicherheit genommen. Ihre 
ursprüngliche Abſicht, noch nad) Riad zu gehen, hatte den 
Beifall des Emirs nicht gefunden, fo konnte nicht mehr 
die Rede davon fein. Sie mußten ſich wohl oder übel 
dazu entſchließen, mit dem Pilgerzuge, der in den nächſten 
Tagen Hail verlaffen follte, nad) Mefchhed Ali zu gehen, 
wo bie von Mella zuriidfehrenden Schiiten die heiligen 
Gräber Ali's und Huffeim’s zu befuchen pflegen. Die große 
Pilgerftraße vom Enphrat nach Mekka war auf dem Theile 
bis Nedſchd noch nie von einem Europäer begangen wor: 
ben, jo fonnte man auf diefem Wege mandyes Neue und 
manche Berichtigung für die Karten diefes weiten Gebietes 
finden. Werden auch die perfiichen Pilger im Allgemeinen 
von den Urabern, denen fie hohen Tribut und Wegegeld 
für das Paſſiren ihres Gebietes und den Schug auf dem 
felben bezahlen müffen, mit größter Berachtung behandelt, 
und betrachteten namentlich der Emir und die Einwohner 
von Hail die jährlic, zweimal eintreffenden Pilgerzige als 
Haupteinnahmequelle und ruckſichtslos zu plündernde Beute, 
fo wurden in einzelnen Fällen aud) Ausnahmen gemacht, 
Die vornehmfte Perfönlichkeit unter den jegt anweſenden 
Hadſchii war Ali Koli Khan, ein jüngerer Sohn des mäch— 
tigen Khan der Baltiari, der mit einem glänzenden und 
überaus zahlreichen Gefolge und mit allem nur denfbaren 
orientaliichen Meifetonfort die Wallfahrt nad, Mekka ge— 
macht hatte, Um feines Vaters Willen wurde er von dem 
Emir mit den größten Ehren aufgenommen, was freilid) 
nicht verhinderte, daß der junge Perfer feinerfeits in ver— 
traulichen Unterrebungen mit Mr, Blunt, der ihn mehr: 
mals in feinem koftbaren Zelte beſuchen mußte, feinem Ent- 
ſetzen über „die Rohheit und den niedern Standpunkt des 
arabifchen Volles“ Luft machte. Daß er unter diefen 


136 


Barbaren in der Perfon des engliichen Neifenden einen ihm 
einigermaßen wlirdigen Gefährten fand, erfreute ihn augen- 
fcheinlich ungemein, und fo wurde nicht nur die gemeins 
Ichaftliche Fortſetzung der augenblidlichen Neife verabredet, 
fondern auch ein fpäterer Beſuch Blunt's bei dem Batti- 


6. Berghoff: Die heutige Bevölkerung der Inſel Meroe. 


arifhan, dem Oberhaupte des mächtigften Stammes im weite 
lichen Perfien. Dieſer legtern Verabredung famen die eng= 
er Reifenden in der That noch in demfelben Frühjahr 
nad). 


Die heutige Bevölkerung der Inſel Meroe. 
Von E. Berghoff, Inipettor der Unterdrüdung des Stlavenhandels in Fajhoda am Weißen Nil, 


Die heterogenen Miſchungen in der Zuſammenſetzung 
der Bevölferung Siüdunbiens infofern es ſich um die Ufer: 
bewohner des oberjten Endes von ungetheilten Nil handelt, 
haben ſchon manchen Böllerfundigen zu allerhand gewagten 
Öppothejen verleitet. Es muß daher als cin Wagniß er: 
jcheitien, wenn wir im Nachfolgenden die kurze Charattes 
riftit eines Bruchtheils diefer Bevölkerung, der Bewohner 
des Yandes zwiſchen Atbara und Nil, zu geben verfuchen, 
Das Yitdenhafte der Darftellung mag in dem Beitreben 
Entjchnldigung finden, nur ſelbſt Wahrgenommenes dem 
Leſer zu bieten. 

Die Nilufer zwifchen Berber und Chartum und noch 
eine gute Strede weit oberhalb diefer Stadt haben fat 
ausſchließlich die Gaſaliin inne. Nur in der Gegend von 
Schendi finden fid) Kolonien des ftromabwärts auf die 
legteven als Uferbewohner folgenden Schailie. Diefe als 
irreguläre Reiterei con damals im Dienfte der Aegypter 
ftehenden Schaikie von Schendi haben erft nad) der Er— 
mordung Ismael Paſchas 1822 und der darauf folgenden 
Vertreibung oder theilweilen Vernichtung der früher haupt 
ſächlich aus Gaſaliin gebildeten Einwohnerſchaft jener Stadt 
und Umgebung den Play als Entgelt für ihre Soldforde— 
rungen angewielen befommen. 

Die Eriftenzmittel der Uferbewohner aller diefer Gegen— 
den befchränfen ſich auf Erzeugniſſe des Ackerbaues. Bieh— 
sucht wird nur nebenfäclidy betrieben. Hier, nahe an der 
Grenze des Berbreitungsbezirtes der tropifchen Sommer: 
regen, genügen die legteren indeß nicht alle Jahre zu aus: 
reichender Durchfeuchtung des Erdreichs und zur Sicherung 
einer ergiebigen Durrahernte. Die Einwohner find daher 
vorzüglich auf küntliche Bewählerung ihrer Felder vermits 
telft der von Ochſen gedrehten Schöpfräder, Sagie, an: 
gewiefen. Dieje ſchwerfälligen Maſchinen gewahrt man 
denn auch dicht neben einander im einer nur durch ungin- 
ftige Bodenverhältniffe unterbrocdenen Kette an beiden Nil: 
ufern von Berber bis Chartum. 

Man baut in erfter Yinie Durrah (Sorghum vulgare), 
dann Mais*!), Weizen* und Baumwolle * an, ferner 
Bohnen einheimifcher Art (Dolichos Lubia und Lablab 
valgare), Zwiebeln, Wela (Hibiscus esculentus), Molo- 
chia (Carchorus olitorius), Nettige *, Kuoblauc) *, Wafler: 
melonen*, Goriander, Heinen rothen Pfeffer (Capsicum 
eonieum), Bauerntabal u. ſ. w. Bei Schendi giebt es 
einige Gärten, im denen außerdem noch Gurken, Melonen, 
Kürbifie, Tomaten, Bedingan (Solanum melongena) und 
Citronen zu finden find. 

Pflug und Egge find unbefannt, man lennt nur zwei 
Univerfaladerwerkzeuge, eine ſchwere unförmige Hade — To: 

' 


1) Die mit einem Stern bezeichneten Getreide- und Rutz— 
pflanzen find erſt ſeit dem Gindringen der Acghpter befannt, 
oder werden jeit jener Epoche in grökerm Wafftabe angebaut, 


rich —, und ein etwa 35 Gentimeter langes, nad) innen ge- 
bogenes und mit Zähnen gleich einer Säge verichenes 
Meſſer — Haſchaͤſche — ). Wenn ein Feld beſtellt werden 
ſoll, ſo wird mittelſt der Hacke der Boden in gewiſſen Ab— 
ſtänden aufgeſcharrt, d. h. ein 5 bis 8 Centimeter tiefes 
Loch gegraben, wo hinein man die Samenkörner, 4 bie 5 
an der Zahl, legt; mit der Hand oder dem Fuße wird 
danı die heransgeicharrte Erde wieder darliber gededt. 
Nehmen wir nun an, daß diefe einfache Operation des Aus: 
fäens im Dftober, nad, Zurücktreten der Nilgewäfjer 
— die aber hier auf dem hochgelegenen Yande nur einen 
ſchmalen Streifen bewäflern —, vorgenommen wurde, jo 
beftanden die Samenkörner aus der weißen Barietät der 
Durrah (Kukö), Baumwolle (Kutn), Mais (Escher-rif), 
welch letztere Frucht, obwohl erft neuerdings eingeführt, 
ihres ſchnellen Wachsthums und reichen Ertrags halber ſehr 
geſchätzt iſ. Dieſe Ausſaat reift alsdann in drei Mona— 
ten, alſo im December. Man ſchneidet jetzt mit der oben 
beſchriebenen Haſchuͤſche, die außerdem zum Jäten des Uns 
franted dient, die kürnertragenden Büchel oder Achren 
(Qangar) ab, welche auf einem reinen Plage, völlig ges 
trodnet, von den Kühen ausgetreten werden. Das Ges 
treide wird endlich durch Wiirfeln in Körben vom Staube 
und der Spreu gereinigt und bis zum Öebrauche oder Vers 
kaufe in Gruben, die an trodenen hohen vor der Nilfeud) 
tigfeit geſchützten Stellen gegraben und nad) ihrer Füllung 
mit Erde bededt werden, aufbewahrt. 

Das Feld wird gereinigt, womöglich mit Dlarög (alte 
Schutterde aus Ruinen und dergleichen) gedüngt und wies 
der weiße Durrah, Gerſte, Weizen, Tabak und Yubia gefäct. 
Nun bedarf es mehr ala bei der erjten Ausfaat unauss 
gejegter Bewäflerung, Tag und Nadjt hört man in diejer 
Zeit die Sagie kreiſchen. Ebenſo werden jet, bei dem 
niedrigften Waſſerſtaude des Nils, defien Schlamm und 
Sandinfeln mit der gelben Varietät der Durrah-Muqqod, 
BWaffermelonen, und Kauuün, eine Heine Kurbißart von ge: 
ringem Werth, angebaut. 

Mitte und Ende März reift dieje zweite Ernte; die der 
Nitinfeln etwas fpäter. Daun kommt die Heike Zeit (Sef). 
Der Fluß beginnt, nachdem er feinen tiefften Stand erreicht 
hat, langfam zu fteigen. Nur wenige Sagien find wäh. 
rend dieſer Zeit in Bewegung, und gepflangt werden: 
Zwiebeln, Weka, Coriander, Molodyia, Knoblauch x. Die 
Buſche des Capsicum conicum haben das ganze Jahr hin- 
durch Bluthen, veife und unreife Früchte, auch die Ausjaat 
der Molochia, Zwiebel und der Weka hat feine beſtimmte 
Zeit. 

Mittlerweile Haben ſich die tropifchen Sommerregen, 
— Charif — (Juni, Juli, Auguft), eingeftellt und die ader⸗ 
bauende Bevölkerung zieht zum größten Theil hinauf im die 


1) In Aeghpien „Mingal* genannt, 


6. Berghoff: Die Heutige Bevölkerung der Inſel Meroe. 


Ebenen weit vom Fluß, die „ed Dahre“, — der Riiden — ges 
narmt werden, um bort an günftigen Plägen rothe und 
graue Durrah (Fetterita und Fetterita hamreh) anzu: 
bauen, welche drei Monate zur Reife braucht. 

Die Dattelpalme blüht hier während des Steigens bes 
Nils und reift ihre Fruchte im April und Mai. — Dod 
ift dies in anderen Gegenden verſchieden, 3. B. find die 
Datteln in Chartum erft im Juli und Auguft veif, aber 
ftets früher als dies im Aegypten der Fall ift. Dies ift 
der ewig gleichbleibende Kreislauf der landwirthicaftlichen 
Arbeiten Südnubiens, welche völlig den Charakter einer 


Kleinwirthſchaft tragen und eben nur flir den Bedarf des 
Haushaltes genligen. Ausgeführt wird außer „Damür“, 
einem groben, hier von ben Frauen und Mädchen gewebten 
Man 


Baummwollftoffe, nichts was erwähnenswerth wäre. 


Mann vom Stamme der Schailie. 


137 


bezieht häufig fogar noch Durrah aus der Gegend von Da- 
barif, Sennar und vom Weißen Fluſſe. m Uebrigen 
bringen die Yandwirthe ihren Ueberfluß auf die Märkte 
des eigenen Landes, wo die nur vichzuchttreibenden Nomas 
den des Innern Nachfrage nach Durrah, Damur, Datteln, 
Zwiebeln und dergleichen halten. 

Der ſudnubiſche Landmann ift indolenten, faft apathis 
ſchen Charakters; wären nicht die Steuern, welche ihn 
zwingen, wenigitens etwas zu arbeiten, um die font dro- 
hende Gefängnißhaft und Kurbatſchſchläge abzuwenden, er 
witrde nicht mehr als das Allerumentbehrlichfte dem frucht- 
baren Boden abgewinnen. 

Die Steuern, die in der Provinz Berber auf dem Ader- 
bauer laften, find: Für eine Sagie !), ohne Rldficht 
auf die Ausdehnung des von ihr bewäflerten Landes, jähr- 





Frau vom Stamme ber Ba’aliin. 


Mach Driginalphotographien von Berghoff.) 


lich 500 Biafter, Ein Feddan Infelland 75 Piafter. Ein 
Feddan des zur Charifzeit in der Steppe bebauten Landes 
20 Biafter (— 5 Franc). 

Diefe Sagieftener ift als ein national-öfonomifcher 
Sehler längft erfannt und die Ablöfung derfelben bes 
reits in Vorſchlag gebracht worden, fie fteht aber in feinem 
Berhältnig zu den Steuern Aegyptens, wo ber Feddan 
mittelguten UWeberfchwenmungslandes immerhin 100 bis 
150 Piafter Abgaben geben muß. Außerdem find die Bes 
wohner hier — durch die Militärfreiheit ſehr begünftigt. 

Einen wirklich, traurigen Eindruck macht die Arbeits: 


ſcheu der hiefigen Eingeborenen, die man die meifte Zeit in 
träumerifcher Trägheit, in füßem Nichtsthun verfchwenden 


“ ficht. Es ift dies die Folge eines ebenſo traurigen Her— 
kommend — der Sklavenarbeit. Durch die Peichtig- 
feit ſich Sklaven zu verſchaffen ift feit Jahrhunderten, ja 
vielleicht Dahrtaufenden das Sklavenhaltungsfyftem eins 

Globus XL. Nr. 9. 


gewurzelt, wie nirgends anderswo in ber islamitiſchen 
Welt. Der freigeborene Nubier hält es fat einer Schande 
gleich, felbft die Hade zur Arbeit in die Hand zu nehmen, 
lieber liegt er faul im feiner Hütte oder im Schatten eines 
Baumes, läßt müffig den ald Spielzeug dienenden Rofen- 
franz durch die Finger gleiten oder murmelt gebanfenlofe 
Gebete. Sein Weib als Herrin darf ebenfalld an feiner: 
lei Arbeit denken, zum Spinnen, Weben, en, Waſſer⸗ 
tragen xc. hat ja der gütige Gott die Stlavinnen erſchaffen. 

Mirffigkeit hat den Menfchenichlag faft entnervt, man 
fieht nur ſchmächtige ſchlanke Geftalten mit Heinen Händen 


Zur Bebauun 


R N des Landes, das eine Sagie bewäſſert 
Sn Gnittlich hier 


bis 10 Feddan) und —— Betriebe und 
nfandhaltung derjelben gehören durdichnittli drei Paar 
Ochſen und fünf Mann, unter denen ſicher wenigſtens drei 
Megerillaven find. 


13 


138 6. Berghoff: 
und Fußen, mit Gliedmaßen, die zur ſchweren Arbeit um: 
tauglich find. 

Offenbar find die Südnubier urfprünglic; eine von 
Bichzucht lebende Nomadenrace, die ſich erſt nach fpäter er— 
folgter, größerer Verdichtung der Bevöllerungsömaſſe noth— 
wendigerweife dem Aderban zuwandte. Durch Kriege und 
Nanbzüge mögen fie ſchon damals im Befige von Neger: 
ſtlaven gewefen fein, und diefe waren möglicherweiſe ihre 
erften Lehrer in der Kunſt, die Zeugungstraft der Erbe 
auszjunugen. Erſt der jpätern nähern Berührung mit den 


Aegypten find gewiſſe Verbefferungen in ihrer Agrifultur, 
als 3. B. Anwendung ber Schöpfräber, Einführung von 
Weizen und anderen nördlichen Nuspflanzen sc. zuzuſchrei⸗ 
ben, die aber bis heutzutage nod) nicht viel höher als bis 
zum Aufammenfluß der beiden Nilarıne vorgedrungen find. 
Im großen Ganzen aber wird der Boden in Sibmubien 


entwidelt, es giebt Schmiede, Zimmerleute, Gerber und 
fehr geſchickte Yederarbeiter, welche befonders geſchmackvoll 
verzierte Kameel⸗ und Pferdefättel, Neifefäde, Schwert- und 
Meſſerſcheiden anzufertigen verftchen. 

In den weiten Steppen und Bergthälern fern vom 
Fluſſe, die faft überall mit einer Vegetation von immergrünen 
Alazien und zahlreichen im Winter vertrodnenden Gras: 
arten bedeckt find, haufen die Nomaden, die ſich jelbft „Arab“, 
Plur. „Arban“, nennen. Zahllos ijt ihr Reichthum an 
Ziegen, Schafen und Kameelen, weniger trifft man bei 
ihnen die Ruh und das Pferd; denn der Araber wohnt weit 
vom Wafjer, um die wenigen Brunnen herum ift die Weide 
gar bald abgenutzt und nur alle 3 bis 4 Tage kann das 
Vieh zur Tränfe kommen. Leicht bewegliche Mattenzelte 
find feine Wohnung, Milch ift der Hauptbeftandtheil feiner 
Nahrung, in ſüßem und häufiger noch in ſanerm Zuſtande 


Die heutige Bevölferung der Inſel Meroe. 


immer noch im nicht viel rationellerer, übrigens äußerſt 
ähnlicher Weije beftellt wie in dem heidniſchen Negerlän: 
dern. Es giebt kein begeichnenderes Beifpiel fitr den Ruck⸗ 
ftand ded Uderbaues in dieſem frudjtbaren Lande als die 
Thatſache, daß der Pflug noch ungebräuchlich ift. 

Die Städtebewohner find des Mehrzahl nad) Handels: 
leute, fogenannte Gelläbe oder Tafchafche, die mit einem 
Kapital vom oft nicht mehr als 15 bis 25 Thalern uner- 
müdlic auf ihren Eſeln den geringen Waarenvorrath von 
Dorf zu Dorf, von Markt zu Markt ſchleppen. Man ficht 
diefe eifrigen Schacherer anf allen Straßen von Aſſuan bie 


| Dallabat, von Kaflala bis Darfur ; fie führen hauptfächlich 


engliſche Baumwollenzeuge, als Madapulan, Shirting, far- 
bigen Zig, Mouffeline, ferner wohlriechende Efjenzen und 
Sandelhol aus Indien, Seife, Gewürze, Schreibpa- 
pier u. ſ. w. Die Gewerbthätigfeit der Städte ift ſchwach 





wird fie mit Durrahbrei genofjen. Käfebereitung ift uns 
befannt. 

Die Araber jtehen direlt unter der patriacchafifchen 
Herrſchaft der Werit- Schedys, Abtheilungs- oder Horden- 
häuptlinge, welcde wiederum von einem Großhänptlinge 
— Schech el Dabile — abhängen, ber ſeinerſeits von ber 
Regierung anerkannt und fire die Steuermaffe feines Stam- 
mes verantwortlich ift, Die Steuern der Araber ruhen 
anf ihren Herden, ein Kameel z. B. zahlt jährlid 2'/, 
Piafter, eine Ziege weniger u. ſ. w. Diefe Art von Abs 
gaben, welche die betreffenden Stammeshäuptlinge unter 
ſich abſchätzen und auf ihre Stanmmesmitglieber vertheilen, 
heit Qirſcheh; für etwa während des Charif angelegte 
Durrahfelder zahlen fie feine Steuer. 

Die Handelsbeziehungen, welche die Nomaden mit den 
Städtern unterhalten, find der einfachſten Art, fie bringen 


6. Berghoff: 


Schlachtvieh, Häute, Matten, flüffige Butter, Natron und 
Salz, das fie durd) Auslaugen gewiſſer Erden gewinnen, 
zu Markte. Sie verfaufen dieſe ihre Produkte entweder 
für blanfe Thaler !), wenn das Ende des Stenerjahres vor 
der Thür ift, oder vertaufchen fie gegen Damür, den inläns 
diſchen groben Baumwollftoff, Durrah, Tabak, Eifenwaaren, 
als Lanzenſpitzen, Meflerklingen und Sohlinger Schwerter. 

Während des Charif befommt man feinen Nomaden 
zu Geficht, dann halten fie fic in den entlegenen, im Wins 
ter waſſerloſen Gegenden auf, wo die Feuchtigkeit einem reis 
chen Graswuchs erwedt hat und das Bieh genügend Waf- 
fer in den Regenpfügen findet. Zur trodenen Jahreszeit 
findet man ihre Zelte eine halbe oder gar eine volle Tage: 
reife vom Nil, fie tränfen dann ihre Schaf und Ziegen- 
herden, weil fein grünes frisches Futter mehr exiftirt, mur 
jeden zweiten Tag. 

Die Stämme, welche die Infel Meroe bewohnen, find 
bon der Mundung des Atbara an bis zur Breite von Char: 
tum ungefähr die: Elliab, Mufalemab, Fatenieh, weiter nad) 
Süden zu in der Nähe von Ben Naqu die Haffanieh, Bu— 
tanah, und der zahlreiche und weit nach Oſten ausgedehnte 
Stamm der Schuferich. 

In Betreff der phyfifchen Erſcheinung exiftirt fein bes 
deutender Unterfchied zwilchen Gataliin, Schaitie und No- 
maden. Die Hautfarbe der Sudnubier reinen Stammes, 
foweit man von den am häufigften vorfommenden mehr 
oder minder dunkleren Schattirungen, die auf Vermiſchung 
mit Negerblut hinweifen, abfieht, ift das matte Braun uns 
polirten Mahagoniholges. Bemerkbar ift der lichtere Teint 
des weiblichen Geſchlechtes wohlhabender Familien, welche 
ihre Raceneinheit mehr bewahrt haben. Die Männer find 
in der Regel dunkler vom Sonnenbrand und Wind, dem fie 
mehr ausgefegt find. Den reinften Racentypus repräfens 
tiren die Nomaden, eine mittelgroße, hagere, feingebaute Ge: 
ftalt, Heine Hände und Füße, zierliche Gelente, nad) unferer 
Augenfhägung ift die Schädelform vorwiegend dolichoces 
phalifch mit ziemlich entwideltem Hinterhaupt und kaum 
bemerfbarer Prognathiee Das Haar ift jtark gekräuſelt, 
allzuitppiger Bartwuchs felten und die Yeibhaare find äufßerft 
fpärlid. Die Zahnbildung ift die ſchönſte, die ſich wünſchen 
läßt. 


Durd; Heivathen unter einander, Vermiſchung mit den 
Dongolanern und mehr noch durch den Jahrhunderte langen 
Import von Gallas und Negerjllavinnen haben die anſäſſi— 
gen Gafaliin und Schaitie ihre urfprünglice Nacenreinheit 
ſehr eingebüßt; befonders find es die Städtebewohner, welche 
am meiften mit Negerblut verjegt find. Dazu noch die 
Nachkommen der Taufende und Abertaufende von ägyptiſchen 
und türkifchen Soldaten, welche die Eroberungszüge Mehe 
med Ali's auf den nubiſchen Boden warfen. Der Orien- 
tale hat eine große Neigung zu einem geordneten Familien— 
leben, Kinderreichthum iſt ihm ein Stolz — die mohamme— 
daniſche Religion erleichtert, wie bekannt, in jeber Hinficht 
die Ehe — und endlich hat felbft der gemeine Soldat der 
ägyptifchen Armee das Necht fich zu verehelichen; doch konnte 
er natürlich nicht Weiber aus Aegypten und ber Türkei mit 
nad) dem Sudän bringen und war gezwungen, mit den nu— 
biſchen und Negermädchen vorlieb zu nehmen. 


1) Die Marktpreife von Damer, Schendi x. find folgende: 
1 Stier oder ftarte Hub — 5 bis 12 Thaler Megidi, 1 Lat 
fameel = 15 bis 35 salöi, 1 mittelmäßiger Reiteſel — 20 
bis 25 Thaler, 1 Schlachthammel — 2 bis 3 Megidi, 1 Ardeb 
ordinäre Durrah — 4 Megidi, 1 Ardeb Weizen — 6 Megidi, 
Flüffige Butter 41, Rotl = 1 Meaidi, Salı, ordinäres, — 6 
Kilogramm 1 Megidi. Damurſtoff, hinreichend zu einem Ge— 
ward, Tob, — 1 bis 1'/, Megidi. 


Die heutige Bevölferung der Injel Meroe. 


139 


So findet man in den Städten eine Menge Mifchlinge, 
deren Hautfarbe in mehr oder minder dunkelen Schattirungen 
fpielt und deren Phyſiognomien und Scädelbildungen eine 
feltfame Mannigfaltigleit an den Tag legen. In find 
Kreuzungen zwiſchen Ticherteflen und Galla, Albaneſen und 
Negern, Aegyptern und Nubiern und anderen, bie alle aufs 
Beite gedeihen und ebenfalls wieder zahlreiche Nachlommenſchaft 
probuciren. Am meiften finden fich diefe Leute im Dienfte 
der Regierung als irreguläre Soldaten (Bach = Bozuf), als 
Schreiber und Beamte. Die Mehrzahl der Würdenträger 
im ägyptiſchen Sudan find heutzutage ſolche Miſchlinge oder 
reine Nubier. Die beiden Stämme der Gafaltin und Schai- 
fie unterfcheiden ſich von einander nur durch die drei parals 
lelen Wangenincifionen, welche bei den erfteren ſenkrecht, bei 
ben legteren horizontal verlaufen !), Sie fprechen beide die 
arabiſche Sprache und zwar einen oft fehr verborbenen Dia: 
left, der aber dem des Hedſchas näher fteht als dem Aegyp⸗ 
tens. Sie behaupten gemeinfchaftlicher Abtunft zu jein und 
glauben ihre Voreltern feien vor etwa taufend Jahren von 
Hedſchas eingewandert, Trogdem mit den charakteriftifchen 
Zügen der femitischen Race ausgeftattete Köpfe unter ihnen 
gar nicht jelten find, glauben wir doch, daf die Hauptmaſſe 
diefer Böller Nacjtommen jener Aethiopier find, von denen 
uns Herodot und Strabo erzählen, 

Eine arabifche Einwanderung kann nicht geleugnet wer 
den, doch war fie wohl verhältnißmäßig fpärlich und die 
Mehrzahl der Eingeborenen Sudnubiens ift nicht durd) das 
Schwert, fondern durch die Drohungen und das begeifterte 
Wirken weniger Sendboten zum Islam befchrt worben. 

Bir wiflen zwar, daß die Völker diefer Gegenden damals 
Ehriften waren, die dogmatifchen Spaltungen aber hatten das 
Chriſtenthum jener Zeit Uberall geſchwächt, fo daß der finn- 
lichen Gemüthern bejonders anjpredhende Islam auch hier 
einzig in der Geſchichte der Religionen daftehende Erfolge 
und bligichnelle Verbreitung finden konnte. 

Ic füge hier noch einige authentifche Nachrichten über 
die arabiiche Einwanderung nad) Nubien und dem Suban 
bei, die ich einem ſchriftkundigen Araber, dem in Mella ge: 
borenen und erzogenen Scherif Mohamed el "Aida, derzeit 
zu Sennar wohnhaft, verdante. Die erften Araber kamen 
im Jahre 31 der Hedichra von Aegypten, Gefandte des Emir 
Omar ibn el Hattab, 24 Mann ftart, um die Völker des 
Sudans zur Annahme des Islams und zur Unterwerfung 
aufzufordern. Einige Bölfer und Stämme nahmen die 
neue Religion fofort an und unterwarfen fich, andere ver 
weigerten die Unterwerfung 2). Nac ungefähr 20 Yahren 
ſchidte der Emir Omar eine zweite Truppe von 72 Mann, 
Krieger der Stämme: Angar, Beni Machſum, Beni Chofa 
und andere, geführt von einem Sohne des Scerif Ghanim 
eined Nachklommen bes Abbas, Onfels des Propheten, nad) Nu: 
bien. Diefelben unterwarfen fich die Gegend von Dämer 
bis Dongola längs des Nils, islamirten die Eingeborenen 
und machten ihren Anführer zum Melt des Yandes. Die 
Gataliin halten fich fiir die Nachlommen diefer Leute, es 
giebt unter ihmen einige, die ihren Stammbaum auf Gha— 
nim zuräcführen können und die alfo das Necht haben, ſich 
Scerif zu nennen, 

Nachdem find noch drei Schurafa (Plur. von Scherif) in 


1) Die drei ſenkrechten Wangeneinichnitte haben die Ga’a- 
fin mit den Bewohnern der heiligen Stadt Melfa gemein; 
auf den ätbiopiichen Dentmälern und Stulpturen find diefelben 
nicht zu bemerten, es ift aljo nicht unwahrideinlid), daß fie erft 
mit den Wpofteln des Jslams aus Arabien gelommen find. 

2) Näheres in dem Buche des arabiſchen Hiftorifers Schech 
Geläl es Siuti, 1190, Ze Husn el-m’hadserh ti achbar 
magr el Qühireh, p. 69. 


18* 


140 


den Sudan eingewandert; einer von ihnen fegte ſich am 
Atbara feit, der zweite ging nad) Süden in das Land zwi- 
ſchen Dinder und Rahad, Woled Hindi ift fein Name !), 
der dritte zog nach Darfur. 

Anno 673 d. Hedſchra, zur Zeit des Großſcherif Haſſan el 
Bedri, famen nod) 300 Mann von Hedſchas nad) dem Oft: 
fudan, die den Weg über das Rothe Meer nahmen. Sie 
waren ebenfalls aus Angehörigen verſchiedener Stämme zus 
fammengefegt und ihr Zwed war die Verbreitung bes 3e- 
lams ?). . 

Der zahlreichfte Stamm der Subanaraber,, die Schufe- 
rieh, behaupten von Schukr, einem der Söhne des Ghanim, 
abzuftanımen, dies fol aber nad) der Meinung aller 
ftammbaumkundigen Araber ſehr zweifelhaft fein. 

Wir befigen die Abjchrift des Stammbaumes eines uns 
ferer Gafaliinbefannten, der nad) diefem Schriftftäde von 
einem gewiſſen Chergän, genannt Gafal, abftammt, welcher 
vor 21 Generationen aus Arabien einwanderte. echt be 
zeichnend für den religiöfen Charakter der Sitönubier ift die 
Thatſache, daß man in faft jedem größern Dorfe die Kuppel 
eines Heiligengrabes, aber nirgends eine Moſchee, ein Gottes» 
haus, antrifft. Dem Wundermanne, dem religiöfen Gaufler 
wird nach feinem Tode ein Denkmal gefegt, neben dem ein 
von fich felbft auserwählter Nachfolger (Chalifa) das Wert 
feines Vorgängers, die Dummheit und den Aberglauben des 
Volkes auszunugen und auf feinellnfoften ein faules, thätig« 
feitslojes Yeben zu führen, fortiegt. 

Unzählig find die Heiligen des Sudans, ber hödhfte 
Schwur ift bei ihrem Namen. In einer Gefahr oder Noths 
lage ruft der Nubier nicht die Hilfe Gottes, fondern die des 
Seidna Hogeli, Sid el Haffan, Schech Kabafchi u. f. f. an. 
Ein Stüd Papier von der Hand eines ſolchen mit Gottes 
Gnade begabten Mannes dient als Amulet, in Veberfädchen 
eingenäht wird es zum Schutze gegen alle böfen Mächte 
getragen, oder dient als Heilmittel bei gefährlichen Krank⸗ 
heiten und wird theuer genug bezahlt. 

Schamaniftifcher Aberglaube überwuchert im Allgemeis 
nen die Religion. 

Die Sitten und Gebräuche der füdnubifchen Völter ge- 
hören unzweifelgaft zu den merfwürbigften und feltfamften. 
Erwähnen wir zuerft die Exciſion und Infibulation des 
weiblichen Geſchlechtes, deſſen barbarifche Einzelheiten zu 
ſchildern uns der Anftand verbietet; weiter die abſurde 
Sitte der Extraktion der Edzähne, die bei den Heinen Kin— 
dern hier zuerſt erſcheinen. Viel ift fhon darüber berichtet 
worden, aber ein nicht minder barbarifcher Brauch, den ich 
noch nirgend gejchildert fand, ift der, die jungen Mädchen 
vor der Verheirathung fünftlich zu mäften, welcher bei den 
anfäfligen Aderban und Handel treibenden Südnubiern ſehr 
verbreitet ift; denn Fettleibigleit und Körperfülle gehört 
hier zu den erſten Schönheitsbedingungen des Weibes. 
Bierzig Tage vor der Hochzeit wird das Mädchen zu fol- 
gendem Regime gezwungen: fruh Morgens mit Tages: 


1) Die Schurafa von Mefta befigen Auhzeihnungen über 
alle arabijhen Auswanderungen und beionders über das Ber: 
bleiben eines jeden einzelnen Scherif und —— Rachtommen, 
die ſeht genau find. Das Dorf Woled el Hindi, zwiſchen Din: 
der und Rahad, befuchte ich bei meiner Reife von Dadaref 
nad) Sennar 1881; ich jah dort auch einen der Nachkommen 
des cingewanderten Scherif. 

2) Nähern Aufichluk Über dieſe und die vorhergehenden 
Auswanderungen giebt das Buch „el Sameragandi“, das zu: 
nleih einen Generaltlammbaum und wichtige hiſtoriſche Rolen 
enthält. Zu haben in der Druderei von Bulag. 


6. Berghoff: Die Heutige Bevölkerung der Inſel Meroe. 


anbruch falbt man ihr den Körper über und über mit Wett 
ein, dann muß fie einen Brei aus circa 1 Kilogramm 
Durrahmehl mit Wafler, ohne Salz und Würze gelocht, zu 
fic) nehmen, fie muß, denn neben ihr fteht die hierin uner- 
bittliche Mutter oder fonftige Verwandte, der das Heiraths- 
projeft am Herzen liegt, mit dem Stode oder Kurbatſch aus 
Hippopotamushaut, und wehe ihre, wenn fie die Schüſſel 
nicht auf den Grund leert. Selbft wenn fie die Uebermaſſe 
der faben, wibrigen Nahrung erbricht, wird fie nicht dispen- 
firt, e8 wird von Neuem gebracht und muß hinunter: 
geſchluckt werden. 

Nachmittags befommt fie ebenfalls Durrafbrei (Yugma) 
mit etwas gefochtem Fleiſch, defien Brühe die Sauce bildet. 
Abends diefelbe Ouantität und Dualität Brei wie am 
Morgen und endlich in der Nacht noch eine große Kürbis— 
Schale fetter Ziegenmilch. Dabei unabläffige äußerliche 
Velteinreibungen, Bei diefer Behandlung gewinnt der 
Körper des Mädchens faft fichtbar an Rundung und wenn 
die 40 Tage verfloflen find gleicht er beinahe, um einen 
ſudaneſiſchen Vergleich, zu gebrauchen, an Maſſe dem Nil— 
pferde; doch entzlict das ihren Zufüinftigen und erwedt den 
Neid ihrer magerern Mitjchweitern. 

Die Fettleibigkeit ift eben Mode und was thut und leis 
det die Evastochter nicht alles der Mode willen, in Afrifa 
fowohl als in unferm eiviliſirten Erdtheile? Nur ift der 
Unterfchied, daß die Mode Europas alljährlich gleich dem 
Bogel Phönix abftirbt, um aus ihrer Ajche verjlingt zu ers 
ftehen, während fie fic ung hier als eine taufendjährige Leber: 
lieferung offenbart, als ein feftftehendes chernes Gefeg, das 
ſich ftets gleichbleibt und keine Abweichungen und Neueruns 
gen erlaubt. Nach der Vorftellung der Nubier hat ſchon 
die Königin von Saba den weifen Salomo durch ihre fettgläns 
zende von wohlriehenden Delen triefende braune Haut, 
durch bie üppig ſchwellenden halbentblößten Glieder, die 
antimongefdhwärzten Augenlider und bie reizend blaugefürbte 
Unterlippe beritidt; ſollte aljo, denkt die Nubierin, diejes 
Nüftzeug weiblicher Reize jegt unwirkſam geworben fein? 

Dan heirathet hier jehr jung, Ehepaare im 15. bis 17. 
Lebensjahre find feine Seltenheit, dagegen wlirde es fehr 
ſchwer halten, einen alten Junggejellen oder eine alte Jung: 
frau unter den Südnubiern zu finden, denn ber chelofe 
Stand ift eine Schande wie in Aegypten. Polygamie, ob: 
wohl erlaubt, ift felten. 

Obgleich etwas mißtrauifch gegen Fremde, befonders 
weißer Hautfarbe, find die Leute doch gaftfrei und dienftfer- 
tig; in jebem größeren Dorfe giebt es eine beftimmte Hltte, 
„Halwa* genannt, im welcher der ermildete Reifende das 
Recht hat ſich ohne Weiteres nieberzulaffen, und es befteht 
die Sitte, daß die einzelnen Familien tageweife der Neihe 
nad) die Säfte zu verpflegen haben; gewöhnlich kommt der 
betreffende Familienvater, dem ein Negermäbdhen die ge: 
Eur damıpfende Holzichliffel nachträgt und nimmt das 
Mahl gemeinschaftlich mit dem Fremden ein. Tagsüber 
dient die „Halwa* als Schulgebäude, in dem irgend ein 
armer Faqi die männliche Jugend des Dorfes Koränverfe 
herplärren und Buchſtaben krigeln Ichrt. 

Hat man aber feine Luft ſich diefer oft ſchmutzigen, von 
den wandernden Händlern und Bettelderwifchen überfitliten 

fitte anzuvertrauen, fo ſucht man fic das beſtausſehende 
Schöft aus, ladet feine Thiere dort ab und macht es 
fi) bequem; es wird das die Bewohner zwar über: 
taichen, aber es giebt für fie feine größere Unhöflichteit als 
die, einen Saft abzuweijen. 


Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Süd: Galifornien. 


141 


Streifzüge in Süd-Galifornien. 
Von Theodor Kirchhoff. 


II. 


Santa Barbara. 


Santa Barbara genießt weit über die Grenzen Califor- 
niens hinaus den beneidendwerthen Ruf eines von der Na: 
tur mit herrlicher Scenerie und einem das ganze Jahr Uber 
gleichmäßigen milden Klima gejegneten Plages. Niemand, 
der Californien befucht, um die vichjeitigen Schönheiten die 
ſes Landes kennen zu lernen, wird verfehlen einen Abftecher 
nad) Santa Barbara zu machen. Wer, entfernt vom auf- 
regenden Leben in einer Großſtadt, einige Monate in länd- 
licher Ruhe zu verbringen wünfdt, wo er dennod) die An: 
nehmlichkeiten eines ftädtifchen Verkehrs nicht ganz entbehren 
muß, wird hier das Ideal einer Sommerfrifche finden. Der 
Ort (3469 Einw.) ift groß genug, um mande Erheiterung 
zu bieten, ohne weldye ein Kulturmenſch heutzutage nicht gut 
zu eriftiren vermag; der regelmäßige Dampferverlehr mit 
einer Weltftadt wie San Francisco giebt dem fremden das 
angenehme Bewußtfein, daß er hier nicht außerhalb der 
Sphäre der neuern Eiviltfation lebt; das Klima läßt abfo- 
lut michts zu wünjchen übrig, und in dem großſtädtiſch an— 
gelegten ArlingtonsHotel findet man den Komfort der beften 
amerifanifchen Gafthäufer. Nur wenige Schritte find nd- 
thig, um den, der ein offenes Auge für idylliſche Naturreize 
hat, im eine ländliche Umgebung zu bringen, wie fie ans 
muthiger nicht gedacht werden fann. 

Die californiſche Küfte, welche von Norden her eine 
fürdöftliche Richtung beibehält, nimmt weftlic, von Santa 
Barbara bei Point Concepeion auf einer Strede von 65 
engl. Meilen eine Wendung direft nad Often bis nad) Boint 
Rincon. Die bis 3500 Fuß auffteigende Santa Ynez- 
Range, welde landeinwärts von der Sierra Madre und 
dem San-Rafael-Gebirge überragt wird, dedt den ſchmalen 
Küftenftric, vor den Nordwinden. 20 bis 30 Miles von 
der Küſte und diefer parallel Liegen die Infeln Anacapa, 
Santa Rofa, Santa Cruz und San Miguel, welche mit 
Bergen von 2500 Fuß Höhe gekrönt find (ber Devilspeal 
auf Santa Cruz erreicht eine Höhe von 2700 Fuß über 
dem Meere), und gewähren dem fogenannten „Santa Bar: 
bara Channel* Schug vor den Sudweſtwinden und ben 
Strömungen des Dreans, während das Kap Concepcion 
eine Barriere gegen die Seenebel bildet, welche fich nur fel- 
ten fübwärts von feiner Felſenmauer bewegen. Wer, vom 
Norden kommend, zur See an der californifchen Kuſte ent» 
lang fährt, wird bis zum Kap Concepcion genug von ſchwe— 
rem Seegang und dichten Nebelbänten zu erzählen willen; 
jobald aber das Kap Concepeion im Rüden liegt, ändert 
ſich das Aussehen des Meeres plötzlich, als führe man in 
einen ftillen Landſee hinein: — und an dieſem vor Winden 
und Nebeln, vor Kälte und plöglichem Witterungswechjel 
gefhügten Küftenftriche liegt Santa Barbara in feiner idyl- 
lifchen Schönheit. 

Im Iahre 1542 (7. bis 10, Dftober) befuhr der portu- 

iefifche Seefahrer Juan Rodriguez de Cabrillo in drei 
Schiffen unter ſpaniſcher Flagge als der erfte Weiße diefe 
Gewäfler. Seine Angabe von dem noch heute vor dieſer 
Küfte im dichten Maflen ſchwimmenden Seetang, weldjer 


einen natürlichen Schutz des Hafens von Santa Barbara 
bildet, einer im Meere auffprudelnden Delquelle, die heute 
noch zu fehen ift, und feine Beichreibung einer von zahlreichen 
Indianern bewohnten Infelreihe und des von indianifchen 
Dörfern dichtbefegten Feſtlandes laſſen keinen Zweifel auf: 
fommen, daß jener Seefahrer der Entdeder diefes Hespe— 
ridenlandes war. 

Daß bie prähiftorifche Indianerbevölfernng diefer Inſel⸗ 
gruppe eine ſehr dichte 'gewefeu fein muß, beweiſen die in 
neuerer Zeit, namentlic auf Santa Cruz, in übergroßer 
Menge aufgefundenen indianifchen Alterthümer, welche eine 
der Hauptzierden des Smithfonian Inftitute in Wafhington 
bilden. Neben maffenhaft ansgegrabenen Steleten der Ur: 
einwohner, ihren Geräthichaften, Waffen und Schmuckſachen, 
fand man auf jenen Infeln zahlreiche Glas: und Meffing- 
waaren, welche durch Taufchhandel mit den Spaniern dort: 
hin gelommen fein miffen Im Jahre 1606 wurden von 
dem ſpaniſchen Kapitän Viscoino eine Anzahl Schweine 
und Rinder auf Santa Eruz ausgefegt, welche dort verwil- 
derten und ſich im Yaufe der Zeit ftarf vermehrten. 

Die indianischen Namen der Hanptinfeln waren für 
San Miguel „Ciquimuymu“ (von Cabrillo „Isla de Po: 
fefton“ genannt); für Santa Roſa „Nicalque* und fir 
Santa Cruz „Limu“. Das größte auf dem Feſtlande lie- 
gende indianiſche Dorf hieß „Xucu“ und wurde von Gas 
brillo „Pueblo de Canvas“ (die Stadt der vielen Boote) 
getauft. Gabrillo ftarb auf feiner Rüdreife, am 3. Iannar 
1543, in Folge eines Sturzes auf der Infel San Miguel, 
wo er begraben wurde. Trog der eifrigften Nachforjchun- 
gen ift man leider nicht im Stande geweien, das Grab die: 
ſes berühmten Seefahrers wieder aufzufinden. 

Im Jahre 1782 gründeten fpanifche Priefter eine „Mif- 
fion“ bei Santa Barbara, nm die Eingeborenen jener Ge: 
gend zum katholischen Glauben zu bekehren; dreißig Jahre 
ſpäter betrug die Zahl der zum Chriſtenthum befehrten 
Indianer und der ſpaniſch- merifaniichen Bewohner etwa 
taufend Köpfe. Das AZuftrömen der Amerifaner begann 
im Jahre 1846, als Fremont am 25, December d. I. mit 
einem Bataillon von 425 Mann und mehreren Geſchützen 
die damals für unpaffirbar gehaltene Santa: Prey: Nange 
überfchritt und Santa Barbara im Namen der Vereinigten . 
Staaten befegte. Die Indianer find feitdem fait von dort 
verſchwunden und die „alten Galifornier“ (die ſpaniſch— 
merifanifche Race) kämpfen nur nod) hoffnungslos um ihre 
Fortdauer. 

Die von der Natur fo begünftigte Lage des Kuſtenſtri— 
ches von Santa Barbara, welcher fowohl von der Yand- als 
von der Serjeite gegen Stürme und plöglicen Witterungs- 
wechſel geichikgt iſt, hat jene Gegend feit ihrer Befiedelung 
durch die Angloamerifaner zu einem bevorzugten Yufent- 
haltsorte zahlreicher Fremden gemacht, welche hier theils 
zum Vergnügen wohnen, theil® in der baljamifchen Yuft 
und in den angenehm warmen Wellen des Dceans Heilung 
und Stärkung für einen geſchwächten Körper fuchen. Für 


142 Theodor Kirchhoff: 
Lungenfrante giebt es nirgends in Amerifa ein wohlthäti- 
geres Klima, als das von Santa Barbara. 

Die Umgebungen des Ortes find herrlich. Es ift eine 
Freude, in einem leichten Gefährt Spazierfahrten zu machen 
und die reizenden Heimftätten zu betrachten, weldye in der 
Landſchaft zwifchen dem Meere und dem 8 bis 11 Miles 
von demfelben entfernten Sitftengebirge zerftreut liegen. 
Anpflanzungen von peruanifchen Pefferbäumen, Eufalypten 
und Daulbeerbäumen gewahrt man häufig, womit die Ans 
fiedler den urſprünglich ſpärlichen Baumwuchs zu befördern 
ſich beftreben. Faſt jeder Bewohner diefes Landſtrichs be 
müht ſich, feinem Heim durch halbtropiſche Gewächſe und 
Blumenzucht ein heiteres Aeußeres zu geben. 

Wohl die ſchönſte diefer Heimftätten ift die des Herrn 
Holliſter bei Ölen Anne, welche in einem gefhügten Thale 
am Fuße der Santa-Ynez-Range im nordweftlicher Rich— 
tung von Santa Barbara liegt. Die Haine von Orangen;, 
Citronen⸗, Limonen⸗, Oliven» und Mandelbäumen und die 
Obftgärten voll von Aepfel-⸗, Birn:, Apritofene, Kirſchen-, 
Pfirfich- und Pflaumenbäumen, welche auf dem 3600 Ader 
großen Befitthum des „Colonel“ liegen, find alle im vor 
trefflichften Zuftand, Seine Anpflanzung von 25000 
Mandelbäumen auf 250 Ader Yand ift die größte ihrer 
Art in den Vereinigten Staaten. Auf feinen Yändereien 
ftehen 40 000 Fruchtbäume, deren Ertrag oft fait an das 
Unglaubliche grenzt. Auf einem Ader wurden z. D. im 
vorigen Jahre 60000 Citronen eingeheimft. Auch ein 
Weinberg mit 5000 Rebftöden befindet ſich auf diefer 
„Randy“, welde man als eine Mufterfarm im großen 
Stil bezeichnen kann. Im der Nähe der reizenden Billa 
liegt auf 13 Adern des veichiten Bodens ein prächtiger 
DOrangenhain, der von Monterey⸗Cypreſſen und hohen Eufar 
Iyptusbäumen umgeben ift. 

Die Befigthümer im County Santa Barbara find 
meiftens alte merifanifce „Örants*, die je zwifchen einer 
und elf Yeguas (1 Yegua — 4438 Ader) variiren. Wäh— 
rend der legten dreißig Jahre find faft alle diefe „Öhrants“ 
in die Hände der Amerifaner übergegangen, denen dafür 
Eigenthumsurtunden (patents) von der Regierung der Ber: 
einigten Staaten ausgejtellt wurden. Zu den größten diefer 
„Grants“ gehören 3. B. „Yos dog Pueblos“, 15 500 Ader; 
„Nueftra Señora del Refugio“, 26 529 Ader; „Ya Espada*, 
15 000 Ader; „San Julian“, 48000 Ader; „Yompoc“, 
42035 Ader; „Santa Roſa“, 16300 Ader; „San 
Carlos de Jonata“, 26 634 Ader; „Yos Pinos“, (gehört 
der Fatholiichen Kirche), 35573 Ader; „Yos Alamos“, 
48803 Ader; „Todos Santos y San Antonio, 20,772 
Ader; „Punta de Yaguna“, 26648 Ader; „Sisquoc“, 
35485 Ader; „Jeſus Maria*, 42184 Ader und „Yos 
Prietos y Najalayegua 48 723 Ader, — welche alle von 
ihren gegemwärtigen Eigenthümern fozufagen „für ein 
Butterbrot“ erworben wurden. Die. merifanifche Regierung 
‚ verlieh diefe „Srants* urſprünglich für fein anderes Aequis 

valent als das der faltiſchen Befignahme. Bor 1846 hatten 
jene Yändereien im großen Kompleren einen Werth von 
etwa einem Gent pro Ader, und im Jahre 1864 fonnte 
man noch die beiten Randjes für 10 bis 25 Cents pro 
Ader kaufen. 

Diefe großen „Srants*, wie ähnliche und noch größere 
über ganz Californien zerftreut liegen, find ein lud) für 
das Yand geworden. Anftatt Neuankömmlingen kleinere 
Streden zu mäßigen Preifen für Farnien zu verfaufen, 
halten die Beliger am ihren meiftens unfultivieten Eigen— 
thum feit, lajien in den Thälern große Bodenkomplere fait 
nur durch Mafcinenarbeit mit Weizen beitellen und geben 
dem Heinen Mann keine Gelegenheit, felbjtändig zu werden. 


Streifzüge in Süd» Ealifornien. 


Nur durch gleichmäßige Taren auf alle Yändereien (das un: 
fultivirte Yand wurde von jeher in Californien lächerlich 
gering befteuert) ift es möglich, jene Großgrundbeſitzer zum 
Verlauf eines Theils ihrer bradjliegenden Yänbdereien zu 
zwingen, und die Mittel ſcheint man denn auch endlich in 
Anwendung bringen zu wollen. Gegenwärtig find im 
County Santa Barbara, weldyes einen Flächenraum von 
2 Millionen Ader befigt, wovon der vierte Theil kulturfähig 
ift, etwa 50000 Ader Yand bebaut worden: alfo ungefähr 
ein Zehntheil des fulturfähigen Bodens. In früheren Jahren 
war die Schafzucht der Haupterwerbözweig der Anſiedler 
und man traf Scafherden von 60 000 bis 70000 Stüd 
an. Während der legten zehn Jahre ift der Obſtbau hier 
der Hauptinduftriezweig geworden. Unter den Produften 
des Jahres 1880 figuriven 714700 Pfund Wolle; 
125 000 Pfund Butter; 256 000 Pfund Honig; 214 937 
Buſhel Gerfte; 198 293 Buſhel Weizen ıc. x. — Die 
gegenwärtige Bevölferung des Countys beträgt etwa 
10 000 Seelen. 

Die Stadt Santa Barbara beftcht im Wefentlichen 
aus einer ungewöhnlich breiten anderthalb Miles langen 
ſchnurgeraden Hauptſtraße, die ſich vom Strande bis an 
die erſte Hligelreihe landeinwärts erftredt. Eine Pferde 
bahn, die bis nad) dem Arlington- Hotel führt, erleichtert 
den Verkehr durch die ganze Yänge diefer Straße. Am 
Hafen ift ein 2000 Fuß langer Holzquai ins Waſſer hin= 
aus gebaut worden, an deſſen Ende eine Tiefe von 26 Fuß 
ift, wo die größten Dampfer ficher anlegen können. Die 
Seebäder find etwas ſehr primitiv eingerichtet. Ein paar 
Badejchuppen, in denen man Toilette machen kann, und 
ein langes vom Ufer an Pfählen in die Bai hinausreichen: 
des Seil, woran die Nichtſchwimmer einen Halt finden 
können, iſt Alles, was ber Badeluftige hier zu feinem Some 
fort finden fann. Der Wärmegrad des Meerwaflers bes 
trägt im Winter durchſchnittlich 60%, im Sommer 64% 
Fahrenheit. Das Mixtum SKompofitum von modernen 
Bauten und alten mit Ziegelpfannen gedeckten Adobehäufern 
füllt in Santa Barbara, wie im jeder füdcalifornifchen 
Stadt, dem Fremden fofort ind Auge, Das Yeben ift dort 
für eine ameritaniſche Stabt außerordentlich ftill und ges 
miüthlih — ähnlich, wie im einer deutſchen Kleinftadt. 
Man fieht in Santa Barbara mehr Yeute, die gar nichts 
zu thun haben, herumfpazieren, als ich an irgend einem 
andern Plage von derfelben Größe in Amerika je wahrge- 
nommen habe. 

Für dem Freudenverkehr bietet das vortreffliche Arling- 
tonsHotel den Mittelpunftt. Die Ausſicht von der breiten 
Veranda auf die ſchöngeformte, lange Yinie der nur etwa acht 
Miles entfernten, an 3500 Fuß fteil emporfteigenden Santa⸗ 
Peg Nange mit der vorliegenden idylliichen Landſchaft iſt 
bezaubernd jdn. Wenn die Sonne im Meere verfinkt 
und fich jene Bergreihe in ein violettes Kolorit hullt, die 
milde Luft einen umfächelt, der Springbrumnen vor dem 
Hotel feine perlende Fluth aufs und abftrömen läßt und 
Niemand da ift, der von Geſchäften, Minenwerthen, Mord: 
thaten, Gaunereien, Politit und fonftigen Tagesnenigfeiten 
zu einem vedet, jo fan man dort eine Stunde auf das Ans 
genehmfte verbringen. 

Eine der herrlichften Ausfichten in das Thal von Santa 
Barbara genießt man von der Felſenhöhe der 1450 Fuß 
über dem Meere liegenden „Hot Springs“. Durch eine 
mit knorrigen Eichen beftandene fteil amfteigende wilde 
Schlucht gelangt man auf die Höhe, wo zwanzig heiße 
Unellen, die einen Wärmegrad von 60 bis 120 Grad 
Nahrenheit befigen, and dem nadten Geftein emporſpru— 
dein. Fur Säfte und Invaliden ift dort eine Badeanftalt 


Aus allen Erdtheilen. 


errichtet worden, und follen die ſchwefelhaltigen Thermen 
eine bedeutende Heilkraft befigen. Ein an ber fteilen Berg- 
Ichne entlang führender Pfad bringt den Beſucher nad) 
einer Terrafle, wo die grünen Thäler von Santa Barbara, 
Montecito und Carpinteria wie auf einer Yandfarte einem 
zu Füßen liegen, und das Meer und die bergige Infelreihe 
das Panorama großartig abſchließt. Mir wurde gefagt, 
daß die Ausficht von jener Felſenterraſſe faft identiſch mit 
einer in der Nähe von Honolulu fei. 

Ein anderes intereffantes Ausflugsobjelt ift ein Spa— 
ziergang nad) der „Miffion“, deren 340 Fuß über dem 
Meere auf einem Hligel ftehenden weißen Mauern eine 
weithin ins Auge fallende Yandmarke bilden. Der anfehn- 
liche Gebäudelompfer mit feinem abgejtumpften Doppel- 
thurme wurde im Jahre 1786 unter der Peitung der Bene: 
diftinermöndye von Imdianern erbaut und ift noch im ziens 
lic gutem Zuſtande. Im der Kirche bliden die alten 
wohlerhaltenen Heiligen den Befucher heute noch aus ihren 
Niſchen recht vertraulich an. Der Hochaltar, die Bilder 
der Jungfrau Maria ıc. haben ihren Farbenglanz be 
wahrt, und eine Brigade von wohlgenährten Mönchen mit 
60 Schülern bewohnen das alterthiimliche Gebäude, Leben, 
ohne arbeiten zu müflen, von den Einkünften der Kirche 
und beten für das Geelenwohl der Gottlofen in Santa 
Barbara. Die Fenſter find mit Holzgittern verlegt und 
haben ein gefängniartiges Ausſehen, große Flieſen bedecken 
den Eſtrich, und eime and riefigen »Ziegelfteinen erbaute 
Waſſerleitung giebt Kunde von dem rationellen Unterneh: 
mungsgeifte jener alten Mönche. Das Ganze macht den 
Eindrud, als ob man aus Amerifa urplötzlich nach einem 
erztatholifchen Lande verfegt fei. Was wohl die Erbaner 
diefes Monuments der „alten Zeit“ für Augen machen 
würden, fäßen fie, wie ich es vor fieben Jahren das erjte 
Mail that, auf einer Bank unter der Veranda diefer Mij- 
fion und blidten nad) Santa Barbara und dem Hafen hin- 
aus, wo damals gerade ein Dampfer cinlief? — Es möchte 
ihnen wohl etwas fraus im Kopfe geworden fein, fühen fie 
die Veränderung, welde die Angloamerikaner feitdem in 
diefem Lande zu Wege gebracht haben! — 

Weltberühmt ift der Niefenweinjtot von Santa Bar- 
bara geworden. Bei meinem —* Befuche in Santa 
Barbara hatte ich den glüdlichen Gedanken, diefen Wein: 
ſtoch, der vier Miles in öftlicher Richtung von der Stadt 
lag, und von bem ich Wunderdinge gehört hatte, auch ein- 
mal in Augenfchein zu nehmen. Heute wäre dies nicht 
möglich, da derſelbe nicht mehr eriftirt. Der Riefenweinftod 
war damals bereits micht mehr lebensfähig nnd wurde im 
nächſten Jahre mit Stumpf und Stiel ausgegraben und 
nad) der Centennial-Ausftellung nad) Philadelphia gefandt, 
um den aus aller Welt dorthin zufammenftrömenden Frem⸗ 
den dies californifche Wunder ad oeulos vorzuftellen. Der 


143 


Riefenweinftod hatte einen mannesdiden Stamm (61/, Fuß 
im Umfang) und zwanzig große Aeſte, bie ſich, acht Fuß 
über dem Boden, wie die Krone eines Baumes verzweig- 
ten, und bededte mit feinem Laubwerk und dem Spalter 
eine Fläche von 10000 Duabratfuß. Der größte [At 
hatte einen Umfang von 27 Zoll und war fo groß wie ber 
berühmte MWeinftot im Hamilton Court in England, ber 
für den größten in Europa gilt. Als jemer noch in voller 
Kraft daftand, probmeirte er bis zu 10000 Pfund rother 
Trauben und zehn Faß Wein im Jahr. Sein Alter 
ſchätzte man auf 60 Jahre. Sein frühzeitiges Abfterben 
hatte er einem über feinen Wurzeln erbauten und von ihm 
befchatteten Tanzſaal zu verbanfen, ber ihm feit einer Reihe 
von Jahren Luft, Licht und Feuchtigkeit entzog. 

Eine antite, fehr korpulente Spanierin, die in einem 
Holzhänschen nebenan wohnte, das fi durch Schmug und 
urfprüngliche Einfachheit auszeichnete, hatte dazumal mit 
ihren zwei recht hübſchen Töchtern — junge Spanierinnen 
find meiftens hübfh, was man von ben älteren eben nicht 
behaupten kann — die Aufficht über den Rieſenweinſtock 
und nahm jedem Fremden, der ihn zu fehen winfchte, einen 
Obolus von 25 Cents für das Aufſchließen bes Gitter 
thores an der ihm umſchließenden Fenz ab: — ein im bier 
fem freien Lande ganz ungerechtfertigtes Verfahren. Die 
Mutter diefer Donna, auf deren Eigenthum der Riefen- 
weinftod wuchs, hieß Maria Marcelina Felix de Domin— 
gu. Sie ftarb im Jahre 1865 im Alter von 107 Jah— 
ren. In amerifanifhen Balladen wird dieſe Matrone in 
glänzenden Berfen als diejenige vwerherrlicht, welche den 
Riefenweinftod pflanzte. Einen Sprößling des Riefenwein- 
ftods, dev wahrſcheinlich heute ſchon der größte in der Welt 
ift und bem alten im wenigen Jahren an Größe gleichzu— 
fonumen verfpricht, fann man umfonft fehen. 

Das Ausgraben des Riefenweinftods und fein Trans: 
port nach Philadelphia wirbelte dazuͤmal, namentlid in 
Deutſchland, viel Staub auf und wurde dort, felbft von an« 
gefehenen Blättern, ald eine „amerifanifhe Varbarei* be: 
zeichnet, Einen faft abgeftorbenen Niefenweinftot als Be- 
weis von der Produftiondfraft des californischen Bodens 
nad) einer Weltausitellung zu transportiren, ift gewiß ein 
eigenthiimlicher Vandalismus; und was bie „Öelbgier“ 
anbeteifft, weld;e die „Ausländer“ den Santa Barbaraern 
damals fo ingrimmig in die Zähne fchleuderten, fo will ich 
zur Ehrenrettung diefer biederen Menfchen darauf nur ers 
widern, daß der bereits genannte Herr Hollifter — wie 
diefer mir felbft mittheilte — 850 Dollars flir Transport: 
foften des Riefenweinftods nad, Philadelphia aus feiner 
eigenen Tafche bezahlte, und nie einen Gent weder für den 
Weinſtock noch für Ausftellungsgebühren verlangt oder er- 
halten bat. 


Aus allen Erdtheilen 


Europa. 

— In der Sitzung der Ruff. Gefellfchaft für Archäologie 
vom 6. Juni n. St. verlad unter anderen Herr Jwanowski 
einen Bericht über die von ihm 1881 geleiteten Aufgra: 
bungen von Grabhügeln im Gebiete der fogenannten 
BWotsfaja pjatina, des Alt-Nowgorober Landes. Die 
Ausgrabungen find jest bis zur Weftgrenze des Gebietes, 


bem Fluſſe Luga, geführt und dabei in zwölf Gruppen bei 
verfchiedenen Dörfern der reife Peterhof und Jamburg im 
Ganzen 517 Grabhügel anfgebedt worden. 

In derfelben Situng wurden auf Grund einer Broſchüre 
von E. T. Solowiew: „Die Heinen Städte im füböft- 
lichen Theile des Kreiſes Tetjuſchi“ Mittheilungen ges 
macht über die Orte (gorodifchtiche) Tſchirki⸗Bebläjewsl, Deu: 
ſchewsl und Mordowsto⸗Karatajewsl, fowie über die Ruinen 





144 


und Grabhügel dieſes von den Zuflüfen der Wolga und 
Kama reich bewäflerten Gebietes, der alten Landihaft Bul- 
garien. 


AUfien. 

— Die Duellen der Anninstifhen Mineral: 
waffer liegen im den Borbergen des tatarifhen Küften- 
gebirges, 140 Werft von Nikolajewst am Amur anfwärts. 
Sie entfpringen in einem Keſſel, der nach allen Seiten, ben 
Süden ausgenommen, durch fteil abfallende Berge gegen 
Winde geſchützt if. Diefe Onellen waren, einer Mittheilung 
im ruffiichen ‚RegAnz.“ zufolge, ben eingeborenen Gil: 
jaken wohlbefannt unter dem Namen Chablia, fie hiel— 
ten diefelben aber forgfältig geheim, weil fie eine abergläu- 
bifche Verehrung für diefelben hegten. Nachdem Rußland 
bie beiden Ufer des Amur in Befis genommen, fudhten bie 
Anfiebler, die von Chabarowfa bis Nikolatewst am Fluſſe 
wohnten, neben ihrer landwirthſchaftlichen Berhäftigung, die 
ihnen feine auslömmliche Eriftenz bot, nod andern Erwerb 
in der Ungegend. Sie gingen in die Wildniß auf Gold— 
ſuche, andere in die giljafifChen Dörfer, um mit Lebens: 
bedürfniffen Handel zu treiben, wie mit Thee, Getreide, 
Zwieback, Zuder, dann mit Kleidungsftüden, Schuhmwert 
und anderen Waaren in Zobel:, Fuchs- Waihbär:, Bären- 
fellen und dergl. Im Fahre 1863 hörte einer diefer Banern, 
Jwanow, zufällig von ben heißen Ouellen, überzeugte ſich 
von ihren Borhandenfein, und machte von feiner Entdeckung 
den Aerzten Mittheilung Im Mai 1866 wurde mit ber 
Anlage einer Krankenſtation begonnen. Die Quellen, die fi 
namentlich gegen Storbut und bejien Folgen, ferner gegen 
chrouiſche Rheumatismen und Bleihfudht wirkſam bewieſen 
haben, find augenblicklich einem Herrn Bachalowitſch in 
Pacht gegeben. 


Yuftralien. 


— Auftralien ift ein durſtiges Land. Der durch bie Hite 
ausgebörrte Boden fehnt ſich nach naſſer Erfriſchung, und 
aud) der Menfd, fühlt dort in ſtärlerm Mae daffelbe Be: 
bürfniß und übernimmt fich dabei nur zu oft. Trunkenheit 
ift im dem auftralifchen Kolonien außerordentlich verbreitet, 
aber in feiner Kolonie fo jehr wie in Neu-Sid: Wales, wo 
jährlich durchſchnittlich 25 Perjonen von je Taufend ber Ber 
völferung an Öffentlihen Orten wegen Trunkenheit are 
tirt werden. In den übrigen Kolonien ftellt fih der Sat 
erheblich niedriger, aber immer noch hoch genug: in Süd— 
Auſtralien auf 16, in Queensland auf 15,3, in Neu-Seeland 


Aus allen Erbtheilen. 


auf 15, in Tadmanien auf 18,5 und in Victoria auf 13,1. 
Die Katholilen lieferten nad Verhältniß ihrer Zahl, wegen 
der ihmen meift angehörenden Irländer, das größte Kontin- 
gent. 

— Der wichtige Handelsverkehr zmwifhen ben 
auftralifhen Kolonien und Großbritannien wirb 
jegt immer mehr duch Dampffchiffe, unter Benutzung bes 
Suez⸗Kauals, vermittel. Dabei hat ſich aber das Fehlen 
einer SKohlenftation auf der langen Meereöfirede zwiſchen 
Aden und King George’s Sound, an der Südküſte von Weſt⸗ 
Auftralien — wenigftens in gerader Linie mit Umgehung des 
öftlich gelegenen Point de Galle, Ceylon — als ein großer 
Mebelftand ertwiefen. Man ift gezwungen, eine Kohlenmenge von 
ungefähr 2000 Tonnen für diefe Strede mitzunehmen, und bamit 
geht ein betrüchtlicher Schifieraum für Kargo verloren. Im 
Folge deffen hat fid) England jet den Chagos-Archipel, mwel- 
her, anf ungefährem halben Wege zwifchen Aden und King 
George's Sound, in 7° 29° ſüdl. Br. und 72° 25° öfl. 2. Gr, 
liegt, angeeignet. Es ift die größere, 21 km fange Inſel 
Diego Gracia im diefer Gruppe, welche dazu beftimmt ift, in 
Zukunft als KRohlenftation für Dampfer und Kriegsſchiffe zu 
dienen. Der Hafen mit fehmigem und fanbigem Grumbe ift 
groß genug, um eime ganze Flotte aufzunehmen, gewährt 
Sicjerheit gegen Stürme und läßt fi in Kriegszeiten gegen 
feindliche Angriffe leicht vertheidigen. Die Einfahrt in ben 
Hafen ift eine doppelte. Die eine, und zwar nordweſlliche, ift 
1,6 km breit und 11 bis 22 m tief, die andere, engere läuft 
zwiſchen zwei kleineren Injeln hindurch und hat eine Tiefe 
von 11% bis 71%, m. Anßerhalb des Hafens finkt das Meer 
auf 130 bis 360 m. 

— Die telegrapbifhe Verbindbungzmwifden 
Unfralien und den übrigen Kontinenten ba 
tirt vom 22. Oktober 1872. Unfangd war e8 eim einziger 
Kabel, weldher von Port Darwin, an der Norbfüfte von 
Auftralien in 12°27'45" fübl. Br. und 180° 50'45" öſll. 
8. Gr., über Banjoewangi, Singapore, Madras, Aden, 
Alerandrien u. f. w. nad) Europa führte. In Folge öfterer 
Störungen wurde aber dann im Januar 1880 noch ein zweis 
ter Kabel zwifchen Port Darwin über Java nad) Penang 
in Betrieb gefett. Bei dem fid) von Jahr zu Jahr fteigern- 
den Hanbelöverfehr zwiſchen Aufralien und namentlich Eu: 
ropa nimmt auch ber Kabeldepeſcherwerlehr einen immer grö- 
fern Umfang an. Die im Fahre 1891 eingelaufenen De 
peichen jummirten auf 17721 gegen 14842, und bie ver 
fandten auf 16621 gegen 12767 im Jahre 1830, Diefelben 
vertheilten ſich auf die einzelnen Kolonien wie folgt: 





Kabeldbepeiden 





Kolonie: eingelanfen 
Baht Werth 

Bictoria - 222... 6525 41010 Pf. St. 
Neu: SidWales . . - - 4345 23098 „ 
Neun-Seland .. - . - - 2567 1512 „, 
Siüd-Anftralin. - . - - 3028 782 . 
Duendlnmd » .-».» 603 347 , 
Tadmanin 222. . 241 3 , 
Wer-Auftralin. - .» - - 232 2 , 

Total . 17 721 102 649 Pf. St. 


Total 





abgefanbt 
Bahl Werth 
Bahf Werth 
5648 41201 Pf. St. 12 168 32211 Pf. St. 
4822 22 „ 9167 30 „ 
2555 15468 „ 5122 3050 , 
2361 12434 ,„ 5 569 30316 , 
863 4558 „ 1466 7W . 
183 Bo 5 424 1718 , 
194 m , 426 1702 , 
16 621 105593 Pf. St. | 34542 1208212 Pf. St. 





Inhalt: Eine Pilgerfahrt nad Nebihd IV. (Mit fünf Mbbildungen.) — C. Berghoff: Die heutige Bevöllerung 
der Inſel Meroe. (Mit drei Abbildungen) — Theodor Kirdhoff: Streifzige in Süd-Californien TI. — Aus 
allen Erdtheilen: Europa, — Afien. — Yuftralien, (Schluß ber Redaction 6. Auguſt 1882.) 





Nedarteur: 


Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Lindenftraße 11, II Tr. 


Drud und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunſchweig. 
Hierzu eine Beilage. 


—ñNi 


Band XLII. 


— — — 





Mit beſonderer Berückfichtigung der Anthropologie und Ethnologie. 


x 





— 


Begründet von Karl Andree. 


In Verbindung mit Fachmännern herausgegeben von 


Dr. Richard Kiepert. 


Braunſchweig 





— — 


Jahrlich 2 Bände & 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Poftanftalten 
zum Preife von 12 Marl pro Band zu beziehen, 





1882, 


Zac 





Eine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 
(Nah dem Englifhen der Lady Anne Blunt.) 


Aus demjelben Thore, durch welches die Karawane der 
Reifenden vor zehn —* in die Stadt Hail eingezogen 
war, ging es um die Mittagszeit des "1. Februar wieder 
hinaus; diesmal in öftlicher Nichtung durch ein etwa drei 
Miles langes ſchluchtartiges Thal, das von den Palmen: 
gärten der Stadt ganz ausgefüllt war. Der größte Theil 
des perfiichen Pilgerzuges hatte Hail chen am Morgen 
verlafien, und als die Neifenden jest aus dem Balmenthale 
hinaus auf die Ebene traten und umter einem mächtigen 
Sthelbaume eine kurze Raft und Umſchau hielten, bot ſich 
ihnen der überrafchendfte Anblid. Inmitten der weiten, 
am weftlichen Horizont von der feltfam geformten Gipfel 
reihe des Dſchebel Adſcha begrenzten Ebene zeigte ſich eine 
täufchende Yuftipiegelung, eine lange blaue Waſſerſläche, 
durch welche die Kameele des Pilgerzuges in ſchier endlofer 
Folge hindurch wateten; die Tüuſchung wurde durch die 
flaren Spiegelbilder in der ſcheinbaren Waſſerfläche eine 
durchaus vollfonmmene; die bunten Farben an der Aufzäus 
mung und den Yaften der Kameele glängten aus dev vers 
meintlichen Tiefe mit einer Intenfivität herauf, wie dies 
vielleicht eben nur hier, in der unvergleichlich klaren und 
durchfichtigen Yuft der Ebene von Dſchebel Schammar mög: 
lid) war. Nach Lady Blunt können nämlich weder bie 
Hochregionen der Alpen, noch auch die Bolargegenden in 
Bezug auf Klarheit und Reinheit der Luft einen Vergleich 
aushalten mit dev Gegend um Hail, diefem fait 700 km 
vom Meere entfernten, 3500 Fuß über dem Meeresipiegel 

Globus XLU. Nr, 10, 


V. 
(Sämmtlicdre Abbildungen nach Skizzen der Reiſenden.) 


erhabenen Centrum der Wuſte. Der leuchtende Glanz, der 
hier über Alles ausgegoſſen iſt, verllärt die an und fir ſich 
eintönige Yandidaft zu einem Bilde von eigenartiger Schöns 
heit; auch jest hoben fich die im Vordergrunde über die 
Ebene verftrenten Gruppen der alten, Inorrigen und zum 
Theil gefappten Ithelbäume in malerifher Wirkung von 
dem vothen feinen Granitgeröll des Bodens ab. Die alten 
Bäume, deren niedrige Stämme meist einen Umfang von 
30 bis 40 Fuß haben, ftehen faft alle auf fleinen Hügeln; 
fie zeigen ohne Zweifel die frühere Yage der Stadt Hail 
an, die erſt in verhältnißmäßig neuer Zeit von diefer Seite 
der Dafe nad) ihrem jegigen Plage verlegt worden fein 
fol. — Schon lange vor Sonnenuntergang, nad) einem 
Marice von kaum 10 Miles, ſchlugen die Pilger, und mit 
ihnen auch die Karawauen Blunt's, das Nachtlager in einem 
Heinen Thale auf, in defien Mitte dat berak, die roth— 
grüne Fahne, die dem Pilgerzuge vorgetragen wird, aufs 
gepflanzt wurde. Man wollte dem in Hail noch zurüd: 
gebliebenen, oder vielmehr von dem mir wegen einer 
Seldangelegenheit zurüdgehaltenen Theile des Hadſch, 
bei dem ſich aud Ali Koli Chan und feine ſämmtlichen 
Begleiter befanden, Zeit laffen, den Borangegangenen nad): 
zulommen. Leider aber brachte fowohl der nächſte ala 
auch die folgenden Tage anftatt der Erwarteten nur immer 
nee Verzögerungen. Immer wieder gab der Emir el 
Hadſch, der den Pilgerzug Überwachende und leitende Beamte 
Mohammed’s Ion Raſchid, das Signal zu einem Halt 
19 


146 


für alle Kameele und Berittenen, immer wieder veranftaltete 
er neue Zählungen der bei dem Zuge befindlichen Thiere, 
um womöglich nod) immer neue Abgaben erheben zu kön: 
nen. So wurden vier Tage in fruchtlofem Warten und 
fürzeften Tagemärjchen hingebracht; am Abend des vierten 
befand man ſich faum 40 Miles von Hail entfernt. In— 
zwifchen vergrößerte fi) der Hadſch durch zahlreiche andere 
Zuzügler; Bebuinen verſchiedener Stämme, aud) viele Leute 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 


aus den Dafenftädten fanden fich ein, die alle die ſichere 
Gelegenheit benugen wollten, um zum Cintaufe ihrer Vor— 
räthe an Reis und Weizen nad; Meſchhed Ali oder nad) 
Samawa am Euphrat zu gehen. Im Vergleich mit allen 
diefen Arabern erſchienen die perfiihen Pilger faft ohne 
Ausnahme roh und gewiffermaßen bäueriih. Die weiße 
Hautfarbe, die häufig unter ihnen vertretenen blonden Haare 
und blauen Augen konnten den plumpen ſchweren Geſichts— 





zügen doc; nie etwas dem vornehmen Ausiehen der Araber 
Aehnliches geben. Trog der zahlreichen Wafchungen, welche 
die Pilger zu allen Tageszeiten und bei allen paflenden 
und unpafienden Gelegenheiten vornahmen, jahen fie in 
ihren dicken ſchmutzigen Filzröcken immer weit unfauberer 
aus, als einer dev ungewaichenen Araber. Ganz befonders 
widerwärtig war der „heilige* Gebrauch der Derwiſche, 
ihr Trinfwafler immer erft zum Wafchen der Fuße zu bes 
nugen; von der gemeinſamen Benugung einer Waflerlache, 


Ithelbaum in der Ebene von Heil. 





wie man in diefen Tagen am Grunde einiger Wadis meh- 
rere fand, konnte mit ihmen nicht die Kede fein. Man 
mußte ſich bemühen, ihnen den Wang abzulaufen und die 
Schläuche zu füllen, che die heiligen Männer anlangten. 
Es war ein hügeliges, von tiefen Wadis durchſchnitte— 
nes Terrain, auf dem man in nordöſtlicher Richtung lang- 
fam vorrlidte. Bon einem Wege war aud) hier nichts vor» 
handen, dod) diente ein am nordöftlichen Horizont entpors 
ragender hoher Berg, der Dicjebel Dſchildiyeh, als Yand- 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 








Zug ber perfilhen Pilger. 


148 


marke. Während der Pilgerzug am 4. Februar einen voll: 
ftändigen Raſttag hielt, unternahm Blunt einen weiten 
Relognofeirungsritt in nördlicher Richtung nad) einem an- 
fehnlichen Hügelzuge, der ihm eimen fir feine Aufnahme 
des Yandes glinftigen Ueberblid zu verfprechen fchien. Weite 
Sandebenen, die mit niedrigen Reihen gelber Sandftein- 
hügel abwechjelten, nirgends eine Spur von Vegetation 
oder ein lebendes Weſen: das war die Yandidaft, die er 
durchritt. Bon einem Gipfel des Höhenzuges aus ſah er 
die Nefüd, die fi) wie ein ungehenres rothes Meer nad) 
Norden hin ausdehnte. 

Am Morgen des 5. Februar wurde der Befehl zum 
Aufbruch gegeben. Das Lager follte nad) dem 10 Miles 
entfernten Wadi Hanaffer (Thal des Kleinen Fingers) ver- 
legt werden. Etwa auf der Hälfte des Weges, der fiber 
eine lahle Sandjteinebene führte, fam man an einen hohen, 
fteil aus der Ebene emporragenden Hügel, das Tell es 
Sayliyeh. Eine an der ſenkrecht abfallenden Seite deſſel⸗ 
ben befindliche Infchrift und verfchiedene rohe Zeichnungen 
von Kameelen, Straußen und Steinböden, ſowie auch von 
mit Yanzen bewaffneten Neitern, fejlelten hier die Aufmerk— 
famteit der Neifenden. Die Bilder unterfchieden ſich nur 
durch größern Mafftab und etwas forgfältigere Ausfüh— 
rung von den primitiven Darftellungen, die Lady Blunt 
icon an den Felfen der Sandfteinvegion von Dſchöf gefun- 
den und fopirt hatte. Die tief eingegrabenen und ſehr 
gleichmäßigen Schriftzeichen wurden fpäter von dem durch 
feine Ansgrabungen des alten Babylon befannten Mr. 
Raſſam fire altphönifijch erflärt und auf reifende Kaufleute 
des alten Handelsvolles zurüdgeführt. Lady Blunt kann ſich 
diefer immerhin nicht unwahricheinlichen Erklärung nicht 
anfchliegen. Inſchrift und Bilder am Tell es Sayliyeh 
find unverkennbar gleichzeitig und zuſammengehörig, und die 
gewiſſermaßen konventionelle Darftellung der hier einhei- 
mischen Thiere ſcheint ihr aud) auf einheimifche Urheber zu 
deuten. — Nachdem fie eine genaue Kopie des intereſſan— 
ten Fundes genommen hatten, bejtiegen die Reiſenden das 
Tell, um hier den langſam nachfolgenden Hadſch abzuwar: 
ten, der einer ungeheuren Schlange gleidy über die wellige 
Ebene daher fam und jegt, dicht am Fuße des Tell vor- 
überziehend, einen feltfam bunten, faſt märdyenhaften Ans 
blid gewährte. Ueber eine Stunde dauerte das Vorbei: 
ichen der mindeftens drei Miles langen Proceffton mit 
ihren 4000 Kameelen — und doch war dies nur die Hälfte 
des eigentlichen Hadjch! Den Vortrab bildete ein Haufen 
Derwiſche, wildansjchende, ſchmutzige Geſellen, die im 
ſchnellſten Yaufichritt, ohme nad) rechts oder links zu fehen, 
voraneilten. Ihnen folgte die Schar der Gläubigen, die 
aus befonderer Frömmigleit die ganze Bilgerfahrt zu Fuß 
machten; meift gut gefleidete Yente, von denen viele wäh— 
rend des Gehens in großen Pergamentrollen lafen, Die 
meiften von ihnen trugen Veberflaichen in den Händen, die 
das Waffer zu den häufigen, durch ihre Gelübde gebotenen 
Waſchungen enthielten. Bon Zeit zu Zeit ftanden fie ſtill 
und volljogen diefelben, durchaus umbefiimmert um das 
zahlreiche Publikum; fehr oft ſtimmten fie auch gemeinfame 
Gebete und ohrenzerreigende Geſänge an. Im Gegenſatz 
zu den Derwijchen, die, fobald fie mur einige Worte Ara- 


biſch verftanden, ſich umgänglid) zeigten und gern auf Uns 


terhaltungen mit den Reiſenden eingingen, trugen Diele 
Frommen par excellence einen fanatiſchen Haß gegen die 
Franken zur Schau, der ohne die ftrenge Ueberwachung 
durch den Emir el Hadſch leicht unangenehme Dimenfionen 
angenommen haben würde Won der Erwiderung eines 
Grußes war bei ihmen nicht die Rede, und faft ergötzlich 
war der Anblid des paniſchen Scjredens, der jie alle er- 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 


griff, wenn nur einer von Blunt's Hunden in ihre Nähe 
fam. In wildefter Flucht ftoben fie dann auseinander, um 
nicht durch eine zufällige Berührung verunreinigt zu wers 
den. Alle diefe und ähnliche Borurtheile der frommen 
Schiiten find den Arabern durchaus unverſtändlich, und fo 
kam es denn zwiſchen diefen gläubigften Pilgern und ihren 
beduiniſchen Begleitern am häufigften zu Neibereien aller 
Art. — Eine gute Strede hinter den zu Fuß gehenden 
Borlänfern des Zuges kommen erft die Neiter; zuerft ein 
glängender Trupp von Dienern Yon Raſchid's, alle auf 
herrlich aufgezäumten Dromedaren edelfter Nace, ſoge— 
nannten naamiyeh, deren fanfter, gleichmäßiger Gang 
einen ungeftörten Schlaf im Sattel erlauben fol. Die 
Gazellenaugen, das feidenglängende Fell und die anmuthi- 
gen Bewegungen der herrlichen Thiere find nad) Yady Blunt 
von unbejchreiblicher Schönheit. Einer diefer Dromedar- 
reiter trägt das Berak, die glänzendrothe, grimmmränderte 
feidene Fahne Ion Raſchid's: neben ihm ritt gewöhnlich der 
Emir el Hadſch, ein ſchwarzer Sklave Ihn Raſchid's, auch 
hoch zu Dromedar, obgleich ein Diener für etwa vorkommende 
Fälle bejtäindig ein Pferd Hinter ihm her führen mußte. 
Bon der Maſſe der Pilger; die mm folgte, ſaßen oft zwei 
auf einem Kameele, oft thronte auch nur einer hoch über 
den großen Kiften und Paden mit Hausrath und Vorräthen 
aller Art, die zu beiden Seiten des Thieres hinabhingen. Die 
Vornehmeren und auch die meiften Frauen veiften in foges 
nannten mahmals oder großen Körben, die geräumig genug 
find, um ſich darin ausſtrecken zu können, und von denen 
jedes Kameel zwei tragen kann. Gin Diener führt das 
Thier, mehrere andere gehen daneben; oft trägt einer von 
ihmen das Nargileh, aus dem der im Korbe Eigende durch 
einen langen Schlauch raucht. Die koftfpieligfte Beförde— 
rungsart find die tahtawerans, große Sänften, zu deren 
Transport zwei Thiere nothwendig find; von diejen mit 
größtem Luxus, mit jeidenen Borhängen und foftbaren Tep- 
pichen ausgeftatteten Sänften waren drei oder vier in dem 
Zuge vorhanden. Auffallend war auch hier wieder die ges. 
ringe Anzahl von Pferden; es mochten jich im Ganzen etwa 
fieben oder acht bei dem Hadſch befinden. Sämmtlidye Ka— 
meele gehörten den begleitenden Araber, Schammar-, She: 
varät-, Howeyſim⸗ und anderen Beduinen. Die Befiger 
der Thiere laſſen ihr Eigenthum mie ans den Augen; fie 
gehen zu Fuß hinter den Reitern und Yaftthieren einher und 
befinden fi wegen der „übermäßigen Anftrengungen“, die 
ihren Kameelen zugemuthet werden, in fortwährendent klei— 
nen Kriege mit den Pilgern. Da aber jeder laute oder in 
Thätlichkeiten übergehende Ausbruch diefes Krieges von den 
neben dem Zuge reitenden Soldaten Ibn Raſchid's fogleid) 
fräftig unterbricht zu werden pflegt, beguligen die Araber 
ſich meist damit, ihrem Zorne in lauten Berhöhnungen und 
derben Späßen Yuft zu machen. Und die perfiichen Kameel— 
reiter geben dazu veichlichen Anlaß. Seiner von ihnen ent» 
schließt ſich je, anders als rittlings auf dem Santeele zu 
figen; und die unglückliche Figur, die fie dabei bilden, die 
Ungejchieflichkeit im Negieven des Thieres, die eigenthümliche 
Fiſtelſtimme und die Ausdritde, in denen fie ihm zuſprechen, 
und die „Fein arabiſches Kameel je verftchen kann“, das 
alles giebt unerſchöpſlichen Stoff fir die Bosheit der 
Eskorte. 

Das Wadi Hanaſſer, das man gegen Abend erreichte, 
iſt ein weites Thal mit mehreren waſſerreichen Brunnen 
und einem großen Striche guten Weidelandes. Aus dem 
hohen Kraute des als treffliche Kameelweide beſonders ge— 
ſchätzten „rimk“ jagten Blunt's Hunde eine Menge von 
Hafen auf, und während rings um die Brunnen das Pilgers 
lager anfgeichlagen wurde, aus dem bald die abendlichen 


149 


Eine Pilgerfahrt nad) Nedſchd. 





uiguoqav T uoa vſpqoo aꝛg 





150 


Sebetrufe der Mueddin erfchallten, gingendie Reifenden dem 
hier feltenen Vergnügen der Jagd nad). 

Der ewigen Verzögerungen, bie fi) mod) ins Unbe— 
ftimmte auszudehnen gr grimdlicd) milde, beſchloß Blunt 
am folgenden Tage (6. Februar), ſich fürs erfte von dem 
Hadſch zu trennen und feinen eigenen Weg zu gehen. Die 
Aufregung im Pilgerlager wuchs von Tage zu Tage; Pie mit- 
genommenen Borräthe waren fiir eine gewiſſe Dauer der Reife 
beſtimmt, die duch die fortwährenden Aufenthalte weit itber: 
fdjritten wurde; und ein Ort, an dem man neuen Proviant 
erhalten konnte, war anf dem ganzen Wege nad) Meſchhed 
Ali nicht vorhanden. Nun hieß es wieder, daß Mohammed 
Yon Nafchid in den nüchſten Tagen zu einem Ghazit aus- 


ziehen und dabei felber die Pilger von Hail bis zum Yager , 


geleiten witrde; bis zu feinem Eintreffen mußte man im 
Wadi Hanaffer bleiben. 

Im unverändert norböftlicer Richtung vorwärtägehend, 
erreichten Blunt und feine Begleiter am Mittag des 8. das 
Dafendorf Bekaa oder Taybetism, die feltfamfte Unterbre- 


Eine Pilgerfahrt nah Nedſchd. 


hung der einfürmigen, gelben Sandfteinebene; eine tiefe 
Deprefjion, ein altes Seebecken wie das von Dſchobba, nur 
unendlich viel malerifcher und großartiger. Rings um den 
volltommen trodenen See, der einen Umfang von 6 bie 7 
Miles hat, Liegen in Heinen Zwiſchenräumen die ſchönſten 
Palmengruppen und Gärten, die Häufer des Dorfes verein- 
zelt darunter. Die merkwürdigſte Yuftjpiegelung zeigte das 
Beten and) hier als tiefblaue Waſſerfläche, welche die Bil- 
der der felfigen Ufer, der Bäume uud Hänfer Mar zurüd- 
warf. Die geologische Beichaffenheit des ganzen Diſtrikts 
von Taybetism iſt höchſt ceigenthümlich. Mächtige Sand- 
fteinfelfen von phantaftiider Form, ftellenweije durch die 
Einwirkung des Waſſers zu ungehenern Pilzen ausgewaſchen, 
erheben fid) rings um dad Beden, das, nad) ihrer Höhe von 
40 bis 50 Fuß zu urtheilen, einft eine gewaltige Wafler- 
maſſe enthalten haben muß. Daneben zeigen ſich wieder 
andere Felſen, an deren merhoitrdiger Geſtaltung wultanifche 
Kräfte thätig geweſen zu fein ſchienen. Große Schichten 
eines röthlichen Gefteins traten dann wieder zwiſchen dem 





= 


* 
— — 


KK 





Brumuen der Zobeudeh. 


gelben Sandftein zu Tage; ftellenweiie in bandartiger Strei« 
fung mit einer glänzend weißen Gefteindart. Hin und wieder 
zeigen ſich auch Meine mit rothem Nefüdfande bederfte Flächen, 
auf denen das grüne „adr“ der Nefüd wächſt. Am Grunde 
des Beckens befanden ſich mehrere fleine Vertiefungen mit 
falzigem Warler, von Gruppen wilder Balmen und Tama- 
risfen umgeben. Einige am Ufer befindliche Brunnen hat 
ten eine Tiefe von 40 bis 50 Fuß; die Häufer, die Palmen- 
gärten und die Meinen, mit Gerſte beftellten grünen Ader: 
ftücde in der Nähe der Brunnen: alles madjte den Eindrud 
einer gewiſſen Wohlhabenheit. Ein ftattliches Kasr an dem 
einen Ende des Seebeckens ſchien augenblicklich volltommen 
unbewohnt zu fein; doch fol der Emir von Hail ſich zeit: 
weiſe hier aufhalten. 

Der adıte Februar brachte den Reifenden eine wünſchens⸗ 
werthe Bergrößerung ihrer Karawane, Ein junger Scham: 
marbeduine, der jic mit einigen Kameelen dem Hadſch 
angeſchloſſen hatte, um nach) Samawa zu gehen, gefellte ſich 
als Führer zu ihnen; er flrdhtete, daf jeine mageren Thiere, 
wenn er bei den Pilgern verbliebe, von dem Emir el Hadid) 


zu Paftdienften „gepreßt* werben könnten, und daß fie dann 
den Rücknarſch vom Euphrat mit ihrer Yadung Getreide 
nicht aushalten würden. Er behauptete, die Pilgerſtraße 
genan zu fennen, und wenn and, feine Angabe, daf man 
nur noch acht bis zehn Tagereifen von Meſchhed Ali ent- 
fernt fei, mit Blunt's Berechnungen und, wie es fich ſpäter 
zeigte, aud) mit der Wahrheit nicht übereinftimmte, fo ver- 
traute man ich dod; gern feiner Führung an. Während 
der mächften Tage ging es nun im norbnorböftlicher Rich- 
tung immer am Rande der Nefüd entlang, deren Nähe ſich 
durch ein veicheres Thierleben bemerlbar machte, als man 
feit lange gejehen. ine Herde Gazellen, zahlreiche Buf- 
farde, am 10. Februar fogar eine Hyäne, die glücklich erlegt 
und von Blunt's Leuten verzehrt wurde, brachten einige Ab- 
wechstung in das Einerfei des Wüſtenmarſches. Die er- 
giebigfte Fagdbente und einen regelmäßigen Beftandtheil des 
täglichen Mittagmahls bildeten aber jetzt die Heuſchrecken, 
die im unglaublichen Mafien am Tage umherſchwärmten 
und Nachts in großen Haufen unter den Buſchen lagen. 
Die befte Zeit zu ihrem Fange ift Morgens, wenn fie von 


Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Süd-Ealifornien, 


dem Than und der Kälte noch ftarr find. Im Waſſer ab: 
gekocht und, nad, Entfernung der langen Sprungbeine, an 
den Flugeln genommen, in Salz getaucht und gegefien, find 
fie nad) Lady Blunt eine der wohlfchmedendften Speiſen, 
die unter den hors d’oeuvres eines Parifer Reſtaurant gar 
wohl ihren Plag behaupten witrde. Ihr Geſchmack erinnert 
weniger an Fleiſch oder Fiſche, als vielmehr an vegetabilifche 
Kofi. Das Unheil, was fie mit ihrer Verheerung alles 
Gewachjenen anrichten, machen fie wenigftens in diefen Ges 
genden durch den Nutzen, den fie bringen, wieder gut. Nach 
den Erzählungen des jungen Schammar follen ganze Be: 
duinenftänme in der Nefüd um diefe Zeit des Jahres nur 
von Heufcreden und Kameelmild leben. Daneben giebt 
es kein Thier, das nicht Jagd auf fie machte und das fie 
nicht augenfcheinlich gern fräße. Pferden und Kameelen 
werden fie als befonders gefund unter das Futter gemifcht; 
die Huude ſchnappten während des Yaufens den ganzen Tag 
über nad ihnen und verzehrten fo viele fie nur befommen 
konnten. In dem Magen der erlegten Hyäne fand Blunt 
außer Gazellenfleifch eine Menge Heufchreden; ſämmtliche 
Wiüftenvögel von dem Naben und Habicht bis hinab zur 
Wuſtenlerche waren im beftändiger Jagd auf das im unge 
fchicdtem Fluge gleich Maikäfern umherſchwirrende Wild. 
Am 10. Februar paffirte man die Brunnen von Schay: 
beh, die, 40 am der Zahl, an einer unwirthlichen Stelle des 
alten Hadſchweges liegen, der frither weit öftlich von Hail 
direkt nad) Bereydeh in Kafim führte. Das nächte Nacht: 
fager wurde wieder in der Nefüb aufgeſchlagen, durch die 
es jetzt einige Tage lang norbwärts ging, um die berühmten 
Brunnen der Zobeydeh zu erreichen. Wie gute alte Bes 
kannte begrüßten die Reifenden die Fuldſchs und die Flora 
der Nefüd, die ſich freilich hier weniger großartig zeigt, als 
mehr nad) der Mitte zu. Der Sand und mithin die Fuldſchs 
find bedeutend weniger tief, als dort. Breite Streifen nad- 
ten Felsbodens treten zwifcen den Sandhügeln zu Tage: 


151 


es ift hier am öftlichen, wie auf der andern Seite am weft- 
lichen Rande der großen Wuſte nicht die umunterbrochene, 
fondern nur die „intermittirende* Nefüd. Mad) mehreren, 
ziemlich angeftrengten Tagemärſchen kam man gegen Mit 
tag des 13. Februar an dem erften der großen Bafferbehäl. 
ter au, die von Zobeydeh, der Gemahlin Harun al diaſchid's, 
im Beginn des neunten Dahrhunderts unferer Zeitrechnung 
für die Mekkapilger gebaut worden find. Das ungeheure, 
aus maſſivem Cement beftehende Refervoir mit feinen 6 Fuß 
ftarfen Mauern bildet ein Rechte von 50 Fuß Breite auf 
80 Fuß Yänge Merkwürbigerweife ift es nicht im Thale, 
fondern auf einem Hligel angelegt, zu dem Stufen hinanf- 
führen. Breite Stufen führen aud) in das Innere des Res 
ſervoirs hinab, das heute leider durch) einen großen Spalt 
im Mauerwerk feinen ganzen Inhalt ausfliegen läßt, und 
nur in der Mitte noch eine Heine Lache ſchlammigen Waf- 
ſers zeigt. Am folgenden Tage kam man noch an mehreren 
ähnlichen und in befferm Zuſtande befindlichen Waſſerbehäl⸗ 
tern vorbei; und diefe Nähe des Waſſers zeigte ſich allent- 
halben an ber Belebtheit der Gegend. Immer wieder be: 
gegnete man Bebuinenhaufen der verfchiedenften Stämme, 
die Über den unerwarteten Anblid der Franken oft durchaus 
nicht erfreut ſchienen. Der Weg, auf dem man entlang zog, 
war bier bon einer doppelten Keibe roh aufgeſetzter großer 
Steine eingefaßt. Da die ganze Ebene hier mit cben fol- 
hen Steinen überfäet ift, fo liegt die Vermuthung nahe, 
daß man fie hier nur aus dem Wege geräumt hat, um den: 
felben eben pajfirbar zu machen. Der Sage nad) find es 
aber die Ueberrefte hoher Mauern, die Zobeydeh bauen und, 
um die Pilger gegen die Sonne zu jchligen, mit großen 
Tuchern überfpannen ließ. Bon den großartigen hans, 
die fich neben den Brunnen befunden haben follen, und von 
der herrlichen Verpflegung, weldge die Pilger in denfelben 
erhielten, werden noch heute unter‘ den Bebuinen wunderbare 
Märchen erzählt. 





Streifzüge in Süd-Galifornien. 
Von Theodor Kirchhoff. 


II. 


Bon Santa Barbara Über San Buena Bentura nad) Yos Angeles. 


Früh Morgens am 25. Juni, als der Tag noch nicht 
graute, mahm ic) Abjchied von Santa Barbara, um mit 
der GStagekutfche nad San Buena Bentura (30 Miles) 
weiter zu fahren, Zunächſt durchtreuzten wir bie Frucht: 
bare Garpinteria mit ihren zwifchen dem Meere und dem 
Küftengebirge liegenden grünen Hügeln und wohlbeftell- 
ten armen, welche Yandjchaft ich fchon vom Gipfel bes 
St.» Marcus s Berges betradjtet hatte, und die in der 
Nähe nichts von ihrer Anmuth verlor. Ich bemerkte wäh: 
rend dieſer Fahrt verfchiedene Truppe von Männern und 
Frauen, welche über die Ditnen nad) dem Meere wanderten, 
Auf meine Frage an den Kutjcher, weshalb jene Leute ſchon 
vor Sonnenaufgang nad) dem Ocean pilgerten, belehrte er 
mic, daß diejelben jpanifcher Abkunft feiern und heute, am 
Tage Johannis, ganz in der Frühe nach dem Meere gingen, 
um dort ein Bad zu nehmen und die im letten Jahre be 
gangenen Sinden abzuwaſchen. 

Almälig näherten fid) die Berge dem Strande und 


traten zulegt fo dicht am denfelben heran, daß wir auf einer 
Strede von vier Miles auf dem vom Meere überjpiil: 
ten Ufer ums einen Weg fuchen mußten, wo die legten 
Ausläufer der Herein ſchwellenden Brandung unter den 
Rädern hinrollten, — eine recht interefiante Fahrt, die aber 
ftellenweife, wenn eine impertinente Welle fid) bemlihte, in 
den Kutjchenfchlag zu guden, etwas ungemüthlich wurde, 
Selbft ald wir wieder trodenen Boden erreicht hatten, blieben 
uns die Berge noch geraume Zeit linfer Hand ganz nahe 
zur Seite. 

Diefer ganze Kuſtenſtrich zeigt zahlreiche Spuren alter 
vulfaniicher Thätigkeit. Auf dem Ufer lagen an mehreren 
Stellen große hellgelbe Yavablöde und Bimsftein. Ob dieſe 
aus dem Meere dorthin gelangt waren, oder aus einem dem 
nahen Gebirge liegenden Bulfane herrührten, darüber fonnte 
ich nichts Genaues erfahren. Der Roffelenter machte mid) 
auf einen im einer Höhe von etwa 25 Fuß ber dem Strande 
in den Berg gebohrten Tunnel aufmerffam und forderte 


152 


mich auf, denfelben zu imfpiciren. Mit einiger Mühe er- 
reichte ic) die Mündung des Tunnels, begab mic, aber 
nicht in denfelben himein, da mir eine bedeutende Hige und 
ein ftarfer Petroleumgerud) daraus entgegenftrömten. Der 
Tunnel war, wie id) erfuhr, fiebzig Fuß tief in den Berg ge: 
trieben worden, als man ihn wegen der ſich bei jedem Fuß, den 
man weiter bohrte, ftarf vermehrenden Hige wieber verlaffen 
mußte. Aus einer diefem Tunnel — Sand⸗ 
bant, die jeden Tag von der Fluth unter Waſſer geſetzt 
wird, ſprudelt eine ſtarle Süßwaſſerquelle hervor, an ber 
die vorbeipaffivenden Reifenden und Fuhrleute ihre Pferde 
und Zugochſen zu tränken pflegen. 

Die Gegend behielt bis nad; San Buena Ventura ihr 
fteriles Gepräge. Die Begetation beftand aus Dieichten von 
Kaktus und Salbeibüſchen, in welche Berſtecke ſich die zahl- 
reichen Hafen, welche dort auch vor dem ihnen nachſtellen⸗ 
den Wildlagen volltommen ficher find, bei unferm Herans 
nahen flüchteten. Zwei Wildfagen, die faft fo groß wie 
Panther waren, wanderten eine Strede weit neben uns oben 
auf den Feljen entlang und ließen ſich durch unfer Färmen 
und Hurrahrufen durchaus nicht in ihrem Morgenfpaziergange 
ftören. Sogenannte „road runners“, eine Art lang: 
beiniger Trappen, fprangen öfters vor und auf und rann⸗ 
ten mit einer fabelhaften Schnelligkeit halbmeilenweit vor 
den galoppirenden Pferden her, ohne nur einen Verſuch 
zum fliegen zu machen, bis fie Sich fchlieglich feitwärts in 
die Buſche ſchlugen. Gegen Mittag erreichten wir San 
Buena Ventura, wo ic; bis zum nächften Tage verweilte. 

San Buena Ventura (1370 Einwohner), hier zu 
Lande meiftens furzweg Ventura genannt, ift ber en, ag, 
fig von Ventura County, Als Hafenplag hat der 
keine Bedeutung, da die offene Bucht nur geringen Schug 
gegen Stürme gewährt. Dagegen ift San Buena Ben- 
tura das natürliche Centrum emer Anzahl von fruchtbaren 
Thälern und erfreut fic eines anfehnlichen Binnenhandels, 
Die Stadt hat eine jelbft fir Südcalifornien außergewöhn- 
liche Menge alter Adobehäuſer an der Hauptſtraße auf: 
zuweiſen, wo auch die alterthüämlichen Mifftonsgebäube liegen, 
Die zahlreich) im der Umgebung des Ortes angepflanzten 
peruanischen Pefferbäume und Eufalypten, mit dazwischen 
ſtehenden Cypreſſen und Drangenbäumen, geben der Yands 
ſchaft ein recht heiteres Ausfehen, welche landſchaftlichen 
Reize man jedoch nicht cher bemerkt, als bis man eine dicht 
hinter der Stadt liegende Kette von lahlen Hügeln über- 
ſchritten hat. 

Bon einem nördlich von San Buena Ventura liegenden 
Hügel genießt man eine Aberraſchend ſchöne Rundſchau. Gegen 
Südoften blidt man von dort in das breite grüne Santa: 
Glara:Thal, hinter welchen, in der Richtung nad) Los Angeles, 
das Guadaladca «Gebirge aufragt. Weftwärts blinkt der 
Ocean und die offene Bai vom fchroffen Point Magu bis 
nach dem Leuchtthurm bei Hueneme (ſprich Wähnama) her⸗ 
über. Gegen Norden erftredt ſich zwiſchen Obftgärten und 
Bäumen die Benturas Avenue durch ein liebliches Thal bis 
nad) den mit Eichen gefrönten Hügeln von Ojai. Dahinter 
thliemen ſich Berglinien über Berglinien in ben blauen 
Aether empor, bis die Gipfel der SantasPnez = Range hier 
das großartige Panorama abſchließen. 

Das Djaithal, 12 Miles nördlich von San Buena Ben: 
tura, zwißchen dem Benturafluß und dem San Antonio 
Creek tanfend Fuß über der See gelegen, iſt eines der 
ſchönſten in Südealifornien. Cs macht mit dem iiber das- 
felbe zerftreut wachjenden immergrünen Vebenseichen den 
Eindrud, als befände man ſich hier in einem weiten eng— 
lichen Part, Aber der Zauber der das Djaithal eins 
fliegenden Gebirge mit ihrem wechſelnden Farbendufte und 


Theodor Kirhhoff: Streifzüge in Süd-Ealifornien. 


der füdcalifornifche Himmel mit feiner milden Luft fehlen in 
AUltengland, und die verichönernde Hand einer taufend: 
jährigen Kultur lann dort nicht diefen Schmuck erfegen, wo- 
mit die gütige Natur jenes ſchöne Thal in Ventura aus— 
gezeichnet hat. Ueppige Getreidefelder, im demem die Eichen 
weit genug von einander entfernt ftchen, um das Sonnen- 
licht nicht vom Boden auszuſchließen, dunfelgrüne Drangens 
haine mit ihrer goldenen Frucht, Obftgärten, grüne Weiden, 
auf denen Herden von Schafen und wohlgenährten 
Rindern es ſich gütlich thun, Klare Gebirgabäche und die 
freundlichen Heimftätten der Bewohner bilden zufammen ein 
überaus annmthiges Bild. Der Hauptort im Djaithale ift 
Nordhoff, ein Landftädtchen, deſſen Umgebungen ein 
Heines Paradies genannt zu werben verdienen. 

Das County Ventura enthält mehr kulturfähiges Land, 
als die meiften der fübcalifornifchen Counties aufzuweiſen 
haben. Die Hauptthäler find das öftlich von der Stadt 
gelegene Santa - Clara » Thal, mit einem Flächenraum von 
25 Quadratmiles; das Santa= Paula - Thal im Nordoften, 
15 Miles lang und 4 Miles breit; das bereits genannte 
nördlich von Ventura liegende Djaithal, 8 Miles lang und 
7 Miles breit, und die Simi Plains, 35 Miles öftlic, von 
der Stadt mit einem Areal von 96000 Adern, auf denen 
meiftens Schafzucht getrieben wird. Die Scenerie in den 
Cañons, welche die verfchiedenen Thäler mit einander ver 
binden, ift im hödhften Grade pittoresf. 

Die landwirthichaftlihe Entwidelung von Bentura 
County ift durch die ſich dort in einzelnen Händen befinden: 
den großen Landkomplexe nicht minder beeinträchtigt worden, 
wie die von Santa Barbara County, Im letzten Jahre 
wurden jedoch mehrere von den großen Ranches von ihren 
BDefigern in Heinere Farmen abgetheilt und zum Verkaufe 
ausgeboten. Die Simi- und Las-Poſas-Ranches, welche 
zuſammen ein Areal von 125000 Adern enthalten, das 
Ojai Rancho mit 48000 und das Colonia Rancho mit 
ebenfalls 483000 Ader Land wurden parcellirt, woburd) 
gewiß eine zahlreiche Einwanderung dorthin gezogen werden 
wird. Da die flir Süidcalifornien fo wichtige Bertefelung 
in Ventura County leichter als fonjtwo im diefen Gebieten 
auszuführen ift, fo läßt ſich aus diefer Vertheilung des 
Großgrumdbefiges eine glänzende Zukunft fr bie genannten 
Diftrikte prophezeien. Der Santa-GClara: und der Bentura- 
fluß find das ganze Jahr über voll Waffer und können auf 
das Vortheilhaftefte zu Irrigationszweden verwendet werben. 
Im ihrer Nähe ift die Vegetation, vom Gebirge bis an das 
Meer, außerordentlich, iippig. Die nördlichen Abhänge der 
Hügel find mit Wäldern von Lebenseichen bededt, die füd- 
lichen dagegen find meiftens kahl oder zeigen nur einen 
Teppid von Gräſern und Blumen. Wafler und Bäume, 
die zwei wichtigften Erforderniſſe der Kultur im Süden, find 
in Bentura County überall leicht zu erlangen. In den 
Thälern veift das Getreide bei mäßig ftartem Negenfall; 
wo aber das fließende Waſſer hinfommt, entftcht ſofort eine 
fürmlice Wildniß von Blumen, Buſchen und Sträudern 
der mannigfaltigiten Art. 

In Bentura County, welches ein Areal von 1296 000 
Adern Hat, find gegenwärtig etwa 150000 Ader Land 
unter Kultur. Auf den nicht bebauten Streden grafen zahl: 
reiche Herden von Schafen und Rindern. Die legtjährige 
Schafſchur erzielte 125 000 Dollars. Einer der Haupt 
induftriegweige in Ventura County it die Bienenzucht. Die 
Ranches der Bienenzlichter liegen meiftens an den Bor: 
bergen der Thäler Djai, Santa Clara, Comejo Yas Pofas, 
Simi und Tapo. Man berechnet die Zahl der Bienen: 
häufer im County auf 7000. Die Honigernte des leiten 
Jahres betrug Über 1 Million Pfund und realifirte 34 000 


Rudolf Kleinpaul: 


Dollars. An vielen Orten im County hat man Petroleum 
efunden, deſſen Ausbeute aber noch in der Kindheit fteht. 
erwähnte fchon früher, daß am mehreren Stellen an 
der Küfte von Sübcalifornien Petroleum auf dem Meere 
ſchwimmt, ein deutlicher Berveis davon, daß hier mächtige 
Ablagerungen des Erdöls erijtiren müffen. Die Oelregion 
erſtreckt fich, foweit diejelbe erforscht wurde, 50 Miles vom 
Meere landeinwärts, bei einer Breite von 15 bid 25 Miles. 
Unter den Agrikulturproduften von Bentura County find 
bejonders Drangen, Zitronen, Dliven, Rofinen, Wallnüſſe, 
Mandeln, Kanarienvogelfamen, Flachs und die verschiedenen 
Setreibearten zu nennen. Das Klima ift ein fortwährender 
Sommer. Die Temperatur variirt im ganzen Jahre jelten 
über zehn Grade Fahrenheit: Die Bevölkerung des County 
beträgt etwa 5000 Seelen. 

Was den Kuüſtencounties San Yuis Obispo, Santa 
Barbara und Ventura gegenwärtig mehr als alles Andere 
North thut, ift eime Eifenbahnverbindung mit San Fran— 
cisco, worauf dieſelben bis jegt vergeblid, gewartet haben. 
Die verichiedenen Projekte, welche ſich entweder auf eine 
Fortjegung der Bahnlinie von Soledad fidwärts bafiren, 
oder Zweiglinien zu dem Hauptftamm der Siübpacifichahn 
herftellen wollen, jtehen bis jegt nur anf dem Bapier, Die 
legte Hoffmung ift die Utlantics und Pacifichahn, welche ihren 
Weg nad) San Franciseo vielleicht durd die Küftencounties 
nehmen wird. Die endgültige Entjcheidung ift immer noch 
nicht gegeben worden, und es bleibt den Bewohnern der 
Kiftencounties nichts weiter übrig als die Hoffnung, daß 
die Herren Millionäre, welche die Südpacific- und die 
Atlantic und Pacific-Bahnen kontrolliren, ein Einfehen haben 
und die Verbindung der Kitftengebiete mit dem großen Bahn: 
nege Galiforniens als mugbringend für ſich betrachten 
werben. 

Ehe ich von San Buena Ventura ſchied, nahm ic) die 
inmitten der Stabt liegenden Mifjionsgebände in Augen- 
ſchein. Die San: Buena » Ventura » Miffion wurde am 
31. März 1782 vom Bater Juniperio Serra, dem erjten 
Präfidenten aller californiſchen Miſſionen, ſelbſt gegründet. 
Das alterthiimliche Gebäude, mit dem Gloclenthurm und 
langen Anbau aus Adobewohnungen, die mit fpanifchen 
Dadziegeln gededt jind, wurde zur Zeit meines Beſuchs 


renovirt. Die Kirche ift ein langes Oblong, mit Orgel und, 


Heiligenbildern darin, defien gelallte Wände und Dede ſich in 
einem ziemlich verwahrloften Zuftande befanden. Der Glocken— 
thurm, an welchem eine Unmafje von Schwalbenneftern kleben, 
hat ein blau und weiß geftreiftes Stuppeldad) von fonderbar 
frembdländifchem Ansjehen. Der lange Adobe-Anbau neben 
der fi ift von eimer Anzahl Advofaten eingenommen 
worden, welche dort ihre Bureaus haben, und wo früher die 


Wie nennen 


Wie nennen ſich Völter ? 


153 


Iefniten mit dem Teufel um die Imdianerjeelen fochten, 
hauft jest das gottlofe Volk der Nechtsgelehrten und ver- 
dreht die Geſetze von Ventura. Die Nebengebäude ums 
ſchließen einen weiten Hof und Vlumengarten, voll von 
herrlichen Rojenbüfcen. Im der Kirche fah ic mur einen 
ſich ziemlich weltlich ausnehmenden Priefter, der ſich jogar, 
wie ich hörte, ein Ehegefpons zugelegt hat. Derſelbe führte 
mic, mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit durch das 
Gebäude und nannte mir die Namen der vielen diftinguirten 
Heiligen, deren Bilder die Wände ſchmücken. 

Am 26, Inni nahm ich Abjchied von Sat Buena Ben: 
tura und fuhr in der Stage über Santa Paula nad) der an 
der Southern⸗Paeifie-Eiſenbahn liegenden Station Newhall 
(50 Miles), um von dort Pos Angeles zu erreichen. Cine 
interefjante Abwechſelung während der ſonſt recht monotonen 

Fahrt bildeten die vielen feſtlich gefleideten Kirchengänger 
— es war ein Sonntag —, denen wir auf der Yanditraße 
begegneten. Die Menge von Briefen, welche der Kutſcher 
jeden Augenblit von jolden Spaziergängern auf den Bod 
heraufgereicht erhielt, um als freiwilliger Poftbote die Kor- 
refpondenzen nach Newhall mitzunehmen, war erſtaunlich. 
Hin und wieder bemerkte ich hübjche Anpflanzungen von 
peruaniſchen Pfeferbäumen, Eufalypten, Mandelbäumen 
und Alazien; font war die Yandichaft einförmig und wurde 
öder, je weiter wir famen. Die Eifenbahnftation Newhall 
liegt auf der Norbieite der nadten San + fjernando »Kange, 
welche ſich rechtwinllig vor die Linie der Sübpacifichahn 
baut und von diefer durch einen anderthalb Miles langen 
Tunnel durchbrochen wird, um in das fruchtbare Thal von 
Los Angeles zu gelangen. 

Seit die Eifenbahn eröffnet wurde, nimmt der Paſſa— 
gierverlehr von San Buena Ventura nad) Yos Angeles 
meiftens die Route über Newhall. Weit interefjanter ift 
die jeßt wenig frequentirte direftere Strafe durd) das Santa- 
Elara-Thal und das an 5000 Fuß hohe Santa» Sufanna- 
Gebirge nad) Los Angeles, welche id; bei meiner erften 
Reife einſchlug. Sobald das Santa- Clara Thal Hinter 
Einem liegt, tritt man dort in eine Neihe von Thalmulden 
und Schluchten, wo Heine Haine von Kaktus wachen. Durd) 
ein wildes Cañon gelangt man im einen Gebirgspaß, ber 
an Rauheit des Weges Alles übertrifft, was ic) noch in die- 
jem Yande gefehen habe. Die Ausjicht von der Paßhöhe 
in den Sufanna:-Bergen auf die 30 Miles weite von Ge— 
birgen umfänmte Ebene, in welder Los Angeles liegt, ift 
änßerft pittorest. Der Abftieg von 2000 Fuß in das Thal 
tiber wüftes Felsgeröll und auf ſchrecklich abjchiiifigem Wege 
iſt eine Stagefahrt, die Jeder, der fie mitgemacht hat, jo 
leicht nicht wieder vergefien wird. 


ſig Völhker? 


Von Rudolf Kleinpaul. 


I. 


Nachdem der Kölner Dom und damit eins der grof- 
artigften Denkmäler der Architeltur vollendet worden ift, 
hat ſich die öffentliche Aufmertfamfeit naturgemäß auf die 
wichtigiten Bauwerke der Exde und auf das Verhältniß ge 
lenıtt, in welchem fie zu der fühnen Schöpfung unferes Bol- 
tes ſtehen. Man hat die alten und neuen Wunder ber 
Welt auf Tafeln zufammengeftellt und wie die Hauptberg- 
gipfel unferes Planeten in fchematifchen Profilen unter eins 

Globus XLU. Nr. 10. 


ander verglichen und gemeſſen. Und wenn ſich aus der 
Bergleichung ergiebt, daß der Kölner Dom das höchite Ban- 
wert auf der ganzen Welt ift, daß feine beiden Thürme mit 
ihrer Höhe von 156 m die römische Peterstirche und die 
ägyptifchen Pyramiden überragen — weldyen Deutjchen jollte 
es nicht mit Stolz erfüllen? Ob and) das Erhabene nicht 
im Raume wohnt, man kann ſich doch nicht enthalten, in 
biefen beiden Thurmſpitzen einen Ausdrud der Kraft, des 
Muthes und der weltgebietenden Stellung des deutjchen 
Stammes zu jehen. 


20 


154 Rudolf Kleinpaul: 


Falld man nun bloß die gegenwärtigen, noch aufredjt« 
ftehenden Gebäude vergleicht, jo nehmen die Thürme des 
Kölner Domes allerdings die erſte Stelle ein, aber nicht, 
wenn man die Bauten aller Zeiten, auch die untergeganges 
nen, in Betracht zieht. In grauer Vorzeit, ja am frühen 
Morgen der Gedichte haben die entftehenden Völker einen 
Thurm gebaut, der in der That nod höher geweſen ift: das 
war der Thurm zu Babel. Derjelbe gehört durchaus nicht 
der Sage an, er hat wirklich eriftirt und feine Ruine fteht 
noch. Unter dem Namen „Burg des Nimrod* (Birs- Nim: 
ud) erinnert ein mächtiges Fundament auf der babylonis 
ſchen Ebene an den Thurm der Bibel, deffen Spige bis an 
den Himmel reichte. Zunächſt allerdings am den großen, 
von Nebutadnezar erbauten Belustempel, den Herodot be- 
ſchrieben hat; aber es ſcheint außer Zweifel geftellt zu fein, 
daß ſich diefer Belustempel auf der Stelle des alten Spra— 
henthurms erhob, welder letztere wahrſcheinlich errichtet 
worden war, um auf der grenzenloſen Ebene einen Weg— 
weifer und ein Signal zu haben; einem ähnlichen Zwede 
dienten ja urſprunglich auch die chriſtlichen Glockenthürme. 
Die Höhe des babylonifchen Thurmes wird auf 180 m 
(bisweilen fogar auf 192 m) angegeben; er wäre jomit 
noch 24 m höher als die Thlirme des Kölner Doms gewefen. 

Es ift befannt, daß die Geneſis an diefen Thurm die 
Scheidung der Völker und die Verwirrung der Sprachen 
anfnüpft: das it freilich eine Sage. Die Veranlaſſung zu 
ihe hat wie fo oft eine faliche, ſchon den Aſſyrern angehö- 
rige Etymologie gegeben. Babel oder Babil bedeutet eigent- 
lid) Gottesthor; aber daffelbe Babel könnte eine nad) den 
Kegeln der aſſyriſchen Sprache vollftändig gerechtfertigte 
Form des Zeitwortes balal, verwirren und ſoviel wie Ver— 
wirrung fein. Diefes „Berwirren“ hörte man aljo aus 
Babel heraus und erfand den Mythus von der göttlichen 
Sprachverwirrung, welcher um fo leichter Glauben fand, 
als in Babylon, dem reichen und befuchten Emporium, eine 
Menge der verſchiedenſten Bölter zufanrmentrafen und daher 
die Verfchiedenheit dev Zungen befonders grell hervortrat. 

Indeſſen, wenn wir auch diefen Glauben nicht theilen, 
fo wollen wir die babylonifche Berwirrung dod) einmal als 
einen Ausdrud sans consequence für die unleugbare That: 
ſache der Zerfplitterung der Völker und Sprachen und den 
Thurm zu Babel ald Sinnbild und Wahrzeichen einer noch 
ungetrennten Menfchheit gelten laffen. Es heißt, daß alle 
Welt einerlei Zunge und Sprache hatte, Bis dahin gab 
es Überhaupt noch gar feine Völter, es gab nur Menfchen, 
die nicht unter einander, ſondern nur zu der Übrigen 
Schöpfung im Gegenſatze ftanden. Sie hatten daher aud) noch 
keinerlei Bollsnamen, fondern wenn jie von ſich fprachen, jo 
fpradyen fie von Menſchen oder Yeuten. 

Dan darf nun behaupten, daß dies der Standpunft 
aller einzelnen Bölfer gewejen ift umd daß jede Nation ihren 
Thurm zu Babel hat, fo lange fie noch feine andere kennt 
und ſich in der Welt allein glaubt. 

Dann, wenn diejelbe Nation andere Nationen kennen 
lernt und fie jieht, daß es aud) noch andere Menden 
giebt, ſtellt fid) das Bedürfniß näherer Beftimmung heraus. 
Die Stammesgenoffen werden ſich als weiße, andere als 
ſchwarze Menſchen bezeichnen. Auf diefe Weife entjtehen 
die Bölternamen. 

Aber während das die eine Nation thut, thut es and) 
die andere, jo daß bei zwei Völkern zwei Paare von Namen, 
bei drei Bölfern je drei Völkernamen entjtehen und fo fort. 
Diefe Zahlen reduciren ſich, weil die Namen unter einander 
ausgetaufcht und gegenfeitig aboptirt werden, doch kommt es 
häufig genug vor, daß mehrere Völlernamen neben einander 
eriftiren, vor allem der Name, den ſich ein Bolt ſelbſt ge- 


Wie nennen ſich Völker ? 


geben hat, und ber Name, den es von feinen Nachbarn 
empfangen hat. Wir müfjen hier zunächſt dem Einwurf 
begegnen, als ob ſich die Bölfer überhaupt felber gar feine 
Namen gäben. 

Datob Grimm jagt, für die Völkernamen gelte ald Re 
gel: fein Bolt lege ſich feinen Namen felber bei, ſondern er 
werde ihm von anderen beigelegt, Wie das neugeborene 
Kind einen Namen durch; feine Eltern und Freunde erhalte, 
fo ſei es auch für die Erflärung der Volksnamen widtig, 
anzunehmen, daß fie durch benachbarte Bölker gegeben wur: 
den. Das Bedürfniß, einen Dritten zu benennen, ſei jeder 
zeit ftärfer als das, ſich ſelbſt zu nennen. 

Diefe Regel bejtätigt fi) durchaus nicht. Im Gegen: 
theil, nichts gewöhnlicher als daß ein Volk feinen eigenen 
Namen führt, neben welchen nur bei fremden ein fremder 
Name nebenher läuft. Wir die Manoas, Dre Manoas, 
nennt ſich ein Indianerftamm am Amazonenftrom. Die 
Tlirfen nennen ſich felbft Osmanlii, die Griechen Hellenen, 
die Hottentotten Kois$loin, die Zigeuner Nom, die Esfimos 
Kerali, die Samojeden Chafowa, die Finnen Suomalaijet; 
den enropäifchen Namen innen, der mit fenn, d. i. Torf- 
moor, zufammenhängt, haben jie von den dentſchen Nach— 
barn erhalten. Der einheimifche Name der Eſthen ijt 
Tallopoög, Sohn der Erde, oder Maamees, Dann des Yan- 
des, während jie von den Ruſſen Fremdlinge (Tſchuchni, 
Tichuchonzi), von den Yetten, ihren füdlichen Nachbarn, Ber: 
triebene (Iggauni), von den Finnländern Grenzländer (Wir 
volaijet) genannt werden. Die Yappen halten diefen Namen 
fogar für ſchimpflich und nennen ſich ſelbſt Same oder Sa: 
melad, daher Yappland auch Sameland genannt wird. 

Der Rumäne felbft nennt ſich Rumim, in der Schrift: 
ſprache Romanu; feine ſlaviſchen Nachbarn dagegen gaben 
ihm den früher mehr gebräuchlichen Namen Vlach. Nur 
bei Heinen und unterbrücdten Bölfern kommt mitunter der 
populäre Name in Bergeflenheit und an feiner Stelle ber 
fremde in Gebrauch. Bei großen Völkern dagegen zeigt es 
ſich gerade, dafz fie ihren Namen felbft machen und ihren 
Nachbarn gewiſſermaßen vorjchreiben. Wir haben unjer 
Franzoſe ans franzöfiich Francois, unfer Engländer aus 
engliſch England, unſer Italiener aus italieniſch Italiano 
entlehnt, während wir früher Welſche fagten, nicht etwa 
umgekehrt. Es ift dies gerade jo wie mit den geographi- 
fchen Namen, die wir bei großen und mächtigen Nadjbar- 
ländern im Ganzen und Großen in der urfprünglicyen Form 
belaffen, bei fleinen und abhängigen Staaten nad) unferer 
Willkur ändern. 

Am beweifendften für diefe Selbfttaufe der Völker find 
eben jene Namen, die fie fidy in ihrer Naivetät, ehe fie über- 
haupt mit anderen in Berührung kamen, und jozufagen auf 
dem Thurm zu Babel gegeben haben. Sie dürften nad) 
Grimm gar nicht exiſtiren. 

Und doch ertjtiren fie. Wenn ſich die Samojeden, wie 
wir oben fahen, Chafowa nennen, jo ſetzen jie ſich, als ob 
fie noch im Paradieſe lebten, nur etwa den Fiſchen ober 
Nenthieren entgegen, denn Chaſowa bedeutet Männer. 
Oder wenn ſich die Kaffern Abantu, d. i. Yente, nennen, jo 
wollen fie ſich von den Affen unterfcheiden. Die Thiere 
find and) gewifiermaßen Völker und im weiten Reiche der 
Natur iſt „Menſchen“ ſelbſt ein Böllername; man ſpricht 
ja ſogar von Nebhühner- und VBienenvölkern. Aber im 
engern Sinne wendet man das Wort Völker auf Arten und 
Unterarten des Begriffes der Menichen an, und von einer 
foldyen Eintheilung haben jene primitiven Nationen noch 
gar feine Idee, während jchon die Hottentotten darüber hins 
ausgehen, da fie ſich als Koisfoisn, d. i. als Menſchen der 
Menſchen, als Menſchen zur’ ZEoynv betraditen. 


Nudolf Kleinpaul: 


Die Bezeichnung Rom, ber altindifche Name einer uns 
reinen Kafte, dann foviel wie Menſch, Mann, ift den Zi: 
geunern aller Länder bekannt. Rom heift Mann, Rommi 
Frau, Romäno ift dazu das Aodjektivum. Der Gejammt: 
name der Zigeuner Romanitſchave bedeutet buchſtäblich 
Menſchenlinder, Menichenvolt. 

Sa, unfer eigener herrlicher Bolfsname, der Name der 
Deutfchen, weift augenſcheinlich anf eine Stufe hin, wo man 
andere Menden und andere Bölfer noch gar nicht gelten 
ließ: er entjpricht auf das Genauefte dem Namen Abantu, 
der nichts weiter als Menſchen oder Volk ſchlechthin bedeutet. 
Bir find die diet, will jagen das Bolt, der Deutfche ift 
einer, der zum Volle gehört, gleichſam völliſch ift (ahd. diu- 
tiso, latinijirt theotiscus, gebildet wie das lateiniſche po- 
pularis). Wie läßt ſich denken‘, daß uns ein anderes Bolk 
diefen nationalen Titel gegeben habe? Und der Gründer 
der deutſchen Sprach⸗ und Alterthumswiſſenſchaft ftellt als 
Kegel auf, daß ſich fein Volk feinen Namen felbft beilege! 


u 


Der Thurm zu Babel wurde gleich nad) der Sindfluth 
aufgeführt und die Spracjverwirrung betraf die Gejchlechter 
der drei Söhne Noah's: Sem, Ham: und Japhet. Sie 
waren die Stammväter der ſemitiſchen, afrifanifchen und 
indogermanifchen Völler, welche ſich nad ihnen bis auf den 
heutigen Tag Semiten, Hamiten und Japhetiten nennen, 
Das ältefte und einfachjte Merkmal, durch welches der all- 
gemeine Begriff der Menſchen näher beftimmt wird, fcheint 
aljo die Herkunft von einem angeblichen Stammvater zu 
fein; und in der That beruhen auf ihm and) viele andere 
geläufige Völlernamen. 

Eben unter den Japhetiten wird 1. Mof. 10, 3 ein 
gewifier Thogarma erwähnt; deſſen Sohn hieß Hail, 
d. i. Vater oder Herr, und der wird als Stammwvater von 
den Armeniern betrachtet, deren Yand nach der Sündfluth 
zum zweiten Mal die Wiege des Menſchengeſchlechtes ward. 
Nach Hait nennen fie ſich felbft Haith und Armenien 
Haifk)aftan; den Namen Armenier leiten die einheimifchen 
Geſchichtsſchreiber von Hail's Sohn Armenak oder einen 
andern Nachtommen befjelben Namens, Aram, ab; die Grie— 
chen und Römer führten ihn auf den Theſſalier Armenios, 
einen Gefährten des Jaſon bei der Argonantenfahrt, zurlid. 
Befanntlidy heit aud der Cherusterfürft bei den Nömern 
Arminius und bei den Griechen Armenios, und fo ift denn 
die befannte Burſchenſchaft der Arminen durchaus den Ar— 
meniern zu vergleichen, obgleich, der Cheruster und der Ars 
gonant ſchwerlich etwas mit einander zu thun haben; der 
Name Arminius it von Tacitus nad) einem unbefannten 
deutſchen Worte gebildet und wird im Neuhochdeutſchen fälſch— 
lich durch Hermann wiedergegeben: der jetzt jehr gebräud)- 
liche, aber erſt feit dem fechsten Jahrhundert ſprachlich mög: 
liche Eigenname fonnte nur ans Unleuntniß der Gejchichte 
der deutichen Spradjlaute feit Klopſtock auf den Cherusfer: 
fürften übertragen werden. 

Aber dergleichen ethnographiſche Patronymica bilden ſich 
auch im jüngeren Perioden. Ein Hellen hat zu dem Namen 
der Hellenen, ein Yaledaimon zu dem der Yakedämonier, ein 
Arkas zu dem der Arkadier, ein Phokos zu dem der Pholer 
Beranlaffung gegeben. Befonders deutlich) wird diefer Bor— 
gang an dem Namen der Duden, Diefer fremde Eigen: 
name fam zunächſt im lateiniichen Gewande (Judaeus) zu 
uns und bärgerte ſich unter Einfluß des alten deutfchen Bes 
tonungsgeſetzes, das den Hochton auf die Stammfilbe legt, 
als Judeo und Judo im Althocdeutichen ein; von der er: 
ftern Form geht das mittelhochdeutſche ide aus, das mund» 
artlid) noch heute neben Jude dauert, Das lateinische Ju- 


Wie nennen fid) Völter? 155 
daeus geht zunächft auf griechiich 'Tovdadog zurlid, deſſen Fe⸗ 
minimum, Tovocelce, bas jüdiiche Land bezeichnet; dieſes wie: 
derum auf hebräijch Dehädi; die Iuden nennen ſich eben 
felber Iehübim. Dies nun thun fie feit dem babylonifchen 
Eril, weil die meiften Zurückkehrenden Bürger des chemali: 
gen Königreiches Juda waren; vorher galt filr die ganze 
Nation mehr die von dem dritten Stammvater Jalob oder 
Israel entlehnte Benennung Israeliten. Das Königreich 
Juda endlich wurde von dem Stamm Juda bewohnt, 
deſſen Ahnherr der Sohn des hebrätjchen Erzvaters Jakob von 
ber Yea, Dehäbäh der Gepriefene, war. Der Name der Juden 
trifft demmach merfwilrdig mit dem der Mohammebaner 
zufammen: Mohammed bedeutet ebenfalls der Gepriefene. 
Doch ift der lettere, den übrigens nur wir den Moslemin 
beizulegen belieben, wie der der Chriften nur ein veligiöfes, 
nicht ein nationales Unterfceidungszeichen. 

Sehr ungeſchickt verwenden wir Chrift, was eigentlich 
fo viel wie Chriftus ift, im Neuhochbeutichen flir den Be— 
fenner des Chriſtenthums, während alle übrigen Bölter 
Ghriftus und ehristianus fanber fondern, z. B. die Fran— 
zofen Chrift und chrötien. Urfprünglic, hat e8 aud) mi 
fo gehießen, fondern der Chriften, im Plural regelrecht die 
Ehriften, wie der Wagen, die Wagen. Diefer Plural ver 
leitete aber zur irethümlichen Annahme eines ſchwachen 
Nominativ, der Chrifte, indem man glaubte, es ginge etwa 
wie Falke, Falken; und diefes Chrifte warb dann in Chrift, 
wie Halte in Fall abgeftumpft. So Mingt num unfer „ich 
bin ein Chrift“ dem Buchſtaben nad) wie „sum Christus“, 
was wohl mit der Grund gewefen ift für den Meſſias die 
lateiniſche Form beizubehalten; doch ftcht in Kirchenliedern 
oft das gefürzte Ehrift, Jeſu Chrift, und regelmäßig in der 
Verbindung: der heilige Chrift, das Chriſtlindchen. 


II. 


Neben unferen leiblichen Eltern haben wir auch eine 
große, göttliche Mutter, das ift die Mutter Erde; und ne- 
ben dem perfönlichen Stammvater kennen die Nationen 
auch einen unperfönlichen Erzeuger, in beflen Schoß fie 
ruhen, das ift der Boden des Vaterlande. Sie find Vater 
landsjöhne, Yandestinder, Autohhthonen und Aborigines, 
und nad) dem Baterlande nennen fie ſich, ſei ed nun, daß 
fie als eim folches die Erde Überhaupt, ein beftimmtes Yand 
oder eine einzelne Stadt betrachten. 

Erdenföhne oder wie die Eſthen Tallopoög, nennen fie 
fich, fo lange fie allein auf Erden zu wohnen glauben ; die: 
fer Begriff ift fynongm mit „Menſchen“ und „Menſchen- 
volt“. Sobald fie merken, dag es aud) noch andere Yän- 
der und andere Menſchen giebt, fangen fie an zu fpecifici- 
ren. Wenn z. B. die Finnen ihr Yand Suomi, d. i. Sumpf: 
land, und ſich danad) Suomalaiſet, Sumpfvolf, tituliren, fo 
ift das gegenüber den oben angeführten eftänifchen Namen 
ſchon ein Fortſchritt. Der Unterricht auf den Gymnaſien 
dreht fich um die alten Griechen und Römer. Römer ? 
Freilid), aus den Städten Nom’, Athen, Sparta erblühte 
das ganze Volk, indem der Name der Bewohner der Haupt» 
ſtadt im einem jeher weiten Sinne wohl aud) auf die Bes 
wohner des ganzen, von hier aus beherrichten Reiches Über: 
tragen ward; gewöhnlich freilich mochte man wohl von 
einem „imperium Romanum“ und einem „civis Roma- 
nus“ veden, aber nie wird ein Sicilianer oder ein Grieche 
geradezu gelagt haben, er fei ein Römer. Gerade bei den 
riechen jcheint es allerdings jo, denn wirklich nennen fich 
die Griechen feit den byzantiniſchen Zeiten allgemein Pouaioı, 
daher fie noch jegt im ganzen Oviente, bei ben Arabern 
wie bei den Turken, Rumi heißen; ja nicht bloß Griechen: 
land jelbft wird Rum genannt, fondern and) der Name des 


20 * 


156 


Peloponnes, Morea, durch Metathefis ans Pouals und 
Rumelien, worunter man bald das alte Thracien, bald das 
ganze griechiſche Feſtland, bald mur das eigentliche Grie— 
chenland jenjeits des Iſthmos verftcht, aus Rom-elien er⸗ 
Härt. Altgriechenland nennen die Türfen Junan, was 
offenbar mit Jonien zufammenhängt, Es ift dies um fo 
auffälliger, als ganz Griechenland bei der Theilung des 
römifchen Reiches als Theil der Diöcefe Makedonien bei 
dem öftlichen Reiche blieb, und Griechenland doch niemals 
auf dem Hang einer romanischen Nation und der lateini- 
ſchen Race Anfprud; erhoben hat. Dennoch wird das 
orientalifcdhe rümi mit den letzteren Bezeichnungen auf eine 
Stufe zu ftellen fein, die ja auch nur durch die Sprache 
veranlaßt worden find. 

Als Väter der Völter gelten and) große Ströme. Der 


Name der Bulgaren oder Bolgaren ift augenjcheinlich von 


der Wolga abzuleiten, am deren Ufern dieſes ugriſche oder 
finniſche Bolt urſprünglich wohnte, und von weldyen aus 
es nadı Süden und nad) Weiten vordrang. Der Zujant: 
menhang zwiichen „Wolga“ und „Bolgaren“ wilrde und 
viel mehr einleuchten, wenn wir nicht beide Namen in der 
Schrift gejchieden und das ruſſiſche und neugriechiſche B, 
welches beftändig den Werth eines W hat, das cine Mal 
mit B wiedergegeben hätten. Ebenſo darf man wohl den 
Namen „Hindu* direft auf den Flußnamen Indus zurlick⸗ 
führen; jedenfalls hängt mit dem legtern der Name Indien 
(perf. Hind) und damit „Inder* und „Indier“ zufammen. 
Auf Spauiſch heißt es Indiano, und weil die fpanifchen 
Eroberer ſich bei der Entdedung der neuen Welt in Indien 
zu befinden glaubten, fo Ser Arad fie aud) die Eingebo: 
venen Nordamerikas ald Indianer. Diefelben haben bes 
fanntlich mit der indifchen Race nichts gemein, fie werben 
vielmehr zu den Mongolen geredjnet und ſollen über die 
Infeln der VBeringftraße von Afien nad) Amerika gewan- 





dert fein; andere Gelehrte halten fie für eine felbftändige, 


die amerifanifche, Nace. 
IV. 


Aber haben denn die Völler felber jo wenig Charafte- 


riſtiſches, daß fie ihre Namen beftändig von einem voran« 
gegangenen Grunde ihrer Eriftenz, von Bater und Bater— 
land entlehnen? Beſitzen fie an fid) keine hervorftechenden 


Eigenfchaften, durch die fie ſich unter einander unteridyeiden? 


Natürlicy bejigen fie deren am Yeibe und an der Seele, 


in Gewohnheiten und Trachten, äußerlich und innerlich; | 


und fie find die Hauptquelle der Bölfernamen. Hier wer: 
den wir allerdings vielen begegnen, die fic die Völler nicht 
felber beigelegt, fjondern die fie höchſtens adoptirt haben; 
und zwar ijt das Kriterium ſehr einfach. De fchmeichel- 
after und chrenvoller die hervorgehobenen Eigenſchaften 
find, um fo eher wird man glauben fönnen, daß ſich die 
Völker jelbft fo nannten; je abnormer und unvortheilhafter 
fie find, um fo cher wird man die fcharfe Zunge von Frem—⸗ 
den und Nachbarn zu hören meinen; freilich find bie Ans 
fichten der Bölfer über das, was abnorm heißt, oft verfchie- 
den, und wer weiß, ob nicht ein indianifcher „Blackfeet“ 
die Schwarzen Füße für das Normale hält. Die eigenen 
und die fremden Namen fließen gewöhnlich in einander, 
Fangen wir jegt mit den zunächſt hervorftechenden Eigen: 
ichaften, den Merkmalen des Körpers, an, fo finden wir, 
daß die Völkernamen hergenommten find von 


a. der Hautfarbe. 

Ein Hauptunterfcheidungsmertmal ift von jeher bie 
Hautfarbe geweien, nad) weldyer wir Weiße und Farbige, 
Rothhänte und Schwarze einander gegemüberftellen. Die 
jes „Schwarze“ finden wir in unzähligen Sprachen wieder. 


Rudolf KHleinpaul: Wie nermen ſich Wöller? 


Maurus hieß bei den Römern der ſchwarzbraune Ureins 
wohner Norbafritas; das Wort ift jedenfalls mit gr. 
@usvgog, duntel, ngr. ucõoos, ſchwarz, identiſch, ging dann 
im Dtalienifchen in morus liber und daraus entjtand unſer 
Mohr und das fp. moreno; erft fpäter, im 18. Jahrhun- 
dert, nahmen wir das Wort Neger auf, welches angenicein- 
lic auf fr. negre, fp. it. negro, und ſomit auf lat, niger, 
ſchwarz, zuriidzuführen ift. Aber die Araber ſelbſt haben 
wieder ihr Neger» und Mohrenland, das beled es-sudän, 
von und gewöhnlich einfah Sudan genannt, aber nidjts 
weiter als das Yand ber Schwarzen (ar. soda, dunkelſchwarz). 
Nach diefen ſchwarzen Eimvohnern nennen wir ganz Afrika 
ben ſchwarzen oder dunkeln Erdtheil. Was die Rothhäute 
betrifft, fo tritt die rothbraume Färbung nur bei einigen 
Indianerſtämmen befonders ftarf hervor, nad) denen man 
dann die Indianer indgefammt benannt hat. 

In Spanien jagt man „ser de la sangre azul“, 
wenn man von hochadeligen Perfonen ſpricht. Es ift dies 
eine Ariftofratie der Haut, wie in den amerifanifchen Colo— 
nien. Diejenigen Familien nämlich, welche ſich von der 
Bermiſchung mit dem Blute der dunklen Mauren rein er» 
hielten, bewahrten auch die Bläue ihrer Adern, Dies ift 
bie gewöhnliche Erklärung; dennoch glaube ich, daß es, gleich 
anderen bekannten Redensarten, ironiſch gemeint ift, mäm- 
lich als ob die Adeligen etwas anderes hätten als die ge: 
wöhnlihen Menſchen, während fie es doch nicht haben, 
Nach Littrö ift sangre azul vielmehr in Südamerika der 
Name für Miſchlinge, die aus der Kreuzung zwifchen Ne: 
gern und Europäern hervorgegangen find, daher er Yamar: 
tine tadelt, wenn er sang bleu metaphorifch als phlegs 
matifches Temperament auffaßt und „le sang rouge du 
franc au sang bleu du Germain“ vergleicht; das kann aber 
ſchwerlich richtig fein. Kei⸗chous, ein Stamm der Hottens 
totten, ber ſich dem königlichen nennt, bedeutet das „rothe 
Bolt“. Ya, wahrfcheinlic, gehört fogar der Name ber 
Briten!) hierher. Es wird zwar aud) von einem walli- 
ſiſchen Stammhelden Bryt oder Brydein, wahrjceinlicher 
indeſſen von wallif, brith — bunt abgeleitet, weil die keltiſchen 
Ureinwohner ihre nadten Körper zu bemalen oder zu täto— 
wiren pflegten, weswegen die Bewohner von Schottland bei 
den Römern Picti, d. h. Bemalte, hieken ?). 


b. dem Haupt: und Barthaar. 


Während „langhaarig“ (comatus) und „hauptumlodt“ 
(zupnxouöwvreg) nur ftchende und gleichjam ſchmückende 
Beiwörter der transalpinen Gallier und der Achäer im 
Gegenſatz zu dem nur am Hinterfopfe behaarten Abanten 
oder zu den kurz gefchorenen Schotten, den jpäter fogenann: 
ten — oder Rundkbpfen, geblieben ſind, ſo haben 
fie ſich dagegen bei den Frieſen und den Papua zu eigenen 


ethnographiſchen Begriffen einporgeſchwungen. Die leßte: 


ren, and; Negritos oder Auftralmeger genannt, welche 
büifchelförmig wachſende, ſchwarze, dichte und krauſe Haare 
haben und auf die Geftaltung derjelben vorzügliche Pflege 
verwenden, heißen mit einem malayiichen Wort papuwah, 





’) Welcher zugleich mil dem der Bretons, der Einwohner 
der franzöftichen Bretagne, dentiſch if. Hier, in dem „Meer: 
land“ (Armorica vom felt. ar moer, am Meer) der Alten, 
wanderten nad 500 viele der von den Angeljahjen verdräng- 
ien Briten ein, und jo entitand der Name Britannia cisma- 
rina oder minor im egeniak zu dem überjeetichen Injelland, 
dem Grofbritannien (engl. Great-Britain, fr. Gramde Bre- 
tapne). Der Name „bretaniiche Inſeln“ findet fih überhaupt 
zuerſt bei Ariftoteles, 

2) Nady anderen hat der Name Picten (auch Peghten) mit 
lat. pingere nidyls gemein, ift vielmehr, wie der der Pic 
fones oder Pichavi, der altnalliihen Bewohner des heutigen, 
nad) ihnen benannten Boilou, ein uripringlich leltiſcher. 


Karl Berghoff: Aberglaube im Sudän. 


traushaarig; die erfteren wenigftens nicht unwahrſcheinlich 
gleichfalls gelodt und raus, mit jenem deutſchen Worte, 
welches dem franzöfifchen friser und friseur, kräuſeln, 
Kräusler, und etwa aud) unſerm Frieſel, gleichſam einer 
Kräufelung der Haut, zu Grunde liegt. Ebenſo hat man 
für die Kleinruſſen den Spignamen Kacholl (Zopf) erfun- 
ben. Ein Pendant zu ihmen bilden die Yangbärtigen, wie 
fich gewiſſe Völker bald nur im ihrer Bartperiode, bald 
überhaupt benennen, 

Griechen und Römer nannten ihre Vorfahren die Bär: 
tigen, Barbati oder Intonfi, weil diefe den Bart fang wach— 
fen liegen, während zur Zeit des Auguft das Raſiren des 
Bartes allgemeine Sitte geworden war; nein, aud) ber 
Name Yangobarden oder Barden wird von der eigenen 
Bollsjage mit einer ſchönen und uralten, in der Borrede 
zu König Rothari's Gefegen (im Yuli 668) zuerft auf 
gezeichneten Dichtung auf ihre langen Bärte bezogen. Die 
Arimaspen, ein ſtythiſches Bolt, find nach Herodot „Eins 
äugige*. Der Name beruht auf der Gewohnheit mit 
einem Auge zu zielen, wenn man den Bogen fpannt. 


e. einzelnen Abnormitäten. 


Unter den Indianern begegnen wir, wie es ſcheint, recht 
vielen. Da giebt es die Hundsrippenindianer, die Krähen- 
indianer, die Zungenindianer (Venguas), welche die Unter: 
Lippe durchbohren, und die zum Stamme der Algonfin ges 


157 


hörenden Schwarzfüße oder Bladfeet; mit dem letzteren 
lönnen fich die Patagonier oder Plattfilge vergleichen. 
Patagon oder paton heißt im Spanischen ein breiter, plum⸗ 
per Fuß (von pata — fr. patte, Tage, Pfote) und diefen Nas 
men gab Magelhaens ben Bewohnern des Südhorns Ameri— 
fas, vielleicht nicht gerade ſpeciell der ungeſchidlen Füße 
wegen; jp. patan heißt Bauernlümmtel überhaupt, und der 
Körper der Patagonier ift allerdings plump, der Kopf fehr 
groß, Hände und Füße aber find Hein. 

Die Italiener zeichnen 4 den nördlichen Bölfern 
—— im Allgemeinen durch edlere Naſen aus. Kein 

under, wenn die Deutſchen in Rom ihrer ſtumpfen und 
breitgedrädten Naſen wegen frögie, gleichſam Schnauzen, 
heißen, und wenn Alfieri die Franzoſen nur als Halbnaſen 
(seminasi) gelten laſſen wollte. 

Bekanntlich heißen die engliſchen Quäker, bie fich felber 
„friends“ nennen, „Zitterer* (to quake = zittern) und dies 
wird bald darauf zurlidgeführt, daß ihr Stifter am Schluß 
eimer Rede vor dem Richter ſprach: „Zittert vor dem 
Worte des Herin!*, bald darauf, daß ihre vom Geift er 
griffenen Prediger wirklich zittern, indem fie in Konvulſio— 
nen gerathen und in Efjtafe find. Aehnlich die Sekte der 
Jumpers oder Springer (fo heißen in England auch 
die Einbrecher) und die der Yollharden, eigentlic) Yollarben, 
db. i der Peifefinger (niederd. lollen), einer veligiöfen Ges 
noffenfchaft zum Begräbniß der Todten. 


[4 


Aberglaube im Sudan. 
Bon Karl Berghoff in Faſchoda. 


Schon im Aegypten ijt der Glaube an Zauberer und 
Bezauberung jehr verbreitet; je weiter man aber nach Süs 
den vorbringt und je dunkler die Hautfarbe der Uferbewoh— 
ner des heiligen Nils wird, in demfelben Maße auch nimmt 
ihr Aberglaube eine jdywärzere, mehr afrifaniiche Fär— 
bung an. Der nordiſche Geſpenſterſpul verfchwindet zwar 
faft ganz in dem realiſtiſch gefinnten Süden; während aber 
die Dad des Zauberers im Deltagebiete micht iiber den 
böjen Blid (el-'ain, d. h. das Auge), Yiebeszauber nnd ber: 
gleichen hinausreicht, begnügt ſich der des Sudan nicht mehr 
mit jo bejcheidenem Erfolge, nein, zum wüſten Schreden 
aller mit überreicher Phantafie begabten Nubier und Neger 
verwandelt er ſich nächtlicherweile in ein Raubthier, in wel» 
der Geſtalt er fein unfchuldiges Opfer mit Haut und 
Haaren vertilgt. 

Marafil wird im arabiſch ſprechenden Sudan bie 
dort am häufigften vorfommende gefledte Hyäne genannt; 
die nächtliche Yebensweife, das Ausſehen, die graufige Stimme 
dieſes Thiered, die aus einem tiefen Gehen! in, an das 
Lachen eines Wahnfinnigen erinnernde Töne umfchlägt, 
find wohl die Urſachen, daß es im afrikaniſchen Aberglau— 
ben eine jo bedeutende Rolle ſpielt. Die Hyäne iſt fein 
Thier, fie iſt ein durch finſtere Zauberkunſte in Thiergeſtalt 
verwandelter Böfewicht, behauptet der Vollsglaube in Sen— 
nar und im ganzen öftlihen Sudan. Niemals iſt der 
Marafil im Sonnenſcheine — vor dem fein Zaubermittel 
Macht behält — gejehen worden; aber kaum iſt dieſes 
Gotteslicht im Weſten untergegangen, jo ſchallt auch von 
allen Seiten ber heifere Zuruf der ſich zu nächtlichen Or— 
gien verfammelnden Ungethiime. Hexen d. h. Weiber, die 
ihren Yebenszwed verfehlt und im Alter vothe Augen und 
eine heijere Stimme befommen haben, find es vornehmlich, 


die vermittels Hyänenzähnen, geheimnißvollen Wurzeln und 
Zauberformeln die Geſtalt diejer efeln Beſtie annehmen; 
als Zweck der Verwandlung wird eine unheimliche Begierde 
nach Menfchenfleifc Mrd Stillung der Rachſucht bezeichnet. 
Kann man ſich eine ſchauerlichere Rache denten als die, die 
den todten Feind noch aus dem Grabe herausſcharrt und 
auffrißt ? 

Wird eine ſolche Hyäne getödtet, fo jtirbt fie ald Thier; 
ift fie nur verwundet und gelingt es ihr den Plag zu er— 
reichen, wo fic die Verwandlung vom Menichen in das 
Thier vollzog — einen Ameifenhaufen —, fo nintmt fie 
wieder Menſchengeſtalt an; die Wunde jedoch bleibt und 
man hat fo nad) Verfolgung der Blutfpur oft den Zaube— 
ver erlannt. Im Allgemeinen fchenen ſich die abergläu- 
biſchen Menſchen auf eine Hyäne zu ſchießen, aus Furcht 
einen Mord zu begehen. 

In der Gegend von Sennar ſcheint das Zauber- und 
Hexenweſen liberhaupt ſehr ausgebreitet und  vervolls 
fommmet zu fein; denn eimem Theil diefer ehren: 
werthen Genoſſenſchaft iſt es fogar gelungen, die Ge— 
wäjler bes blauen Nils zum Schauplag feiner Unthaten 
zu machen, von wo aus fie im Krokodile verwandelt 
die Menſchen angreifen und verſchlingen. Sie haben 
ein Oberhaupt, „Bunni* genannt, das ſich aber nur 
ein Mal alljährlic, auf einer Sandinfel gegenüber Sennar 
zeigt; es ift ein altes Strofobilsmänndjen von mehr als 5 
Meter Leibeslänge. Diefe Krofodilszauberer unterfcheiden 
ſich äußerlich nicht von den Amphibien, deren Geftalt fie 
angenommen haben; man glaubt aber, daf diejenigen, welche 
bei Sonnenaufgang ſich aus dem Waffer erheben und den 
Kopf dem aufgehenden Tagesgeftirn zufehren, verwandelte 
Menſchen feien. Andere wieder tödten auf langſamerem 


158 


Wege; fie frefien nämlich auf myſtiſche unerflärliche Weife 
ihren Opfern die Eingeweide aus, daß diefelben nad) und 
nad) einem fichern Tode entgegen ſiechen ). 

In Dallabat an der Grenze von Habeſch follen einzelne 
von den dort angefiedelten Takarir, die aus ihrer Heimath 
Darfur Kenntni geheimer Wiſſenſchaft mitgebracht, in der 
Zauberei bereits jo weit gelommen fein, fid) außer in Hyä— 
nen and in Löwen verwandeln zu können. 

Schr bezeichnend dafiir, wie tief der Aberglaube in allen 
Schichten der fudanefischen Bevöllerung wurzelt, ift die 
Thatjache, daß auf der Hokimdärieh (Statthalterei) zu Char: 
tum, zur Zeit des Gouverneurs Muſa Pafcha im Jahre 
1863, eine Burma (runder Thonkrug), geflillt mit geheim- 
nißvollen Wurzeln, vorhanden war, vor den die der Zaube— 
vet bezichtigten Perfonen geführt wurden. Waren fie un- 
ſchuldig, jo fonnten fie ſich feſten Schrittes dem Thonkruge 
nähern; ftanden fte jedoch wirklich mit der böfen Macht in 
Beziehungen, dann zitterten fie beim Anblide des Gefäüßes, 
fonnten feinen Schritt vorwärts thun und befannten frei— 
willig ihre Schandthaten, ohne daß man fie auszufragen 
brauchte. 

Wenden wir und nad) dem benachbarten criftlichen 
Abeſſinien (Amhara), fo erfahren wir, daß dort ähnlicher 
wüfter Spuf fein Wefen treibt. Es ift der „Bubda“, der 
fein Opfer am hellen Tage, auf der Straße oder dem 
Markte unter irgend einem Borwande anredet und dadurch 
bezaubert, daß es bald in Fieber verfällt und, in nächtlichen 
Delirinm von unwiderftehlicher Gewalt angezogen, den 
Zauberer aufjucht, der ſich feiner Perſon bemächtigt und fie 
in feinem Haufe oder an einem entlegenen Orte abjchlachtet, 
um feine fanmibalifche Gier nach Menſchenfleiſch zu befrie— 
digen. Heilfräftige Wurzeln und Baumblätter aber, die 
rechtzeitig in die Naſenlöcher des Kranken geftopft werben, 
und gewiſſe Kapitel des Evangeliums an feinem Yager ge— 
lefen, brechen den Zauber. Im Jahre 1879 wurden dort 
auf Befehl des Königs Johannes mehrere angeblidy Übers 
wiejene Zauberer ihres Beſitzthums beraubt und, um fie 
fermerhim unſchädlich zu machen, mitkglühenden Eiſen auf 
der Stirn gezeichnet. 

Ueberall, beim Aegypter, Nubier, Abeſſinier, bei den 
Negervöltern des weißen Nil, im fernen Bornu und Haufla, 
fteht felfenfeft und unerſchütterlich der Glaube an ben böjen 
Dlid. Er vermag z. B. Hühe und Pferde frank zu madyen, 
Gewehre zu verheren, daß fie ftets fehlichiegen, er it die 
Urfache der Fehlgeburten u. j. w. Nach der Volksmeinung 
ift es hauptſächlich der Neider, deffen Auge ſolche verhäng: 





aben, 


Aus allen Erdtheilen. 


nigvolle Eigenfchaften hat. Wer ein hübfches Kind, ein 
gutes Pferd oder Kameel befigt, ſucht es ſowenig wie mög- 
lid, den Blicken dev Menſchen auszufegen und behängt es 
außerdem mit allen möglichen Amuleten; als ſolche gelten 
3. B. eine Meine glänzende Silberplatte oder ein durchlöcher— 
ter Mariatherefienthaler, Edzähne des Wildichweines, Stüd: 
den holziger Wurzeln, doc; ald am wirfungsvollften Yeder: 
beutelchen von mannigfaltiger form, die mit heiligen Sprüs 
chen befehriebene Papiere enthalten. Um die reifende Dur: 
rahſaat vor dem verderbenden Einfluffe des böfen Auges 
zu bewahren, errichtet der Yandmann in Taka auf jeinem 
Felde eine Stange, die den gebleichten Schädel eines Ochſen 
trägt. 

Das Wahrfagen und Zeicyendeuten ift überall in Afrifa 
heimiſch; die im öftlicdhen Subän am meiften verbreitete 
Manier ift das fogenannte Sandſchlagen (dharb-er-ramle), 
die Hunt aus gewiflen umwillfitrlich mit den Fingerſpitzen 
in lodern Sand geſchlagenen Eindrüden und Zeichen die 
Geheimniſſe der Zukunft herausleſen und ferne Ereigniffe 
jehen zu fönnen. Wis im Rufe der größten Geſchicklichkeit 
und Sicherheit darin ftehend werden die Baggara - Araber 
und befonders die Schwarzen Fur genannt. In Sordofan 
und Darfur tritt niemand eine Reife an oder unternimmt 
irgend etwas Wichtiges, ohme vorher über dem glinftigen 
1: ungünftigen Ausgang den Sandidyläger zu Rathe zu 
zichen. 

Ueber das Sandſchlagen erzählte mir ein befreundeter 
Araber, der lange Zeit in Darfur reifte, ein hübſches Ges 
ſchichtchen: Der türfifche Gouverneur einer Provinz hörte 
einmal von einem alten Manne, dem nachgeriihmt wurde, 
in diefem Fache Erftaunliches zu leiften, und fandte nad) 
ihm, um ihn vor ſich kommen zu laſſen. Er wollte ihn 
auf eine Probe ftellen. 

Als die Boten fich entfernt hatten, ließ ex zwei Hafen 
unter eine Tabaqa (ein kegelförmiger geräumiger Dedel 
aus buntem Grasgeflecht, der zum Zudecken der Speiien 
gebraucht wird) neben ſich feßen. 

Die ausgeſchickten Leute trafen dem Alten micht zu 
Haufe; fein Neffe aber, der noch ein Knabe, trotzdem ſchon 
einen Ruf in dev Wahrfagefunft hatte, erbot ſich an dei: 
fen Stelle zum Gonvernene zu gehen, und wurde vor 
denfelben gebracht. Der Gouverneur muſterte ihn mit 
ungläubigen Bliden und fagte: „Mein Sohn, wenn Du 
wahrfagen kannst, offenbare mir, was ſich dort unter jener 
Tabaga befindet! Der junge Mann fchüittete den Sand, 
ben er im Zipfel feines Gewandes mitgebracht hatte, zu 
Boden, Fanerte nieder, machte jeine Operationen und ante 
wortete nad einigen Minuten: „Dort drunter ift Wolle 
* der Wolle neugeborener Kameele, Ohren gleich den 

hren der Efel; wenn mein Onkel hier wäre, witrde er 
fagen, es jeien Hafen darunter.“ Der Gouverneur er: 
ftaunte über diefe Worte und befchenfte den Knaben reichlich. 


Aus allen Erdtheilen. 


Europa, 

— In einer Zuſchrift an die „Natnre* theilt Herr So: 
phus Trombolt in Bergen (Norwegen) mit, daß er im 
Herbt bei der norwegischen Negierung die Gründung eines 
Inftituts zur Beobadytung und Erforihung des Nordlichts 


und der anderen Phänomene des Erdmagnetismnd 
in Drontheim beantragen wird, da fein Land Europas, viel: 
leicht der Welt, zu derartigen Beobachtungen fo geeignet ſei 
wie Norwegen, tweldyes bei einer Ausdehnung von circa 
2000 Kilometer näher am Norden und fomit am Herde der 
magnetiihen Störungen liege als irgend ein anderes Land. 


Aus allen Erdiheilen. 


Seit 1878 habe er bereitd and eigener Initiative und mit 
Privatmitteln eine Korrefpondenz ind Leben gerufen und da: 
durch ſchon im April 1829 ein Material von 839 Beobadj- 
tungen, die von 154 Norblichtern an 132, hauptjächlich nor 
wegiihen Stationen angeftellt worden waren, zur Verfügung 
gehabt. Fett fei nicht nur Schweden und Dänemark, fondern 
auch Finland, Grönland, Island und England in das Ber 
obaditungsnets gezogen, und die Mefnltate fein: 1879/80 
1600 Beobachtungen von 249 Nordlichtern an 357 Stationen, 
158081 5200 Beobachtungen von 300 Nordlichtern an 675 Star 
tionen und 188182 im ſelben Verhältniß geftiegen. Ein 
ebenio großes Material haben die Supplementarbeobadytun: 
gen (an circa 50 telegraphiichen Stationen) aller Störungen 
der Drähte, mit genauer Notirung ber Zeit, der Stärke, der 
Richtung 2. ergeben, aus denen hervorgeht, daß fait fein Tag 
in Norwegen ohne irgend eine Störung vergangen ift. Den 
näcten Winter will Trombolt in Kautokeino in Finmarlen 
zubringen, um bort, im Verein mit der 100 Kilometer weiter 
nach Norden zu gelegenen norwegiſchen Polarftation Boſelop, 
befonders Beobachtungen in Betreff der Parallare des Nord- 
lichts anzuitellen. Aber es ift Mar, daß eine derartige Dr: 
ganifation die Kräfte eines einzelnen Mannes überfteigt, 
und daf die für jo wichtige Unterfucungen unerläßliche Ge: 
nauigfeit und Vollſtändigkeit nur durch ein Staatsinftitut 
zu erreichen iſt; es ift daher fehr zu hoffen, daß die bahin 
gehenden Beſtrebungen des Herm Tromholt Erfolg haben 
möchten. 

— Herr Charles Rabot if vom franzöfiichen Uns 
terrichtsminifterium mit einer wiſſenſchaftlichen Miſſion nad) 
dem nördlihenNormegen betrant worben, bie haupt 
ſächlich die Erforfhung des Spartifen zum Piel hat, 
jenes größten ber nordiſchen Gletſcher, weldier fi in einer 
Länge von circa 60 Kilometer hart an der Kite von Norwer 
gen vom Polarkreife bis zu 67° m. Br. hinzieht und far 
nod ganz unbekannt if. 


Aſien. 

— Ein im Manſion-Houſe ſiattgeſundenes Meeting, 
welchem der Lord Mayor präſidirte und verſchiedene der be— 
deutendſten Gelehrten Englands beiwohnten, hat einſtimmig 
beſchloſſen, ein unter dem Patronat des Herzogs von Albany 
fichendes Komite zur Beförderung von Ausgrabungen im 
Diana: Tempel zu Ephefud durd; private Mittel 
zu unterftügen. „Scon 1860 hatte Dir. I. T. Wood nadı 
fechsjährigem Suchen in einer Tiefe von 20 Fuß Trümmer 
bes Tempels gefunden und war jo glitelich, unter der Aegide 
der Truſtees des Britiſh Mufeum und mit einer Staatsunter: 
ftüsung von 12000 Pf. St. feine Urbeiten bis 1874 fort« 
ſetzen zu können. Bon jenem Jahre an aber wurde er, ber 
faum an der Schwelle feiner Entdedungen ftand, zur Un— 
thätigfeit verdammt, da bie Negierung ihm die bis dahin 
gewährten Fonds entzog und fie zu den wichtigen Ausgra— 
bungen in ‚Babylon nnd Niniveh verwandte, Möchte nun 
dem rüftigen Forſcher befhieben fein, das große Werk durch 
Privatimittel zu vollenden. (The Mail.) 





Auſtralien. 

— Es bat ſich in Neu-Süd⸗Wales eine Kompagnie mit 
einem Kapital von vier Millionen Mark gebildet, welche ben 
Darling: Fu von Wilcannia ab bis Wentworth permanent 
ichiffbar machen will, was jet nur in der Negenfaifon der 
Fall it. Wilcannia ifi ein blühendes Städtchen mit 1000 
Seelen am rechten Ufer des Darling in 831° 30° füdl. Br. 
und 143° 30° öfl. 2. Gr. Wentwortb, in 349 8° fübl. Br. 
und 142° öſtl. 2. Gr. und mit 700 Seelen, liegt an ber 
Mündung des Darling in den Murray und follen bier die 
interfolonialen Eifenbahnen, deren Bau Victoria und Süd— 
Auftralien projeftiren, zuſammentreffen. 

— Die Ende vorigen Jahres im Northern Terri: 
tory entdedten reihen Zinnlager am Mount Welld und 


I 


154 


Bamboo oder Snabben’3 Ereef, im ungefähr 13° 30° ſfüdl. 
Br. und 131°45' öfl.L. Gr., follen jest in Arbeit genommen 
werben. Die Pächter eines beträchtlichen Areals haben für 
biefen Zweck achtzig Chineſen engagirt. Das rohe Erz foll 
nad; Port Darwin und von da nach Sybney, vielleicht aud) 
nach England gefchafft werden. Um dem öftern Wafferman: 
gel am Mount Well! abzuhelfen, will man von dort aus 
eine leichte Eifenbahn nad) dem 2%, km entfernten Me-Kin- 
lay-Fluffe bauen, damit die Arbeiten zu keiner Zeit eingeftellt 
zu werden brauchen. 


PBolargebiete, 

— Am 18. Juli hat die „Diimphna”, ein eisfches 
Schiff von 150 Tons und, bei vollem Dampf, 6 Knoten, 
unter Lientenant Hovgaard Kopenhagen verlaffen, um eine 
neue Erpebition nad Franz⸗Joſef⸗Land zu bringen, Diefelbe 
beftcht, außer dem Kommandeur, aus den Lieutenants Olfen 
und Parde von ber dänifhen und de Nenfis von ber italie- 
niſchen Marine, Dr. Barch als Arzt und Botaniker, Dr. Holm 
als Zoologen, dem Ingenieur Litonins und einer Mannfchaft 
von 15 Mann, worunter ein Theilnehmer der „Vega“ Erpe: 
dition. Lientenant Hovgaard will zuerjt nach Kap Tſcheljus⸗ 
fin fahren und von dort nächſten Frühling in Schlitten nord⸗ 
wärts nad) Frauz⸗ Joſef⸗Laud vordringen. Seine Abſicht if, 
zu unterfuchen, ob Franz: Fojef-Land wirklid, bis in die Nähe 
von Kap Tſcheljuskin reicht, ob der Strom und das Eis der: 
art find, daß fie dort eine Bafıs für fernere Unterſuchungen 
ohne allzugroße Gefahr zulaffen, und ob bie Ofifiifte von 
Franz ⸗Joſeſ⸗Land fih am jener Seite nad) Norden zu erfiredt. 
Die Erpebition foll in der Nähe von Kap Tichelinskin ober, 
wenn man bis dahin gelangt, an der Südküſte von Franz- 
Joſeſ⸗Land überwintern. Glückt alles, jo hofft man in 16 
Monaten wieber in ber Heimath zu fein, 

— Am 6. Juli hat die niedberländifhe Erpedi— 
tion, welde befimmt ift, eine ber Polarbeobaditungsitatios 
nen, und zwar bie bet Didfon’d Hafen an ber Senifeis 
mündung, zu befegen, Amſterdam, zumächn zur Fahrt nach 
Drontheim und Hammerfeit, verlaſſen. Das Schiff ver 
Erpedition ift der fchwebifhe Dampfer Varna“ von 250 
Reg.:Tons, apitän Knudſon. Chef der Expedition if der 
von den Barentöreifen ber bekannte Dr. Snellen vom meteos 
rologiſchen Juſtitut im Utrecht; ihm zur Seite fieht Herr 
Larnie, Lieutenant im der nieberländichen Kriegsmarine; 
ferner nehmen Theil Dr. Kremer ald Arzt, Ruys als Natur: 
forfher und Efama ald Phyſiler; im Webrigen befteht das 
Perfonal and drei Leuten von der Friegämarine, einem 
Zimmermann (aus Norwegen) und einem Mafchiniften. Eine 
Dampfbarkaffe zu Erfurfionen auf dem Fluß und im deifen 
Miündungsgebiet wird mitgenommen Das fchr bequem 
eingerichtete Meberwinterungshans fowie Heinere Gebäude 
für die Obfervationen find in Norwegen bergeftellt worben. Bon 
Hammerfet and macht, der „WefersBeitung" zufolge, die 
‚Varna“ die Fahrt gemeinichaftlich mit dem in diefem Mor 
mat von Bremen mach dem Jeniſei gehenden Dampfer 
„Lonife" des Baron v. Knoop. Die „Varna“ if auf zwei 
Fahre verproviantirt. Die Fahrt nad dem Jeniſei macht 
ein niederländiicher Kaufmann, Herr Ruft, mit, der fich über 
die fibirifchen Handelsverhältniſſe orientiren will. 

— Die neueften Details über die Auffindung der Refte 
der unglüdlihen ‚Feannette“-Expedition giebt eine 
Depeiche des „New + Vork: Herald" » Korrefpondenten W. 9. 
Bilder, der im ‚Rodgers“ mitgefahren und nad defien 
Brande durch Nordoffibirien gebrungen war (f. „Globus“ Bd. 
XLI, ©. 320, 352, 384). Sie lautet: 

„Lena: Delta, 12, (24). April 1882. 

„Melville fand de Long’ und feiner Genoffen Körper 
am 23. März; fie lagen an zwei Stellen, 500 unb 1000 
Yards vom Wrack des Lichterichiffes. Zuerſt ausgegangen 
vom Provifionsdepot, um Ninderman's Noute von Uſſerdah 
nach Matvey zu verfolgen, nachher zurüd von Matvey nad) 


160 


Uſterday, nach dem Wrad ſuchend. Das Wrad gefunden und, 
dem Ufer folgend, eine gezogene Büchſe gefunden, die an vier 
von Schnee überwehten Pählen hing; Eingeborene wurden 
zum Graben auf jeder Seite der Pfähle angeftellt, die bald 
auf zwei Körper unter 8 Fuß Schnee famen. Während die 
Eingeborenen nah Oſten zn gruben, ging Melville am Ufer 
entlang 20 Fu über dem Fluß, um einen Ort zu finden, von 
wo er die Gegend aufnehmen könnte. Dabei fah er einen 
Feldfejiel und Feuerreſte ungefähr 1000 Yards vom Zeltlager 
und, ſich mähernd, ftraudhelte er beinahe über de Long's Hand, 
die and dem Schnee herausſah, 30 Fuß vom Ufer. Hier, 
unter beinahe fußhohem Schnee, fand er de Long's und Am: 
bler's Leihen 3 Fuß andeinander und Ah Lorn zu ihren 
Fügen liegend, alle befonders bedeckt mit Zeltreften und 
Stüden wollener Dede; alle anderen, außer Alery, wurden 
am Lagerplag gefunden, Lee und Senat dicht bei im einer 
Uferfpalte gegen Welten. Zwei Kiſten mit Mebdicin: 
kaften und einer Flagge am Stock wurden bei dem Zelt 
gefunden. Keiner der Tobten hatte Stiefel, die Frühe 
waren mit Lunpen bedeckt. In aller Taſchen waren Refte 
von verbrauntem Lederzeug, das fie gegefien hatten; alle 
Hände waren mehr oder weniger verbrannt und ſahen and, 
als ob fie Aerbend ins Feuer gefrochen wären. Boyd lag 
über dem Feuer, feine Kleidung war bis anf die Haut durch: 
gebrammt, dieſe aber nicht. Collins’ Gefiht war mit Beug 
bebedt. Alle Leihen wurden auf die Spike eines 300 Fu 
hohen Hügeld getragen, circa 40 Werft ſüdweſtlich vom Auf: 
findungsort, und beerdigt in einem DMaufoleum aus Wrad: 
holz, in Form einer Pyramide, 22 Fuß lang, 7 Fuß hoch, 
überragt von einem 22 Fuß hoben, einen Onadratfuß ftarfen 


Aus allen Erdtheilen. 


Kreuz aus Treibholz, welches in einer Entfernung von 20 
Werft fihtbar if. Das Manfoleum wurde mit Steinen be- 
dedt und fol im Frühjahr mit Mafen belegt werden; anf 
das Kreuz wurden von der Auffindbungserpedition die Namen 
der Todten eingegraben. Nach Bollendung dei Grabes 
trennte fi; die Maunſchaft, um das Delta nad) Chipp's und 
feiner Genoffen Spuren zu durchforſchen: Melville ging 
nach NRW. und W. bis zum Olenek, Ninderman nahm die 
Mitte und Bartlett z0g nah R.:D. Ninderman und Bartlett 
haben nichs gefunden, Melville noch nicht zurüd; die Suche 
fol bi8 zu Borchoya-Kap und Bai fortgefetst werden. Matt 
hofft, zeitig genug fertig zu werden, um Jakutsk und Ber- 
hojanst vor Aufbruch der Flüſſe zu erreichen; wo nicht, fo 
muß man am Fuße der Hügel und Berge mit den Eingebo- 
renen zurüdfehren bis das Waffer füllt, da das ganze Delta 
im Frühling vier Fuß tief unter Waſſer ficht, obgleich jet 
das Ufer fiellenweis 20 Fuß hoch über dem Flußſpiegel iſt; 
fonft wiirde man die Todten da begraben haben, wo man fie 
fand. Briefe mit Karte und Zeichnungen mit ber Pot.“ 

— Der 1. Auguſt war der Termin für den Beginn ber 
internationalen magnetifhen und meteorologifhen Circum— 
polarbeobaditungen, die während einer Dauer von 13 
Monaten von circa 150 Gelehrten far aller europäifcen Na- 
tionen auf 16 Stationen — 14 arktiſchen und 2 antarftis 
ſcheu — angeftellt werden sollen. Nach Beendigung der 
Kampagne follen fi ſämmtliche Theilnchmer in London ver 
fammeln um dort, nad mannigfahen Leiden und ernften 
Gefahren, bie Refultate ihrer Wahrnehmungen zu erörtern. 
Folgende Ueberficht wird die Vertheilung der Stationen ver: 
anfhaulichen: 








Station 


Ian Mayen 
Spitbergen, Moffel : Bai 
Lappland, Boſſekop bei Alten. » -» » 2... 
Lappland, Sodankyla 
Nowaja Semlja, Karmakuli - Bai 
Didfonhafen 
Lena Mündung... 
Point Barrow, Ooglaamie 

Gr. Sklaven See, Fort Rae 
Gumberland-Sumd - -» » 4 2 nenn 
. Lady: Franklin : Bai, Fort Conger 
. Grönland, Godhavn 
Gap Horn, Hermites Infel- 2.000. 
Süb:Georgien. » ren 


. Tr TR Tr tr Tee 


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[Der Fur Sr SR Sur 2 uE SER 6Z Tor vr Br Dur Dr, 


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— — — 
2 


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— — 
*50 





Beſetzt von 
8oab W Deſterreich 
16° D Scweben 
230 E Norwegen 
Ha 5 | Finland 
63° 2 Rußland 
52° . Holland 
124040 „ Rußland 
156° 24 W. Ber. Staaten 
115°40' „ England Canada 
66 " Deutidyland 
[17 UT ge | Ver. Staaten 
51° 45’ N Dänemark 
Br 5 | Frankreich 
37 A | Deutfchland 


Inhalt: Eine Pilgerfahrt nach Nebihd V. (Mit vier Abbildungen) — Theodor Kirchhoff- Streifzüge 


in Sid : Californien IH. — Rudolf Kleinpanl: 


Wie nennen ſich Böller? — Karl Berghoff: 


Aberglauben 


im Subän. — Aus allen Erdtheilen: Europa. — Aſien. — Anftralien. — Polargebiete. (Schluß der Nedaction 12. Au: 


gujt 1882.) 





Revaceur: Dr. R. Kiepert in Berlin, S. W. Yintenftrafe 11, II Ir. 
Drud und Berlag von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunſchweig. 


Hierzu eine Beilage. 


Band XLI. 


— — — —— 


Mit befonderer Berückfihtigung der 3 





ntbropologie und Ethnologie, 


Begründet von Karl Andree. 
In Berbindung mit yahmännern herausgegeben von 


Dr. Richard Kiepert. 





Braunſchweig 


— — — 





Jährlich 2 Bände à 24 Nummern. Durch alle Buchhandlungen und Poftanftalten 
zum Preife von 12 Mark pro Band zu beziehen, 


1882, 





Gine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 


(Nah dem Engliſchen der Lady Anne Blunt.) 


(Sämmtliche Abbildungen nad) Skizzen der Reifenden.) 


Als unfere Reifegefellicaft am Abend des 14. Februar 
in einer verfallenen Gifterne ihr Yager aufgeſchlagen hatte, 
fah fie plöglich ſechs mit Yanzen bewaffnete Männer auf 
Dromedaren von Norden her gerade auf ſich zureiten. 
Während man noch überlegte, ob man es mit ehrlichen 
Yenten oder mit Näubern zu thun habe, waren fie heran— 
gelommen, fattelten ihre Thiere ab und ritfteten alles zum 
Bivnak her. Dann näherten fie ſich den Zelten der Eng: 
Länder und wurden von Mohammed Ibm Arüf zum Nieder 
figen und Kaffeetrinfen aufgefordert. Später erklärten fie 
auf Befragen, fie wären vom Stamme der Ketherin und 
von ihrem Sceid, nad) Hail gefandt, um einen dajelbjt 
zum Beſuche ſich aufhaltenden Verwandten defielben aufzu— 
finden und in die Zelte des Scheich einzuladen; vielleicht 
könnten Mohammed und die Diener ihnen Anstunft geben ; 
der Gefuchte heike Mohammed Ion Arül, Und wie heiße 
ihr Scheich? Muttlat Ihn Arüf! Ein wahrer Theater: 
foup! Mohammed’ Berwandtſchaft, die Nachkommen je> 
nes dritten der drei Bruder, weldye im 18. Jahrhun—⸗ 
dert zufammen Nedichd verlaffen und fid) in Dicöf von 
einander getrennt hatten, waren durch einen glüdlichen Zu— 
fall gefunden worden! Alle Gebanten an Basra, Meſch— 
hed Ali und die Hadidhlarawane traten nun in dem Hinter: 
grund vor dem Plane, die neuen Verwandten aufzufucen. 
Einer der Ketherin brach fofort mach dem etwa eine Tage: 
reife entfernten Lager Muttlal's auf, um die erwünjchte 
Nachricht von der Auffindung Mohammed's zu Hberbringen, 


Globus XLU. Nr. 11. 


und die ganze Übrige Gejellichaft beſchloß, ihm am nächſten 
Morgen auf dem Fuße zu folgen. Doc; brad) am folgen 
den Tag ein fo heftiges Gewitter los, daß man nur einen 
kurzen Marſch machen konnte und fchon um 1/11 Uhr 
Vormittags bei den großen, Waſſer haltenden Cifternen 
des Wadi Roſeh lagerte. Dieſes Thal führt feinen 
Namen nach einer Pflanze, welche in Menge dort wächſt 
und als Futter für Kameele und Pferde in hohem Anſehen 
fteht. Zwei jener fünftlihen Teiche befanden ſich ganz in 
der Nühe des Lager, der eine von runder, der andere von 
vierediger Seftalt, beide mit prachtvoll klarem und gutem 
Waſſer gefüllt; der größere maß 64 zu 37 Ellen und war 
etwa 12 Fuß tief. Die fteinernen Umfaffungsmanern 
waren urſprunglich innen hohl und dann mit Mörtel aus: 
gefüllt, der jo hart wie Granit geworden war und an der 
Oberfläche eine feine Politur zeigte. Unweit davon lag 
ein verfallener Chan und ein gewaltiger, tiefer Brunnen, 
deifen Mündung zehn Fuß weit war, alles Werke der 
Zobeydeh, der Gemahlin Harun er-Raſchid's, weldye auf 
der Heimreife von Mekla beinahe dem Waflermangel er: 
legen wäre. 

Am 16. Februar z0g man noch etwa 10 bis 12 engl. 
Miles den Wadi Roſeh abwärts, in welchem wirklich nad) 
dem legten Gewitter Wafler geflofjen war und nod) hier 
und da Waffertiimpel ſich fanden, darunter auch ein großer 
Sumpf voll Enten, Stördie und Schnepfen, das erite 
oberirdifche Waſſer, welches die Neifenden jeit faſt zwei 

2 


162 


Monaten, jeit dem Wadi er-Radſchel, zu Geficht befamen. 
Auch prädjtiges, mehrere Zoll hohes Gras wuchs dort, au 
dem ſich die hungerigen Pferde gittlich thun konnten. PLög: 
lich zeigten fid) auf einen Hügel zur Rechten etwa 30 De: 
lufreiter, deren Erjcheinen für Jeden das Signal zur jos 
fortigen Bewaffnung war, Uber einer fonderte ſich von 
dem Trupp ab, ritt heran und grüßte mit laut erhobener 
Stimme; ed war Hazzam, jener eine Ketherin, welcher geftern 
als Bote voran geritten war, Wenige Minuten jpäter war 
Scheich Muttlak felbit zur Stelle, und nun beganı das 
Kiffen und Umarmen zwiſchen den Verwandten, von wel: 
chem Dir, Blunt auch fein Theil abbefam. Muttlak war 
ein prächtiger alter Mann, ſehr ruhig und befcheiden, und 
dabei von großer Würde, mit einem Geſichte, in welchem 
große Ghutmitthigfeit und dabei Vornehmheit zum Ausdrude 
kam; er gefiel den Engländern fofort weit mehr, ald Mo- 
hammed's Verwandte in Dicyöf, hatte auch jein Bebninen: 
thum völlig bewahrt vor jeder Miſchung mit Fellahin. Den 





men ſich jedoch noch diefes Umſtandes. Nichts beweiſt bei: 
ſer als dies die geringe Anzahl von Pferden, welche die 
Stämme von Nedſchd beſitzen. 

Bei aller Durftigkeit aber war ber Empfang ein herz⸗ 
licher. Es war fi die Fremden ein eigenes Gaftzelt auf 
geſchlagen worden; alle angefehenen Leute des Stammes 


verſammelten fic) und ein Mahl von Tummin, frifcher But- | 


ter und Kameelmildy (ein Lamm wird ftets nur zum Abend» 
eſſen geſchlachtet) wurde aufgetragen. Unter den Pferden, denen 
die Blunt's wie immer ihre Hauptaufmerkſamkeit zuwende⸗ 
ten, zeichnete ſich nur eines durch befondere Schönheit aus; 
es war aber aud) der Stolz ded Stammes, weldyer die edle 
Abkunft deffelben lange Zeit hatte geheim halten müiſſen, 
damit nicht die Mahabiten es ihm mit Gewalt wegnähmen. 
Ion Saud war im Stande gewelen, einem Stamme den 
Krieg zu erflären, mur um einen Grund zur Wegnahme 
edler Pferde zu haben; der jegige Herrſcher Ibn Raſchid 
* ſucht durch Anbieten von Geld feine Zwecke zu ers 
reichen. 

Bon den beften Wunſchen der guten Leute begleitet, 
fehrten die Engländer Abends in ihr Yager zurlid; Scheich 
Muttlat Hatte ihnen fogar feine Begleitung bis Meſchhed 


Wadi Rofeh. 


Eine Pilgerfahrt nad Nedſchd. 


Fremden bradjte er drei Schafe zum Geſchenk, erwies ſich 
überhaupt voller Aufmerkſamteit gegen diefelben und voller 
Danfbarfeit flir die feinen Geſcheute, weldye diejelben ihm 
wie jedem andern Scheiche machten. 

Das Yager blieb im Wadi Roſeh, weil dort die befte 
Weide weit und breit war, während das Bluut'ſche Ehe: 
paar am 17. Februar den dreiftindigen Nitt zu Muttlal's 
Zelten, feinen „Häuſern von Haar“, unternahm, um dort 
feine Gajtfreumdichaft zu genießen. Die Ketherin ftanden 
wie alle Stämme in Nedſchd früher unter Ibn Saud; fie 
find ein Aweig der Deni Chalid und diefe wiederum eine 
Unterabtheilung der alten und edlen Beni Yaam, deren 
Hauptmafje noch zwiichen Aared und Katif zur finden ift, 
während ein Theil vor mehreren Jahrhunderten ſich jenjeits 
des Tigris am der perfiichen Grenze niedergelaflen hat. Die 
Ketherin find jegt gering an Zahl und herabgekommen in 
ihren Verhältniſſen; fie können im Kalle der Noth, wenn 
fie fechten mitifen, nur noch hundert Pferde ftellen, ruh— 


m 


in Ausſicht geftellt, 


Als fie die Höhen, weldye den Wadi 
Roſeh Überragen, erreichten, fahen jte fern im Stiden Rauch 
auffteigen — es war die Hadſch-Karawane, welche fie, jept 
auf das Doppelte ihres frithern Umfangs angewachſen, am 


folgenden Tage einholte. Bald darauf erſchien auch Mutt: 
lat, wit einem Diener zuſammen auf einem alten ſchwarzen 
Dromtedare reitend und mit nichts als einem Stode be 
waffnet, Sein Stamm und, was in foldyen Fällen mod) 
wichtiger ift, die rauen feiner Familie hatten eingewilligt, 
daß er nach Mejchhed Ali ritte und mit den Scheichs der 
Anazeh wegen einer Weberjiedelung der Ketherin nad) 
Norden unterhandelte. Denn in dem Gebiete derfelben 
waren die Herbitregen ausgeblieben, und fie beſaßen nun 
weder Getreide noch ſelbſt Datteln; wären nidyt die Heu— 
ichreden geweſen, fie hätten verhungern müſſen. Solche 
Wanderungen ganzer Stämme miäffen unter den Beduinen 
Arabiens zu allen Zeiten ftattgefunden haben, indem fie 
der Futtermangel bejtändig aus Junerarabien nad) den 
reicheren Zteppen Syriens und Mefopotamiens treibt. Auf 
ſolche Weife find die Tai aus Nedſchd ausgezogen und die 
Schammar und Anazeh im ihre jegigen Zige im Hamad 
und Dichezireh eingewandert. 


Eine Pilgerfahrt nach Nedichd. 163 


Am 20. Februar machte der Hadſch und unfere Keifen- | Boden und erreichte Abends die legte Cijterne der Zoben- 
den mit ihm einen guten Marſch über welligen fteinigen | deh, den Birkeh Dſchemaymeh, mit großem Brummen und 


3 —4 


BU A 


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Ein Alabah oder Aufitien. 


anfehnlichen Ruinen; aber am folgenden Tage wurde zum | Hail vor zwanzig Tagen verlafien und nod) nicht mehr als 
großen Schreden der Pilger wieder gehalten. Sie hatten | die Hälfte des Weges zurüdgelegt, obwohl fie nur für drei 
21? 


164 Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


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Der See Nedſchef und Anſicht von Meſchhed Alt. 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


Wochen mit Lebensmitteln verjchen waren. Der Neger 
Ambar, weldyer als Emir el-Hadſch fungirte, hatte den 
Halt befohlen, um aus feinen Schugbefohlenen etwas zur 
—— ſeiner Taſchen herauszupreſſen; er verlangte von 
jedem Kopfe zwei Medſchidiehs (8 Mark), was die niedliche 
Geſammtſumme von 16 000 Mark ausmachte. Ar Wider 
rede Seitens der unglüdlichen Perfer war nicht zu denfen, 
denn ohne Ambar's Befehl hätte ſich fein Kameel und fein 


Beduine von der Stelle gerührt. Die Blunt's waren als 
Säfte feines Frften natürlich von jeder Abgabe befreit. 
Diefe Verſdumniß ſchien Ambar am nächſten Tage 
wieder einholen zu wollen, indem ev ununterbrochen mar: 
ſchiren und iiber 30 engl. Meilen zuridlegen lief. Der 








Fe WER = 
— nn nn — — 





165 


Weg führte Über welligen Boden und durch ein eingeſeunktes 
Gebiet, welches von Felsrändern, ähnlich wie Dſchöf, ums 
geben ift, den Wadi ol» Batn (Thal des Magens), in wel: 
chen ein Fuchs und mehrere Hafen aufgejagt wurden. Erſt 
am Morgen des 22. wurde das Ende des Wadi erreicht, 
und man hatte nun etwa 200 bis 300 Fuß hinaufzuſtei⸗ 
gen. Beſonders der letzte „Afabah“ oder Aufitieg war 
ſehr ſteil, und da derjelbe nur an einer einzigen Stelle zu er— 
Elimmen war, fo mußte die Karawane, ftatt wie gewöhnlich, 
in breiter Front, im Gänſemarſche hinanffteigen, was viel 
Verwirrung erzeugte. Mehr als ein Kameel konnte, durch 
Hunger und Anftrengung ermüdet, den Akabah nicht mehr 
überwinden und mußte feinem Schickſale Uberlaſſen werden. 





Die Pilger vor den Mauern von Meſchhed Ali. 


Oben angelangt, hatte man eine vollfommene, mit feie 
nen Kieſeln bededte Ebene, Mahamiyeh genannt, vor ſich, 
über welche man den ganzen Tag hinzog. Ihre Höhe 
wurde zu 1460 Fuß ermittelt, und ſie gilt als neutraler 
Boden zwiſchen den Schammar und Anazch. Um Mittag 
traf man auf einen großen Teich voll Regenwaſſer, wo die 
Kameele getränft und die Schläuche gefitllt wurden; nicht 
minder angenehm war es, daß das vorjährige Öras auf ber 
neutralen Ebene nicht abgeweidet war und, wenn auch in 
trodenen Zuftande, den Thieren zu Gute kam. Am 23. 
paffirte man wieder Hügel mit den Scherab- Brummen und 
zog dann den ftellenweife zu einer Schlucht fi, verengenden 
Wadi Schebeftch hinab, legte am 24. Februar 27 engl. 
Miles und am 25. deren 30 zuruck. Die abgehungerten 
Kameele des Hadſch vermochten kaum mod) ſolche Märjche 
zu leiften; aber die Pilger, denen es an Nahrung zu fehlen 





begann, drängten rijichtslos vorwärts. Dazu wehte ein 
kalter Nordwind, der die Yuft mit Sand erfüllte und die 
Befiger der ſchönen Vollblut: Dromedare mit Verzweiflung ; 
benn leßtere konnten bie in jo jpäter Jahreszeit ganz un— 
gewöhnliche Kälte nicht vertragen, und es waren zwiſchen 
60 und 70 Stück derfelben gefallen. Doch ſchon mehrten 
ſich die Anzeichen, daß man ſich dem Euphrat näherte: am 
25. zeigten ſich einige Afazien, die erften Bäume jeit Hail, 
und Sinfterbitjche mit ſüß duftenden Blüthen; am 26. kam 
Kasr Ruheym und ein Dorf von Fellahin in Sicht und 
man lagerte an einem fließenden Waſſer. Die Fellahin 
brachten zwar auf Eſeln und Pferden Yebensmittel zum 
Verkaufe, aber noch nicht den zwanzigften Theil von dem, 
was die Karawane bedurfte. Daß man fic wieder im tür 
liſchen Reiche befand, zeigte der hier laut werdende Ruf 
„Haltet den Dieb!“, weldyen die Neifenden zum erften Male 





166 


feit Mezarib (tim Oftjordanlande) wieder vernahmen. Am 
27. Februar ertönte der Trommelſchlag, welder zum Auf 
bruche rief, erjt um 8 Uhr; fo lange war nad) einigen vers 
irrten Perſern, wenn auch vergeblid), geiucht worden. Auch 
die Engländer mußten fich jet diefem Zeichen bequemen; 
denn auf tirfifchen Gebiete galt Ibn Raſchid's Schutz 
nichts mehr, die Straßen find gefährlich, und alle mußten 
fuchen zufammenzubleiben. Die Müdigkeit der Kameele 
machte den Marſch zu einen fehr langweiligen, und nur 
der Anbli der vergoldeten Stuppel von Mejchhed Ali, weiche 
wie ein Stern über den blauen Nedſchef-See herüber ihnen 
entgegen leuchtete, flößte ihnen immer von Neuem Muth ein. 
Der Sce, welchen die Araber Scheriet-Ibn-Haddal nennen, 
ift ein Gegenſtüd zum Birket el- Kom im ägyptiſchen Fa— 
jum, ein kuͤnſtlicher See, der durch die Ableitung eines Kar 
nals aus dem Euphrat entjtanden tft; er ift circa 20 Miles 
lang und 6 bis 7 breit. Wahrjcheinlich ftammt er ſchon 
aus der Zeit der Babylonier, obwohl die Araber behaupten, 


— 


Eine Pilgerfahrt nach Nedſchd. 


ein Ibn Haddal, Vorfahr der heutigen Amarrat-Scheichs, 
habe ihm angelegt als Tränke für feine Kameele. Noch 
vor gar nicht langer Zeit beherrichten die Ihn Haddal die- 
jes ganze Gebiet und erhoben von Meſchhed Ali und Hufein 
Tribut. Die Stadt ſelbſt liegt am öftlihen Ufer des Sees 
anf einem Zuge von Kalfjteinfelfen und blieb der Kara— 
ware, weldye langjam um den See herumzog, den ganzen 
Tag über vor Augen. Gntjeglic aber war das Yeiden der 
armen Kameele anzufchauen; überall lagen fie fterbend auf 
dem Wege herum, und daneben ftanden ihre unglüdlichen 
Befiger, vielleidyt arme Beduinen, die jo durd) die Grauſam— 
feit des Negers Ambar ihre einzige Habe verloren. Biele 
der Thiere hatten ſich in den Sec geftürzt, um zu trinfen, 
und lagen mum dort, um nicht wieder aufzuftchen. Als 
man aber den letzten Alabah erreichte, fielen die armen Kameele 
zu Dugenden, durd) Nahrungsmangel erſchöpft, und die 
Zahl derer, welche während des ganzen Tages umgefonumen 
waren, mochte ſich gut auf 500 bis 600 belaufen. Alle 






V 
mımm 


Terraffe der britiſchen Mefidentur in Bagdad, 


ergingen fic) in lauten Verwünſchungen gegen Ambar, den 
Urheber des Unheils, manche auch gegen Ion Raſchid felbit, 
weldyen man theilweife für die Verzögerung des Marjches 
verantwortlid; machte. Seine Regierung ift überhaupt bei 
den Nomaden der Wuſte weniger populär, als in den 
Städten; denn er zwingt die Bebninen, fir den feſten 
Preis von 10 Medſchidiehs pro Mann und Kameel den 
Hadſch zu’ geleiten, und erfegt die entjtchenden Berlufte 
nicht. 

Als der Gipfel des Akabah erreicht war, lag Meſchhed 
Ali dicht vor den Reiſenden, eine lange Yinie prädjtiger 
alter Mauern mit zwölf runden Thlirmen aus Ziegelteinen, 
über welchen allein der goldene Dom und die vier Mina- 
rets der Mofchee, im Abendjonnenlichte ſtrahlend, hervor: 
ragten. Das Thor erreichte man erjt, nachdem man durch 
einen dichten Haufen ſchmutziger Kinder, welche ſich auf den 
zahlreichen, nad) diefer Seite hin die Stadt umgebenden 
Gräbern tummelten, hindurchgearbeitet hatte. Dies Geſin— 
del überfchlittete die Pilger mit Spottreden und rohen Be— 
merkungen und warf die Hunde der Engländer mit Steinen, 


biegend, den Yagerplag erreichten und dort fic jagen durften, 
daß nun auch ihre Bilgerfchaft ihr eigentlidyes Ende erreicht 
hätte, 

Meichhed Ali (die Grabmoſchee Ali's) oder richtiger 
Nedſchef iſt der Typus einer orientalifchen Stadt: denn jie 
liegt in eimer vollftändigen Wüſte und befigt feine Umge— 
bung, als Gräber. Ihre aus der Kalifenzeit herrührende, 
vortrefflicd erhaltene Umfaſſungsmauer ift nahezu quadra- 
tifch und befigt nur ein einziges Thor; fie ift, wie erwähnt, 
fo hoc), daß fie alle eng zufammengebauten Gebäude der 
Stadt mit Ausnahme der Mofchee überragt. Der Plan 
der Stadt ift mehr ſymmetriſch, als bei den meiften aſiati— 
ſchen Städten, indem die Bazarſtraße vom Thore aus in 
gerader Richtung zu der im Centrum ſich erhebenden Mo— 
fchee führt. Die Läden ſchienen in gutem Zuftande zu 
jein, jo weit die Neifenden bemerken fonnten; denn aus 
Furcht, bei den Pilgern anzuftogen, wagten fie nicht ſich 
viel umzufehen umd umherzimvandern. Ihr Bericht ift alio 
in diefer Hinficht dirftig; doch find wir aus anderen 
Quellen Über die große Moſchee, die Begräbnigpläge der 


jo daß diefelben froh waren, als fie, um eine Mauerede perſiſchen Pilger, den religiöfen Eifer der Bewohner und 


Dr. Paul Pogge: 


ihre Abneigung gegen die türkifche Herrfchaft zur Genüge 
unterrichtet. 

Ihre Mittel, ſowohl am Geld wie an Kraft, umd ihre 
Geduld waren nahezu zu Ende; jo beeilten fie ſich denn, 
über Kerbela nad) Bagdad 'zu reifen. Diefe Reife nahm 


Von der Pogge-Wißmanm'ſchen Erpedition. 


167 


noch fieben Tage in Anſpruch. Am 6. März erreichten fie 
bei ftrömendem Negen die lang erfchnte Stadt, wurden in 
der gaſtlichen Refidenz des britifchen Vertreters freundlich 
empfangen und konnten ſich nad) drei Monaten zum erjten 
Male wieder des Yurus eines Bettes erfreuen. 


Bon der Pogge = Wißmann’schen Erpedition. 
Brief von Dr, Paul Pogge )). 


Ich beehre mich, dem geehrten Vorſtande mitzutheilen, 
da wir in Kaſſelange angekommen find. Die Neife durch 
Kioto bot einige Schwierigkeiten, da die dortigen Eingebo- 
renen, welche gleichjam ein Monopol in Safjelange bean- 
fpruchen, und ungern reifen lafjen wollten, um, wie fie 
fagten, jich die Handelspreife nicht verderben zu lafjen. 
In Hongolo (Schütt's Tſchikapa-Paſſage) hieß es, der 
Mona Kiſfſenge (öſtlich zwiſchen Luaſchimo und Tſchikapa 
wohnend) habe Abgeſandte geſchickt, um uns den Weg ver— 
fperren zu laffen. In der That erfchienen am andern Tage 
drei Kaquatas und gaben an, vom Kiſſenge geſchickt zu fein, 
um Gejchente für ihm einzuheimfen oder unjere Weiterreiſe 
zu inhibiren. Wie ſich indeflen bald herausitellte, waren die 
Kaquatas nur zufällig geichidt, um im Hongolo oder Um— 
gegend Sklaven zu verkaufen, und benugten nun die günftige 
Gelegenheit, um einige Geſchenle fitr den Kiffenge oder fiir 
ſich zu erpreſſen. Da wir übrigens große Unannehmlich— 
keiten durch diefe Leute hätten haben können, jo wurden fie 
mit einigen wenigen Sadjen abgefunden. Der Häuptling 
Hongolo erbot ſich inzwiichen, uns für den Preis von 
drei Fäſſern Pulver und einigen Stüd Kalifo bis zum Kaſ— 
fat zu führen. Auf das befondere Anrathen unferes Dol- 
metichers Biferra engagirten wir denn aud) einen Berwands 
ten des Hongolo, den Camba Guſchi (auch Manila genannt), 
und leßterer hat und mit einem Gefolge von 30 bewaffite- 
ten Kiolos bis hierher begleitet, Wir haben unterwegs 
allerdings manchen Heinen Strauß mit diefem alten ver: 
icdymigten Neger ausfechten müſſen, einem Blutſauger erfter 
Größe, der feine Gelegenheit unbenugt läßt, wm einige 
Pards zu erwiſchen; aber ich bin doch Hberzeugt, daß wir 
im Allgemeinen Nuten von ihm gehabt haben. 

Der Häuptling Kitari, ungefähr zchn Tagereiſen 
nördlich von Hongolo wohnend, verbot uns geradezu den 
Durchgang durch fein Yand und drohte mit Krieg. Nad)- 
dem wir ihm aber hatten fagen laffen, daß wir einen Krieg 
mit ihm aufnehmen würden, wenn er und Hinderniſſe auf 
dem Wege bereitete, ließ er auch mit ich reden und ge: 
währte uns freie Paſſage gegen Bezahlung von fünf Stüd 
Kaliko & 18 Yards. Am andern Tage aber brachte er und 
ſelbſt die üblichen Geſchenke an Proviant und theilte uns mit, 


1) Uns gütigfi von der Redaktion der „Mittheilungen der 
Afrilaniſchen — in Deutſchland“ mitgetheilt, wo der: 
felbe in Bd. WI, Heit 3 ericheinen wird. Der Ort, von wo 
der Brief datirt ift, liegt etwa unter 69 füdlicher Breite, wohin 
ihn ſchon Schütt's Erfundigungen verjehten, im Lande Der 
Zuffelange, welde auf Schütt’s Karte ‚Tuchilangue“, von Bud): 
ner „Zuihilange* genannt werden. Dr, VPogge war der erfte, 
mwelcher 1876 diefem Ramen jeinen ungefähren Plab auf der 
Karte anwies; jeine Nachfolger, Schütt und Buchner, vermod;: 
ten nit bis dorthin vorzudringen; er jelber erſt hat das Glück 
chabt, das Land jelbſt zu erreichen. Gin weiterer jchöner Er: 
—8 der Afrilaniſchen Geſellſchaft, der rührigſten unter allen, 
welche ein gleiches Ziel verfolgen! 


Refidenz des Kalamba Mulenge, den 27. November 1881. 


daß er aud) den Wunſch hätte, nach Kaſſelange zu gehen 
und uns demmächit folgen würde, 

In Lunda, wo wir ernftlichere Unannehmlichkeiten durch 
den Mona Kahungulo erwarteten, ging die Neije ohne 
jegliche Störung vor ſich. Die Gina Banfa, ein weib— 
licher Hänptling und Unterthan des Kahungulo, deren Dorf 
wir paffirten, ließ uns ſagen: wir glaubten wohl, daß ihre 
Macht nur Hein ſei und nähmen deshalb den Weg durd) 
ihr Fand, weil der andere Weiße (Schütt) beim Kiloata 
hätte umlehren muſſen. Wir irrten uns aber; ihre Macht 
fei ebenfo groß, wie die des Kiloata; aber fie wolle uns 
pafjiren laffen, wenn wir gut bezahlten. Das ganze Ges 
ſchüft wurde denn auch in einem Tage mit verhältuigmäßig 
wenig Geichenten abgeſchloſſen. 

Am 2. Oftober, nad) 44 Marfchtagen, erreichten wir 
den Kaſſai bei Kikafſa in Bende und pajfirten ſchon 
am nächſten Tage mittels acht Kanoes den circa 300 bis 
350 m breiten und fehr tiefen Fluß. Am Oftufer machte 
und der Tufielanges Häuptling Kingenge, welder dort 
mit einer Kiolo⸗Karawane handelte, einen Beſuch, und bat 
uns inftändigft, nicht zum großen Häuptling, dem Kalamba 
Mukenge, feinem Nachbar und frühen Yehnsheren, fondern 
zu ihm zu gehen. Er wilrde uns fofort nach dem Sce 
Mucanıba bringen. Da der Mann einen guten Eindrud 
machte, fo famen wir ſchließlich mit ihm überein, dag Wiß— 
mann mit ihm und ich zum Mukenge gehen würde. Wiß— 
mann und ich haben uns am 23., einige Tagereifen vor 
unferm Ziele, getrennt. Wißmann nahm, von einem Meis 
nen Gefolge und dem Kingenge begleitet, eine ſüdlichere 
Route, während ich mit der Karawaue eine mörblichere Rich— 
tung einfchlug und am 30. Oktober, nad) 62 Marſchtagen, 
hier ankam. 

Mukenge, der mic mit vieler Freude empfing, er 
Härte mir noch am demfelben Tage, daß er gehört habe, fein 
abtrüinniger Bafall Kingenge wolle uns nad) dem See brin- 
gen. Das Yand gehöre aber ihm, er fei der ältere, mäch- 
tigere und legitine Häuptling (Stalanıba) und er wolle uns 
jelbft, warn wir wollten, nad) dem Mucamba bringen, oder 
wohin wir fonft wollten. Ich habe denn auch fofort mit 
ihm abgejchloffen, uns nad) dem See und von dort nad) 
dem Yıralaba zu begleiten, Wir wollten anfänglidy nur mit 
Tuffelanges reifen, da wir erwarteten, daß unfere Träger 
nicht weiter gehen würden; inzwiſchen haben fich aber einige 
dreißig gemeldet, welche bereit find, für zwei Stüd Zeug 
a 8 HYards baar und fehs Stüd a 8 Yards, in Malange 
zu bezahlen, uns zu begleiten, und habe ich diefe Leute denn 
auch engagirt, jo daß wir unfere Waaren durch unfere eiges 
nen Träger können befördern laſſen. Für vier Stüd & 8 
Yards baar und vier Stiid in Malange erboten fid) ſchließ— 
lid) ſämmtliche Träger zu reifen; aber das hätte uns zu 

viel Fazenda gefoftet. 


168 Dr. Paul Pogge: 

Unfere Abſicht ift num, dem ungefähr zehn Tagereifen 
N.O. von hier entfernten Mucamıba zu befuden und von 
dort Nyangwe (am obern Congo, befannt aus den Reiſe— 
werfen Yivingftone's, Stanley's und Cameron's) zu erreis 
chen. Wir werden den See nördlich umgehen; vom See 
führt der Weg öſtlich circa ſechs Tagereifen zum Häuptling 
des Mobondi-Stammes, dem Kaſcheſchez von Kaſcheſche 
circa zwei Tagereiſen bis zum Lubilaſch-Fluſſe, und vom 
Lubilaſch zwei Tagereifen zum großen Mobondihäuptling 
Fumo⸗Kole. Weiter reichen unfere Erkundigungen nicht. 
Wir befinden uns ungefähr auf 6° jüdl. Br. und zwiſchen 
22% und 221/59 öſtl. Y. Gr. Nach Wißmann's aftronomi- 
fcher Obſervation liegt Kingenge 6" 10° jüdl. Br. Mulenge 
liegt circa 3 deutſche Meilen NW. von Slingenge. Sollte 
uns die Reife gelingen, jo werde ich mit der Karawane nad) 
hier zurlictehren, während Wißmann verfuchen wird, von 
Nyangwe aus Zanzibar zu erreichen. Nach meiner Red): 
nung bleibt hier in Mufenge foviel Fazenda unter der Ob» 
hut des Dolmetichers Germano, daß ich nad) meiner Nüd- 
fehr bis December 1382 hier werde bleiben und dann die 
Rüuckreiſe nad) Malange nod werde beftreiten können. Ich 
rechne fir die Reiſe von hier nad) dem Lualaba und zurück 
ſechs Monate und für den hiefigen Aufenthalt nad) der Rüch 
fchr auch ſechs Monate, Trifft inzwiſchen die Saturning's 
ſche Karawane mit etwas Fazenda für mich ein, fo kann ich 
eventuell hier jo lange warten, bis eine neue Expedition 
tonmet, oder bis meine Mittel erſchöpft find. Bekomme id) 
aber bis December 1882 feine Nachricht von der Küſte, fo 
muß ic) annehmen, daß Saturnino fein Neifeprojeft auf 
gegeben hat, und daß die Gefellichaft feine neue Expedition 
vor meiner Ruckehr ausrüftet. 

Ich gebe dem Yande des Mufenge den Borzug zur Ans 
lage einer Station vor dem des Matiamvo. Der Reifende 
wird anf feine Weiſe in feinem Vorhaben geftört. Mulenge 
ſowie feine Unterthanen überbieten ſich förmlich, dem fren- 
den Gaſte Freundſchaft (lubuko) zu erweijen. Nach den 
Geſetzen der Mukenge joll jeder Unterthan dem Fremdling 
Yebensmittel ans Jubuko (d. h. gratis) bringen, indeflen 
fcheint mir diefe Verordnung nicht ftrifte befolgt zu werden, 
ich habe wenigftens die meiften Yebensmittel noch immer, 
allerdings jehr billig, gegen Baar erjtehen miſſen. Die 
Tuffelange find Übrigens tichtige Aderbauer; itberall befin- 
den fich große, üppige Manio-, Mais-, Hirſe-, Erdnußs und 
BVohnenfelder. Die Bohne ift Hein und hat feinen ange: 
nehmen Geſchmack, maconde in Malange genannt. Eben— 
falls bauen die Tuffelange etwas Tabat und als leidenſchaft⸗ 
liche Haufraucher viel Hanf. Ihr Yand, eine wellig koupirte 
Ebene zwilchen dem Kaſſai und Lulna, ift auch überall 
fruchtbar und reich bewäflert. Manche Gegend möchte ich 
als echter Flachländer bergig nennen, jo tief liegen die Mul- 
den mit ihren tief eingefuechten Bächen, weldye die ebenen 
Plateaus von einander ſcheiden. Im der Gegend von af: 
fat bis zur Hälfte des Weges ungefähr hierher prävalirt 
der Urwald vor der Kampine. Es find hohe und dichte 
Waldbejtände, welche meilenlange und breite Streden Lau— 
des bedeclen und Kleinere mit niedrigem Graſe und mit we 
nig Buſchen und Bäumen bewachſene Kampinen gleichiam 
umſchließen. Die Kampinenſtellen, weldye, namentlid) von 
der Ferne aus gejehen, einem deutichen Raſenplatze gleichen, 
benugen die Eingeborenen dort zur Anlage ihrer Dörfer 
und Pilanzungen. Solche große, zufammenhängende Urs 
waldfomplexre wachen hauptſüchlich auf den ebenen Rucken 
der Plateaus; die Abhänge derjelben haben viele Quellſtellen 
mit Urwalddſchungeln und die Bäche find meiſtens mit 
Wald umſäumt. Schweinfurth'ſche ſchmale Galleriewälder, 
die ſich wie eine Mauer an den Bächen entlang ziehen, und 


Von der Pogge-Wißmanm'ſchen Expedition. 


wie ic) fie auf der Reife zwifchen dem Lulua- und Yuifas 
Fluſſe ſah, kommen hier eigentlid, überall nicht vor, = 
find die Einfchnitte der Bäche zu tief und zu breit. Es 
find hier mehr bewaldete Schluchten. In den Betten der 
Bäche findet ſich häufig röthlider Sandftein. Granit und 
Sandftein findet ſich in den Bachen hier in Mufenge und 
an den Ufern des Luluag, den ich bereits (1°/, deutſche Meis 
len genau öſtlich von hier) bejuchte. Auf der zweiten Hälfte 
des Weges vom Kaſſai hierher und in dieier Gegend findet 
fi) mehr Kampine mit Schluchten und Bachwäldern, als 
große zufammenhängende MWaldftreden. Das Gras der 

ampine hier ift auch höher. In jener Gegend, wo nur 
kurzes Gras wächſt, benutzen die Eingeborenen Balmenblät: 
ter zur Bededung ihrer Wohnungen, hier Kampinengras. 
Ansgedehnte Moore oder Sumpfe fehlen ganz und gar; der 
röthlicdhe, jehr (ang = Lehm reicht, mehr oder weniger feſt, 
überall bis an den Rand der Gewäfler. 

Die Fauna ſcheint mir trog des günftigen Terrains 
fchr arm. An jagdbarem Wilde findet ſich hauptſächlich, 
außer dem Hippopotamms in den Flüffen, nur der Büffel 
(die Heine Art, nicht Bos caffer) und das Warzenſchwein. 
Größere Naubthiere fommen ſehr felten vor, dagegen jah 
ich unterwegs viele mir unbefannte Bälge Meiner Raten, 
Marder ıc. Bögel giebt e8 ebenfalls wenig; am häufigften 
ficht und hört man einen grauen Papagei. 

Die Flora der Kampine bietet mir, dem Laien, wenig 
Abwechſelung, es jcheinen mir die meiften Gräfer und Blu— 
men alte Bekannte; dagegen ift die Waldvegetation ohne 
Zweifel ungleich üppiger und reicher als an der Küſte, oder 
in Lunda; mantentlic find es beeren- und fruchttragende 
Bäume und Buſche, die in großer Anzahl wachſen. An 
nugbringenden Palmen giebt es hauptſächlich vier Arten, 
die Delpalme, die Mabonda-, die Mapanda- und die Bours 
däo-Palme. Die erften drei Arten gleichen ſich einander 
fchr. Aus den Fafern der jungen Blätter der Mabonda 
werben überall in Kaſſelauge ſehr Schöne zeugähnliche Stoffe 
gewebt. Alle vier Arten geben Wein, Sie wachſen wild 
in den Wäldern, find aber mit Ausnahme der Bonrbäo 
und der Mapanda aud) vielfach) in der Kampine angepflanzt. 

Das Klima ift entjchteden wärmer als in Muſſumba, 
der Nefidenz des Matiamvo, aber gefund, Ich wohne hier 
bereits feit einem Monat in einem ganz Meinen Orte, eng 
zufammengedrängt mit mindeftens 100 Menſchen, einſchließ— 
lic Weiber und Kinder, und noch iſt nicht der geringfte 
Krankheitsfall vorgefommen. Auch die Weide fiir Nindvieh 
ift gut; unſere Ochſen befinden ſich in vorzliglichem Zu: 
ftand. Die Handelsartifel, welche die Tuffelange feil bieten, 
find hauptſächlich Sklaven und Kautſchul. Als Sklaven 
werden vorzugsweife Weiber verkauft, wie denn die rau 
hier überhaupt im wahren Sinne des Wortes die reine 
Stlavin ihres Mannes if. Kantjchuf, den fie ebenfo wie 
die Kiofo präpariren (fie trodnen den gewonnenen Saft in 
der Sonne und kochen ihm nicht auf), giebt es viel und billig 
zu kaufen. Die Träger haben oftmals für etwa drei Fin— 
gerhiitte voll Pulver 3 bis 5 Pfund Kautſchul erſtanden. 
Der reguläre Preis einer ausgewachſenen Sflavin it ein 
Stüd Kalito, A 18 Varde, oder ein Faß Bulver (4 Pfd.), 
oder eine Muslete. Elfenbein ift felten. Dog Hauptelfens 
beinmarkt diefer Gegend ift in Kabao, etwa ächt Tagereifen 
N.N.W. von hier am Yulua gelegen, im Yande der Tus 
fettes. Der bekannte Neifende und Händler Silva Porto 
aus Vihs hat ziemlich zu gleicher Zeit mit uns die Reife 
nad) Kabao gemacht; er ift am öjtlichen Ufer des Kaſſai 
entlang gegangen, da er unterwegs, zwiichen dem Tſchikapa 
und dem Luaſchimo, Differenzen und Krieg mit den Kiokos 
hatte. Hier weilt feit etwa einer Woche ein ſchwar— 


Dr. Paul Bogge: Bon der Pogge-Wikmann'ichen Erpedition. 


zer Empregado von Silva Porto mit circa 20 bis 30 
Trägern. 

Die Grenzen der Kaffelange find mir noch unbekannt. 
Mutenge behauptet, fein Reich erftrede ſich öftlich bis zum 
See, dann beginnen die Tukettes. Im Kaflelange-Yande 
herrſchen viele große unabhängige Häuptlinge, wie der Ka— 
lamba Mufenge, Kingenge u. ſ. w., denen die Hleineren 
Hänptlinge, ähnlich wie in Lunda, tributär find, Die eins 
zelnen Dörfer, oder mehrere Dörfer zuſammen, bilben gleich): 
ſam eine Familie, die Inſaſſen betrachten ſich alle als Per 
ſam mit einander verwandt umd ftehen ficd in Freud und 
Leid einander bei. Kommt man in ein Dorf und fragt 
nad) dem Namen deſſelben, fo heißt es einfach 3. ®. Bena 
Katschia, d. h.: „Es find Katſchialeute,“ oder Bacua Ca- 
lembue, d.h.: „Sie gehören zu den Calembues,“ oder „Sie 
gehören zu der Familie Calembue.“ Bena und bacua find 
ignonym. Die Einwohner der Nefidenz des Mufenge ge— 
hören zu den Bena Katſchia. Die Stadt mag etwa 1000 
Einwohner zählen, welche in Heinen, vieredigen, an euro: 
päifche Bauart erinnernden Hütten mit Pultdach wohnen. 
Die Stadt liegt zwiſchen den Quellen zweier Kleinen Bäche, 
welche nordöftlid, in den Yulua gehen und fchönes kuhles 
Trinfwahler liefern. ine fleine Unbequemlichkeit bieten 
momentan die Gefege des Mufenge dem Reifenden. Er 
hat feinen Unterthanen hier nämlich verboten, Ziegen und 
Hühner zu halten und Bananen und Ananas zu ziehen und 
in Folge deifen foftet es oft Mühe, die nöthigen Vorräthe 
zu beforgen. Der Häuptling hat mir indefjen verſprochen, 
diefes Geſetz abzuſchaffen und dafür zu forgen, daß nad) 
meiner Ruckehr reichlich Ziegen, Bananen u. f. w. vorhan- 
den find. Das einzig Bedentliche bei Anlage einer Station 
in Mulenge ift das Fehlen einer Waflerftraße, die es er- 
laubt, von hier aus per Boot den unbekannten Norden zur 
erploriren. Der Yulua bei Bacua Mulumba Catue, wo 
ich ihn befuchte, ift allerdings fehr breit (etwa 250 bie 
300 m), fheint aber nicht fehr tief zu fein, wenigftens be- 
finden ſich nördlich und fldlich von diefer Stelle Strom: 
fchnellen mitten im Strom. Etwas nördlich von Mulumba 
und norböftlich von hier macht der Fluß dann einen mäd)- 
tigen Bogen nad, NRW. reſp. NW. 

Am 29. November, aljo ibermorgen, werde ich von hier 
aufbredjen. Ich wollte ſchon am 28, reifen, indeflen bat 
mic, der Häuptling, ihm noch einen Tag Friſt zu geben, 
um eine Kleine Fetiſchhütte zu vollenden, die dazu beſtimmt 
ift, eine Meffingkette darin aufzuhängen, welche er von mir 
als Geſchenk erhielt, und um demnächſt eine Spieldoje darin 
aufzubewahren, welche ich ihm als Preis für den Fall des 
Gelingens der Reife nad) dem Lualaba in Ausficht geftellt 
habe. Bor der Dofe hat der alte Herr großen Reſpekt. 
Mein Dolmetiher Biferra hat ihm eingeredet, ihre Töne 
jeien die Stimme des Fidi-Muculo, des Gottes der Kaffe: 
lange, und in folge deſſen lauſcht er num mit Andacht den 
Tönen der Uhr. Kürzlich ließ ich ihm vorjpielen; als aber 
die Uhr immer langfamer und langfamer zu jpielen begann, 
meil fie fein Del hatte, und ich endlich, fühn entſchloſſen den 
Dedel Happte, jprang er auf und hielt entrüftet eine lange 
Rede am die ſich um uns drängende Menge: daß die Uhr 
heute nicht ordentlich fpielen wolle, daran fei der Lärm 
Schuld, den fie machten, denn die Stimme des Fidi-Muculo 
wolle rejpeftirt fein. 

Zuerſt hatte der Häuptling die Abficht, feine 40 bis 50 
Weiber mit auf die Keife zu nehmen. Ich habe ihm aber 
fagen laflen, daß ich micht mit Weibern reife; er dlirfe 
höchſtens 2 bis 4 mit fich nehmen, außerdem dürfe fein 
männliches Gefolge nicht über 40 bis 50 Köpfe zählen und 


169 


er ließ mir wieder jagen, bis zum See würbe er wohl ein 
größeres Gefolge haben, da ihm die Verpflegung nichts loſte 
— im eigenen Yande wird geraubt —, nachher würde er 
den größern Theil nach Haufe ſchicken. Ich bin neugierig, 
mit welcher Bande er übermorgen antreten wird. Heute 
giebt Mufenge ein großes Volks: oder vielmehr Abjchiedes 
feft. Am Nachmittage war auf dem Marftplage großes 
Tauzfeſt mit Hirfebierbewirthung von Seiten des Mufenge. 
Meinen Trägern ſchenkte er nicht weniger als 15 große 
Kalabafen diefes Getränks. Die Träger find denn auch 
fehr reifeluftig und augenblicklich erfchallt das ganze Yager 
von ihren Neifegefängen. Morgen folgt die Fortſetzung 
des Feſtes; ic, habe Mulenge einen Schafbod leihen müſſen, 
den ich am andern Ufer des Yulma von meinen Leuten habe 
taufen laffen, vorn deſſen Fleiſch er morgen öffentlich eſſen 
will, damit er und feine Begleitung auf der Reife Fleiſch 
von Hausthieren ejien können. Es ift ſchade, daß die Tuſſe— 
lange in biefen Gegenden viel von ihren eigenen originellen 
Sitten durch den Verkehr mit ben Kiokos und Vangelas 
eingeblißt haben, deren Sitten fie gleichfam recipirt haben. 
So ;. B. tätowirt die jüngere Generation den Körper we- 
nig oder fait gar nicht, während die älteren Yente faft alle 
dem ganzen Körper mit ben fchönften Tätowirungen ges 
ſchmlickt haben. Geficht, Hals, Bruft, Bauch, Rüden und 
Beine bis an die Wenkel, alles iſt mit hübſchen Arabesken 
oder mit regelmäßigen mathematijchen Figuren bebedt. 
Selbft auf einem Körpertheile, den wir Europäer für ge 
wöhnlich unferen Nebenmenſchen nicht germ zeigen, erblidt 
man oft zwei regelrechte ſechseclige Sterne, ſchöne ſchwung— 
volle Arabesten und dergleichen mehr. Wie gejagt aber, 
die Tätowirungen haben aufgehört; Kinder bis zum 12. 
Jahre etwa fieht man ſicher nicht mehr tätowirt, wenigftens 
nicht in den Kaffelange-Diftrikten, die wir durchreiſt haben. 

Ich Hoffe num, daß wir fo glüdlic fein werben, den 
Yualaba zu erreichen, den Weg zwiſchen Mukenge und 
Njangwe zu öffnen, und jo die angeftrebte Verbindung von 
Weiten aus mit den öftlichen Stationen herzuftellen. Ob 
die Reife gelingen wird, können wir mit Sicherheit natütr- 
lich nicht wiflen, aber wenn wir nicht wagen, können wir 
auch nicht gewinnen. Wir haben augenblidlic noch Fa— 
zenda genug, denn wir kommen nad) meiner Rechnung mit 
105 Stüd Riscado a 18 Ellen, mit etwa 400 Pfund Ber- 
len und Kauris, 6 Fäſſern Pulver, etwas rothem Flanell 
und etwas feinem Kattun gut aus. Wenn id) nad) 1'/, 
oder 2 Jahren an die Küfte zuritdfchre, werde ich, alles in 
allem hoch geredjnet, etwa 15 000 M. nöthig haben. Ich 
pafjire übermorgen füböftlic, von hier bei Bacna-Diaja, wo 
eine gute Fähre für die Ochjen fein fol, den Yulna und 
treffe dann Übermorgen in Bacua-Carimba mit Wißmann 
zufanmen. Hoffentlich treten feine Verzögerungen der Reife 
ein. Diefen Brief follen die Träger mit nad) Malange 
nehmen, welche beabjichtigen mit Camba Guſchi über Hon- 
golo wieder nach Haufe zu gehen I). 

Die Waflerfälle des Kaflat beim Dorfe des Häuptlings 
Main-Munene, etwa eine Tagereife füdlid von Kilaſſa, 
haben wir nicht befucht, um uns nicht noch ferneren Unan— 
nehmlichkeiten auszuſetzen. Wenn id) geſund bleibe, gehe 
ic) jedenfalls iiber Main. 

Neifenden rathe ich nad) hier hauptſächlich Perlen und 
Pulver mitzunehmen. Fazenda fteht nicht im richtigen 
Werthverhältnifie zu dem erften Artikel, da die Tuffelange 
felbjt zu viel Zeug weben, 

1) Der am 28, 7. in Berlin eingetroffene Brief trägt die ° 


— — Correio de Malange 29, 5. 82 und Correio de 
oanda 15, 6. 82. 





Globus XL. Nr. 11, 


22 


170 


Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Süd- Ealifornien. 


Streifzüge in Süd-Californien. 
Von Theodor Kirchhoff. 


IV. 


(Erfte Hälfte.) 
Ein Befud in San Diego. 


San Diego ift eine Stadt, welche feit langen Jahren 
eigentlich nur von der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft 
gelebt hat. Im Beſitze eines vorzüglichen Hafens, des ein- 
zigen von praktiſcher Bedeutung für die Schifffahrt an der 
langgeftredtten Hüfte zwifchen der Bai von San Francisco 
und Acapulco in Merico, blieb der Pla trogdem vom 
Weltverfehr faft ifolirt. Die zwiſchen Panama und San 
Francisco fahrenden großen Dampfſchiffe liefen freilich 
einige Male in den legten Jahren bei San Diego an; als 
fie aber dort weder für den Paflagiers noch für den Waaren- 
verfehr eine nennenswerthe Verwendung fanden, ließen fie 
den Ort wieder abfeits liegen. Die Küſtendampfer ber 
ſüdcaliforniſchen Linie fahren jegt jeden fünften Tag von 
San Francisco bis nad) San Diego und verbinden daffelbe 
mit der großen civilifirten Außenwelt. Der Yandverkehr 
bejchränkt ſich auf eine primitive Stagelinie mit dem Städt: 
hen Santa Ana auf der Route nad) Los Angeles. 

Diejer Zuſtand der Dinge wurde flir die hoffnungs: 
vollen San Diegoer um fo unerträglicher, weil bereits vor 
zwanzig Jahren große Eifenbahntorporationen ihren Hafen 
als weftlichen Endpunkt proffamirt hatten, welcher ber cali» 
fornifchen Handelsmetropole am Goldenen Thor Konkurrenz 
machen follte. Zuerſt war es die vor dem großen Burger⸗ 
kriege von dem befannten „Pfadfinder“ Fremont ins Pe 
ben gerufene „Memphis-El-Bafo- und Pacific*-Eifenbahn, 
welche mit einem Mäglichen Fiasko zu Grabe ging, nachdem 
ihre Leiter zum Schluß noch eine erfledlihe Anzahl von 
Millionen in Paris mobil gemacht hatten und auf uner— 
Härliche Weife verfchwinden Tiefen. Als Erbe des Fre— 
mont’jchen Unternehmens erjchien nad) dem Stiege die 
„Zerass und Bacific*-Eifenbahn auf der Bildfläche und 
verjprad) fir San Diego Wunder zu leiften. Im Staate 
Teras wurde anfangs recht rüftig an der Bahnlinie gear 
beitet und der Schienenweg bis nad, Fort Worth an die 
Grenze der großen wei Prärie geführt, welche 
von dort bis an den Rio Grande bis nad EI Paſo aus: 
dehnt. Die Stadt San Diego machte der Gejellichaft eine 
anjehnliche Laudſchenkung, mit der Bedingung, daß auch 
dort der Eifenbahnban fofort beginnen follte, Die Yand- 
ſchenlung wurde gnädig acceptirt, man baute einige Meilen 
Erddänme und nivellivte ein Bischen in der Richtung nad) 
Fort Yıma — dann trat wieder Tobdtenftille in San 
Diego ein. 

Die nächte Eifenbahntorporation, welde San Diego 
beglüden wollte, war die „Atlantic und Pacific“ (aud) 
die Bahn des 35. Vreitengrades genannt), die ihre Linie 
von Saint Fonis quer über den Kontinent dorthin bauen 
wollte und auch noch San Francisco als zweiten weftlichen 
Terminus in ihr Programm aufnahm. Ob jene Gefell- 
ſchaft, welche ſich wie alle ihre Vorgänger großartige Yand- 
ſchenlungen von den Vereinigten Staaten zu verichaffen 
wußte, je einen Spaten unter ihrer Flagge in den nord⸗ 
amerifanifcen Kontinent fteden ließ, vermag ich nicht zu 
jagen. Bor einigen Jahren erſchien eine Delegation jener 


Korporation in San Francisco, um von der reichen Gold— 
ftadt die Kleinigkeit von zwanzig Millionen Dollars als 
Subfidie zu borgen. Aber die auf die St. Yonifer Herren 
bejonders mißtrauifchen San Franciscoer wollten nicht mit 
deu gewilnfchten Geld herausriiden, — und fo verlief 
ſchließlich das ganze Projekt wieder im Sande. 

Jetzt ift endlich die „Atchiſon-Topeka- und Santays*- 
Eifenbahn als Retterin von San Diego erſchienen, und 
diesmal heit es: Ernſt gemacht! — Su von Boftoner 
Kapitaliften kontrollirte und über koloſſale Gelbmittel ge— 
bietende Geſellſchaft beichloß ihr Eifenbahnneg, welches be 
reits vom Miffouri iiber Kanſas und Colorado bis nad) 
NeusMerico reichte, bis am den Stillen Dcean auszubehnen 
und namentlich ber bekannten“ „Gentral-PBacific* und der 
von diefer kontrollirten „Southern-Pacific* Konkurrenz zu 
machen. Die Atdifon-Topela- und Santa⸗Fs-Geſellſchaft 
verfchaffte fich die Gerechtſame der felig entichlafenen „At: 
lantic und Pacific“, um ſich das freie Wegerecht nad) dem 
Stillen Meer zu fichern, und dann begann zunächft ber 
großartige Wettlauf mit der fabelhaft ſchnell durch die 
ganze Breite von Arizona oftwärts vordringenden Southern: 
Pacific, um möglichit viel Terrain zu erobern, ehe die Ber: 
bindung diefer beiden Linien ftattfände. 

Californien hatte am 18, Februar 1881 den großen 
Bortheil einer zweiten den ganzen Kontinent überjpannen- 
ben Eifenbahnlinie zu verzeichnen, als die Atchifonbahn mit 
ber Southern Pacific bei der nagelneuen Stadt Deming ?) 
im fildweftlichen New Merico Fühlung nahm. Diesmal 
wurde kein hiftorifcher goldener Nagel, wie einft am 10, 
Mai 1869 bei Promontory am Nordende des großen Salz: 
fees in Utah, in die legte verbindende Eiſenbahnſchiene ein: 
geichlagen, und wie über Nacht lamen die prächtigen neuen 
Waggons, mit den Namen „Atchiſon, Topeka und Santa 
56“ und „Southern Pacific of Arizona* geſchmückt, in die 
Bahnhöfe Californiens hereingerolt, Ohne die herlömm— 
lichen Subjidien aus der vollen Taſche von Ontel Sam 
war das große Werf vollendet worben; denn auch bie fild- 
liche Paciſiebahn wird ganz aus den Privatmitteln der 
Kröfuffe von der Central» Pacific gebaut. Die Atdifons, 
Topela> und Santa⸗ Fo⸗ Eiſenbahn wird jegt als Californiens 
größter Freund angejehen, da fie dem verhaßten Monopol 
der Central Pacific den Krieg erklärt Hat. Wie lange 
diefer Krieg der gigantifchen Rivalen dauern wird, läßt 
ſich natürlich wicht vorausfagen. Ein Kompromiß wird 
wahrſcheinlich über furz oder lang die folge fein, denn die 
Menſchenliebe ift befanntlich die Au Seite aller Millio- 
märe. Es wäre ein halbes Wunder, wenn die Boſtoner 


) Die Entfernung von Kanſas City (16 Miles von Ut- 
chiſon) nad —5 beträgt 1149, die von Deming nah San 
Brancisco 1197 engl. Meilen; aljo von Kanjas ” am Miſ⸗ 
ouriflus nah San Francisco auf der jüblihen Route 2346 

iles. EI Paſo liegt 89 Miles von Deming; die Entfernung 
von San Francisco nah EI Paſo mil der Southern: Pacific: 
Eifenbahn beträgt aljo 1236 engl. Meilen. 


Theodor Kirchhoff: Streifzüge in Süd-Ealifornien. 


Aktionäre der Atchifon -Topeka- und Santa-Fs-Eifenbahn 
hierin eine Ausnahme bildeten und mehr fir das Wohl⸗ 
ergehen der californifchen Farmer und Kauflente als fir 
ihre eigene Taſche forgen wollten. 

Die fübliche Vacifichahn hat bereits EI Paſo palfirt 
und ihr Heer von Eifenbahnarbeitern marfchirt jet quer 
durch Teras bireft auf Galvefton los. Es liegt im Plan 
der Leiter dieſes großartigen Unternehmens, den Weizen: 
handel Ealiforniens über ihre Pinie nach dem Golf zu 
dirigiren und die Agrikulturprodufte diefer Küſte ebenjo 
Schnell nad; Europa zu fchaffen, als die Miffiffippiftaaten 
die ihrigen Uber New Orleans dorthin befördern fünnen. 
Die früher erwähnte Teras- und Pacific-Eifenbahn hat ſich 
auch wieder ermannt, feit fie umter die Kontrolle des bes 
fannten New NMorter Millionär Jay Gould gelangt ift, 
der jene Bahn jest raſch nach El Pafo weiter bauen läßt, 
An jenem Punkte wird ſowohl feine Linie als die Southern: 
Pacific» und die Atchifon-Topefas und Santa-Fe-Bahn mit 
dem Hanptftamm des großartig projeftirten mericanischen 
Eifenbahnneges in Verbindung treten — der von der At: 
hifongefellichaft zu banenden „Mericanifchen Centralbahn“ 
(von El Paſo nad) der Stadt Merico, mit der transfonti- 
mentalen Berbindung Tampico» San Blas — 1513 engl. 
Meilen). Sicherlich hat Gould auch die von San Diego 
an feine Geſellſchaft gemachte Landſchenkung nicht vergeflen 
und wird eines ſchönen Tages dort über Fort Rima (am 
Colorado, 190 Miles von San Diego) mit feinem Arbeis 
terheere eintreffen. Sein Tobfeind ift gegenwärtig die 
Southern Pacific, welche ihre Linie sans fagon durch den 
Land „Grant“ der Teras und Pacific gelegt hat, umd mit 
der er jegt einen Krieg aufs Meſſer führt, um ihr den 
Weiterbau durch Teras zu verbieten, zur rende ber 
Advolaten Amerifas, welche bei diefem Kampfe zwijchen 
dem 20- bis 80fachen Millionär Eroder von der Central 
und Southern Pacific und feinem nicht minder gut fitwirten 
Millionärkollegen Gould von der Teras und Pacific gewiß 
manchen ehrlichen Dollar verdienen werben. 

Mittlerweile baut die Atdyifons, Topela: und Santa- 
Fs⸗Eiſenbahngeſellſchaft ihre Linien mit gewohnter Energie 
weiter von Oſt nad) Welt. Mit einem Zweige ftrebt fie 
in füdweftlicher Richtung dem Hafen Guaymas in Merico 
am Golf von Californien zu; den andern baut fie von 
Albuquerque in Neu» Merico direft weftwärts nach den 
„Reedies* am Colorado — 35 Miles unterhalb Camp 
Mojave — und durch den Gajons (ſprich Kahuhn⸗) Paß 
unter dem Namen „Atlantic und Pacific und „Sous 
thern » California“ - Bahn nad) San Diego, und zwar 
mit der feftausgefprochenen Abficht, ihren Hauptbahnkörper 
auf einer noch nicht beftimmten Route bis nadı San Fran— 
cisco, der Southern Pacific zum Trog, auszudehnen. Auch 
bei San Diego hat die Atchifongefellichaft ihre Bahn— 
arbeiten bereits ernfthaft in Angriff genommen und iſt ent: 
fchlofien, die weftlichite etwa 100 Miles lange Strede von 
dort bis nad) San Bernardino (Cajon-Paß) ſchon bis zu 
Anfang des nüchſten Jahres zu vollenden. 

Nachdem ic im Dbigem dem Leſer im gebrängten Um— 
riffen mit dem alten und neuen gewaltigen Eifenbahnpro- 
jeften und «Bauten, bei welchen San Diego eine fo her 
vorragende Nolle zu fpielen beſtimmt ſcheint, bekannt 
gemadjt habe, wird derſelbe es begreiflich finden, daß id) 
bei einer jüngft im füdlichen Californien von mir unters 
nonmenen längern Neife jene plöglich aus ihrer langjäh- 
rigen Lethargie erwachte Hafenftabt mit in das Programm 
meiner Beobachtungen zu ziehen beſchloß und die Anftren- 
gungen einer zweinndzwanzigftündigen Stagefahrt durch 
eine troftlofe Wuſtenei nicht jchente, um die zukünftige 


171 


Großſtadt und Rivalin San Franciscos nad) eigenem An- 
fchauen kennen zu fernen. 

Am Abend des 1. Juli nahm ich im dem Meinen Land— 
ftädtchen Santa Ana, dem Endpunfte der von Los Angeles 
dorthin führenden 34 Miles langen Eifenbahn, meinen 
Pla in einem nad) San Diego fahrenden fogenannten 
„Schmugwagen“ (mud wagon), eine liebe Erinnerung an 
meine im Jahre 1867 fiber die großen weftlichen Ebenen 
und bie felfengebirge von Kanfas nad) Idaho unternom- 
menen Stagereife von 1500 Meilen). Die Entfernung 
von Santa Ara nad) Sarr Diego beträgt etwa hundert 
englifche Meilen, welche Strede der keineswegs wie eine 
Kourierpoft fahrende — wie geſagt in 22 
Stunden zurüdzulegen pflegt. er Stage: Agent und 
Wirth des Santas Anashotels war von einer im biefen 
Gegenden feltenen Untiebenswitrbigkeit und ſchien es dar— 
auf abgefehen zu haben, mir die Keife durch allerlei Plade- 
reien mit meinem Gepäd von vornherein zu verleiden. Die 
Mahlzeit, welcdye man mir im Santa-AnasHotel auftifchte, 
konnte abfolut nicht fchledjter fein. Als alter Californier, 
der etwas auf den Fulinariichen Ruf des Goldlands hält, 
ärgerte ich mich ganz befonbers tiber die mir hier vorgeſetz⸗ 
ten Schüffeln von verdächtig ausfehendem Fiſch, Fleiſch und 
Gemüfe, mit dem fteinharten warmen Brot als Zugabe, 
welches letzteres in der Form von Granaten gebaden war. 

Endlich war der „Schmutzwagen“, ein mit einem Lein— 
wanddache bededtes Gefährt, welches augenſcheinlich ſchon 
manden Sturm erlebt hatte, reiſefertig. Der finfter dreins 
blidende Kutſcher nahm feinen Play ein und ergriff die 
Zligel zweier verfüimmerter Muftangs, ich klemmte mid 
mit einem Hidalgo und einem Yankee auf den Hinterfig, 
während ein Chimborafjo von Poftfäden den Borderſitz im 
Coupé belegt hatte. Wenn ich behaupten wollte, daß diefe 
Fahrt im „mud wagon* nad) San Diego mir fonderlid) 
behagte, jo müßte ich entſchieden die Unwahrheit jagen, ob: 
gleich meine beiden Neifegefährten recht nette Leute waren. 
Der Hidalgo war ein amerifanifirter Merifaner, deſſen 
Vorfahren aus Gaftilien ftanımten und der jet, nachdem 
er ein bedeutendes Vermögen auf gentile Weife unter die 
Leute gebracht, id) in San Diego niedergelaffen hatte, um 
beim Aufſchwunge ber werdenden Großftadt feine Finanzen 
wieder in die Höhe zu bringen. Der Panfee war ein 
Minenbefiger in San Rafael in Untercalifornien, deſſen 
Geſchäftsintereſſe gleichfalls in San Diego lag, — ein 
weitgereifter und umgänglicer Mann. Won beiden ers 
fuhr ich manche intereffante Aufichlüffe über San Diego, 
die fie mir ohne Rückhalt mittheilten. Offenbar hatten fie 
feine Ahnung von meiner literarifchen SKapacität, fonft 
würden fie ſich wahrjcheinlic, wicht fo im Geſpräch haben 
gehen laſſen und hätten ſich auch ſchwerlich mir gegenüber 
fo viel über den Größenwahnfinn von San Diego und 
beffen problematische Reſſourcen luſtig gemacht, da ihnen 
doch daran gelegen fein mußte, daß nichts Schlechtes über 
jenen Plag von einem durch das Yand ftreichenden Zei— 
tungeffribenten im die Welt hinauspofaunt wilrde. 

Die Bde Gegend, durch welche wir fuhren, fah beim 
blaſſen Mondlicht doppelt troſtlos aus, und felbft der große 
Komet dien wehmithig auf diefes gottverlaffene Yand her: 
abzubliden. Sand, Kaktuffe, fpärlich wachſende vergilbte 
Grasbitfchel, Salbeibitfche und braune nackte Hitgel bildeten 
die Staffage der Yandichaftsfcenerie, in welche nur felten 
ein befcheidenes Städtchen eine kleine Abwechſelung zum 
Beſſern brachte. Nach ſchlaflos durchwachter, ungemüthlich 


1) Siehe meine „Reifebilder und Skizgen aus Amerila“ 
I. Band, 


22* 


172 


kalter Nacht begrüßten wir freudig die neue und warme 
Sonne, welche hinter und ein. überaus prächtiges Gebirge: 
panoranta beleuchtete, Oft warfen wir einen bewundern: 
den Blick zuriid nad) dem ig Bogen der blauen Berge, 
welche ſich von der mächtigen Cucamungo Range in wech— 
felnden Formen bis weit nad) Mexico hinüber ausdehnten. 
Eine Bodenerhebung entzog und leider bald jenes große 
artige Bild, und dann war umd blieb die Gegend vor und 
bis nad) San Diego diefelbe troftlofe Wüſtenei. Daß 
diefer AZukunftsmetropofe ein fo trauriges Hinterland be» 
ſchieden ift, ſchien mir ein böfee Omen für ihren Auf- 
ſchwung zu fein. Uber es wurden ja in anderen ſonſt 
ebenfo öden Diftriften Stübcaliforniens durch Bewäſſerung 
paradiefiiche Landſchaften geihaffen, und wer fonnte willen, 
wie die Gegend zwiichen Santa Ana ımd San Diego in 
100 Jahren ausfehen wilrde, und ob jie nicht, vielleicht 
durch arteftsche Brummen, auch noch in ein irdiſches Para» 
dies verwandelt werden könnte? Dies war eine prophes 
tijche Aeußerung des Gaftilianers, flir deren Zutreffen ich 
mir feine Garantie zu geben erlauben möchte; ich will aber 
doc) jagen, daß mid) eine foldye Ummandlung diefes Hinter 
landes von San Diego zum Beflern fehr wundern wirde, 
falls id) nad) einem hundertjährigen Schläfchen wieder er— 
wachen und alädann vielleicht in einem Palaftwaggon per 
Dampf ftatt im einem beſcheidenen „Schmutzwagen“ mit 
zwei elenden Kleppern von Santa Ana City nad) der großen 
Metropole San Diego kutſchiren follte. 

Als wir am Vormittage die Heine Ortſchaft St. Luis 
Rey pafjirten, erhielten wir am Telegraphenburcau die erfte 
Nachricht von dem Mordanfall auf ben Präſidenten Garfield, 
weldye Schredensthat faft um diefelbe Stunde (die Zeit 
differenz zwifchen Wafhington und St. Luis Rey beträgt 
etwa drei Stunden) mehr als dreitaufend Meilen von hier 
ftattgefunden hatte. Furwahr, wir leben in einer Zeit, wo 
Entfernungen nur noch Zahlen fi